Reminiscence – Die Erinnerung stirbt nie

FRÜHER WAR ALLES BESSER

5,5/10


reminiscence© 2021 Warner Bros. Entertainment Inc. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2021

BUCH / REGIE: LISA JOY

CAST: HUGH JACKMAN, REBECCA FERGUSON, THANDIWE NEWTON, CLIFF CURTIS, MARINA DE TAVIRA, DANIEL WU, MARTIN SHEEN U. A. 

LÄNGE: 1 STD 56 MIN


Es gab Zeiten, da saß man, mit aufgeschlagenem Fotoalbum am Schoß, auf der Couch und schwelgte in Erinnerungen anhand bereits schon leicht blaustichiger Fotografien, die die eigene Kindheit und Jugend oder einfach nur unvergessliche Momente dokumentierten. Oft sah man sich diese Alben gemeinsam mit anderen an, nicht selten fiel da die eine oder andere Anekdote. Ein herzliches Lachen, ein „Weißt du noch“… Dabei ist nichts gehaltvoller als das eigene Kino der Erinnerungen im Kopf. Denkt man zurück, erlebt man nicht nur die Emotionen nochmal durch, auch das Periphere, Physische. In nicht allzu ferner Zukunft – einer Zukunft im postklimatischen Zeitalter, nachdem der Meeresspiegel längst gestiegen, zum Beispiel die Halbinsel Florida überflutet und die Welt einen nicht näher definierten Krieg überstanden hat – scheint der Mensch in seiner Fähigkeit, sich zu erinnern, so ziemlich verkümmert. Die eigene Kraft der Imagination ist erschöpft, demzufolge gibt es allerdings Techniken, die es möglich machen, in die gedankliche Vergangenheit eines Menschen einzutauchen, damit dieser das Gewesene so erleben kann, als würde es gerade jetzt passieren. Klingt irgendwie nach etwas, das süchtig macht.

Hugh Jackman als Betreiber eines solchen Reminiscence-Salons kann hier täglich den im Wasser dahintreibenden Nostalgikern über die Schulter blicken, um nicht ganz ohne voyeuristischer Tendenz an den Erinnerungen fremder Menschen teilzuhaben. Eines Tages allerdings betritt eine geheimnisvolle Schöne den Laden, um eigentlich nur ihre verlegten Schlüssel zu finden. Aus dieser Begegnung wird natürlich mehr, und Rebecca Ferguson und Hugh Jackman erleben bald die schönsten Stunden und Tage ihres Lebens – bis die Dame verschwindet. Jackman macht sich natürlich auf die Suche – sowohl in seinen Erinnerungen als auch im versunkenen Miami. Und entblättert ein Netz aus Erpressung, Täuschung und Gier.

Lisa Joy, ihres Zeichens mitverantwortlich für den Erfolg der Science-Fiction-Serie Westworld, bleibt mit Reminiscence – Die Erinnerung stirbt nie ihrem Genre treu, verliebt sich aber zugleich in den Stil des alten Film Noir, in welchem sich unter anderem Robert Mitchum, Humphrey Bogart oder Lauren Bacall in obskuren Schicksalen verstrickten. Diese Affinität zum gediegenen Edelkrimi ist Fluch und Segen für diesen Film zugleich. Warum? Einerseits findet Joy ein schillernd-hypnotisches Setting für ihren Liebes- und Leidensweg, mit verlassenen Vergnügungsparks und pittoresken Straßenzügen in Art Deco – andererseits nimmt sie mit ihrer artig zurechtgeschriebenen Kriminalgeschichte der schwülstig-schwülen Stimmungs-Dystopie sehr viel innovativen Esprit. Kurz gesagt: Reminiscence gerät rein narrativ zu einer recht altbackenen, fast schon regressiven Geheimniskrämerei, in der Hugh Jackman mal mehr, mal weniger gut aufspielt. Letzten Endes lässt einen die tragische, aber recht banal wirkende Liasion zwischen den beiden vom Schicksal gebeutelten Stars auch relativ kalt, während man wohl selbst lieber zwischen dem neuen Venedig Floridas herumschippern würde, um so manchen dem Verfall preisgegebenen Monumenten von früher zu begegnen. So ein Erlebnis bliebe sicher gut in Erinnerung.

Reminiscence – Die Erinnerung stirbt nie

The Rider

AUFS FALSCHE PFERD GESETZT

7/10


therider© 2018 Weltkino


LAND / JAHR: USA 2017

BUCH / REGIE: CHLOÉ ZHAO

CAST: BRADY JANDREAU, TIM JANDREAU, LILLY JANDREAU, CAT CLIFFORD, TERRI DAWN POURIER, LANE SCOTT U. A. 

