Long Shot – Unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich

DU ENTSCHULDIGE, I KENN DI

4,5/10

 

Fred Flarsky (Seth Rogen) and Charlotte Field (Charlize Theron) in FLARSKY.© 2019 Studiocanal

 

LAND: USA 2019

REGIE: JONATHAN LEVINE

CAST: CHARLIZE THERON, SETH ROGEN, BOB ODENKIRK, ANDY SERKIS, O´SHEA JACKSON JR. U. A. 

 

Da hat sich Seth Rogen wieder weit aus dem Fenster gelehnt: Als derber Investigativjournalist hat er so manchen bösen Jungs den Wind aus den Segeln genommen, wenig eloquentes Zeter und Mordio in seine Artikel gepflanzt und sich fast ein Hakenkreuz stechen lassen. Stil dürfte für den Hipsterbärtigen aber auch nur das Ende des Besens sein, denn das tägliche Outfit ist ein Trainings-Blazer aus den Neunzigern, dezent in Ponyfarben. Dass dieser prinzipientreue Eigenbrötler jemanden wie Charlize Theron kennt, die als Außenministerin eine wahnsinnig gute Figur macht, das ist mal unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich. Wie sich Bekanntschaften aus der Kindheit entwickeln, ist ja kaum absehbar. Und plötzlich haben wir hier zwei, die sich komplett auseinander gelebt – und wieder gefunden haben. Das könnte man doch glatt mit Peter Cornelius „Du entschuldige I kenn di“ untermalen, so passend wäre da der Song. Aber nein, Regisseur Jonathan Levine greift auf die Playlist von Pretty Woman zurück, weil’s eben so schön war. Und was könnte näher liegen, als einen Film mit 90er-Hadern zu verwöhnen, die bereits für ein Glamour-Märchen um Underdog und VIP in Verwendung waren. Ein ähnliches Konzept liefert jene neue Komödie, die wiedermal das etwas abgenutzte Klischee einer aufrichtigen US-Politik mit dem Alles-ist-möglich-Aufstieg eines Nonkonformisten verbindet. Das ist aber durchaus in Ordnung, und das wusste ich ja auch, ich kannte ja die Synopsis des Films, also mal sehen, welche Ansatzpunkte diesmal bereits Bekanntes auf andere Spuren bringen könnte. Und bei Seth Rogen ist so was durchaus im Bereich des Möglichen. Charlize Theron kann eigentlich auch alles spielen, sie bleibt aber stets die aparte, etwas distanzierte Schönheit, die sie ist. Und bei Atomic Blonde zum Beispiel konnte sie die unnahbare Aura des Wertvollen wunderbar für sich nutzen.

In Long Shot (die deutsche Subline lassen wir mal weg) wagt sie sich nur selten aus ihrer Defensive. Dass sie als Außenministerin der Message Control folgen und ihre Fassade zu welchem politischen Spiel auch immer wahren muss, ist natürlich vollkommen logisch. Den Mut zum Wagnis kitzelt ihr dann Seth Rogen als Fred Flarsky mit nichts außer seiner Verschrobenheit hervor, die Theron relativ anziehend findet, vielleicht weil diese Vibes nicht so auf Massentauglichkeit gestutzt sind. Da stimmt dann auch die Chemie, beide ziehen an einem Strang, die politische Domina mit dem strahlenden Image hat zwar die Hosen an, darf aber von dem Querdenker auch einiges lernen. Das ist natürlich Romanze pur, und wer sich eine haarfeine Politkomödie wie zum Beispiel Dave erwartet, wird aber enttäuscht werden. Dieses Thema scheint Levine eindeutig zu groß, obwohl er hie und da versucht, Seitenhiebe auf aktuelle politische Zustände zu verteilen. Die sind zwar da, man belächelt sie, aber mehr nicht. Das ist viel zu halbherzig, um zu irritieren. Da sind Filme wie Vice ein komplett anderes Kaliber. Doch wie Vice will Long Shot natürlich niemals sein, will auch nicht wirklich anecken. Der Film macht das ganze Spiel hinter den Kulissen einfach nur zum Thema, weil er es benötigt – für eine RomCom, die nichts umformuliert, selten auch nur irgendwelche alternativen Entwicklungen der Handlung andenkt und leider die bemühte Illusion allgemeiner Akzeptanz für Körpersäfte zum Knackpunkt der Geschichte macht. Das entlockt mir weder ein Wow für lässige Indiskretion noch appelliert es an meine sporadisch vorhandene Restprüderie. Zu gewollt wäre das richtige Wort, zu vorhersehbar das andere. Klar, es ist Hollywood, und klar, Filme wie Hallo, Mister Präsident sind schon länger her. Long Shot will aber doch mehr sein, der Streifen will auch austeilen können, er will mit intelligentem Charme punkten, und hätte mit seinem Cast sogar das Potenzial dazu – letzten Endes hält er sich aber zu sehr an die Regeln des gelernten Spiels, als sie mit frechen Kniffen zu unterwandern.

Mit 50/50 hat Levine wohl einer der besten Filme zum Thema Krebs gedreht. Mit Long Shot bleibt ihm ein knackiger Zugang zu anderen bewährten Filmthemen leider verwehrt. Was aber nicht heißen soll, dass die Komödie nicht auch unterhält. Das tut sie, es gibt auch einiges zu lachen, und die Kifferszene mit Theron ist sowieso die Mitternachtseinlage schlechthin. Im Ganzen aber erliegt Long Shot seinem naiven Schöngerede, das so süß, aber auch so wenig haltbar ist wie ein Wahlzuckerl kurz vor dem Urnengang.

