Cemetery of Splendour

GESPRÄCHE MIT TRÄUMENDEN

5/10


cemeteryofsplendour© 2015 Rapid Eye Movies


LAND / JAHR: THAILAND, GROSSBRITANNIEN, FRANKREICH, DEUTSCHLAND, MYANMAR 2015

BUCH / REGIE: APICHATPONG WEERASETHAKUL

CAST: JENJIRA PONGPAS, BANLOP LOMNOI, JARINPATTRA RUEANGRAM U. A.

LÄNGE: 2 STD 1 MIN


Wer meint, das asiatische Kino wäre mit Südkorea, China oder Japan so gut wie abgedeckt, hat die Rechnung ohne Indonesien oder gar Thailand gemacht. Aus diesem beliebten tropischen Urlaubsland kommt nämlich ein ganz spezieller Filmemacher her: Apichatpong Weerasethakul. So richtig zum Begriff wurde dieser bemerkenswerte Sonderling 2010 mit seinem metaphysischen Drama Uncle Boonmee erinnert sich an seine früheren Leben. Damit gewann er doch glatt die Goldene Palme von Cannes. Meines Erachtens auch zurecht – denn auch wenn man in der Welt des Kinos schon vieles gewohnt sein mag: diese Art, Geschichten zu erzählen, verlässt viele bislang vertraute Wege, und scheut auch sehr diszipliniert davor zurück, alle Stückchen spielen zu wollen, die filmtechnisch möglich sind. Gerade im Fantasygenre drängt sich die Möglichkeit, irreale Bilderwelten zu erzeugen, förmlich auf. Ich für meinen Teil schätze all diese erdachte Opulenz. Das es aber auch anders geht, wird in Weerasethakuls Entwürfen deutlich. Der Mann mit dem Namen, den ich bis dato nicht aus dem Gedächtnis buchstabengetreu wiedergeben kann, kreiert Werke, die sich genauso wenig einfach nacherzählen lassen. Uncle Boonmee zum Beispiel ist phantastisches Kino – doch von pittoreskem Dekor entschmückt und auf einen Alltag minimalisiert, zu dessen Tagesordnung so Dinge zählen wie Seelenwanderungen oder paranormale Erscheinungen, die jedoch keinerlei Furcht oder Skepsis auslösen. Die unserem Dasein, so, wie wir es kennen und so, wie wir es leben, ganz einfach inhärent sind. In fast schon semidokumentarischen Bildern widmet sich Weerasethakul auch in seiner Arbeit aus dem Jahr 2015 dem wissenschaftlich nicht Belegbaren. Mit in der Esoterik verorteten praxisnahen Selbshilfephänomenen hat das ganze aber nichts zu tun.

Schauplatz ist der Nordosten Thailands an der Grenze zu Laos. In einer ehemaligen Schule liegen mehrere Soldaten in ihren Betten, Ventilatoren spenden den in den Tropen essenziell notwendigen Luftzug. Diese Soldaten sind jedoch nicht Kriegsversehrte, sondern schlafen tief und fest. Sie leiden an einer der Narkolepsie verwandten seltsamen Krankheit. Betreut werden diese von einigen freiwilligen Helferinnen, darunter auch von Jen, einer körperlich etwas beeinträchtigten älteren Dame, die für einen der Patienten geradezu mütterliche Gefühle hegt. Unter den Besuchern gibt es ein junges Medium namens Keng. Sie kann durch Handauflegen Verbindungen zu den Schlafenden aufnehmen und als Sprachrohr dienen. Jen wiederum bekommt Besuch von zwei längst verstorbenen, antiken Prinzessinnen, die ganz plötzlich erscheinen, und die so einige Geheimnisse offenbaren, was den historisch interessanten Ort betrifft, auf welchem die Schule errichtet wurde. Ein Ort, der früher mal der Friedhof der Könige genannt wurde.

Diese radikale Nüchternheit von Cemetery of Splendour ist irritierend. Und auf eine ganz eigene, schwer zu fassende Weise erst im Nachhinein faszinierend. Lange, unbewegte Bildeinstellungen wechseln mit langen, völlig unaufgeregten Dialogen. Dann herrscht wieder Stille, nur das Zirpen der Zikaden ist zu hören. Die seltsamen L-förmigen Leuchtkörper, die im Krankenzimmer mithilfe des ganzen Farbspektrums die bösen Träume der Schlafenden vertreiben sollen, setzen die wenigen visuellen Reizpunkte. Es ist, als wäre dieser ganze Kosmos hier ein transzendenter Reigen aus Schlafen und Erwachen. Vom Tod handelt der Film nicht. Es gibt noch ganz andere Sphären, die betreten werden können. Weerasethakul beobachtet wie selbstverständlich einen die Grenzen unseres Verstehens überschreitenden Zustandswechsel. Das ist langsam, sehr langsam, von der schwülen Tropenhitze ziemlich ermattet, mitunter finden sich sehr rätselhafte Szenen in diesem Film – zum Beispiel einen Mann, der im Busch seine Notdurft verrichtet, oder ein seltsames amöbenförmiges Wesen tanzt über den Himmel. Die Unaufgeregtheit führt im Gegensatz zu Uncle Boonmee jedoch zu einer sachlichen Lethargie, die das Besondere auf Small Talk reduziert.

Aber mal sehen, wie Weerasethakuls nächster Film wird – den gibt´s heuer in Cannes. Ich bleib‘ dran.

Cemetery of Splendour

Letztes Jahr in Marienbad

KENNEN WIR UNS?

