Beckett

GRIECHENLAND SEHEN… UND STERBEN

7/10


beckett© 2021 Netflix


LAND / JAHR: ITALIEN, BRASILIEN, GRIECHENLAND, USA 2021

BUCH / REGIE: FERDINANDO CITO FILOMARINO, NACH DEM ROMAN VON DENNIS ALLAN

CAST: JOHN DAVID WASHINGTON, ALICIA VIKANDER, BOYD HOLBROOK, VICKY KRIEPS U. A. 

LÄNGE: 1 STD 48 MIN


Becketts gibt es viele. Samuel Beckett, der Schriftsteller. Tobias Beckett aus dem Star Wars-Universum. Thomas Becket (nur mit einem t), der ehemalige Erzbischof von Canterbury, verewigt in Jean Anouilhs Klassiker Becket oder die Ehre Gottes. Von Gott scheint in dieser vorliegenden Netflix-Premiere ein ganz neuer, taufrischer Beckett allerdings so ziemlich verlassen zu sein. Denn der ist schlicht und ergreifend zur falschen Zeit am falschen Ort, wobei die Koordinaten gar nicht mal so schlecht gesetzt sind. Schauplatz ist nämlich Griechenland, nicht erst seit STS der Inbegriff von Urlaub und Ausstieg aus der Norm. Wo man gut und gerne mal irgendwann dortbleiben würde, um die Füße in den weißen Sand zu stecken, vorzugsweise mit einer Flasche Rotwein in der Hand (an meine Leser, die den Austropop-Klassiker nicht kennen – Sorry an dieser Stelle). Dieser Beckett, gespielt von John David Washington, ist jedoch weit davon entfernt, sich an den Strand zu setzen. Rund um Athen ist dieser nämlich mit seiner Flamme April (Alicia Vikander) per Auto unterwegs, um in der kühleren Nebensaison eben genau das zu machen, wofür die Griechen nebst Wiege der Antike bekannt sind: Urlaub. Der findet alsbald eine tragische Wendung, als Beckett beim Sekundenschlaf in eine Hauswand kracht. Die Freundin segnet das Zeitliche, Beckett schält sich aus den Trümmern, ruft um Hilfe, sieht Personen im Haus, die eigentlich gar nicht da sein dürften. Als er dies später zu Protokoll gibt, beginnt eigentlich erst der wirkliche Horror – obwohl man meinen könnte, ein Unfall mit Todesfolge bietet schon genug davon. Nein – Beckett soll nämlich, gejagt von Unbekannten, ebenfalls ins Gras beißen. Also ist er auf der Flucht – für den Rest des Films.

Klingt simpel – ist es prinzipiell auch. Ein Mann auf der Flucht ist ein wiederholtes Szenario, birgt aber scheinbar unerschöpfliches Potenzial und endlose Details, mit denen man den eigentlichem Plot ausschmücken kann. Dem Italiener Ferdinando Cito Filomarino waren die Möglichkeiten anscheinend bewusst. Entsprechend rastlos setzt er seinen Star aus Tenet und BlacKkKlansman in Szene, der schließlich auch weiß, dass er als Gehetzter alles geben muss: Blut, Schweiß und Tränen. Und die absolute Erschöpfung. Das macht er dann auch. Er blutet, schwitzt und weint, stets am Rande der Verzweiflung. So desperat haben wir den toughen Amerikaner noch nie gesehen. Und wieder bestätigt sich, was sich bereits bei Tenet offenbart hat: John David Washington wäre der ideale James Bond. Nicht nur, weil er im Anzug und Krawatte das Bild von einem kompetenten Professionisten abgibt, sondern weil er – ob als Flüchtender, Jagender oder Improvisator – einen langen Atem hat. Den braucht man im Geheimdienst ihrer Majestät. Und da sind allerhand Blessuren inbegriffen. Auch die bekommt Washington reichlich. Dennoch schiebt er sich mehr schlecht als recht durch den Karst und durch das Chaos einer von politischen Unruhen heimgesuchten, griechischen Hauptstadt.

Beckett ist ein energischer Europa-Thriller im Stile von Mörderischer Vorsprung mit Sidney Poitier oder den Bourne-Filmen von Paul Greengrass. Die von Mitteleuropäern heißgeliebte Schatzkiste an Inseln und Kultur zeigt uns allerdings bewusst die kalte Schulter. Im Land der Sommersonne ist es stets grau, kalt und voller Wolken. Athen ein Moloch baufälliger Häuser, als wäre man in der dritten Welt. Auch das ist Griechenland, ungefähr so ungeschönt wie in Alexis Sorbas. Da konnte Anthony Quinn zumindest die Stehaufmännchen-Mentalität kreativer heimischer Überlebenskünstler im weltvergessenen Sirtaki-Tanz honorieren. In Beckett tanzt kein Grieche, sondern wettert und protestiert. Der mit der Überlebenskunst ist diesmal ein Amerikaner, der irgendwann mal vom MI6 Post bekommen könnte.