LÄNGE: 1 STD 44 MIN


Wie heißt es im Volksmund doch so schön: Das Glück dieser Erde liegt auf dem Rücken der Pferde. Fällt man recht unglücklich von selbigem, muss man, sofern noch am Leben, das Glück woanders suchen. Ungefähr so ist es dem draufgängerischen Rodeo-Reiter Brady Blackburn ergangen, der, beim Sturz vom bockenden Warmblüter, vom Huf auf den Kopf getroffen wurde. Die Folge: Schädelbruch, Metallplatte, eine erschreckende Narbe verunstaltet das Haupt. Die Zeit heilt alle Wunden, denkt sich Brady, und irgendwann wird er das Glück im Sattel wieder genießen. Oder doch nicht? Die Ärzte bescheinigen anderes. Auch sein Vater sieht das skeptisch, die geistig beeinträchtigte Schwester will nur, dass es ihrem älteren Bruder gut geht. Das wiederum wäre nur durch das Reiten von Pferden gewährleistet. Bradys Leidenschaft schlechthin, ohne die ein Leben kaum denkbar wäre. Vor allem auch dann nicht, wenn die Erwartung guter Freunde unübersehbar bleibt und jeden Morgen der Hengst am Hang mit dem Zaunpfahl winkt.

Bemerkenswert an diesem Film ist vor allem der Umstand, dass dieser durchwegs mit Laiendaratellern besetzt ist, die allesamt mehr oder weniger sich selber spielen. Das, was hier geschildert wird, ist diesem Brady Blackburn (im echten Leben Brady Jandreau) tatsächlich passiert. Auch dessen Bruder im Geiste und bester Freund Lane Scott, im Film nach einem Rodeo-Sturz ein schwerer Pflegefall, ist es auch hinter der Kamera, allerdings aufgrund eines Autounfalls. Doch nichtsdestotrotz – Rodeoreiten ist ein Spiel mit dem Schicksal, im Grunde Drachenbändigen mit Pferden – eine Sache von Männern für Männer, und je härter und wilder der Ritt und je todessehnsüchtiger der Reiter, umso mehr ist ein Mann ein Mann. Dieses Cowboy-Ideal inmitten von Dakota, im tiefen wilden Westen sozusagen, beschwört ein ausgedientes und unzeitgemäßes Rollenbild zutage.

Brady Jandreau trägt diesen eigenen inneren Abgesang mit Fassung. Seine lakonische Art, seine weit schweifenden Blicke lassen in tough und unkaputtbar erscheinen. Diese ganze Landschaft, die den jungen Mann umgibt, kann gar nichts anders als Sehnsüchte wecken oder naive Träume schüren. Chloé Zhao, die heuer womöglich für Nomadland einen Oscar kassieren wird, hat diese Geschichte aus erster Hand selbst dramatisiert und einen sehr zurückhaltenden, eben lakonischen und nachdenklichen Film geschaffen, der von der grimmigen Wut des Wollens und Müssens erzählt. Und vom schwierigen wie schmerzhaften Prozess des Aufhörens. Dabei verliert sich Brady nicht in lebensüberdrüssiger Larmoyanz. Von vornherein ist klar, dass der Kelch nicht an ihm vorübergehen wird. Der Knackpunkt ist nur der, aus freien Stücken loszulassen, und nicht auf Druck der anderen. Gerade am Ende führt Zhao den wunderbaren Moment der Einsicht als schönstes Element des Films auf die Koppel und lässt dabei so manchen engen Vertrauten, von dem man nicht dachte, er würde zu so etwas fähig sein, als weisen Empathen erscheinen.

The Rider ist ein karger, introvertierter Film – langsam zur Ruhe kommend, reflektierend und in seiner Authentizität fast schon semidokumentarisch. Doch was heißt fast: Zhaos Film ist offensichtlich eine biographische Dokumentation über das Wagnis, mit einem undenkbaren Schicksal umzugehen.

The Rider

Portrait einer jungen Frau in Flammen

DAS BILDNIS DER EURYDIKE

7,5/10

 

jungefrauflammen© 2019 Filmladen

 

LAND: FRANKREICH 2019

REGIE: CÉLINE SCIAMMA

CAST: NOÉMIE MERLANT, ADÈLE HAENEL, VALERIA GOLINO U. A. 

 

Eine junge Frau müht sich die französische Steilküste hoch, mit Sack und Pack, und einer Holzkiste über den Schultern, die sie einfach nicht verlieren darf. Darin sind zwei Leinwände, denn Marianne, die junge Dame, ist Malerin. Das Anwesen, das sie besucht: weitab vom Trubel der Gesellschaft des 18. Jahrhunderts. Darin lebt eine italienische Gräfin, die das Hochzeitsbild ihrer Tochter anfertigen will, die aber eigentlich für ein Leben im Kloster bestimmt war, nun aber den Platz ihrer Schwester einnehmen muss, die den Freitod gewählt hat. Geheiratet muss trotzdem werden, diese Zwangsjacke ihrer Zeit muss sich die junge Héloïse überziehen, es hilft alles nichts. Dementsprechend ungern will sie gemalt werden, dementsprechend zurückgezogen lebt sie. Das Knifflige an der Sache: Künstlerin Marianne muss ein Bild anfertigen, ohne dass die gnädige Frau Modell sitzt. Ein Ding der Unmöglichkeit, es sei denn, Frau hat die Fähigkeit, sich das Gesicht der Zwangsverlobten einzuprägen und später nachzuzeichnen. Lässt sich jedes Detail des Konterfeis aus den Erinnerungen abrufen, dürfte der Auftrag kein Problem darstellen. Nur kommt es wie es kommen muss, die beiden jungen Frauen mögen einander, und das immer mehr. Während die Gräfin tagelang auf Ausgang ist, steht der körperlich-geistigen Annäherung nichts mehr im Wege. Maximal das lodernde Lagerfeuer eines Volksfestes.

