The Gray Man

DIE PFUSCHER VOM (GEHEIM)DIENST

5,5/10


grayman© 2022 Netflix


LAND / JAHR: USA 2022

REGIE: ANTHONY & JOE RUSSO

CAST: RYAN GOSLING, CHRIS EVANS, ANA DE ARMAS, BILLY BOB THORNTON, REGÉ-JEAN PAGE, WAGNER MOURA, JESSICA HENWICK, DHANUSH, JULIA BUTTERS, ALFRE WOODARD U. A.

LÄNGE: 2 STD 9 MIN


Ryan Gosling muss seine Identität nicht wechseln. Dafür hat er eine Nummer. Sierra 6. Oder so ähnlich. Netflix will nämlich auch gerne sein eigenes Agenten-Franchise haben, doch irgendwie mag es damit nicht so recht funktionieren. Vielleicht zäumt der derzeit unter einigem Kundenschwund leidende Streamingriese sein Pferd von der falschen Seite auf. Des Rätsels Lösung scheint nämlich nicht, jede Menge Superstars einzukaufen, die dann als abrufbares Haus-und-Hof-Ensemble zur Verfügung stehen. Wir haben Ryan Reynolds, Dwayne Johnson, Gal Gadot, Ana de Armas schon des Öfteren. Mark Wahlberg, Jamie Foxx und jetzt auch zur Freude aller Fans von Nicolas Winding Refn, der ihn mit Drive so richtig stoisch in Szene gesetzt hat: eben Ryan Gosling. Das muss doch funktionieren, denken sich die Verantwortlichen von Netflix und feiern sich und den Actionthriller The Gray Man als neues Ei des Columbus, dessen um der Standfestigkeit willen in Mitleidenschaft gezogene Unterseite mehr Brüche quer durch den Film verursacht als anfänglich in Kauf genommen.

Denn was hat The Gray Man denn eigentlich wirklich Besonderes zu bieten – neben des Casts natürlich? Die Antwort ist nicht leicht zu finden. In der Story ruht sie jedenfalls nicht. Zugrunde liegt dieser ein x-beliebiger 08/15-Roman aus der Feder von Tom Clancys gehostetem Sidekick Mark Greaney, der gegenwärtig die Jack Ryan-Reihe munter fortführt. Um nicht dauernd dasselbe in Grün zu schreiben, gibt’s auch anderen Stoff – eben The Gray Man um einen angeblich lautlosen Killer eingangs erwähnter Nummer, der irgendwann aus dem Gefängnis geholt wird, um für die CIA als nicht ganz legaler Mister Saubermann zu arbeiten, mit einem Ticket rund um die Welt und einer Verpflichtung auf lebenslang. Die CIA und andere Geheimdienste nutzen zwar wiederholt gut ausgebildete, steuerfreie Schergen zur bequemen Beseitigung potenziell weltverschlimmernder Individuen, wollen aber andererseits natürlich nicht, dass irgendwo in den Rechtsstaaten etwas davon durchsickert. Eine oft benutzte und noch öfter variierte Grundlage für das Thriller Entertainment, sei es nun im Kino oder als Serie. Bei Hanna hat das gut geklappt, bei den Bourne-Filmen ebenso. Bei The Gray Man – nun ja. Die Art und Weise, wie die Einsatzgruppe Scriptwriting hier die Belletristik adaptiert hat, lässt darauf schließen, dass Netflix wirklich nur auf Prominenz setzt.

Der Thriller hat inhaltlich nichts zu bieten. Also zumindest nichts Neues. Die Handlung bemüht sich, auf Spielfilmlänge zumindest so auszusehen, als hätten alle Beteiligten die Sache durchdacht. Und zwar auf kreative Weise. Mit Achterbahnfahrten quer durch Europa (gar nicht mal so exotisch – für die USA vielleicht, in uns Europäern weckt das nicht so sehr das Fernweh) und hineingezwängten Wendungen, die gestressten Nine-to-Five-Jobbern gleich bei stoßzeitlicher U-Bahnüberfüllung auch noch hinter die Tür des abgefertigten Zuges wollen. Dabei entstehen Logiklöcher, die, auch wenn man will, nicht oder nur schwer zu übersehen sind. Tom Cruise schafft in seinen Mission Impossible-Filmen trotz all der kuriosen Schauwerte immer noch sowas wie Plausibilität – den Russo-Brüdern, die mit den beiden Infinity-Filmen aus dem MCU wirklich zeigen konnten, was sie drauf haben, bleibt angesichts des schalen Plots kaum Füllstoff, um dramaturgischen Wendungen nicht den Sinn zu rauben.

