Mother, Couch (2023)

DER AUSVERKAUF VON OMA PUTZ

5/10


Ewan McGregor in der absurden Komödie Mother, Couch
© 2026 Lighthouse Home Entertainment


LAND / JAHR: USA, DÄNEMARK, SCHWEDEN 2023

REGIE: NICLAS LARSSON

DREHBUCH: NICLAS LARSSON, NACH DEM ROMAN VON JERKER VIRDBORG

KAMERA: CHAYSE IRVIN

CAST: EWAN MCGREGOR, ELLEN BURSTYN, RHYS IFANS, TAYLOR RUSSELL, LARA FLYNN BOYLE, F. MURRAY ABRAHAM, LAKE BELL U. A.

LÄNGE: 1 STD 36 MIN



Kennt Ihr die Familie Putz?

Wie euch bereits aufgefallen ist: Ich mag auf meinem Blog keine Werbung machen – schon gar nicht für eine Möbelkette, die ohnehin schon ein ganzes Vermögen für die eigene ausgibt und mit dieser jahrein jahraus uns Normalverbrauchern hier in Österreich ordentlich (und ganz bewusst) auf den Senkel geht. Ist die Glotze kurz vor Jahreswende an, bleibt uns die aufgezwungene Happy Familie Putz, wohnhaft im Einrichtungshaus Lutz, auch nicht erspart. Doch was soll ich machen – bei Sichtung des höchst eigentümlichen Machwerks Mother, Couch kommt mir unweigerlich diese Sippschaft in den Sinn, die so tut, als würde man nicht von Luft und Liebe, sondern von Aktionswochen und Jubiläen leben. (Für meine deutschen Leserinnen und Leser: Bei euch, so habe ich erfahren, gibt’s statt der Familie den möblierten Matthias Schweighöfer).

Möbel als emotionale Konstante

Wohltuend an diesem Streifen, der schon vor drei Jahren seine Premiere am Toronto Filmfestival gefeiert hat, ist natürlich der Umstand, dass dieser Möbelfamilie hier alles andere, nur nicht die Sonne aus dem Allerwertesten scheint. Hier hat man sich längst entfremdet, und dennoch steckt man mitten in einem Einrichtungshaus fest, das selbst kurz vor seiner Schließung steht und das meiste bereits zusammengepackt hat – so, also würde der XXXLutz in Konkurs gehen und es handhaben wie einst Kika und Leiner. Dieses Möbelhaus wird womöglich den größten Reibach mit den gigantischen Lettern an der Fassade machen, sollte sie für diese Abnehmer finden. Wie ein Leuchtturm in der Finsternis strahlt der Name des Ladens kilometerweit ins Nichts.

Die Couch als (letzte) Ruhestätte?

Drinnen ist es zwar geräumig, aber das Chaos auffallend demonstrativ. David, gespielt von Ewan McGregor, hat im Grunde eigentlich keine Zeit, seine betagte Mutter zur Schnäppchenjagd zu begleiten, entsprechend gestresst drängt er die Dame zum Gehen. Doch die will nicht und verpflanzt sich auf eine Couch, von der sie nicht mehr aufsteht. Gut, wird man sich denken, kann passieren, vielleicht ein Schwächeanfall, vielleicht will sie ja unbedingt dieses Möbelstück ihr Eigen nennen, wie auch immer, ältere Leute können manchmal seltsam sein.

Doch nicht so hier. Diese Mutter meint es ernst und droht mit Selbstverletzung, sollte jemand sie nötigen. Davids Bruder ist auch mit von der Partie, und dann kommt auch noch die Schwester, beide hat David lange nicht gesehen. Spätestens dann haben wir eine wohl kaum mehr der Realität nachempfundene Gesamtsituation, die eine Familie auf surreale Weise stagnieren lässt. Dabei wird die Belagerung der Couch zu einer Art Naturgesetz, während sich der ganze kaputte Rest, allen voran McGregor, selbst über einiges klar werden muss, was die Vergangenheit betrifft.

Kafka für die ganze Familie

Und so erscheint dieses obskure Möbelhaus, in dem es F. Murray Abraham gleich zweimal gibt und einer davon mit einer Kettensäge potenzielle Kunden bedroht, wie ein Vorhof zur Hölle, ein albtraumhafte Welt aus Plastikplanen, Preisetiketten und verhökerbarem Lagerbestand. Und es gibt kein Entrinnen, keine Ruhe, sondern nur das Entgleiten Jeglicher Kontrolle. Szenenweise erinnert die bizarre Tonalität an Kafkas Romane, darunter vor allem an den unvollendeten Roman Das Schloss. Als Wäre McGregor ein Typ namens K, der immer tiefer in dieses fremdartige Konstrukt aus Paranoia, Verlassenseins und Endzeitstimmung hineingezogen wird.

Starbesetzter Leerlauf

Mother, Couch hätte etwas Besonderes werden können – so etwas wie I’m Thinking of Ending Things des Surrealisten Charlie Kaufman. Doch Niclas Larsson entwickelt in der Umsetzung eines Romans des schwedischen Schriftstellers Jerker Vidborg sehr viel Leerlauf. Das allerdings trotz einer enorm illustren Besetzung, denn neben McGregor tummeln sich noch Rhys Ifans, Taylor Russel (Bones and All) und die dank missglückter Schönheits-Ops nicht mehr wiederzuerkennende Lara Flynn Boyle (Twin Peaks). Auf der Couch selbst sitzt Ellen Burstyn, der Star aus Friedkins Exorzist.

Was will man mehr?, lässt sich an dieser Stelle fragen. Gut, einen flennenden McGregor, den zum Beispiel. Sonst bleibt Mother, Couch substanzlos, weil die Story an Geheimnissen und Verborgenem so gut wie nichts hervorholt, das sich lohnt, die Zeit gemeinsam mit einer Übermutter abzusitzen. Von Übermüttern hat auch schon Ari Aster erzählt, in seinem prätentiösen 3-Stunden-Brocken Beau is Afraid. Seine Filmfigur Joaquin Phoenix will dabei, anders als Gregor, rein gar nichts verschweigen.

Um Vergänglichkeit, Abschied, Vermächtnis könnte es hier gehen, doch das alles läuft erzählerisch aus dem Ruder, da sich, wie es scheint, keiner in diesem Film mit der eigentlichen Geschichte auseinandersetzen will, sondern lieber anderes tut. Vielleicht, weil keiner so genau weiß, wovon das Gleichnis eigentlich handelt.

Mother, Couch (2023)

To A Land Unknown (2024)

KEINE STERNE IN ATHEN

6,5/10



© 2024 Inside Out Films, Nakba Filmworks


LAND / JAHR: GRIECHENLAND, DÄNEMARK, VEREINIGTES KÖNIGREICH, NIEDERLANDE, SAUDI-ARABIEN, DEUTSCHLAND, KATAR, PALÄSTINA 2024

REGIE: MAHDI FLEIFEL

DREHBUCH: MAHDI FLEIFEL, FYZAL BOULIFA, JASON MCCOLGAN

KAMERA: THODORIS MIHOPOULOS

CAST: MAHMOOD BAKRI, ARAM SABBAH, MOHAMMAD ALSURUFA, ANGELIKI PAPOULIA, MOUATAZ ALSHALTOUH U. A.

