Dolmetscher

OPFER, TÄTER UND IRGENDWAS DAZWISCHEN

5/10

 

dolmetscher© Barbora Jancárová/Titanic, InFilm, coop99

 

LAND: ÖSTERREICH, TSCHECHIEN, SLOWAKEI 2018

REGIE: MARTIN ŠULÍK

MIT JIRÍ MENZEL, PETER SIMONISCHEK, ZUZANA MAURÉRY, ATTILA MOKOS U. A.

 

Irgendwann passiert es einfach. Und es lässt sich nicht verhindern. Die Opfer von früher treffen auf jene, die ihnen Böses wollten. Sind Opfer oder Täter von früher irgendwann nicht mehr, bleiben die Nachkommen. Doch auch als Filius eines Mörders ist ein solcher immer irgendwie noch jemand, der Schuld auf sich geladen haben muss. Und weiß man seine Eltern gemeuchelt im Massengrab unter der Erde liegend, prangt Opfer auf der Stirn des alten Waisen, der als Dolmetscher außer Dienst den Wohnsitz eben jenes Kriegsverbrechers heimzusuchen gedenkt, der das Leben von Mutter und Vater auf dem Gewissen hat. Der tschechische Filmemacher und Schauspieler JirÍ Menzel spielt diesen alten Herrn im Columbo-Gedächtnismantel und mit einem Profil, das frappant an Gunther Philipp zu seinen späten Kalauerzeiten erinnert, einzig die Ohrläppchen sind etwas kleiner. Da steht er also im Stiegenhaus eines Wiener Altbaus und läutet den völlig zerknitterten Georg Grabner aus dem vormittaglichen Müßiggang. Das hat erstmal nicht wirklich den gewünschten Effekt, den sich der alte Ali Ungar ausgemalt hätte, mit Schießeisen in der Manteltasche und den Memoiren von Papa Grabner im Koffer. Doch kommt Zeit, kommt Erkenntnis – und irgendwie finden sich die beiden plötzlich als Vertreter ihrer Past Generation im Auto wieder – quer durch die Slowakei, auf den Spuren politisch angeordneter Schwerverbrechen, auf aufklärerischen Pfaden, und auf der Suche nach dem Grab der Eltern – oder so ähnlich.

Denn irgendwie verzetteln sich die beiden. Gut, sie sind nicht mehr die Jüngsten, sie sollten sich ruhig Zeit nehmen. Kauzige Roadmovies mit ernstem Hintergrund haben schon Potenzial. Aber das heißt leider nicht, dass sich Regisseur Martin Šulík ebenfalls verzetteln muss. Dolmetscher ist sowohl die Geschichte einer Freundschaft, aber auch ein Gräuel-Dokument mit dem Holzhammer. Dieses Aussöhnen der Nachkommen, dieses Abklären der nachhaltigen Verantwortung und der Sippenhaft – diese Thematik findet sich auch in Chris Kraus´ schräger, ganz anders aufbereiteten Dramödie Die Blumen von gestern wieder. Da wurden sogar Enkelin und Enkel nicht mit ihrer Familiengeschichte fertig. Den Kraftakt muss Dolmetscher auch nicht auf knapp zwei Stunden hinbiegen, das ist etwas, das wohl niemals wieder richtig gut wird.

Die Annäherung von Täterkind Peter Simonischek an den völlig spaßbefreiten Ungar sind die besten Szenen des Filmes. Dieses Miteinander hätte schon Substanz genug gehabt, aus der ganzen nachhallenden Spurensuche ein streitbares Roadmovie durch ein so nahes und doch so unbekanntes Land zu skizzieren. Die von mir sehr geschätzte Burgtheaterlegende in Silbergrau hat noch immer ein bisschen den Toni Erdmann in den Knochen, kann aber auch sein, dass der Mann in diesem Film sehr oft einfach er selbst ist. Das macht ihn sympathisch, brummig und zugänglich – aber erinnert auch an einen Moderator aus einer Gedenktag-Doku. Menzel gibt mit seiner wandelnden, unfreiwillig schrulligen Tristesse in Beige da ordentlich kontra. Doch das und die nebelverhangenen Herbstlandschaften der Ostslowakei ziehen an einem Film vorbei, der eigentlich nur das Grauen der Nazizeit in der Slowakei aufarbeiten will. Das geht schwer zusammen, dafür ist auch zu wenig Platz in dieser Geschichte. Wenn in wenigen Momenten tatsächliche Zeugen auf alten Filmaufnahmen zu Wort kommen, dann ist das Aufarbeitung im Schnellverfahren – so viele schreckliche Details wie möglich in wenigen Minuten. Das kommt ein paar Mal vor. Und ist dann doch erzwungen reißerisch. Wenngleich der Versuch, der NS-Geschichte in den Tälern der Tatra Gehör zu verschaffen, von Regisseur Šulík durchaus ehrenhaft ist.

Dolmetscher weiß nicht, wie es mit all den Ansprüchen umgehen soll. Tragikomisch oder nur tragisch? Augenzwinkernd oder in trauernder Apathie? Neuanfang oder Nicht vergessen können? Natürlich darf Film Widersprüche vereinen, doch hier findet sich nicht mal Peter Simonischek ganz zurecht, den eigentlich mehr die Bilder von damals bewegen als alles andere. Im Grunde aber ist das Ganze ein unausgewogenes Drama, teils semidokumentarisch, teils das Reisevideo zweier Pensionisten, die unterschiedlicher nicht sein können. Zu wenig geht hier voran, zu viel will erledigt werden. Am Ende hat Martin Šulík sogar noch einen Story-Twist parat, der dann aber tatsächlich funktioniert, und die Figuren von Heute näher ans Ziel ihrer Bestimmung führt.