Beckett

The Green Knight

DEN KOPF HINHALTEN

6,5/10


thegreenknight© 2021 24 Bilder


LAND / JAHR: USA, IRLAND 2020

BUCH / REGIE: DAVID LOWERY

CAST: DEV PATEL, ALICIA VIKANDER, JOEL EDGERTON, SEAN HARRIS, SARITA CHOUDHURY, KATE DICKIE, ERIN KELLYMAN, RALPH INESON, BARRY KEOGHAN U. A.

LÄNGE: 2 STD 10 MIN


Fantasy ist trotz des Erfolgs mit Game of Thrones und Herr der Ringe immer noch rar gesät, natürlich aufgrund der Kosten, die so ein Projekt verschlingt. Ausflüge ins Mittelalter sind fast ausschließlich in der Hand eines Ridley Scott (demnächst mit The Last Duel im Kino), wenn nicht gerade Michael Hirst seine Vikings auf die Welt loslässt. Endlich gibt’s hier Nachschub, und endlich mal dreht sich alles wieder um König Artus und die Ritter der Tafelrunde. Von Guy Ritchies Haudrauf-Interpretation des illustren Helden ist nämlich auch nur noch eine vage Erinnerung geblieben. Das könnte sich mit dem Spin-Off eines ganz anderen Recken durchaus ändern, denn die Verfilmung einer mittelalterlichen Romanze rund um Gawain entlockt den Themen unter der Regie eines sehr bemerkenswerten Filmemachers ganz andere Töne. Die Rede ist von David Lowery, ein Feingeist und cineastischer Umdenker. Einer, der Disneys Elliot – Der Drache zur emotional intensiven Familien-Fantasy mit Öko-Botschaft emanzipiert hat. Der Robert Redford Banken ausrauben ließ und in A Ghost Story auf innovative Weise über die Zeit und den Tod philosophiert hat. Es lässt sich erahnen, in welche Richtung Lowery diesmal abdriften wird, ist doch das Genre des Ritterfilms gänzlich neu in seinem Oeuvre. Das Ergebnis ist in Sachen Grünstich dem Fell des Walddrachen Elliot ganz ähnlich, taucht allerdings ganz tief ein in die Sphären von mit Chorklängen erfüllten, steinernen Gewölben, um längst gewohntem Trend den Rücken zu kehren. Hier, in der Finsternis des Mittelalters, trifft „Slumdog Millionaire“ Dev Patel auf den oder das große Unbekannte: auf den magischen, grünen Ritter.

Dabei ist anfangs noch alles so, wie es in einem Film über die Tafelrunde sein zu hat. Es ist Weihnachtstag, alles versammelt sich um den obligaten runden Tisch, der bereits recht alternde Artus spricht zu seinem Gefolge, als sich plötzlich die Tore öffnen und eine berittene Gestalt die traute Runde stört, um einen der Anwesenden zu einem Schlagabtausch herauszufordern. Der Mutige soll seinen Hieb ausführen, in einem Jahr gibt’s dann die Antwort des grünen Ritters auf die gleiche Weise. Noch Nicht-Tafelrundler Gawain, ein trinkfreudiger Taugenichts, zeigt dennoch Mut und schlägt dem Fremden den Kopf ab. Pech für den Jüngling, denn das berüstete Baumwesen zeigt sich unsterblich und zieht sich enthauptet zurück. Was also tun? Gawain will die Abmachung nicht erfüllen, wohl wissend, dass dies seinen Tod bedeutet. Doch das Volk, darunter auch Artus, feiert ihn schon jetzt als mutigen Helden.

Es ist ja nicht so, dass die Legende rund um Gawain noch nie verfilmt wurde. Sean Connery hat sogar mal die Rolle des martialischen Waldschrats übernommen. Nur so, wie die Mythen hier zu neuem Leben erwachen, gab‘s das noch nicht. The Green Knight ist Ritterkino für Intellektuelle und Kunstgenießer, für Museumsbesucher und Minnesang-Afficionados. Lowery schwelgt in nebelverhangenen, herbstlichen Landschaften, das Mystische ist allgegenwärtig – der Sinn manchmal jedoch nicht. Gawains Queste wird zu einer Rittergenese über Schlachtfelder und an ziellos umherwandernden Riesen vorbei. Das Phantastische bleibt vage, die Magie hingegen scheint alles zu durchdringen, erscheint aber auch nie konkret als solche. Vielmehr hängt sie mit Gawains Wahrnehmung und Seelenwelt zusammen, die sichtbar wird. Das gerät manchmal zum Durcheinander aus rätselhaften Andeutungen und aufgeräumten, recht formelhaften Dialogen, die aber sehr darauf bedacht sind, eine altertümliche Sprache zu sprechen, knapp an der Versform vorbei. Vieles geschieht wortlos, kippt in malerisch überhöhten Realismus, wobei die streng komponierte, farblich durchdachte Bildsprache am meisten fasziniert. Lowerys Film erinnert stark an die surrealen Welten des Italieners Matteo Garrone. Seine Filme Pinocchio (2019) oder Das Märchen der Märchen, eine Anthologie barocker Erzählungen, finden einen ähnlichen Stil. Sie sind diffus, transzendent, lakonisch und durchzogen von erdigem Naturalismus. Das ist wunderschön und sinnlich. Aber auch sehr artifiziell, weniger spontan und unnahbar.

