Der Moment der Wahrheit

EIN KNÜLLER UM JEDEN PREIS

7,5/10

 

momentderwahrheit© 2015 SquareOne/Universum Film

 

LAND: USA, AUSTRALIEN 2015

REGIE: JAMES VANDERBILT

CAST: CATE BLANCHETT, ROBERT REDFORD, STACY KEACH, DENNIS QUAID, TOPHER GRACE, BRUCE GREENWOOD U. A.

 

Was ist Wahrheit? Das hat schon vor mehr als 2000 Jahren ein römischer Statthalter gefragt. Und das fragen sich Journalisten seit Anbeginn ihrer Zunft: Wem oder was genau jage ich nach? Die Wahrheit – das ist etwas, das ans Licht kommen muss, wie auch immer. Der Nazarener ist die Antwort auf die Frage schuldig geblieben. Jene, die gegenwärtig für Aufklärung unter uns Otto Normalverbrauchern sorgen, bemühen sich aber, sie zu beantworten. Und beschaffen sich diese mit teils unlauteren Mitteln, verheimlichen Quellen, um diese zu schützen. Kommen dann mit der Wahrheit ans Licht, wenn die Umstände es verlangen. Jüngstes Beispiel: Ibiza. Die Art und Weise, wie Gesagtes in kürzester Zeit zum meinungspolitischen Zitatenschatz wurde, ist selbstredend eine zweifelhafte. Wenn aber das prognostizierte öffentliche Interesse größer ist als das Vergehen bei der Wahl der Mittel, tritt letzteres in den Hintergrund. Vorausgesetzt, das, was diese Mittel ans Tageslicht befördern, ist authentisch genug, um keine Zweifel an der Wahrheit zu schüren. Das scheint den Pseudo-Oligarchen wohl gelungen zu sein, denn jene Medien, die Mitte Mai die Bombe haben platzen lassen, konnten sich, nach sorgfältiger Prüfung, auch beruhigt zurücklehnen, um die Dinge ihren Lauf nehmen zu lassen. Anderen wiederum war das heiße Eisen wohl zu heiß. Nicht dass sie es nicht angepackt hätten. Doch heißes Eisen kühlt rasch aus, brennt in der Hand, hinterlässt Wunden. Zu früh fallengelassen ist jedenfalls nicht probiert. Allerdings aber auch nicht zu Ende gedacht.

Diese anderen, das waren die Journalistinnen und Journalisten einer renommierten Nachrichtensendung bei CBS. Für die investigative Reporterin Mary Mapes, die mit ihrem Bericht über die Foltermethoden im irakischen Gefängnis Abu Grab 2004 für Aufsehen sorgte, nahmen mutmaßliche Hinweise schön langsam Gestalt an. Und: sie könnten Einfluss haben auf die bevorstehende Wiederwahl von Präsident Goerge W. Bush. Diese Hinweise deuten an, dass der politisch stets mit der Tür ins Haus fallende Texaner Anfang der 70er Jahre gezielt vom Militäreinsatz in Vietnam abgezogen wurde. Besser noch – Bush wurde der Nationalgarde unterstellt, unter Protektion wohlgemerkt. Konsequentes Nichtwahrnehmen seiner Pflicht wurde unter den Teppich gekehrt. einer wie Bush, der musste, wie es aussieht, schon damals so gut wie gar nichts. Die Frage: stimmt das? Ist das die Wahrheit? Zwei Memos belegen das – sofern sie echt sind. Eigentlich egal, raus damit, wenn die Quellen sich schon sicher sind, was braucht es da noch für Überprüfungen. Ein fahrlässiger Fehler, wie sich bald herausstellen wird. Und ein Skandal, der plötzlich weite Kreise zieht, sogar alteingesessene Hasen wie Dan Rather (eine Art US-Armin Wolf) mit sich reißt und die berufliche Existenz so mancher gutmeinender Journalisten zerstört.

