Weißer weißer Tag

OPA IST DER BESTE

6/10


weisserweissertag© 2020 Arsenal Filmverleih


LAND: ISLAND, DÄNEMARK, SCHWEDEN 2019

REGIE: HLYNUR PALMASON

CAST: INGVAR EGGERT SIGURÐSSON, ÍDA MEKKÍN HLYNSDÓTTIR, HILMIR SNÆR GUÐNASON, BJORN INGI HILMARSSON U. A.

LÄNGE: 1 STD 44 MIN


Das isländische Kino ist nicht gerade dafür bekannt, die Kinosäle zu füllen – dafür aber füllt es die Nischen des Arthouse, und zwar auf innovative Art und Weise. Was das isländische Kino so erzählt, das sind mitunter sehr schwarzhumorige Geschichten voller Lakonik, voller Exzentrik, langen Nächten und den unwirtlichen Landschaften zwischen Gletscher und stürmischer Meeresküste. So ungewöhnlich auch die Filme aus dem hohen Norden begrüßenswerterweise sind – dieser hier von Hlynur Palmason setzt allem bisher Dagewesenen die Krone auf. Selbst dem irren Außenseiterdrama Noi Albinoi. Der hatte noch genug makabren Humor, um darin noch eine gewisse Verbundenheit zu anderen lokalen Werken zu erkennen. Bei Weißer weißer Tag ist alles anders, und alles nicht so, wie man es gewohnt ist. Das irritiert, verstört gar ein bisschen, und strapaziert die Geduld.

Nur so als Beispiel: Ein Haus, irgendwo im Nirgendwo, im Hintergrund Islands Bergwelt. Dann vergeht die Zeit, Tag für Tag, im Zeitraffer. Tage werden zu Wochen, Monaten. Schnee, Sonne, Nebel, Regen. Vormittag, Nachmittag, Abend, unzählige Stimmungen. Die Kamera bleibt dabei statisch. Eine Szene wie aus dem Wetterpanorama aus Reykjaviks Umland. Dann, nach einer gefühlten Ewigkeit, geht’s endlich zur Sache. Wir sehen einen älteren Mann, einen Witwer, gleichzeitig Großvater einer neunjährigen Enkelin, die ihren Opa über alles liebt. Opa, der ist der Beste. Doch dann, beim Sichten von Omas Nachlass, wird der alte Mann stutzig. Hatte seine Frau eine Affäre? Diese Sache lässt den Alten nicht los und er forscht nach. Aus der Nachforschung wird Obsession, Aggression, Zweifel. Was darunter leidet, das ist die Beziehung zu seiner Enkelin, die ihren Opa plötzlich mit anderen Augen sieht. Was nicht unbedingt gut ist. Und was zu vermeiden gewesen wäre.

Weißer weißer Tag – das sind die Nebeltage Islands, wo man kaum mehr die Hand vor Augen sehen kann. An so einem Nebeltag ist Opa Ingimundurs Frau mit dem Auto verunglückt. Und an solch einem Tag wird sich die verquere Situation so ziemlich zuspitzen. Bis dahin allerdings ist Palmasons Film ein Patchwork an unterschiedlichen Filmstilen, an arrangierten Stillleben, Nahaufnahmen, scheinbar aus dem Kontext gerissenen Szenen einer Fernsehshow, die abgefilmt werden. So unterschiedlich und so assoziativ all diese Szenen auch wirken, es liegt ihnen dennoch eine Gemeinsamkeit zugrunde: die Thematik des Trauerns und Überwindens von Kränkung. Kein leichter Stoff? Mit Sicherheit nicht. Auf Weißer weißer Tag muss man sich einlassen, und damit rechnen, manchmal ratlos das Gesehene oder Geschehene hinzunehmen. Interessanterweise aber findet diese raue, manchmal statische und dann plötzlich wieder ungestüme, unorthodoxe Drama einen Weg des geringeren Widerstands für den Betrachter, versöhnt ihn mit seiner provokanten Erzählweise, indem es am Ende direkt berührende, erlösende Momente findet. Tja, Trauer geht manchmal seltsame Wege.

Weißer weißer Tag

The Kindness of Strangers

VERLOREN UND WIEDERGEFUNDEN

7,5/10

 

kindnessofstrangers© 2019 Alamode Film

 

LAND: USA, DÄNEMARK 2018

REGIE: LONE SCHERFIG

CAST: ZOE KAZAN, ANDREA RISEBOROUGH, TAHAR RAHIM, BILL NIGHY, JAY BARUCHEL, CALEB LANDRY JONES U. A.

 

An alle, denen soziale Nähe nicht nur in Corona-Zeiten suspekt vorkommt und die mit Free-Hugs-Aktivisten nicht viel anfangen können: in Lone Scherfigs feinfühligem Sozialdrama menschelt es gewaltig. Aber es menschelt auf eine gute Art, um nicht zu sagen: auf enorm gute Art. Das ist Nähe, die man zulassen kann. Nächstenliebe würden manche dazu sagen, Altruismus die Studierten. Vorweihnachtliche Umsicht diejenigen, die, von wärmenden Geschichten wie die von Charles Dickens inspiriert, gerne alle Menschen in Geborgenheit wissen wollen. Natürlich, niemanden soll es schlecht ergehen. Der sichere Hafen eines guten Zuhauses ist allerdings subjektiv. Für Machtmenschen wie den Ehemann von Clara (berührend unbeholfen: Zoe Kazan) gilt die harte Hand als Maß aller guten Dinge. Für den Rest der Familie nicht. Also flieht dieser Rest in einer Nacht- und Nebelaktion vor der Aggression des Vaters ins winterliche New York – mit nichts außer einem Auto als Heimstätte, und ihrer Liebe zueinander. Dabei kann Clara durchaus ahnen, dass es nicht nur ihr so geht. Ein anderer junger Mann wiederum scheint zu keiner Arbeit fähig zu sein, weil das Pech ihn verfolgt. Wieder einer findet durch Glück Arbeit in einem russischen Restaurant – sonst aber plagt ihn die Einsamkeit. Und wieder eine arbeitet sich als Krankenpflegerin und Leiterin einer Selbsthilfegruppe zum buckligen Igor für andere.