The Green Knight lässt etwas ratlos zurück, ist aber unterm Strich sicherlich bemerkenswert. Ein exzentrischer Genuss fürs Auge und fürs Ohr und so theatralisch wie John Boormans Excalibur, nur ohne Carmina Burana. Die Artusepik bleibt hier spartanischer und den Geistern einer moralischen, erzieherischen Natur unterworfen.

The Green Knight

Grenzenlos

CRASH TEST DUMMIES FÜR DIE FERNBEZIEHUNG

5/10

 

grenzenlos© 2000-2018 Warner Bros.

 

ORIGINALTITEL: SUBMERGENCE

LAND: USA, DEUTSCHLAND, FRANKREICH, SPANIEN 2017

REGIE: WIM WENDERS

CAST: ALICIA VIKANDER, JAMES MCAVOY, ALEXANDER SIDDIG, CELYN JONES, REDA KATEB U. A.

 

In einer Beziehung sollte von vornherein klar sein, was der oder die eine von der oder dem anderen zu erwarten kann. Was für Ambitionen den jeweils anderen antreibt, welche Ziele im Fokus liegen. Im Idealfall unterstützt man sich da gegenseitig. Oder ist zu Kompromissen bereit. Oder aber alles bleibt beim Alten, und Menschen fürs Extreme kehren nach trauter Zweisamkeit am Urlaubsort dorthin zurück, von wo sie hergekommen sind, mit der Probe aufs Exempel für die Fernbeziehung. In vorliegender Romanadaption von Wim Wenders ist genau das der Fall. Alicia Vikander spielt eine erfolgreiche Wissenschaftlerin, die den Geheimnissen der Tiefsee auf den Grund gehen und noch unbekannte Parameter des Lebens dokumentieren will. James McAvoy gibt einen Undercover-Agenten, der Terrorgruppen in Afrika auf den Zahn fühlt. Beide Leben sind eigentlich solche, die, um andere schadlos zu halten, im Idealfall alleine geführt werden sollten. Platz für dauerhafte Beziehungen und Familie sieht das keinen vor. Doch davon wollen Vikander und McAvoy nichts wissen. Sie lernen sich an der französischen Atlantikküste kennen und lieben. Schlendern den Strand entlang, tauchen ein ins kühle Nass, erfragen das Leben des anderen. Mitunter im vertrauten, philosophisch orientierten Wim Wenders-Stil, zum Beispiel wenn handelnde Gestalten sich bedeutungsvoll expositionieren oder Gedanken aus dem Off hörbar sind. Der Location-Scout hat dabei ganze Arbeit geleistet. Die Küste der Bretagne mit ihren Bunker-Ruinen aus dem Weltkrieg haben etwas passend Surreales. Nach diesen gemeinsamen Tagen aber gehen Frau und Mann wieder auseinander, um dort weiterzumachen, wo sie aufgehört haben. An ihren jeweils eigenen Grenzwall des Machbaren – und wagen, jeder für sich, einen Schritt darüber hinaus. Biologin Danielle grundelt in der Tiefsee um schwarze Raucher herum, Agent James vegetiert im somalischen Kerker. Diese Grenzerfahrung im Tun – eine Gemeinsamkeit, auf die sich eine Beziehung begründen kann? Vielleicht ja. Wenn schon Extreme, dann auch in der Liebe. Oder ist eine solche ohne physische Nähe denn überhaupt möglich? Oder gar notwendig?

