Deckname Holec

ZOFF UM ZILK

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holec

Dagmar war vermutlich nicht erfreut. Weder von Jan Nemec´s Erzählung The Italien Connection, welche angeblich die Erlebnisse des Prager Filmemachers mit dem damaligen ORF-Generaldirektor Dr. Helmut Zilk schildert, noch von Franz Novotny´s Verfilmung ebenselber literarischer Vorlage. Hat ihr Mann und späterer Wiener Bürgermeister tatsächlich mit dem tschechischen Geheimdienst paktiert? War er ein Informant? Wir alle haben ihn doch als schlagfertigen Ombudsmann mit strahlend weißer Weste in Erinnerung, als vorzuzeigendes Stadtoberhaupt und nicht unterzukriegendes Opfer des Briefbombers Franz Fuchs.

Der Film ist eine Deutung jener Ereignisse, die Zilk im Rahmen seiner oftmaligen Aufenthalte in der Tschechoslowakei zugeschrieben werden. Aber ich bin felsenfest davon überzeugt, dass sich Zilk nichts zuschulden hat kommen lassen. […] Ich sehe bei dem Film kein Skandalpotenzial, nicht im Geringsten.“, so Franz Novotny 2014 in einem Interview in der Zeit im Bild aus dem Jahre 2014, fast zwei Jahre vor der Premiere des Filmes. Tatsächlich lässt der österreichische Kultregisseur (Staatsoperette, Exit, Die Ausgesperrten) den legendären Showman und Politiker bei Gott nicht als Verräter, Nestbeschmutzer oder korrupten Spitzel dastehen, immerhin aber als notgeilen Frauenversteher, der seine obskuren Aufenthalte in Prag um frivole Begegnungen mit einer Schauspielerin namens Eva bereichert habe. Das ging natürlich besagtem Regisseur Nemec, dessen Filme in seinem Heimatland zensiert und stattdessen in Cannes Furore machten, gehörig gegen den Strich, war doch Eva nicht nur seine Muse, sondern auch das Objekt seiner eigenen Begierde. So verstricken sich in der goldenen Stadt Begegnungen und Konfrontationen aller Art, wobei der tschechische Geheimdienst unmerklich mitmischen und Zilk fast im Vorbeigehen zu mehr oder weniger unfreiwilligen Kooperation im Schatten gewinnen konnte. So oder ähnlich wollte Novotny die spärlichen Fakten nachinterpretieren. Keine Spur von einer idealistischen Initiative unseres Helmuts, vielmehr ein plötzliches Hineingeraten, das gar nicht beabsichtigt war. Nun, so schnell kann es gehen. Und neben verwanzten Kristalllustern und verbotenen Filmrollen muss Zilk, in treffendem, charmantem Pragmatismus dargeboten von Johannes Zeiler, eben sehen wo er bleibt. Und wie er da wieder rauskommt.

Wenn die verwirrenden Verwicklungen nicht angeblich wahr wären, dann wären sie gut erfunden – und passend zugestutzt für eine augenzwinkernde, frei kolportierte Anekdote aus dem skurrilen Ostösterreich der 60er Jahre, das vor allem mit seiner Hauptstadt Wien niemals wieder so bruderschaftlich mit den östlichen Nachbarn kokettiert hat wie damals. Doch mehr als eine Anekdote ist Novotny´s Möchtegern-Spionagethriller nicht geworden, dem Genre des Spannungskinos gar nicht mal zuordenbar.

In fast schon satirischer Erzählweise strawanzt Deckname Holec kettenrauchend und kopulierend zwischen Franz Antel´s Bockerer IV – Prager Frühling, Wikipedia-Geschichtsstunde und Le Carré-Spionagedrama hin und her, mal gähnend langweilig, dann wieder in kurioser Turbulenz dem Wiener Bürgermeister in seiner Abenteuerlust Tribut zollend. Alles schön im ausgebleichten und wenig einladenden Designerlook vergangener Jahre, als Kreisky von sich reden machte und der Warschauer Pakt beinahe über uns herfiel. Eine bittere, umstürzlerische Zeit, doch Novotny hat dennoch No Time for Revolution. Die einzige Revolution ist die schallende Ohrfeige für den ORF-Virtuosen, erteilt von Polizeichef Fuchs (Schauspieler Heribert Sasse´s letzte Rolle) am Ende des Filmes. Spätestens da darf man dann einem Gentlemen-Agenten wie Helmut Zilk so gut wie alles verzeihen und ihn ein bisschen wie James Bond dastehen lassen, als den Retter der Wahrheit. Novotny´s Film ist schon ein bisschen narzisstisches Machwerk im Comic-Stil, getarnt als vorbildlich ausgestattetes, dampfplauderisches Politdrama. Deckname Holec ist zelebrierter Machismus und absichtliches Gambling für die gute Sache, irgendwo zwischen Verrat, Sex und jede Menge blauem Dunst.