Von den Unsichtbaren inmitten von Vielen erzählt dieser Film. Was anfangs scheint, als wären in The Kindness of Strangers thematisch verwandte Episoden der gemeinsame Nenner, verwebt sich zusehends und in keiner Weise verzettelnd zu einem großen, erkenntnisreichen Ganzen. Die Dänin Lone Scherfig (u. a. An Education) zeigt hier ganz viel Gespür für ihre strauchelnden Seelen, die niemals auch nur ansatzweise dem Sozialvoyeurismus die Hand aufhalten. Es sind die Zutaten für eine Art des Ensemblefilms, die scheinbar nur Script-Genie Richard Curtis so fein verweben kann. Sein Drehbuch zu Vier Hochzeiten und ein Todesfall ist längst Kult, Tatsächlich Liebe… und Alles eine Frage der Zeit, beides unter seiner Regie, sind bemerkenswert ausformulierte Filme zu leicht verbraucht wirkenden Themen wie Beziehung, Intimität und Herz. Vor allem letzterer ist pure Inspiration. Scherfig kann das genauso gut. The Kindness of Strangers schlägt aber deutlich düsterere Töne an, der soziale Abstieg der Familie rund um Clara lässt andere womöglich verzweifeln. Der von überall verbannte Taugenichts Jeff erweckt nur Mitleid. Und Krankenschwester Alice will man am liebsten gestern unter die Arme greifen. Andrea Riseborough sticht hier hervor wie eine wärmende Lichtgestalt an trüben Tagen. So selbstlose Menschen sind erstaunlich. Aber auch der Mut der anderen und der Trost von Fremden ist nichts, was alltäglich ist, aber durchaus sein könnte. Diese Erkenntnis ist letzten Endes unglaublich positiv und weckt Zuversicht in einem Zeitalter des Eigennutzes, in welchem viele sich selbst inszenieren und kaum mehr etwas geben, ohne zu nehmen. Interessanterweise erwarten all die Figuren in diesem Film für ihre Nächstenliebe gar nichts und erhalten viel mehr als jemals gedacht. Ein schönes, überlegtes und liebevoll inszeniertes Werk, indem die Gutmenschen jene sind, die sich niemals selbst dafür halten würden.

The Kindness of Strangers

Walhalla – Die Legende von Thor

MYTHEN IM BAUMARKT

5/10

 

walhalla© 2019 Koch Films

 

LAND: DÄNEMARK, NORWEGEN, SCHWEDEN, ISLAND 2019

REGIE: FENAR AHMAD

CAST: ROLAND MØLLER, DULFI AL-JABOURI, CECILIA LOFFREDO, SAXO MOLTKE-LETH, STINE FISCHER CHRISTENSEN U. A. 

 

Wo der Hammer hängt, weiß einzig und allein der, dem wir unbewusst allwöchentlich gedenken, und zwar immer Donnerstags: Thor, der Sohn Odins und der Gott des akustischen Gewitters, der nichts ist ohne seinen Hammer, damit aber ein harter Brocken unter den Ewiglebenden, obwohl sich selbst Thor in dieser sehr erdverbundenen Mär rund um alte Wikingermythen den einen oder anderen Schiefer einzieht. Da hilft kein tätowierter Bizeps, da hilft kein Utensil aus dem transzendenten Werkzeugkasten. Da hilft vielleicht nur ein junges Mädchen, das der Versuchung nicht widerstehen kann, Asgard einen Besuch abzustatten. Aber wie kommts? Wie kommt ein Menschenkind in die Hallen der Götter? Dafür müssen Thor und sein Bruder Loki (ganz anders als Tom Hiddelston, aber auch ganz nett angelegt) erstmal einen Stopover an einem skandinavischen Bauernhof einlegen, und Loki daselbst kann es naturgegeben nicht lassen, die Menschleins mit seinen Intrigen zu manipulieren. Natürlich haben die dann den Salat: die Zugziegen Thors können nicht mehr weiter, der Hammergott zürnt und lässt sich maximal damit zufriedenstellen, den Bauerssohn als Wiedergutmachung mitzunehmen – als Mundschenk oder ähnliches, Verwendung wird sich schon finden. Schwesterchen Røskva, von Natur aus neugierig, will ebenfalls mit – und schummelt sich auf Thors Karren. Die armen Eltern, die plötzlich kinderlos dastehen. Aber was solls, ist doch alles Bestimmung – das Mädel wird noch wichtig werden, wenns darum geht, den wildgewordenen Fenriswolf (wir erinnern uns an Thor: Tag der Entscheidung) wieder einzufangen und die Riesen aus Udgard, die nicht viel größer sind als der Rest der Bewohner jenseits des Bifröst, an die Kandare zu nehmen.

Dänische Fantasy, wie sie stets gerne sein möchte: erdig, düster, unprätentiös und ein wenig mit der phantastisch-literarischen Welt einer Astrid Lindgren kokettierend. Die Erdlinge, so wild und zerzaust wie seinerseits Ronja Räubertochter. Die nordischen Gottheiten: Roland Møller (u. a. Unter dem Sand) als Thor wurde auf Werkeinstellung runtergefahren – ein bärbeißiger Handwerker im Vikings-Stil. Loki birgt Geheimnisse unter seiner Kapuze und Odin erinnert an so manch zauseligen Eremiten aus den Monty Python-Filmen. Ob die unfreiwillige Komik hier deplatziert ist, müssen wir den Regisseur Fenar Ahmad fragen, der unter anderem Darkland inszeniert hat. Überhaupt könnte die Darstellung von Asgard jeden Altwikinger ansatzweise vor den Kopf stoßen, so hinterwäldlerisch kommt das von allen Kriegern so angestrebte Walhalla daher. Ja, schöne Landschaften sind das allemal, aber die gibts in Midgard auch. Und wo die Menschenkinder ausharren müssen, da ist der nächste Heuschober nicht weit. Udgard hingegen gebiert Finsterlinge, die an die Schergen des Immortan Joe aus Mad Max: Fury Road erinnern. Alles in allem ganz schön ein Griff in das Säckchen Torfmull, das gerade mal zur Hand war.