Und dennoch: Die Rechnung von The Gray Man ist nicht eine, die gar nicht aufgeht. Wir haben den mimisch recht einsilbigen, aber sympathischen Gosling, der mit Gaze-Auflagen Scherenstiche heilt und Herumballern als diskrete Killermethode bezeichnet. Und den freudvoll aufspielenden Chris Evans jenseits von Captain America, der mit Pornobalken und enger Hose gerne mal den Ungustl gibt. Ana de Armas bleibt da außen vor – ihre guten Momente sind zum Beispiel in der ebenfalls auf Netflix veröffentlichten Agenten-Biopic Sergio zu finden. Und die Action? Spricht nicht für den teuersten Netflix-Film aller Zeiten. Obwohl ich kein Fan bin: Michael Bay hätte diese wohl prächtiger inszeniert. Wobei die krachige Straßenbahnsequenz in Prag außerplanmäßigen Intervallen infolge einer Zugstörung neue Bedeutung verleiht.

The Gray Man

Spider-Man: Far From Home

WIR MÜSSEN JETZT STARK SEIN

6,5/10

 

spidermanfarfromhome© 2019 Sony Pictures

 

LAND: USA 2019

REGIE: JON WATTS

CAST: TOM HOLLAND, JAKE GYLLENHAL, SAMUEL L. JACKSON, JON FAVREAU, MARISA TOMEI, ZENDAYA, COBIE SMULDERS U. A.

 

Gibt es denn ein Leben nach dem Endgame? Ja, doch, das gibt es. Darüber hinwegzukommen, dass die finale Schlacht um Thanos nicht ohne Verluste blieb, geht natürlich nicht von heute auf morgen. Und auch nicht von Frühling bis Sommer, wie uns der neue Spider-Man klarmachen will. Da hilft meistens nur die Methode, Abstand von alldem zu gewinnen. Denn das sind ja keine Peanuts, wenn man auf fremden Planeten gegen einen violetten Giganten antritt, an der Außenhülle eines Raumschiffs hängt und am Ende noch seinen Mentor verliert. Das schreit nach einer Auszeit fernab jeglichen Heldengetöses, in der sich Jungs wie Peter Parker, nicht mal noch volljährig, auf die eigentlich wesentlichen Dinge des Lebens rückbesinnen können. Auf das Zwischenmenschliche sozusagen. Auf das Mädchen MJ aus Parkers Klasse, die durch ihre unkonformistische Art das Interesse des Fassadenjunkies geweckt hat. Gut, dass die ganze Klasse gemeinsam nach Europa fliegt, denn auf Reisen lässt sich einfacher Bande knüpfen als im Alltagstrott daheim, wo vielleicht ohnehin nur neue Heldentaten auf ihre Erfüllung warten. Was sie auch tun, denn Ex-S.H.I.E.L.D.-Manager Nick Fury versucht verzweifelt, den Jungspund zu erreichen.