Grenzenlos (im Original Submergence, was soviel heisst wie „Untertauchen“) ist trotz einiger stilistischer Erkennungsmerkmale ein relativ untypischer Wim Wenders-Film. Im Normalfall ist der Deutsche ein Autorenfilmer, der auch schreibt, was er inszeniert. Bei Grenzenlos könnte es sich um eine klassische Auftragsarbeit gehandelt haben. Inszeniert ist das Ganze relativ routiniert. Schauspielerisch ebenso. Größtes Problem an der Sache: Vikander und McAvoy sollten ineinander verliebt sein – der Glaube daran hält sich wacker. Es gibt Filmpaare, da sprüht der Funken vor der Kamera, dass es eine Freude ist. In Grenzenlos aber bleibt die Annäherung seltsam unterkühlt, fast schon mechanischer Natur. Die kolportierte Intensität dieser Beziehung bleibt für mich kaum nachvollziehbar. Anbetracht dieser darzustellenden Charaktere kein Wunder: In Grenzenlos sind beide für sich losgelöste Trabanten, die sich vielleicht mal auf ihrer Flugbahn nahegekommen sind, sonst aber um sich selbst rotieren und ihre eigenen Widrigkeiten mit sich ziehen. Die einer Bestimmung folgen, die nicht teilbar oder übertragbar ist. Ein Liebesfilm über Einzelgänger? Ein interessanter Versuch, der aber kaum mehr als schmachtende Lippenbekenntnisse hervorbringt.

Grenzenlos

Euphoria

STIRB AN EINEM ANDEREN TAG

5/10

 

euphoria© 2018 Wild Bunch

 

LAND: SCHWEDEN, DEUTSCHLAND, GROSSBRITANNIEN 2017

REGIE: LISA LANGSETH

CAST: ALICIA VIKANDER, EVA GREEN, CHARLOTTE RAMPLING, CHARLES DANCE, ADRIAN LESTER U. A.

 

Zum cineastischen Fastenprogramm abseits vom Leben und Sterben Jesu lassen sich natürlich auch Werke zählen, die sich mit Glauben und Kirche auseinandersetzen – und ganz schlicht und ergreifend mit dem Thema Tod, auch wenn der Sensenmann seine eigentlichen Feiertage von Halloween bis Allerseelen hat. Aber macht nichts. Besinnlich darf und kann man diese Woche ja durchaus sein, wenn einem danach verlangt, als Gläubiger oder auch als Agnostiker, das ist ganz gleich. Der Tod ist sowieso konfessionslos und bietet so viel Stoff, da ist für jeden etwas dabei. Wie zum Beispiel ein Film über das sowieso recht brisante und streitbare Thema der Sterbehilfe.

Die gibt’s bei uns nicht, das ist klar. Die gibt’s in der Schweiz, soweit ich weiß. Sterbehilfe ist hierzulande immer noch Mord, egal wie schlecht es dem oder der zu Sterbenden geht. Das eigene Recht auf den Freitod könnte ein Grundrecht sein, könnte Freiheit bis zum Ende bedeuten. Das hat schon Richard Dreyfus in Ist das nicht mein Leben zu Tränen rührend eingefordert. Javier Bardem wollte als vollständig gelähmter Seemann in Das Meer in mir auch nicht mehr weiterleben. Bedürfnisse, die nichts für Zwischendurch sind, und für die man sich erst sammeln muss, um sich das Elementarste im Leben als Fallbeispiel zu Gemüte führen zu wollen. Das schwedisch-britische Sterbedrama Euphoria von Autorenfilmerin Lisa Langseth packt die ganze Thematik in einen abendlichternen Ausflug durchs schwedische Grün eines späten Sommers. Und lässt dabei zwei Schwestern nach langer Abstinenz aufeinander treffen, die sich vieles zu sagen hätten, aber nichts mehr voneinander wissen oder auch wissen wollen. Bis die eine draufkommt, dass die andere todkrank ist – und an einem ominösen Ort der Ruhe inmitten nordischer Wälder nach eigenem Ermessen und nach eigener Bestimmung das Zeitliche segnen will. Wie jetzt? Gerade mal wieder gefunden, schon winkt der Exitus? Alicia Vikander, die eine mäßig erfolgreiche Künstlerin gibt, muss diese vollendeten Tatsachen, vor die sie gestellt wird, erst verdauen. Eva Green, unheilbar an Krebs erkrankt, ist sich ihrer Sache sehr sicher, und versteht die ganze Entrüstung nicht. Erinnerungen von damals poppen auf, das Leid einer Familie von früher wird zur Prüfung beider Seelen, die mit Vorurteilen und Beschuldigungen nur so um sich schmeißen und erst mal lernen müssen, wie gute Kommunikation im Selbsthilfe-Rest einer Familie überhaupt funktioniert.

Der ganze Film erinnert an die existenzialistischen, melancholisch-düsteren Werke, vor allem Spätwerke eines Ingmar Bergmann. Schach mit dem Tod wird hier zwar nicht gespielt, aber das Flanieren im Vorhof zum Paradies wird zur romantischen Akklimatisierung auf das Jenseits. Wenn all die Freitod-Touristen hier durch íhr letztes bisschen Leben schlendern, wenn „Tywin Lennister“ Charles Dance noch einmal groß die Sau rauslässt, ganz im Stile von Klaus Maria Brandauer aus Jedermanns Fest, dann ist die Todessehnsucht keine geringe. Dann wird Euphoria zu einem Märchen für Mieselsüchtige, die ihre letzte Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod verwetten. Oder die letzteres gar nicht brauchen, weil die Stille, die folgt, vielleicht das Erholsamste ist, was man sich vorstellen kann. Charlotte Rampling gibt das Mädchen für alles, was das Klientel der Übergänger noch benötigt. Vom üppigen Frühstück bis zum Glockenläuten, der den nächsten Dead Man Walk für Freiwillige ankündigt.

