Stillwater – Gegen jeden Verdacht

DAS RICHTIGE TUN

8,5/10


stillwater© 2021 Focus Features, LLC.


LAND / JAHR: USA 2021

REGIE: TOM MCCARTHY

CAST: MATT DAMON, CAMILLE COTTIN, ABIGAIL BRESLIN, LILOU SIAUVAUD, DEANNA DUNAGAN, ANNE LE NY U. A. 

LÄNGE: 2 STD 20 MIN


Ihr könnt euch sicher alle noch an den aufsehenerregenden Fall Meredith Kärcher erinnern. Wenn da nichts klingelt, dann vermutlich beim Namen Amanda Knox. Jene Studentin, die knapp einer lebenslangen Haftstrafe entging, als sie nach vier Jahren aus dem Gefängnis kam, aufgrund eindeutiger Beweise der Unschuld der Angeklagten. Dennoch: das Image des Engels mit den Eisaugen blieb ihr – Danke den Medien an dieser Stelle, die das Kriminal-Brimborium publikumswirksam ausschlachten konnten. Amanda Knox hat sich im Falle des aktuellen Kinofilmes Stillwater – gegen jeden Verdacht gar zu Wort gemeldet – natürlich mit Plagiatsvorwürfen gegen das Drama von Tom McCarthy (Drehbuch-Oscar für Spotlight), der sich von dieser merkwürdigen Konstellation aus Opfer, Täter und Verdächtige inspirieren hat lassen. Wie gesagt: inspirieren. Nur sehr vage erinnert der Film an die tatsächlichen Ereignisse. Kein Grund, hier irgendwelche Rechte verletzt zu sehen. Und lässt sich der prägnante Lebenswandel einer bekannten Person denn tatsächlich rechtlich schützen? Gibt‘s dafür schon ein Copyright?

Abigail Breslin, die hat ohnedies keine eisblauen Augen, und sitzt außerdem nicht in Italien, sondern in Frankreich als Allison hinter schwedischen Gardinen. Schuldig des Mordes an ihrer Partnerin. Ausgefasst hat sie statt 26 „nur“ neun Jahre, und sie kann froh sein, dass ihr Vater Bill (die Mutter hat Suizid begangen, aber nicht wegen des Schicksals ihrer Tochter) immer wieder mal nach Marseille reist, um nach dem Rechten zu sehen und seiner Tochter die Wäsche zu waschen. Da überreicht sie ihm einen Brief für ihre Anwältin, mit einer wichtigen Information, die sie vielleicht, wenn alles klappt, deutlich früher als geplant entlasten und entlassen könnte. Papa Bill geht der Sache nach. Stößt zwar erst auf taube Ohren und bringt leere Kilometer hinter sich, doch dann öffnen sich ganz andere Chancen, die das Leben des sonst vom Pech verfolgten Amerikaners für immer verändern könnten.

Interessant und ungewöhnlich dabei ist, dass in Stillwater – Gegen jeden Verdacht der Fokus gar nicht mal zwingend auf dem Kriminalfall liegt, sondern sich vielmehr auf das Leben des verarmten, hart arbeitenden und ganz und gar nicht auf die Butterseite des Lebens gefallenen Charakter von Matt Damon konzentriert. Der liefert die beste und intensivste Performance seiner Karriere ab, wofür er, so hoffe ich, bei den nächsten Oscars zumindest nominiert werden sollte. Seine Rolle, die er mit jeder Faser seines schauspielerischen Know-Hows verkörpert, ist die eines schlichten, wortkargen Gemüts, eines bärbeißigen Arbeiters und Vorbestraften, der das Herz allerdings am rechten Fleck hat, sich im Zwischenmenschlichen allerdings ordentlich schwertut. Damon bringt mit wenigen Variationen des Ausdrucks dennoch eine ganze Palette an Gefühlsregungen zustande, von väterlicher Liebe bis zur fahrigen Anspannung. Sein Spiel ist wahrhaftig, seine zum Scheitern verurteilten Versuche, das Richtige zu tun, eine für ihn bewusstseinsverändernde Erfahrung. Tom McCarthy gelingt mit einem komplexen Script, das auf mehreren Ebenen funktioniert und in seiner Tonalität an Ken Loachs Sozialdramen erinnert, der psychosoziale Lebensentwurf einer Familie, die von einem andauernden schlechten Karma verfolgt zu sein scheint. Kurzum: Während die einen im Leben privilegiert sind, haben es andere scheinbar absichtlich schwer. In diesem Dilemma, indem das Richtige niemals richtig sein kann, sucht Matt Damon nach dem einzig richtigen Ausweg. Dieser Prozess ist bewegend, vielschichtig und grandios inszeniert. Trotz seiner Überlänge spart sich der Film unnötig Offensichtliches, behauptet sich sowohl als ruhiges Drama als auch als stimmungsvoller Thriller. Stillwater – Gegen jeden Verdacht zählt schon jetzt für mich zu den außergewöhnlichsten und daher auch besten Filmdramen des Jahres.

Stillwater – Gegen jeden Verdacht

Tallulah

FAMILIE ZUM AUSSUCHEN

7/10


Tallulah© 2016 Netflix


LAND / JAHR: USA 2016

BUCH / REGIE: SIAN HEDER

CAST: ELLIOT PAGE, ALLISON JANNEY, EVAN JONIGKEIT, TAMMY BLANCHARD, DAVID ZAYAS, ZACHARY QUINTO, JOHN BENJAMIN HICKEY U. A. 

