Fjord (2026)

FAMILIE IN DER KLAPS-MÜHLE

4/10


Die Familie rund um Renate Reinsve und Sebastian Stan in Fjord
© 2026 Polyfilm


LAND / JAHR: RUMÄNIEN, FRANKREICH, NORWEGEN, SCHWEDEN, DÄNEMARK 2026

REGIE / DREHBUCH: CRISTIAN MUNGIU

KAMERA: TUDOR VLADIMIR PANDURU

CAST: SEBASTIAN STAN, RENATE REINSVE, LISA CARLEHED, ELLEN DORRIT PETERSEN, LISA LOVEN KONGSLI, HENRIKKE LUND-OLSEN, VANESSA CEBAN U. A.

LÄNGE: 2 STD 26 MIN



Was haben Park Chan-wook, Demi Moore, Chloé Zhao oder Stellan Skarsgård gemeinsam? Ja, sie arbeiten alle in der Filmbranche. Aber da gibt es noch etwas, etwas anderes. Sie alle saßen mit einigen anderen auch in der Jury für die Goldene Palme 2026, die heuer in Cannes verliehen wurde.

Die Sache mit den Filmpreisen

Sie alle haben sich auf einen Film geeinigt, fast schon wie die zwölf Geschworenen auf das Schicksal eines Angeklagten, nur diesmal waren es neun. Alle Neune sahen Fjord als den wohl besten des ganzen Festivals an, und beweisen damit aber nur, wie radikal subjektiv das Empfinden über einen Film sein kann.

Park Chan-wook selbst meinte, Cristian Mungius Arbeit wurde deswegen ausgewählt, weil er „Das Verstehen und Respektieren der Vielfalt der Welt auf künstlerisch großartige Weise beleuchtet“. Nun, entweder hat die Jury den Film nicht verstanden, oder das Superlativ „künstlerisch großartig“ wird nun auch als inflationäre Schmeichelei für alles, was Arthousekino sein will, angewandt.

Ein Meisterwerk der subversiven Beeinflussung?

Was soll das überhaupt heißen? Das Verstehen und Respektieren der Vielfalt der Welt? Niemand in Fjord versteht und respektiert den anderen. Alle kochen ihr eigenes Süppchen, alle haben ihre eigene Wahrheit. Niemand kommt in diesem Film zu diesem weisen Schluss, zu dem Park Chan-wook gekommen war.

Trägt Fjord dann auch zu dieser Vielfalt bei, wenn er ausschließlich zeigt, wie es nicht funktioniert und Lösungen gar nicht mal andenken will? Gehen wir weg von dieser Banalität einer grob umrissenen Begründung für einen der größten Preise der Filmwelt hin zu den eigentlichen Beweggründen eines Rumänen wie Cristian Mungiu, der sich womöglich ein bisschen ins Fäustchen lacht, denn eines ist dieser Mann ganz bestimmt: ein Meister der subversiven Beeinflussung. Das schafft er in einem Ausmaß, bei dem selbst einer wie Ruben Östlund (Triangle of Sadness) den Hut zieht, so subversiv wollte der nämlich in seinen Gesellschaftsgrotesken nie sein.

Östlund hat immer gewusst, dass er seine Betrachtungen auch satirisch von einem zugrundeliegenden, reinen Diskurs abheben muss, um sie greifbar zu machen. Mungiu macht das nicht, er hätte sich auch an seinem Landsmann Radu Jude (Bad Luck Banging or Loony Porn) ein Beispiel nehmen können, der in wilder Fabulierlust Kontroversen erzeugt, die wenigstens Spaß machen.

Mungiu macht auch das nicht. Fjord macht schließlich keinen Spaß, und ist auch nicht erfrischend provokant, sondern bemüht sich in besagter subversiver Ernsthaftigkeit, eine versteckte Agenda durchzubringen, die am Ende seltsam sauer aufstößt.

Eine vorbildliche Familie

So kalt, wie es in der Vorweihnachtszeit an einem norwegischen Fjord auch ist – einem nicht nur maritim-geografischen, sondern auch gesellschaftlichen Engpass, den Titel habe ich schon verstanden – so kalt ist auch dieser Film. Konstant auf Distanz betrachtet Mungiu eine konservativ-christliche Familie bei ihrem Neuanfang im Heimatstädtchen der fünffachen Mutter Renate Reinsve (unlängst noch in den Backrooms unterwegs).

Als rumänischer Gatte hat Mihai (kaum zu erkennen und zugegeben grandios: Sebastian Stan) den ganzen Nachwuchs mit einem Punktesystem an Strafen und strengen christlichen Erziehungsmethoden fest in der Hand. Hier herrscht Disziplin und Ordnung, und natürlich auch die Liebe der Eltern, die ganz traditionsbewusst ihren Kindern statt Internet, Social Media und weltlicher Lektüre lieber die Bibel aufs Auge drücken, auf dass sie diese mal irgendwann ganz auswendig rezitieren können.

Hier ein Klaps, da ein Klaps

Man ahnt schon, dass diese strengen Methoden vielleicht auch die eine oder andere ausgerutschte Hand verbergen – im Film wiederholt als Klaps (oder Slap) bezeichnet. Die gesunde Ohrfeige oder der Schlag auf die Pobacke unterstützen lediglich eine liebevolle Erziehungsagenda. Allerdings nimmt man sowas in Norwegen ernster als andernorts, wo Gewalt in der traditionellen Erziehung vielleicht immer einen triftigen Grund hat. Hier in Norwegen – oder zumindest in diesem Norwegen im Film – führen die blauen Flecken am Körper der ältesten Tochter dazu, dass sich eine „Klapsmühle“ in Gang setzt, die in unaufhaltsamer Sturheit und ohne vernünftige Selbstreflexion alles, was Familie auf ihre Art sein will, zwischen ihren Mühlsteinen zermalmt.

Familiengesetze drehen frei

Womit Fjord schon die erste Reibung verursacht, nämlich jene der überspitzten Darstellung einer Jurisdiktion, die wohl so, wie Mungiu sie beschreibt, niemals durchgehen kann. Mungiu lässt aber niemanden wissen, dass er das tut – er verkauft diesen lose auf Tatsachen beruhenden Fall als authentisch.

Das könnte man an der völligen Aussparung der Gedankenwelten der Kinder merken, an der fehlenden Einvernehmung selbiger und an einer wohl nicht haltbaren Vermutung einer Verschwörung, die von den Jungen ausgeht. In diese Zweifel hinein setzt Mungiu noch eins drauf, indem er auf den ersten Blick keinerlei Stellung bezieht, in Wahrheit aber immer und immer wieder und zwar höchst manipulativ die rustikalen Werte einer christlichen Erziehung gegen die moderne, liberale Familie setzt. Na gut, denke ich mir, die christlichen Fanatiker kommen in Fjord wirklich nicht gut weg – stellt er sich denn, womöglich selbst Christ, gegen all diese Werte? Oder verurteilt er deren Radikalität? Nein, tut er nicht, obwohl er so tut als ob.

Eine träge Chronik der Ereignisse

Diese ganze Kette an Ereignissen reiht Mungiu fast schon klinisch und horizontal an, es gibt keine Höhen, keine Tiefen, es gibt nur die Chronik der Ereignisse, die oftmals auf der Stelle treten, die sich winden wie ein Gerichtsprozess, was ja passend wäre, aber in gefühlter Echtzeit will man sie dann auch nicht verfolgen.

Weder handelt Fjord von häuslicher Gewalt noch von Kindesmissbrauch und schon gar nicht oder nur peripher von den Kindern. In subjektiver Langeweile gelingt es dem Film, zu zermürben und hinzuhalten. Es gelingt ihm, Ärger zu verbreiten, Unschlüssiges als schlüssig erscheinen zu lassen, manches für die Story Wichtiges bewusst auszusparen, um noch mehr zu provozieren.

Ein Wunder! Ein Wunder muss her!

Niemand macht hier in Fjord irgendetwas richtig – oder doch? Um das herauszufinden, dient die Ebene darunter, das Hochkochenlassen sämtlicher Töpfe, ohne auf irgendeinen den Deckel zu setzen. Durch all den erzeugten Dampf lassen sich die Orientierung und auch das Interesse verlieren – irgendwann am Ende bemüht Mungiu dann auch noch das christliche Wunder, um die Katze aus dem Sack zu lassen. Und das ist alles andere als das Verstehen und Respektieren der Vielfalt der Welt. Die Vielfalt, die Mungiu meint, ist lediglich der zynisch verteidigte Wert veralteter Tradition.