Der lederwamsige Reigen mag ja optisch im Laufe des Abenteuers durchaus gefallen, im Gegensatz zu Marvels funkelndem Asgard hat diese Adresse hier schon bessere Zeiten erlebt. Die Story allerdings auch. Mag ja sein, dass Walhalla von allen Seiten bedrängt wird – doch das Konzept einer auserwählten Minderjährigen ist nichts, was hinter dem Opfertisch für die Asen hervorholt. Vorhersehbar wie schon lange nicht wechseln wir von einem zu überwindenden Level zum nächsten, wohlwissend, wie es enden wird. Das ist recht lieblos zusammenmontiert, birgt relativ wenig Magie und weckt, je mehr das Ende naht, immer weniger Interesse. Zu gewollt anders als Marvel, das Ganze. Zu wenig mythisch, da hilft der ganze Nebel nichts.

Walhalla – Die Legende von Thor

A War

PAPA IST IM KRIEG

6,5/10

 

A WAR© 2015 Studiocanal Deutschland

 

LAND: DÄNEMARK 2015

REGIE: TOBIAS LINDHOLM

CAST: PILOU ASBÆK, TUVA NOVOTNY, SØREN MALLING, DULFI AL JABOURI, CHARLOTTE MUNCK, ALEX HØGH ANDERSEN U. A. 

 

Will man wirklich viel über das menschliche Verhalten ganz besonders in weniger alltäglichen Situationen erfahren, will man das Spektrum der individuellen Verantwortung bis zur Grenze ausloten, dann sollte man, ferner man nicht in sachkundigen Büchern darüber schmökern will, das dänische Kino heranziehen. Wer fällt mir da natürlich als erstes ein? Susanne Bier, keine Frage. Thomas Vinterberg natürlich, dessen Familiendrama Das Fest nachhaltig im Magen liegt. Martin Zandvliets Unter dem Sand erschüttert nicht weniger und stellt die Frage der Kriegsschuld mitten in den leeren Raum. Tobias Lindholm schließt sich da an. Sein selbst verfasstes Kriegsdrama mit dem schlichten Titel A War tut sich absichtlich schwer, eine Grenze zu ziehen zwischen dem individuellen Drang, die Liebenden zu schützen und dem entseelten Pragmatismus korrekter Vorgehensweisen im Krieg. Bei Lindholm wissen wir: der Krieg ist nichts für Menschen, denn egal, wie sie sich, wenn es hart auf hart kommt, entscheiden: eine Partei zieht immer den Kürzeren.

Worum geht’s also? Nun, der dreifache Familienvater Claus Michael Pedersen ist Befehlshaber einer Einheit Soldaten, die in Afghanistan einen von Bauern bevölkerten Landstrich sichern sollen. Der wird aber immer wieder von Taliban-Milizen heimgesucht, bevorzugt des Nachts, wenn die ausländischen Krieger in ihren Kojen schlafen und keine Gefahr darstellen. Mit dem Tod ist bei Pedersens Kompanie jederzeit zu rechnen, entsprechend angespannt ist die Situation und spitzt sich zu, nachdem eine von den Taliban bedrohte Familie an der Kaserne um Zuflucht fleht. Das geht natürlich nicht, da könnte ja jeder kommen, die Trennlinie zwischen Zivilisten und Militär muss gezogen bleiben, wir sind ja schließlich Menschen unterschiedlicher Klasse und haben nichts gemein – oder ist in dieser Gleichung da irgendwo der Wurm drin? Das erfährt Pedersen tags darauf am eigenen Leib, als besagte Familie tot in ihrer Hütte liegt – und er selbst mit seinen Leuten ins Kreuzfeuer gerät. Wie aus dieser Situation rauskommen? Befehl an die Luftstreitkräfte: den Angreifer bombardieren, sonst sieht hier keiner den nächsten Morgen. Alsbald stellt sich heraus: das militärische Ziel war eigentlich ein ziviles.

Eines ist ganz klar: A War ist nicht mit Filmen der Art eines Michael Bay wie 13 Hours oder Peter Bergs Lone Survivor zu vergleichen. Lindholms Gleichnis ist um Breitengrade subtiler, und setzt auch rechtzeitig einen viel weiter gefassten Blickwinkel auf die Situation, so wie es einst schon Susanne Bier mit ihrem oscargekrönten Film In einer besseren Welt gemacht hat. Nur so, indem man gleichzeitig zwei völlig gegensätzliche Welten oder gar Genres zusammenbringt, die doch einen gemeinsamen Nenner haben, nämlich den Soldat Pedersen, lässt sich früh erkennen, worauf es hier eigentlich ankommt. Nicht aufs Überleben, nicht auf die Gräuel des Krieges, denn das ist ohnehin klar. Sondern auf die Unmöglichkeit im Krieg, die strategische Vernunft vor persönliche Bindung zu stellen. Der Mensch ist immer noch ein Gefühlswesen, neben den Grundbedürfnissen empfindet er immer noch Angst, Liebe und Wut als die stärksten Triebfedern seines Handelns. Ein Soldat ist schließlich kein Roboter, auch wenn Kubrick in Full Metal Jacket dieses aus seinen Rekruten machen wollte.