5/10


last-year-at-marienbad


LAND / JAHR: FRANKREICH, ITALIEN 1961

REGIE: ALAIN RESNAIS

DREHBUCH: ALAIN ROBBE-GRILLET

CAST: DELPHINE SEYRIG, GIORGIO ALBERTAZZI, SACHA PITOËFF U. A.

LÄNGE: 1 STD 34 MIN


War es in Marienbad? In Friedrichstadt, Karlstadt oder Baden-Salsa? Oder in diesem Salon? Nichts Genaues weiß man nicht. Das Einzige, was so ziemlich als gesichert gilt, ist, dass der Mann mit dem schmalen Gesicht beim mittlerweile als Marienbad bekannten Nim-Spiel stets gewinnt. Das kann man drehen und wenden, wie man will. Und sonst? Sonst ist alles das Ergebnis subjektiver Erinnerungen an ein Damals vor einem Jahr. Oder sind diese Erinnerungen auch nur ein Konstrukt aus Begehren und Wunschtraum?

Die Sechziger, das Um- und Aufbruchsjahrzehnt für Gesellschaft, Soziales und Kultur, hat den Leuten gezeigt, dass vieles auch anders geht. Das die Norm keine Zügeln hat. Dass die Freiheit mannigfaltig sein kann. Da war Querdenken noch ein begrüßenswerter Umstand. Das Umkrempeln der bewährten Ordnung schuf in der Literatur den Nouveau Roman – folglich dauerte es nicht lange und im bereits durch die Nouvelle Vague erneuerten Medium Film etablierte sich der Versuch, die lineare Erzählform außen vor zu lassen, Strukturen aufzudröseln und mit diesen losen Fäden herumzuexperimentieren. Inspiriert von Alfred Hitchcocks filmischen Methoden und von so ziemlich allem, was neu war, entstand unter der Regie von Alain Resnais, der mit Hiroshima, mon amour ’59 die Goldene Palme von Cannes holte und sich nunmehr unorthodoxe Filmprojekte leisten konnte, ein nobles Verwirrspiel erster Güte: Letztes Jahr in Marienbad.

Dabei erstreckt sich die Handlung auf gerade mal fünf Minuten oder würde bei einem linearen Erzählkonzept bis zur zweiten Szene kommen. Ein namenloser Mann trifft auf eine namenlose Frau an einem unbekannten Ort – wir wissen, es ist ein Hotel in barockem Stil. Der Mann scheint die Dame zu kennen, sie wiederum kann sich an nichts erinnern. Also versucht der Mann, die Frau davon zu überzeugen, dass sich beide bereits letztes Jahr schon getroffen hatten. In Marienbad, Friedrichstadt, Karstadt, Baden-Salsa oder in diesem Salon. Dabei wiederholt sich seine artikulierte Beweisführung immer und immer wieder. Klingt jetzt nicht gerade prickelnd. Doch Resnais geht es keinesfalls um romantische Inhalte. Dieses bisschen Erzählsubstrat zerbricht wie ein Spiegel in hunderterlei Scherben. Ziel ist es, diesen Spiegel neu zusammenzusetzen. Bedingung dabei: all die Teile müssen neu arrangiert werden, letzten Endes aber dennoch wieder einen ganzen Spiegel ergeben.

Ein Experiment fürwahr. Doch was vielleicht in den Sechzigern für staunende Gesichter gesorgt hat, offenbart sich in der dritten Dekade des 21. Jahrhunderts mittlerweile nur noch als recht aufgeräumter, jedoch wenig tangierender Versuch, aus überholten Normen auszubrechen. Aus filmhistorischer Sicht mag Letztes Jahr in Marienbad seinen Platz bis heute gut verteidigt haben. Dass dieser Film allerdings auch heute noch irritierende Verblüffung auslöst, wage ich zu bezweifeln. Resnais Werk mag surreal sein – der redundante Ablauf an ähnlichen Szenen und mächtig ausholenden Kamerafahrten bleibt gediegene, natürlich edel fotografierte Langeweile.

So gesehen gibt es mehrere Sprachblöcke, die sich stets wiederholen. Allein schon ganz am Anfang erzählt eine Stimme aus dem Off gefühlt zigmal dieselbe Beschreibung des Ortes. Die langen Gänge, den schweren Stuck, die vielen Salons. Wie Gedankenblasen dreht sich das Gesagte in zeitlosem Kreis. Inhaltsleere Gesprächsfetzen der anderen Gäste sind zu hören – Floskeln, die keinen Sinn ergeben. Oft stehen diese Damen und Herren – in Abendkleid und schwarzen Anzügen – orientierungslos inmitten des üppigen Interieurs oder halten im geometrisch angeordneten Schlossgarten plötzlich inne, als würde die Zeit stillstehen. Es sind die Abbildungen vager Anhaltspunkte aus dem Gedächtnis der beiden Hauptfiguren, die alles Irrelevante als bedeutungslose, abstrakte Peripherie in das Erinnernde eingliedern. Und immer wieder, immer wieder wiederholt sich diese Abfolge wie ein formelhaftes Mantra. Dazwischen wieder der Mann mit dem schmalen Gesicht, der im Nim-Spiel gewinnt.

Unterlegt ist dieses flüchtige Kaleidoskop, das keinen Anfang, kein Ende und deren Zeiten vollends durcheinandergeraten, mit konterkarierter schwerer Orgelmusik. Letzten Endes ist man um keine Nuance schlauer, letzten Endes erreicht ein Gähnen die letzten Szenen eines scheinbar nicht enden wollenden, intellektuellen Filmversuchs. Nun, es ist ein Ereignis, doch gleichermaßen ein recht geziertes Kind seiner Zeit.