Dieses lodernde Feuer, das ist längst nicht der einzige, sondern einer von vielen Symbolismen in dieser historischen Liebesgeschichte, die sich auf ihre prägnante Bildsprache verlässt. Zwar auch genug Worte findet, die Amour fou aber mit ikonischen, stilistisch leicht identifizierbaren Versatzstücken aus der Zeit der Frühromantik ausstattet. Maler Kaspar David Friedrich zum Beispiel findet sich in den Küstenbildern immer wieder. Gegen das strenge Interieur der herrschaftlichen Räume, stets in pastelligen Farben und getaucht in helles Licht, steht die ungestüme Natur des Windes, der Wellen und der Flammen. Emotion, innere Erregtheit, Leidenschaft und Sehnsucht, überbordende Gefühle. Regisseurin Céline Sciamma zwängt das raue Verhalten der Landschaft, die aus dem Filmformat herauswill, mit harten Schnitten in einen menschengemachten Zwinger der Zurückhaltung – dafür stehen die Räumlichkeiten, der Bilderrahmen, die eher unbeholfenen, zaghaften Versuche, Gefühle zu artikulieren.

Sciamma setzt in ihrem langsam erzählten, sachten Portrait aber in Sachen Metaphorik noch eines drauf: Sie verwebt ihr Portrait einer jungen Frau in Flammen mit den Mythen einer griechischen Sage – nämlich jener von Orpheus und Eurydike. Orpheus, der Dichter, Künstler und Musiker, der in die Unterwelt absteigt, um von Hades seine Geliebte Eurydike zurückzuholen. Zum Verhängnis wird diese legendäre und vielfach interpretierte, tieftraurige Geschichte durch die fatale Ungeduld des Herzens. Denn Hades, der gibt Eurydike frei – unter der Bedingung, das Orpheus sich auf dem Weg ins Diesseits kein einziges Mal nach seiner Geliebten, die hinter ihm hergeht, umdrehen darf. Natürlich tut er es. Doch: warum? Diese Frage steht auch bei Sciammas Film im Raum, und wird aus mehreren Blickwinkeln gesehen. Letzten Endes hättes es Eurydike sein können, die Orpheus dazu gebracht hat, sich umzudrehen, da sie ihr Schicksal akzeptiert hat. Das Bild ihrer Erinnerung gibt sie ihrem Geliebten mit auf den Weg. Die Exegese dieses Mythos ist ein weiteres Schlüsselthema im Portrait einer jungen Frau in Flammen. Es heißt aufmerksam bleiben, beobachten, denn dieser Film lebt von der drängenden Aufforderung, interpretiert und verstanden zu werden.

Das Portrait einer jungen Frau in Flammen, Gewinner der Goldenen Palme für das beste Screenplay, erinnert in ihrer Bildsprache und dem Verzicht von Musik und unnötigem Bombast an den Stil von Jessica Hausner. Sciammas Film ist haarklein und bedächtig aufgedröselt, hat keine Eile, auch wenn ich mir manchmal mehr Unmittelbarkeit gewünscht hätte, aber diese Eile macht die Filmemacherin mit der unorthodoxen Art, ihre Szenen zu verknüpfen, wieder wett. Das ist das Korsett, in dem beide stecken – Adéle Haenel als ein Engel in Ketten, als eine Art Geistwesen, die sich ihrer Bestimmung hingibt, wie Eurydike. Und Noémie Merlant (u. a. Der Himmel wird warten) als weltgewandtere Künstlerin, die wie Orpheus auf Sehnsucht und Erinnerung setzt. Erst am Ende erschließt sich das Spiel der visuellen Deutungen und Bedeutungen, und wenn Vivaldis Jahreszeiten erklingen, mit dem Blick auf Adéle Haenels bebenden Lippen, dann wird klar, das Sciammas zarter Liebesfilm eigentlich ein Vexierspiel mit den Erinnerungen an eine unmögliche Zukunft ist, mit denen sich gesellschaftlich untragbare Liebe damals wie vielerorts auch heute noch begnügen muss.

Portrait einer jungen Frau in Flammen

Star Wars Episode IX: Der Aufstieg Skywalkers

WER BIN ICH, UND WENN JA WIE VIELE?