Womit ich mir etwas schwer tue, das ist dieses dem Film zugrundeliegende, verantwortungslose Verhalten, das sich natürlich nicht auf den Einsatz in Afghanistan bezieht, sondern auf die eigentliche Entscheidung des Vaters einer fünfköpfigen Familie, die unerlässliche Wichtigkeit einer Vaterfigur hinter berufliches Pflichtgefühl zu stellen – ein Verhalten, das ich nicht nachvollziehen kann. Soldat Pedersen tut es trotzdem – und wird zwangsläufig in den Sog aus Pflicht und Gewissen hineingezogen, was mir allerdings keine Genugtuung verschafft, weil ich mir nicht sicher bin, ob die Erkenntnis letzten Endes genau die war, die ich ihm gewünscht hätte.

A War

Milchkrieg in Dalsmynni

THERE WILL BE MILK

5/10

 

MilchkriegInDalsmynni© 2019 Thimfilm

 

LAND: ISLAND, DÄNEMARK, DEUTSCHLAND, FRANKREICH 2019

REGIE: GRÍMUR HÁKORNASON

CAST: ARNDÍS HRÖNN EGILSDÓTTIR, SVEINN ÓLAFUR GUNNARSON, ÐORSTEINN BACHMANN, HINRIK OLAFSSON U. A. 

 

Ein gutes Gefühl, beim Club zu sein. Oder bei der Gewerkschaft. Oder bei sonst einer Vereinigung gleichgesinnter Wirtschafter, die sich gegenseitig in schwierigen Lagen eine Stütze sind und sich auch sonst gegenseitig unterstützen, indem sie die Produkte der anderen kaufen, die auch in diesem Club sind. Es ist ein Geben und Nehmen, und wehe du gibst aber nicht, dann stehen sie vor deiner Tür, die ausgeschickten Bluthunde, die dich zur Rechenschaft ziehen. Das klingt jetzt vielleicht ein bisschen hart. Bluthunde. Muss doch nicht sein. Doch die Genossenschaft, die will Loyalität. Hat somit das Monopol und kann die Preise für systemrelevante Rohstoffe hin und her schrauben, wie es ihr passt. So ein Sicherheitsnetz will was kosten. Im Grunde ist das auch die Idee von bezirksdeckend organisierten Syndikaten, die Kleinbetrieben Schutzzölle abpressen. Naja, es wäre wegen der Sicherheit, weswegen sonst? Schnell gleicht so eine unter die Achseln greifende Hilfsgemeinschaft einem sektiererischen Ordnungsruf, der sich aber für den einzelnen wirtschaftlich gesehen kaum rentiert. Das findet auch die Milchbäuerin Inga, die ihren Gatten immerwährend dazu drängt, es doch mal mit einem anderen Futterlieferanten zu probieren, der um Eckhäuser günstiger ist. Wie soll man die Schulden für den Hof sonst zurückzahlen? So einfach ist das nicht, denkt der Gatte, denn der ist selbst so eine Art Sheriff von Nottingham in diesem System, ohne es zuzugeben. Wohin das führt, endet tragisch – und Inga steht alleine da. Ohne sich nun rechtfertigen zu müssen, spricht sie aus, was viele denken – und erklärt der Genossenschaft den Krieg.

Natürlich doch, ein isländischer Film wie dieser wäre kein solcher, wäre er nicht wieder ausnehmend lakonisch. Die da oben sind nicht unbedingt die Eddie Murphys des Planeten, was gesagt werden muss, wird gesagt, der Rest ist Schweigen. Sowas passt in die wildromantische Landschaft ehemals nordischer Gottheiten. Sowas passt, wenn’s stürmt und schneit und regnet, und es nicht mal richtig hell wird. Da bündelt man seinen Grant und wandelt ihn in den Willen zu harter Arbeit. Grímur Hákornason, der mit dem ruppigen Bruderzwist Sture Böcke schon mal einen Konflikt auf offenem Gelände austragen ließ, lässt jetzt eine verbitterte Bauersfrau den Fehdehandschuh werfen. Wobei diese Offensive nicht aus Wut geschieht. Zumindest mit nicht viel mehr Wut wie in Ken Loachs Notstands-Tragödie Ich, Daniel Blake. Hákornasons Film ähnelt im Stil tatsächlich den Sozialdramen des Iren. Entschleunigt, beobachtend, und bis zur letzten Konsequenz, die weit entfernt ist vom Abendrot eines versöhnlichen Happy Ends. Milchkrieg in Dalsmynni findet einen zutiefst nordischen Ausgang aus der abgesicherten Komfortzone einer Dienstleistung, hinaus auf die wilden, schneebedeckten Spielwiesen des Aneckens, mit hervorgerecktem Kinn und trotziger Sachbeschädigung.

Wie bei Ken Loach ist auch dieser Kampf Klein gegen Groß ein sehr nüchterner, beobachtender Film geworden, der natürlich weiß, was er sagen will und für fairen Handel wirbt, unterm Strich aber gerät Milchkrieg in Dalsmynni zu spröde, vielleicht gar zu vorhersehbar und auch zu wirtschaftspolitisch, um Bäuerin Inga voller Überzeugung anzufeuern. Klar will man, dass Inga gewinnt, doch anders als in Sture Böcke fehlt hier das Quäntchen augenzwinkernder Esprit, der so einem aufs Wesentliche heruntergebrochenen Thema sicher nicht geschadet hätte – im Gegenteil, es hätte den Film besser gemacht. Diese rationale, etwas träge Netto-Version eines Aufstands ist in ihrem Purismus für mich leider etwas zu wenig.

Milchkrieg in Dalsmynni

Ophelia

EIN JEDI AM KÖNIGSHOF

5/10

 

OPHELIA_D1_051517_DSC9651.NEF© 2018 Koch Films

 

LAND: USA, GROSSBRITANNIEN 2018

REGIE: CLAIRE MCCARTHY

CAST: DAISY RIDLEY, GEORGE MACKAY, NAOMI WATTS, CLIVE WOWEN, TOM FELTON, DAISY HEAD U. A. 