LÄNGE: 1 STD 45 MIN


Ich war noch niemals in Athen, wenngleich die Akropolis eine Sehenswürdigkeit darstellt, die man einmal im Leben wohl mit eigenen Augen gesehen haben sollte. Die Geschichte Europas ruht hier, in einem Land, das hinten und vorne kein Geld hat, im Sommer vom Tourismus lebt und sonst vor allem mit jenen Menschen klarkommen muss, die man als Flüchtlinge über den Kamm schert. Viel davon mögen illegal ins Land gekommen sein und haben mit diesem Status natürlich keinerlei soziale Rechte. Sie können, außer kriminell zu werden, nichts anfangen oder aufbauen. Sie sind gestrandet, können weder vor noch zurück noch seitwärts, können vielleicht an lauen Abenden auf den Hügeln rund um Athen auf eine Stadt blicken, die in den Augen von Filmemacher Mahdi Fleifel nichts Erstrebenswertes in sich trägt noch verspricht. Athen ist ein Schmelztiegel, eine verarmte, trostlose Stadt. Ein düsteres Stück Griechenland und irgendwie doch nicht Teil des großen Europas. Denn das ist entweder Frankreich, Italien oder Deutschland. Vor allem Deutschland. Wer dort einmal landet, hat den Erfolg bereits gepachtet – das gute Leben, den eigenen kleinen Coffee Shop.

Wie man an Geld kommen kann

Von diesen illusorischen Idealen lassen sich Chatila und sein Cousin Reda durch eine Tristesse tragen, die man wohl selbst nur schwer ertragen würde, es sei denn natürlich, man wäre in einer Notlage wie die beiden aus dem Libanon geflüchteten, jungen Männer, die sich zumindest zeitweise von ihren Träumen motivieren lassen, wenn mal kein Geld für Drogen bleibt. Die spielen in diesem existenziellen Vakuum eine tragende, gleichzeitig auch verheerende Rolle. Vor allem der jüngere Reda kann nicht anders, als sich dem Rausch hingeben, während Chatila, der seine Frau und seinen Sohn im Libanon weiß, allerlei Pläne ausheckt, um an Geld für gefälschte Pässe zu kommen, die sie nach Deutschland bringen sollen. Dafür geht man sogar auf den Strich, raubt älteren Leuten die Handtaschen und traut sich gar an Menschenschmuggel heran, als ihnen der Waisenjunge Malik über den Weg läuft. Mit dieser Aktion tun sich neue Möglichkeiten auf – und gleichzeitig auch neue Schwierigkeiten. Ganz so, wie es im sozialen Realismus des Nahost-Kinos kommen muss. Dort mag das Glück des Einzelschicksals niemals zu einem herzeigbaren Paradebeispiel geraten, der vielleicht falsche Hoffnungen schürt.

Ganz plötzlich ein Film Noir

Man weiß im Film To A Land Unknown natürlich sofort, dass man sich kaum Hoffnung machen braucht. Hier regiert die knochenharte Tatsache eines Überlebens- und Lebenskampfes, in dem der Zweck fast alle Mittel heiligt. Somit gerät Feifels Lokalaugenschein ins Dunkel der Straßen Athens zum pessimistischen Abgesang auf das Wunder einer Chance. Die Figuren mögen stark sein, sind aber schwach, leicht beeinflussbar und werden von Selbstlügen aufrechterhalten. Dabei ist der Blick nicht nur auf die illegalen Migranten hier in Griechenland ein kritischer – auch die eigene Bevölkerung muss einer sozialen Traurigkeit angehören, in der sie sich mitunter kaum von jenen unterscheiden, die ihr Land bereits hinter sich gelassen haben.

Realismus hin oder her, zumindest schafft es Feifel, aus seinem europäischen Weltkino kein Betroffenheitskino zu machen, sondern strebt dank der stilistischen Komponente eines Noir-Thrillers eine melancholische Poesie an, die aus Chatila und Reda prosaische Figuren macht, die in ihrer Aufgabe, Abermillionen Menschen zu vertreten, die sich durch die Welt schlagen, zu cineastischen Ikonen auf Zeit werden. Am Ende entsteht daraus gar das klassische Kino einer an allen Ecken und Enden kriselnden Gegenwart.

To A Land Unknown (2024)

Therapie für Wikinger (2025)

HANDICAP FÜR ALLE!

7/10


© 2025 Rolf Konow / Neue Visionen


ORIGINALTITEL: DEN SIDSTE VIKING

LAND / JAHR: DÄNEMARK, SCHWEDEN 2025

REGIE / DREHBUCH: ANDERS THOMAS JENSEN

KAMERA: SEBASTIAN BLENKOV

CAST: MADS MIKKELSEN, NIKOLAJ LIE KAAS, SOFIE GRÅBØL, LARS BRYGMANN, SØREN MALLING, KARDO RAZZAZI, NICOLAS BRO, LARS RANTHE, BODIL JØRGENSEN U. A.

LÄNGE: 1 STD 56 MIN



Der wirklich ganzen kaputten Familie widmet sich der Däne Anders Thomas Jensen schon seine ganze künstlerische Laufbahn lang. Wer den Rehabilitationswahnsinn Adams Äpfel bereits kennt, wird erahnen können, an welchen Orten Jensens Reise stets Halt macht. In Men & Chicken kippt der Autorenfilmer ins Bodyhorror-Genre, was er sonst nie tut. Dafür wird es in Helden der Wahrscheinlichkeit geradezu zartbesaitet und nachvollziehbar emotional. Indem er aber immer mehr das Absonderliche als die selten errungene Normalität hinstellt, ist die Conclusio dabei in Therapie für Wikinger eine erfrischend radikale. Und entbehrt nicht einer gewissen todessehnsüchtigen Logik.

Lieber Arm ab als arm dran

Das beginnt schon damit, dass Jensen die zutiefst makabre Parabel eines Wikingerprinzen erzählt, der im Gefecht einen Arm verliert. Als dieser so sehr darunter leidet, nicht mehr vollwertiges Mitglied der Gesellschaft zu sein, erlässt der König den Befehl, all seinen Untergebenen ebenfalls den Arm abzuschlagen – damit alle wieder gleich wären. Der Epilog gestaltet sich als geschmackvolle Animation im Stile anspruchsvoller Bilderbücher für Kinder, zum Glück nicht als hyperrealistisches Gemetzel. Die Botschaft aber ist trotz all der geopferten Extremitäten zum Wohle des Einzelnen kaum zu missverstehen: Die Normalität als einen Zustand zu betrachten, dem sich alle Welt anzupassen hat – dem scheint in Therapie für Wikinger niemand mehr wirklich folgen zu wollen. Jensen hinterfragt dabei am Beispiel einer heillos zerrütteten, auf tragische Weise ausgeglittenen Familie, ob die Normalität nicht der Wahnsinn an sich ist, während der Wahnsinnige alleine deswegen einer ist, weil die Normalität ihn erst dazu gemacht hat.