Mit Spider-Man: Far From Home endet Phase 3 des Marvel Cinematic Universe. So wie es aussieht holt sich Phase 4 dann doch noch den einen oder anderen Protagonisten mit aufs Boot, das zu neuen Ufern aufbrechen will. Die ganz alten Haudegen dürften Geschichte sein, das lässt sich auch anhand des rührseligen Farewell-Intros des vorliegenden Abenteuers nochmal besser begreifen. Tom Holland aber dürfte noch einiges vorhaben, wie es aussieht. Und mit ihm auch Samuel L. Jackson als Nick Fury oder Jon Favreau als integrer Happy, die gute Seele des Hauses, wenn man so will. Das macht den Abschied leichter, und den Übergang in ein neues Kapitel gar nicht so sehr zu einem Abnabelungsprozess wie befürchtet. Mit Jake Gyllenhaal taucht dann noch dazu ein kompletter Neuling auf, einer, der von einer alternativen Erde stammt, und mit anpackt, wenn es heißt, die neue Bedrohung des Planeten durch die Eternals abzuwenden. Das neue Abenteuer sieht also nach einem jugendlichen Interrail-Trip quer durch Europa aus, nur ohne Interrail und zwischendurch gibt es weltbewegende Giganten, die nicht nur die Lagunenstadt demolieren.

Jon Watts beweist da einmal mehr ein Händchen fürs lockere Inszenieren, fürs unbekümmerte Zusammenspiel seines Ensembles, das sichtlich Spaß an der Sache hatte, sich aber manchmal zu sehr auf ihren kindlich-naiven Charme verlässt, der natürlich einnehmenden Unterhaltungswert hat, allerdings nicht ganz so treffsicher Show macht wie bei Spider-Man: Homecoming. Dessen Esprit war eindeutig besser, und auch Michael Keaton war ein Antagonist, der nicht ganz so sehr einer Allmachtsfantasie erlegen war wie das bei Bösewichten oft der Fall ist. Spider-Man: Far From Home scheint da diesmal gänzlich ohne handfesten Widerpart auszukommen – oder doch nicht? Zu leicht tappt man bei der Rezension des aktuellen Abenteuers ins Spoiler-Fettnäpfchen, an jeder Ecke lauern kleine, nicht immer schlüssige Story-Twists, die aber für enorme Kurzweil sorgen, und die auch richtig schön ins Geschehen katapultieren, sodass sich der Alltag wie bei einer Reise üblich mit dem Fingerschnippen ausknipsen lässt.

Das quirlige Actionspektakel mit allerhand Akrobatik hat aber zum Glück nicht vergessen, seine Story auch mit einem Quäntchen Zeitgeistkritik zu versehen. Hier dreht sich viel um Social Media, Fake News und Meinungsmache, nah am Puls technophiler Trends. Dem wird mit viel süffisanten Seitenhieben und durchaus auch aufrichtiger Skepsis begegnet, wobei das Vermächtnis des Tony Stark und all die paranormalen Gewaltakte der letzten 22 Filme sehr starken Einfluss auf Spider-Man: Far From Home haben, denn nichts bleibt ohne Folgen, schon gar nicht im MCU, weshalb hier auf Details geachtet und auf ein gutes Erinnerungsvermögen gesetzt werden muss, bis zurück an die Anfänge. Wichtig ist es auch, sitzen zu bleiben bis nach dem Abspann, und ich meine, ganz nach dem Abspann, denn die Post Credit-Szenen, die wir bei Endgame schmerzlich vermisst haben, sind wieder da – und haben es in sich, wie selten zuvor. Wobei klar wird: das Bündel, das der Junge im Stretch tragen muss, wird schwer auf seinen Schultern lasten, aber was hilft´s – wir alle müssen jetzt Stark sein 😉 Oder kann es doch nur einen geben?

Spider-Man: Far From Home

Deckname Holec

ZOFF UM ZILK

* * * * * * * * * *

holec

Dagmar war vermutlich nicht erfreut. Weder von Jan Nemec´s Erzählung The Italien Connection, welche angeblich die Erlebnisse des Prager Filmemachers mit dem damaligen ORF-Generaldirektor Dr. Helmut Zilk schildert, noch von Franz Novotny´s Verfilmung ebenselber literarischer Vorlage. Hat ihr Mann und späterer Wiener Bürgermeister tatsächlich mit dem tschechischen Geheimdienst paktiert? War er ein Informant? Wir alle haben ihn doch als schlagfertigen Ombudsmann mit strahlend weißer Weste in Erinnerung, als vorzuzeigendes Stadtoberhaupt und nicht unterzukriegendes Opfer des Briefbombers Franz Fuchs.