8/10

 

null© 2019 Walt Disney

 

LAND: USA 2019

REGIE: J. J. ABRAMS

CAST: DAISY RIDLEY, JOHN BOYEGA, OSCAR ISAAC, ADAM DRIVER, IAN MCDIARMID, ANTHONY DANIELS, KENNY BAKER, RICHARD E. GRANT, DOMNHALL GLEESON, BILLY DE WILLIAMS, CARRIE FISHER, MARK HAMILL HARRISON FORD U. A. 

 

Abschiednehmen ist prinzipiell keine leichte Sache. Maximal dann, wenn das, was von einem geht, entbehrlich genug ist. Der angekündigte Abschied von etwas, das am Herzen liegt, möchte man so weit wie möglich von sich wegschieben. Dieses Kino- und Serienjahr 2019, das hat uns hinsichtlich diverser Abschiede wirklich nichts erspart, wohl wissend, wie emotional so was werden kann. Erst ist das Endgame der Avengers gespielt, dann hat sich Westeros ihrer Geißeln entledigt. Zwischendurch, wem es noch bei all dem Winken aufgefallen war, hat Sheldon Cooper mit seinem Nobelpreis  ebenfalls das Ende einer Ära gesetzt. Doch wenn man es genau nimmt – keine Ära währte je so lange wie die von Star Wars. Gut, da war jede Menge Leerlauf dazwischen, so sagen wir zwischen Episode VI und I rund 25 Jahre, und dann noch mal mehr als 10 Jahre. Star Wars hat aber schon seit jeher einen langen Atem gehabt, die Luft in diesen ereignislosen Dekaden anzuhalten war für diese Filmsphären tatsächlich kein Problem. Die Sith können das übrigens auch – für lange Zeit verschwinden, um dann wie aus heiterem Himmel aus irgendeinem Eck der Galaxis zuzuschlagen. Das haben sie schon immer getan. Wer die Darth Bane-Trilogie gelesen hat, der weiß, wie diese Taktik lange noch vor den Klonkriegen funktioniert hat. Aber da schweife ich ab, denn da spricht der Star Wars-Nerd aus mir, und ich will meine Rezension auch nicht die ganze Zeit durch den Hyperraum jagen. Ich möchte den diesjährig letzten Abschied von einem phänomenalen Kult auch als Film selbst und nicht nur als sozusagen Heilige Messe für Fans betrachten. Hätte George Lucas damals nicht alles auf eine Karte gesetzt und trotz Unkenrufen von überall her seinen Weltraumfilm nicht auf Schiene gebracht, wäre erstens Star Wars nicht entstanden und zweitens würde der ins neue Jahrtausend hinübergerettete Kult nicht all die Kinder von damals so dermaßen um sich scharen, als wären Pheromone im Spiel. Da muss nur der Name Skywalker oder Darth Vader fallen, schon verschwimmt der Blick. Um mit der neuen Trilogie, egal was sie vorgehabt hat, besser klarzukommen, ist es hilfreich, auch den peripheren Stoff der Comics und Bücher bis hin zu den animierten Serien ebenfalls, wenn auch nur rudimentär, zu kennen. Denn nur dann erschließen sich so richtig all die scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten und Details, die diese weit entfernte Galaxis jenseits des Kinosaals eigentlich noch ausmachen.

null

Mit Episode IX: Der Aufstieg Skywalkers bringt es J.J. Abrams nun zu einem vorläufigen Abschluss. So wie bei seinem Einstand zur letzten Trilogie 2015 orientiert sich das SciFi-Mastermind abermals an die Grundsätze von Star Wars, nämlich an der Kerntrilogie, und musste womöglich jede Sekunde daran denken, wie das, was er macht, wohl bei den Jüngern der Franchise ankommt. Das ist ein enormer Druck, den möchte ich nicht haben. Gut, dass Abrams dafür ein Budget ohne Ende zur Verfügung hat, und das so viele Professionisten aus allen künstlerischen Ecken des Filmemachens mit dabei waren. Allein war Abrams nicht. Allein sind seine Helden, die er in Szene setzt, auch nicht. Der Widerstand ist wie eine große Familie, und die neue Ordnung separiert sich intern in unterschiedliche Kulte, so wie der von Ren-Rittern, Leading Man Kylo. Doch abgesehen von religiösen oder politischen Gruppierungen – was bleibt dann noch? Wer ist man wirklich, und wenn ja, wie viele? Und wer gehört zu wem? In Episode IX geht es vor allem darum – um das Suchen nach Identitäten, um das Streben nach dem Ende einer Reise, um ein Nachhausekommen. Selbst das Böse sucht seinen Sinn. Und das ist in seinem eingesponnenen Richard-Wagner-Gigantismus von niemals dagewesener, erschreckend aggressiver Düsternis.

