Zweite Chance

WECHSELBALG

* * * * * * * * * *

zweitechance

Wieder einmal steht der Soziale Mikrokosmos namens Familie am Abgrund. Das Kino der Dänin Susanne Bier ist bekannt dafür, den Schicksalsschlägen, die Vater, Mutter und Kind widerfahren, nicht aus dem Weg zu gehen, sondern mit ausgebreiteten Armen entgegenzulaufen. Diese auszuleben. Den entstandenen Schmerz hinauszuschreien. Ganz in der Tradition theatralischen Naturalismus, wie ihn der schwedische Dramatiker Lars Norén zelebriert oder der Deutsche Frank Wedekind in seinem Frühlingserwachen ausgelebt hat, begibt sich auch Susanne Bier an die Grenzen expressiver Emotionen.

Weit jenseits alltäglicher Familienstreitigkeiten wühlt ihre Tragödie Zweite Chance im ekelhaften Sumpf drogenabhängiger Sozialfälle und in der Psyche nervenschmeißender, labiler Wohlstandsmütter. Aus dieser Kombination ergibt sich eine distanzlose, rein objektiv betrachtet furchtbar dramatische Chronik mehrerer erschütternder Schicksalsschläge, denen Game of Thrones-Star Nikolaj Coster-Waldau auf verzweifelte Art und Weise Paroli bieten möchte. Durch eine Aktion, die aus der puren Notsituation heraus erstmal durchaus seine Logik hat, moralisch betrachtet aber keinerlei Nachhaltigkeit aufweisen kann. Nämlich, das eigene tote Kind gegen ein anderes Baby aus verwahrlosten, sozialen Missverhältnissen einzutauschen. Unter der Prämisse, dass Menschen, die sozial gescheitert sind, ihr Anrecht auf eine glückliche Familie ohnehin verwirkt haben. Ein kruder Gedankengang, von Susanne Bier durchaus sehr menschlich betrachtet. Doch die dargestellte, intensive Tragödie über das menschliche Hadern zwischen Verlust und Neuanfang verspielt vor allem aufgrund seiner Schwere und dramatischer Größenordnung in vielen Momenten seine Wirkung. Natürlich, Schicksalsschläge im Hiob-Format lesen wir allwöchentlich in der Zeitung. Vielleicht versperrt diese Tatsache den Zugang zu unaushaltbaren zwischenmenschlichen Apokalypsen. Oder es ist vielleicht die eigene Distanz, die man wahrt, bevor einem die Vorstellung, selbst den Verlust von Familie erleben zu müssen, um den Verstand bringt.

Wobei Zweite Chance sehr wohl auch zu viel will. Und an der Grenze zum reißerischen Sozial-, Familien und Kriminaldrama entlangschrammt. Gefühl – ja. Drama – ja. Doch wenn das Drama durch sich selbst zu ersticken droht, erstickt auch das Mitgefühl des Zuschauers. In Nach der Hochzeit oder In einer besseren Welt hat Susanne Bier die Grundwerte der kleinsten Gesellschaftsform namens Familie ähnlichen Extremsituationen ausgesetzt. Doch das Luftholen zwischen den dramatischen Höhepunkten fiel bei diesen Filmen deutlich leichter.

 

Zweite Chance

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s