Letztes Jahr in Marienbad

Oxygen

ATMEN ALS WERTVOLLSTES GUT

7/10


oxygen© 2021 Netflix


LAND / JAHR: FRANKREICH, USA 2021

REGIE: ALEXANDRE AJA

CAST: MÉLANIE LAURENT, MATHIEU AMALRIC, MALIK ZIDI U. A.

LÄNGE: 1 STD 40 MIN


Zumindest verbraucht hier das Licht nicht den guten Sauerstoff – im Gegensatz zu Ryan Reynolds Feuerzeug in Buried – Lebend begraben. Dieses Licht hier in Oxygen, dem neuen Streifen von Horror-Spezialist Alexandre Aja (u. a. Crawl), ist kalt und klar und synthetisch. Die 20% an Sauerstoff, die gehören voll und ganz einer eben erst erwachten und ziemlich orientierungslosen Mélanie Laurent, die überhaupt keine Ahnung hat, wer sie ist, wo sie sich befindet und warum sich diese vermaledeite Cryokapsel (das zumindest weiß sie) einfach nicht öffnen lässt. Die vorerst Namenlose ist in einen organisch gewebten Overall gezwängt und hängt an diversen Schläuchen. Panik macht sich augenblicklichst breit – zum Glück gibt’s die recht kommunikative KI, die für diese High-Tech-Nussschale den Hausmeister gibt. Richtig viel Auskunft geben kann sie aber nicht, das Teil öffnen ebenso wenig – hierzu bräuchte es einen Administratorcode, welcher der frisch Erwachten mit Gedächtnis-Hangover partout nicht einfallen will. Vielleicht ist das auch besser so. Oder doch nicht? Nichts weiß man, nur, dass der Sauerstoff stetig zur Neige geht. Ein Umstand, der sich für den biologischen Apparat namens Mensch relativ ungesund auswirken könnte.

Klaustrophobiker sollten sich, wenn möglich, nicht auf die hier dargestellte Situation des Eingesperrtseins konzentrieren. Am besten wäre es, gemeinsam mit unserer bangenden Protagonistin tief durchzuatmen, ruhig auszuatmen, aber auch wiederum nicht zu viel zu atmen, sonst rutscht die Luftanzeige schneller nach unten als einem lieb ist. Vielleicht wäre es gut, sich auch auf etwas Schönes zu konzentrieren, so wie es unsere Unbekannte tut. Deren Erinnerungen sind vage, aber assoziative Eindrücke wie eingestreute Gegenlicht-Inserts von Wiesen und Baumkronen gibt es dennoch. Das macht die Situation etwas leichter. Wenn man in so einer Situation überhaupt Erleichterung schaffen kann. In seinem souverän beklemmenden, gut durchdachten Szenario lässt Alexandre Aja nämlich so gut wie nichts anbrennen. Mélanie Laurent allerdings auch nichts unversucht. Es kommt in Filmen ja selten vor, dass man als Zuseher der Meinung ist, genauso zu handeln wie die Heldin oder der Held – im Falle von Oxygen hätte ich persönlich nichts hinzuzufügen, denn unter Stress ist alles, was hier abgeht, durchaus plausibel. Nach dem Motto: Was geht, geht – was nicht geht, könnte funktionieren. So atmet und fuchtelt und telefoniert Laurent um ihr Leben, während Aja keinen Leerlauf zulässt. Auch dann nicht, nachdem die Katze aus dem Sack ist. Ich weiß schon, bei kleinen, dreckigen Independent-Filmen schüttelt man solche Twists gerne zum Grande Finale aus dem Ärmel – Oxygen findet seinen erhellenden Peak allerdings schon viel früher. Was aber nicht heissen soll, die Luft wäre dann draußen. Stattdessen bekommt Aja erstaunlich gut die Kurve und baut seinen kleinen, subversiven High-Tech vs. Biomasse-Thriller ganz plötzlich zu so etwas ähnlichem aus wie epischer Science Fiction.

Oxygen

Sentinelle

DER RAMBO-EFFEKT

6/10


sentinelle© 2021 Netflix


LAND / JAHR: FRANKREICH 2021

REGIE: JULIEN LECLERCQ

CAST: OLGA KURYLENKO, MARILYN LIMA, MICHEL NABOKOV, ANDREY GORLENKO, MARTIN SWABEY U. A. 

LÄNGE: 1 STD 20 MIN


Gesetzt den Fall, ich wäre ein Soldat im Auslandseinsatz, müsste vor Ort viele schreckliche Dinge mitansehen und würde völlig traumatisiert wieder heimkehren – man würde mich erstens niemals mehr an die Front, sondern zu den Ärzten schicken, die mich versuchen würden zu therapieren. Und zweitens würde ich mich womöglich nach einer brotgebenden Alternative umsehen, denn als Soldat hätte ich ausgedient, da es für mich unmöglich wäre, auch die kleinste Bedrohung, die es abzuwehren gälte, richtig einzustufen.