Auch der Hund liegt hier begraben

Auf dieser Logik aufbauend – und ja, sie ist nicht von der Hand zu weisen, wenn man die Perspektive wechselt – stolpert Jensens Schauspielverwandter Mads Mikkelsen in einer höchst ungewöhnlichen Rolle ins verrückte Bild eines lakonischen Dramas: Es ist die einer Person mit dissoziativer Persönlichkeitsstörung. Schließlich ist Manfred fest davon überzeugt, John Lennon zu sein. Dass er dabei weder Liedtexte schreiben noch musizieren kann, ist nicht von Bedeutung. Nicht mal die Brille entspricht jener des Beatle. Bruder Anker ist entsetzt. Der kommt, eingebuchtet für Bankraub, frisch aus dem Knast und will an sein vergrabenes Geld, von dem aber nur Manfred weiß, wo es versteckt ist. Nur: Manfred ist schwer zugänglich, alles Gewesene scheint er vergessen zu haben, nur nicht, dass Anker sein Bruder ist. Womöglich liegt der Schatz im ehemals trauten Heim der Familie. Dort angekommen, steigen verschüttete Erinnerungen hoch, alte Rechnungen wollen beglichen werden und gefühlt eine ganze psychiatrische Abteilung Ausgestoßener tanzt in der Einschicht an, um die Pilzköpfe neu zu gründen. Eine Methode, die als Therapie für Wikinger angesehen werden kann, gemäß des Märchens, dass nicht der Verrückte sich anpasst, sondern die Welt um ihn herum es tun muss.

Die Welt braucht viel mehr Sonderlinge

Die Idee dahinter ist so kurios wie grandios. Anders Thomas Jensen darf sich rühmen, einer jener Filmschreiberlinge zu sein, die den Geschichten ihren Stempel aufdrücken. Seine Filme sind auch dann erkennbar, wenn man gar nicht weiß, dass Jensen dahintersteckt. Ein Kolorit wie dieses muss man als Filmemacher erst mal zusammenbringen – und es eben auch wagen, gegen den Mainstream gebürstete Grotesken zu entwickeln, die keinesfalls schöntun wollen und das Abartige und nicht Gesellschaftsfähige liebgewinnen wollen. Mikkelsen und Nikolai Lie Kaas – auch immer wieder im Ensemble Jensens – haben Spielraum genug, um sich in ihren Rollen zu entfalten, die mitunter auch einiges an Bereitschaft fordern, um die dahinterliegende Tragödie auch empfinden zu können. Neben all den mitunter explizit gewalttätigen Wendungen, die Therapie für Wikinger während dieser Filmsitzung bereithält, überzeugt vor allem das Kunststück, die tiefschwarze Schwere eines überhaupt nicht komischen Traumas dennoch als eine von der Ironie des Schicksals liebkoste Tragikomödie darzustellen, die ihre Antihelden mit so viel Gegenliebe feiert, dass letztlich gar nichts anders in Frage kommt als nur die Methode, auch selbst Außenseiter zu werden, um jene, die immer schon welch waren, nicht allein zu lassen.

Therapie für Wikinger (2025)

Teresa – Ein Leben zwischen Licht und Schatten (2025)

MATRIARCHIN DER NÄCHSTENLIEBE

7/10


© 2025 Vuelta Germany / Constantin Film Österreich


ORIGINALTITEL: MOTHER

LAND / JAHR: BELGIEN, DÄNEMARK, NORDMAZEDONIEN, SCHWEDEN, BOSNIEN UND HERZEGOWINA 2025

REGIE: TEONA STRUGAR MITEVSKA

DREHBUCH: TEONA STRUGAR MITEVSKA, GOCE SMILEVSKI, ELMA TATARAGIĆ

KAMERA: VIRGINIE SAINT-MARTIN

CAST: NOOMI RAPACE, SYLVIA HOEKS, NIKOLA RISTANOVSKI, EKIN CORAPCI, MARIJKE PINOY, LABINA MITEVSKA, AKSHAY KAPOOR, VALA NOREN U. A.

LÄNGE: 1 STD 44 MIN 



Kein einziges Mal fällt in diesem biografischen Drama der Name Teresa. Stets wird die mit bürgerlichem Taufnamen genannte Agnes Gonxha Bojaxhiu als Mutter Oberin oder gar nur Mutter bezeichnet. Dementsprechend lässt Regisseurin Teona Strugar Mitevska, die mich mit ihrem feministischen Powerwerk Gott existiert, ihr Name ist Petrunya schwer beeindruckt hat, ihr neuestes Werk schlicht und einfach mit Mutter betiteln. Nur: Mutter verkauft sich an den Kinokassen ob seiner Austauschbarkeit so gut wie gar nicht, also muss es für ein gutes Marketing anders laufen. Mit Teresa kann schließlich eine jede und ein jeder etwas anfange, denn mit diesem Namen verbindet man schließlich eine einzige Person: den guten Menschen von Kalkutta, Mutter Teresa, von den Katholiken heiliggesprochen und oft als umgangssprachlicher Begriff dafür verwendet, wenn man einen Altruismus lebt, der über eine allvorweihnachtliche Pflichtbesinnung hinausgeht.

Ihr Gewissen allein wollte die mit 18 Jahren dem Loreto-Orden beigetretene Nonne nicht erleichtern. Vielleicht aber, so Teonar Strugar Mitevska, war es Mutter Teresa ja doch nur um die Verwirklichung ihres Selbst gegangen. Eine wagemutige Unterstellung, die in ihrem Film aber dennoch Einzug findet – zumindest als Zweifel, die Teresa herausfordern – kurz, bevor sie die Erlaubnis des Vatikan erhält, aus ihrem Orden auszutreten und einen eigenen, neuen zu gründen, den der Missionarinnen der Nächstenliebe. Von da an wird man sie im blauweißen Baumwollsari durch die Armenviertel Kalkuttas streifen sehen, doch bis dahin bleiben noch, so das Skript, sieben Tage Zeit, um das Innerste zu ordnen, einen neuen Fokus zu setzen und die Beweggründe des Handelns zu erforschen.

Sister Act mit Stromgitarre

Fans, Verehrerinnen und Verehrer der Heiligen, die im Alter von 87 Jahren verstarb, mag dieses unkonventionelle Machwerk gelinde gesagt sauer aufstoßen. Traditionalisten und Konservative werden schon gleich zu Beginn mit den wenig sakralen Klängen von Heavy Metal ihre Probleme haben. Doch Mitevska setzt den Kontrapunkt gleich am Anfang, um allen im Vorhinein klarzumachen: Das hier wird keine sentimentale Reise, kein melodramatisches Biopic mit Chorgesängen, geistig-kitschigem Herzjesu-Esprit und gefälliger Sichtweisen. Hier bricht der Film schon mal mit den Ordensregeln für einen Kirchenfilm, um dann noch mit Noomi Rapace als eben jener Ikone des Altruismus eins draufzusetzen. Die Schwedin entdeckt dabei einen ganz eigenen, harschen Zugang zu ihrer Figur. Sie zeigt sich stoisch, prinzipientreu, eifersüchtig, und fanatisch. Ohne Fanatismus würde eine derart extreme Lebensweise gar nicht funktionieren. In dieser starren und höchst sonderbaren Welt des Ordens hegt Teresa eine besondere Beziehung zu ihrer potenziellen Nachfolgerin als Mutter Oberin, der Polin Agnieszka. Die aber trägt bald ein Geheimnis unter ihrer Gewandung, was die Heilige von Kalkutta völlig vor den Kopf stößt – und sie dazu bringt, über sich selbst und ihr Tun nachzudenken, und darüber, welche Art Mutter sie überhaupt sein will.