Der Moment der Wahrheit ist mit Robert Redford, Cate Blanchett und „Mike Hammer“ Stacy Keach schon mal prominent besetzt. James Vanderbilt hat ein Journalismus- und Mediendrama inszeniert, dass die Qualitäten eines Adam McKay erreicht. Wohl überlegt, nicht überhastet und geduldig rollt der Film eine Chronik der Tatsachen auf, die zwar jedweden Sarkasmus vermissen lassen, aber mit den Fakten alleine schon, und wenn sie auch noch so detailliert in die dramatisierte Version eines Skandals gestreut sind, zu fesseln weiß. Mag es nur ein hochgestelltes th sein, über das sich kritische Stimmen äußern. Mag es nur die Möglichkeit sein, die im Raum steht, dass besagte Beweislast politisch schöngefärbt ist – in diesem klugen Drama bekommt der Ehrenkodex des Journalismus fundamentzerstörerische Risse. Was darf man, was soll man, und wofür – stellt sich die Frage. Schlampigkeit ist fehl am Platz, Meinungsmache auch – und politische Mission sowieso. Aber wo ist die Grenze gezogen? Was ist richtig und was falsch? Zurückkommend auf Ibiza: in einem Moment der polemischen Euphorie bezeichnet unser Ex-Vizekanzler „Journalisten als die größten Huren unseres Planeten“. Mary Mapes und ihr Team wurden ähnlich beschimpft. In Der Moment der Wahrheit ist die Suche nah selbiger das Ziehen der Arschkarte, ist der Übereifer, dem Rest der Welt keine Tatsachen schuldig zu bleiben, das anscheinend Niederträchtigste, was es gibt. Allerdings – der Wille zum nächsten Knüller trägt die rosarote Brille des medialen Jagdinstinkts. Vanderbilt erzählt anhand dieses Beispiels von schwerwiegenden Fehlern, Gesichtsverlust und dem Ringen um Anstand. Blanchett gibt die verzweifelte, leidenschaftliche und unter Hochspannung stehende Reporterin gewohnt glaubwürdig, Redford an ihrer Seite gibt den letzten Schliff. In brisanten Zeiten wie diesen, wo Beeinflussung, (Neu)wahlkampf und politische Grabenkämpfe alles sind, ist die moralische Frage des journalistischen Auftrags dringender denn je. Dieser Film stellt sie, ohne Antworten finden zu wollen. Ohne ein Resümee zu ziehen. Dieses bleibt nämlich uns Sehern – und Wählern überlassen.

Der Moment der Wahrheit

45 Years

DIE FRAU VON FRÜHER

4/10

 

45years© 2015 Filmladen

 

LAND: GROSSBRITANNIEN 2015

REGIE: ANDREW HAIGH

CAST: CHARLOTTE RAMPLING, TOM COURTENAY U. A.

 

Charlotte Rampling geht mit dem Hund spazieren – und es ist eine herbstliche Welt, in der sie es tut. Kalt und grau ist es, man atmet klare Luft, das Denken zieht so seine Bahnen. Dieser Herbst, der hat sich auch in eine Beziehung eingeschlichen, die schon mehr als 40 Jahre währt – genauer gesagt 45, aber das lässt sich ohnehin aus dem Titel ablesen. Mit 40 hätte ein großes Fest stattfinden sollen, eine Erneuerung des Eheversprechens, doch dazu kam es nicht, wahrscheinlich aus Krankheitsgründen. Ein zweiter Anlauf also – mit 45 auf der ehelichen Habenseite ist man sowieso noch nicht viel weiser als mit 40, somit macht das keinen Unterschied mehr. Was einen Unterschied macht, das ist ein Brief aus der Schweiz. Denn Gatte Jeff, der verlor vor einem halben Jahrhundert die Liebe seines Lebens, bei einer Bergtour durchs Gebirge. Ein Unfall, tragisch und traumatisch – die Leiche wurde nie gefunden. Bis jetzt. Und mit dem Finden derselbigen schleicht sich plötzlich ein Gedanke ein, der sich so egozentrisch, herbeigeholt und abstrakt anfühlt, dass es fast unmöglich scheint, daraus einen Film zu machen.