Olga Kurylenko alias Soldatin Klara, der ist genau das passiert. Traumatische Ereignisse irgendwo im Nahen Osten führen schließlich dazu, dass die junge Frau wieder zu ihrer Familie in Frankreich zurückkehren kann und dort in die Einheit der Sentinelles versetzt wird. Schwerbewaffnete Aufpasser, die am Strandboulevard von Nizza nach dem Rechten sehen – der Feind liegt ja nur jenseits des Mittelmeers. Oder ist vielleicht schon da, beim Terror weiß man nie. Klara selbst ist für diesen Job allerdings nicht (mehr) geeignet. Schwer depressiv, innerlich gebrochen, ein ordentlicher Tremor lässt sie zittern. Was hat so jemand noch im Militärdienst verloren? Julien Leclercq will´s gar nicht so genau wissen und lässt die hagere Russin dennoch hier mitmischen – was in Real Life wohl niemals möglich wäre. Aber gut, wir haben nun mal diese Ausgangssituation, und es wäre ja an sich schon ein recht lakonisches Psychodrama mit Ansätzen, wie wir sie bereits aus Brothers kennen – aber es kommt noch dicker. Und es kommt so, wie es die Regiekollegen Pierre Morel oder Jaume Collet-Serra auch immer gerne haben: Der Actionthriller findet seine Erfüllung im Selbstjustiz-Genre.

Denn Klaras Schwester, die wird eines Morgens, vergewaltigt und wüst zugerichtet, in die Klinik eingeliefert. Die völlig durch den Wind befindliche Sentinelle hat nun etwas gefunden, um ihrer zerrütteten Psyche ein Ventil zu geben: sie macht Jagd auf denjenigen, der ihre Schwester ins Koma geprügelt hat. Und natürlich klar: hat sie diesen jemand gefunden, wird nicht irgendein Gericht, sondern Klara selbst über Leben und Tod entscheiden.

Charles Bronson, Liam Neeson, Jennifer Garner – jetzt auch Olga Kurylenko, die in Sentinelle gar keine schlechte Performance abliefert. Leclercq setzt auf Trübsal, untermalt mit stimmigem Score, und widmet sich die erste Hälfte des Films ganz und gar dem Prozess der Bewältigung einer innerlich Versehrten. Dann aber schaltet der Film um, lässt eine Kämpfernatur gegen alles und jeden antreten und letzten Endes auch zu radikalen Mitteln greifen. Wenig zimperlich ist der auf Netflix frisch eingetroffene Film, er setzt auf den von mir aus dem Stegreif erdachten Rambo-Effekt: Traumatisierte Kriegsheimkehrer sieht sich mit einer ignoranten und boshaften Gesellschaft konfrontiert und glaubt, wieder so richtig kämpfen zu müssen. So pusht sich die Anti-Heldin in dem auf 80 Minuten runtergeschnittenen Drama zur Nemesis, die nichts mehr zu verlieren hat. Und auch nicht mehr gefunden werden will.

Sentinelle

Eine Frau mit berauschenden Talenten

THERE’S A KIND OF HASCH…

5/10


frau_berauschendetalente© 2020 Neue Visionen


LAND / JAHR: FRANKREICH 2018

REGIE: JEAN-PAUL SALOMÉ

CAST: ISABELLE HUPPERT, HIPPOLYTE GIRARDOT, LILIANE ROVÈRE, FARIDA OUCHANI, RACHID GUELLAZ U. A. 

LÄNGE: 1STD 46 MIN


… all over Paris: Schauspiellegende Isabell Huppert gibt in dieser Cannabis-Komödie Patience, eine Sprachexpertin fürs Arabische, die in den Diensten der Polizei steht, wo keiner natürlich Arabisch kann (soviel zu ethnischer Vielfalt). Da eröffnen sich natürlich Tür und Tor, um selbst an mehr Geld zu kommen. Vor allem dann, wenn da gerade eine tonnenschwere Lieferung reinstem Marihuanas per Lieferwagen über die Pyrenäen tuckert und die Exekutive nur darauf wartet, diesen abzufangen. Patience wittert eine einmalige Chance: ganz leicht könnte sie den Wagen verschwinden lassen, denn die Fakten kennt nur sie und wie durch Zufall ist der Fahrer des ominösen Fahrzeugs noch dazu der Sohn jener Pflegehelferin, die sich um ihre Mutter sorgt. Ein Zufall, der so vermutlich niemals wiederkehren wird. Also selbst einen auf Breaking Bad machen und statt Crystal Meth das viel salonfähigere Haschisch verticken. Mit zwei verpeilten Dealern, die sowieso die ganze Zeit schon am Trockenen sitzen.

Isabelle Huppert scheint ewig jung geblieben zu sein. Erstaunlich, was die zierliche Französin, aus der Filmgeschichte Europas längst nicht mehr wegzudenken, immer noch für eine aparte Ausstrahlung hat. Faszinierend, ihr immer wieder zuzusehen. Denn Huppert, die spielt alles, von Komödie bis zum bleischweren Drama und gar bis zum Horror. Es kann aber auch gut sein, dass, wenn man schon so dermaßen lange im Filmbiz weilt, es ab und an zu Ermüdungserscheinungen kommt. Vor allem dann, wenn das gerade abzudrehende Werk so belanglos bleibt wie Eine Frau mit berauschenden Talenten. Da ist man als Filmdiva schnell mal unterfordert – diese Unterforderung sieht man der rothaarigen Dame an. Das ist Business as usual, bietet keine Herausforderung und auch keine besonderen Momente. Jean-Pierre Salomés achtes Werk macht aus dem Verbot für die jointverliebte Pflanzendroge einen teils tragikomischen Schwank, der mit vielen sozialen Klischees arbeitet und versucht, diese mit Sympathie zu überzeichnen oder gar zu rechtfertigen. Der Dealer ist der kauzige Jogginghosenträger mit Goldkette, der die meiste Zeit in der Dönerbude abhängt, das Pflegepersonal im Altersheim hat meist Migrationshintergrund, die Drogen kommen aus Afrika. Nur die hochgebildete (Anti)Heldin des Films vollführt hier einen gewissen Spagat zwischen den geöffneten Schubladen, führt allesamt an der Nase herum und bietet der Konkurrenz spielend Paroli. Eine Persiflage, die das Sub-Business der Drogenwirtschaft auf eine Handvoll Haudrauf-Schlägertypen reduziert.

