The Bad Batch

ZURÜCK IN DIE KOMFORTZONE?

7,5/10

 

thebadbatch© 2017 Netflix / Darren Michaels, S.M.P.S.P.

 

LAND: USA 2017

REGIE: ANA LILY AMIRPOUR

CAST: SUKI WATERHOUSE, JASON MOMOA, GIOVANNI RIBISI, KEEANU REEVES, JIM CARREY, DIEGO LUNA, YOLONDA ROSS U. A. 

LÄNGE: 2 STD 59 MIN

 

Als absolutes No-Go, also für Homo sapiens, ist der Verzehr seiner eigenen Spezies. Das wird niemals salon- oder gesellschaftsfähig werden, dafür haben Karnivoren genug andere Quellen, um sich zu bedienen. Ausnahmefälle gibt es. Mir fällt hier sofort der 90er-Katastrophenfilm Überleben! von Frank Marshall ein: eine Footballmannschaft stürzt mit dem Flugzeug in den Anden ab. Hätten die im Schnee liegenden Leichen nicht die notwendige Energie geliefert, wären vermutlich alle gestorben. In der amerikanischen Wüste im Süden von Texas kann es neuerdings passieren, dass umherstreunende Menschen zum kulinarischen Freiwild werden. Warum? Weil in Ana Lily Amirpours Vision einer nahen Zukunft Problemfälle der Vereinigten Staaten von Amerika kurzerhand verbannt werden. Da gibt es einen Zaun, und jenseits des Zaunes existiert kein Gesetz mehr. Niemandsland also. Der jungen Arlen passiert genau das. Sie muss sehen, wo sie bleibt, unter sengender Sonne und eben gejagt von Kannibalen. Gut, manche werden jetzt sagen: The Bad Batch ist vermutlich sicher so ein Horrorslasher mit ganz viel Blut, Gore und verstörenden Bildern. Überraschenderweise ist dieser Film, der so klingt wie astreiner Splatter, zwar manchmal leicht verstörend, aber im Großen und Ganzen überhaupt nicht das, wofür man ihn hält. Es kommt immer darauf an, wie ein Tabuthema wie dieses dargestellt wird. Und auch: in welchem Kontext die Schlachtplatte serviert wird, die zum Glück eben keine ist.

Was Amirpour hier entwirft, ist eine Gesellschaft, die sich, auf ihre Werkeinstellung zurückgeworfen, neu zu organisieren versucht. Da bleibt Kannibalismus die bequemste Methode, um an Nahrung zu gelangen, denn in der Wüste wächst und lebt sonst nichts. Da stellt sich die Frage: wirklich nicht? Den Hintern bekommen die Gestrandeten nicht hoch, es ist ihre Bequemlichkeit, die sie zu Monstern macht. Betrachtet man die Fähigkeit des Menschen, aus dem Nichts heraus einen ganzen Planeten beherrscht zu haben, erscheint das Kentern der traurigen Filmfiguren als ein Schatten dieser Erfolgsstory. Die Abwesenheit von proaktivem Überlebenswillen zaubert so manchen Machtnutzer auf die Bühne, das Fußvolk blickt auf, lässt sich bezirzen und beschallen, an einem Ort namens Comfort. Diese Bequemlichkeit birgt das Ende der Selbstbestimmung und öffnet Tür und Tor für Manipulation. Der angestrebte Traum einer besseren Welt ist wie die Dauerberieselung billiger Fernsehshows, selbst die Statue of Liberty geistert durch eine stagnierende Unbeholfenheit. Aber es wäre nicht ein zutiefst menschlicher Film, ein zutiefst wertesuchender ebenso, wenn unsere Heldin nicht mit wütender Kraft und trotz schwerwiegenden körperlichen Handicaps diese verlorengegangenen Skills finden möchte.

The Bad Batch ist überdies ein enorm körperlicher Film. Die brutalen Szenen der „Fleichverwertung“ sind nie explizit zu sehen. Der Verlust der Extremitäten ist der Verlust von Selbstbestimmung. Der Verzehr ebensolcher im Prinzip das gleiche. Amirpours Film ist ein bemerkenswertes Kunstwerk. Sehr lakonisch, mit staubtrockenem Humor verfeinert. Die teils surreale Bildsprache (vor allem der gigantische, leuchtende Ghettoblaster), so manch ungewöhnlicher Auftritt bekannter Stars und ein eingängiger Sampler erzeugen eine rätselhafte Stimmung, die zwischen Pop Art und filzigem Italowestern einen sonderbaren Umweg einschlägt, um das zu erreichen, was als ungenutztes Potenzial ohnehin schon die ganze Zeit da war.

The Bad Batch

Bullet Head

KNURR MIR DAS LIED VOM TOD

5,5/10

 

bullet-head© 2018 Splendid Film

 

LAND: USA, BULGARIEN 2017

BUCH & REGIE: PAUL SOLET

CAST: ADRIEN BRODY, JOHN MALKOVICH, RORY CULKIN, ANTONIO BANDERAS U. A. 

LÄNGE: 1 STD 33 MIN

 

„Das letzte, was du in deinem Leben sehen wirst, ist ein Hund.“ So oder ähnlich könnte der zwecks Werbewirksamkeit beigefügte Untertitel dieses Films lauten. Das kann man entweder so verstehen, indem der treue Vierbeiner bis zum Lebensende seiner Bezugsperson die Zeitung bringt. Oder man betrachtet es auf eine Weise, in welcher der Vierbeiner auf einen selbst nicht mehr gut zu sprechen ist. So ein Missmut hat Konsequenzen. Hunde lassen nämlich nicht ewig auf ihrer feuchten Schnüffelnase herumtanzen. Irgendwann reißt ihnen der Maulkorb – und dann gibt’s kein Entkommen.