LÄNGE: 1 STD 41 MIN


Im diesjährigen Oscar-Gewinner Nomadland klappert Frances McDormand mit ihrem Wohnbus durch die Weite der Vereinigten Staaten. Mehr Zuhause gibt‘s nicht. Ähnlich handhabt das Elliot Page im Netflix-Original Tallulah, auch hier ist der charismatische, transgendere Schauspieler (vormals Ellen) so ziemlich entwurzelt, und nur die eigenen vier Blechwände bieten Geborgenheit. Mit so einem Existenzmuster kommt man nicht weit, wenn man erstens sein eigenes Leben noch nicht mal begonnen hat und zweitens auch nirgendwo zu Geld kommt. McDormand, die hat zumindest vorab ein klassisch-geordnetes Leben geführt. Auch sind Gelegenheitsjobs das Um und Auf, um durchzubeißen, während die Verwandten für den Notfall in greifbarer Nähe weilen. Bei Elliot Page ist das nicht so – als Mädchen Tallulah hat sie zumindest einen Freund – der aber bald nichts mehr von dieser Art Leben wissen will und verschwindet. Aus einer gewissen Planlosigkeit heraus wendet sich die Vagabundin an dessen Mutter, zuerst erfolglos, dann aber mit Baby unterm Arm, welches klarerweise nicht ihres ist, was aber keiner weiß. Wie die Jungfrau kommt Tallulah zum Kind – und zu dem Schluss, dass manche Mütter zur Erziehung nicht geeignet sind.

Inszeniert und auch geschrieben hat diese Großstadtballade Sian Heder, die aktuell erst mit CODA, der Neuadaption des französischen Familienfilms Verstehen Sie die Béliers bei den Kritikern recht gut ankommt. Fürs Zwischenmenschliche scheint die us-amerikanische Filmemacherin ein Gespür zu haben, denn Allison Janney (Oscar für I, Tonya) und Page spielen zwar nicht Mutter und Tochter, entwickeln aber ähnliche Gefühle zueinander, die sich auch völlig schnörkellos aufs Publikum übertragen. Das fremde Baby ist der Kit, der Familien manchmal zusammenhält – oder neue entstehen lässt. Von wegen, Familie kann man sich nicht aussuchen – in Tallulah macht die sehr souverän dargestellte Improvisateurin die Probe aufs Exempel, auch wenn hier Gesetze gebrochen werden. Familie ist hier eine Institution, die sich nicht nur an den gemeinsamen Genen misst. Wie wichtig so eine Stütze sein kann, und wieviel eigentlich fehlt, ist davon keine Spur zu finden, erklärt Heder in ihrer aus eigenen Erfahrungen inspirierten Arbeit, die wiederum auf einem eigenen Kurzfilm beruht, ohne dabei selbst Partei zu ergreifen. Das geschieht beobachtend, durchaus mit Sympathie für ihre Figuren, jedoch ohne sie zu beurteilen. 

Tallulah ist interessantes Schauspielkino ohne Leerlauf, gehaltvoll und relativ meinungsfrei. Um so mehr lässt sich bei Betrachtung der Begebenheiten eine eigene – oder gar keine Meinung bilden, da der Kontext der Umstände viel zu viel Einfluss nimmt auf Richtig oder Falsch.

Tallulah

The Father

IM LABYRINTH DES ALTERNS

8/10


thefather© 2020 Tobis Film


LAND / JAHR: GROSSBRITANNIEN 2020

REGIE: FLORIAN ZELLER

DREHBUCH: FLORIAN ZELLER, CHRISTOPHER HAMPTON

CAST: ANTHONY HOPKINS, OLIVIA COLMAN, IMOGEN POOTS, OLIVIA WILLIAMS, MARK GATISS, RUFUS SEWELL U. A. 

LÄNGE: 1 STD 38 MIN


Da hat der Grand Seigneur der britischen Schauspielkunst wohl große Augen gemacht: Anthony Hopkins hat seinen zweiten Oscar gewonnen, und zwar für eine Rolle, die von einem kannibalischen Akademiker namens Hannibal Lecter kaum weiter entfernt sein kann. In The Father ist er nur das, was das ganz normale Leben aus einem macht, irgendwann, wenn ein gewisses Alter erreicht ist. Irgendwann, da ist die Gegenwart gleich Vergangenheit, und das Vergessen von Dingen, die erst passiert sind, ein treuer, aber lästiger Gefährte. Florian Zeller (u. a. Nur eine Stunde Ruhe!), bislang mehr Schreiberling als Regisseur, hat sein eigenes Theaterstück adaptiert und verfilmt – und damit eine Kehrtwende in der Darstellung dramatischer Umstände eingeleitet.

Dabei beginnt alles so normal, wie man es selbst kennt, wenn man seine Großeltern oder Eltern besucht, und diese schon, hochbetagt und in der eigenen fernen Vergangenheit verweilend, über die Pflegekraft wettern und am Liebsten in Ruhe gelassen werden wollen, weil sie sowieso alles besser wissen oder durchaus alles alleine machen können. Der Nachwuchs, voller Sorgen, sieht das natürlich anders. So wie Tochter Anne, gespielt von „Queen Anne“ Olivia Colman. Sie ist einziger Bezugspunkt des alten Mannes, der damit klarkommen muss, dass seine Tochter nach Paris ziehen wird. Oder doch nicht? Am nächsten Tag behauptet sie nämlich etwas ganz anderes. Und plötzlich ist da ein fremder Mann, der meint, dass er hier wohne und Annes Gatte sei, ist sie doch schon seit fünf Jahren geschieden. Und dann die verflixte Sache mit der Uhr. Die Heimhilfe scheint sie gestohlen zu haben, deshalb habe er sie rausgeekelt. Eine neue soll kommen, die so aussieht wie seine andere Tochter, die sich aber seltsamerweise nie blicken lässt. Was genau geht hier vor, denkt sich Anthony Hopkins zwischen resoluter Gesinnung und verlorenen Blicken, während er am Bettrand sitzt und die Welt nicht mehr versteht.