Fjord (2026)

No Good Men (2026)

SCHAU MIR IN DIE AUGEN, KLEINER

7,5/10


Anwar Hashimi und Shahrbanoo Sadat im Film No Good Men
© 2026 Polyfilm / Virginie Surdej


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND, FRANKREICH, DÄNEMARK, NORWEGEN 2026

REGIE: SHAHRBANOO SADAT

DREHBUCH: SHAHRBANOO SADAT, ANWAR HASHIMI

KAMERA: VIRGINIE SURDEJ

CAST: SHAHRBANOO SADAT, ANWAR HASHIMI, LIAM HUSSAINI, YASIN NEGAH, TORKAN OMARI, FATIMA HASSANI, AHMAD AZIZI, MASIHULLAH TAJZAI U. A.

LÄNGE: 1 STD 40 MIN



Wird man als Außenstehender Gewalt gegen Frauen gewahr, sagt es schon der uns allen hoffentlich zugrundeliegende Menschenverstand, dass wir einschreiten sollen. Hat man denn die glückliche Gelegenheit, dem toxisch-männlichen Gewalttäter im Vorteil zu sein, ist dieses Einschreiten noch selbstverständlicher als sonst.

Eine Kosten-Nutzen-Rechnung gegenüber Unrecht

Die Welt aber sieht weg, seit im April 2021 die US-amerikanischen Soldaten aus Afghanistan abgezogen sind und die unsäglichen Taliban wieder die Macht ergriffen haben. Wohlwissend, dass es für Frauen und gebildete Menschen die Fahrkarte in die Hölle bedeuten würde, haben jene, die die Gelegenheit hätten, dem toxisch-männlichen Gewalttäter gegenüber im Vorteil zu sein, dem Unglück den Rücken gekehrt.

Geht uns alle nichts an. Im Gegenteil, gewisse Innenminister suchen den diplomatischen Kontakt zu radikalen Verbrechern. Kann man machen, wurde in der NS-Zeit ja auch getan. Gut ist das nicht. Zivilcourage wird gefordert, doch nur im Privaten. Global gesehen überlässt man das Land am Hindukusch seinem Schicksal. Stattdessen greift man lieber andere Länder an, die zumindest Öl haben. Einen gewissen Eigennutz sollte man dabei schon einfordern dürfen, oder?

Valentinstag in Kabul

Hat diese nicht minder subjektive Stellungnahme zur Lage einer verlorenen Nation irgendetwas mit diesem Film zu tun? Zumindest sind es assoziative Gedanken, die bei No Good Men der Reihe nach hochkommen.

Nicht in Afghanistan (wie denn auch?), sondern vorwiegend in Deutschland gedreht, zeigt der Eröffnungsfilm der diesjährigen Berlinale die afghanische Hauptstadt Kabul zumindest vor dem Abzug der US-Truppen und demnach auch vor der Invasion der Taliban als das sehr wohl patriarchale, aber duldsame Konstrukt einer urbanen Gesellschaft – ähnlich den Zuständen in Kairo, vielleicht weniger radikal als in Teheran. Frauen sind aber, wie sonst auch überall in muslimischen Ländern, diejenigen, die die Care-Arbeit leisten, während Männer das Geld heimbringen zu ihrem Eigentum, ihrer Frau und Familie. Der Mann hat das Sagen, und widerspricht man ihm, setzt es Strafen. Von Liebe ist da längst keine Rede mehr. Oder wie sieht das aus, in so einem Land an einem Valentinstag? War jemals irgendwann die Rede von Liebe?

Des Mannes Eigentum

Ernüchternde Erkenntnisse bringt Kamerafrau Naru, die fürs Kabuler Fernsehen arbeitet, von einer aufgebürdeten Straßenbefragung zurück ins Studio. Ich liebe dich ist in dieser Gesellschaft ein Fremdwort, Liebe gleichzusetzen mit Unterwerfung, Ehe ein Arrangement, das Frauen eingehen müssen, um nicht auf der Straße zu stehen. Mit resignativen Minen finden sie zu diesen Statements den bitteren Humor, der die Qual der Wahl, ein anderes Leben zu führen, durch eine andere, ausweglose ersetzt.

Hätte der renommierte Journalist Qodrat sie nicht als Lektion für ihr aufmüpfiges Verhalten auf die Straße gesetzt, wäre es zu diesem Lokalaugenschein gar nicht erst gekommen. Und dieser hätte wohl auch nicht darüber nachgedacht, vielleicht doch falsch gehandelt zu haben. Denn schließlich ist Qodrat ja ein Gentleman, einer von den Guten – obwohl man meinen könnte: Gute Männer gibt es in Afghanistan keine mehr.

Der etwas andere Humphrey Bogart

No Good Men ist nicht gegen die lieben Männer gerichtet. Sondern, so Hauptdarsteller Anwar Hashimi, der den Film auch live im Metrokino in Wien vorgestellt hat, viel eher eine Ode an selbige. Zumindest an die einzelnen, letzten Gentlemen. In diesem Fall eben Qodrat, der Naru auf Augenhöhe begegnet, selbst mit der reservierten Lässigkeit eines Humphrey Bogart die Welt sieht und fast schon als „Frauenheld“ oder „Macho“ betrachtet werden könnte. Doch diese Attitüde führt in die Irre. Zwischen Qodrat und Naru entsteht eine Bindung, eine leise, zärtliche, versteckte Romanze, die lediglich aus dem Respekt und der Achtsamkeit füreinander entsteht. Kaum zu glauben, dass das Ende bald kommen und niemand mehr hinsehen wird. Doch die beiden erleben etwas, was in diesen Breiten fast schon als unmöglich gilt. Sie erleben vielleicht etwas, das sich Liebe nennt.

Ein Blickwinkel ist niemals genug

Shahrbanoo Sadat ist ein verdammt kluger Kopf. Eine Künstlerin, die alles andere sein will, nur nicht militant oder festgefahren in einer einseitigen Agenda. Nicht nur, dass sie selbst Regie geführt hat – sie hat sich noch dazu selbst inszeniert, und das Ganze in Zusammenarbeit mit Anwar Hashimi zu Papier gebracht. Ein Mann und eine Frau arbeiten gleichberechtigt an einer Geschichte und schaffen eine Tragikomödie mit Esprit, Wortgewandtheit und Augenzwinkern. Und mit dem nötigen Quantum an Schmerz, Wehmut und Trauer. Niemals ist No Good Men ein Lamento, sondern setzt Taten, begehrt auf und konfrontiert. Kein Film, der in seiner eigenen Verzweiflung versinkt, denn Grund genug dafür gäbe es. Vielmehr ein kokettierender Tanz auf dem Vulkan oder fast schon eine Art Endzeitkomödie, über die man nur so viel schmunzeln kann, wie es die Figuren des Films auch selbst zulassen. Und nicht nur einmal blickt dabei die Frau auf den Mann herab.

Ein ganz großer Kinomoment

Wenn sich am Ende der Anfang vom Ende anbahnt, weicht die Leichtigkeit einer charmanten Gesellschaftskritik emotionalem, großem Kino und einem bekennenden Moment der Nähe, wie man ihn als Vorbild in Casablanca gesehen hat. Hier werden unter den Füßen all jener, die ihr Heil in der Flucht vor dem Gottesstaat suchen, Rollenbilder zertrampelt und aus dem Weg gestoßen. Hier ist der Good Man nicht der selbstgefällige Selbstlose, sondern der Wertschätzende und Liebende. Eine kleine Welt, die aus ihren Fehlern gelernt hat, inmitten eines Desasters, dessen krankes Frauenbild unbelehrbar bleibt.

No Good Men (2026)

Low Expectations (2026)

WO IM LEBEN IST DIE PAUSETASTE?

6/10


Marie Ulven aka Girl in Red im Burnout-Drama Low Expectations
© 2026 Stadtkino Filmverleih


ORIGINALTITEL: LAVE FORVENTNINGER

LAND / JAHR: NORWEGEN, DÄNEMARK 2026

REGIE / DREHBUCH: EIVIND LANDSVIK

KAMERA: ANDREAS BJØRSETH

CAST: MARIE ULVEN, TONE MOSTRAUM, ANDERS DANIELSEN LIE, EMBLA BERNTSEN, SNORRE KIND MONSSON U. A. 