Der Film wurde gemacht, vom Briten Andrew Haigh, und widmet sich nichts anderem als den Was-wäre-wenn-Gedanken einer älteren Dame, deren Komplex, das Opfer einer möglichen zweiten Damenwahl zu sein, den ganzen Spaß am entspannten Herbst des Lebens nimmt. Da frage ich mich nicht nur einmal im Film: Was genau ist Filmcharakter Kates Problem? Dass ihr Mann ein Leben vor ihr hatte? Dass die Gespräche abends im Bett ausnahmsweise mal von der Vergangenheit handeln? Von der ersten großen Liebe? Ehrlich gefragt – wer hat schon seine erste große Liebe letzten Endes wirklich gehelicht? Oder wähnt sich immer noch in trauter Zweisamkeit mit einer Liebe, deren Flamme so lodert wie am ersten Tag? In den seltensten Fällen. Wenn doch, dann Hut ab. Realistisch betrachtet kann ich es kaum glauben. Denn Liebe ist etwas, dass sich stetig wandelt, und niemals so bleibt wie am ersten Tag. Dauerhafte Liebe, das ist ein nachhaltiger, inniger Zustand einer sich längst bewährten Zuneigung, die gar nicht viele Worte braucht. Das ist Geborgenheit, Sicherheit, ein Aufeinander-Verlassen. Diese Liebe, die Jeff damals wohl empfunden hatte, war anders. Eine dieser ungestümen Erfahrungen, ein Durchbrennen – von kurzer Dauer, intensiv und wunderschön, keine Frage. Aus damaliger Sicht: die Liebe des Lebens. Aus der Zeit und dem damaligen Kontext gerissen etwas, dass rückblickend gar nicht mehr beurteilt werden kann. Hätte diese Liebe gehalten, wäre Katya, so hieß das Mädchen, damals nicht verunglückt? Wer weiß, das sind Spekulationen, Hypothesen, irrlichternde Gedanken, die keinen Halt besitzen. Für Charlotte Rampling als eine im Ego gekränkte Ehefrau sehr wohl. Und das nach 40 Jahren? Wo ist das Vertrauen hin?

Das Stigma, nur die zweite Wahl gewesen zu sein, lässt Ursache und Wirkung, lässt die sich verändernden Zeiten und das Weiterentwickeln einer längst vertrauten Person ziemlich außen vor, ignoriert es sogar. Zweite Wahl wäre es gewesen, hätte Jeff beide Frauen zur gleichen Zeit gekannt. Doch dem war nicht so. Gattin Kate kann den Unterschied nicht erkennen, ist zu sehr mit sich selbst beschäftigt – und dadurch überraschend unsympathisch. Wäre ich Gatte Jeff, würde ich mich gekränkter fühlen als umgekehrt. Denn Misstrauen und Eifersucht wiegt schwerer als das Bejammern einer verschütteten Milch, die wohl süßer war als jede andere, aber nicht zwingend wohlschmeckender.

45 Years ist ein betuliches, stilles, kleines Kammerspiel, vorwiegend ein Zwei-Personenstück, das schauspielerisch tadellos funktioniert. Jedoch ist mir selten ein Film wie dieser untergekommen, dessen Prämisse sich mir so querlegt wie hier. Und eigentlich nichts erzählt, was auch nur irgendwie bereichert. Vielleicht ist das Drama bewusst so ausgelegt, aber das scheint mir dann doch nicht so gewollt.

45 Years

Macbeth (2015)

IM NEBEL DER DICHTUNG

6/10

 

macbeth© 2015 Studiocanal

 

LAND: GROSSBRITANNIEN 2015

REGIE: JUSTIN KURZEL

CAST: MICHAEL FASSBENDER, MARION COTILLARD, DAVID THEWLIS, PADDY CONSIDINE, JACK REYNOR U. A.