 

Mit dem letzten Drittel der Star Wars-Saga ist sie als Rey Namenlos in die Filmgeschichte eingegangen: Daisy Ridley. Ja tatsächlich, da hatte sie das letzte Wort, in einer starken Heldinnenrolle, die zumindest mich vollends überzeugt hat. Da Star Wars jetzt vorbei ist, und sie auch womöglich niemals wieder in die Rolle eines Jedi schlüpfen wird, erscheint nun eine bereits zwei Jahre alte, aber immerhin eine ganz andere Produktion, um die Schauspielerin auch gleich rollentechnisch anders zu positionieren, sonst wiederfährt ihr Gott behüte das gleiche wie Mark Hamill, der nach dem Hype der Originaltrilogie im Filmbiz nur noch schwer Fuß fassen konnte. Ihre neue Alternativrolle ist aber auch nichts, was man nebenbei spielt. Es hat mit Shakespeare zu tun, und noch dazu gleich mit einem seiner berühmtesten und massentauglichsten Stücke neben Romeo und JuliaHamlet. Aber keine Sorge, die Interpretation der Geschichte des verhinderten Dänenprinzen ist kein weiterer wortgetreuer Aufguss in vielleicht modernem Gewand. Diese Geschichte hier wird ganz anders erzählt. Und da sind wir wieder bei Daisy Ridley, die sich eine nicht weniger schillernde Rolle als ihre Rey hernehmen muss: die der Ophelia. Was mir dabei immer gleich einfällt, ist das berühmt Zitat: „Geh in ein Kloster, Ophelia!“ Ja klar, letzten Endes wird sie das tun, aber bis dahin passiert so einiges Tragisches, diesmal aber aus Sicht des weiblichen Sidekicks. So etwas Ähnliches gab es auch schon, nur nicht aus der Sicht einer Frau, sondern aus der Sicht der beiden Haudegen Rosenkranz und Güldenstern, nach einem Theaterstück von Tom Stoppard (siehe Shakespeare in Love). Doch diese beiden bekommt man in dieser Verfilmung kaum zu Gesicht. Denn die Kamera, die ist voll und ganz auf Daisy Ridley gerichtet.

Aus gutem Grund, denn sie macht eine außerordentlich gute Figur. Mit ihrer roten Mähne, leicht dauergewellt (erinnert ein bisschen an Cate Blanchetts Version der Elizabeth I.) und meist in grünem Kleid. Weiters ein heller Blick, nonkonform und mit Sinn für Humor. Klar, dass Hamlet voll drauf abfährt. Den spielt übrigens der Soldat aus Sam Mendes Kriegsfilm 1917 – George MacKay. Doch den Irrsinn und den Rachedurst dieses Bühnenhelden, so wie wir ihn kennen, den hat er nicht. Wäre aber nicht so tragisch, all diese Intrigen mitsamt dem Niedergang eines Königshauses ist schon tragisch genug, und außerdem handelt Claire McCarthys Kostümschinken ja vermehrt von Ophelia. Ein bisschen duckmäuserisch ist diese angesichts der dominanten Blaublüter innerhalb der herrschaftlichen Mauern schon, doch mit Sicherheit ist das dem Steckbrief der Rolle geschuldet. Auf Abruf und nur nicht auffallen, das kann Daisy Ridley auch gut, doch spätestens aber, wenn der an die Macht geputschte Clive Owen mit Javier Bardem-Gedächtnisfrisur handgreiflich wird, geht der Star Wars-Star ein bisschen aus sich heraus, obwohl –  der gespielte Wahnsinn will auch ihr nicht so recht gelingen. Was zum Rest des Films passt. Denn Ophelia, nach der Vorlage eines Liebesromans von Lisa Klein, bemüht sich sichtlich, nicht ganz so gestelzt seine Anweisungen aus dem Regie-Off durchzuführen. McCarthys Film ist ein Spielen nach Vorschrift, ein bisschen wie ein Sommertheater auf irgendeiner Ruine, wo nebenbei noch Gefrorenes geschleckt oder Spritzer gerunken werden. Nachher flaniert man gemütlich durch den lauen Abend, ohne Eile. Oder trifft die Stars noch auf ein Autogrammstündchen. Gegen diese volkstümliche Attitüde sprechen natürlich all die üppigen Requisiten, und auch diese besonders illustre Besetzungsliste, in die sich auch noch Naomi Watts reinschummelt, und zwar in einer Doppelrolle. Blass bleiben sie fast alle, blass und leicht verloren, und kein bisschen gewillt zu improvisieren.

So lässt sich irgendwie verstehen, dass Ophelia fürs Heimkino allemal reicht. Da sind ganze Regentschaften zwischen diesem und Filmen wie Shekhar Kapurs Elizabeth. Für Fans von Daisy Ridley allerdings ist Ophelia fast ein Muss. Ob die ganze klassische Tragödie aus der Sicht von Hamlets Flamme wirklich so einen erfrischenden Perspektivwechsel darstellt, bleibt aber fraglich.

Ophelia

The Guilty

IM ZWEIFEL FÜR DEN ANRUFER

8/10

 

theguilty© 2018 Nikolaj Møller

 

LAND: DÄNEMARK 2018

REGIE: GUSTAV MÖLLER

CAST: JAKOB CEDERGREN, JAKOB ULRIK LOHMANN, MORTEN THUNBO U. A. 

 

Um einen perfekten Film zu machen braucht man (außer einem guten Buch) eigentlich nicht viel. Im Grunde sogar fast gar nichts. Eine Kamera, eine Schauspielerin oder einen Schauspieler, eine Location. Diese könnte auch nur ein Auto sein. Was man aber mit Sicherheit braucht, ist ein Telefon. Oder mehrere. No Turning Back mit Tom Hardy war so ein Film. Ein Mann in seinem Vehikel, eine Fahrt durch die Nacht. Am Hörer: alle möglichen Leute, die mit Hardys Schicksal zu tun haben werden. Die Rechnung für so ein minimalistisches Konzept, die ging damals tatsächlich auf. Auf den Dialog kommt es an. Auf einen roten Faden. Und dem Charisma des einen Schauspielers, der es schafft, trotz fehlendem Gegenüber unterschiedlichste Emotionen aus dem Ärmel zu schütteln. Hardy konnte das. Jakob Cedergren im Telefonthriller The Guilty kann das auch.