Es ist, als tauche man in ein Mysterydrama, in dem nichts so ist, wie es scheint – und umgekehrt. Das ist höchst irritierend, hochgradig verwirrend, und man versucht als Zuseher selbst, diese obskure Wahrnehmung zu entwirren und eine Ordnung hineinzubringen in ein zeitweiliges Durcheinander aus permanent wechselnden Gestalten und Gesichtern. Was Florian Zeller aber tut, ist, uns zu ermöglichen, genau das wahrzunehmen, was ein alternder Mensch wahrnimmt, wenn er anfängt, dement zu werden. Filme darüber gibt es viele, stets aus der Sicht der betroffenen Restfamilie, die sich sorgenvoll berät. Dieses Werk hier ist anders. Es lässt zwar die nahen Verwandten und Beteiligten ebenfalls zu Wort kommen, doch das wahre Kunststück dieser Odyssee durch den Geist ist jenes, dass man selbst, genau wie Hopkins, die Kontrolle verliert. Um dann, aus dieser Konfusion heraus, einen Geisteszustand wie diesen besser verstehen zu können. The Father ist ein Labyrinth, dessen Muster im Laufe des Films klarer werden und den eigenen Horizont erweitern. Wie Zeller seine sich stets wiederholenden, kurzen Szenen, die immer wieder in anderem Kontext erscheinen, koordiniert, zeugt von dramaturgischer Raffinesse. Dabei stellt er sich diesem akkurat entworfenen Chaos mit gewissenhafter Neugier und zeichnet mit einem nuanciert aufspielenden und niemals in pathetischen Manierismen abdriftenden Hopkins den Prozess eines zerbröckelnden Geistes, dem die Gegenwart abhanden kommt und dem inmitten all des Verlustes nur die eigene Erinnerung ans Jungsein bleibt.

The Father

Sweet Girl

BITTERE PILLEN FÜR AQUAMAN

5/10


sweetgirl© 2021 Clay Enos / Netflix

LAND / JAHR: USA 2021

REGIE: BRIAN MENDOZA

CAST: JASON MOMOA, ISABELA MERCED, MANUEL GARCIA-RULFO, JUSTIN BARTHA, AMY BRENNEMAN, RAZA JAFFREY U. A. 

LÄNGE: 1 STD 36 MIN


Müsse es nach diesem Film hier gehen, dürfte man allein aus Anstand und gesundem Moralempfinden nie wieder in eine Apotheke gehen. Was sich Pharmakonzerne oft leisten, und vor allem: wie sie es sich leisten – das lässt sich fast nur mit perfiden Methoden vergleichen. Einfach, um uns Normalsterbliche und Normalkranke, die immer wieder mal ein Schmerzmittel benötigen oder einen Spray für die verschnupfte Nase, allesamt in der Hand zu behalten.

Da mag schon das eine oder andere Mal was dran sein, schließlich geht es um unendlich viel Geld. Leider regiert das die Welt und somit auch die Gesundheit. Wen überrascht das noch? Selbst Altruismus bleibt nicht ohne Selbstzweck (siehe den Film Me, We). Wie weit Sweet Girl aber das Schreckgespenst finsterer Machenschaften aus der Kiste lässt, ist dann letzten Endes doch etwas lächerlich. Aber gut, schließlich will man Jason Momoa natürlich bis zur Weißglut treiben. Seinen Hass entfachen, seinen Sinn für hemdsärmelige Selbstjustiz. Grund genug hätte er dafür. Als Vater einer Tochter muss er mitansehen, wie seine bessere Hälfte dem Krebs erliegt. Und das nur deswegen, weil ein Pharmakonzern eingangs erwähnter Art lebenserhaltende Medikamente zurückhält, die längst getestet und verabreichbar wären. Nichts zu machen, die Zurückgebliebenen trauern, es vergehen einige Monate, plötzlich meldet sich ein investigativer Journalist, der das Zeug dazu hätte, besagtem Konzern das Handwerk zu legen. Ray Cooper (Momoa eben) soll dazu seine Aussage machen. Bevor es soweit kommt, wird der Journalist ermordet – und auch Cooper wäre dem Attentat beinah erlegen. Auch die Tochter überlebt – doch jetzt heißt es: Nicht mit uns. „Aquaman“ startet einen Rachefeldzug, um den Pharma-Fieslingen den Garaus zu machen. Tochter Rachel kommt natürlich mit.

Jason Momoa hat sich seit dem letzten Justice League kein bisschen verändert. Dieselbe Haarpracht, ähnlicher Bart. Nur diesmal in legeren Klamotten für Landratten, vorzugsweise mit Hoodie. Bevor dieser aber seinen Dreizack auspackt, greift er lieber zur Schusswaffe. Und hinterlässt alsbald ein Blutbad, stets im Beisein der Tochter. Ein schönes Vorbild. Auch in Sachen Vernunft und Moral. Zu glauben, auf diese Art die großen Geldmacher in die Knie zu zwingen, ist reichlich naiv. Doch die scheinen mit denselben Mitteln zu arbeiten, also ist es auch schon egal. Fernando Mereilles, der mit Der ewige Gärtner auf ganz anderen Wegen die Skrupellosigkeit der Konzern-Elite in den Fokus rücken konnte, oder eben Todd Haynes mit seinem unlängst höchst brisanten, authentischen Abwasser-Thriller Vergiftete Wahrheit – die hätten daraus einen relevanteren Film gemacht. Natürlich mit weniger Action, dennoch aber mit genug Toten.