 

So eine Witterung ist gut für die Nebenhöhlen. Morgens raus auf auf die baumlosen Ebenen des schottischen Hochlands und den dichten Bodennebel mal so richtig durchziehen lassen. Obendrein ist Feuchtigkeit auch noch gut für die Haut. Wenn man da nicht auch noch gleich in eine Schlacht verwickelt werden müsste, die Heerführer Macbeth gegen die Widersacher des schottischen Königs Duncan auszutragen hat. Da gibt die feuchtkalte Luft auch optisch einiges her, vor allem, wenn das Licht im flachen Winkel auf die in Superzeitlupe heranstürmenden Schotten trifft. Bei so viel Grazie von Mord und Totschlag fangen Anhänger der LARP-Gemeinschaft (Live Act Role Play) womöglich das Träumen an. Das ist in Szene gesetztes Mittelalter, da reicht die hauseigene Digicam, sofern man die Schlachten nachstellen will, auch nicht mehr aus. All die schmerzverzerrten Gesichter wie aus der Zeit gefallene Fotografien, fast schon bis zum Stillstand verlangsamte Leiber im diffusen Dampf, gestaffelt bis zur erahnbaren Spukerscheinung, ganz vorne der Hauptakteur dieses blutgetränkten Dramas, welches keine andere Tragödie sein kann als die des Usurpators Macbeth, auf immer verewigt von William Shakespeare. In der Hand das Schwert. Diese Waffe aus Stahl, die ist längst mehr als nur ein Werkzeug, um zu töten. Das wissen wir seit Excalibur. Seit Balmung. Seit Bilbo´s Stich. Wenn die Klinge im feuchten Boden steckt, leicht vibrierend, dann ist etwas Weltbewegendes passiert. Solche Szenen, die sind ikonisch und eignen sich bestens für ein Theater wie dieses.

Justin Kurzel, der sich später in ähnlich vergeistigter Manier an die Videospielverfilmung Assassins Creed herangewagt hat und für manche zu oft Stimmung mit packender Geschichte verwechselt hat, erarbeitete sich den Beweis seines Könnens mit einem zentnerschweren Brocken Literaturgeschichte. Macbeth inszeniert und spielt man einfach nicht nur so. Das will ins richtige Licht gerückt werden. Und am besten noch in den originalen Versen eines Shakespeare erzählt werden. Da passt die sphärische Bilderflut in den gestreuten Farben des Fegefeuers natürlich bestens dazu. Und Macbeth kann noch so klassisch und unkritisierbar sein – es ist die Geschichte eines von vielen Tyrannen, die sich an die Macht intrigiert und getötet haben, in wütender Barbarei geherrscht und dann schmählich untergegangen sind. Die blutige Tragödie aus dem sehr frühen 17. Jahrhundert lebt natürlich in erster Linie zumindest gegenwärtig von den wohlklingend ausformulierten Worthülsen, die die Chronik einer finsteren Regentschaft in eine atemberaubende Sprache kleiden. Das todessehnsüchtige Intrigenspiel als solches ist aber in Zeiten detailverliebter Mittelalterdystopien wie Game of Thrones zwar nach wie vor ein dankenswerter Einstand, auf den Filmemacher und Romanschreiber respektvoll zurückblicken – in Anbetracht der Erwartungshaltung der Genre-Fans bleibt Macbeth grob umrissen, auf die Eckpfeiler der Historie reduziert und viel zu getragen, um emotional mitzureißen. Da macht es auch keinen großen Unterschied, ob das Königsdrama rein fiktiv oder historisch fundiert ist. Das mag für eingefleischte Schotten vielleicht relevant sein, für alle anderen ist das Schicksal von König Macbeth und seiner besseren Hälfte, die Lady selbigen Namens, ungefähr genauso fern wie Westeros.