Dolmetscher

Deckname Holec

ZOFF UM ZILK

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holec

Dagmar war vermutlich nicht erfreut. Weder von Jan Nemec´s Erzählung The Italien Connection, welche angeblich die Erlebnisse des Prager Filmemachers mit dem damaligen ORF-Generaldirektor Dr. Helmut Zilk schildert, noch von Franz Novotny´s Verfilmung ebenselber literarischer Vorlage. Hat ihr Mann und späterer Wiener Bürgermeister tatsächlich mit dem tschechischen Geheimdienst paktiert? War er ein Informant? Wir alle haben ihn doch als schlagfertigen Ombudsmann mit strahlend weißer Weste in Erinnerung, als vorzuzeigendes Stadtoberhaupt und nicht unterzukriegendes Opfer des Briefbombers Franz Fuchs.

Der Film ist eine Deutung jener Ereignisse, die Zilk im Rahmen seiner oftmaligen Aufenthalte in der Tschechoslowakei zugeschrieben werden. Aber ich bin felsenfest davon überzeugt, dass sich Zilk nichts zuschulden hat kommen lassen. […] Ich sehe bei dem Film kein Skandalpotenzial, nicht im Geringsten.“, so Franz Novotny 2014 in einem Interview in der Zeit im Bild aus dem Jahre 2014, fast zwei Jahre vor der Premiere des Filmes. Tatsächlich lässt der österreichische Kultregisseur (Staatsoperette, Exit, Die Ausgesperrten) den legendären Showman und Politiker bei Gott nicht als Verräter, Nestbeschmutzer oder korrupten Spitzel dastehen, immerhin aber als notgeilen Frauenversteher, der seine obskuren Aufenthalte in Prag um frivole Begegnungen mit einer Schauspielerin namens Eva bereichert habe. Das ging natürlich besagtem Regisseur Nemec, dessen Filme in seinem Heimatland zensiert und stattdessen in Cannes Furore machten, gehörig gegen den Strich, war doch Eva nicht nur seine Muse, sondern auch das Objekt seiner eigenen Begierde. So verstricken sich in der goldenen Stadt Begegnungen und Konfrontationen aller Art, wobei der tschechische Geheimdienst unmerklich mitmischen und Zilk fast im Vorbeigehen zu mehr oder weniger unfreiwilligen Kooperation im Schatten gewinnen konnte. So oder ähnlich wollte Novotny die spärlichen Fakten nachinterpretieren. Keine Spur von einer idealistischen Initiative unseres Helmuts, vielmehr ein plötzliches Hineingeraten, das gar nicht beabsichtigt war. Nun, so schnell kann es gehen. Und neben verwanzten Kristalllustern und verbotenen Filmrollen muss Zilk, in treffendem, charmantem Pragmatismus dargeboten von Johannes Zeiler, eben sehen wo er bleibt. Und wie er da wieder rauskommt.

Wenn die verwirrenden Verwicklungen nicht angeblich wahr wären, dann wären sie gut erfunden – und passend zugestutzt für eine augenzwinkernde, frei kolportierte Anekdote aus dem skurrilen Ostösterreich der 60er Jahre, das vor allem mit seiner Hauptstadt Wien niemals wieder so bruderschaftlich mit den östlichen Nachbarn kokettiert hat wie damals. Doch mehr als eine Anekdote ist Novotny´s Möchtegern-Spionagethriller nicht geworden, dem Genre des Spannungskinos gar nicht mal zuordenbar.

In fast schon satirischer Erzählweise strawanzt Deckname Holec kettenrauchend und kopulierend zwischen Franz Antel´s Bockerer IV – Prager Frühling, Wikipedia-Geschichtsstunde und Le Carré-Spionagedrama hin und her, mal gähnend langweilig, dann wieder in kurioser Turbulenz dem Wiener Bürgermeister in seiner Abenteuerlust Tribut zollend. Alles schön im ausgebleichten und wenig einladenden Designerlook vergangener Jahre, als Kreisky von sich reden machte und der Warschauer Pakt beinahe über uns herfiel. Eine bittere, umstürzlerische Zeit, doch Novotny hat dennoch No Time for Revolution. Die einzige Revolution ist die schallende Ohrfeige für den ORF-Virtuosen, erteilt von Polizeichef Fuchs (Schauspieler Heribert Sasse´s letzte Rolle) am Ende des Filmes. Spätestens da darf man dann einem Gentlemen-Agenten wie Helmut Zilk so gut wie alles verzeihen und ihn ein bisschen wie James Bond dastehen lassen, als den Retter der Wahrheit. Novotny´s Film ist schon ein bisschen narzisstisches Machwerk im Comic-Stil, getarnt als vorbildlich ausgestattetes, dampfplauderisches Politdrama. Deckname Holec ist zelebrierter Machismus und absichtliches Gambling für die gute Sache, irgendwo zwischen Verrat, Sex und jede Menge blauem Dunst.

 

Deckname Holec