In der ungarischen Hunde-Dystopie Underdog hatten sich unter der Regie von Kornél Mandruzcó mehr oder weniger alle Budapester Vierbeiner zusammengerottet, um Herrchen und Frauchen vom Angesicht der pannonischen Tiefebene zu tilgen. In der bulgarisch-amerikanischen Koproduktion Bullet Head von Paul Solet ist die Meute deutlich kleiner, also genaugenommen nur einer – dafür aber schürt dieser ordentlich die verdrängte Kynophobie, die durch die Einschränkung des Schauplatzes auf eine verlassene Lagerhalle noch verstärkt wird. Dort nämlich suchen nach einem versemmelten Bankraub drei Ganoven Deckung vor der Exekutive. Was sie nicht wissen: genau hier, irgendwo zwischen der veralteten Industrieeinrichtung, treibt ein Kampfhund sein Unwesen -– und zwar einer, der aufgrund massiver Blessuren bereits den Gnadenschuss erhalten hat. Ein „Revenant“ sozusagen, für den der MEnsch natürlich ab sofort ein rotes Tuch ist. Der erste, sein Henker, hat schon mal ins Gras beißen dürfen. Es folgen die anderen drei, die gar nicht wissen, wie ihnen geschieht.

Ohne Hunde-Komponente wäre dieser Film nichts wert. Und das trotz einem kleinen Staraufgebot. Oscar-Preisträger Adrien Brody mit Strickmütze blickt durch verschmierte Fenster, John Malkovich ist souverän wie eh und je und letzten Endes darf auch noch ein stoischer Antonio Banderas seiner späten Redseligkeit zum Opfer fallen. Interessant bei diesem kleinen Thriller ist vor allem, wie Solet die Beziehung Mensch-Hund in seine hemdsärmelige Gaunerballade einflechtet, die eigentlich nur als Grundlage für hündische Anekdoten fungiert. Brody & Co wühlen also in der Vergangenheit, während die titelgebende Bestie alles andere, nur nicht spielen will. Paul Solet hätte den Film vielleicht gar nicht geschrieben, gäbe es nicht vielleicht gar autobiographische Züge in seinem Werk.

Bullet Head ist ein Hundefilm, anders funktioniert er nicht. Mit dieser teils verplauderten, teils grimmigen Liebeserklärung an das haustierliche Subgenre erhält dieses durchaus akzeptablen Zuwachs.

Bullet Head

First Reformed

MÄRTYRER VON HEUTE

6/10


first_reformed© 2017 A24


LAND: USA 2017

BUCH & REGIE: PAUL SCHRADER

CAST: ETHAN HAWKE, AMANDA SEYFRIED, MICHAEL GASTON, VICTORIA HILL, PHILIP ETTINGER, CEDRIC THE ENTERTAINER U. A. 

LÄNGE: 1 STD 48 MIN


So kann es einfach nicht weitergehen. Nicht auf diese Weise. Der Mensch an sich ist die Geißel seines eigenen Planeten, alles richtet er zugrunde. Verkommen bis ins Mark, egoistisch, fahrlässig. Angesichts dieser verheerenden Umstände haben sich Leute wie Travis Bickle aufgerafft, zumindest für eine Nacht ihren Harnisch anzulegen und gegen die Verdammnis zu kämpfen. Bickles Kampf ist in die Filmgeschichte eingegangen: Taxi Driver. Geschrieben hat diese finstere Großstadtballade Paul Schrader – die Zeitschrift cinema lieferte hier in einer ihrer letzten Ausgaben ein spannendes Making Of zum Film. Jahrzehnte später hat Schrader auch Regie geführt – und zwar nicht in einer Neuauflage seines Buches, sondern in einem ganz anderen, aber recht themenverwandten Film, der die Institution Kirche gleich mit ins Gebet nimmt.

First Reformed ist genauso wenig wie Taxi Driver ein Beitrag für entspanntes Entertainment, um mal die ganze deprimierende Weltlage um sich herum zu vergessen. First Reformed sichtet man, wenn man genau das nicht vergessen will, und vielleicht motiviert genug ist, sich zumindest aus dem Verhalten der Charaktere in diesem Film Inspiration zur Veränderung zu holen. Was kann ich also tun, um dieser prekären Lage Herr zu werden? Resignieren, den Kummer im Alkohol ertränken – oder rausgehen und kämpfen? Ethan Hawke als spät berufener Priester einer ganz speziellen Gemeinde im Osten der USA versucht sich in diesem wirklich wenig erbaulichen Werk an beidem. Und wer Ethan Hawke und sein Oeuvre kennt, wird wissen: der ehemalige Before Sunrise-Star stemmt natürlich auch diese Rolle mit grüblerischer Intensität.

Hawke verkörpert einen Geistlichen, wirkend in der touristisch nicht uninteressanten Sehenswürdigkeit von Kirche, die als erste reformierte der neuen Welt gilt. Besucher kommen und gehen, lassen sich vom Pastor durch die historischen Highlights führen. Zum Gottesdienst findet sich maximal eine Handvoll Betwilliger ein, der Glaube an eine übergeordnete Entität scheint von gestern zu sein. Zwischen diesen Gottesdiensten trauert der Mann um seinen im Krieg gefallenen Sohn, steht vor den Trümmern einer frühen Ehe und muss auch noch den recht deprimierenden Worten eines Umweltaktivisten lauschen, der die Hoffnung für schlichtweg alles längst aufgegeben hat. Die Folge ist: dieser jemand bringt sich um, zurück bleibt die Ehefrau (Amanda Seyfried) und ein ungeborenes Kind. Dieser Suizidfall lässt den Priester nicht mehr los, er geht den Auslösern dieser Tat nach – uns stößt auf vernichtende Fakten, welche die Sinnhaftigkeit seines Tuns als Seelsorger in Zweifel ziehen.