LÄNGE: 1 STD 45 MIN



Wie sind die Erwartungen für die kommende Viennale? Ich würde nicht unbedingt behaupten, dass sie niedrig sind, auch wenn der erste Film des Festivals genau diesen Umstand zum Titel hat: Low Expectations. Doch vielleicht sind niedrige Erwartungen ab und an angebracht, um später nicht enttäuscht zu werden?

Ein strapaziertes Modewort

Niedrige Erwartungen sind auch ganz brauchbar, wenn die Luft draußen ist. Wenn bei einem selbst nichts mehr geht, man den Zenit überschritten hat und die geforderte Leistung einfach nicht mehr erbringen kann. Dann rattert man hinunter auf den Nullpunkt, auf die Basis der eigenen Existenz, um dann, mit niedrigen Erwartungen, einen Schritt vor den anderen zu setzen.

So ein Zustand mag gut und gerne als Burnout bezeichnet werden, doch Burnout ist mittlerweile zu einem schnell zur Hand genommenen Modewort verkommen und klingt langsam unfair jenen gegenüber, die mit dieser Diagnose tatsächlich leben müssen.

Finito la Musica

Im Langfilmdebüt des Norwegers Eivind Landsvik wird Burnout daher auch kein einziges Mal erwähnt, obwohl alles danach aussieht, als ob Maja genau das eben durchmacht. Als Musikerin, die, um ihren Ruhm zu steigern, ein omnipräsentes Social Media-Leben geführt hat, ist sie längst in ein tiefes, dunkles Loch gefallen und muss sich nun um sich selbst kümmern, während im World Wide Web gerade mal Funkstille herrscht, was ihre Kunst und ihre Präsenz als Star betrifft.

Die Fans sitzen auf dem Trockenen, sie warten auf ein Lebenszeichen, doch diesmal geht nichts mehr. Maja muss leiser treten, sehr leise, und zwar als Aushilfskraft an einer Schule, an der sie, wie kann es anders sein, auch dort ihren Fans begegnet. In diesen Job setzt Maja keine hohen Erwartungen – mehr als Supplierstunden muss sie nicht bewältigen. Landsvik sieht ihr dabei zu, wie sie das macht. Er sieht ihr dabei zu, wie sie zaghaften Kontakt zu ihren Kollegen knüpft, wie sie alte Freundinnen wiedertrifft und derweil bei Mama unterkommt, denn allein lassen kann man Maja momentan nur schlecht.

Film und Star unter dem Radar

Langsam hocharbeiten ist die Devise. Langsam nachspüren, ob Musikmachen schon geht oder noch nicht. Immer wieder mal probieren. Für diese Rolle des ausgebrannten jungen Shootingstars hat Landsvik tatsächlich einen weltbekannten norwegischen Star verpflichten können: Marie Ulven Ringheim, besser bekannt als Girl in Red, und ich weiß nicht, warum: Ihr Gesicht kommt mir bekannt vor, obwohl ich, das muss ich zugeben, von dieser Künstlerin noch nie etwas gehört hatte.

Ich muss auch zugeben, dass ich Low Expectations gar nicht mal auf meiner Watchlist für die Viennale hatte, sondern im Rahmen einer Sneak Preview überhaupt erst in den Genuss dieses Filmes gekommen bin. Wie gut ist das Drama über Burnout, über die Schritte zurück in ein Leben, das zukünftig wohl nicht mehr aus Reisen, Interviews, Konzerten und jeder Menge Social-Media-Stress besteht?

Die menschelnde Nüchternheit eines Nordic Dramas

Ihn gesehen zu haben, bereue ich nicht. So richtig begeistert bin ich aber auch nicht, was wohl daran liegt, dass sich Landsvik längst nicht so fulminant und versiert am Stil des psychologischen Realismus Nordeuropas bedient wie Dan Johan Haugerud, der mit seiner Oslo-Trilogie intensives Dialogkino zwischen pragmatischer Vernunft und Emotion vervollkommnet hat. Wenn sich schon Menschen mit ihrer Existenz und ihren Sehnsüchten auseinandersetzen und wir ihnen dabei zusehen müssen, dann unbedingt so wie bei Haugerud.

Anders als er und mehr wie bei Mia Hansen-Løve (An einem schönen Morgen), aber nicht mit deren poetischer Verklärung, sucht Landsvik nicht die Auseinandersetzung oder den sozialen Konflikt. Low Expectations beobachtet, begleitet und blickt mitunter zur Seite auf eine Coming-of-Age-Sidestory, wagt aber keinen Diskurs. Bescheidenheit ist so lange leistbar, solange sich Landsvik auf Marie Ulven verlassen kann. Ziemlich riskant, doch es funktioniert.

Die eigene Erfahrung mitgenommen

Mir ihrem authentischen Spiel, da sie schließlich weiß, was ihre Figur erlebt haben muss, und weil Marie Ulven nahe genug an den Problemstoff herankommt, vermeidet sie nordische Psycho-Tristesse, die als Arthouse durchgehen will. In Low Expectations stößt man in so manchen Szenen in sehr Persönliches vor, vielleicht auch von Ulven autobiografisch Mitgebrachtes. Das macht die blasse, verwaschene Nüchternheit, in die Landsvik sein ruhiges Drama taucht, lebendiger und nahbarer als gedacht.

Low Expectations (2026)

No Rest for the Wicked (2026)

WIR ALLE SIND INSELN

7,5/10


Pilou Asbæk und Egor Venned in der Literaturverfilmung No Rest for the Wicked
© 2026 Polyfilm / Slash Filmfestival


LAND / JAHR: DÄNEMARK, ISLAND, FÄRÖER 2026

REGIE: KASPER KALLE

DREHBUCH: RASMUS BIRCH, NACH EINER KURZGESCHICHTE VON KARL HEINRICH ULRICHS

KAMERA: JACOB MØLLER

CAST: PILOU ASBÆK, EGOR VENNED, SOFIA NOLSØE, JÓHANNES HAUKUR JÓHANNESSON, KJARTAN HANSEN, BÚI DAM, NICOLAJ FALCK U. A.

LÄNGE: 1 STD 43 MIN



Wer glaubt, dass der Färöer-Archipel zu Island gehört, irrt genauso wie jene, die glauben, er gehöre zu Schottland oder Norwegen. Nichts da, diese Inselwelt, die aussieht, als wäre sie eine der nordischen Welten, die man erreichen kann, wenn man durch Portale schreitet, die nur gottähnlichen Metawesen zugänglich sind, gehört zu Dänemark, also zumindest zur Krone, verwaltet sich aber, wie Grönland, stets autonom. Anders wäre diese Abgelegenheit gar nicht machbar.

Ein Baum, was ist das?

Wasserfälle und an den dunklen Felswänden entlang mäandernde Rinnsale wirken fast organisch. Tief ins Innere führen kleine, stille Fjorde, außen tobt der Nordatlantik und hat so manchen Kahn schon auf Grund gesetzt. Wie isoliert muss diese Welt erscheinen, wenn man die Zeit zurückdreht, sagen wir ins 19. Jahrhundert, in die Zeit der Romantik und der Schauergeschichten zwischen Mary Shelley, Lord Byron und Bram Stoker. Es ist die Zeit der melancholischen Landschaftsmaler und der Sehnsucht nach einem Leben nach dem Tod. Und eine Zeit, in der niemand die Spielarten von Liebe und Zuneigung überhaupt hinterfragt. Schließlich geht es nur ums Überleben in dieser kalten, baumlosen und vom Wetter dominierten Unwirtlichkeit.

Wir retten uns gegenseitig

In so einer Welt muss der junge Erwachsene Baldur seinen Vater ersetzen und bei Muttern leben, die ein frommes, karges Leben führt und nicht unwesentlich starken Druck auf ihren Sohn ausübt, damit der nicht auf die Idee kommt, sein eigenes Leben zu leben.