Sweet Girl nutzt die fromme Ambition einer Wirtschaftskritik, um sich und seine kaltschnäuzig agierenden Protagonisten von der Leine zu lassen. Sie killen und ballern für eine gute Sache. Fragt sich nur, warum auf diese Art. Der Eindruck eines wenig durchdachten Drehbuchs macht sich breit. Eines Films, der will, dass Jason Momoa Radau macht. Jungstar Isabella Merced (u. a. Dora und die goldene Stadt) stiehlt dem hawaiianischen Hünen dabei aber vermehrt die Show. Sie scheint so unverwüstlich wie Alita und so wütend wie Retorten-Killerin Hanna – ein Highlight in einem sonst überschaubaren Low Budget-Film. Doch wer glaubt, dass das schon alles war, so kurz vor Ende, der darf dann noch mit einer Wendung rechnen, die wohl M. Night Shyamalan gerne gehabt hätte, braucht der doch immer seinen Plot-Twist. Allerdings: Dieser wirkt so, als hätte man ihn erst im Nachhinein eingefügt und lässt das bisher Erzählte mehr als bemüht erscheinen.

Sweet Girl

The Nest

WENN ICH EINMAL REICH WÄR …

6,5/10


thenest© 2020 Ascot Elite Home Entertainment GmbH


LAND / JAHR: KANADA, GROSSBRITANNIEN 2020

BUCH / REGIE: SEAN DURKIN

CAST: JUDE LAW, CARRIE COON, OONA ROCHE, CHARLIE SHOTWELL, ADEEL AKHTAR, MICHAEL CULKIN U. A.

LÄNGE: 1 STD 47 MIN


Es ist nicht alles Gold, was glänzt hat schon bereits Wencke Myhre in ihrem Schlagerklassiker aus den Siebzigern festgestellt. Wie recht sie hatte: Wenn der Schein trügt, lässt sich das im Gegenlicht befindliche Dahinter kaum erkennen. Wer weiß, wie vielen Adabeis und Möchtegerns auf genau diese Weise die Luft ausgeht, während sie damit prahlen, alles zu haben, zu besitzen und sich noch mehr leisten zu können. Mit diesem Phänomen der äußeren Erscheinungsgabe setzt sich das exzentrische Drama The Nest auseinander. Dem Filmtitel nach mag sich das vielleicht nach einem Psychothriller anhören, denn alles, was irgendwie, im filmischen Gesellschaftskontext vor sich hin nistet, einer ungesunden Wucherung gleich irgendwann an die Oberfläche sickert.

Und wer wäre für diese Rolle des Blenders und über seine Verhältnisse lebenden Gierschlunds nicht besser geeignet als ein bereits als Pontifex ölig aufspielender Jude Law? Vielleicht Leonardo DiCaprio, aber der hat in The Wolf of Wall Street nicht nur geprahlt, sondern auch kassiert, während hingegen dieser charismatische Mann mittleren Alters das Füllhorn an Mammon einfach nur gerne hätte. Dafür scheint ihm jedes Mittel recht. Und dafür scheint er auch seine liebe Gattin und seine zwei Kinder entsprechend geschickt bezirzen zu können. Denn der in den USA lebende Geschäftsmann wittert in Großbritannien das ganz große Los. Dafür stürzt er sich natürlich in gewisse Schulden, um ein Landhaus anzumieten, dass so aussieht, als hätten die Windsors an Immobilien schon genug. In diesen holzgetäfelten vier Wänden mit gotischen Fenstern und dunklen Treppen, dem Nest also, scheint der grenzenlose Reichtum ja ähnlich wie in Dagoberts Geldspeicher nur mehr eine Frage der Zeit. Doch die Zeit schafft letzten Endes Not, und bald fehlt es vorne und hinten. Was Jude Law – im Gegensatz zum Rest seiner Familie – nicht wahrhaben will, steht doch eine Firmenfusion ins Haus, die satte Boni bringt.

Reich zu werden ist nicht schwer, reich zu sein hingegen sehr. Denn wie das Vermögen halten, wenn nichts nachkommt? Jude Laws Rolle als Prototyp eines nimmermüden, ewigen Yuppie – ganz so wie der bekannte „ewige Student“ – wahrt in diesem sehr geschmackvoll fotografierten, mit viel Licht und Schatten dank des verwinkelten Herrenhauses arbeitenden Dramas sehr lange das falsche Gesicht, und man ahnt anfangs nur vage, dass hier irgend etwas faul zu sein scheint. Schleichend nähert sich in düsteren Metaphern wie die des Todes und dem Andeuten körperloser Präsenzen das Unbehagen einer Lebenslüge, und stellenweise könnte man meinen, in einem Werk von Daphne du Maurier gelandet zu sein. Ähnlich wie in ihrem Werk Rebecca schleicht auch hier das Misstrauen in den Gängen des letzten Endes in Flammen aufgehenden Schlosses herum. In The Nest vermengt Autorenfilmer Sean Durkin seine ansatzweise dem Gothic-Roman zugewandte Idee einer ungewöhnlichen Storyline mit dem schwelenden Konflikt einer dysfunktionalen Familie, die den Schein irgendwann satt hat.

Für Freunde subtil erzählter existenzieller Schräglagen, die aber so gut wie gar nicht den tadelnden Finger heben, ist The Nest auf seine Art eine Genugtuung, die den sodbrennenden Ekel vor so manchen aufplusternden Angebern lindert. Weiterhin gilt die Vermutung, das bei vielen nichts dahintersteckt.

The Nest

Minari – Wo wir Wurzeln schlagen

GEKOMMEN, UM ZU BLEIBEN

8/10


minari© 2021 Prokino


LAND / JAHR: USA 2020

BUCH / REGIE: LEE ISAAC CHUNG

CAST: STEVEN YEUN, HAN YE-RI, ALAN S. KIM, NOEL KATE CHO, YOON YEO-JEONG, WILL PATTON, SCOTT HAZE U. A. 