Paul Schrader filmt in strengem 4:3-Format, seine Bilder sind düster und schmucklos komponiert, drinnen wie draußen herrscht kalter, verregneter, ein in schmutzigen Farben getauchter Spätherbst. Die Zuversicht spielt in einem anderen Film, auch wenn zwischen Hawke und Seyfried so etwas wie der Versuch einer gegenseitigen Erbauung zu erahnen ist. Letzten Endes ist es fast schon katharischer, finsterer Haunted House-Nihilismus, der einen Ausweg aus allem verspricht, der aber genauso wenig zur Lage der Menschheit beitragen würde wie ein Suizid.

Taxi Driver hatte hier noch einen Funken ritterlichen Glaubens wie das märchenhafte Befreien einer zur Schlachtbank geführten Prinzessin – in First Reformed dreht Schrader mitunter den Spieß um. Der Zweck heiligt längst nicht mehr die Mittel. Die einzige Medizin bleibt die Liebe. Der Weg, den Schrader bis dorthin geht, führt allerdings durch den Dornwald. Umwege gibt’s keine.

First Reformed

What did Jack do?

COFFEE-BREAK MIT EINEM AFFEN

7/10


whatdidjackdo© 2020 Netflix


LAND: USA 2017

BUCH UND REGIE: DAVID LYNCH

CAST: DAVID LYNCH, EMILY STOFLE, EIN AFFE, EIN HUHN

LÄNGE: 17 MIN

 


Letztes Jahr lief in der Budapester Kunsthalle eine Ausstellung mit Werken von David Lynch. Ich hatte das Glück, zufällig dort zu sein. Betreten konnte man diesen Ort des Geschehens und Sehens durch das uns allen bekannte Traumportal aus Twin Peaks – schwarzweißer Zickzackboden, rote Vorhänge. Dahinter: allerlei Irritierendes. Fernab seines filmischen Schaffens und andererseits auch wieder eng verbunden waren dort photographische Collagen und andere künstlerische Objekte zu sehen. Wenn man Lynchs frühen Filme, insbesondere Eraserhead, bereits erlebt hat, lässt sich ungefähr vorstellen, was diese Werkschau, die meines Erachtens leider viel zu bescheiden war, beinhaltet hat. Das Resümee: Lynch ist ein Meister der Modulation, der seine Versatzstücke stets neu arrangiert, sich eines klar definierten Vokabulars merkwürdiger Objekte und Zustände bedient, die immer wiederkehren, so wie die Dunkelheit, der Kaffee, das unscharfe Etwas, süßlicher Gesang und das beklemmende Draußen, das man eigentlich gar nicht betreten will, aber man muss eben durch, wie durch das finstere Zimmer in einem Traum. Eraserhead ist auch der Film, der David Lynch am schönsten charakterisiert. Oder aber auch seine erst kürzlich auf Netflix veröffentlichte Fingerübung What did Jack do?, die sich bestens dafür geeignet hätte, diese Galerie des Absurden zu ergänzen.

Gerade mal 17 Minuten dauert David Lynchs Werk, streng gehalten in waberndem Schwarzweiß. Wir sehen eine Kammer mit Fenster, dahinter den kalten Stahl eines Bahnsteigs. Ein Tisch, zwei Stühle, links sitzt ein Kapuzineraffe, von rechts schiebt sich ein übergroßer David Lynch ins Bild. Der Affe ist zum Verhör geladen, denn er wird des Mordes verdächtigt. Lynch beginnt zu fragen, der Affe stellt Gegenfragen. Namen ohne Bezug poppen auf, irgendwann wird klar, dass Jack – also der Affe – eine Liaison mit einem Huhn eingegangen war. Die Dialoge sind absurd, so absurd wie der Titel seines Filmstudios – Absurda. What did Jack do? ist eine Wachtraumepisode im Halbschlaf, zwischen kafkaesker Primatisierung menschlicher Zurechnungsfähigkeit und den grotesken Fabelpossen eines manchmal auch recht subversiven Kinderbuchzeichners namens Janosch. Gespenstisch dabei die nicht sofort ersichtliche Verzerrung des äffischen Antlitzes, der statt eines Mauls einen menschlichen Mund besitzt. Das ist bewusst grob montiert, wie David Lynchs Fotografien, dabei besitzt sein Film im Gegenzug zu seinen Albtraumwelten sogar etwas wie den zynischen Humor aus dem Genre eines Film Noir.

David Lynch ist eine eigene Erfahrung. Weder Horror noch Krimi noch sonst was. Lynch lässt sich nirgends einordnen, schafft geradezu ein eigenes Genre. Mit diesem Werk anlässlich seines Geburtstages zeigt seine bizzare Conference wieder ganz genau, was alles hinter dem Sichtbaren steckt. Da ist etwas, das ist nicht zu fassen und zu erklären. Fühlt sich unbehaglich an und gleichzeitig wie eine kryptische Botschaft, die sich mitteilen will. Eine Märchenwelt des Unbehagens, eine Halbfabel im Industrial Design. Diese 17 Minuten, die sollte man erübrigen, um einer Anderswelt zu begegnen, die zwar keinen Sinn ergibt, der aber eine ganz eigene schräge Grammatik innewohnt.

What did Jack do?

Edison – Ein Leben voller Licht

HELL IN DER BIRNE

5/10

 

DSC03764.ARW© 2020 Filmladen Filmverleih

 

LAND: USA, GROSSBRITANNIEN, RUSSLAND 2017

REGIE: ALFONSO GOMEZ-REJON

CAST: BENEDICT CUMBERBATCH, MICHAEL SHANNON, TOM HOLLAND, NICHOLAS HOULT, KATHERINE WATERSTON, OLIVER POWELL, NANCY CRANE U. A.