Geheimnisse um die Grundsockel dieser fiktiven Welt, die wollen gelöst werden. Dabei hat sich fast schon ein gordischer Knoten zusammenverheddert, denn schließlich müssen ja 8 Episoden unter einen Nenner gebracht und der Kreis geschlossen werden. Das mag viele zufriedenstellen, so, wie es letzten Endes aussieht. Aber vielleicht auch manche unrund zurücklassen. Ich für meinen Teil konnte mich einer erwartungserfüllenden Genugtuung nicht erwähren. Episode IX gibt dem Fan das, wonach er verlangt. Überrascht ihn manchmal, hetzt ihn vielleicht zwischendurch zu schnell und zu fahrig durch die lieb gewonnene Galaxis, wo es immer noch Planeten gibt, die er nicht kennt. Dasselbe gilt für Kreaturen, Städte und Raumschiffe und was weiß der Jedi sonst noch alles. Eine Leistungsschau wie am 1. Mai. Aber das war Avengers: Endgame auch. Und Game of Thrones. Noch mal alles hochfahren, was da ist -und bitte nichts vergessen! Einen solchen Brocken an Legende zu Ende zu bringen ist kein dankbarer Job. Salopp gesagt eine Dreckarbeit. Die Enden sind fast immer das Schwierigste. Die Mittelteile die besten, weil da noch alle Fäden offen sind und lose umherschwirren. Da geht noch alles, da kann man auch noch ordentlich Zynismus wagen. Das Ende aber muss gefällig sein, darf nicht vor den Kopf stoßen und sich auch nicht zu viel Frechheit erlauben. Muss garantiert noch einmal so richtig überraschen, bevor die Fäden alle gebündelt werden. Das schreit nach einem gestressten Kompromiss, der zur Ruhe finden muss. Auch Episode IX ist ein Kompromiss, ein durchgepeitschtes Finale Grande mit etlichen Cameos und im Grunde ganz viel von allem. Manchmal erinnert das Spektakel an die Atemlosigkeit eines Indiana Jones-Abenteuers, durchwegs aber versteht sich Episode IX: The Rise of Skywalker weniger als epische Superlative, sondern vielmehr als die größte Challenge eines zusammengewürfelten Haufens idealistischer und sinnsuchender Nerds, was sehr stark an die gelungene Animationsserie Star Wars Rebels erinnert. Natürlich aber kommt, was kommen muss. Und der eine kann nicht leben, während der andere überlebt. Kommt euch diese Prophezeiung bekannt vor? Könnte sein. Geschichte wiederholt sich einfach, immer wieder holt sich die Dualität in unserem Universum auf beiden Seiten auf ähnliche Weise ihre blutigen Nasen.

Völlig überrumpelt wird man also nicht sein. Angenehm berührt schon. Und irgendwie ist dieses Ende ein Farewell für Zwischendurch, irgendein Gefühl sagt mir: Das ist es nicht gewesen. Nicht in einer ganzen Galaxis. Und schon gar nicht, wenn Identitäten, die man gesucht hat, erst gefunden werden. Was könnte dann erst noch kommen? Ich sage mal: Warten wir´s ab. Lasst uns noch ein paar Minuten auf den vorläufig letzten Vorhang starren, mit den letzten Klängen von John Williams einzigartiger Musik im Ohr. Ein Seufzen, ein Erheben aus dem Kinosessel, leicht verdattert, aber frei von wehmütigem Fan-Hangover. Die Macht, so denke ich mir, wird letzten Endes immer mit uns sein.

Star Wars Episode IX: Der Aufstieg Skywalkers

Florence Foster Jenkins

MUSIK IST, WENN MAN TROTZDEM SINGT

6,5/10

 

fosterjenkins© 2016 Constantin Film / Quelle: hollywoodreporter.com

 

LAND: USA 2016

REGIE: STEPHEN FREARS

MIT MERYL STREEP, HUGH GRANT, SIMON HELBERG U. A.

 

Meryl Streep hat es nach Mamma Mia wieder getan. Sie hat sich abermals dem Gesang hingegeben. Doch diesmal nicht in blauer Latzhose und Lockenmähne, sondern in aufgerüschten Blusen und jeder Menge Schmuckbehang. Denn Meryl Streep – nach wie vor womöglich einer der besten amerikanischen Schauspielerinnen und in keinster Weise überbewertet – ist Madame Florence Foster Jenkins. Ihres Zeichens die wohl beliebteste schlechteste Sängerin, die jemals von sich Reden gemacht hat. Und tatsächlich gibt es eine einzige Schallplatte, die ihr „alternatives“ Gesangstalent für die Ewigkeit konserviert hat. Denn hat man es nicht gehört, kann man es kaum glauben.