LÄNGE: 1 STD 56 MIN


Kein Songtitel passt so gut zu diesem Film wie jener von Wir sind Helden, denn nichts anderes hat die aus Südkorea eingewanderte, vierköpfige Familie eigentlich vor: Sie sind nach Arkansas gekommen, um zu bleiben. Ein leistbares Stück Grund und Boden ist nun ihr eigen, darauf steht ein riesengroßer Trailer, rundherum gibt es Wald, soweit das Auge reicht. Arkansas: Land of Opportunity. Da lässt sich sicher mehr verwirklichen als in Kalifornien, wo die Familie zuvor gelebt hat, daher auch die guten Englischkenntnisse der beiden Kinder. Papa Jacob will Farmer werden, Gemüsefarmer. Was man dazu braucht, ist natürlich Wasser, am besten Grundwasser, das kostet nichts, vorausgesetzt, man schafft es, die Quelle richtig anzuzapfen. Neben all diesen Anstrengungen, aus dem Nichts heraus zum Selbstversorger und Landwirtschafter aufzusteigen, bangt die Familie auch um die Gesundheit des kleinen David, der ein schwaches Herz hat. Und um finanzielle Ressourcen. Zum Glück für fast alle kommt dann auch noch die Oma hinzu, die anfangs jedoch keine große Hilfe zu sein scheint, fühlt sie sich doch zu nichts verpflichtet, außer, ein Stückchen ferne Heimat in den mittleren Westen zu bringen.

Der ebenfalls aus Korea stammende, amerikanische Filmemacher Lee Isaac Chung hat einen unprätentiösen, zarten, womöglich auch autobiographisch angehauchten Film gedreht, in welchem er von Dingen erzählt, von denen wohl niemand so viel Ahnung hätte wie er. Entsprechend konzentriert und beobachtend fällt sein alles andere als schwermütige Drama aus, das so einige stilistische Gemeinsamkeiten mit Chloé Zhao aufweist. Beide untersuchen den Mythos eines Landes, dessen Möglichkeiten als unbegrenzt gelten. Und dessen Potenzial nur darauf wartet, ausgeschöpft und genutzt zu werden. Während Zhao ihrem erwartungsvollen Blick durchaus Nüchterung folgen lässt, versucht Isaac Chung, daran festzuhalten und die Suche nicht aufzugeben. Wo Zhao Grenzen setzt in einer scheinbar grenzenlosen Landschaft, sollen die paar Hektar Land, die Familie Yi zusteht, einem Füllhorn gleich Fleiß, Anstrengung und Beharrlichkeit reich vergelten. Auch Minari – Wo wir Wurzeln schlagen ist ein zeitgenössischer Western, ein modernes Stück Pioniergeschichte aus der Gegenwart, ohne Heldentum und Outlaws, sondern voll des Willens, sich zu integrieren.

Dabei strahlen die liebevoll umschriebenen Charaktere weit über die Wipfel der Wälder von Arkansas hinaus. In Steven Yeun, bekannt aus dem elektrisierenden Psychothriller Burning, ruht eine fast schon kindlich-naive Zuversicht, die jedoch notwendig scheint, um Pläne wie diese zu verwirklichen. Han Ye-Ri hingegen ist der personifizierte, skeptische Realismus, den es natürlich auch braucht, um nicht blauäugig ins Unglück zu stürzen. Die Familienbande selbst hält die kaum ein Wort Englisch sprechende Oma zusammen – Yoon Yeo-Jeong hat für ihre changierende Rolle zwischen stichelndem Humor und großem Drama in diesem Jahr den Oscar für die beste weibliche Nebenrolle erhalten. Und ja, sie spielt grandios. Ebenso grandios ist allerdings auch US-Schauspieler Will Patton, den ich zuletzt als diabolischen Antagonisten in der DC-Comicserie The Swamp Thing erleben durfte. Als zutiefst religiöser Eigenbrötler Paul, der Jacob fast schon aus reiner christlicher Nächstenliebe heraus zur Hand geht, ist er kaum wiederzuerkennen, schleppt sein Sonntagskreuz mit sich herum und absolviert schräge Gebete. Eine völlig unterschätzte Performance, die lange in Erinnerung bleibt.

Minari (übrigens eine Art koreanische Petersilie) ist eine realitätsnahe, gleichsam auch recht prosaische Ode an den Zusammenhalt. Was ausbleibt, sind epische Szenen oder Elemente wuchtigen Eventkinos. Dieser Film übt sich in Bescheidenheit, in der Bereitschaft, Entbehrungen zu akzeptieren und weiter nach vorn zu blicken. In der Genügsamkeit und dem Wertebewusstsein von Lee Isaac Chungs Drama liegt die Größe eines kleinen, achtsamen Films, der in seiner Überschaubarkeit wohltuend und beruhigend, ja geradezu reflektierend wirkt.

Minari – Wo wir Wurzeln schlagen

Das Geheimnis von Neapel

NAPOLI, IL MIO DESTINO

6/10


dasgeheimnisvonneapel© 2010-2018 PROKINO Filmverleih GmbH

LAND / JAHR: ITALIEN 2017

REGIE: FERZAN OZPETEK

CAST: GIOVANNA MEZZOGIORNO, ALESSANDRO BORGHI, ANNA BONAIUTO, ISABELLA FERRARI, BIAGIO FORESTIERI U. A.

LÄNGE: 1 STD 53 MIN


Neapel sehen… und von der schönsten Seite erleben. Ganz ohne Müllberge, ganz ohne Mafia, ganz ohne schwelende Hitze oder gar vom nahegelegenen Vesuv ausgehender Vibrationen. Dafür mit viel Kunst, klassisch verklärten Gesichtern auf Marmorbüsten. Engen Gassen und Zimmern mit Aussicht aufs Meer. Da kommt fast schon Urlaubsstimmung auf. Das Mediterrane hat schließlich was. Es ist aber nicht so, dass Neapel nicht auch – wie der Titel des Films schon sagt – seine Geheimnisse birgt. Das tun Rom, Florenz, Ravenna und wie diese Städte alle heißen, genauso. Darüber weiß zum Beispiel Dan Brown ganze Romane zu schreiben. Dieses Mysterydrama hier gräbt zwar nicht nach verschwundenen Artefakten und verborgenen Geheimbünden, dafür aber nach verschütteten Traumata, die verwoben sind in einen urbanen Mikrokosmos, aus welchem es schwer wird, zu entkommen. Denn die Pathologin Adriana liebt, was sie gleichermaßen verabscheut. Ein obskures Dilemma.