Dennoch beschert uns Regisseur Kurzel einen wuchtigen Augenschmaus zwischen Schattentheater, flackerndem Kerzenlicht und feuchtkalter Ödnis – Szenerien, die die Möglichkeiten einer Theaterbühne geschickt erweitern (es sei denn, wir haben es mit Bühnen wie jener des Wiener Burgtheaters zu tun, die eigentlich fast schon alles kann). Michael Fassbender in Kriegsbemalung und als gekröntes Haupt ist vielleicht nicht die absolut ideale Wahl für so ein irrsinniges Machtmonster wie Macbeth, da fehlt mir dann doch der Wahn des Alleinherrschers, dafür ist Fassbender zu folgsam und zu sehr verliebt in seine Verse, die er da sprechen muss. Das kann bei Schauspielern, die Shakespeare über alles stellen, relativ leicht passieren. Marion Cottilard hingegen ist erwartungsgemäß entrückt wie es die Rolle auch vorschreibt, ihr Zwiegespräch mit dem verstorbenen Nachwuchs ein schauderhaftes Highlight.

Macbeth ist also nicht ganz die unvergessliche Interpretation des Barock-Dichters mit Halskrause, wobei Sir William wohl zufrieden wäre mit all den Tänzen aus Licht und Schatten, die seine Worte zweifelsohne effektiv verstärken.

Macbeth (2015)

Die fast perfekte Welt der Pauline

WÄHREND DU SCHLIEFST

6/10

 

pauline© 2015 Neue Visionen Filmverleih

 

LAND: FRANKREICH 2015

REGIE: MARIE BELHOMME

MIT ISABELLE CARRÈ, CARMEN MAURA, PHILIPPE REBBOT U. A.

 

Das Leben könnte bei Weitem schlechter sein. Aber auch um einiges besser. Die schusselige Musikerin Pauline organisiert Kindergeburtstage und tritt als wandelndes Obst als Showeinlage in Seniorenrunden auf. Der Applaus ist enden wollend. Pauline macht sich immer mal wieder zum Deppen. Und muss für manchen durchwachsenen Auftritt kreuz und quer durchs Land fahren. Bei einem dieser zeitknappen Kundenbesuche passiert auf dem Weg zu einem Termin ein Missgeschick – das Ergebnis grobmotorischer Hektik, unabsichtlich natürlich. Da fragt frau nach dem Weg, und schon landet ein Wildfremder in der Baugrube. Kein guter Tag, und auch die folgenden Tage sind entbehrlich – das schlechte Gewissen nistet sich bei Pauline ein. Es führt kein Weg daran vorbei, für Klarheit über das Schicksal dieses wildfremden Mannes zu sorgen und die Schuld des Unglücks zu tilgen.

Die Ausgangssituation kommt mir bekannt vor. Sehr bekannt. Da gab es doch mal einen ähnlichen Film mit Sandra Bullock und Bill Pullman. Nur hat Sandra Bullock ihren Schwarm nicht auf die Gleise gestoßen. Der bildhübsche Businessman bricht am Bahnsteig ganz von alleine zusammen. Und liegt fortan im Koma. Genauso wie Paulines Pechvogel. Der schläft vor sich hin, und während er schläft, übernimmt die unsichere Lebenskünstlerin die Agenden des Unbekannten – bis hin zur Betreuung seines Sohnes. Und bis zum erlogenen Outing als falsche Freundin. Ja, das war bei Während du schliefst von Jon Turteltaub wiederum ziemlich ähnlich. Dennoch ist Die fast perfekte Welt der Pauline wiedermal eine romantische Komödie mit dem typisch selbstironischen, verspielten französischen Kolorit, das französische Komödien so unverwechselbar macht. 