Bis er beim Rudern zwischen den Klippen und Felsen auf den Schiffbrüchigen Helge stößt. Der eine rettet den anderen und umgekehrt, und schon sitzt der Däne Pilou Asbæk, den wir alle aus der Kultserie Game of Thrones kennen, in welcher er den garstigen Onkel Euron Greyjoy gegeben hat, am Tisch zwischen Baldur und seiner Mutter, die schon gleich ein Auge auf ihn wirft, nichts ahnend, dass sich Helge dem gleichen Geschlecht zugehörig fühlt. Eine Romanze bahnt sich an, bei welcher von vornherein klar ist, dass die Gesetze der Färöer-Inseln nicht für Liebende gemacht sind.

Dem Zeitgeist verbunden und dennoch vordenken

Diese Wildromantik, die Kasper Kalle hier in seinem zweiten Langfilm das Geschehen dominieren lässt, dient dazu, eine 1884 verfasste Kurzgeschichte des deutschen Schriftstellers Karl Heinrich Ulrichs zu illustrieren, eines Mannes, der als Vorreiter in den Belangen homosexueller Menschen gilt. Klarerweise ist seine melodramatische, düstere Liebesgeschichte von all diesen avantgardistischen Gedanken geprägt – und er verknüpft sie mit vertrauten Tropen aus dem Schauergenre rund um Wiedergänger und Vampire, die damals wohl noch ein und dasselbe waren. Bram Stoker wird seinen berühmten Roman noch schreiben, Mary Shelleys Klassiker liegt schon Jahrzehnte zurück.

Sehnsucht, Bestimmung und Pflicht

Bereits früh im Film ist klar: Zwischen Pilou Asbæks Figur und des vom Färöer Schauspieldebütanten Egor Venned dargestellten Baldur gibt es eine Verbindung, die weit über den Tod und das tragische Schicksal hinausgeht. Ob nun Kasper Kalle dem morbiden Sehnsuchtsgenre Neues abverlangen kann?

Es gelingt insofern, als sich Kalle voll und ganz auf jene Stimmung verlässt, die ihm die Färöer Landschaft vermittelt. Viel tun dafür muss er nicht. Regen, Nebel und dergleichen kommen wie das Amen im Gebet. Das ist klassisch, das ist gut so, um all das, was an Paranormalem passiert, etwas anders zu erzählen.

Das, was vom Mythos erzählt, fällt nicht ganz so klassisch aus. Vielmehr geht es um das Rollenspiel unter den dreien, oder ich will fast sagen vieren, denn der absente, tote Vater, dessen Lücke niemand füllen will, drängt danach, ersetzt zu werden. Es ist ein Reigen der Bestimmungen: Die Mutter sieht Helge als Mann, Helge sieht dieses Heim als Zuflucht, Baldur Helge als seinen Schlüssel zur Freiheit.

Der letzte Wille stirbt nie

Wenn dann der Tod zum Thema wird, weicht die rationale Physik okkulten Gesetzen, die tief in die historische Angst vor Wiedergängern eintaucht und die Ursache des Untoten-Daseins fast schon absichtlich missverstehen, damit Kalle sie entsprechend interpretieren kann. Das geht mit viel Dunkelheit, wenigen Worten, wenig, aber doch mit Blut und gänzlich ohne Maskerade.

Mag sein, dass für die Intensität dieser Liebe zu wenig Platz bleibt. Das, was später folgt, mag sich gar nicht mal auf diese innige Zugehörigkeit rückbesinnen können, da sie fast ausschließlich durch Körperlichkeiten dargestellt wurde, nicht aber durch geistige, charakterliche Verschmelzung.

Woher dann diese Sehnsucht? Weil alle in dieser Welt irgendwo dazugehören wollen, zu jemand anderem, zu einer anderen Welt vielleicht außerhalb dieses eigenen Archipels? Die queere Liebe ist da nur eine Variation einer ganz anderen Selbstbestimmung, die mit postmortalem Recht und Gehörtwerden zu tun hat.

No Rest for the Wicked (2026)

Her Private Hell (2026)

HAUTE COUTURE IM KUNSTNEBEL

4/10


Sophie Thatcher erlebt ihre eigene Hölle in Her Private Hell
© 2026 Plaion Pictures


LAND / JAHR: DÄNEMARK, USA 2026

REGIE: NICOLAS WINDING REFN

DREHBUCH: NICOLAS WINDING REFN, ESTI GIORDANI

KAMERA: PINO DONAGGIO

CAST: SOPHIE THATCHER, HAVANA ROSE LIU, CHARLES MELTON, KRISTINE FROSETH, DOUGRAY SCOTT, DIEGO CALVA, SHIOLI KUTSUNA, AOI YAMADA, SHIOLI KUTSUNA, HIDETOSHI NISHIIMA U. A.

LÄNGE: 1 STD 50 MIN



Es ist wieder soweit

Weihnachten. Oder sagen wir: Wie Weihnachten. Und zwar für alle, die das fantastische Genrekino lieben, das sich irgendwo zwischen Fantasy, Science-Fiction, Horror und Thriller befindet und zwischen all diesen vier Arten von Film hin- und herswitcht wie ein unruhiger Geist, der nicht weiß, wen er heimsuchen soll. Was dann passiert, sind zwölf wunderbare Tage, die länger andauern als die Festtage am Ende des Jahres und wo man sich Familie aussuchen kann. Nämlich jene des Slash.

Da sind sie wieder, die üblichen Verdächtigen, denen man jedes Mal gewahr wird, und auch ich bin so einer, mit meinem Filmgenuss-gebrandeten T-Shirt, der wohl fast jeden Tag das Filmcasino ganz so wie der unruhige Geist heimsuchen wird, um sich danach vor die Tastatur zu setzen und seine Gedanken in Sätze zu formen. Und das Beste: Ich weiß nicht, was kommen wird.

Ein Feinspitz für surreales Gewaltkino

Was man aber wusste: Nicolas Winding Refn wird seinen neuesten Film höchstpersönlich präsentieren, mit anschließender Fragerunde zu einem Streifen, der, und das muss ich zugeben, wieder mal bestätigt, dass der visionäre Feinspitz für surreales Gewaltkino nicht so ganz meinen Geschmack trifft. Das ist natürlich rein subjektiv, doch ein Teil dieser Filmkritiken, die ich hier schreibe, trägt natürlich auch das Kolorit meiner persönlichen Meinung. Also will ich ganz ehrlich sein.

Drive war tatsächlich ein stringenter Thriller mit ordentlich Drama dahinter – stimmig, gewaltspitz, so richtig Noir. Walhalla Rising – nun, da muss man kein Nordisch sprechen, denn gesprochen wird hier ohnehin nichts, wenn Mads Mikkelsen als absolutionssüchtiger Wikinger in der schlammigen Erde wühlt. Bei Only God Forgives bin ich ausgestiegen. Nichts für mich, zu krude, zu substanzlos, und die Sache mit den Essstäbchen, nun ja, das muss man mögen oder auch nicht.

Doch wenn schon Slash-Premiere, bei der ich nicht fehlen möchte, dann geht auch der neue Winding Refn. Ein sehr freundlicher, witziger Kerl, der gerne Autogramme gibt und der die von Festivalleiter Markus Keuschnigg übergebene Urne d’Honor trotz seines schrägen Filmstils tatsächlich noch um einen Tick bizarrer findet. Rot glänzend lag das kleine glänzende Aschebehältnis in seiner Hand. Ja, man kann auch so ein Kaliber von Künstler noch beeindrucken.

Alles so schön bunt hier

Die Sprache hat es dem Publikum, Reihe 11, Sitz 9, nach Sichtung von Her Private Hell nur teilweise verschlagen. Im Mittelpunkt seines ominösen Konstrukts um Selbstbestimmung, Familienzwist und toxisch-männlichem Terror steht Sophie Thatcher, ehemaliger Escort-Android (Companion), Missionarin im Hause von Hugh Grant (Heretic) und diesmal als grell geschminkter, wortkarger Vamp namens Elle, der die quirlige, aber obdachlose Hunter in ihre Hotelsuite einlädt, in der die ganze kaputte Familie haust, und zwar inmitten von Edelschick und teuren Klamotten.

Wie diese Familie funktioniert und ob es denn überhaupt eine Familie ist oder eher ein kleines Freudenhaus, das scheint nicht so ganz klar. Jedenfalls gibt es eine Stiefmutter, die um die Gunst von Elle buhlt, die aber wiederum ihren Vater sucht, der nach einer kleinen Märchenstunde rund um den Leatherman, der mit dem Nebel kommt, plötzlich verschwindet, nachdem er sich selbst in die Lederkluft geworfen hat.