Dabei scheint sich alles so zu entwickeln, wie der eine oder andere Erotikhriller aus den Neunzigern, der im Zuge des Basic Instinct-Hypes aus dem Boden geschossen war. Zwei fremde Personen – eine Frau und ein Mann – tauschen Blicke. Die sagen mehr als tausend Worte. Begehren liegt in der Luft. Der geheimnisvolle Mann verplant daraufhin gleich die ganze Nacht – die Frau nimmt dankend an. Heiße Sexszenen, zerwühlte Laken. Es geht ordentlich zur Sache. Bis der Morgen kommt, und Adriana voller Vorfreude ob des nächsten Treffens den Tag gerade mal so hinbiegen kann. Doch Andrea, der geheimnisvolle Fremde, taucht an vereinbartem Ort nicht auf. Tags darauf landet dieser als übel zugerichtete Leiche in der Pathologie. Tragisch, so ein  kurzes Glück. Adriana versinkt in Betroffenheit. Bis sie wiederum Wochen später das Gefühl hat, an Geister glauben zu müssen.

Zwischen Federico Fellini, Polanski und italienischer Soap Opera: Regisseur Ferzan Ozpetek (Hamam – das türkische Bad) lässt unter der Prämisse „Eine Stadt – ein Drama“ den Faktor des Mysteriösen sehr bald von der Leine. Vom zu erwartenden Erotikthriller heißt es sehr bald Abschied nehmen. Gondeln tragen aber auch keine Trauer, denn zum parapsychologischen Reißer lässt sich Das Geheimnis von Neapel auch nicht motivieren. Giovanna Mezzogiorno geistert als pathologische Pathologin durch ein kaum Position beziehendes, vages Melodram, dessen seltsame Wege flankiert sind vom Lifestyle einer italienischen Kunst-Schickeria. Augenhöhe sucht man mit diesen Randfiguren vergebens, allerdings hat man bald eine Ahnung, wohin die Irrungen der aus allen Wolken gefallenen Frau letztendlich führen könnten. Und wieder verlässt Ozpetek das geliehene Genre, kehrt dabei aber zurück an den Anfang. Im Großen und Ganzen scheint da ein Storytwist die geduldsprobende Ratlosigkeit etwas zu tilgen.

Viel schlauer ist man am Ende wiederum auch nicht, doch gerade diese schwelgerische Skepsis gegenüber der Wirklichkeit versetzt dem schicken Psychotrip die lang erwartete spielerische Note.

Das Geheimnis von Neapel

Falling

DEM VATER VERPFLICHTET

7/10


falling© 2021 Filmladen

LAND / JAHR: KANADA, GROSSBRITANNIEN 2020

BUCH / REGIE: VIGGO MORTENSEN

CAST: VIGGO MORTENSEN, LANCE HENRIKSEN, TERRY CHEN, LAURA LINNEY, SVERRIR GUDNASON, HANNAH GROSS, DAVID CRONENBERG U. A. 

LÄNGE: 1 STD 53 MIN


Wenn das nicht autobiographisch ist – ein Autorenfilm ist es auf jeden Fall. Viggo Mortensen hat bei seinem Regiedebüt nicht nur eben inszeniert – er spielt auch selbst, hat die Musik komponiert und natürlich auch das Budget bereichert. Wo Viggo Mortensen eben draufsteht, ist Mortensen auch drin. Und sein Drama – das ist nicht von schlechten Eltern. Oder eben doch. Denn diese Eltern, vorzugsweise dieser Vater, und eigentlich nur dieser Vater, hat sich so einiges anschauen lassen. Ein verbissener, zynischer, in seinem Ego sehr leicht zu kränkender Mann, ein Chauvinist durch und durch. Einer, der gerne auf die Jagd geht und dabei seinen kleinen Sohn mitnimmt, auf dass er eine Wildente vom Himmel holt – pures Glück natürlich, aber der Papa ist stolz. Dennoch sieht eine glückliche Kindheit anders aus, und das glückliche Verhältnis zu seinem Erzeuger ebenso. Die Zeitebene wechselt in die Gegenwart, wir lernen Willis, den Vater von Viggo aka John, in seinem derzeitigen Zustand kennen. Im Alter wird der Charakter nicht besser, das Weltbild zerfahrener, der Wille immer sturer. Der alte Farmer leidet mitunter an anfänglicher Demenz, wütet und zetert, schimpft, dass sich die Balken biegen. Ein Prolet unter dem Herrn, ganz tief aus der untersten Schublade jaulend – mit sich selbst verkracht, unzufrieden und misanthropisch. Noch dazu ist John mit einem Mann verheiratet – wieder ein Thema, das dem Alten gehörig stinkt. Der Sohn aber nimmt sich zusammen, legt eine geradezu buddhistische Gelassenheit an den Tag, und ist auch nicht bereit, der Provokation Zunder zu geben. Dennoch kommt der Vater auf Besuch, muss zum Arzt, will sich in Kalifornien ein Haus ansehen. Trifft die Familie, schimpft dabei, beleidigt und erniedrigt. Irgendwann allerdings reißt auch so einem gebildeten, versierten und friedliebenden Menschen wie John die Hutschnur – denn warum um alles in der Welt hat ein Kind so einen Vater verdient?