Weniger ist mehr. Den Überblick verliert man in Gustav Möllers Kammerspiel wirklich nicht. Und das ist gut so. Der dänische Knüller beweist sich als eine willkommene Abwechslung von Filmen, die sich in ihrer Ambition, ordentlich Inhalt zu kreieren, in Konfusion verlieren. The Guilty behält als filmischer Einakter einen klaren Kopf, und holt heraus, was aus seinem Potenzial herauszuholen ist, ohne prätentiös zu wirken. Die Dänen, die können das. Ihre Werke sind oft Kunststücke einer überlegten Strategie. Der Stoff, aus dem ambivalente Filme sind, die nicht zwingend Norm-Parameter erfüllen, entfaltet sich dann ganz von selbst. In The Guilty hat die Geschichte eine ganz besondere Eigendynamik. Das Erstaunliche: alles, was hier passiert, wirkt plötzlich. Man könnte meinen, The Guilty ist ein unmittelbares Dialog-Happening, fast schon eine Live-Schaltung, ein Stück Dokusoap über einen strafversetzten Polizisten, der im Innendienst Notrufe entgegennehmen muss und dann einen Anruf erhält, der den Dienstschluss um einige Zeit nach hinten verschieben wird. Am anderen Ende der Leitung: eine Frauenstimme – verzweifelt, weinerlich, angsterfüllt. Die Dame ist entführt worden. Dann, nach mehreren Calls und Backcalls wird der Fall immer klarer, und Polizist Asger immer tiefer in einen Fall hineingezogen, der seine Kompetenzen bei weitem übersteigt und der ihn auch ganz persönlich immer mehr in die Extreme treibt, ohne dabei einen kühlen Kopf zu bewahren. So zumindest scheint es.

Und dann? Dann ist The Guilty mehr ein Hörspiel als ein Film. Diese Hybriden gibt es. Hörfilme, wenn man so will. Hätten wir für Möllers Film kein Bild, würde er allerdings genauso funktionieren. Das Unsichtbare gegenüber am Telefon fasst in Worte, was wir nicht sehen und uns umso stärker vorstellen können. The Guilty entfaltet einen ganz speziellen Sog in eine imaginäre Realität im Kopf. Bei No Turning Back war das längst nicht so stark. Die zweite Ebene des Hörens und Vorstellens ist von einnehmender Gewichtigkeit, fast rückt der kahle Büroraum mit den Bildschirmen und dem Kunstlicht in immer weitere Ferne, das Hörbild übernimmt die Führung. Bis Stille einkehrt und Jakob Cedergrens grübelndes Konterfei wieder den Ist-Zustand dominiert. So switcht das filmische Experiment hin und her, hat fast schon eine interaktive Funktion. Darüber hinaus wagt sich der Thriller auch inhaltlich an einen klugen Diskurs über die Frage nach Schuldigen, Tätern und Opfern. Klar deklarieren lässt sich hier keiner der Involvierten, und wenn doch, dann ist das Spektrum des Gehörten und voreilig Gerurteiltes nur das Segment eines Ganzen, einer nachtschwarzem, verregneten Grauzone, die in beeindruckender Nuancierung narrative Kreativität entfacht, die ausladende Event-Filme manchmal kaum ansatzweise erreichen.

The Guilty

Unter dem Sand

DIE DISSONANZ VON SCHULD UND SÜHNE

6/10

 

unterdemsand© 2016 Koch Films GmbH

 

LAND: DÄNEMARK, DEUTSCHLAND 2016

REGIE: MARTIN ZANDVLIET

CAST: ROLAND MØLLER, MIKKEl BOE FØLSGAARD, LOUIS HOFMANN, JOEL BASMAN, LAURA BRO U. A. 

 

Dieser Film wirft kein gutes Licht auf Hamlets ehemaligen Grund und Boden. Es war ja damals, nach Ende des Zweiten Weltkriegs, nicht so, dass Dänemark keine Kriegsgefangenen gemacht hätte. Gerade die Jungen mussten dafür büßen, was Adolf Hitler mit ihrem Land angerichtet hat. Eine kurzsichtige Denkweise, denn gerade den Jungen war überhaupt keine andere Wahl geblieben, als sich indoktrinieren zu lassen und für den Führer zu kämpfen – andernfalls wären sie als Wehrdienstverweigerer hingerichtet worden. Das wohl bekannteste Beispiel: der Fall Jägerstätter. Aber in Dänemark, da heißt es: Vom Regen in die Traufe. Die Schuld der Erwachsenen müssen die Kids von damals, als Bonus zu den traumatischen Erlebnissen aus dem Krieg, noch zusätzlich ausbaden. Wie groß muss der Hass auf die Invasoren wohl gewesen sein, um nicht zu erkennen, dass viele dieser Burschen vermehrt nur aus Angst um das eigene Leben in den Krieg gezogen waren. Dänemarks Racheakt war der, diese Jungen eben nicht einfach heimziehen zu lassen, sondern zur Säuberung der Strände einzusetzen. Die waren natürlich nicht herkömmlich vermüllt, sondern gespickt mit Teller- und sonstigen Minen. Entschärfen muss das die damalige Next Generation – ein russisches Roulette an der Nordsee, unter gebrüllten Befehlen eines herdentreibenden Oberfeldwebels irgendwo im Nirgendwo. Essen gibt´s auch keins, Erniedrigungen dafür umso mehr. Was die Jungs hier mitmachen müssen, ist schwer zu ertragen. Und für den Zuseher ebenfalls kaum auszuhalten.