Euphoria ist trotz seines tröstenden, morbiden Ambientes, trotz seiner Waldesruh in Thomas Mann´scher Manier, in welcher der Tod sein Tässchen Tee trinkt, ein unerquicklich trister Film. Eva Green will partout nicht mehr leiden müssen, und Vikander leidet wegen ihrer Versäumnisse aus frühen Jahren. Das Ganze ist schon sehr viel Kümmernis, sehr viel Selbstmitleid, aber mit kaum Mitleid für die, die sich dem Ende stellen. Letzten Endes werden es nicht alle tun, denn das Leben hat für manche noch die Reboot-Taste parat. Für viele aber ist es der letzte Gang – womit wir wieder bei der Karwoche wären, die Freitags entlang der Via Dolorosa in Richtung Zukunft marschiert. Die Euphorie kommt erst 3 Tage später, wie wir wissen – in Langseths Film eigentlich gar nicht.

Euphoria

Tomb Raider

DEN BOGEN RAUS

7/10

 

tombraider© 2018 Warner Bros.

 

LAND: USA 2018

REGIE: ROAR UTHAUG

MIT ALICIA VIKANDER, DANIEL WU, DOMINIC WEST, WALTON GOGGINS, KRISTIN SCOTT THOMAS U. A.

 

Sie war die dänische Königin Caroline Mathilde, buhlte im Dunstkreis Anna Kareninas, war die Malerin Gerda Wegener und eine Androidin. Alles anspruchsvolle Rollen, gehobenes Niveau. Persönlichkeiten ganz persönlich, mit viel Tiefgang und nuancierten Gefühlen. Ja, dazu zähle ich auch ihre Rolle in Ex Machina – denn eine künstliche Intelligenz muss man auch erst mal spielen können. Und zwar anders als Arnold Schwarzenegger. Doch selbst ihr sinnlicher Roboter war keine Rolle, die ich ins Action-Genre tun würde. Mit Action hatte die zierliche Schwedin Alicia Vikander bislang rein gar nichts am Hut. Umso mehr war ihre Besetzung im Reboot von Tomb Raider mehr als überraschend. Kann sie das überhaupt? Haben die Studios da nicht auf das falsche Pferd gesetzt? Gut, andererseits konnte ja auch schon Dämonenjägerin Sarah Michelle Gellar ihrer mädchenhaften Erscheinung zum Trotz einen sagenhaften Pflockverschleiß auf Kosten unzähliger Untote verzeichnen. Diese chronisch unterschätzte Frauenpower wird zur taktischen Offensive, und gemäß dieser kalkulierten Gleichung einer verletzbar scheinenden Buffy tritt nun die bildschöne junge Schwedin, gerade mal erst 30 Jahre alt geworden, anfangs gehörig in die Pedale, und einige Breitengrade später in den Allerweresten fieser Grabräuber. Der vielen Worte kurzer Sinn: Yes, she can! Und sie macht das ganz großartig.

Verborgene Talente kann man nicht prognostizieren. Im Grunde wissen wir ja nicht, was in uns steckt. Solange wir es nicht probieren. Da das über Studieren geht, hat Alicia Vikander den Schritt in eine Filmwelt getan, die für sie Neuland bedeutet. Und auf Anhieb war klar – hier könnte eine Meisterin vom Himmel gefallen sein. Und das im wahrsten Sinne des Wortes. Denn die neue Lara Croft tut sich gehörig weh. Sie hängt, sie fällt, sie stürzt, sie schreit. Die Ikone des computergenerierten Abenteuers ist Mensch geworden, darf bangen, hoffen und gehörig Angst haben. Darf Gefahren haarscharf überleben und strotzend vor Schweiß, Blut und Dreck sarkastische Bemerkungen wagen. Genau das macht diese Figur so sehr greifbar und angreifbar. Sie lässt uns spüren, dass glücklich endende Abenteuer hart verdient sind. Und erlaubt uns einzuschätzen und zu reflektieren, wie sehr wir selbst Strapazen dieser Art ertragen würden. Wir wären ungefähr genauso wenig bereit, Verluste, einzustecken. Aber wir würden unter Stress und Todesangst womöglich Kräfte mobilisieren, die uns im Alltag bislang verborgen geblieben sind. Und trotzdem jammern, wenn uns danach wäre. Die Nerven zu schmeißen, wenn gerade mal alles richtig schiefläuft. Das unterscheidet die neue Croft von Indiana Jones oder ihrer Vorgängerin Angeline Jolie. Alicia Vikander ist verletzbar, hat längst noch nicht ausgelernt und macht Fehler. Muss in der Sekunde nicht immer die richtige Entscheidung treffen, wie das andere Filmhelden so getan haben. Gewinnt auch nicht immer, und wenn, dann nur knapp. Gerade deshalb ist der neue Tomb Raider so gelungen. Und zwar nur wegen ihr, wegen dieser weltbewegenden Schauspielerin, die Actionfiguren dort Struktur und Tiefe verleiht, wo man keine vermutet.