Long Shot – Unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich

Der Moment der Wahrheit

EIN KNÜLLER UM JEDEN PREIS

7,5/10

 

momentderwahrheit© 2015 SquareOne/Universum Film

 

LAND: USA, AUSTRALIEN 2015

REGIE: JAMES VANDERBILT

CAST: CATE BLANCHETT, ROBERT REDFORD, STACY KEACH, DENNIS QUAID, TOPHER GRACE, BRUCE GREENWOOD U. A.

 

Was ist Wahrheit? Das hat schon vor mehr als 2000 Jahren ein römischer Statthalter gefragt. Und das fragen sich Journalisten seit Anbeginn ihrer Zunft: Wem oder was genau jage ich nach? Die Wahrheit – das ist etwas, das ans Licht kommen muss, wie auch immer. Der Nazarener ist die Antwort auf die Frage schuldig geblieben. Jene, die gegenwärtig für Aufklärung unter uns Otto Normalverbrauchern sorgen, bemühen sich aber, sie zu beantworten. Und beschaffen sich diese mit teils unlauteren Mitteln, verheimlichen Quellen, um diese zu schützen. Kommen dann mit der Wahrheit ans Licht, wenn die Umstände es verlangen. Jüngstes Beispiel: Ibiza. Die Art und Weise, wie Gesagtes in kürzester Zeit zum meinungspolitischen Zitatenschatz wurde, ist selbstredend eine zweifelhafte. Wenn aber das prognostizierte öffentliche Interesse größer ist als das Vergehen bei der Wahl der Mittel, tritt letzteres in den Hintergrund. Vorausgesetzt, das, was diese Mittel ans Tageslicht befördern, ist authentisch genug, um keine Zweifel an der Wahrheit zu schüren. Das scheint den Pseudo-Oligarchen wohl gelungen zu sein, denn jene Medien, die Mitte Mai die Bombe haben platzen lassen, konnten sich, nach sorgfältiger Prüfung, auch beruhigt zurücklehnen, um die Dinge ihren Lauf nehmen zu lassen. Anderen wiederum war das heiße Eisen wohl zu heiß. Nicht dass sie es nicht angepackt hätten. Doch heißes Eisen kühlt rasch aus, brennt in der Hand, hinterlässt Wunden. Zu früh fallengelassen ist jedenfalls nicht probiert. Allerdings aber auch nicht zu Ende gedacht.

Diese anderen, das waren die Journalistinnen und Journalisten einer renommierten Nachrichtensendung bei CBS. Für die investigative Reporterin Mary Mapes, die mit ihrem Bericht über die Foltermethoden im irakischen Gefängnis Abu Grab 2004 für Aufsehen sorgte, nahmen mutmaßliche Hinweise schön langsam Gestalt an. Und: sie könnten Einfluss haben auf die bevorstehende Wiederwahl von Präsident Goerge W. Bush. Diese Hinweise deuten an, dass der politisch stets mit der Tür ins Haus fallende Texaner Anfang der 70er Jahre gezielt vom Militäreinsatz in Vietnam abgezogen wurde. Besser noch – Bush wurde der Nationalgarde unterstellt, unter Protektion wohlgemerkt. Konsequentes Nichtwahrnehmen seiner Pflicht wurde unter den Teppich gekehrt. einer wie Bush, der musste, wie es aussieht, schon damals so gut wie gar nichts. Die Frage: stimmt das? Ist das die Wahrheit? Zwei Memos belegen das – sofern sie echt sind. Eigentlich egal, raus damit, wenn die Quellen sich schon sicher sind, was braucht es da noch für Überprüfungen. Ein fahrlässiger Fehler, wie sich bald herausstellen wird. Und ein Skandal, der plötzlich weite Kreise zieht, sogar alteingesessene Hasen wie Dan Rather (eine Art US-Armin Wolf) mit sich reißt und die berufliche Existenz so mancher gutmeinender Journalisten zerstört.