Es gibt Filme, die sieht man garantiert kein zweites Mal. Unter dem Sand ist so ein Werk. Ein bitteres Drama, das alles ist, nur kein Filmvergnügen. Regisseur Martin Zandvliet setzt hier wahrlich nicht auf Schonung und bringt sein themeninteressiertes Publikum an die Grenze der Belastbarkeit. Polanskis Pianist musste ich, als er im Kino lief, leider vorzeitig abbrechen. Hätte ich Unter dem Sand ebenfalls dort gesehen, hätte ich womöglich ähnliches getan. Ja, tatsächlich, auch wenn völlig unverständlicherweise dieser Film eine Freigabe ab 12 Jahren bekommen hat, ist er doch etwas, wofür es starke Nerven braucht. Zerfetzte Gliedmaßen im Detail sind nur die Spitze des Eisberges, darunter bohrt sich radikale Not in das Bewusstsein des Zusehers: Quälender Hunger, ausweglose Trauer, Selbstmord und Misshandlung. Jeder Tag – ein Wettkriechen mit dem Tod. Zandvliets Film ist bildgewordenes Elend, ein Kreuzweg wider der Vernunft, sich suhlend in üppigem Naturalismus und in den Schreien der Kinder. Verschnaufpausen gibt es schon, dann wogt das goldgelbe Gras des küstennahen Sumpflandes, donnern die Wellen an den Strand, wenn gerade nicht mal eine Mine explodiert. Kurze Momente eines Durchatmens vor der nächsten Quälerei. Was dabei immer stärker wird: die Verbrüderung der verlorenen Jungs, die übermenschliche Macht des Durchhaltens und die Hoffnung aufs Heimkommen. Däne Roland Møller lässt seinen nationalstolzen und verbitterten Feldwebel eine erwartbare Wandlung vollziehen, er lässt ihn trotz aller Vorbehalte vor dem Feind dennoch Mensch sein – und das ist das Menschlichste an diesem Film, der gerade durch das Ausklammern von Humanismus das karge Bisschen umso stärker erstrahlen lässt. Den Kindern – allesamt phantastische Darsteller, die wirklich ihr letztes Hemd verspielen – wird dieser Kern des Guten zum Vorteil gereichen – bei manchen aber wird die Zuversicht aufgrund seelischer Zerrüttung verpuffen.

Was nicht verpufft, ist das ungute, zermürbende Gefühl in der Magengrube. Schockierende Bilder, die sich ins Gedächtnis brennen. Ein Film, so verstörend wie der Anblick eines offenen Bruchs und so schmerzhaft wie ein Schrapnell unter der Haut.

Unter dem Sand

Die Hüterin der Wahrheit – Dinas Bestimmung

IHR SOLLTET EUCH SCHÄMEN

7/10

 

hueterinderwahrheit© 2015 polyband Medien GmbH

 

LAND: DÄNEMARK 2015

REGIE: KENNETH KAINZ

CAST: REBECCA EMILIE SATTRUP, MARIA BONNEVIE, JAKOB OFTEBRO, PETER PLAUGPORG, SØREN MALLING U. A.

 

Lene Kaaberbøl ist Dänemarks Joanne K. Rowling. Die Verfilmung ihrer Buchreihe rund um die Wildhexe kam Ende letzten Jahres ins Kino, und davor schon wurde ihr phantastisches Märchen Die Hüterin der Wahrheit mit kaum vernachlässigbarem Budget und daher auch mit ordentlich Aufwand verfilmt. Kaaberbøl ist zwar als Kinderbuchautorin bekannt – als Kindergeschichte würde ich ihr mediävales Abenteuer aber nicht bezeichnen. Ganz so wie Harry Potter eignet sich auch Dinas Schicksal ideal für den Nachwuchs nach der Grundschule. Die Geschichte ist spannend, düster und magisch, wenngleich hier deutlich weniger phantastische Tierwesen den Alltag dominieren wie bei Rowling. Kaaberbøl hält sich ungefähr an das Level, an das sich Georg R. R. Martin auch bei seinen Thronspielen gehalten hat. Die ersonnene, alternative Mittelalter-Welt, in der das Mädchen Dina gegen finstere Mächte ankämpfen muss, die ist maximal von flügellosen Drachen bevölkert, die ungefähr so aussehen wie die Warane auf der indonesischen Insel Komodo, neben den Krokodilen die größten Reptilien unseres Planeten, deren Biss noch dazu giftig ist. Diese Drachen, die hausen in den Katakomben ebenso finsterer Burgen, in denen Intrigen, Mord und das Handwerk des Henkers fröhliche Urstände feiern. Der unrechtmäßig an die Macht gepushte Bastard des Königs, dem ist die Sippschaft rund um Dina ein Dorn im Auge – denn diese unter eher ärmlichen Bedingungen landwirtschaftenden Bürgerinnen, die haben eine ganz besondere Gabe. Man nennt sie die Beschämerinnen. Was das heißt? Nun, sie können die Sünden der anderen lesen, aber nur dann, wenn diese Sünden Scham verursachen, versteckte Scham.

Ein interessanter Kniff in diesem doch eher und gerade richtig düsteren Märchen, das genauso wie Game of Thrones das Zeug dazu hätte, ein Streaming-Knüller mit mehreren Episoden zu werden. Der Film ist aber auch nicht schlecht, gibt dem ganzen Szenario aus Verrat, Geheimnis und verdeckten Ermittlungen allerdings nicht die Zeit, die es verdient hätte. Das ist die Krux bei Kinofilmen – sie haben eine begrenzte Laufzeit, man will das Publikum sicherlich nicht überstrapazieren, also muss der Plot in abendfüllenden zwei Stunden erzählt sein. So gut es geht schafft Regisseur Kenneth Kainz dennoch Raum um seine prinzipiell interessanten Figuren, die alle einen starken, unbeirrbaren, aufmüpfigen Charakter haben. Die mittlerweile 19jährige Rebecca Emilie Sattrup macht es allen vor – dabei hat sie ein bisschen was von Hermine aus Harry Potter, aber auch von Arya Stark, die Assassinin unter Westeros Sonne. Und ein bisschen was von Klima-Greta. Eine einnehmende, trotzige, wütende Gestalt. Und gesegnet mit einer Gabe, die gleichzeitig gesellschaftlicher Fluch ist.