Kann es sein, dass er von sich selbst gesprochen hat? Dass er selbst hinter dem bestialischen Frauenmörder ganz in knarzendem Leder steckt, mit den Diamanten an den Handschuhen, die den jungen Opfern eine Obduktion bei lebendigem Leibe verpassen. Auch das weiß man nicht so genau.

Symmetrie ist doch was Schönes

Irgendwie sucht hier jeder jeden, während ich nach der nötigen narrativen Substanz Ausschau halte. Und auch der Soldat K ist dem Frauenmörder auf der Spur, denn der hat seine Tochter. Das alles klingt nach blutigem Serienkillerthriller, doch wenn es so einfach wäre, wäre es nicht Nicolas Winding Refn. Der Mann ist schließlich ein Ästhet und Symmetrist, und es geht ihm gar nicht mal um die Story, die sich im Laufe des Films sowieso wie der Nebel bei Sonnenschein in nichts auflöst, sondern ganz und gar um die Optik, um das Licht (wo eine Warnung für stroboskoplichtanfälliges Publikum angebracht gewesen wäre) und um den Score. Letztlich auch um Sophie Thatcher, die Refn wie ein Testimonial atemberaubend ikonisch ins Bild setzt.

Kuschen vor dem Bildersturm

An ihr liegt es keinesfalls, dass Her Private Hell enttäuschend hohl wirkt. Vielleicht, weil sich in dieser Geschichte nichts bewegt, weil auch die fulminanten Bilder so statisch arrangiert sind, dass sie nichts vorwärtsbringen, weder Handlung noch charakterliche Entwicklung noch sonst einen roten Faden, der sich schüchtern zusammenrollt unter diesem Bildersturm.

Als Virtuose der Farben und des Lichts muss man Winding Refn wirklich loben. In den Achtzigern wäre das ein Werbespot gewesen, den man nicht so schnell vergessen hätte. Ein Werbespot für ein neues Parfum-Deo, womöglich gar mit dem trendigen Namen Impulse?

Wenn ihnen ein Mann, den sie noch nie gesehen haben, plötzlich…

Nun, hier schenkt dieser Mann, den Sophie Thatcher noch nie gesehen hat, zwar keine Blumen, jedoch läuft er ihr irgendwann über den Weg, und wir erkennen zum Glück, dass diese auseinanderdriftende Miniatur an Story doch noch auf einem gemeinsamen Fundament steht, zwischen Plexiglas-Kristallen und rosa-türkisem Lichtgemetzel.

Es wabert der Kunstnebel, es glitzern die Tropfen auf Thatchers Wangen. Jane Schoenbrun (Teenage Sex and Death at Camp Miasma) bringt ihre magentalastige Farbpalette stilsicherer in die Gegenwart, Refn hingegen schmachtet in artifizieller Synthesizer-Stasis, die hauptsächlich langweilt. Wunderschön und explizit langweilt.Das ist zu wenig für einen Film, aber mehr als genug für einen Clip, der vor dem Hauptprogramm läuft.

Her Private Hell (2026)

The Love That Remains (2025)

ALLE SIND EINE INSEL

7,5/10

 

Grímur und Þorgils Hlynsson im Film The Love that Remains von Hlynur Pálmason
© 2025 Hlynur Pálmason

 

ORIGINALTITEL: ÁSTIN SEM EFTIR ER

LAND / JAHR: ISLAND, DÄNEMARK, SCHWEDEN, FRANKREICH 2025

REGIE / DREHBUCH: HLYNUR PÁLMASON

KAMERA: HLYNUR PÁLMASON

CAST: SVERRIR GUÐNASON, SAGA GARÐARSDÓTTIR, ÍDA MEKKÍN HLYNSDÓTTIR, GRÍMUR HLYNSSON, ÞORGILS HLYNSSON, INGVAR SIGURDSSON, ANDERS MOSSLING, KATLA M. ÞORGEIRSDÓTTIR U. A.

LÄNGE: 1 STD 49 MIN



Ganz zu Beginn hat unser Planet ganz anders ausgesehen. Superkontinent Pangäa, dann Gondwana – bis vor die Haustüre der Stadt Wien reichte das Flachmeer, Austernbänke im Nordosten des Landes zeugen heute noch davon, wie es damals war.

Intakte Systeme haben auch mal ein Ende

Vielleicht war alles ganz harmonisch, gemächlich, unter tropischer Sonne dahinplätschernd, dahinlebend. Alles wunderbar. Im Laufe der Jahrmillionen hat sich alles verändert, kein Meer mehr, kein Superkontinent, isolierte Inseln mit isolierten Arten und so weiter und so fort. Nichts ist beständig, alles vergeht, Neues entsteht, und die Welt macht weiter.

Terrence Malick hat in seinem kontemplativen Epos The Tree of Life über nichts anderes sinniert. Sein Film beginnt überhaupt schon mit dem Urknall, mit der Ausdehnung des Universums und landet am Ende bei einer Familie, deren Eltern Jessica Chastain und Brad Pritt sind. Hlynur Pálmason wagt sich an ein ähnliches Gleichnis heran. Er spart sich aber Urknall und Planetenwerdung und die ersten Lebewesen auf diesem Planeten, die aus dem Wasser krochen – obwohl das Wasser stets Bestandteil seiner bruchstückhaften und dann doch wieder stringenten Erzählung bleibt.

Papa im Sog des Meeres

Schließlich ist der Vater dieser Familie ein Fischer – und zieht, wie es der Job verlangt, immer mal wieder über Tage und Wochen aufs Meer hinaus. Er selbst wird zum Fremdkörper im System und entfernt sich, wie die Raumsonde Voyager von unserer Erde, immer weiter von jenen, die ihm viel bedeuten. Dass diese Fliehkraft so stark an der Vaterfigur zieht, liegt natürlich an der Trennung der Eltern.

In der Kinderstube selbst sitzen zwei Söhne und eine Tochter; zwei davon noch nicht mal Teenager oder gerade erst. Sie leben bei Muttern, rein berufsbedingt. Die wiederum versucht sich als Land-Art-Künstlerin, arbeitet mit dem Wetter, mit Rost und Metall. Dazwischen ein zerbrochener Alltag auf Island, mit Momenten der Vollständigkeit, wenn Papa mit auf Ausflug geht. Schön ist das, und dann wieder doch nicht. Nichts ist, wie es mal war, nur die Liebe bleibt, eine ganz gewisse Liebe, die Eltern für ihre Kinder empfinden, und Kinder für ihre Eltern. Das ist The Love That Remains.

Familie bei jeder Witterung

Es wäre ja alles eine recht ernüchternde, besinnliche, mitunter wehmütige kleine Geschichte, wenn Hlynur Pálmason hier nicht Regie geführt und sich diese isländische Miniatur zwischen all den Wetterlagen ausgedacht hätte. Pálmason ist ein Andersdenker, seine Filme sprengen Sehgewohnheiten, erklären sich nicht, bleiben kryptisch, symbolisch und experimentell.

Erkennen kann man Pálmasons Stil an den statischen Betrachtungen von Landschaften und so manchen Dingen. Nichts bewegt sich, nur die Zeit zieht vorüber – die Zeit, der Tag, die Nacht, das Wetter. Jede noch so mögliche Witterung nimmt Einfluss auf das zu Betrachtende – und gerät damit in Bewegung.

Auf die Spitze treibt Palmason seine Zeitpanoramen in Weißer weißer Tag – in seinem bislang besten und stilistisch beeindruckendsten Meisterwerk Godland über die Missionierung Islands lässt er tote Tiere eins werden mit ihrer Natur, während wir dabei zusehen.

Die ganz eigene Insel-Realität

In dieser reduzierten Opulenz, in der die Unwirtlichkeit eines Landes fast schon zum Hauptdarsteller wird, geistert diese vierköpfige Familie zwischen Sehnsucht, Begehren, Streben und Innehalten dahin. The Love That Remains behält trotz all seiner entrückten Experimentierfreude den roten Faden seiner Geschichten in der Hand und lädt sie auf mit märchenhaften Metaphern, die aber stets so wirken, als wäre hier oben im Norden das Metaphysische und Surreale Teil einer anderen, eben dieser Insel-Realität.