 

Koryphäen der Wissenschaft – so könnte man den Trend rund um Geistesriesen des Industriezeitalters bezeichnen, welchen das Kino derzeit mit etwas mehr Nachdruck als sonst verfolgt. Marie Curie – Elemente des Lebens läuft derzeit auch in unseren Lichtspielhäusern, später dann soll noch Tesla mit Ethan Hawke folgen. Und das waren sicher nicht die letzten. Thomas Alva Edison war auch so ein Anstupser des menschlichen Fortschritts, einer mit ordentlich Grips in der Birne und mit ganz viel Licht in selbiger, allerdings auf dem Prinzip des Gleichstroms. Man braucht nicht glauben, dass zur damaligen Zeit nur Edison alleine der Heilsbringer für den technologischen Boom des Menschen war, da gab’s auch noch andere. Der eben erwähnte Futurist Nikola Tesla zum Beispiel, der allerlei Visionen hatte, und der Industrielle George Westinghouse, der das Prinzip der Glühbirne weiterführte, allerdings mit Wechselstrom hantierte und somit auch größere Gebiete der vereinigten Staaten mit Licht von der Leitung versorgen konnte. Edison sieht sich natürlich seiner Ideen beraubt und zieht gegen seinen Konkurrenten zu Felde – allerdings wird ihm das nicht viel bringen. Womit Edison im Eigentlichen zu Weltruhm gelangte, das sei seinem ausgeprägten Sinn für Marketing zu verdanken, und einem Hang zur Volksnähe, den all die anderen nie wirklich entwickeln konnten, am Allerwenigsten Tesla, ein blitzgescheiter, aber nerdiger schräger Kauz, der fast schon als Vorbild für Sheldon Cooper aus der Big Bang Theory gelten kann, zumindest was die Interpretation Nicholas Hoults in Alfonso Gomez-Rejons Film betrifft. Ihm gegenüber: Benedict Cumberbatch als derjenige, der bei Assoziativfragen zur Elektrizität womöglich als erster fällt: Thomas Alva Edison. Strenger Denker, ruheloser Erfinder, Superhirn, Geschäftsmann. Im privaten Schlepptau: zwei Kinder, eine Frau. Um Edison selbst handelt der Spielfilm, der bereits 2017 abgedreht wurde und aufgrund von Studiofusionierungen längere Zeit in der Schublade verschwand, nur peripher. Es ist die Geschichte eines Triumvirats von Amerikas technisch-utopischer Elite, die weder miteinander noch ohneeinander konnte.

Die frei nach geschichtlichen Eckpunkten zusammengetragene Dreifach-Biopic (obwohl Tesla entschieden zu kurz kommt, Westinghouse aber die meiste Spielzeit hat) will prinzipiell mal gar keine Studie über Edison himself sein – im Original trägt der Film den Titel The Current War. Kurz: der Stromkrieg – wofür Gomes-Rejon denn knallroten Teppich für die Creme de la Creme des Ausstattungskino ausrollt. Edison – Ein Leben voller Licht besticht weniger durch die reichlich trockene Angelegenheit von Industriegeschichte, sondern viel mehr durch einen üppigen Bilderreigen an Interieur und Kostümen. Mit krassen Weitwinkel-Takes, die an Terrence Malick oder Stanley Kubrick erinnern, fängt der Geschichtsfilm Popup-Bilder ein, die feines Schauvergnügen versprechen. Ein Who is Who namhafter Stars findet sich ebenfalls ein, um dem Stromkrieg ordentlich Volt zu verpassen. Die Energie allerdings macht sich aber maximal erst auf der quartalsmäßigen Stromrechnung bemerkbar. Das Schlammcatchen dreier Fachgenies fällt erstens viel handzahmer aus als gedacht, da kann man noch so viel dramaturgischen Füllstoff dazu erfinden, und zweitens sind die vielen Treffen fein gekleideter Herren in Fabriken, Salons und tapezierten Waggons irgendwann ermüdend. Cumberbatch variiert seinen Charakter nur selten, auch Michael Shannon bleibt ein geschmackvolles Gemälde inmitten der noblen Atmosphäre eines technischen Museums mit allerlei Dingen, die man zuhause nicht hat und für die man gerne in den öffentlichen Schauraum geht. Die interessanteste und auch relevanteste Anekdote ist wohl die über die Entstehung des elektrischen Stuhls als „humane“ Tötungsmethode. Sonst aber freut man sich im Nachhinein, seine Volkshochschulkenntnisse über Elektrotechnik nochmal aufgefrischt zu haben – viel mehr bleibt allerdings nicht.

Edison – Ein Leben voller Licht

Grenzenlos

CRASH TEST DUMMIES FÜR DIE FERNBEZIEHUNG

5/10

 

grenzenlos© 2000-2018 Warner Bros.

 

ORIGINALTITEL: SUBMERGENCE

LAND: USA, DEUTSCHLAND, FRANKREICH, SPANIEN 2017

REGIE: WIM WENDERS

CAST: ALICIA VIKANDER, JAMES MCAVOY, ALEXANDER SIDDIG, CELYN JONES, REDA KATEB U. A.

 