Allerdings geht Der perfekten Welt der Pauline immer mal wieder die Puste aus. Ja natürlich, Regisseurin Marie Belhomme hat den Film mit frühlingshafter Leichtigkeit inszeniert. Doch manchmal zu leicht, zu verträumt – da lässt sich die primäre Ursache dafür zweifelsohne bei Hauptdarstellerin Isabelle Carré entdecken. Ihre Pauline scheint auf Wolken zu tanzen – nie ganz bei der Sache, immer gutgläubig, schwer naiv und mit zielsicherem Fokus auf Fettnäpfchen. Das Leben im Griff hat die blonde Einzelgängerin wohl wirklich nicht. Muss sie aber auch nicht. Sonderlinge haben was Sympathisches, geradezu Tröstendes. Gut, zu sehen, das anderen nicht auch immer alles gelingt. Und gut zu sehen, dass andere durch ihre verquere Art zu leben manche Details wahrnehmen, die der gesellschaftlichen Norm verborgen bleiben. Doch so tief will Die fast perfekte Welt der Pauline gar nicht gehen. Belhomme will leise unterhalten – so plätschert ihr Film unaufgeregt und eher zaghaft wie Pauline selbst vor sich hin, wie eine sanfte Streicheleinheit, die plötzlich vorbei ist und man merkt es gar nicht. Weil das Einkuscheln auf der Couch oder im Kinosaal aufgrund der gefälligen Stimmung alleine schon reicht.

Die fast perfekte Welt der Pauline

El Olivo – Der Olivenbaum

EINEN BAUM AUFSTELLEN

8/10

 

olivo

SPANIEN 2015
REGIE: ICÍAR BOLLAÍN
MIT ANNA CASTILLO, JAVIER GUTIÉRREZ, PEP AMBRÒS

 

Ein Jahrtausende alter Olivenbaum, dessen knorriger Stamm an ein schreiendes Gesicht erinnert. Der Ausverkauf beständiger Werte. Und ein alter Mann, der lange schon nicht mehr spricht. Selten hat das europäische Kino in den letzten Jahren so unmissverständliche Akzente gesetzt – in einer berührenden Allegorie über die Globalisierung Europas und den Verrat an der familiären Biografie. Die spanische Regisseurin Icíar Bollaín, die schon 2010 über den Identitätsverlust der bolivianischen Urbevölkerung in dem beklemmenden Drama Und dann der Regen philosophiert hat, setzt nun alle Hebel ihrer Erzählkunst in ihrem eigenen Land in Bewegung – in Spanien. Ganz im Zentrum steht nicht nur das Objekt der Beständigkeit – der alte Baum – sondern ein junges Mädchen namens Alma. Sie ist die Enkelin des schweigenden alten Mannes, eines ehemaligen Olivenbauern. Beide haben eine innige Bindung zu diesem Baum. Zwei Generationen, Vergangenheit und Zukunft. Die Gegenwart aber, das Hier und Jetzt, sieht in der bizarren Olive lediglich verschenktes, monetäres Potenzial. Der Baum wird verkauft, zum Leidwesen des Vaters, und zum Leidwesen der Tochter. Und wofür? Für ein Restaurant am Strand, das kurze Zeit später bankrottgeht. Manipuliert, ungefragt und hintergangen, kennt der alte Mann seine Familie fortan nicht mehr – mit Ausnahme der rebellischen Alma. Sie ist es auch, die alles daransetzt, den Baum zurückzuholen – der jetzt in der Aula eines Energiekonzerns, inmitten von Glas und Stahl seine kleinen Blätter künstlichem Licht entgegenstreckt. Alma ist im Herzen eine Aktivistin. Das Wohlergehen ihres Großvaters setzt sie über allem. Und wenn es sein muss, werden selbst die besten Freunde mit Halblügen dazu motiviert, die Seele ihrer Kindheit, ihres Lebensmenschen und ihrer ureigenen Welt zurückzuholen.