Die leidenschaftliche, gutherzige und an Syphilis erkrankte Dame lebte und starb für die Musik. Nicht unbedingt zwingend für ihre, aber generell für den gespielten und gesungenen Ton, bevorzugt aus der Klassik. Was in Anbetracht ihres gesellschaftlichen Stands nicht außer Acht gelassen werden sollte, ist, dass Florence steinreich war. Ihr Musikverein zog Tonkünstler aller Klassen an. Alle wollten sie Geld. Unterstützung für ihr Projekt. Für das Ideal, die Idee, der großen Kunst. Da kann jemand wie die sozial engagierte, ältere Dame kaum widerstehen. Als Dankeschön, und um den musischen Goldesel bei Laune zu halten, winkt die Anerkennung für ihren Gesang, obwohl eben dieser grottenschlecht ist. Eine traurige, bittere Konstellation. Die heile Welt von Florence Foster Jenkins – zum Großteil eine Lüge. Diese Lüge und den Vertrauensmissbrauch eines zwar naiven, aber unendlich großherzigen Menschen hat schon Catherine Frot alias Madame Marguerite um ihre schiefen Töne gebracht. Die 2015 entstandene französische Produktion hat die Lebens- und Leidensgeschichte der Florence Foster Jenkins als lose Vorlage für ein ähnlich gestaltetes Drama hergenommen. Dieses ist mit Abstand zynischer, schwermütiger und beklemmender geworden. Ein sehenswerter Film, keine Frage.

Die ziemlich nah an Foster Jenkins´ Biografie angelehnte Verfilmung von Stephen Frears ist betulicher, liebevoller und versöhnlicher. Allerdings auch langatmiger. Frears hat das Jahrzehnt des großen Schaffens irgendwie hinter sich gelassen. Von der Intensität seiner Gefährlichen Liebschaften oder Hero ist kaum mehr etwas über. Seit The Queen mit Helen Mirren, der meines Erachtens völlig überbewertet wurde (nicht aber Helen Mirren´s schauspielerische Leistung), ist der irische Regisseur ein Garant für in sich stimmige, aber zähe Unterhaltung, die sich in stets flüchtigem Plauderton in die Länge zieht. Das ist teilweise auch bei Florence Foster Jenkins der Fall, obwohl es auch hier darstellerisch überhaupt nichts zu meckern gibt. Die Streep ist wie immer souverän und auf fast schon routinierte Weise grandios. Selbst Hugh Grant blüht in diesem kostüm- und requisitenorientierten Requiem auf eine Muse ohne Talent zur Höchstform auf und präsentiert den zweigleisig fahrenden Ehemann an Florences Seite als aufrichtige Altersrolle. Nicht zuletzt begeistert Big Bang-Ingenieur Simon Helberg als verschrobener, aber herzenstreuer Pianist an der Seite der Grand Dame mit skurril-sympathischen Momenten.

Florence Foster Jenkins ist Schauspielerkino mit leicht enervierenden Klangerlebnissen und einem Faible für Schmuck, Mode und Bühnenpräsenz. Ähnlich einer mittelmäßigen Oper, deren Arien in Erinnerung bleiben, die ausgesessenen Intermezzi aber, bis auf die Kulissen, klanglos verhallen.

Florence Foster Jenkins

Meine Cousine Rachel

BACK TO BLACK

6/10

 

rachel© 2017 20th Century Fox / Quelle: empireonline.com

 

LAND: GROSSBRITANNIEN, USA 2017

REGIE: ROGER MICHELL

MIT RACHEL WEISZ, SAM CLAFLIN, IAN GLEN U. A.

 

Irgendwann in den Neunziger Jahren hatte ich das Vergnügen, im Vienna´s English Theatre einer Bühnenadaption von Daphne Du Maurier´s Suspense-Klassiker My Cousin Rachel beizuwohnen. In gesittetem, verständlichem Englisch, vor uninspirierten, aber authentischen viktorianischen Kulissen. Natürlich habe ich nichts davon mehr in Erinnerung, nur dass ich relativ viel verstanden habe. Zumindest das Ende der Geschichte. Das kam mir dann wieder in den Sinn, als ich Roger Michell´s brandneue Verfilmung des 1951 entstandenen Romans zu sehen bekam. Du Maurier´s urbritische Landhaus-Mystery ist Inspirationsquelle und Vorbild für Regiemeister wie Alfred Hitchcock oder Robert Siodmak. Ihre nie ganz klar definierte Grenze zwischen Schein und Sein, Verdacht und Vertrauen erzeugt eine düstere Aura der Unbehaglichkeit und der auf Samtpfoten daherkommenden Paranoia hinter flackerndem Kerzenlicht.

Meine Cousine Rachel ist nicht nur ein leiser Thriller. Es finden sich Elemente aus dem Subgenre des Gothic-Grusels. Und überhaupt setzt der Notting Hill-Regisseur betont auf Ausstattung. Das Interieur des herrschaftlichen Sitzes in all seinen Details badet im natürlichen Licht der Jahreszeiten, das von außen durch die hohen Fenster bricht. Das wechselhafte Wetter betont die Dramatik, und nicht zuletzt der modische Trauerflor, welcher Namensvetterin Rachel Weisz stets umhüllt, lässt die Frau in Schwarz einerseits bedrohlich, andererseits verletzlich wirken. Gleichzeitig trauernd und sehnsüchtig, andererseits berechnend und abweisend. Rachel Weisz taucht ein in die irrlichternde Grauzone eines literarischen Charakters und führt den eben erst volljährig gewordenen Philipp scheinbar mit Leichtigkeit an der Nase herum. Durch ihr nuanciertes Spiel lässt sie sich kein einziges Mal in die Karten sehen und lässt nicht nur ihren Verehrer vor all diesen widersprüchlichen, nonverbalen oder missverständlich ausgesprochenen Botschaften schier verzweifeln.