Der Moment der Wahrheit ist mit Robert Redford, Cate Blanchett und „Mike Hammer“ Stacy Keach schon mal prominent besetzt. James Vanderbilt hat ein Journalismus- und Mediendrama inszeniert, dass die Qualitäten eines Adam McKay erreicht. Wohl überlegt, nicht überhastet und geduldig rollt der Film eine Chronik der Tatsachen auf, die zwar jedweden Sarkasmus vermissen lassen, aber mit den Fakten alleine schon, und wenn sie auch noch so detailliert in die dramatisierte Version eines Skandals gestreut sind, zu fesseln weiß. Mag es nur ein hochgestelltes th sein, über das sich kritische Stimmen äußern. Mag es nur die Möglichkeit sein, die im Raum steht, dass besagte Beweislast politisch schöngefärbt ist – in diesem klugen Drama bekommt der Ehrenkodex des Journalismus fundamentzerstörerische Risse. Was darf man, was soll man, und wofür – stellt sich die Frage. Schlampigkeit ist fehl am Platz, Meinungsmache auch – und politische Mission sowieso. Aber wo ist die Grenze gezogen? Was ist richtig und was falsch? Zurückkommend auf Ibiza: in einem Moment der polemischen Euphorie bezeichnet unser Ex-Vizekanzler „Journalisten als die größten Huren unseres Planeten“. Mary Mapes und ihr Team wurden ähnlich beschimpft. In Der Moment der Wahrheit ist die Suche nah selbiger das Ziehen der Arschkarte, ist der Übereifer, dem Rest der Welt keine Tatsachen schuldig zu bleiben, das anscheinend Niederträchtigste, was es gibt. Allerdings – der Wille zum nächsten Knüller trägt die rosarote Brille des medialen Jagdinstinkts. Vanderbilt erzählt anhand dieses Beispiels von schwerwiegenden Fehlern, Gesichtsverlust und dem Ringen um Anstand. Blanchett gibt die verzweifelte, leidenschaftliche und unter Hochspannung stehende Reporterin gewohnt glaubwürdig, Redford an ihrer Seite gibt den letzten Schliff. In brisanten Zeiten wie diesen, wo Beeinflussung, (Neu)wahlkampf und politische Grabenkämpfe alles sind, ist die moralische Frage des journalistischen Auftrags dringender denn je. Dieser Film stellt sie, ohne Antworten finden zu wollen. Ohne ein Resümee zu ziehen. Dieses bleibt nämlich uns Sehern – und Wählern überlassen.

Der Moment der Wahrheit

Roma

DER GEFUNDENE FRIEDEN GUTER GEISTER

8/10

 

ROMA© 2018 Netflix

 

LAND: MEXIKO 2018

BUCH & REGIE: ALFONSO CUARÓN

CAST: YALITZA APARICIO, MARINA DE TAVIRA, DANIELA DEMESA, CARLOS PERALTA, DIEGO CORTINA AUTREY U. A.

 

Nur noch eine Woche ist es hin, dann wissen wir, wer für das Kinojahr 2018 den Goldjungen kassiert. Der beste Zeitpunkt, wohl einen der am heißesten gehandelten Bewerber unter den besten Filmen endlich mal anzusehen. Und tatsächlich ist dieser ein ungewöhnliches Stück Filmkunst. Eines, das auf den ersten Blick nicht in die handelsübliche Kategorie Bester Film zu passen scheint. Dafür ist Roma von Alfonso Cuarón viel zu persönlich, viel zu intim. Auch viel zu sehr verschlossen. Die Academy, die sich aus 6000 Jurorinnen und Juroren zusammensetzt, hat an diesen Erinnerungen in Schwarzweiß allerdings einen Narren gefressen, vielleicht auch, weil Roma bereits den Goldenen Löwen gewonnen hat. Aber das alleine kann es nicht sein. Vielleicht liegt es an Netflix, dem Streamingriesen? Der hat, keiner weiß genau wo, überall seine Hände mit im Spiel. Als Produzent, einflussreicher Medienfummler und Fast-Schon-Monopol mit einem unersättlichen Hang, das Angebot über die Nachfrage zu stellen. Jeder Netflix-User weiß: Roma wird von Netflix vertrieben, nur dort lässt sich der Streifen sichten. Die Chance, den Bauchladenhausierer durch einen Oscar mit der nötige Portion Kritiker-PR zu veredeln, lässt sich aber nur dann nicht vertun, wird Roma zumindest einige Male im Kino, und dann auch für Nicht-Abonnenten, der breiten Öffentlichkeit präsentiert. Gesagt, getan – und Roma wird für 10 Oscars nominiert. Irgendwie erschließt sich mir aber nicht die Logik dahinter. Warum gerade Roma?

Cuarons Film sticht aus Netflix´ zweifelhaft qualitativer Serien- und Filmschwemme heraus wie edles Porzellan im Elefantenladen. Sein Film bleibt ein Fremdkörper, allein auf weiter Flur, sehen wir mal vom Filmsortiment vergangener Dekaden ab. Es hat den Anschein, als Wäre Roma aus rein werbetaktischem Kalkül dort platziert worden. Und weniger aus einem künstlerischen Bewusstsein heraus, einfach, um der Zielgruppe von Netflix eine gewisse Sensibilität für künstlerische Filme angedeihen zu lassen. Doch wie auch immer, meine Review ist jetzt nicht ausschließlich ein fragender Blick auf das populäre Patschenkino-Portal, es sollte ohnehin eher eine Betrachtung dessen sein, was Roma an sich eigentlich ist: Ein kleiner, bewundernswert zarter Film, der in seiner Bescheidenheit Großes vollbringt.