Roar Uthaug, der nicht erst seit dem pfiffigen und ungewöhnlichen Wikinger-Abenteuer Escape weiß, wie man bogenschießende Amazonen in die Wildnis entlässt, gönnt seiner klugen Kämpferin einen Survivaltrip zwischen Schiffbruch, Schlammcatchen und blutenden Wunden. Erdig das Ganze, schweißtreibend und durchaus richtig spannend – und das obwohl man weiß, wie das erste Kapitel im Croft-Universum ausgehen wird. Uthaug sucht auch ganz bewusst die Konkurrenz mit Indy und Quatermain – hier aber fällt er in altbekannte Traditionen zurück, die gerne alte Mythen gefährlich aussehen lassen und wo unterirdische Fallen Gerechtigkeit gegenüber den Räubern walten lassen. Das kennen wir, ist längst nichts Neues. Der Plot ist es also nicht, der mich umhaut. Es ist Alicia Vikander´s Lara Croft, die sich ihrer Grenzen so erfrischend bewusst ist. Und wenn sie mich fragen würde, ob ich mitkommen will in den Dschungel, ich würde nicht zögern. Und das ungeachtet aller Blessuren, die ich mir mit Sicherheit einhandeln werde.

Tomb Raider

The Light Between Oceans

SO FIES KANN SCHICKSAL SEIN

7/10

 

oceans© 2016 Constantin Film

 

LAND: USA, NEUSEELAND, GROSSBRITANNIEN 2016

REGIE: DEREK GIANFRANCE

MIT MICHAEL FASSBENDER, ALICIA VIKANDER, RACHEL WEISZ U. A.

 

Niemand ist eine Insel – oder doch? Zumindest wirkt der von Michael Fassbender verkörperte Heimkehrer aus dem ersten Weltkrieg so, als wäre er es. Nach Gewalt, Blut und Tod klingt nichts verführerischer als auf einer selbigen sein Trauma zu verarbeiten. Bestenfalls auf einer Insel, auf der sich sonst niemand befindet. Eine Insel mit Leuchtturm vor der australischen Küste. Da hat Mann genug zu tun, und Zeit, seinen inneren Seelenfrieden wieder zu finden. Zu dem wortkargen Neo-Eremiten dazugesellen möchte sich nun wirklich keiner, es sei denn, die Liebe ist im Spiel. Und die ist ein seltsames Spiel, denn als junge Dame betuchten Hauses ist sogar ein Leben auf einem Steinhaufen zwischen zwei Ozeanen – so der Titel – vorstellbar. Sofern sich Nachwuchs einstellt. Und da schlägt das Schicksal dann erbarmungslos zu. Denn der Kindersegen kommt nicht. Beim ersten Mal nicht, und später nimmt das Verhängnis abermals seinen Lauf.

Die reizende Alicia Vikander alias Lucy fällt in der Einschicht in tiefe Depression. Da kann ihr selbst der geliebte Gemahl nicht helfen, hat der doch selbst mit seiner Vergangenheit genug zu tun. Doch die Liebe ist stark, das erwartet man sich in diesem Film. Die Liebe, die nutzt das alsbald hereinbrechende Schicksal zur Rettung des Familienglücks. Dass es das Schicksal in Gestalt eines fast schon göttlich anmutenden Winks nur scheinbar gut meint, in Wahrheit aber ein mieser Verräter ist, erscheint von vornherein klar. Weil Babys, die werden nicht so einfach angespült, ohne von irgendwem vermisst zu werden. Es sei denn, es handelt sich um Moses, da war das ganze gewollt. Umso schmerzlicher zu ertragen ist die zweite Hälfte des Filmes, in der wir mehr wissen als das unglücklich glückliche Paar und jede Minute erwarten, dass das Damoklesschwert mit erschütternder Wucht zuschlägt.