Immer wieder kehrt Pálmason zu einem Holzpflock in der Erde zurück, an dem irgendwann die lebensgroße Puppe eines Ritters gebunden wird, mit Helm und Harnisch. Die Kinder schießen Pfeile auf sie ab, immer wieder. Diese Manifestation einer Heldenfigur, die sowohl für den Vater als auch für die Mutter steht, wird irgendwann lebendig – als Opfer einer aufgestauten Aggression und einer Ohnmacht, die ein nicht mehr intaktes Familiengefüge vor allem bei denen, die abhängig sind, mit sich bringt.

Ein nicht planbarer Zugang

Dass Stilbrüche in einem Film zu einem eigenen Stil werden – dafür bedarf es vor allem Konsequenz in der Umsetzung von Visionen, die aus dem Inneren kommen. Vieles in The Love That Remains erklärt sich durch intuitives Wahrnehmen, wie schon bei Mascha Schilinskis In die Sonne schauen. Pálmasons Film ist einer, in den man sich genauso hineinfallen lassen sollte, ohne viel nachzudenken. Dass man dann, genauso wie die Figur des Vaters, weiter so dahintreibt wie auf offener See, weit entfernt die rettende Küste, dann macht das gar nichts. Dann ist The Love That Remains eben nicht steuerbar, wie die Sehnsucht selbst.

The Love That Remains (2025)

Eagles of the Republic (2025)

DER PHARAO DARF DIENEN

7/10


Fares Fares im Politthriller Eagles of the Republic von Tarik Saleh© 2025 Yirgit Eken /MFA Film GmbH


LAND / JAHR: SCHWEDEN, FRANKREICH, DÄNEMARK, DEUTSCHLAND 2025

REGIE / DREHBUCH: TARIK SALEH

KAMERA: PIERRE AÏM

CAST: FARES FARES, LYNA KHOUDRI, AMR WAKED, ZINEB TRIKI, NAEL, HUSAM CHADAT, SHERWAN HAJI, AHMED KHAIRY, CHERIEN DABIS, DONIA MASSOUD, SUHAIB NASHWAN U. A.

LÄNGE: 2 STD 9 MIN


Man kann einen Schauspieler, einen Star besser gesagt, und zwar von nationalem Weltruhm (wenn das überhaupt geht) nicht einfach so verschwinden lassen, nur weil er nicht mitspielt. Man kann ihn aber so lange würgen, bis er Luft holen muss – und dann atmet er genau das, was die Mächtigen ihm vorgeben, gefälligst zu inhalieren: Den Dunst der Propaganda. Das aber ist nur die eine Seite. Es gibt noch andere, die den Staat Ägypten in Gefahr sehen. Und die alles daransetzen, einen Umsturz zu planen.

Ägypten ist eine Reise wert!

Als Tourist merkt man das alles natürlich nicht, da scheint Ägypten ein fast schon makelloses Land zu sein, mit Ferien-Resorts, Korallenriffen und dem letzten der sieben Weltwunder. Was kann schon schlecht sein an einem Land, das die Pyramiden hat. Und eigentlich aus seiner jahrtausendealten Geschichte längst hätte lernen können, um es hinter dieser Fassade besser zu machen. Doch die Autokratie herrscht auch dort, Präsident Abdel Fattah el-Sisi ist seit 2014 am Steuer, und hat auch nicht vor, die Macht abzugeben.

Nach so einer langen Regierungszeit könnte man ja einen Film in die Kinos bringen, der dessen Werdegang erzählt, selektiv gesehen natürlich und voller Schmeicheleien für einen Mann, der das Volk aber eigentlich an der Kandare nimmt und oppositionelle Stimmen genauso wenig zulässt wie weiter im Nordosten besagter Putin.

Spiel uns den Präsidenten!

George Fahmy, der Star, der irgendwann Luft holen muss, darf also el-Sisi spielen. Obwohl er ihm gar nicht ähnlich sieht. Dort ein gedrungener kleiner Onkel für alle mit freundlichem Blick, hier ein hochgewachsener „Liam Neeson Nordafrikas“ – Fares Fares. Ausgerechnet er, der Medien-Pharao, soll den Chef spielen? Egal, als Star könnte man ihn auch als Eiskönigin besetzen, und die Massen müssen wohl ins Kino strömen, andernfalls ließe sich verweigerndes Verhalten als Widerstand auslegen.

Also macht Fahmy mit, zwängt sich in die khakibraune Uniform, spielt die Revolution nach, wird dabei unentwegt beäugt von el-Sisis Apparatschik. Der mehr Engagement wünscht. Zeitgleich aber sind noch andere Energien am Werk, und so schnell kann Fahmy gar nicht schauen, haben ihn alle Seiten instrumentalisiert, ist er nur noch Marionette, Mittel zum Zweck, eingesponnen wie im Kokon einer Spinne.

Schauplatz einer Trilogie

Tarik Saleh beschließt mit Eagles of the Republic nach Die Nile Hilton Affäre – ein stimmungsmachender, wuchtiger Politthriller – und Die Kairo Verschwörung – ein Studentenkrimi – seine sogenannte Kairo-Trilogie. In jedem dieser Filme ist eine Verschwörung der komplexe Kern, den es freizulegen gilt. Diesmal aber setzt er vermehrt auf Dialog, politische Interessen, die während so manchem Meet and Greet mit der uniformierten Führungsriege geteilt werden – und ergänzend auf eine gefährliche Romanze, die dem leinwandbekannten Schürzenjäger wirklich alles kosten könnte.

Ein austauschbares Szenario

Für einen Old School-Politthriller hat Saleh diesen tatsächlich fein gesponnen – und setzt, um ihn auch wirken zu lassen, politische Vorkenntnisse voraus. Hat man die nicht, könnte es passieren, dass Eagles of the Republic von einem Platzhalter-Regime erzählt, da bis auf den Präsidenten und das Land selbst eine alternative Realität birgt – hat man sich dahingehend aber doch nachgebildet, wähnt man sich auch ohne das Panorama der Pyramiden im wohl beliebtesten nordafrikanischen Land wieder, das mit seinem Antike-Bonus Blicken von außen auf den eigentlich restriktiven Machtapparat die rosarote Brille aufsetzt.

Von Hollywood gelernt

Spannend und auf Zug inszeniert bleibt es bis zum Schluss, und gerade dann wird es richtig dramatisch. Gelernt hat Saleh sicherlich von Genre-Spezialisten wie Alan J. Pakula, Gosta Gavras oder Sydney Pollack. Den Touch of Old Hollywood konvertiert der Filmemacher in den Glamour, den die Kairo-Elite aufwarten kann.

Das mögen zwar Klischees sein und bewusst eingesetzte Versatzstücke, doch den puren, semidokumentarischen Filmrealismus strebt Eagles of the Republic – so wie in den beiden Vorgängerfilme auch – ohnehin nicht an.

Das hier ist Leinwandkino – Autorenkino zwar, aber romantisierend, ohne dabei auf die Kritik an einer Regierung zu verzichten, die mit drastischen Mitteln für Ordnung sorgt. Er kann sich leisten, so auszuteilen, wird ihm doch niemals das passieren, was der Figur von Fares Fares widerfährt. Saleh lebt in Schweden, gedreht wurde in Istanbul.

Eagles of the Republic (2025)

Palästina 36 (2025)

UND SO BEGINNT ES

6,5/10


Karim Daoud Anaya als Yusuf im Film Palästina 36
© 2026 Polyfilm


LAND / JAHR: PALÄSTINA, VEREINIGTES KÖNIGREICH, FRANKREICH, DÄNEMARK, QATAR, SAUDI ARABIEN, JORDANIEN 2025

REGIE / DREHBUCH: ANNEMARIE JACIR

KAMERA: HÉLÈNE LOUVART, SARAH BLUM, TIM FLEMING

CAST: HIAM ABBAS, KAMEL EL BASHA, YASMINE AL MASSRI, JALAL ALTAWIL, ROBERT ARAMAYO, SALEH BAKRI, YAFA BAKRI, KARIM DAOUD ANAYA, WARDI EILABOUNI, WARD HELOU, BILLY HOWLE, JEREMY IRONS, LIAM CUNNINGHAM, DHAFFER L’ABIDINE U. A.