Bis allerdings die erste Tasse Tee gereicht wird – und Kenner der Vorlage wissen, was es damit auf sich hat – braucht das Liebes- und Heucheldrama zuerst mal ganz viel Anlauf, um in die Gänge zu kommen. Erst mit dem zu lang erwarteten Auftritt der mysteriösen Schönen in Schwarz kommt es zu einigen knisternden Momenten und die Gedanken des Zusehers bleiben beim Film. Michell´s Rachel hat Ausstrahlung, enorme Ausstrahlung. Niemals vulgär, immer bedacht und von einer versteckten Erotik, die manipulativ wirkt. Oder ist das nur die Sicht des armen Philipp?

War sie es oder war sie es nicht? Wer Rachel wirklich war, werden wir nie erfahren. Sam Claflin, der hier überzeugend agiert, legt seiner großen Liebe fast schon ein Königreich zu Füßen – und wird seine Zweifel an diesem einen Herbst der Leidenschaft, die Leiden schafft, selbst mit ins Grab nehmen müssen.

Meine Cousine Rachel

Die Schöne und das Biest (2014)

DIE MIT DEM WOLF TANZT

* * * * * * * * * *

schönebiest

Wenn es nach den Vereinigten Staaten ginge, dann könnte man getrost auf die internationale Filmwelt verzichten. Ausnahmen würden die Regel bestätigen, vielleicht würde noch Australien oder Großbritannien einfach aufgrund ihrer gemeinsamen Muttersprache mit ins rettende Boot geholt werden – denn alles, was fremdsprachig ist, hat in Übersee – wie sagt man bei uns so schön – einfach kein Leiberl. Zumindest nicht aus wirtschaftlicher Sicht. Denn auf der großen Leinwand Untertitel lesen will dort keiner, und Synchronstudios gibt es dort auch nicht, jedenfalls nicht für fremdsprachige Filme. Für Animationsfilme sehr wohl – Manfred Lehmann, Christian Brückner, Peter Matic und all den anderen Schauspielern sei hierzulande gedankt, dass sie zum Mikro greifen und uns barriereloses Filmvergnügen ermöglichen. Was bleibt also den USA übrig, um sich von Filmen, die sich anderswo phänomenal gut verkaufen, aber nichts mit Englisch am Hut haben, ein Stückchen abzuschneiden? Richtig, sie müssen es nachverfilmen. Selber Stoff, selbe Charaktere, fast schon kopiert. Daher all die ganzen Remakes, deren Sinnhaftigkeit in Europa keiner versteht. Die Produktionsfirmen aus Hollywood wollen mitverdienen – und zahlen vorab schon mal genug Geld, um die Rechte zu kassieren und dann das Einspiel bereits als gemähte Wiese anzusehen. Denn erprobt ist das Rezept ja schon.

Demnach ist die eben im Kino angelaufene Realverfilmung des romantischen französischen Märchens aus dem Rokoko eine im Grunde genommen genauso redundante Produktion, hat doch Pakt der Wölfe-Regisseur Christophe Gans bereits 2014 die Geschichte rund um die schöne Händlerstochter, die mit dem Wolf tanzt, formschön, opulent und knisternd ins Szene gesetzt. Ganz so, wie man es von einem Märchen erwartet, das eine alte Geschichte erzählt und mit neuesten technischen Mitteln eine Wunderwelt illustriert, die fast schon an Tim Burton´s Alice im Wunderland erinnert. Aber nur fast, da ist noch ein gutes Stückchen französisches Kolorit versteckt, allein schon aufgrund der erlesenen Besetzung, angefangen von der hinreißend sinnlichen Lea Seydoux über André Dussolier bis hin zu Vincent Cassel, der auch mal keinen sinistren Macho spielen kann, sondern einen geläuterten Prinzen, dem das Unglück und der Fluch, der sein Reich heimgesucht hat, auf seinen vorerst pelzigen Schultern lastet. Und wer genau hinsieht, kann die deutsche Sängerin Yvonne Catterfeld entdecken – als aparte Schönheit in den erzählerischen Rückblenden rund um die goldene Hirschkuh. Christophe Gans lässt nichts aus – behutsam und detailverliebt nähert er sich dem mehrere hundert Jahre alten Stoff, bereinigt ihn von all den verniedlichenden Disney-Elementen und findet zielsicher in das Grimm’sche Zeitalter des Märchenerzählens zurück, das sich vorwiegend in der kulturellen Epoche der Romantik wiedergefunden hat. Genauso ist Die Schöne und das Biest geworden – mit verwunschenen Schlössern, verzauberten Lichtungen im Wald, jeder Menge Rosen und fluchbefreiender Küsse. Und selbst wenn die Dancing Stars Seydoux und Cassel das königliche Parkett erobern, verkommt dies nicht, wie bei Musicals so oft, zum Selbstzweck, sondern bleibt Teil der Erzählung. Ach ja, Musical – diese Verfilmung hier hat mit dem Genre der singenden Emotionen nichts zu tun. Disney´s Zeichentrickfilm aus dem Jahr 1994 hingegen schon – und die Realverfilmung desselbigen mit Emma Watson nimmt sich da nicht aus. Doch mir als verhaltener Liebhaber des filmischen Musiktheaters ist die greifbarere französische Version, die sich in den USA womöglich keiner angesehen hat, lieber. Klar, gegen Ende übertreibt Christophe Gans seinen Mut zum visuellen Blockbusterkino für Europäer, aber solange es gut gemacht ist, freut man sich, wenn gigantische Steinfiguren den Bösewichtern nach dem Leben trachten. Das hat was von High Fantasy, wohingegen quasselnde Kerzenleuchter und Uhren aus der Mickey-Fraktion eher zu den Fieberträumen eines Antiquitätenhändlers passen.