Dabei plaudert Roma, anders als von mir angenommen, gar nicht mal direkt aus den Erinnerungen des knabenhaften Cuarón, der 9 Jahre alt war, als die Studentenaufstände des sogenannten Fronleichnam-Massakers eine blutige Spur durch Mexiko City zogen. Das war 1971, und natürlich trägt Roma neben all seines fiktiven Arrangements jede Menge autobiographische Züge. Das lässt sich auch vermuten, wüsste ich die Tatsache nicht, dass Alfonso Cuarón ganz bewusst und mit wehmütiger Hingabe jenes innige, familiäre Vertrauen niemals hätte missen wollen, die er und womöglich seine Geschwister mit der omnipräsenten Fürsorge seiner Hausmädchen verband. Libo haben sie eine von ihnen genannt, und ihr ist auch der Film gewidmet, das lesen wir in der letzten Einstellung, bevor der stille Abspann folgt. Überhaupt ist Roma oft schweigsam und unaufdringlich, bedient sich keines Soundtracks, spielt vielleicht das eine oder andere Mal eine Schallplatte an oder lässt das Autoradio schrummen. Schon die erste Einstellung, dem Fokus auf den Fliesenboden der häuslichen Einfahrt, über den sich alsbald Putzwasser ergießt, in welchem sich der Himmel spiegelt, unter welchem Flugzeuge ihre Kreiseg ziehen, lässt eine drängende Leidenschaft für photographische Perfektion erwarten. Curaón dirigiert hier manchmal auch selbst den Blickwinkel seiner Bilder. Emmanuel Lubezki, sein sonst bevorzugter Kameramann, bleibt diesmal außen vor. Dennoch sind die Kompositionen erlesen, von einer unzufälligen Perfektion eines Stanley Kubrick. In seinem satten Fotorealismus, der in kreisenden Kamerafahrten arrangierte Tableaus einer spontanen, willkürlich scheinenden Ordnung abtastet, erinnert Roma an Michail Kalatasows Soy Cuba aus dem Jahre 1964. Die Kamera schafft eine intime Nähe, aber auch nicht immer. Das, was wir von den blutigen Auseinandersetzungen auf den Straßen mitbekommen, bleibt auf Distanz, bleibt beobachtend, nicht integrierend. So, wie Cuarón dies womöglich selbst erlebt zu haben scheint. Nicht wirklich greifbar, eher unterschwellig, wie ein störendes, monotones Hintergrundrauschen, das aber Tragisches zur Folge hat. Und die das Kindermädchen Cleo auf eine harte Probe stellt.

Cleo, eine Mixtekin – devot, gewissenhaft und vor allem liebevoll – ist der Fixstern in diesem kleinen Sonnensystem aus drei Generationen einer Familie, die mir anfangs fremd ist, durch das Einwirken der guten Geister des Hauses aber als ikonographische Kernfamilie in ihrem eigenen Kokon autark bleibt, auch wenn sie kurz davor steht, auseinandergerissen zu werden. Cleo scheint über allem zu schweben, ihr Leben zweigeteilt in Privates und dem Privatem der zu dienenden Familie. Ein schwieriges, nicht unbedingt glückliches Leben. Genügend aber, für Cleo, die sich nach der Decke ihres kleinen Zimmers streckt, dass nicht mal ihr allein gehört. Yarica Aparicio ist in ihrer Rolle eine bereichernde Entdeckung, die in ihrer schier endlosen Duldsamkeit und aufopferndem Willen fürs Gute bittere Tränen weint und weit über ihre Grenzen geht, um zu sich selbst zurückzufinden. Die respektvolle Liebe, die Alfonso Cuarón hier in neorealistische Photographien gießt, die wiederum an das italienische Kino eines Vittorio des Sica erinnern, macht das Werk zu etwas ganz Speziellem, zu etwas, das sich nicht ans Publikum anbiedert, das sich einfach selbst genügt. Dass seine Geschichten ernst nimmt. Der Erinnerungen, der schwierigen Zeiten wegen, die da kamen und gingen. Für diese Zeiten, für dieses Damals ist dieser Film gemacht. Roma schielt nicht auf das Plus an den Kassen. Das ist direkt befreiend, da bleibt die Hoffnung, dass Geschichten wegen ihrer Geschichten wegen noch verfilmt werden. Cuarón, für mich nicht erst seit Gravity einer, der schon längst die Geschichte des Kinos mitgeschrieben hat, weiß sogar, bei seiner Rückkehr an den Ort seiner Kindheit sogar Zitate aus seinem filmischen Euvre zu integrieren.

Roma ist womöglich deswegen überall mit dabei, weil es das Kino wieder an seine eigentliche Aufgabe erinnert. Nämlich, auf eine ehrliche Art an das zu glauben, was es erzählt. Dabei darf es alles – idealisieren, verklären, wenig erklären. Nur nicht seine eigenen Werte verraten. Da ist Roma ein kraftvolles, in sich ruhendes Beispiel.

Roma

Outlaw King

BLUT UND BODEN

7/10

 

OK_05200.CR2© 2018 Netflix

 

LAND: GROSSBRITANNIEN 2018

REGIE: DAVID MACKENZIE

CAST: CHRIS PINE, FLORENCE PUGH, AARON TAYLOR-JOHNSON, STEPHEN DILLANE U. A.

 