El Olivo ist ein wunderbarer, charmant erzählter und energischer Appell, sich selbst, seiner Geschichte und seinen Werten treu zu bleiben. Dabei geht es weniger um traditionelle, nationale Werte. So könnte man den Film natürlich auch sehen – als ein Blut und Boden-Gleichnis mit dem Aufruf dazu, nationale Identität zu bewahren und bei Verlust notfalls darum zu kämpfen. Aber ich denke, dieses Nationalbewusstsein ist nicht Basis der Rebellion, die hier beschrieben wird. Es ist der Wert der eigenen Geschichte, der Quell der eigenen Kraft und des eigenen Lebens. Dass die Macht europäischer Konzerne die Bedürfnisse des Einzelnen mit Füßen tritt und dort verlockt, wo das Geld knapp ist, ist das eine Drama des Films. Das andere ist die Bedeutung der Familie. Und zuletzt die Bedeutung natürlicher Ressourcen. Dass gerade einer dieser gesichtslosen Energieriesen diesen alten Baum in sein künstlich geschaffenes Territorium holt, um nachhaltiges Denken zu signalisieren, ist ein trauriger Widerspruch in sich. Doch die Kraft, die ungebrochene Energie und die Beharrlichkeit der jungen Idealistin Alma lassen den Zuseher bis zuletzt hoffen, dass die Sache gut ausgeht.

El Olivo ist kein Märchen, und verspricht auch nicht das Unmögliche. Doch es ist eine Geschichte, die in ihrer Essenz an die metaphorischen Dramen eines Anton Tschechow erinnern. Die in ihrer warmherzigen Offenheit zumindest für kurze Zeit in einem selbst alles möglich erscheinen lässt. Auch die Erfüllung zum Guten, und die Wiederherstellung einer Ordnung, die auf Menschlichkeit setzt.

El Olivo – Der Olivenbaum

Madame Marguerite oder die Kunst der schiefen Töne

DAS TROUBADIX-SYNDROM

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marguerite

„Nein, du wirst nicht singen! Nein du wirst nicht singen!“ Und schon bekommt der Barde des kleinen, uns wohlbekannten gallischen Dorfes mit dem Schmiedehammer einen Scheitel gezogen. Bei der Darstellung eben jener Sachverhältnisse handelt es sich, wie wir alle wissen, um den gänzlich verkannten Barden Troubadix aus den Comics über Asterix und seine Freunde, meisterhaft gezeichnet und ersonnen von Rene Coscinny und Albert Uderzo. Seine Gesangsqualitäten sind für jedermann ein Graus, Troubadix selbst jedoch hat an seinem Talent nichts zu meckern. Viel mehr noch, er hält sich für ein verkanntes Genie.

Ungefähr so oder ähnlich ergeht es Madame Marguerite. Mit dem einzigen Unterschied, dass ihr Publikum keine offenherzig ehrlichen Banausen sind, sondern Lügner und Schwindler. Warum? Nun, weil Madame Marguerite enorm wohlhabend ist, und für wohltätige Zwecke sehr oft und sehr gerne die Spendierhosen an hat. Und eine Kuh, die man melken kann, wird man doch nicht vergrämen?

Lose basierend auf den tatsächlichen Fall der Florence Foster Jenkins, einer amerikanischen Sopranistin, die weder Ton noch Rhythmus traf und mit ihren seltenen, aber skurrilen Konzerten als akustische Freakshow durchaus für volle Hallen sorgte (aktuell im Kino mit Meryl Streep in der Hauptrolle), erzählt die französische Tragikomödie von einem leidenschaftlichen Opernfan, der geradezu obsessiv sein Leben dem Gesang widmet. Und das nicht nur als Zuhörer, sondern auch als Interpret. Das Fatale und Traurige an der eher schwermütigen als leichtfüßigen Geschichte ist der Verrat der Gesellschaft an ihrer Person. Das beginnt beim Butler, der die Verrücktheit der verblendeten Frau fotografisch dokumentiert, um selbst berühmt zu werden. Und endet beim eigenen Ehemann, der sogar noch fremdgeht, da er seine Gemahlin für ein Monster hält. Gerade kommt mir David Lynchs Der Elefantenmensch in den Sinn. Nur Madame Marguerite, souverän und sensibel verkörpert von „Odette Toulemonde“ Catherine Frot, ist alles andere als hässlich. In diesem Fall ist ihr Gesang die abscheuliche Mutation, die alle anderen für sich ausnützen. So bleibt Madame in dem hochgerüsteten Elfenbeinturm gefangen, den ihre Mitmenschen um sie erbaut haben. Und verliert die Fähigkeit der Selbstreflexion.