Wer also von der gängigen Siegerstraße uns längst bekannter Fantasy-Welten abzweigen will in eine alternative, verschlossene Anderswelt, um frische magische Luft zu schnuppern, der sollte den Trampelpfad Richtung Dänemark nutzen, denn dort hat eine von Franchise-Hypes abgewandte Welt genügend Bodenhaftung gefunden, um fast schon als Geheimtipp zu funktionieren, den womöglich nicht viele von euch kennen, der aber einen konzentrierten Blick lohnt – aber wenn geht, bitte nicht direkt in die Augen Dinas. Denn dann könntet ihr euch schämen.

Die Hüterin der Wahrheit – Dinas Bestimmung

Thelma

WÜNSCH DIR WAS!

7,5/10

 

thelma© 2017 Thimfilm

 

LAND:  NORWEGEN, FRANKREICH, DÄNEMARK, SCHWEDEN 2017

REGIE: JOACHIM TRIER

CAST: EILI HARBOE, KAYA WILKINS, HENRIK RAFAELSEN, ELLEN DORRIT PETERSEN U. A.

 

Das Leben ist kein Wunschkonzert, das wissen wir. Oft läuft’s nicht so, wie man will, und meist anders, als man denkt. Wenn das Leben aber doch ein Wunschkonzert ist, was dann? Was, wenn die geheimsten Wünsche plötzlich wahr werden? Eines aber vorweg – Wünsche können gern auch zum Nachteil für andere werden. Das ist das weniger gut, so sehr es auch schön sein mag, Wünsche erfüllt zu sehen. Selbstlos sind diese selten. Gerne erinnere ich mich an das Meisterwerk von Andrei Tarkowski: Stalker, nach einem Roman der Strugazki-Brüder. In diesem Science-Fiction-Szenario gibt es eine kontaminierte Zone, in der die geheimsten Wünsche, auch wenn sie sich der Wünschende noch nicht bewusst gemacht hat, wahr werden können. Allerdings: besser, an einen Ort zu gehen, der dieses verheißungsvolle Wunder vollbringen kann als dieser Ort selbst zu sein. Die merkwürdige Thelma nämlich, die ist so ein „Ort“. Ein sehr geheimer noch dazu. Keiner weiß davon, dass mit der jungen Norweger Studentin etwas nicht stimmt. Außer die Eltern natürlich. Die sind an den rätselhaften Skills ihrer Tochter schon mehr schlecht als recht verzweifelt. Und hoffen, dass, wenn Thelma ihr eigenes Studentenleben beginnt, diese schlummernden Kräfte nicht aktiviert. Zufällig vielleicht, weil sie selbst nicht weiß, was mit ihr los ist.

Wer weiß das schon so genau in Joachim Triers Mysterydrama. Ähnlich wie So finster die Nacht oder When Animals Dream wählt der Streifen die harmonische Balance zwischen dem Paranormalem und einem konventionellen Coming-of-Age-Drama. Dabei macht der Mix erst aus den beiden Komponenten etwas angenehm Ungewöhnliches – einen Film mit jeder Menge Suspense, surrealen Einsprengseln und vor allem einer einnehmenden Protagonistin, der Schauspielerin Eili Harboe (u. a. The Wave) so einige verwirrende, rätselhafte und faszinierende Facetten abgewinnen kann. Leicht darzustellen ist die Person der Thelma nicht. Wie denn auch – Thelma ist im Begriff erwachsen zu werden, hat womöglich die Pubertät hinter sich oder ist gerade mittendrin. Lernt die erste Liebe kennen und vor allem Selbstverantwortung, Wird von niemandem beobachtet, nur von sich selbst, und hat Zeit, ihren Körper, ihre Skills und ihre Leidenschaften zu entdecken. Das ist an unkalkulierbarem Abenteuer sowieso schon genug. Aber da kommt noch die Sache mit den Wünschen dazu, und die unkontrollierte Gabe, nicht nur Dinge zu bewegen, sondern auch den Willen anderer zu steuern. Marvel-Kenner würden jetzt sagen, Thelma ist eine Mutantin, und sollte schleunigst zu Xavier an die Mutantenschule, um ihre Kräfte unter Kontrolle zu bekommen. Dark Phoenix kann davon ein Liedchen singen. Thelma singt lieber weniger als das sie träumt. Oder Visionen hat, versetzt mit Ängsten. Das kann zum Horror werden – und wird es manchmal auch, aber relativ dezent, in gruseligen Spitzen, die den Prozess einer Abnabelung oder einer Emanzipation vom Elternhaus symbolistisch verklärt. Thelma ist manchmal wie das sehnsüchtige Gedicht über eine junge Dame. Und zwar einer, die sich zu klein für eine Welt fühlt, die vieles oder auch zu wenig von ihr will. Wer bin ich, wer kann ich sein – wer möchte ich sein? Fragen, die sich junge Menschen ab einem gewissen entwicklungstechnischen Wendepunkt sowieso immer stellen. Die aber in Thelma mit den Mitteln des Phantastischen elegant herausgeklopft werden. Dieser Symbolismus, der erinnert in diesem Film manchmal an die Bildnisse von Edvard Munch oder an die Stücke Henrik Ibsens, der ganz viel mit manifestierter Metaphorik gearbeitet hat. Es ist eine andere Art des Expressionismus, weniger visuell, dafür aber mehr narrativ.

Thelma ist demzufolge ein klassisch skandinavisches Werk, düster-melancholisch, verträumt und manchmal explizit. Das Konzept fasziniert, so wie der ganze Film, und er schließt seinen aufregenden Bogen der Geschichte in einer zerstörerischen Befreiung (die gerne mit Stephen Kings Carrie verglichen wird), die das Grauen aber nicht entwurzelt und das, was ohnmächtig macht, zu kontrollieren versucht. Ein Vorhaben, das fasziniert und gleichermaßen mitreisst.

Thelma