Biografie als assoziatives Psychogramm

Mitevska hat sich bewusst keiner faktentreuen Biografie hingegeben – diese letzten sieben Tage von Teresa im Loreto-Konvent haben zwar einen tatsächlichen, grob verankerten Hintergrund, verstehen sich aber mehr als frei interpretiertes Psychodrama, das sich einer unantastbaren Ikone annähert, ohne diese aber zu diskreditieren. Der Blick in Teresa – Ein Leben zwischen Licht und Schatten fängt menschliche Fehler und Vorzüge ein, innere Konflikte und eigennützige Verhaltensweisen. Diese Vermenschlichung ist ein bewundernswertes Beispiel dafür, wie man sich durch die Hintertüre einem weit über die Person hinausgehenden Begriff annähern kann – was sonst, eben wie bei Mutter Teresa, ja fast gar nicht möglich wäre. Auf diese Weise hat aber Mitevska freie Hand – und entwirft mit Agnieszka – gespielt von Silvia Hoeks – einen fiktiven Sparringspartner des Glaubens, der Lebensentwürfe und Prinzipien. Das Hinterfragen nach der Verheiratung mit Gott ist ebenfalls Thema genauso wie der Grad der Hingabe an das Geistliche und dem Ausschluss allen Weltlichen warum auch immer, dem störenden Faktor eines möglichen eigenen Kindes und überhaupt der Fleischeslust. Teresa hätte die Möglichkeit gehabt, mit allem aufzuräumen. Doch sie tut es nicht, selbst gefangen im Konservativismus, und nur innerhalb einer Strenge, so glaubt sie, zur Nächstenliebe fähig.

Bildsprache aus Chaos und Ordnung

Teresa – Ein Leben zwischen Licht und Schatten ist kein Film, in den man sich fallen lassen kann. Mit Ecken, Kanten und einem verwirrenden Tages-Countdown beobachtet dieser die emotionale Stasis einer inneren Dysbalance, die zwar keine nennenswerte Handlung offenbart, aber mit symbolträchtigen Bildern, kargen Settings und wie schon erwähnt irritierend kontraindizierten Klängen die Anti-Heiligenverehrung liefert, ohne Respekt vermissen zu lassen. Erwähnenswert auch die teils schwindelerregend mobile und dann wieder statische Kameraführung, die auf intuitive Weise den emotionalen Zuständen der Protagonisten entspricht. Freunde macht sich Mitevskas Film in Glaubenskreisen keine – für Agnostiker und jene, die bereit sind, Persönlichkeiten wie diese aus mehreren Blickwinkeln zu betrachten, ein inspirierender filmischer Ausflug in selten betretenes Terrain.

Teresa – Ein Leben zwischen Licht und Schatten (2025)

Sentimental Value (2025)

FAMILIE SPIELT EINE ROLLE

8/10


© 2025 Filmladen Filmverleih


ORIGINALTITEl: AFFEKSJONSVERDI

LAND / JAHR: NORWEGEN, DÄNEMARK, SCHWEDEN, DEUTSCHLAND, FRANKREICH 2025

REGIE: JOACHIM TRIER

DREHBUCH: JOACHIM TRIER, ESKIL VOGT

KAMERA: KASPER TUXEN

CAST: RENATE REINSVE, STELLAN SKARSGÅRD, ELLE FANNING, INGA IBSDOTTER LILEAAS, CORY MICHAEL SMITH, CATHERINE COHEN, ASH SMITH, JESPER CHRISTENSEN, JONAS JACOBSEN, ANDERS DANIELSEN LIE U. A.

LÄNGE: 2 STD 15 MIN


Durchs Reden kommen die Leute zusammen, heisst es so schön. Das ist, so weiß die skandinavische Filmwelt, der bessere Weg, um mit sich und den anderen ins Reine zu kommen. Das Ungesagte blieb bei Ingmar Bergman auf weltvernichtende Weise als unüberbrückbarer Graben eine seelenlandschaftliche topografische Grenzmarkierung, bevölkert von den Gespenstern der eigenen Ängste und Wahrnehmungen – mittlerweile jedoch, im Zeitalter der nicht nur analogen Interaktion, ist die verbale Auseinandersetzung wieder hochinteressant. Und schließlich wissen vor allem die Norweger, wie sie es anstellen, mit ihresgleichen ins Gespräch zu kommen, ohne leere Phrasen zu dreschen oder die stilistischen Must Have-Parameter eines Genres zu bedienen.

Der Norden feiert das Gespräch

Joachim Trier ist einer von denen, die mit der Hand auf den Tisch hauen, wenn es ums Zuhören geht. Damit aber ist er nicht alleine. Womöglich inspiriert durch Triers Der schlimmste Mensch der Welt, machte diesjährig Triers Landsmann Dag Johan Haugerud auf sich aufmerksam – seine Oslo-Trilogie über Beziehungen, Liebe und der dabei neu ins Licht gerückten Identität von Menschen, die, obwohl man sie nicht kennt, einem selbst plötzlich nahestehen, hat den Richtwert für den Dialogfilm neu gesetzt. Haugeruds Arbeiten sind aber deutlich radikaler als jene von Joachim Trier, vielleicht, weil sie ihre Handlung vollständig ins Gespräch betten und man den Film, sofern im Original, fast schon mehr liest als ansieht. Das hindert das Publikum, oder zumindest mich, nicht daran, ordentlich viel Diskussionsstoff mitgenommen zu haben, der nachhaltig die Gemüter erhitzt.

Die omnipräsente Abwesenheit des Vaters

Joachim Trier strebt in seinem bei den Filmfestspielen von Cannes voraufgeführten neuen Film Sentimental Value aber nicht Haugeruds Purismus an, sondern verschafft sich mit federnden narrativen Schritten Zugang in eine familiengeschichtsträchtige Immobilie, die in ihrer ruhenden, statischen, beobachtenden Gleichgültigkeit wie ein Schwamm Tragödien und Dramen einer seit jeher gebeutelten Familie durch den Verputz gesaugt hat. In den Grundfesten bleiben diese Erinnerungen omnipräsent – sie schüren die Enttäuschung von Theaterschauspielerin Nora, deren übermächtig wirkender Vater das Weite gesucht hat, während sie selbst und ihre Schwester in ihrer Kindheit niemanden dringender gebraucht hätten als ihn. Dieser Vater, eine Figur, inspiriert von den großen skandinavischen Bühnendramen eines Ibsen oder Strindberg, ist längst ein Regiegott des Kinos, dem man mittlerweile Retrospektiven gönnt und der die Aufmerksamkeit junger Starlets genießt, die gerne mit ihm arbeiten wollen. Im Zuge des Begräbnisses von Noras Mutter muss auch der Verschollene wieder seine Präsenz zeigen und nutzt diese Begegnung gleich, um seine Älteste dazu zu überreden, in seinem nächsten Film mitzuwirken – als Hauptfigur, als Star, sei doch dieses Drehbuch für sie verfasst. Und das, obwohl es, wie er beteuert, keinerlei autobiografischen Bezug hat. Wer‘s glaubt. Nora stellt sich quer, will von Papa nicht viel wissen, nur vielleicht, warum er sie und ihre Schwester verlassen hat. Die Antworten schuldig bleibend, versucht sich Regiestar Gustav Borg mit einer alternativen Besetzung zu trösten – der weltberühmten Schauspielerin Rachel Kemp, gespielt von Elle Fanning, die in diesem familiären Reigen aus Emotionen wie ein Fremdkörper wirkt, der nichts zu suchen hat in dieser sehr privaten Angelegenheit, die in der Aufarbeitung dysfunktionaler Umstände offene Wunden versorgt, die sonst niemanden etwas angehen.