William Wallace hat gesiegt. Zumindest posthum, 690 Jahre nach seiner Hinrichtung. Und wiederauferstanden in der virtuellen Welt des Kinos, in der Gestalt eines jungen Mel Gibson, mit teils blau bemaltem Gesicht und zotteliger Mähne. Wütend, einnehmend und letzten Endes bestialisch ermordet. Aber dennoch: 5 Oscars für seine Geschichte, darunter Bester Film. Für die Schotten wäre die mediale Aufarbeitung seiner Taten sowieso nicht notwendig gewesen, sie verehren ihren Nationalhelden unaufgefordert bis heute. Was für uns vielleicht Prinz Eugen von Savoyen, ist für den hohen Inselnorden der Ritter aus Elderslie. Doch warum erzähle ich das? Ganz einfach – das Schicksal des William Wallace ist relativ eng verknüpft mit den Erlebnissen eines gewissen Robert Bruce oder the Bruce, Zeitgenosse der eingangs erwähnten historischen Gestalt und in den letzten zwei Dekaden seines Lebens König von Schottland. Natürlich nicht von heute auf morgen, da ist viel Blut sämtliche Flussläufe Kaledoniens hinabgeflossen, unzählige Gräueltaten vollbracht und Menschen verschleppt worden. Das Mittelalter, das brauche ich niemandem erzählen, war trotz aller wildromantischer Verklärungen in Sagen, Legenden und Fantasy eine fürchterlich brutale Epoche bar jeglicher Menschenrechte. Könige wie Eduard der I., der damals das britische Inselreich mit eherner Faust regierte und nach langem Kampf die Anführer des mühsam niedergerungenen Schottlands zu Kreuze kriechen ließ, waren Ungeheuer der Macht, die mit nichts ihre gottgleiche Gier gezügelt sehen wollten. Unter diesen gebeugten Häuptern war eben auch Robert Bruce, der nach der Einnahme Schottlands nun unter Englands Fuchtel genötigte Disziplin an den Tag legen musste. Ihm zur Zwangsheirat verpflichtet: Elizabeth de Burgh, die Tochter eines Vertrauten des englischen Königs. Schwer, jetzt nochmal aufzubegehren. Aber genauso schwer, das rücksichtslose Rekrutieren der Engländer auf Dauer zu dulden. Die Hinrichtung des Landsmannes Wallace – um hier nun die Brücke zu schlagen – auf dreierlei Grausamkeit, nämlich Hängen, Ausweiden und Vierteilen (die übliche Vorgangsweise bei Verrätern der Krone) und der anschließende Trophäenaushang direkt vor der Nase von Robert brachte das Fass dann allerdings zum Überlaufen.

Was folgt, ist eine entbehrungsreiche Hasenjagd quer übers Hochland und durch die spärlichen Wälder, die es damals noch gab. Ein Mobilisieren des Widerstands, ein Verraten, Verbrüdern und Opfern. Und mit jeder Menge Blut, das den Boden tränkt. David Mackenzie, der bereits schon für seinen Neo-Western Hell or High Water mit „Captain Kirk“ Chris Pine zusammengearbeitet hat, macht nun für das Patschenkinoportal Netflix seinen Star erneut zum Asozialen – diesmal aber mit Kettenhemd, Helm und Schwert, das in abendfüllender Vehemenz nicht zur Ruhe kommen wird. Wer mit dem Faustrecht des Stärkeren in Michael Hirst´s Vikings, bereits in der 5. Staffel angekommen, nach wie vor mitfiebert und auch während den grandios inszenierten Schlachten von Game of Thrones nicht die Hand vor Augen hält, wird in Outlaw King zielgruppengenau unterhalten werden. Mackenzie´s in schottischer Weite schwelgendes, prächtig ausgestattetes Epos aus dem frühen 14. Jahrhundert ist bei Weitem kein gefälliges mittelalterliches Treiben zwischen Minne und intriganten Machenschaften. Outlaw King ist ein Politthriller basierend auf historischen Fakten. Es geht um Rebellen, Unterdrückung und Selbstbestimmung. Das alles in geradezu nüchterner Betrachtung. Zurückhaltend, aber nicht emotionslos. Packend, aber weit entfernt von schwermütigem Kitsch. Pine ist als Robert Bruce ein stiller, fast schon stoischer Denker, ein Pragmatiker unter dem Herrn, der seine Wut zu zügeln weiß – und womöglich deshalb anführen kann. Gut möglich, dass dieser spätere Robert I. tatsächlich so war, ein Grund mehr, Outlaw King als gut recherchiert zu betrachten. So wie die explizite Gewalt, die teilweise über den Bildschirm wütet, sich bis auf einige drastischen Schockmomente aber der spannenden Geschichte zuliebe zügelt. Meist geht das Schlachten in seinen Details im Chaos waffenklirrender Handgemenge unter – ähnlich wie in Mel Gibson´s eingangs erwähntem Meisterwerk, und ähnlich brillant choreographiert.

Outlaw King ist martialisches Mittelalterkino, windumtost, schlammig und karg. Und eigentlich fast als Spinoff-Fortsetzung von Braveheart zu betrachten, da beide Filme chronologisch überlappen. In Anbetracht der Fülle historischer Aufarbeitung, was die Brexit-Insel betrifft, würde ich mir endlich mal ähnliches Eventkino aus dem Herzen Europas wünschen. Andreas Prohaska ist mit seinem Dreiteiler über Maximilian diesem meinem Verlangen schon einige geharnischte Schritte entgegengekommen – aber was ist mit König Ottokar? Oder Rudolf I.? Da gibt es noch jede Menge Stoff. Da muss man gar nicht auf fiktive Welten ausweichen. Für Liebhaber kinematographischer Zeitreisen, die gerne am Boden der Tatsachen bleiben und sich sowieso gerne jenseits von Kino und TV zwischen Burgmauern herumtreiben, führt eigentlich kein Weg an Mackenzie´s biographisch-politischer, aber keinesfalls verklärender Königsgenese vorbei.

Outlaw King

BlacKkKlansman

DER KUCKUCK IM KU-KLUX-KLAN

5/10

 

BlacKkKlansman© 2018 Universal Pictures International Germany GmbH

 

LAND: USA 2018

REGIE: SPIKE LEE

CAST: JOHN DAVID WASHINGTON, ADAM DRIVER, LAURA HARRIER, TOPHER GRACE, JASPER PÄÄKKÖNEN, ALEC BALDWIN U. A.