In einer Beziehung sollte von vornherein klar sein, was der oder die eine von der oder dem anderen zu erwarten kann. Was für Ambitionen den jeweils anderen antreibt, welche Ziele im Fokus liegen. Im Idealfall unterstützt man sich da gegenseitig. Oder ist zu Kompromissen bereit. Oder aber alles bleibt beim Alten, und Menschen fürs Extreme kehren nach trauter Zweisamkeit am Urlaubsort dorthin zurück, von wo sie hergekommen sind, mit der Probe aufs Exempel für die Fernbeziehung. In vorliegender Romanadaption von Wim Wenders ist genau das der Fall. Alicia Vikander spielt eine erfolgreiche Wissenschaftlerin, die den Geheimnissen der Tiefsee auf den Grund gehen und noch unbekannte Parameter des Lebens dokumentieren will. James McAvoy gibt einen Undercover-Agenten, der Terrorgruppen in Afrika auf den Zahn fühlt. Beide Leben sind eigentlich solche, die, um andere schadlos zu halten, im Idealfall alleine geführt werden sollten. Platz für dauerhafte Beziehungen und Familie sieht das keinen vor. Doch davon wollen Vikander und McAvoy nichts wissen. Sie lernen sich an der französischen Atlantikküste kennen und lieben. Schlendern den Strand entlang, tauchen ein ins kühle Nass, erfragen das Leben des anderen. Mitunter im vertrauten, philosophisch orientierten Wim Wenders-Stil, zum Beispiel wenn handelnde Gestalten sich bedeutungsvoll expositionieren oder Gedanken aus dem Off hörbar sind. Der Location-Scout hat dabei ganze Arbeit geleistet. Die Küste der Bretagne mit ihren Bunker-Ruinen aus dem Weltkrieg haben etwas passend Surreales. Nach diesen gemeinsamen Tagen aber gehen Frau und Mann wieder auseinander, um dort weiterzumachen, wo sie aufgehört haben. An ihren jeweils eigenen Grenzwall des Machbaren – und wagen, jeder für sich, einen Schritt darüber hinaus. Biologin Danielle grundelt in der Tiefsee um schwarze Raucher herum, Agent James vegetiert im somalischen Kerker. Diese Grenzerfahrung im Tun – eine Gemeinsamkeit, auf die sich eine Beziehung begründen kann? Vielleicht ja. Wenn schon Extreme, dann auch in der Liebe. Oder ist eine solche ohne physische Nähe denn überhaupt möglich? Oder gar notwendig?

Grenzenlos (im Original Submergence, was soviel heisst wie „Untertauchen“) ist trotz einiger stilistischer Erkennungsmerkmale ein relativ untypischer Wim Wenders-Film. Im Normalfall ist der Deutsche ein Autorenfilmer, der auch schreibt, was er inszeniert. Bei Grenzenlos könnte es sich um eine klassische Auftragsarbeit gehandelt haben. Inszeniert ist das Ganze relativ routiniert. Schauspielerisch ebenso. Größtes Problem an der Sache: Vikander und McAvoy sollten ineinander verliebt sein – der Glaube daran hält sich wacker. Es gibt Filmpaare, da sprüht der Funken vor der Kamera, dass es eine Freude ist. In Grenzenlos aber bleibt die Annäherung seltsam unterkühlt, fast schon mechanischer Natur. Die kolportierte Intensität dieser Beziehung bleibt für mich kaum nachvollziehbar. Anbetracht dieser darzustellenden Charaktere kein Wunder: In Grenzenlos sind beide für sich losgelöste Trabanten, die sich vielleicht mal auf ihrer Flugbahn nahegekommen sind, sonst aber um sich selbst rotieren und ihre eigenen Widrigkeiten mit sich ziehen. Die einer Bestimmung folgen, die nicht teilbar oder übertragbar ist. Ein Liebesfilm über Einzelgänger? Ein interessanter Versuch, der aber kaum mehr als schmachtende Lippenbekenntnisse hervorbringt.

Grenzenlos

Killing Gunther

VOM FÄLLEN DER STEIRISCHEN EICHE

4,5/10

 

killinggunther© 2017 Splendid Film GmbH

 

LAND: USA 2017

REGIE: TARAN KILLAM

CAST: TARAN KILLAM, ARNOLD SCHWARZENEGGER, COBIE SMULDERS, KUMAIL NANJIANI, BOBBY MOYNIHAN, RANDALL PARK, HANNAH SIMONE U. A. 

 

Manchmal ist einer dem anderen ein Dorn im Auge. Wirtschaftlich gesehen ist das die Konkurrenz. Die kann man leicht ausstechen, wenn man unlauteren Wettbewerb wählt, was nicht so gern gesehen wird. In der Gilde der Auftragskiller allerdings schon. Und ich meine damit nicht John Wick, der sich der Meute, die ihm ans Leder will, ja fast schon nicht mehr erwehren kann. Keane Reeves kämpft da verbissen um seinen Marktvorteil. Oder besser gesagt: ums Monopol. John Wick ist aus der Sicht des Gejagten erzählt. Es lässt sich das Konzept aber auch umdrehen. Man könnte das Ganze auch aus der Sicht der Meute erzählen. Und man könnte daraus gleich eine Mockumentary machen – was How I Met your Mother-Star Taran Killam (kann mich selbst nicht an den Auftritt des Typen erinnern) in seinem Regiedebüt dann auch getan hat. Das triviale Werk heißt Killing Gunther, war schon 2017 so gut wie abgedreht und schämt sich wirklich kein bisschen dafür, nichts sonst zu Wege zu bringen, außer auf Spielfilmlänge herumzualbern.

Nichts gegen Albernheiten. Es kann beim Film auch mal durchaus hohl einhergehen, es muss nicht immer das Gewissen in uns über dieses und jenes nachdenken. Deadpool zum Beispiel ist auch wahnsinnig albern, und sonst ist nichts dahinter. Funktioniert aber, weil knackig genug in Szene gesetzt. Wirklich voll Banane waren die Filme von Abrahams und Zucker – Top Secret oder Die nackte Kanone. Humor, der wehtut, aber was willst du machen gegen Kult? Killing Gunther hat da fast schon mehr Niveau, weil er sich eines Stils bedient, aus dem man prinzipiell einiges an Schmackes allein schon wegen der Parameter dokumentarischen Filmens herausholen kann. Das gilt auch für eine Mockumentary. Um diesen Gunther, diese John Wick-Parodie, von dem keiner weiß wie er aussieht, wo er wohnt, wie man an ihn rankommt etc., um diesen Gunther also, diesen Alleskönner, zu beseitigen, raufen sich die unterschiedlichsten Todesengel, vom Giftmischer bis zum Bombenleger, zusammen – und heuern auch noch ein risikobereites Filmteam an, um das Unterfangen zu dokumentieren. Was klar ist – Gunther ist dieser Handvoll Idioten stets eine Nasenlänge voraus. Was noch über jeden Zweifel erhaben ist, also für uns Konsumenten: Gunther ist Arnold Schwarzenegger.