Wie bei Derek Cianfrance tut es das dann auch, so sehr man sich auch wünscht, dass der Kelch an den beiden vorübergeht. Auch dass Tom so handelt, wie er handelt, lässt sich nachvollziehen. Gefühle spielen eine große Rolle, das Begreifen der eigenen endlichen Existenz und der unbedingte Wille zum Neuanfang, das Einfordern von Gerechtigkeit und die Möglichkeit momentaner Erlösung, ganz ohne Blick nach vorn. Cianfrance spielt gerne mit dem Schicksal, lässt Menschen aufeinander treffen, die einander vergeben müssen und sich trotz aller Abscheu verstehen wollen. Weil sie sonst selbst nicht weitermachen können. In The Place Beyond the Pines war das Schicksal ebenso mächtig, auch in Blue Valentine hat der Filmemacher die Philosophie des Fatalismus zu einer über allem stehenden Macht verklärt.

The Light Between Oceans ist erlesen besetztes, schwelgerisches Liebesdrama und romantische Tragödie im Licht des Sonnenauf- und untergangs. Vom Winde verweht, und mit dem Geschmack vom Meersalz auf den Lippen. Kino für anspruchsvolle Genießer im Stile epischer Romantik.

The Light Between Oceans

Tulpenfieber

TULP FICTION

6/10

 

tulpenfieber© 2017 Prokino / Quelle: imdb.com

 

LAND: USA, Grossbritannien 2017

REGIE: Justin Chadwick

MIT ALICIA VIKANDER, CHRISTOPH WALTZ, DANE DEHAAN, HOLLIDAY GRAINGER U. A.

 

Das hätte sich der legendäre Maler Rembrandt nicht mal im Traum ausmalen können: Da gibt es eine Pflanze aus der Familie der Liliengewächse, die zu seine Lebzeiten gehandelt wurde wie Gold. Die Tulpe – mittlerweile eine Allerweltsblume, die in jedem Garten wächst und selbst an der Kassa unserer Supermärkte bündelweise zum Nachschmeißpreis angeboten wird. Schön sind sie ja, diese Tulpen. Doch damals, in den 30er Jahren des 17. Jahrhunderts, waren sie noch dazu so rar wie sakrale Reliquien und so sehr ein Objekt für Gier wie für plötzlichen Reichtum. Hatte jemand auch nur eine Zwiebel von vielleicht einer gebrochenen Unterart – also eine weiße Tulpe mit rosarotem Linienmuster – könnte er ausgesorgt haben. Sofern er über das gewisse finanztechnische Know-How verfügt und zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen wäre. Bis die erste Spekulationsblase der Wirtschaftsgeschichte platzen musste – der Handel verboten und viele Niederländer an den Rand des Ruins getrieben wurden.

Diese historischen Begebenheiten hat Regisseur Justin Chadwick, seinesgleichen verantwortlich für das virtuose Monarchenspektakel Die Schwester der Königin, als Hintergrund für sein aktuelles Werk herangezogen – ein opulent ausgestatteten Liebes- und Gesellschaftsdrama. Schön anzusehen ist Tulpenfieber erstmal auf alle Fälle. Belustigend die Pizzateller-großen Halskrausen der neureichen Handelsherren. Edel die dunkel getäfelten Kemenaten wohlhabender Häuser. Umtriebig, detailreich und wie gemalt der Amsterdamer Hafen. Gemälden gleich sind auch die Profilbilder der zarten Schönheit Alicia Vikander, welche im sündteuren blauen Meisterstück barocker Nähkunst am Fenster lehnt. Erinnerungen an das Œuvre Vermeers werden wach. Und an den ähnlich gearteten Film Das Mädchen mit dem Perlenohrring von Peter Webber. Allerdings war der Film mit Scarlett Johansson als scheue Muse weniger konstruiert wie das gegenwärtige Holland-Drama. Die zarten Bande zwischen Colin Firth und der blondblassen Schönheit vom Lande erreichten am Stimmungs- und Gefühlsbarometer des Kinos annähernde Werte wie bei James Ivory´s Sittenbilder aus früheren Zeiten. Tulpenfieber erreicht das nicht. Die Drei- oder gar Vierecksgeschichte in illustrer Besetzung gerät so vorhersehbar wie der historische Liebesroman einer verlagsabhängigen Vielschreiberin. Und siehe da – die literarische Vorlage zu Tulpenfieber ist genau das. Ein leidenschaftlicher Roman mit Herzschmerz, vermengt mit historischen Tatsachen, die gefällig genug erscheinen, um das Niveau zu heben. Autorin Deborah Moggach schreibt thematisch quer durchs Tulpenbeet. Aus ihrer Feder stammt ebenso die Vorlage für das Rentner-Lebensphilosophikum Best Exotic Marigold Hotel. Es sind Stoffe, die eine Leserschaft garantieren. Warum auch nicht. Eintauchen in eine Welt, die längst vergangen ist. Wenn es gut geschrieben ist, haben Bestseller wie diese ihre absolute Berechtigung. Im Kino tritt der konstruierte rote Faden leider nur zu deutlich zutage. Nichts in Tulpenfieber passiert überraschend. Vieles weiß man, lange bevor die Tulpen zum Symbol verlorener Liebesmüh heranblühen.