Familie als Rollenspiel

Joachim Trier hat dafür wieder auf Renate Reinsve zurückgegriffen, mit der er bereits Der schlimmste Mensch der Welt gedreht hat. Ihr gegenüber: ein Kapazunder wie Stellan Skarsgård, dominant, erkenntnisgewinnend, müde vom Ruhm, doch dem Drang des Filmemachens ausgeliefert, das nun zur Projektionsfläche seiner eigenen Fehler wird. Dreh und Angelpunkt ist dabei dieses Haus, darin das Reflektieren von Erinnerungen und emotional, aber nicht bewusst Erlebtem – die Tragik eines Suizid, der Zusammenbruch eines familiären Gefüges. Viel Thema, viel Stoff, doch Trier setzt zu Beginn bereits die Aufdröselung eines Knotens an, der alle willenlos miteinander verstrickt, bis das Instrument des Films die Entwirrung schafft, bis die Kunst der kollateral am wenigsten zunichte machende Weg scheint, um ein unentschuldbares Drama verstehen zu können.

Sentimental Value bändigt diesen Wulst an Unverarbeitetem ohne Stillstand, ohne Ratlosigkeit, Triers Ensemble zieht die Sache durch, hält sich dabei nicht mit redundanten Leerläufen auf, sondern entwickelt ein gestochen scharfes, tief in die Vergangenheit reichendes Vater-Tochter-Drama, das den Dialog so beherrscht wie Haugerud, dabei aber auch die Kunst der Auseinandersetzung mit sich selbst und dem anderen feiert, dem Übermächtigen, Verkrusteten. Familie ist hierbei nicht das Offensichtliche, das sich verurteilen oder feiern lässt, sondern auch das längst nicht Reflektierte.

Sentimental Value (2025)

Die Wärterin (2024)

WIEVIEL SCHULD BLEIBT DEM GEFANGENEN?

7,5/10


© 2024 24 Bilder

ORIGINALTITEL: VOGTER

LAND / JAHR: DÄNEMARK, SCHWEDEN 2024

REGIE: GUSTAV MÖLLER

DREHBUCH: GUSTAV MÖLLER, EMIL NYGAARD ALBERTSEN

CAST: SIDSE BABETT KNUDSEN, SEBASTIAN BULL, DAR SALIM, MARINA BOURAS, OLAF JOHANNESSEN, JACOB LOHMANN, SIIR TILIF, RAMI ZAYAT, MATHIAS PETERSEN U. A.

LÄNGE: 1 STD 39 MIN


Im Kino kann man das Wort Rache schon bald nicht mehr hören. Aus Hollywood wird der asoziale, verbrecherische Amoklauf aus Trauer, Frust und Wut immer dafür instrumentalisiert, den roten Faden eines Actionthrillers zu rechtfertigen, der mit Verbrechern kurzen Prozess macht. Rache hat da meistens die banale, für alle Gesellschaftsschichten verständliche, niedere Instinktgetriebenheit, die im Moment existiert und keinesfalls vorausschauende Gedanken hegt. Rache ist die Befriedigung eines emotionalen Ausnahmezustands und hat keinerlei nachhaltige Wirkung. Im Fatih Akins Terrordrama Aus dem Nichts quält sich Diane Kruger mit dem Impuls, unbedingt Rache nehmen zu müssen an jenen, die ihre Familie ausgelöscht haben. Wofür? Für nichts. In The Amateur, dem neuen Film mit Rami Malek, wird Selbstjustiz gar vom Geheimdienst geduldet, ohne Konsequenzen. Eiskalt serviert sie auch Marvel-Antiheld The Punisher (Jon Bernthal), der sich ballernderweise dem organisierten Verbrechen entledigt. Diese Schemata wiederholen sich in regelmäßiger Reihenfolge wie das Amen im Gebet. Doch wenn man meint, in diesem Sektor des Rachefilms alles schon gesehen zu haben, dürfte wohl die Rechnung ohne die lieben Dänen gemacht worden sein. Denn die haben Gustav Möller, und Möller hat bereits mit seinem hochspannenden und dichten Kammerspiel The Guilty die Sehgewohnheiten des Publikums auf Hörspielebene gehoben. Was dort ans Ohr dringt, sind raffinierte akustische Bildwelten und ein Dialog, der so viele Fragen aufwirft, das diese an den Grundfesten menschlichen Verhaltens rütteln.

Dieses menschliche Verhalten wird auch zum irrationalen Faktor eines Nervenkriegs zwischen einer Vollzugsanstaltsbediensteten und einem verhaltensauffälligen Mörder, dessen unkontrolliertes Impulsverhalten diesem eine mehrjährige Haftstrafe in einem Hochsicherheitstrakt eingebracht hat. Soweit so klassisch. Doch dann kommt das: Dieser Gewaltverbrecher namens Mikkel hat den Sohn von Wärterin Eva auf dem Gewissen, der selbst wegen diverser Delikte gesessen hat und dort, im Knast, damals auf diesen Mikkel traf – mit tödlichem Ausgang. Der Zufall will es anfangs nicht, dass Eva, tätig im milden Strafvollzug, direkt mit Mikkel konfrontiert wird. Doch sie weiß: Wenn sie sich verlegen lässt, wäre ihr der Mörder ihres Sohnes ausgeliefert. Sie könnte ihm nach Strich und Faden das Leben zur Hölle machen.

So einfach, wie sich Eva dieses unreflektierte Unterfangen vorstellt, wird es allerdings nicht werden. Mikkel ist schließlich nicht auf den Kopf gefallen, und bald wird ihm klar, dass es diese hasserfüllte Wärterin ganz besonders auf ihn, und nur auf ihn abgesehen hat. Dieses Geheimnis der trauernden Mutter trägt Eva schließlich mit sich herum, ohne das irgendjemand etwas davon weiß. Somit erreicht der Psychokrieg zwischen den beiden eine Eigendynamik, die beide nicht werden kommen sehen.

Weit weg von den Banalitäten eines trivialen Unterhaltungskinos, das Ambivalenzen großräumig umschifft, setzt Die Wärterin zwei unbequeme, ungemütliche und keinesfalls schwarzweißgemalten Charaktere ins Zentrum. Was Sidse Babett Knudsen (Nach der Hochzeit, Club Zero) in vorzüglicher Rollenbeherrschung an Amoral und Niedertracht zulässt, ist für eine Protagonistin wenig sympathiefördernd. Und dennoch entwickelt sich keine Ablehnung gegen diesen Charakter, genauso wenig wie für den vorbestimmten Antagonisten, in diesem Fall Sebastian Bull als Straftäter und asozialen Problemcharakter Mikkel. Möller dröselt die Ordnung von Schwarz und Weiß soweit auf, dass nur noch eine Grauzone vorherrscht, in der beide Opfer und Täter zugleich sind. Die anfangs moralisch vertretbare Rache wird zum Mobbing, diese zur nackten Gewalt. Umgekehrt missbraucht Mikkel seine Rolle als Gedemütigter, um auf Eva seinerseits Druck auszuüben. Dieses Kräftevakuum lässt Die Wärterin zu einem starken, expliziten Schlagabtausch anschwellen, der nichts beschönigt, romantisiert oder dafür nutzt, um die christlich-sozialen Werte der Vergebung zu exemplifizieren.