 

Als Ron Stallworth im Polizeikommissariat Colorado Springs, Abteilung Undercover-Ermittlungen, nach einem Blick in die Tageszeitung zum Hörer greift und auf eine plötzliche Eingebung hin die Nummer des Ku-Klux-Klans wählt, unterliegen nicht nur die Kinnladen der Filmkollegen der Schwerkraft. Dieser Ron Stallworth, der ist nämlich ein Afroamerikaner. Einer der wenigen, die zu dieser Zeit überhaupt in staatliche Dienste gestellt werden, noch dazu sichtbar für das latent rassistisch geprägte amerikanische Volk der Weißen, die damit wenig anfangen können und wo verdeckte Ermittlungen grandios funktionieren, weil einfach niemand damit rechnet, das Schwarze im Umfeld potenzieller Gefahrenquellen herumschnüffeln könnten. Diese einmalige Gelegenheit, die lässt Ron Stallworth nicht verstreichen. Und landet schon alleine mit seinem unverschämten Anruf beim lokalen Gruppenleiter der Kapuzen-Rassisten eine schallende Ohrfeige auf den Wangen Reinheitsgebot predigender Herrenkrieger.

Mit diesem Stoff hat sich Kultregisseur Spike Lee etwas ganz Brisantes ausgesucht. Diese True Story, die sich in den 70ern ereignet hat und auf den Erinnerungen des echten Stallworth beruht, ist kaum zu glauben und schreit danach, vor allem in Zeiten wie diesen verfilmt zu werden: Ein Schwarzer infiltriert und unterwandert das superrechte Lager und gibt ale eine Art „Till Eulenspiegel“ mit Afro den kleinkarierten Unfug der Möchtegern-Arier der Lächerlichkeit preis. Dieses Kunststück der Entlarvung wäre wohl nicht gelungen, hätte Ron Stallworth nicht Kollegen an seiner Seite gehabt, die bei diesem präventiven Schildbürgerstreich mitgespielt hätten. Dank des Juden Flip Zimmerman erschaffen die Undercover-Experten eine fiktive Figur echten Namens, die sowohl vor als auch hinter dem Telefon funktioniert und selbst den nationalistischen Abgeordneten und Oberguru David Duke aufs schneeweiße Glatteis führt.

Wie sehr doch Spike Lee die Möglichkeiten dazu gehabt hätte, den rechtsradikalen Ku-Klux-Klan mithilfe des aufblätternden Witz eines Charlie Chaplin als haltloses Ad-Absurdum-Vehikel darzustellen. Doch die Wut und die Furcht des Filmemachers konnten einfach nicht dulden, der erlebenswerten Realsatire ganz allein das Feld zu überlassen. Spike Lee wollte ein politisches Statement verkünden, dass er aber als Understatement ohnehin schon gehabt hätte. Lee macht es letzten Endes wie Michael Moore – er wird populistisch, und stiehlt durch seinen Populismus seiner intelligenten Chronik der Ereignisse voller Länge die Show. Hätte es die Realszenen am Ende des Filmes zu den Ereignissen des August 2017 wirklich gebraucht? Oder Harry Belafonte´s (welche Überraschung, ihn nochmals auf der Leinwand zu sehen) Chronik der Hinrichtung eines geistig behinderten Schwarzen? Meiner Meinung nach nicht. Meiner Meinung nach fühlt es sich so an, als hätte Spike Lee auf den Zündstoff seiner subversiven Beinstellerei letzten Endes nicht mehr vertraut. Und so soll im Nachhinein die Angst vor Trump und den gewalttätigen Rechten jene Wirkung erzielen, die eigentlich Stallworth als Wolf im Schafspelz hätte erzielen sollen. Dieser Semidokumentarismus, der wäre in Filmen wie Detroit von Kathryn Bigelow besser positioniert gewesen. Aber nicht in einem Film wie BlackkKlansman, der ohnehin ein gebildetes, linksorientiertes Publikum zu erwarten hat, das längst weiß, wie sehr das rechte Nationalbewusstsein derzeit neu erstarkt. BlackkKlansman hätte mit all seiner souveränen Hinterfotzigkeit das Problem von einer ganz anderen, überraschenden Seite anpacken können – nämlich aus der Mitte heraus, wie ins Auge des Sturms teleportiert, und nicht frontal und für alle sichtbar von außen.

BlacKkKlansman ereignet sich vor dem Hintergrund der Black Power-Bewegung. Doch von Power ist der Film weiter entfernt als gedacht. Lee erzählt die irren Ereignisse in einem scheinbar contraindizierten Chill-Modus. Das entschleunigte Tempo bewahrt zwar einen lässigen Überblick, findet aber im Gegensatz zu den anklingenden Soulklassikern kaum einen eigenen Rhythmus. Dieser folglich unentschlossenen Ambition für den Film und des streckenweise verhobenen Timings fallen auch Hauptdarsteller John David Washington und Adam Driver zum Opfer, die natürlich als Undercover-Profis alles andere als wütend, dafür aber von einer gewissen entrückten Gelassenheit beseelt sind, die dem Film noch dazu einiges von seiner eigentlich elektrisierenden Wirkung nimmt. Im Gegensatz dazu gebärden sich die radikalen Sektierer des Ku-Klux-Klans in beängstigendem Fanatismus, allen voran Vikings-Darsteller Jasper Pääkkönen. Vielleicht sollen sogar die unterschiedlichen Verhaltensmuster die Kluft zwischen Absurdität und Verstand stark konstrastieren – die motivierende Energie der Aufklärer fällt allerdings seltsam schal aus.