Wie hat Taran Killam, Gatte von der ebenfalls durch HIMYM berühmt gewordenen Cobie Smulders (die hier in diesem Reality-Klamauk auch noch mitwirkt) das geschafft? Arnold Schwarzenegger ins Boot zu holen? Jedenfalls ist die steirische Eiche schon so sehr am Ende seiner filmischen Karriere (die er eigentlich mit Terminator: Dark Fate auf solide Art an den Nagel gehängt hat), womit völlig egal ist, zu welchen Metern Film er sich sonst noch überreden lässt. Was der Zuseher auch wissen sollte, ohne zur Halbzeit herumzugranteln: In diesem astreinen Guilty Pleasure hat der Ex-Governator erst relativ spät seine große Stunde. Dafür aber gibt’s dann kein Halten mehr, was Peinlichkeiten anbelangt. Diese Rolle des Gunther, die war ihm sichtlich ein Vergnügen. Da konnte er alles oder zumindest vieles hineinbuttern, was ihm Zeit seines Glamourlebens Spaß gemacht hat und immer noch tut, ohne jede Reue: Zigarren rauchen, ordentlich ballern und verdreschen, sein komödiantisches Talent (mitunter in Frauenkleidern) nochmal durchtesten oder einfach in die Lederhose schlüpfen. Arnie macht alles, und auch Dinge, die er nicht hätte tun sollen, wie zum Beispiel singen. Das kann man natürlich bis zur gefühlten Selbstgeisselung aussitzen, wenn der Abspann auch noch über den Screen soll. Ist dem so, dann wenigstens ordentlich laut aufdrehen 😉

Killing Gunther

The Promise

DIE EPIK EINES GENOZIDS

6,5/10

 

thepromise© capelight pictures 2004-2017

 

LAND: USA, SPANIEN 2017

REGIE: TERRY GEORGE

CAST: OSCAR ISAAC, CHRISTIAN BALE, CHARLOTTE LE BON, ANGELA SARAFYAN, TOM HOLLANDER, JAMES CROMWELL, JEAN RENO U. A. 

 

18 Jahre nach den Ereignissen im damaligen Osmanischen Reich hat der begnadete Schriftsteller Franz Werfel 1933 einen epischen Roman verfasst, welcher an den Widerstand der Armenier gegen die Türken am Berg Musa Dagh im September 1915 erinnert. Damals, nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs, hatte das osmanische Komitee für Einheit und Fortschritt – welcher Zynismus! – nichts anderes zu tun gehabt, als das Volk der Armenier zu vertreiben und massenhaft zu töten. Ein Völkermord, wie er im Schwarzbuch steht. Fast hätte ich vermutet, vorliegendes Werk ist Werfels Tausendseiter im Filmformat. Falsch gedacht – der irische, politisch motivierte Regisseur Terry George, der 2004 mit Hotel Ruanda bereits einen ganz anderen Genozid zum Thema hatte und die Geschichte eines schwarzafrikanischen Oscar Schindler auf bewegende Weise erzählen konnte, erinnert sich nun an das Genre epischer Monumental- und Cinemascope-Filme wie Vom Winde verweht oder an wuchtige literarische Werke wie Tolstoi´s Krieg und Frieden, um eine fiktive Dreiecksgeschichte zu erzählen, die vor dem Hintergrund der systematischen Auslöschung der Armenier erzählt wird.

The Promise bot schon im Vorfeld, bevor der Film überhaupt noch in den Kinos anlief oder von irgendeinem Publikum gesehen wurde, genug Stoff, um sowohl von den militanten Leugnern als auch von den Verfechtern der Aufklärung hitzig diskutiert zu werden. Da lässt sich wieder mal deutlich erkennen, wie sehr Journalismus menschliches Verhalten beeinflussen kann, vor allem wenn nichts Greifbares zugrundeliegt, sondern nur die Tatsache, dass das Schicksal der Armenier Thema eines Filmes werden wird. Allerdings lockte The Promise auch nach der Premiere nur wenige Menschen ins Kino – das haben womöglich Filme über Minderheiten so an sich. Grausamkeiten von Menschen an Menschen locken anscheinend nur, wenn es fiktiver Horror ist, weniger geschichtliche Tatsache, wobei Terry George alles daransetzt, nicht nur das Grauen in explizit arrangierten Szenen nachzustellen, sondern auch eine prosaische Liebesgeschichte zu erzählen, die von Sehnsucht, Eifersucht, Versprechen und Leidenschaft geprägt ist. Eine durchaus romantische Konstellation theatralischen Ausmaßes erwächst zwischen dem armenischen Medizinstudenten Michael, einem amerikanischen Reporter namens Chris und dessen armenischer, allerdings in Paris aufgewachsener Freundin Ana. Erschwerend hinzu kommt, dass Michael sich unsterblich in Ana verliebt, während daheim in der Provinz die Verlobte mit der Mitgift wartet, die letzten Endes das Studium finanzieren soll. Das alleine wäre schon heikel genug, allerdings von relativ trivialer Natur – wären nicht alle drei Kinder ihrer Zeit, nämlich Zeitzeugen der erstarkenden Endzeit des ersten Weltkriegs. Wie die Hutus in Ruanda haben auch die Osmanen in Kleinasien nur auf das Signal gewartet, um zuzuschlagen. Die Vertreibung der christlichen Armenier soll angeblich in den Wirren eines Krieges untergehen – gäbe es nicht Kriegsberichterstatter wie Chris, angenehm zurückhaltend gespielt von Christian Bale, die über die schändliche Ausnahmepolitik der dortigen Regierung berichten.