Möller will gar nicht so weit gehen, den guten Umgang mit Verlust, Trauer und Genugtuung zu predigen, aus dem man gestärkt hervorgeht, weil die Kraft der Vergebung nur durch einen einzigen, akkuraten Prozess zu erlangen ist. Dem widerspricht Möller in jedem Fall. Seine Geschichte packt das Dilemma an der Wurzel und enttarnt vor allem die Rolle der Eva, die mit ihrer wütenden Rache nur sich selbst betrügt und von der eigentlichen Problematik in dieser Sache ablenkt. Letztendlich ist der Faktor des Erkennens die Basis für alles, um sich selbst weiterzuentwickeln und aus einer selbstverschuldeten Verlorenheit auszubrechen. Die Wärterin schildert dies mit düsterer Stimmung, unschöner Momente, aber mit sehr viel Ehrlichkeit und einem bewussten Fokus auf Sidse Babett Knudsens verhärmtes Gesicht, in dessen Mimik sich immer wieder Zweifel um die Art und Weise der eigenen Katharsis widerspiegeln.

Die Wärterin (2024)

Vivarium – Das Haus ihrer (Alp)Träume (2019)

ELTERNSCHAFT ALS ZWANGSARBEIT

7/10


© 2019 Leonine Pictures

LAND / JAHR: BELGIEN, IRLAND, DÄNEMARK, USA 2019

REGIE: LORCAN FINNEGAN

DREHBUCH: GARRET SHANLEY

CAST: IMOGEN POOTS, JESSE EISENBERG, JONATHAN ARIS, SENAN JENNINGS, EANNA HARDWICKE U. A. 

LÄNGE: 1 STD 38 MIN


Auf IMDB schrammt Lorcan Finnegans kosmischer Horror gerade mal an der 6 Punkte-Hürde vorbei. Ein passabler Schnitt bei 81.565 Bewertungen, allerdings nur eben das: passabel. Da wäre noch Luft nach oben, und diese Luft aber will keiner, der Vivarium gesehen hat, so richtig gerne verknappen, denn Filme, die das Bedürfnis des Publikums nach einer geordneten und rational zu begreifenden Welt nicht erfüllen, stoßen durchaus auf Ablehnung. Vivarium ist daher eines im Vorfeld ganz und gar nicht: Ein Wohlfühlfilm.

Es scheint, als hätten Edgar Allan Poe oder H. P. Lovecraft an dieser akkuraten Hölle ihre Ideen beigesteuert, oder besser gesagt: ihre Ängste, die sich in literarischen Visionen längst manifestiert haben. Vermengt mit den Elementen aus den Büchern und Filmen, die uns extraterrestrische Invasionen mit Schmackes veranschaulicht haben, greift das bizarre Szenario nur so um sich. Diesem ausweglosen Alptraum müssen sich, und so viel haben wir, woran wir uns festhalten können, zwei bekannte Gesichter unterordnen. Es sind dies Imogen Poots und Jesse Eisenberg, der zuletzt mit seiner Regiearbeit A Real Pain, ein tragikomischer Herzwärmer, reüssierte. Eisenberg aber ist hier – fast so wie in A Real Pain und auch in der Martial-Arts-Groteske The Art of Self-Defense oder aber in der Männlichkeits-Metapher Manodrome – ein anfangs stinknormaler und fast farbloser bis unsichtbarer Durchschnittsbürger, der im Grunde nichts anders mit sich anzufangen weiß als den Durchschnitt zu leben, den Normalo bar excellence, in dessen Innerem aber der eitle Wahnsinn brodelt. An seiner Seite Filmfreundin Imogen Poots (u. a. 28 Weeks Later), beide möchten als Gemma und Tom ein trautes Heim bald ihr eigen nennen. Immobilienmakler gibt es viele, doch leider müssen die beiden zu ihrem Unglück in jene Filiale reinschneien, die der seltsame Martin betreut. Ein gespenstischer Typ, der psychopathische Witz eines biederen Ladenhüters mit falschem Grinsen und womöglich feuchtem Händedruck. Ihm folgen sie per Automobil in eine abseits gelegene Reihenhaussiedlung, die den Begriff des Reihenhauses auch auf die Spitze treibt. Soweit das Auge reicht ein und dieselben vier Wände, nur ihre tragen die Nummer 9. Während Gemma und Tom sich umsehen, macht sich Martin aus dem Staub. Und wer nun glaubt, das Liebespaar findet den Weg ganz von allein retour, der irrt gewaltig. Sie müssen bleiben, und zwar eine ganze lange Zeit. Es gibt kein Entkommen, solange das seltsame Baby, das plötzlich in einem Pappkarton am Straßenrand liegt, nicht in deren Obhut aufwachsen kann.

What the Fuck? Sehnsüchtig wartet man auf eine Erklärung. Letztlich bleibt man so rat- und hilflos wie Gemma und Tom, die in absoluter Isolation und unter einem seltsam weltfremden Himmel, der aussieht, als wäre er von schlechter KI generiert, dahinfunktionieren. Finnegans Film hält sein Publikum insofern bei der Stange, da er Hoffnung sät. Jede weitere Szene könnte es soweit sein, und die beiden kommen dem Geheimnis auf die Spur.

Vielleicht gelingt es ihnen, vielleicht auch nicht: Verantwortlich für einen der bizarrsten Independentfilme der ausgehenden letzten Dekade zeichnet Garret Shanley – kennt man bereits sein Skript zum Rache-Horror Nocebo mit Eva Green, lässt sich erahnen, wie weit der Autor auch hier gehen wird können. Vivarium ist beklemmend und grotesk, strotzt vor verstörenden Ideen und genießt die Freiheit des fantastischen Kunstfilms, ohne auf das Einspiel Rücksicht nehmen zu müssen. Unter solchen Voraussetzungen erweitert das Kino seine kreative Palette und lukriert dabei ordentlich Courage, den Erwartungshaltungen des Mainstreams entgegenzutreten. Das gefällt nicht jedem, wenn die erzählerische Finsternis mit der Sehnsucht nach rationaler Ordnung Schlitten fährt.

Vivarium – Das Haus ihrer (Alp)Träume (2019)

The End (2024)

BLEIBT DEN MENSCHEN NOCH DAS SINGEN

4,5/10


© 2025 Stadtkino Filmverleih


LAND / JAHR: DÄNEMARK, DEUTSCHLAND, IRLAND, VEREINIGTES KÖNIGREICH 2024

REGIE: JOSHUA OPPENHEIMER

DREHBUCH: JOSHUA OPPENHEIMER, RASMUS HEISTERBERG

CAST: TILD SWINTON, MICHAEL SHANNON, GEORGE MACKAY, MOSES INGRAM, BRONAGH GALLAGHER, TIM MCINNERNY, LENNIE JAMES, DANIELLE RYAN U. A.