So muss ich trotz der vielen hochlobenden Kritiken, die zu BlacKkKlansman zu lesen waren, eher enttäuscht feststellen, dass Spike Lee seiner sarkastischen Demaskierung eines so kruden wie zerstörerischen Weltbilds selbst nicht ganz vertraut und dort politische Tagungsreden schwingt, wo cleveres Understatement mit ordentlichem Nachhall für sich allein Bände gesprochen hätte.

BlacKkKlansman

Die Frau, die vorausgeht

MALEN FÜR DAS VÖLKERRECHT

5/10

 

WWA_D05_00474.ARW© 2017 Tobis Film

 

ORIGINAL: WOMAN WALKS AHEAD

LAND: USA 2017

REGIE: SUSANNA WHITE

MIT JESSICA CHASTAIN, MICHAEL GREYEYES, SAM ROCKWELL, CIARÁN HINDS, MICHAEL NOURI U. A.

 

Habt ihr jemals etwas von Caroline Weldon gehört? Ich zumindest nicht. Die New Yorker Witwe mit Schweizer Wurzeln war Ende des neunzehnten Jahrhunderts eine einmalige Erscheinung. Eine Künstlerin, um genau zu sein eine Malerin, doch das wäre nicht das Bemerkenswerte an dieser Frau – Caroline Weldon ist in die Wildnis gezogen, weit nach Westen in die Prärie, um den legendären Sioux-Häuptling Sitting Bull zu portraitieren, oder besser gesagt das, was von ihm übrig ist. Tot ist er zu diesem Zeitpunkt noch nicht, die glorreichen Tage allerdings sind lange vorüber. Bei Sitting Bull knüpfe ich mit meiner Geschichtskenntnis wieder an. Das wissen wir – nämlicher Häuptling hatte damals gemeinsam mit Crazy Horse General Custer das Fürchten gelehrt. Die Schlacht am Little Bighorn 1876 war wohl die größte Niederlage der Weißen während der Indianerkriege. Die Folge war die Ermordung aller beteiligten Stammeshäuptlinge – bis auf Sitting Bull. Der hat seine traditionelle Tracht gegen westliche Gewänder getauscht und gräbt lieber nach Kartoffeln als nach den Wurzeln seines Stammesstolzes.

Dass gerade eine Frau hier noch das letzte bisschen Selbstachtung aus dem legendären Krieger hervorholt, ist Grund genug, darüber einen Film zu drehen. Vor allem weil mit dem Damenbesuch im Reservat der Anfang vom Ende der Sioux eingeleitet wurde. Dieses Requiem an die indigene Bevölkerung Nordamerikas, diese schmerzliche Entwurzelung – die hätte allerdings deutlich packender werden können. Regisseurin Susanna White, die schon mit dem Spionagethriller Verräter wie wir eigentlich hauptsächlich aufgrund der schalen Performance Ewan McGregor´s nicht überzeugen konnte, hat sich die toughe Jessica Chastain in die staubige Weite der Lakota-Territorien geholt. Mit ihr und Oscar-Preisträger Sam Rockwell am Start dürfte relativ wenig schiefgehen, zumindest schauspielerisch. Chastain hat allerdings leider nicht das Charisma eines so offenherzig impulsiven Gutmenschen wie Caroline Weldon einer war. Eher ist die rothaarige Intellektuelle für charakterliche Grauzonen geeignet – kühl, berechnend, stets ein As im Ärmel, tief drinnen aber ungemein verletzbar. Die Malerin aus New York gelingt ihr nur bedingt, spitzenbesetzte Kleider und eng geschnürtes Mieder will sich die Damen nach Drehschluss am Liebsten schleunigst vom Leib reissen. Ihr zur Seite die große Sioux-Legende, mit Michael Greyeyes viel zu jung besetzt. Gut. Sitting Bull wurde knapp 60 Jahre alt, dennoch strahlt dieser Häuptling hier in White´s Film wie es scheint keinerlei Erfahrung aus. Fast könnte man meinen, die Malerin und ihr Model sind gleichen Alters, was so wahrscheinlich nicht stimmt.

Da Die Frau, die vorausgeht meist Szenen präsentiert, die Chastain und Greyeyes im Dialog miteinander darstellen, fehlt dem Film vollends die Gewichtung dieser Begegnung, die Erfahrung und Entbehrung dahinter. Die Begegnungen der beiden sind so oberflächlich wildromantisch wie die idealisierten Malereien, die zu dieser Zeit entstanden sind. Sobald die Geschichtsstunde aufs politische Podest gehoben wird, überwiegen die völkerrechtswidrigen Fakten vor traditionellem Wildwest-Charme, dann folgt die Aufklärung und das garstige Bild der weißen Invasoren von damals, die das Desaster am Little Bighorn so vernichtend rächen mussten. Davon zeugt das Massaker an den Lakota-Indianern in der Ortschaft Wounded Knee 1890.