Eine Frau mit berauschenden Talenten (Im Original La daronne – Die Alte, nach einem Roman von Hannelore Cayre) verbrät also ein längst nicht neues Grundkonzept der reifen, distinguierten und dealenden Dame auf altbackene Art mit ironisch angehauchten Polizeiermittlungen.

Eine Frau mit berauschenden Talenten

Brennpunkt Brooklyn

SCHUSS INS KREUZ

7/10


the-french-connection© 1971 20th Century Fox


OT: THE FRENCH CONNECTION

LAND / JAHR: USA 1971

REGIE: WILLIAM FRIEDKIN

CAST: GENE HACKMAN, ROY SCHEIDER, FERNANDO REY, MARCEL BOZZUFFI, TONY LO BIANCO, EDDIE EGAN U. A.

LÄNGE: 1 STD 44 MIN


Die von mir sehr geschätzte Fachzeitschrift cinema liefert mit ihrer Rubrik „Geburt eines Filmklassikers“ monatlich jede Menge Hintergrundinfos zu Werken, die längst Geschichte geschrieben haben. Und die man eigentlich als Filmfan nicht links liegen lassen kann. Inspiriert vom letzten Beitrag, und weil auch derzeit das Filmangebot trotz Netflix weitgehend überschaubar bleibt, habe ich mir William Friedkins Drogenthriller Brennpunkt Brooklyn – im Original The French Connection – oder einfach beides – zur Brust genommen. Und es lohnt sich, das Making-Of im Vorfeld durchzuackern, denn dann ist der Filmgenuss um eine Dimension reicher, wenn all die beschriebenen Szenen nicht mehr aus dem Konzept gerissen, sondern als Teil des Ganzen zu sehen sind und der Zuseher weiß, was da hinter den Kulissen eigentlich alles los war.

Zum Beispiel die ausufernde Verfolgungsjagd mit dem Auto. Das Kuriose dabei: Gene Hackman, der hinterm Steuer sitzt, verfolgt gar nicht mal einen anderen Wagen, sondern hetzt dem Antagonisten hinterher, der in der Schnellbahn über ihm stets eine Nasenlänge voraus ist. Auch nach 50 Jahren – da fällt mir auf: der Film feiert heuer gar ein halbes Jahrhundert Jubiläum, Gratulation! – bietet diese Szene aufgrund seines innovativen Kameraeinsatzes und einem wirklich makellosen Schnitt feinstes Actionkino. Für den Schnitt gabs ja sogar einen von fünf Oscars. Die anderen gingen unter anderem an die Regie und an Gene Hackman. Verdient? Nun, Antihelden wie dieser sind mittlerweile in jeder zweiten Krimiproduktion zu finden. Damals allerdings waren Filmhelden noch Leute mit Ehre und Ethik und salonfähigem Auftreten. Gene Hackman war das, so wie zur selben Zeit Clint Eastwood als Dirty Harry, plötzlich alles nicht mehr. Hackman war gelinde gesagt ein Raubtier mit Polizeimarke und Porkpie-Hut, einer, der nicht anders konnte, als seiner Lust am Auflauern und Jagen einfach nachzugeben. Friedkin zeichnet diese Figur als eine, die sich rein durch dieses Tun definiert. So kommt es mitunter, dass das Sakrileg vom Schuss in den Rücken des Killers in dieses Charakterprofil einfach hineinpasst. Hier geht’s um das Erlegen des kriminellen Freiwilds an sich. Insofern wird Hackman in dieser Rolle richtig groß, und auch am Ende, als er im Halbdunkel einer verfallenen Fabrikhalle den Feind ausmacht, spricht direkt ein bisschen der Wahnsinn.

Brennpunkt Brooklyn ist tatsächlich ein guter Film. Allerdings nichts, das nahe geht, und nichts, das wärmt. Aber etwas, das bestechend akkurat seinen roten Faden verfolgt, ohne sich in Nebenstories zu verlieren. Der winterharte Thriller (da können selbst die paar Szenen in Marseille nichts dran ändern) reduziert seinen Plot aufs Wesentliche, lässt unentwegt bespitzeln und beobachten. Scheider und Hackman sitzen und stehen stets auf Nadeln, da ist nichts, was sie ruhen lässt. Nur die Kälte bremst den Drang, die Dinge am liebsten so zu regeln, als wäre Anarchie die neue Ordnung. Platzhirsche der Gerechtigkeit, wenn man so will. Und selbst die ist nur zufällig zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Denn – wäre die Biographie von Jimmy „Popeye“ Doyle, so Hackmans Rolle (die auf einer wahren Figur beruh – auch jene von Scheider), etwas anders verlaufen, könnte man ihn gut und gerne auch auf der anderen Seite des Gesetzes sehen.

Brennpunkt Brooklyn

Blau ist eine warme Farbe

A CIRCLE OF LOVE

7/10


blauwarmefarbe© 2013 Alamode Film


LAND: FRANKREICH 2012

REGIE: ABDELLATIF KECHICHE

CAST: ADÈLE EXARCHOPOULOS, LÉA SEYDOUX, SALIM KECHIOUCHE, CATHERINE SALÉE, AURÉLIEN RECOING U. A.