Terry George findet mit seinem Kameramann Javier Aguirresarobe und all seinen Ausstattern beeindruckende Bilder aus einer vergangenen Epoche, die sowohl die Schönheit des Landes, den orientalischen Zauber Konstantinopels als auch die Tragödie der Vernichtung in farbintensiven Bildern einfangen. Menschenschlangen ziehen durch die Ödnis, ganz so, wie Fotografien von damals die Verbrechen bezeugen. Die Schlacht am Musa Dagh am Ende des Filmes hat dann schon bibelgleiche Ausmaße. Große Gefühle sind hier nun Thema, das Beklagen der Toten und das Wiederfinden der Geliebten. Historisches Pathos in Reinkultur, professionell inszeniert, auch wenn das Schicksal von „Poe Dameron“ Oscar Isaac gegen Ende vielleicht etwas über die Maßen strapaziert wird.

The Promise lässt sicher nicht kalt, das große Drama packt den Gerechtigkeitssinn, der uns Wohlerzogenen innewohnt, gehörig und schmerzhaft am Schopf. Sehgewohnheiten neu zu definieren ist aber ebensowenig die Absicht des Films wie ein junges Publikum abzuholen – George´s Epos ist ein Zugeständnis an Traditionalisten älteren Semesters. Das ist immerhin noch malerisches, bestens gelerntes Breitwandkino im Stile Spielfilmlängen sprengender Klassiker – und selbst wie aus einem anderen, vergangenen Jahrhundert.

The Promise

Euphoria

STIRB AN EINEM ANDEREN TAG

5/10

 

euphoria© 2018 Wild Bunch

 

LAND: SCHWEDEN, DEUTSCHLAND, GROSSBRITANNIEN 2017

REGIE: LISA LANGSETH

CAST: ALICIA VIKANDER, EVA GREEN, CHARLOTTE RAMPLING, CHARLES DANCE, ADRIAN LESTER U. A.

 

Zum cineastischen Fastenprogramm abseits vom Leben und Sterben Jesu lassen sich natürlich auch Werke zählen, die sich mit Glauben und Kirche auseinandersetzen – und ganz schlicht und ergreifend mit dem Thema Tod, auch wenn der Sensenmann seine eigentlichen Feiertage von Halloween bis Allerseelen hat. Aber macht nichts. Besinnlich darf und kann man diese Woche ja durchaus sein, wenn einem danach verlangt, als Gläubiger oder auch als Agnostiker, das ist ganz gleich. Der Tod ist sowieso konfessionslos und bietet so viel Stoff, da ist für jeden etwas dabei. Wie zum Beispiel ein Film über das sowieso recht brisante und streitbare Thema der Sterbehilfe.

Die gibt’s bei uns nicht, das ist klar. Die gibt’s in der Schweiz, soweit ich weiß. Sterbehilfe ist hierzulande immer noch Mord, egal wie schlecht es dem oder der zu Sterbenden geht. Das eigene Recht auf den Freitod könnte ein Grundrecht sein, könnte Freiheit bis zum Ende bedeuten. Das hat schon Richard Dreyfus in Ist das nicht mein Leben zu Tränen rührend eingefordert. Javier Bardem wollte als vollständig gelähmter Seemann in Das Meer in mir auch nicht mehr weiterleben. Bedürfnisse, die nichts für Zwischendurch sind, und für die man sich erst sammeln muss, um sich das Elementarste im Leben als Fallbeispiel zu Gemüte führen zu wollen. Das schwedisch-britische Sterbedrama Euphoria von Autorenfilmerin Lisa Langseth packt die ganze Thematik in einen abendlichternen Ausflug durchs schwedische Grün eines späten Sommers. Und lässt dabei zwei Schwestern nach langer Abstinenz aufeinander treffen, die sich vieles zu sagen hätten, aber nichts mehr voneinander wissen oder auch wissen wollen. Bis die eine draufkommt, dass die andere todkrank ist – und an einem ominösen Ort der Ruhe inmitten nordischer Wälder nach eigenem Ermessen und nach eigener Bestimmung das Zeitliche segnen will. Wie jetzt? Gerade mal wieder gefunden, schon winkt der Exitus? Alicia Vikander, die eine mäßig erfolgreiche Künstlerin gibt, muss diese vollendeten Tatsachen, vor die sie gestellt wird, erst verdauen. Eva Green, unheilbar an Krebs erkrankt, ist sich ihrer Sache sehr sicher, und versteht die ganze Entrüstung nicht. Erinnerungen von damals poppen auf, das Leid einer Familie von früher wird zur Prüfung beider Seelen, die mit Vorurteilen und Beschuldigungen nur so um sich schmeißen und erst mal lernen müssen, wie gute Kommunikation im Selbsthilfe-Rest einer Familie überhaupt funktioniert.

Der ganze Film erinnert an die existenzialistischen, melancholisch-düsteren Werke, vor allem Spätwerke eines Ingmar Bergmann. Schach mit dem Tod wird hier zwar nicht gespielt, aber das Flanieren im Vorhof zum Paradies wird zur romantischen Akklimatisierung auf das Jenseits. Wenn all die Freitod-Touristen hier durch íhr letztes bisschen Leben schlendern, wenn „Tywin Lennister“ Charles Dance noch einmal groß die Sau rauslässt, ganz im Stile von Klaus Maria Brandauer aus Jedermanns Fest, dann ist die Todessehnsucht keine geringe. Dann wird Euphoria zu einem Märchen für Mieselsüchtige, die ihre letzte Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod verwetten. Oder die letzteres gar nicht brauchen, weil die Stille, die folgt, vielleicht das Erholsamste ist, was man sich vorstellen kann. Charlotte Rampling gibt das Mädchen für alles, was das Klientel der Übergänger noch benötigt. Vom üppigen Frühstück bis zum Glockenläuten, der den nächsten Dead Man Walk für Freiwillige ankündigt.