Der Film ist eine Deutung jener Ereignisse, die Zilk im Rahmen seiner oftmaligen Aufenthalte in der Tschechoslowakei zugeschrieben werden. Aber ich bin felsenfest davon überzeugt, dass sich Zilk nichts zuschulden hat kommen lassen. […] Ich sehe bei dem Film kein Skandalpotenzial, nicht im Geringsten.“, so Franz Novotny 2014 in einem Interview in der Zeit im Bild aus dem Jahre 2014, fast zwei Jahre vor der Premiere des Filmes. Tatsächlich lässt der österreichische Kultregisseur (Staatsoperette, Exit, Die Ausgesperrten) den legendären Showman und Politiker bei Gott nicht als Verräter, Nestbeschmutzer oder korrupten Spitzel dastehen, immerhin aber als notgeilen Frauenversteher, der seine obskuren Aufenthalte in Prag um frivole Begegnungen mit einer Schauspielerin namens Eva bereichert habe. Das ging natürlich besagtem Regisseur Nemec, dessen Filme in seinem Heimatland zensiert und stattdessen in Cannes Furore machten, gehörig gegen den Strich, war doch Eva nicht nur seine Muse, sondern auch das Objekt seiner eigenen Begierde. So verstricken sich in der goldenen Stadt Begegnungen und Konfrontationen aller Art, wobei der tschechische Geheimdienst unmerklich mitmischen und Zilk fast im Vorbeigehen zu mehr oder weniger unfreiwilligen Kooperation im Schatten gewinnen konnte. So oder ähnlich wollte Novotny die spärlichen Fakten nachinterpretieren. Keine Spur von einer idealistischen Initiative unseres Helmuts, vielmehr ein plötzliches Hineingeraten, das gar nicht beabsichtigt war. Nun, so schnell kann es gehen. Und neben verwanzten Kristalllustern und verbotenen Filmrollen muss Zilk, in treffendem, charmantem Pragmatismus dargeboten von Johannes Zeiler, eben sehen wo er bleibt. Und wie er da wieder rauskommt.

Wenn die verwirrenden Verwicklungen nicht angeblich wahr wären, dann wären sie gut erfunden – und passend zugestutzt für eine augenzwinkernde, frei kolportierte Anekdote aus dem skurrilen Ostösterreich der 60er Jahre, das vor allem mit seiner Hauptstadt Wien niemals wieder so bruderschaftlich mit den östlichen Nachbarn kokettiert hat wie damals. Doch mehr als eine Anekdote ist Novotny´s Möchtegern-Spionagethriller nicht geworden, dem Genre des Spannungskinos gar nicht mal zuordenbar.

In fast schon satirischer Erzählweise strawanzt Deckname Holec kettenrauchend und kopulierend zwischen Franz Antel´s Bockerer IV – Prager Frühling, Wikipedia-Geschichtsstunde und Le Carré-Spionagedrama hin und her, mal gähnend langweilig, dann wieder in kurioser Turbulenz dem Wiener Bürgermeister in seiner Abenteuerlust Tribut zollend. Alles schön im ausgebleichten und wenig einladenden Designerlook vergangener Jahre, als Kreisky von sich reden machte und der Warschauer Pakt beinahe über uns herfiel. Eine bittere, umstürzlerische Zeit, doch Novotny hat dennoch No Time for Revolution. Die einzige Revolution ist die schallende Ohrfeige für den ORF-Virtuosen, erteilt von Polizeichef Fuchs (Schauspieler Heribert Sasse´s letzte Rolle) am Ende des Filmes. Spätestens da darf man dann einem Gentlemen-Agenten wie Helmut Zilk so gut wie alles verzeihen und ihn ein bisschen wie James Bond dastehen lassen, als den Retter der Wahrheit. Novotny´s Film ist schon ein bisschen narzisstisches Machwerk im Comic-Stil, getarnt als vorbildlich ausgestattetes, dampfplauderisches Politdrama. Deckname Holec ist zelebrierter Machismus und absichtliches Gambling für die gute Sache, irgendwo zwischen Verrat, Sex und jede Menge blauem Dunst.

 

Deckname Holec