 

Deckname Holec

Eye in the Sky

FEIGHEIT VOR DEM FEIND

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eyesky

Ich sehe es noch immer ganz deutlich vor mir. Das kleine Mädchen in der roten Jacke. Wer kann sich noch erinnern? Dieses kleine, jüdische Mädchen war das einzige farbige Element in Steven Spielbergs für mich unumstrittenem Meisterwerk Schindlers Liste aus dem Jahr 1993. Warum aber gerade dieses Mädchen? Spielberg wollte hier das Leid und das Schicksal des Einzelnen, des Individuums, ganz klar verdeutlichen. Nicht die Massenvernichtung, nicht das Schicksal aller europäischen Juden macht den Krieg und den Genozid erst so schrecklich – es beginnt bereits bei jeder einzelnen, noch so kleinen Tragödie. Bei jedem einzelnen gestohlenen Leben. So irrt dieses rote Mädchen immer wieder durchs Bild. Ziellos, hoffnungslos. Es reicht schon ein einzelner Mensch, der aufgrund menschenverachtender Ideen anderer sein Leben nicht mehr leben darf.

Diese Symbolik finden wir auch in dem Antikriegs- oder Terrordrama Eye in the Sky, für mich eine der größten Überraschungen in diesem Filmjahr 2016. Überraschend auch deswegen, da dieser Film hierzulande – eigentlich unverständlicherweise – nicht ins Kino kam. Dabei ist er bis in die Nebenrollen mit Helen Mirren, Aaron Paul und Alan Rickman, noch dazu in seinem letzten Auftritt, erlesen besetzt und entpuppt sich als enorm spannendes, gesellschafts- und politkritisches Kammerspiel, das mühelos das Niveau dichter Konfliktdramen wie Eine Frage der Ehre oder Die 12 Geschworenen erreicht. Jene Leser, die mit verfilmten Bühnenstücken wie diesen nichts anfangen können, sollten aber bitte nicht zurückschrecken. Man könnte Eye in the Sky zwar mühelos für das Theater adaptieren – da der Film aber zwischen CIA-Zentrale und einer ostafrikanischen Stadt, in welcher der Feind lauert, hin und herwechselt, bleibt ein potenzieller Ermüdungseffekt, der mit reinen Schauspieldramen manchmal einhergeht, komplett aus. Dieser Film geht sehr wohl auch an die Nieren.

Im Zentrum steht das Schicksal eines unschuldigen muslimischen Mädchens in rotem Tschador, das allmorgendlich am Straßenrand Brot verläuft und sich zufälligerweise im Wirkungsradius einer von der CIA abzuschießenden Drohnenbombe befindet. Doch wie dieses Mädchen warnen, ohne das es die Terroristen spitzkriegen? Wie den Vergeltungsschlag ausführen, ohne menschliche Kolateralschäden in Kauf nehmen zu müssen? Diese entscheidende Frage nach dem Recht oder Unrecht, das Mädchen opfern zu müssen zum Wohle einer befriedeten Menschheit, hängt wie das Damoklesschwert kritisch und bedrohlich über jene, die diese Entscheidung fällen müssen. Und dann gibt es noch diese, die den Drohnenabschuss ausführen. Welche Rolle spielen sie bei der Sache? Gavin Hood´s Film bezieht anfangs keine Stellung. Das muss er auch nicht. Die agierenden Personen lenken die Story von selbst. Und müssen sich schnell entscheiden, denn das zu nutzende Zeitfenster ist klein. Genau dieses Dilemma macht das Terrordrama so spannend. Und so emotional. Letztendlich wird klar, dass ein Krieg niemals unschuldig ist. Und sei er auch noch so technologisiert. Oder noch so perfektioniert. Doch wer maßt es sich an, überhaupt das Wohl der Menschheit übernehmen zu müssen? Oder über das Leben eines anderen zu entscheiden?

Eye in the Sky setzt die Menschenrechte hinter einem Mantel scheinbarer Effizienz ziemlich außer Kraft – und verblüfft in seiner Dichte, Ernsthaftigkeit und Klugheit. So klar und schnörkellos hat schon lange kein Politthriller mehr ein grundlegendes Problem der Neuzeit auf den Tisch gebracht. Eye in the Sky steht fast für Eye for an Eye – den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben ist eine gewichtige Frage der Verantwortung, der Perspektive und der technologischen Macht. Ein ganz großer Geheimtipp, der auf brisante, packende Weise zur Diskussion einlädt.

 

Eye in the Sky