Euphoria ist trotz seines tröstenden, morbiden Ambientes, trotz seiner Waldesruh in Thomas Mann´scher Manier, in welcher der Tod sein Tässchen Tee trinkt, ein unerquicklich trister Film. Eva Green will partout nicht mehr leiden müssen, und Vikander leidet wegen ihrer Versäumnisse aus frühen Jahren. Das Ganze ist schon sehr viel Kümmernis, sehr viel Selbstmitleid, aber mit kaum Mitleid für die, die sich dem Ende stellen. Letzten Endes werden es nicht alle tun, denn das Leben hat für manche noch die Reboot-Taste parat. Für viele aber ist es der letzte Gang – womit wir wieder bei der Karwoche wären, die Freitags entlang der Via Dolorosa in Richtung Zukunft marschiert. Die Euphorie kommt erst 3 Tage später, wie wir wissen – in Langseths Film eigentlich gar nicht.

Euphoria

Unter dem Sand

DIE DISSONANZ VON SCHULD UND SÜHNE

6/10

 

unterdemsand© 2016 Koch Films GmbH

 

LAND: DÄNEMARK, DEUTSCHLAND 2016

REGIE: MARTIN ZANDVLIET

CAST: ROLAND MØLLER, MIKKEl BOE FØLSGAARD, LOUIS HOFMANN, JOEL BASMAN, LAURA BRO U. A. 

 

Dieser Film wirft kein gutes Licht auf Hamlets ehemaligen Grund und Boden. Es war ja damals, nach Ende des Zweiten Weltkriegs, nicht so, dass Dänemark keine Kriegsgefangenen gemacht hätte. Gerade die Jungen mussten dafür büßen, was Adolf Hitler mit ihrem Land angerichtet hat. Eine kurzsichtige Denkweise, denn gerade den Jungen war überhaupt keine andere Wahl geblieben, als sich indoktrinieren zu lassen und für den Führer zu kämpfen – andernfalls wären sie als Wehrdienstverweigerer hingerichtet worden. Das wohl bekannteste Beispiel: der Fall Jägerstätter. Aber in Dänemark, da heißt es: Vom Regen in die Traufe. Die Schuld der Erwachsenen müssen die Kids von damals, als Bonus zu den traumatischen Erlebnissen aus dem Krieg, noch zusätzlich ausbaden. Wie groß muss der Hass auf die Invasoren wohl gewesen sein, um nicht zu erkennen, dass viele dieser Burschen vermehrt nur aus Angst um das eigene Leben in den Krieg gezogen waren. Dänemarks Racheakt war der, diese Jungen eben nicht einfach heimziehen zu lassen, sondern zur Säuberung der Strände einzusetzen. Die waren natürlich nicht herkömmlich vermüllt, sondern gespickt mit Teller- und sonstigen Minen. Entschärfen muss das die damalige Next Generation – ein russisches Roulette an der Nordsee, unter gebrüllten Befehlen eines herdentreibenden Oberfeldwebels irgendwo im Nirgendwo. Essen gibt´s auch keins, Erniedrigungen dafür umso mehr. Was die Jungs hier mitmachen müssen, ist schwer zu ertragen. Und für den Zuseher ebenfalls kaum auszuhalten.

Es gibt Filme, die sieht man garantiert kein zweites Mal. Unter dem Sand ist so ein Werk. Ein bitteres Drama, das alles ist, nur kein Filmvergnügen. Regisseur Martin Zandvliet setzt hier wahrlich nicht auf Schonung und bringt sein themeninteressiertes Publikum an die Grenze der Belastbarkeit. Polanskis Pianist musste ich, als er im Kino lief, leider vorzeitig abbrechen. Hätte ich Unter dem Sand ebenfalls dort gesehen, hätte ich womöglich ähnliches getan. Ja, tatsächlich, auch wenn völlig unverständlicherweise dieser Film eine Freigabe ab 12 Jahren bekommen hat, ist er doch etwas, wofür es starke Nerven braucht. Zerfetzte Gliedmaßen im Detail sind nur die Spitze des Eisberges, darunter bohrt sich radikale Not in das Bewusstsein des Zusehers: Quälender Hunger, ausweglose Trauer, Selbstmord und Misshandlung. Jeder Tag – ein Wettkriechen mit dem Tod. Zandvliets Film ist bildgewordenes Elend, ein Kreuzweg wider der Vernunft, sich suhlend in üppigem Naturalismus und in den Schreien der Kinder. Verschnaufpausen gibt es schon, dann wogt das goldgelbe Gras des küstennahen Sumpflandes, donnern die Wellen an den Strand, wenn gerade nicht mal eine Mine explodiert. Kurze Momente eines Durchatmens vor der nächsten Quälerei. Was dabei immer stärker wird: die Verbrüderung der verlorenen Jungs, die übermenschliche Macht des Durchhaltens und die Hoffnung aufs Heimkommen. Däne Roland Møller lässt seinen nationalstolzen und verbitterten Feldwebel eine erwartbare Wandlung vollziehen, er lässt ihn trotz aller Vorbehalte vor dem Feind dennoch Mensch sein – und das ist das Menschlichste an diesem Film, der gerade durch das Ausklammern von Humanismus das karge Bisschen umso stärker erstrahlen lässt. Den Kindern – allesamt phantastische Darsteller, die wirklich ihr letztes Hemd verspielen – wird dieser Kern des Guten zum Vorteil gereichen – bei manchen aber wird die Zuversicht aufgrund seelischer Zerrüttung verpuffen.

Was nicht verpufft, ist das ungute, zermürbende Gefühl in der Magengrube. Schockierende Bilder, die sich ins Gedächtnis brennen. Ein Film, so verstörend wie der Anblick eines offenen Bruchs und so schmerzhaft wie ein Schrapnell unter der Haut.

Unter dem Sand