La Belle et La bete – wie es im Original heißt – ist gut besetztes, aufwändiges Märchenkino für Nostalgiker, Romantiker und Freunde europäischen Kinos. Und ein Beweis mehr, dass es auch ohne Hollywood gehen kann. Aber diesen braucht die Filmwelt Frankreichs ohnehin nicht.

Die Schöne und das Biest (2014)

Madame Marguerite oder die Kunst der schiefen Töne

DAS TROUBADIX-SYNDROM

* * * * * * * * * * 

marguerite

„Nein, du wirst nicht singen! Nein du wirst nicht singen!“ Und schon bekommt der Barde des kleinen, uns wohlbekannten gallischen Dorfes mit dem Schmiedehammer einen Scheitel gezogen. Bei der Darstellung eben jener Sachverhältnisse handelt es sich, wie wir alle wissen, um den gänzlich verkannten Barden Troubadix aus den Comics über Asterix und seine Freunde, meisterhaft gezeichnet und ersonnen von Rene Coscinny und Albert Uderzo. Seine Gesangsqualitäten sind für jedermann ein Graus, Troubadix selbst jedoch hat an seinem Talent nichts zu meckern. Viel mehr noch, er hält sich für ein verkanntes Genie.

Ungefähr so oder ähnlich ergeht es Madame Marguerite. Mit dem einzigen Unterschied, dass ihr Publikum keine offenherzig ehrlichen Banausen sind, sondern Lügner und Schwindler. Warum? Nun, weil Madame Marguerite enorm wohlhabend ist, und für wohltätige Zwecke sehr oft und sehr gerne die Spendierhosen an hat. Und eine Kuh, die man melken kann, wird man doch nicht vergrämen?

Lose basierend auf den tatsächlichen Fall der Florence Foster Jenkins, einer amerikanischen Sopranistin, die weder Ton noch Rhythmus traf und mit ihren seltenen, aber skurrilen Konzerten als akustische Freakshow durchaus für volle Hallen sorgte (aktuell im Kino mit Meryl Streep in der Hauptrolle), erzählt die französische Tragikomödie von einem leidenschaftlichen Opernfan, der geradezu obsessiv sein Leben dem Gesang widmet. Und das nicht nur als Zuhörer, sondern auch als Interpret. Das Fatale und Traurige an der eher schwermütigen als leichtfüßigen Geschichte ist der Verrat der Gesellschaft an ihrer Person. Das beginnt beim Butler, der die Verrücktheit der verblendeten Frau fotografisch dokumentiert, um selbst berühmt zu werden. Und endet beim eigenen Ehemann, der sogar noch fremdgeht, da er seine Gemahlin für ein Monster hält. Gerade kommt mir David Lynchs Der Elefantenmensch in den Sinn. Nur Madame Marguerite, souverän und sensibel verkörpert von „Odette Toulemonde“ Catherine Frot, ist alles andere als hässlich. In diesem Fall ist ihr Gesang die abscheuliche Mutation, die alle anderen für sich ausnützen. So bleibt Madame in dem hochgerüsteten Elfenbeinturm gefangen, den ihre Mitmenschen um sie erbaut haben. Und verliert die Fähigkeit der Selbstreflexion.

Irgendwie ist Xavier Giannolis Film eine Parabel auf den Preis, den versponnene, zerbrechliche Seelen zahlen müssen, wenn sie von der Öffentlichkeit hochgeschaukelt werden. Zu welchem Zweck auch immer, doch meistens ist es Geld und die Gier nach eigenem Ruhm. Somit ist das mit expressivem Theaterlicht und üppigem Interieur ausgestattete Drama ein beklemmender Kreuzweg, der radikal endet. Und keine gute Stimmung hinterlässt. Die Welt kann auch auf andere Art eine Illusion sein. Nämlich im falschen Feedback der anderen. So sehr die Aufrichtigkeit unserer Umwelt oftmals wehtun kann, so reinigend wäre sie manchmal. Diesen Gefallen hat man Madame Marguerite leider nicht getan.

 

Madame Marguerite oder die Kunst der schiefen Töne