LÄNGE: 1 STD 59 MIN



Der ganze Schrecken in einem Blick

In dieser einen Szene liegt die ganze Entsetzlichkeit des Themas, und die ganze Kraft eines Filmes. Und natürlich ist in dieser Szene ein Kind zu sein, gerade mal ein Teenager, vielleicht sogar noch jünger. Wir sehen das schreckensverzerrte Antlitz dieses Jungen, als er mitansehen muss, wie der Bus, in dem sein Vater sitzt, um deportiert zu werden, auf eine bewusst gelegte Mine fährt und dieser in die Luft fliegt.

Wir sehen seinen Schmerz, den diese Person tatsächlich zu spüren scheint. Gar nichts wirkt dabei so, als wäre es geprobt. Wie ist so etwas möglich? Wie können Kinderdarsteller immer und immer wieder Emotionen verkörpern, die so auf den Punkt gebracht wirken, als wären sie echt? Als würde genau in diesem Moment dieser Vater tatsächlich in Stücke gerissen?

Regisseurin und Drehbuchautorin Annemarie Jacir (When I Saw You, Wajib) setzt in dieser Szene sogar noch eines drauf – sie lässt alles noch langsamer ablaufen. Der Junge geht in die Knie, wirft sich in den Staub. Seine Schreie hören wir nicht, was es nur noch schlimmer macht, denn die entstehen im Kopf. Alles nur Pathos oder Wahrhaftigkeit?

Wo ansetzen, um den Konflikt zu verstehen?

Wenn man wissen will, wie eigentlich alles begonnen hat – dieser niemals ruhende Konflikt zwischen Muslimen und Juden, dann sollte man sogar noch viel früher ansetzen, mehrere Jahrhunderte vor Christus, als die Assyrer das jüdische Volk nach Babylonien verschleppten.

Seit damals ist es ein Hin und Her, ein Immigrieren und Emigrieren, ein Streit um Grund und Boden, um Verfolgung und Flucht. Immer und immer wieder. Und dann eben die Briten, die in ihrer Kolonialzeit sowieso nie etwas richtig machen konnten, weil ihnen Überblick und Kompetenz und auch Expertise fehlte, weil sie nur militärisch dachten und eben nicht gesellschaftspolitisch.

Der Konflikt von heute ist nicht das Thema

Der Nationalsozialismus in Europa veranlasste das jüdische Volk überdies, dorthin „heimzukehren“, von wo ihre Vorfahren fortgingen. Dumm nur, dass Palästina mittlerweile, und das seit dem siebten Jahrhundert, von arabischstämmigen Volksgruppen besiedelt wird. Ist dort nicht Platz für alle? Sollte man meinen. Wären da nicht diese unüberbrückbaren Ressentiments und ein damit einhergehender Rassismus gegenüber den jeweils anderen. Doch dieser Konflikt, eben der zwischen Juden und Arabern, ist in Jacirs Historienepos der alten Schule nicht das Thema.

Hier geht es um die britische Kolonialmacht – jene, die etwas zu sagen haben, sind mit Jeremy Irons, Liam Cunningham oder Robert Aramayo (Elrond in Die Ringe der Macht, Verflucht Normal) starbesetzt. Die eingewanderten Juden kommen hier nicht zu Wort, und was von ihnen bleibt, sind maximal tödliche Schüsse, die ganz für sich alleine einen Unmut streuen, der in einer ganz anderen Geschichte bis heute anhält.

Diese vielen Wahrheiten

Es lässt sich während des Films nur schwer unterdrücken, nicht doch irgendwann „Free Palestine“ zu rufen. Es geht gar nicht anders. Weil dieses Unrecht an das muslimische Palästina, so, wie es der Film darstellt, unsagbar ist und nur schwer ertragen werden kann. Hat sich das alles tatsächlich so zugetragen?

Palästina 36 macht zum Thema, oder besser gesagt, stellt sich der Reflexion, ob künstlerische Werke wie dieses, wenn es sich denn mit Geschichte beschäftigt, überhaupt jemals die Wahrheit abbilden können. Das Genre des Historienfilms ist niemals objektiv, und untermauert seine Wahrheit eigentlich nur mit den Fakten. Daraus lässt sich so einiges schließen, doch immer mit dem jeweils gefärbten Blick. Mit dem der Muslime, dem der Juden, vielleicht gar dem der Briten?

Das Recht liegt bei den Erzählenden

Alternativ teilt man einen Film wie diesen in drei Teile, und wechselt dabei die Perspektive. Betrachtet man Palästina 36, wird klar: Das hier ist aus der Sicht Palästinas, die Fakten liegen in der geschriebenen Geschichte, die Schilderungen diverser individueller Tragödien und Schicksale wirken als subjektive Interpretationen. Jacir bemüht sich, das militante Handeln vorzugsweise von Damals auf makellose Weise zu rechtfertigen.

Ist Jacirs Film demnach propagandistisch? Lieber eine von drei Wahrheiten, die man als solche so stehen lassen kann, weil es in einem Konflikt wie diesen mehrere gibt. Gerade bei diesem Thema aber ist es problematisch, die anderen Wahrheiten nicht darzustellen, es sei denn, die Intention für einen Film wie diesen ist eine ganz Bestimmte. Welche, lässt sich womöglich leicht erraten.

Palästina 36 (2025)

Mother, Couch (2023)

DER AUSVERKAUF VON OMA PUTZ

5/10


Ewan McGregor in der absurden Komödie Mother, Couch
© 2026 Lighthouse Home Entertainment


LAND / JAHR: USA, DÄNEMARK, SCHWEDEN 2023

REGIE: NICLAS LARSSON

DREHBUCH: NICLAS LARSSON, NACH DEM ROMAN VON JERKER VIRDBORG

KAMERA: CHAYSE IRVIN

CAST: EWAN MCGREGOR, ELLEN BURSTYN, RHYS IFANS, TAYLOR RUSSELL, LARA FLYNN BOYLE, F. MURRAY ABRAHAM, LAKE BELL U. A.

LÄNGE: 1 STD 36 MIN



Kennt Ihr die Familie Putz?

Wie euch bereits aufgefallen ist: Ich mag auf meinem Blog keine Werbung machen – schon gar nicht für eine Möbelkette, die ohnehin schon ein ganzes Vermögen für die eigene ausgibt und mit dieser jahrein jahraus uns Normalverbrauchern hier in Österreich ordentlich (und ganz bewusst) auf den Senkel geht. Ist die Glotze kurz vor Jahreswende an, bleibt uns die aufgezwungene Happy Familie Putz, wohnhaft im Einrichtungshaus Lutz, auch nicht erspart. Doch was soll ich machen – bei Sichtung des höchst eigentümlichen Machwerks Mother, Couch kommt mir unweigerlich diese Sippschaft in den Sinn, die so tut, als würde man nicht von Luft und Liebe, sondern von Aktionswochen und Jubiläen leben. (Für meine deutschen Leserinnen und Leser: Bei euch, so habe ich erfahren, gibt’s statt der Familie den möblierten Matthias Schweighöfer).

Möbel als emotionale Konstante

Wohltuend an diesem Streifen, der schon vor drei Jahren seine Premiere am Toronto Filmfestival gefeiert hat, ist natürlich der Umstand, dass dieser Möbelfamilie hier alles andere, nur nicht die Sonne aus dem Allerwertesten scheint. Hier hat man sich längst entfremdet, und dennoch steckt man mitten in einem Einrichtungshaus fest, das selbst kurz vor seiner Schließung steht und das meiste bereits zusammengepackt hat – so, also würde der XXXLutz in Konkurs gehen und es handhaben wie einst Kika und Leiner. Dieses Möbelhaus wird womöglich den größten Reibach mit den gigantischen Lettern an der Fassade machen, sollte sie für diese Abnehmer finden. Wie ein Leuchtturm in der Finsternis strahlt der Name des Ladens kilometerweit ins Nichts.

Die Couch als (letzte) Ruhestätte?

Drinnen ist es zwar geräumig, aber das Chaos auffallend demonstrativ. David, gespielt von Ewan McGregor, hat im Grunde eigentlich keine Zeit, seine betagte Mutter zur Schnäppchenjagd zu begleiten, entsprechend gestresst drängt er die Dame zum Gehen. Doch die will nicht und verpflanzt sich auf eine Couch, von der sie nicht mehr aufsteht. Gut, wird man sich denken, kann passieren, vielleicht ein Schwächeanfall, vielleicht will sie ja unbedingt dieses Möbelstück ihr Eigen nennen, wie auch immer, ältere Leute können manchmal seltsam sein.