Der Wucht dieses Genozids weiß Susanna White´s Film nichts entgegenzusetzen, weder einzufangen noch zu ertragen. Dagegen wirkt die gut betuchte Volksaktivistin Weldon trotz all ihres Engagements ziemlich neben den Ereignissen stehend, so wie unterm Strich der ganze Film, der lieber in nostalgischer Wehmut schwelgt. Was vielleicht prinzipiell gar kein Fehler ist, in diesem feministischen Polit-Western aber extrem hausbacken daherkommt.

Die Frau, die vorausgeht

Am Ende des Tages

DER FREUND VON FRÜHER

7,5/10

 

amendedestages© 2011 Thimfilm

 

LAND: ÖSTERREICH 2011

REGIE: PETER PAYER

MIT NICHOLAS OFCZAREK, SIMON SCHWARZ, ANNA UNTERBERGER U. A.

 

Bei meinen Reviews versuche ich stets, so gut es geht allen Spoiler-Versuchungen großräumig auszuweichen, sodass meine Beiträge auch gelesen werden können, auch wenn der betreffende Film noch nicht zur Sichtung kam. Bei dem österreichischen Thriller Am Ende des Tages ist es wirklich sehr schwierig, nicht zuviel zu verraten. Worüber ich aber rezensieren kann, das sind die Schauspieler – und das Genre des Streifens, der eigentlich weitaus mehr ist, als die Synopsis vermuten lässt. Was Peter Payer´s Roadmovie eben auch ist: ein Werbefilm für Österreich. Wir sehen einen österreichischen Politiker, gespielt von Simon Schwarz, der im schulterklopfenden Erfolgstaumel eines Sebastian Kurz kurz davor steht, in den Nationalrat einzuziehen, steht die Riege einflussreicher Politbonzen doch hinter ihm und hofiert, dass die Parlamentsbänke krachen. In kessem Schwarz und mit überheblichem Gutmenschen-Grinser will Robert in Tirol ein angenehmes Wochenende verbringen, gemeinsam mit seiner Frau und zukünftigen Mutter, die Tochter superreicher Eltern. Vielleicht zwischendurch ein Interview mit dem Magazin Profil, aber sonst will das exklusive Paar zwischen den Gipfeln Westösterreichs so ziemlich für sich sein. Sie fahren mit dem Auto – also quer durch das schöne Land von Mozartkugel und Arnold Schwarzenegger. Und da geizt der Film natürlich nicht mit panoramaformatierten Reizen, von den agrardominierten Niederungen des Ostens bis zu den schneebedeckten Gipfeln des Westens. Auch Salzburg darf seine Schokoladenseite präsentieren, und irgendein See im Salzkammergut, in dem sich gut baden lässt. Tourismuswerbung all inclusive, das Budget des Filmes dürfte damit schon auf der Haben-Seite sein. Doch warum eigentlich nicht, was das Filmland Österreich hat, das hat es. Und es hat nicht nur wohlgeteerte Autobahnen und Freilandstrassen, sondern auch Schauspieler, die, während sie fahren und an Tankstellen und Raststationen halten (Danke Landzeit und BP), ein recht subversives, garstiges Drama vom Zaun brechen, das als Stalkerthriller alleine zwar auch sehr gut funktioniert, mit den Seitenhieben einer Politsatire aber noch besser punktet. Und das überrascht mich dann doch.

Was mich weniger überrascht, ist Nicholas Ofczarek´s famoses Spiel. Stets in seiner Rolle, wunderbar nuanciert, ekelhaft gut: der Sohn österreichischer Opernsänger ist ohnehin als Qualitätsgarant auf Bühnen, im Kabarett und im Fernsehen eine stets Erwartungshaltungen erfüllende Kunstfigur. Immer mit dem Hang zum Vulgären, Absonderlichen, Brutalen. Aber niemals plump, stets überlegt und mit cleverem Pfiff. Genauso legt der schwerfällig scheinende Hüne auch seine Rolle des vermeintlichen Psychopathen Wolfgang an, der seinem ehemaligen Jugendfreund scheinbar zufällig über den Weg läuft, um ihn dann nicht mehr aus den Augen zu lassen. Was für ein Stalker unter der sommerlichen Sonne, der sich noch dazu in Frauenkleider zwängt und dem werdenden Polit-Star fortan mit unangenehmen Fragen konfrontiert, von dessen Inhalt selbst die neureiche Kathi keinen blassen Schimmer hat. Simon Schwarz allerdings stößt bei seinem Spiel des souveränen Weltmenschen manchmal an seine Grenzen, da wirkt sein Spiel aufgesetzt und schulisch. Darstellerische Fehler, die er in anderen Szenen aber wieder wettmacht.

Die kompakt konzipierte, schneidige Story nimmt von Anfang an und im wahrsten Sinne Fahrt auf, hat keinerlei Verschnaufpausen notwendig und führt den etwas anderen Politthriller zu einem konsequenten, schlüssigen Finale, das sogar ein bisschen an Roman Polanski´s Der Tod und das Mädchen erinnert. Um Wahrheit geht es hier, um Ehrlichkeit und Verdrängung. Um weiße Westen und die Gier nach Macht, die jeden selbstherrlichen Orator in die Politik drängt.

Ich hätte nicht vermutet, hinter Am Ende des Tages einen so differenzierten Mix aus mehreren Genres vorzufinden. Einen schnittigen Thriller, der vieles will, dieses Viele klug komprimiert und eigentlich alles erreicht, was er sich vorgenommen hat. Inklusive Wetterpanorama von unserem schönen Österreich.

Am Ende des Tages