Doch zum Glück haben wir Schauspieler wie Christoph Waltz oder Judi Dench, die dem schicksalsbeladenen Stoff mehr als gerecht werden und sich dort zurücknehmen, wo der Film dick aufträgt. „Valerian“ Dane DeHaan ist nach wie vor ein blasser Junge, der seine Leistung aus Life kaum mehr wiederholen kann. Und Alicia Vikander, die sich in ihrem zerbrechlichen Lügengebilde glaubhaft verheddert, dominiert zurecht einen Film, der das Zeitalter Rembrandts und der nordischen Maler pittoresk bebildert, jedoch ein gefälliges Beziehungsdrama erzählt, dass zu viele Wendungen will und auch noch die Geschichte Europas zum Leidwesen eines gehandicapten und dadurch oberflächlich gewordenen Kostümschinkens bemüht.

Tulpenfieber

Jason Bourne

KEINE RUH‘ HAT MAN!

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jasonbourne

Er will nicht mehr, er kann nicht mehr. Das einzige, was er will, ist in Ruhe gelassen zu werden. Aber nein, noch immer oder schon wieder ist die CIA hinter ihm her. Tatsächlich hat die Geheimdienstzentrale der Vereinigten Staaten nichts Anderes zu tun als die Geister, die sie gerufen hat, loswerden zu müssen. Blöd nur, wenn solche Geister nicht mehr totzukriegen sind. Matt Damon alias Jason Bourne alias jemand ganz anderer ist so ein Schreckgespenst unter den Agenten. Von einer Vertrauten aus früheren Zeiten kontaktiert und damit aus der Versenkung geholt, findet sich die geknechtete menschliche Kampfmaschine im Visier von Auftragskillern und anderen dunklen Gestalten aus dem Untergrund wieder – um abermals aufzuräumen und seiner wahren Identität diesmal aber beträchtlich näherzurücken.

Nach dem beim Publikum eher durchgefallenen Spin Off mit Jeremy Renner als Bournes Leidensgenosse, der ähnlich arg in Bedrängnis gerät, hat man den Charaktermimen Damon ein viertes Mal als Jason Bourne überreden können. Dass diese Verhandlungen der Studios mit ihrem Zugpferd wahrscheinlich kein Honiglecken waren, sieht man an der Mine des Schauspielers in jeder Sekunde. Denn so sauer und unzufrieden mit sich und der Welt kann normalerweise nur Tommy Lee Jones dreinblicken. Ach ja, Tommy Lee Jones. Der spielt hier übrigens auch mit. Zerknitterter und missmutiger denn je. So treffen sich zwei Pessimisten in einem von Paul Greengrass irgendwie hastig heruntergekurbelten Agententhriller voller Wackelkamerabilder und hitzigen Autoverfolgungsjagden. Das faltenfreie Gegenstück zu den verkniffenen Gesichtern in einem Thriller, der irgendwie an Bullitt und Auf der Flucht erinnert (auch mit Tommy Lee Jones), ist die aparte Alicia Vikander. Ihr undurchschaubares Spiel mindert dann doch das drängende Gefühl, in schlechte Stimmung zu geraten. denn Mat Damons zorniges Spiel ist geradezu ansteckend. Da hat ja eher noch Liam Neeson in seiner verstörenden Gleichgültigkeit als familienfreundlicher Ego-Shooter mehr Liebreiz. Aber wen wundert’s, wenn man ständig gejagt wird, vergeht einem das Lachen bis auf weiteres. Da will man irgendwann von nichts mehr irgendwas wissen. Doch wenn das Ziel so nahe ist, geht noch was. Und da mausert sich der Film kurz vor dem Ende des ewig dauernden Katz- und Mausspiels doch noch zu einem halbwegs unterhaltsamen Thriller, der zwar nichts Neues von der Geheimdienstfront zu berichten weiß, aber Fans von reißbrettartigen Crossover-Duellen diverser guter, halbguter und böser Top-Agenten über den Abend bringt. Und wer noch dazu Vincent Cassels Adler-Visage seit Black Swan auf der großen Leinwand vermisst hat, kommt ebenfalls auf seine Rechnung.

Dass ein fünfter Teil auszuschließen ist, kann ich letztendlich leider nicht bestätigen. Jeremy Renner darf’s von mir aus durchaus auch wieder sein, am besten gemeinsam mit Matt Damon. Denn ein bisschen Buddy-Geplänkel könnte dem etwas zu ernst dreinblickenden Actionthrill eventuell ganz guttun.

 

Jason Bourne