Madame Marguerite oder die Kunst der schiefen Töne

DAS TROUBADIX-SYNDROM

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marguerite

„Nein, du wirst nicht singen! Nein du wirst nicht singen!“ Und schon bekommt der Barde des kleinen, uns wohlbekannten gallischen Dorfes mit dem Schmiedehammer einen Scheitel gezogen. Bei der Darstellung eben jener Sachverhältnisse handelt es sich, wie wir alle wissen, um den gänzlich verkannten Barden Troubadix aus den Comics über Asterix und seine Freunde, meisterhaft gezeichnet und ersonnen von Rene Coscinny und Albert Uderzo. Seine Gesangsqualitäten sind für jedermann ein Graus, Troubadix selbst jedoch hat an seinem Talent nichts zu meckern. Viel mehr noch, er hält sich für ein verkanntes Genie.

Ungefähr so oder ähnlich ergeht es Madame Marguerite. Mit dem einzigen Unterschied, dass ihr Publikum keine offenherzig ehrlichen Banausen sind, sondern Lügner und Schwindler. Warum? Nun, weil Madame Marguerite enorm wohlhabend ist, und für wohltätige Zwecke sehr oft und sehr gerne die Spendierhosen an hat. Und eine Kuh, die man melken kann, wird man doch nicht vergrämen?

Lose basierend auf den tatsächlichen Fall der Florence Foster Jenkins, einer amerikanischen Sopranistin, die weder Ton noch Rhythmus traf und mit ihren seltenen, aber skurrilen Konzerten als akustische Freakshow durchaus für volle Hallen sorgte (aktuell im Kino mit Meryl Streep in der Hauptrolle), erzählt die französische Tragikomödie von einem leidenschaftlichen Opernfan, der geradezu obsessiv sein Leben dem Gesang widmet. Und das nicht nur als Zuhörer, sondern auch als Interpret. Das Fatale und Traurige an der eher schwermütigen als leichtfüßigen Geschichte ist der Verrat der Gesellschaft an ihrer Person. Das beginnt beim Butler, der die Verrücktheit der verblendeten Frau fotografisch dokumentiert, um selbst berühmt zu werden. Und endet beim eigenen Ehemann, der sogar noch fremdgeht, da er seine Gemahlin für ein Monster hält. Gerade kommt mir David Lynchs Der Elefantenmensch in den Sinn. Nur Madame Marguerite, souverän und sensibel verkörpert von „Odette Toulemonde“ Catherine Frot, ist alles andere als hässlich. In diesem Fall ist ihr Gesang die abscheuliche Mutation, die alle anderen für sich ausnützen. So bleibt Madame in dem hochgerüsteten Elfenbeinturm gefangen, den ihre Mitmenschen um sie erbaut haben. Und verliert die Fähigkeit der Selbstreflexion.

Irgendwie ist Xavier Giannolis Film eine Parabel auf den Preis, den versponnene, zerbrechliche Seelen zahlen müssen, wenn sie von der Öffentlichkeit hochgeschaukelt werden. Zu welchem Zweck auch immer, doch meistens ist es Geld und die Gier nach eigenem Ruhm. Somit ist das mit expressivem Theaterlicht und üppigem Interieur ausgestattete Drama ein beklemmender Kreuzweg, der radikal endet. Und keine gute Stimmung hinterlässt. Die Welt kann auch auf andere Art eine Illusion sein. Nämlich im falschen Feedback der anderen. So sehr die Aufrichtigkeit unserer Umwelt oftmals wehtun kann, so reinigend wäre sie manchmal. Diesen Gefallen hat man Madame Marguerite leider nicht getan.

 

Madame Marguerite oder die Kunst der schiefen Töne

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