LÄNGE: 2 STD 57 MIN


Ingmar Bergmann hätte diesen Film wohl schlicht und ergreifend mit „Szenen einer Liebe“ betitelt. Einer Liebe wie ein Musterbeispiel für einen gesellschaftsbiologischen Zyklus, ein Circle of Love sozusagen, der Anfang und Ende abdeckt, wie die Grundelemente einer Erzählung mit Anfang, Höhepunkt und Schluss. Dass Liebe so natürlich nicht immer diesen Weg gehen muss, ist sonnenklar. Bei jener der beiden jungen Frauen Adéle und Emma aber folgt diese Gefühlsregung einem Fächer aus Jahreszeiten, einem Kalender aus Freude und Leid. Überhaupt hat Blau ist eine warme Farbe (im Original La Vie d’Adèle – Chapitres 1 et 2) etwas sehr stark Biologisches. Und das nicht nur aufgrund der expliziten, aber niemals obszönen Sexszenen, die allerdings zwischen Regisseur Abdellatif Kechiche und den beiden Hauptdarstellerinnen Adèle Exarchopolous und Léa Seydoux zur Kontroverse führten. Ersterer hätte diese pikanten Takes viel zu oft wiederholen lassen. Da lässt sich durchaus die Vermutung anstellen, dass Männer im biologischen Sinn unter dem Joch ihrer bestimmerischen Libido nehmen müssen, was sie kriegen können. Auch als Künstler. Doch dem Regisseur geht’s dann doch zum Glück um ein bisschen etwas anderes als nur um Sex. Das wäre die körperliche Nähe – etwas, dass Sex beinhaltet, aber nicht ausschließlich.

Im Mittelpunkt dieses fast dreistündigen Epos steht wie schon erwähnt und relativ verloren das Mädchen Adèle, das sich in vielerlei Hinsicht erst finden muss. Ein erster Anhaltspunkt ist die Möglichkeit, dass Frauen für sie wohl das interessantere Geschlecht sein könnten. In diesem Fall eben die blauhaarige Künstlerin Emma, entschlossen lesbisch, aber fasziniert von diesem ziellosen Um-sich-selbst-Kreisens von Adèle. Und fasziniert auch von diesem traurigen und gleichsam sehnsüchtigen Gesicht, wohl eines der traurigsten Gesichter des gegenwärtigen Kinos, das Regisseur Kechiche, wie man an den Closeups oft sieht, ebenso faszinierend findet. Beide finden sich also, in zarter und gleichsam großer Liebe. Aber so eine Liebe, das weiß jeder, brennt nicht auf Dauer so heiß. Das Leben bietet auch noch anderes, nämlich den Alltag aus Ehrgeiz, Selbstverwirklichung und Stress.

Blau ist eine warme Farbe hat 2013 die Goldene Palme gewonnen, allerdings ging diese nicht nur an den Regisseur, sondern auch an die beiden Stars des Films. Eine verdiente Sache? Schauspielerisch auf jeden Fall. Schauspielerisch liefern Seydoux und Exarchopoulos etwas, das vielleicht schon bis an oder sogar über die Grenzen geht. Diese Bereitschaft, sich dermaßen hinzugeben, auch emotional, ist nichts, was sich in der darstellenden Kunst aus dem Ärmel schütteln lässt. Kachiche muss hier recht zurückhaltend interveniert haben, muss hier für eine relativ intime, sehr persönliche Stimmung gesorgt haben, die Filmcrew womöglich aufs Wesentliche reduziert. Anders lässt sich diese Menge an Authentizität gar nicht darstellen. Die Bereitschaft, so viel von sich selbst zuzulassen, ist Kino der Extreme. Im Vergleich zu dieser distanzlosen Intensität erscheint die auf einer französischen Graphic Novel basierende Geschichte in der zweiten Hälfte des Films fast schon zu banal und vorhersehbar, während in der ersten Hälfte die Gefühlswelten der jungen Frauen eine elektrisierende Faszination erzeugen.

Blau ist eine warme Farbe

Auf der Couch in Tunis

POSTREVOLUTIONÄRE BELASTUNGSSTÖRUNGEN

3,5/10


AufDerCouchInTunis© 2020 Filmladen


LAND: TUNESIEN, FRANKREICH 2019

REGIE: MANELE LABIDI

CAST: GOLSHIFTEH FARAHANI, MAJD MASTOURA, AÏCHA BEN MILED, HICHEM YACOUBI U. A. 

LÄNGE: 1 STD 29 MIN


Der arabische Frühling ist lange vorbei, einige Länder haben so manches daraus gemacht, andere hadern immer noch mit dem Krieg. In Tunesien ist die Revolution Teil der Geschichte. Ob sich seitdem viel verändert hat? Missstände gibt es immer noch, aber zumindest als Besucher von jenseits des Mittelmeers Urlaub machen, das konnte man wieder. Oder aus Frankreich wieder in die Heimat zurückkehren, so wie Psychoanalytikerin Selma. Was also tun in Tunis? Eine Praxis eröffnen. Ja genau, eine Praxis für Psychoanalyse. Braucht das denn wer? Daraufhin würde Selma antworten: wer braucht sowas denn nicht? – und macht aus ihrem Vorhaben ernst.