LÄNGE: 2 STD 28 MIN


Die Zeit nach dem Untergang muss nicht immer zum Spannendsten gehören, was die Welt je erlebt hat. Muss diese denn sterben, um was zu erleben? Mitnichten. In Film und Fernsehen hat die Apokalypse stets einen Nachhänger: die Postapokalypse, das elende Nichts danach, in welchem das letzte Häufchen an Menschen im übertragenen Sinn das Feuer neu entdeckt. Hinzu kommen meist Horden von Zombies oder andersgeartete Monster. Oder es passiert gar nichts, es ist einfach nur öde, und die Überlebenden haben sich längst unter die Erdoberfläche zurückgezogen, denn von dort ist nichts mehr zu holen. In Fallout oder Silo zum Beispiel, beides angesagte Science-Fiction-Serien, ist das kolportierte Ende der Welt nur politisches Druckmittel eines diffusen Machtapparats. Selbst im nun schon in die Jahre gekommenen Klassiker Flucht ins 23. Jahrhundert hat sich jenseits des kuppelförmigen Jungbrunnens längst eine neue, fruchtbare Wildnis etabliert. In Joshua Oppenheimers Alltag nach dem verheerenden Tag X denkt keiner daran, wiedermal einen Blick an die Oberfläche zu wagen. Kann ja sein, dass es sich im Licht einer immer noch strahlenden Sonne besser leben lässt als in einem Kalksteinbunker, in welchem der Feinstaub garantiert irgendwann eine kaputte Lunge garantiert, und zwar bei allen Beteiligten.

Diese Beteiligten sind die Gruppe aus einer dreiköpfigen Familie und liebgewonnenen Freunden, wie auch immer haben sich diese ein schmuckes Zuhause gestaltet, alles schön klassizistisch vertäfelt, überall hängen museumsreife Gemälde von Renoir oder Degas, es ist schließlich nicht so, als hätten die Damen und Herren hier unten von null auf eine neue Existenz errichtet. Sie müssten also schon weit vorher gewusst haben, dass alles zu Ende gehen wird. Und nun ist es da, und es gibt keine Zombies und keine toxische Atmosphäre, keine marodierenden Anarchisten, Sekten, invasive Alienrassen oder die Herrschaft künstlicher Intelligenzen. Oppenheimer lässt uns im Unklaren darüber, was wirklich geschehen sein mag. Wichtig ist nur, die Nachwelt als die Illusion einer trauten Gemeinschaft zu erhalten. Und die gestaltet sich ziemlich ereignislos. Ja, das Ende kann zum quälenden Müßiggang werden, in dem man seinen Hobbies frönt oder vor lauter Langeweile plötzlich anfängt, zu singen. Im Prinzip mal keine schlechte Alternative, Musik vertreibt dunkle Gedanken, macht glücklich, schüttet genug Endorphine aus, um zuversichtlich ins Morgen zu blicken. The End wird damit zum zaghaften Musical inmitten einer Art lieben Familie, die gemeinsam zu Tisch sitzt oder am Diorama eines intakten Amerikas herumschraubt.

Und plötzlich ist sie da, die junge Frau, die es geschafft hat, von außen in die heile Welt von Tilda Swinton, Michael Shannon und George McKay einzudringen. Viel Nachricht von jenseits des Bunkers scheint sie nicht zu bringen, doch klar wird, dass die Welt da oben nicht vergiftet ist. Moses Ingram (die Inquisitorin Reva aus der Star Wars Serie Obi-Wan Kenobi) mischt dann folglich auch noch mit, wenn es heisst, wiedermal einen Song zum Besten zu geben, der nur bedingt melodisch scheint. Ingram hat aber die weitaus beste Stimmlage, und wenn sie mal das Rampenlicht okkupiert, klingt das wohl in den Ohren – nicht so bei Tilda Swinton. Doch Swinton hat andere Stärken. Sie alle eint, dass sie verdrängt haben, was vor dem Ende alles passiert war – welche Tragik, welche Fehler, welche Widersprüche. Um mit sich selbst ins Reine zu kommen, dafür braucht es aber keinen Film, der weit mehr als zwei Stunden dauert. Oppenheimer wagt hier keinerlei Ausbrüche, er weigert sich, die Lage zu einer prekären werden zu lassen. Es wird geredet, erkannt, reflektiert, dann wieder gesungen, alles in der kulissenhaften Monotonie eines Endzeit-Downton Abbey, jenseits der Tore ins Eigenheim ausgehöhlte Tunnel, allerhand Staub. Und keine Lust darauf, die Dinge zu ändern. Nicht mal George McKay, längst flügge, wagt seine eigene Zukunft, obwohl die Chance dafür zum Greifen nahe liegt. Handlung, wo gehst du hin, könnte man fragen. Leider nirgendwo.

Da sich alle im Kreise drehen und Oppenheimer sein schleppendes Kammerspiel weitgehend sich selbst überlässt, ohne den Schicksalsgott zu spielen oder den verordneten Selbstbetrug in einem Aufschrei aufzudröseln, mag The End manche aus dem Publikum in den Schlaf singen. Selten war die Postapokalypse so fade.

The End (2024)

Das Mädchen mit der Nadel (2024)

DAS KINDLEIN WOHL IM ARM

7/10


© 2024 MUBI


LAND / JAHR: DÄNEMARK, POLEN, SCHWEDEN 2024

REGIE: MAGNUS VON HORN

DREHBUCH: LINE LANGEBEK KNUDSEN, MAGNUS VON HORN

CAST: VIC CARMEN SONNE, TRINE DYRHOLM, BESIR ZECIRI, TESSA HODER, AVA KNOX MARTIN, JOACHIM FJELSTRUP, ARI ALEXANDER U. A.

LÄNGE: 1 STD 55 MIN


Es ist die Zeit nach dem ersten Weltkrieg. Europa liegt in einem schwer traumatisierten Dämmerzustand, Millionen junger Männer sind aus ihren Leben gerissen worden. Frauen und Kinder stehen vater- und partnerlos vor dem Nichts, unklar, ob mit einer Heimkehr vom Schlachtfeld noch gerechnet werden kann. In diesem existenzialistischen, kränkelnden Dunst des Notleidens quält sich Karoline, deren Mann wie Schrödingers Katze sowohl als tot wie auch als lebendig gilt, tagtäglich in die Kleidermanufaktur des reichen Unternehmers Jørgen, in dessen Gunst sie steht und der ihr eindeutige Avancen macht. Nicht nur das: Bald schon trägt Karoline sein Kind aus, doch Jørgens herzlose alte Mutter will von dieser Liaison nichts wissen. Die junge Frau wird entlassen, wohin nun mit dem Fötus, der in ihrem Körper heranwächst? Karoline will den quälenden Umstand selbst aus dem Weg räumen, im Zuge dessen kommt die im Titel erwähnte Nadel ins Spiel, doch eine mütterliche Trine Dyrholm als Dagmar, die personifizierte Lösung für alles, bewahrt das verzweifelte Mädchen vor Schlimmerem. Sie weiß, wohin mit dem Kind, wenn es denn einmal da ist, schließlich gäbe es genug wohlhabende Leute, die als Zieheltern ihr großes Los ziehen würden. Was Karoline nicht weiß: Dagmar ist ein Monster.