Vater-Sohn-Geschichten gibt es viele. Meistens gibt’s Streit, dann folgt die Einsicht, die Versöhnung. Im realen Leben ist das selten der Fall. Alte Menschen von etwas zu überzeugen, was ihr Weltbild erneuern könnte – kommt vielleicht alle heiligen Zeiten vor. Die Sturheit ist eine Mauer aus Stahl. Falling erzählt eine ähnliche Geschichte, einen Generationenkonflikt, wie er zu erwarten war. Der Nebencast ist etwas konfus angeordnet, die dankbar ausgestalteten Hauptfiguren jedoch überdehnen mit Eifer familiäre Bindungen bis zu den Grenzen der Belastbarkeit. Und doch entlockt Falling ganz andere, sozialphilosophische Gedanken: Ist Blut wirklich so viel dicker als Wasser? Wie weit können Eltern gehen, indem sie sich ihren Kindern gegenüber alles erlauben – bis die tributzollende Liebe zu Mutter oder Vater nicht mehr reicht? Mortensen stellt die Frage in den Raum – oder besser gesagt, er hat sie für sich längst beantwortet: es scheint fast, als hätte man als Kind eine gewisse Erziehungsschuld zu tilgen. Wie traurig, dass dabei die paar Momente familiärer Idylle eine ganze Epoche der menschlichen Entwicklung tragen sollen. Übrig bleiben Entbehrung, Scham und psychosoziale Defizite. Das macht Falling nicht gerade zu einem zuversichtlichen Drama – aus der Versenkung gehoben wird, was lange im Argen lag. Dabei kommt die Symbolik der Wildente nicht von irgendwo – Mortensen orientiert sich an den dunkelgrauen Theaterstücken eines Henrik Ibsen, in denen ebenfalls das Konstrukt der Familie durch Bohren in der Vergangenheit immer poröser wird.

Dabei hat Mortensen mit der Wahl von Lance Henriksen, den ich sonst nur als Android aus Aliens und anderen phantastischen B-Movies in Erinnerung habe, keinen besseren Berserker finden können. Mit über 80 Jahren zeigt der Schauspieler, was er eigentlich draufhat. Dabei ist sein wütender Einzelgänger mit Familienanschluss die kramzerfressene Version eines – die Österreicher kennen ihn – Edmund „Mundl“ Sackbauer (Echte Wiener), nur ohne das Herz am rechten Fleck, und ohne eine Spur von Selbsterkenntnis.

Falling ist eine intensive, in ihren aufgeladenen Konfrontationen packende und nicht minder aufwühlende Vision einer familiären Endzeit. Analogien im echten Leben sind da nicht schwer zu finden.

Falling

Brightburn – Son of Darkness

IN DIE ECKE, SUPERMAN

6/10


brightburn© 2019 Sony Pictures Entertainment


LAND / JAHR: USA 2019

REGIE: DAVID YAROVESKY

CAST: JACKSON A. DUNN, ELIZABETH BANKS, DAVID DENMAN, MATT L. JONES, MEREDITH HAGNER U. A.

LÄNGE: 1 STD 30 MIN


Was für ein Jammer. Wir befinden uns hier weder im DC– noch im Marvel-Universum. Weit und breit gibt’s keine Superhelden, keinen Captain America und keinen Batman. Ein ernüchternder Umstand. Und insofern tragisch, da der einzige Knabe mit besonderen Fähigkeiten nichts Gutes im Schilde führt. Es ist, als wäre Superman ein wütender Vandale und als träfe dieser auf keine ernstzunehmenden Widersacher, die sein Potenzial auch nur irgendwie zügeln könnten. Was für Kräfte Clark Kent hat, ist uns allen bekannt. Es sind die einer Gottheit. Nichts kann ihn bremsen, niemand aufhalten. Er könnte alles um ihn herum vernichten. Er könnte ganze Sonnensysteme in sich zusammenfallen, die Erde in die Sonne stürzen lassen. Ich traue Superman sowieso nicht. Batman tat das eine Zeit lang auch nicht – in Dawn of Justice war sein Grummeln in der Magengegend durchaus berechtigt. Später, in Justice League, soll er dann nochmal den finsteren Blick bekommen. So eine Gratwanderung zwischen unbegrenzter Macht und humanitärem Gewissen bedarf einer gewissen Ausdauer. Und das Herz eines guten Wesens.

Der Junge in Brightburn – Son of Darkness scheint anfangs sein nichtmenschliches Herz noch am rechten Fleck zu haben. Mit einer Raumkapsel eines Nachts abgestürzt, war er als brabbelndes Baby geradewegs in die ausgebreiteten Arme eines kinderlosen Ehepaares gefallen. Jetzt, im präpubertären Alter von 12 Jahren, scheinen gewisse Kräfte in ihm zu erwachen. Nicht solche, die in der Kindesentwicklung üblich sind, sondern eben ähnliche wie die von Superman. Mit so viel Macht muss man mal umgehen können. Das kann so gut wie niemand. Mit dieser Kraft erhält der Junge allerdings auch seltsame Befehle von außerhalb. Und die gehen auf Kosten seines sozialen Umfelds.