Doch nicht so hier. Diese Mutter meint es ernst und droht mit Selbstverletzung, sollte jemand sie nötigen. Davids Bruder ist auch mit von der Partie, und dann kommt auch noch die Schwester, beide hat David lange nicht gesehen. Spätestens dann haben wir eine wohl kaum mehr der Realität nachempfundene Gesamtsituation, die eine Familie auf surreale Weise stagnieren lässt. Dabei wird die Belagerung der Couch zu einer Art Naturgesetz, während sich der ganze kaputte Rest, allen voran McGregor, selbst über einiges klar werden muss, was die Vergangenheit betrifft.

Kafka für die ganze Familie

Und so erscheint dieses obskure Möbelhaus, in dem es F. Murray Abraham gleich zweimal gibt und einer davon mit einer Kettensäge potenzielle Kunden bedroht, wie ein Vorhof zur Hölle, ein albtraumhafte Welt aus Plastikplanen, Preisetiketten und verhökerbarem Lagerbestand. Und es gibt kein Entrinnen, keine Ruhe, sondern nur das Entgleiten Jeglicher Kontrolle. Szenenweise erinnert die bizarre Tonalität an Kafkas Romane, darunter vor allem an den unvollendeten Roman Das Schloss. Als Wäre McGregor ein Typ namens K, der immer tiefer in dieses fremdartige Konstrukt aus Paranoia, Verlassenseins und Endzeitstimmung hineingezogen wird.

Starbesetzter Leerlauf

Mother, Couch hätte etwas Besonderes werden können – so etwas wie I’m Thinking of Ending Things des Surrealisten Charlie Kaufman. Doch Niclas Larsson entwickelt in der Umsetzung eines Romans des schwedischen Schriftstellers Jerker Vidborg sehr viel Leerlauf. Das allerdings trotz einer enorm illustren Besetzung, denn neben McGregor tummeln sich noch Rhys Ifans, Taylor Russel (Bones and All) und die dank missglückter Schönheits-Ops nicht mehr wiederzuerkennende Lara Flynn Boyle (Twin Peaks). Auf der Couch selbst sitzt Ellen Burstyn, der Star aus Friedkins Exorzist.

Was will man mehr?, lässt sich an dieser Stelle fragen. Gut, einen flennenden McGregor, den zum Beispiel. Sonst bleibt Mother, Couch substanzlos, weil die Story an Geheimnissen und Verborgenem so gut wie nichts hervorholt, das sich lohnt, die Zeit gemeinsam mit einer Übermutter abzusitzen. Von Übermüttern hat auch schon Ari Aster erzählt, in seinem prätentiösen 3-Stunden-Brocken Beau is Afraid. Seine Filmfigur Joaquin Phoenix will dabei, anders als Gregor, rein gar nichts verschweigen.

Um Vergänglichkeit, Abschied, Vermächtnis könnte es hier gehen, doch das alles läuft erzählerisch aus dem Ruder, da sich, wie es scheint, keiner in diesem Film mit der eigentlichen Geschichte auseinandersetzen will, sondern lieber anderes tut. Vielleicht, weil keiner so genau weiß, wovon das Gleichnis eigentlich handelt.

Mother, Couch (2023)

To A Land Unknown (2024)

KEINE STERNE IN ATHEN

6,5/10



© 2024 Inside Out Films, Nakba Filmworks


LAND / JAHR: GRIECHENLAND, DÄNEMARK, VEREINIGTES KÖNIGREICH, NIEDERLANDE, SAUDI-ARABIEN, DEUTSCHLAND, KATAR, PALÄSTINA 2024

REGIE: MAHDI FLEIFEL

DREHBUCH: MAHDI FLEIFEL, FYZAL BOULIFA, JASON MCCOLGAN

KAMERA: THODORIS MIHOPOULOS

CAST: MAHMOOD BAKRI, ARAM SABBAH, MOHAMMAD ALSURUFA, ANGELIKI PAPOULIA, MOUATAZ ALSHALTOUH U. A.

LÄNGE: 1 STD 45 MIN


Ich war noch niemals in Athen, wenngleich die Akropolis eine Sehenswürdigkeit darstellt, die man einmal im Leben wohl mit eigenen Augen gesehen haben sollte. Die Geschichte Europas ruht hier, in einem Land, das hinten und vorne kein Geld hat, im Sommer vom Tourismus lebt und sonst vor allem mit jenen Menschen klarkommen muss, die man als Flüchtlinge über den Kamm schert. Viel davon mögen illegal ins Land gekommen sein und haben mit diesem Status natürlich keinerlei soziale Rechte. Sie können, außer kriminell zu werden, nichts anfangen oder aufbauen. Sie sind gestrandet, können weder vor noch zurück noch seitwärts, können vielleicht an lauen Abenden auf den Hügeln rund um Athen auf eine Stadt blicken, die in den Augen von Filmemacher Mahdi Fleifel nichts Erstrebenswertes in sich trägt noch verspricht. Athen ist ein Schmelztiegel, eine verarmte, trostlose Stadt. Ein düsteres Stück Griechenland und irgendwie doch nicht Teil des großen Europas. Denn das ist entweder Frankreich, Italien oder Deutschland. Vor allem Deutschland. Wer dort einmal landet, hat den Erfolg bereits gepachtet – das gute Leben, den eigenen kleinen Coffee Shop.

Wie man an Geld kommen kann

Von diesen illusorischen Idealen lassen sich Chatila und sein Cousin Reda durch eine Tristesse tragen, die man wohl selbst nur schwer ertragen würde, es sei denn natürlich, man wäre in einer Notlage wie die beiden aus dem Libanon geflüchteten, jungen Männer, die sich zumindest zeitweise von ihren Träumen motivieren lassen, wenn mal kein Geld für Drogen bleibt. Die spielen in diesem existenziellen Vakuum eine tragende, gleichzeitig auch verheerende Rolle. Vor allem der jüngere Reda kann nicht anders, als sich dem Rausch hingeben, während Chatila, der seine Frau und seinen Sohn im Libanon weiß, allerlei Pläne ausheckt, um an Geld für gefälschte Pässe zu kommen, die sie nach Deutschland bringen sollen. Dafür geht man sogar auf den Strich, raubt älteren Leuten die Handtaschen und traut sich gar an Menschenschmuggel heran, als ihnen der Waisenjunge Malik über den Weg läuft. Mit dieser Aktion tun sich neue Möglichkeiten auf – und gleichzeitig auch neue Schwierigkeiten. Ganz so, wie es im sozialen Realismus des Nahost-Kinos kommen muss. Dort mag das Glück des Einzelschicksals niemals zu einem herzeigbaren Paradebeispiel geraten, der vielleicht falsche Hoffnungen schürt.

Ganz plötzlich ein Film Noir

Man weiß im Film To A Land Unknown natürlich sofort, dass man sich kaum Hoffnung machen braucht. Hier regiert die knochenharte Tatsache eines Überlebens- und Lebenskampfes, in dem der Zweck fast alle Mittel heiligt. Somit gerät Feifels Lokalaugenschein ins Dunkel der Straßen Athens zum pessimistischen Abgesang auf das Wunder einer Chance. Die Figuren mögen stark sein, sind aber schwach, leicht beeinflussbar und werden von Selbstlügen aufrechterhalten. Dabei ist der Blick nicht nur auf die illegalen Migranten hier in Griechenland ein kritischer – auch die eigene Bevölkerung muss einer sozialen Traurigkeit angehören, in der sie sich mitunter kaum von jenen unterscheiden, die ihr Land bereits hinter sich gelassen haben.

Realismus hin oder her, zumindest schafft es Feifel, aus seinem europäischen Weltkino kein Betroffenheitskino zu machen, sondern strebt dank der stilistischen Komponente eines Noir-Thrillers eine melancholische Poesie an, die aus Chatila und Reda prosaische Figuren macht, die in ihrer Aufgabe, Abermillionen Menschen zu vertreten, die sich durch die Welt schlagen, zu cineastischen Ikonen auf Zeit werden. Am Ende entsteht daraus gar das klassische Kino einer an allen Ecken und Enden kriselnden Gegenwart.

To A Land Unknown (2024)