Eine Frau, die sich in einem von Männern dominierten Kultur- und Gesellschaftskreis behauptet – das ist der Stoff zeitgemäßer Filme aus dem arabischen Raum. Letztes Jahr zum Beispiel konnte die saudische Ärztin Maryam in Haifaa Al Mansours Film Die perfekte Kandidatin ihre ganze Entschlusskraft bündeln, um für den Stadtrat zu kandidieren. Der etwas handzahme, aber gut gemeinte Film zog natürlich seine Spannung aus dem Konflikt der Frauen mit der Männerwelt, die, konservativ bis ins Mark, soviel Ambition nur belächeln. Doch im Vergleich zu Auf der Couch in Tunis wirkt Die perfekte Kandidatin geradezu rebellisch.

Im Filmdebüt von Manele Labidi sehen wir die bereits eingangs erwähnte intellektuelle Selma, wie sie ihr für lokale Verhältnisse ungewöhnliches Vorhaben Verwandten und Freunden verklickert. Irgendwann bekommt sie tatsächlich eine ganz gute Patientenkartei zusammen, sowohl Frauen als auch Männer geben sich in der am Dach eines Hauses recht exponierten Praxis die Türklinke in die Hand. Klarerweise stehen bald die Behörden auf ihrer Matte. Und so geht das die ganze Zeit dahin, wobei die streng professionelle Analytikerin, gespielt von Golshifteh Farahani (u a. Tyler Rake: Extraction) in intellektueller Eitelkeit durch Zuhören andere dazu bewegt, endlich mal zu sagen, was in ihren Köpfen herumgeistert.

Das ist gut gemeint, und alle, die hier Selmas Reich frequentieren, sind natürlich mehr oder weniger sympathische und reizend gezeichnete Charaktere, doch setzt sich Auf der Couch in Tunis weder ernsthaft mit dortigen gesellschaftlichen Problemen auseinander noch gewinnt Labadi aus ihrer seichten Komödie, die klarerweise persönlichen Bezug hat (den wir nicht kennen), irgendeine Faszination aus diversen halbherzig verzwickten Umständen. Mit anderen Worten: dieser Ausflug ins postrevolutionäre Nordafrika ist leider nur müßiges Geplauder über Befindlichkeiten, und das ohne rechten Fokus. Könnte aber sein, dass dieser Zustand des Heimkommens nach Jahren aber genau so ein Gefühl vermittelt.

Auf der Couch in Tunis

Il Traditore – Als Kronzeuge gegen die Cosa Nostra

VOM VERRATEN DER VERRÄTER

7/10


iltraditore© 2020 Pandora Filmverleih


LAND: ITALIEN, FRANKREICH, DEUTSCHLAND, BRASILIEN 2019

REGIE: MARCO BELLOCCHIO

CAST: PIERFRANCESCO FAVINO, MARIA FERNANDA CÃNDIDO, FABRIZIO FERRACANE, LUIGI LO CASCIO, FAUSTO RUSSO ALESI U. A. 

LÄNGE: 2 STD 33 MIN


Anfangs scheint es noch so, als wäre die italienische True Story rund um Mafioso Tommaso Buscetta so eine ähnlich tragende, romantisierte Gewaltoper wie Francis Ford Coppolas natürlich meisterliche Trilogie rund um die Familie Corleone. Wir finden uns plötzlich an der sizilianischen Küste wieder, am Tage der heiligen Rosalia am 4. September 1980. Die Familien der Cosa Nostra kommen zusammen, um sich zu verbrüdern, zu plaudern und zu feiern. Beziehungen werden vertieft und neue gesponnen. Es scheint, als wäre die Mafia sowas wie ein gesitteter Adel, dabei war sie zu den damaligen Zeiten längst von einer gewissen Tollwut befallen, die in blinder Machtgier und Raserei ganze Sippen bis auf den letzten Blutstropfen über die gewetzte Klinge springen ließ. Tommaso Buscetta hat sowas schon geahnt – und sich aus dem Staub gemacht Richtung Südamerika. Dorthin, wo regelmäßig allerlei Verbrecher auswandern, in der Hoffnung, unter falschem Namen nicht mehr gefunden zu werden. Dieser Buscetta war noch dazu aus dem Gefängnis von Turin geflohen – also Gründe gibt es mehrere, um zwangsläufig zu privatisieren. Doch der Arm der Justiz ist lang. Er reicht auch bis nach Rio – und macht den Schurken dingfest. Der aber will vor seiner Vergangenheit nicht mehr davonlaufen. Ein Ehrenmann, wie er selbst einer zu sein glaubt, muss für seine Taten gradestehen. Also packt er aus. Als Kronzeuge gegen all die Schurken, die längst nicht mehr dem „noblen“ Codex des mafiösen Geheimbundes Folge leisten.

Bis auf die glamouröse Feier Anfang des zweieinhalbstündigen Films hat die sizilianische Mafia hier nichts mehr vom imperialen Schimmer, den sie in Filmen und Romanen immer wieder gerne aufpoliert bekommt. Die Mafia ist hier ein fast schon zerlumpter Haufen herumballernder Figuren ohne Moral, nicht viel mehr als Meuchelmörder. Irgendwo auf der Spitze dieser von Buscetti erläuterten Pyramide sitzt der Kommandant und hält das Zepter in der Hand. Während der sogenannten Maxi-Prozesse gegen gefühlt alle Mitglieder des Kartells werden viele davon auch verurteilt. Wie und wodurch – das spart Regisseur Marco Bellocchio so ziemlich aus, denn Zeuge Buscetta allein kann es nicht gewesen sein. Verurteilen kann man nur jene, die unter akkuraten Beweisen einknicken. Also muss es noch jede Menge Belastendes gegeben haben. Nur was? Das hätte ich gerne noch gewusst. Aber dann wäre der Film um die doppelte Spielzeit länger geworden. Il Traditore – Als Kornzeuge gegen die Cosa Nostra ist daher in erster Linie kein Film über die Mafiaprozesse, sondern ein biographisches Justizdrama um den Charmebolzen Buscetta, der sich zur Wahrheit durchringt und mit den Sünden seiner Vergangenheit reinen Tisch machen will. Perfrancesco Favino verleiht seiner historischen Figur etwas unnahbar Charismatisches, gleichermaßen aber auch etwas abstoßend Chauvinistisches und Patriarchalisches, wie das Klischee eines Mafioso eben. Zwischen den Rissen dieser errichteten Zitadelle aus Selbstgefälligkeit und Zugeständnis blitzt eine von Furcht und Erschöpfung wie gelähmte Seele, die von Alpträumen geplagt wird.