Diese Figur einer kindsmordenden Psychopathin hat keinen fiktiven Ursprung – eine wie Dagmar Overby gab es wirklich. Magnus van Horn bedient sich dabei einiger biografischer Elemente und erweckt einen nach außen hin sozial integren, dahinter aber erbärmlich kranken Geist zum Leben, der genug heile Welt verspricht, um Karoline an sich zu binden. Ähnlich wie in Patty Jenkins Kriminaldrama Monster, in welchem Christina Ricci nicht von der männermordenden Charlize Theron lassen kann und beide eine Einheit bilden, so sucht die von Vic Carmen Sonne (u. a. Azrael) mit der notwendigen Zerbrechlichkeit, mit Opportunismus und Wut verkörperte Karoline mütterlichen Halt bei einer wie Dagmar, die Böses im Schilde führt. Komplexer wird Magnus van Horns Film durch das Auftauchen des vom Krieg gezeichneten Ehemannes Peter (Besir Zeciri), der, mit entstelltem Gesicht und Maske eine von der Gesellschaft geächtete Rolle einnehmen muss, die maximal für Freakshows reicht. Womit der Film eine gewisse Brücke zu David Lynchs Elefantenmensch schlägt, um Würde, Humanismus und Hoffnung auf soziale Integrität zu erörtern. Dabei wählt Das Mädchen mit der Nadel eine fulminante expressionistische Bildsprache, die ebenfalls an Lynchs frühe Werke erinnert und auf albtraumhafte Kontraste setzt, in düstere Räume dringt und phantasmagorische Collagen aus bodenlosem Abgrund hervorholt. Mit solchen Bildern fängt von Horn seine Schauergeschichte auch an – bizarrer Symbolismus wechselt mit akkurater, klarer Ausstattung. Soziale Härte trifft auf Macht und Abhängigkeit – Michael Hanekes Klassiker Das weiße Band ist da nicht weit entfernt.

Heuer für den Oscar als bester fremdsprachiger Film nominiert, mag sich van Horns bildgewaltiges Psychodrama genretechnisch gar nicht so gerne festlegen. Es entzieht und windet sich aus der Gunst des Publikums heraus und will kein Mitleid. Auf den ersten Blick wirkt Das Mädchen mit der Nadel daher spröde und viel zu abgründig, um sich in diesem entbehrungsreichen Kosmos gescheiterter Existenzen vorallem emotional zurechtzufinden. Magnus van Horn gelingen aber zwischen diesen real gewordenen bizarren Wachträumen, die mit dem Suspense-Kino ebenso herumexperimentieren, Szenen von Wärme, Liebe und voll von Sehnsucht nach Geborgenheit, dabei strahlt die Figur des Kriegsheimkehrers Peter trotz all seiner ihm widerfahrenen Entmenschlichung das größte Potenzial zwischenmenschlicher Verbundenheit und Nähe aus, und zwar so sehr, dass es einem hierbei fast das Herz bricht.

Das Mädchen mit der Nadel (2024)

David Lynch: The Art Life (2016)

ALS DAVIDS BILDER LAUFEN LERNTEN

7/10


© 2016 Polyfilm


LAND / JAHR: USA, DÄNEMARK 2016
REGIE: OLIVIA NEERGARD-HOLM, RICK BARNES, JON NGUYEN
KAMERA: JASON SCHEUNEMANN
LÄNGE: 1 STD 28 MIN


Bei aller Fairness. 2025 hat nicht gut begonnen. David Lynch würde sagen: Stimmt, das hat es nicht, aber es kann immer noch schlimmer kommen. Am 15. Januar, im Zuge der Evakuierungen in den Hollywood Hills aufgrund der verheerenden Brandkatastrophe, hat eines der größten Genies der Filmwelt und darüber hinaus den Eingang hoffentlich in die weiße Hütte gefunden. Die schwarze Selbige bleibt schließlich uns noch überlassen, mit all ihren Dämonen und roten Vorhängen, die einen schwarzweißen Zickzackboden begrenzen. Ein Muster, dass es bereits in David Lynchs Herzstück Eraserhead zu sehen gab und später im ewigen Fernsehkult Twin Peaks seine weitere Verwendung fand. Doch so akkurat wie das Design dieses Bodens sind seine Werke beileibe nicht. Man weiß schließlich auch: Lynch war nicht nur Filmemacher, sondern eben auch bildender Künstler und Musiker. Ich hatte mal das Glück, noch vor der Covid-Pandemie in Budapest einige von David Lynchs Werken zu besichtigen. Interessant dabei ist: Niemals, oder nur ganz selten, lässt er seine diffusen, oft sehr düsteren, bis ins Monströse deformierten Rätsel unkommentiert. Seine in unterschiedlich großen Lettern hingekritzelten Zwei- oder Einzeiler sind das Salz in der Suppe. Mit ihnen taucht man noch tiefer ein in einen Zustand der Wahrnehmung, den wir alle kennen. Es ist der eines unbequemen, flüchtigen Traumes, der aber noch kein Alptraum ist, der zum Alptraum erst in den letzten Momenten vor dem Aufwachen wird. Die Zeit davor, dieses Anbahnen einer Manifestation unbewusster Ängste, die so viel mit dem eigenen subjektiven Leben zu tun haben und uns erst zu dem machen, wer wir sind: dieses Unkontrollierbare im Hinterkopf – das ist David Lynch. Niemand hat das jemals so virtuos auf den Punkt gebracht. Niemand wird das jemals wieder so auch wieder auf den Punkt bringen.

Es wäre nur der halbe Reiz des Ganzen, hätten diese surrealen Traumwelten nicht eine gewisse bittersüße, melancholische Dualität, nämlich auch eine gewisse verletzliche Schönheit und Bedürftigkeit nach Errettung. Man ist fasziniert und verstört gleichermaßen – in David Lynchs oft reliefartigen Bildern und Collagen tritt diese Wirkung schon auch, aber nicht ganz so stark zutage wie im Medium Film. Lynch wusste das seit der Arbeit an Eraserhead. Diese Metamorphose von der Kreation im Atelier bis hin zur Arbeit hinter der Kamera an einem verlassenen Fabriksgebäude nahe Los Angeles nehmen sich die Filmemacher Olivia Neergaard-Holm, Rick Barnes und Jon Nguyen als roten Faden ihres Gesprächs mit einem kettenrauchenden Housesitter und Wohnungseremiten, der gar nie irgendwo in der Weltgeschichte hätte herumreisen müssen, sind seine Reisen oder die, die sich für ihn lohnen, gemacht worden zu sein, jene, die ins Unterbewusstsein führen, an die Quelle der Kreativität.

So sehen wir in David Lynch: The Art Life den Meister überwiegend in der Pose des Denkers und Sinnierers, langsam den Glimmstängel an die Lippen führend, aus dem Off dann seine Stimme, ebenso verzögert, bedächtig und scheinbar um die richtigen Worte ringend, als wäre es ihm kein leichtes, sich verbal zu offenbaren. Oder aber kein leichtes, das Vergangene rekapitulieren zu lassen, was aber verwundern würde, hatte Lynch doch, so sagt er selbst, das Glück einer intakten Familie und die Möglichkeit, seiner eigenen Bestimmung zu folgen. Wie er das gemacht hat, schildert er, in einem Kellerraum sitzend vor einem Mikrophon, als wäre er an einem Set seines eigenen Films. Es ist, als spräche er zu sich selbst, als gäbe es kein Filmteam, das ihm Beachtung schenkt. Als wäre, bis auf seine kleine Tochter, niemand da, dem er diese biographischen Notizen diktiert.

Wer vom Euvre Lynchs außer den Filmen noch wenig weiß, kann hier sein Defizit ausbügeln: In diesem Künstlerportrait sammelt sich so einiges an, von der Fotografie über lasierte Kreidezeichnungen bis zum Stop-Motion und den ersten, natürlich bizarren Kurzfilmen, die ihm dann auch den Weg nach Hollywood ebnen. Als biographischer Etappensieg lässt sich dieser Film erachten, er holt das frühe Geheimnis eines Visionärs und Avantgardisten wie Lynch aus der wachschlafenden Grauzone bis dorthin, wo der Rest seines Lebens beginnt, Filmgeschichte zu schreiben.

David Lynch: The Art Life (2016)