Was passiert eben, wenn die Nummer 1 aller Superhelden plötzlich böse wird? Und niemand da ist, der ihn aufhalten kann? Das gute Zureden seiner Ziehmutter? Das Läutern seines Gewissens? Die Suche nach so etwas Ähnlichem wie Kryptonit? Der von James Gunn (Guardians of the Galaxy, Super – Shut up, Crime!) produzierte Science-Fiction-Horror macht es sich mit seiner Antwort auf diese Fragen relativ leicht. Und klar – man braucht da gar nicht viel drum rum reden. Die Aussichten sind blutig, hundsgemein, bedrohlich und erschreckend. Mit so einer Gabe bleibt einem Dreikäsehoch wie diesen gar nichts anders übrig, als nur Schaden anzurichten, allein aus einem impulsiven kindlichen Verhalten heraus, angesichts dessen erlernte Erziehungswerte gnadenlos abstinken. Einmal damit angefangen, gibt’s kein Aufhören mehr. Und das ist es, was Brightburn erzählt: ein recht straightes Coming of Age-Grauen, das allerdings stellenweise mehr Familiendrama als Slasher ist, und das so seine Phasen durchmacht – von der dargestellten Bandbreite kreativer Tötungsmethoden bis hin zu den leisen Selbstzweifeln einer nichtmenschlichen und gleichermaßen erschreckend menschlichen Kreatur. Interessant dabei ist die klar erkennbare Metaebene: Brightburn hat ganz offensichtlich vor, die Sorgen und Ängste der Elternschaft ob der Entfremdung und Abnabelung ihres Nachwuchses in einen Worst Case-Alptraum zu konvertieren. Im Gegenzug ist das Entdecken der eigenen Stärken und das Erstarken eines kolossalen Ich-Bewusstseins der posttraumatische Folgetraum. Alles in allem bleibt David Yaroveskys kleiner, kerniger und letzten Endes gnadenloser Reißer die Visualisierung einer aus biologischer Sicht determinierten Ohnmacht.

Brightburn – Son of Darkness

Kodachrome

EIN ANALOGES LEBEN

7,5/10


kodachrome© 2018 Netflix


LAND / JAHR: USA 2017

REGIE: MARK RASO

CAST: ED HARRIS, JASON SUDEIKIS, ELIZABETH OLSEN, DENNIS HAYSBERT, BRUCE GREENWOOD U. A. 

LÄNGE: 1 STD 40 MIN


Den Ploppverschluss öffnen, den Film aus dem kleinen schwarzen Plastikzylinder holen, in die Kamera rückseitig einlegen, mit der Spule verzahnen, die Kamera schließen, dann zweimal aufziehen – schon lassen sich wieder rund 36 Fotos schießen. Zu sehen waren diese natürlich noch nicht – dazu musste das ganze ins Labor. Aber wem erzähl ich das. Die meisten meiner Leser werden noch wissen, wie das funktioniert hat. Doch diese Zeiten sind so gut wie vorbei – bis auf einige wenige Enklaven der analogen Fotografie werden Bilder nur noch digital gebannt. Und da lässt sich knipsen was geht, und was die Speicherkarte von mehr als einem Dutzend Gigabyte hergibt. Das Ende einer Ära? Das Ende der liebevoll gerahmten Dias? Allerdings. Das Ende für manche Fotografen? Womöglich auch. In diesem Fall ist es das bevorstehende Ableben des berühmten, allerdings fiktiven Bildermachers Ben Ryder, der Zeit seines Lebens in der Weltgeschichte unterwegs gewesen war, mit Unmengen an Filmen in der Tasche.

Der alte Mann leidet an Krebs im Endstadium, hat aber noch vier unentwickelte Filme zu Hause, Kodachrome wohlgemerkt, die noch rechtzeitig ins letzte noch offene Fotolabor nach Kansas müssen, genauer gesagt in Dwayne’s Photoladen (den es tatsächlich gab und der auch die Grundlage war für den New York Times-Artikel For Kodachrome Fans, Road Ends at Photo Lab in Kansas aus dem Jahr 2010). Sein Sohn soll ihn dort hinfahren. Das Problem: der Sohn kann den Vater nicht riechen. Warum sollte er auch: letzterer war ein Draufgänger, wie er im Buche steht. Erziehungsauftrag? Was für ein Erziehungsauftrag? Aber sei’s drum – Sohn Matt willigt dann doch ein. Und zu dritt – inklusive Bens persönlicher Pflegerin – sind sie im Cabrio unterwegs durch die Provinz.

Netflix hat hier eine ganz spezielle und wirklich erfahrenswerte kleine Filmperle versteckt gehalten. Und die ist nicht nur für Foto-Nostalgiker sehenswert, die spätestens gegen Ende dann einen Kloß im Hals spüren. Danach werden sie vermutlich nach verbliebenen Filmspulen suchen, die noch zu entwickeln wären. Kodachrome ist ein Vater-Sohn-Melodram der alten Schule, was ja auch passend scheint – überdies zelebriert Ed Harris als knorriger, verlebter und von Krankheit gezeichneter Ex-Abenteurer ein versöhnliches Psychogramm des Endes einer ganzen Ära, eines gelebten Ideals und eines ganz anderen Handwerks. Das Gestern gebärdet sich hier in einer überraschend friedfertigen Agonie, will nur aufräumen und in guter Erinnerung bleiben. Wehmut macht sich breit, später auch bei Jason Sudeikis als Sohn mit Ehrgeiz und Prinzipien, der das bisschen Kindheit wiederfindet, das ihn mit der nur in assoziativen Resten übriggebliebenen Vaterfigur verbindet. Sonst vorwiegend in Komödien zu sehen, gibt der Kill the Boss-Spezi eine durchaus achtbare Performance ab, auch Elizabeth Olsen agiert fernab ihres exaltierten Wanda-Franchise angenehm ungekünstelt. Und Harris? Der ist nicht umsonst einer jener charismatischen Schauspieler, bei denen man, findet man ihren Namen im Cast, kurz mal freudig jauchzt. Die Rolle des alten Fotografen passt gut zu seinem unrasierten Konterfei, obendrauf ein breitkrempiger Hut und stets die Kamera geschultert. Wenn er dann mit zitternden Fingern seinen letzten Film einlegt, bewegt das nicht nur eingefleischte Fotografen und Nostalgiker, sondern auch jene, die Wert legen auf handwerklich erlesenes, mit feiner Musik unterlegtes Besinnungskino.

Kodachrome