Il Traditore ist trotz seiner Überlänge ein in seinen Szenen klug selektiertes, straffes Biopic, bei dem man allerdings leicht die vielen Namen, Familien und Beziehungen durcheinanderbringt, was aber den kathartischen Grundton des Films und die zentralen Figuren nicht vernebelt. Die Mafia selbst wird hier trotz ihres weitreichenden Netzes und ihrer scheinbar unerschütterlichen, zeitlosen Struktur zu einem bröckelnden, obsoleten Konstrukt, das angreifbar wird und sich aushebeln lässt. Das kann man als Entrümpelung eines Mythos verstehen, der sich, verfolgt man die Fakten, längst überholt hat. Oder mittlerweile zu etwas ganz anderem geworden ist.

Il Traditore – Als Kronzeuge gegen die Cosa Nostra

Ich habe meinen Körper verloren

DIE POESIE DES LOSLASSENS

7,5/10


ilostmybody© 2019 Netflix


LAND: FRANKREICH 2019

REGIE: JÉRÉMY CLAPIN

MIT DEN STIMMEN VON: HAKIM FARIS, VICTOIRE DU BOIS, PATRICK D’ASSUMÇAO, BELLAMINE ABDELMALEK U. A. 

LÄNGE: 1 STD 21 MIN


Wenn man genau recherchiert, lässt sich auf Netflix das eine oder andere cineastische Kleinod entdecken. Filme, die längst nicht so beworben wurden wie preisverdächtige Ensemblefilme aus Hollywood, die aber in der Branche dennoch Aufsehen erregten. Darunter sind auch einige aus der Sparte Animation, und ganz besonders hervorheben möchte ich hierbei den innovativen Trickfilm Ich habe meinen Körper verloren. Klingt ein bisschen nach den Büchern des Neurologen Oliver Sacks? Ist es aber nicht. Dieses Werk hat mit Anomalien aus der Medizin gar nichts zu tun, obwohl, wenn man es genauer nimmt, geht’s doch auch um physische Defizite, die aber rein sinnbildlich zu verstehen sind. Ich habe meinen Körper verloren ist eine märchenhafte Parabel und gleichzeitig eine behutsame Liebesgeschichte, die lose auf dem Roman Happy Hand von Guillaume Laurant beruht und auf eine visuelle Erzählweise setzt, die gleich von der ersten Sekunde an besticht und auch verblüfft.

Denn Regisseur Jérémy Clapin erzählt alles andere als einen konventionellen Film, sein Werk orientiert sich nicht nur am französischen Erzählkino der Gegenwart, sondern teilt noch dazu innerhalb seiner knappen Laufzeit die Geschichte kurzzeitig auf drei, dann auf zwei Erzählebenen auf, spielt sogar noch mit den Zeiten und jongliert sie über- und untereinander, ohne dabei die Orientierung zu verlieren oder seinem Konzept die Luft zum Atmen zu nehmen. Im Zentrum steht ein junger Mann, der – das sieht man in Rückblenden – vor langer Zeit bei einem Autounfall seine Eltern verlor. Gegenwärtig verdingt er sich als Pizzabote, wobei er im Zuge seiner Lieferfahrten durch besondere Zufälle auf das Mädchen Gabrielle trifft. Gleichzeitig aber verfolgen wir die Odyssee einer abgetrennten Hand, die aus einem medizinischen Labor ausbricht und sich auf die Suche nach ihrem Körper macht. Anders als im Buch, in welchem diese eine erzählerische Aufgabe innehat, bleiben die Szenen, in denen die Extremität auf virtuose Art durch Räume, Straßen und Kanäle wandert, ohne Worte und gewinnen dadurch enorm an Intensität. Auch sonst knickt der zarte Film nicht unter der Last ausufernder Gespräche ein – ganz im Gegenteil. Vieles bleibt nonverbal.

Die Poesie des Loslassens handelt vom Schmerz eines Verlustes als Hindernis für ein erfülltes Weiterleben. Es geht um die Akzeptanz irreversibler Defizite und um leere Nischen, die nicht mehr nachbesetzt werden können. Jede andere Art von Film würde damit ganz schön ins Straucheln kommen und selbst vielleicht zu viel Trübsal blasen. Nicht so mit dem stilisierten Vokabular eines Trickfilmes. Ich habe meinen Körper verloren pendelt wohldurchdacht zwischen haarfeinen Tracings, vollen Farben und leicht abstrahierten Fotografien. Die Sicht auf die Dinge des Lebens entdeckt das Kleine wie das Große, schafft Bilder wie aus einer Graphic Novel. Ein zauberhafter, diskreter und verspielter Film über das Grundbedürfnis des Hinwegkommens, zur Recht nominiert für den Oscar und ausgezeichnet in Cannes. Magisches Kino, mal ganz anders.

Ich habe meinen Körper verloren