Irgendwie ist Xavier Giannolis Film eine Parabel auf den Preis, den versponnene, zerbrechliche Seelen zahlen müssen, wenn sie von der Öffentlichkeit hochgeschaukelt werden. Zu welchem Zweck auch immer, doch meistens ist es Geld und die Gier nach eigenem Ruhm. Somit ist das mit expressivem Theaterlicht und üppigem Interieur ausgestattete Drama ein beklemmender Kreuzweg, der radikal endet. Und keine gute Stimmung hinterlässt. Die Welt kann auch auf andere Art eine Illusion sein. Nämlich im falschen Feedback der anderen. So sehr die Aufrichtigkeit unserer Umwelt oftmals wehtun kann, so reinigend wäre sie manchmal. Diesen Gefallen hat man Madame Marguerite leider nicht getan.

 

Madame Marguerite oder die Kunst der schiefen Töne

Arlo & Spot

FRESSEN UND GEFRESSEN WERDEN

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arlospot

Wovon ernährt sich eigentlich der Säbelzahntiger Diego aus Ice Age? Was frisst der Löwe aus König der Löwen? Und was hat eigentlich Bagheera aus dem Dschungelbuch auf seiner Speisekarte? Details, die Kinder nicht zu wissen brauchen – oder doch? Seit jeher haben Fleischfresser oder Karnivoren, wie der Fachmann sagt, in Disneys und anderen Animationsfilmen den schwarzen Peter gezogen. Entweder man sieht nie, wie sie sich ernähren und was sie fressen, oder sie werden völlig grundlos zum Vegetarier. Was andererseits wieder vollkommen widernatürlich ist. Dass sich  aber das Leben auf unserem Planeten in die berühmte Nahrungskette eingegliedert hat, wird meist tunlichst ignoriert. Und könnte ja den Nachwuchs verstören. Obwohl dieser mitunter gerne Fleisch ist. Und Fleisch braucht, um sich zu entwickeln.

Für das fiktive Dinomärchen haben es sich diesmal Disney und Pixar anders überlegt. Flugsaurier verspeisen mir nichts dir nichts knuffige Fellsäuger und der wortlose Spot, das Menschenbaby, das aus Jean Jaques Annaud´s Am Anfang war das Feuer herübergekrochen zu sein scheint, reißt einem hilflosen Käfer den Kopf ab. Auch die Natur schenkt den Figuren aus The Good Dinosaur – so der Originaltitel – nichts. Neben der Berücksichtigung dieser und ähnlicher Naturgesetze haben die Macher gleich noch ein Szenario entworfen, das eine mögliche prähistorische Parallelwelt zeigt, in welcher der Kelch des aufschlagenden Asteroiden 65 Millionen Jahre vor unserer Zeit an den schrecklichen Echsen vorübergegangen ist. So ist auch die Einleitung des Filmes ein auf die Erde stürzender glühender Felsbrocken – der aber haarscharf an unserem blauen Planeten vorbeizieht. Knapp daneben ist auch vorbei bekommt hier eine gänzlich andere Bedeutung.

Oder besser gesagt: Knapp daneben ist nicht vorbei – was die Existenz der Saurier betrifft. So spielt Arlo & Spot einen Ist-Zustand durch, in welchem die Nischen für den Siegeszug der Säuger leider nicht frei geworden sind. Die Dinos werden intelligenter, und übernehmen das, was des Steinzeitmenschen Aufgabe gewesen wäre – Ackerbau und Viehzucht. Auf den ersten Blick ist die What if-Überlegung absurd. Vom wissenschaftlichen Standpunkt aus wahrscheinlich eine alberne Vision. Für den Film aber passt es und hat sogar einen gewissen Reiz. Er erinnert mitunter an die Gummipuppen-Serie Die Dinos, die in den 90ern im Fernsehen lief. Nur sind es keine Gummipuppen, sondern im Verhältnis zu ihrer Umgebung relativ stark abstrahierte Sauropoden, die so gar nicht wirklich in den naturalistischen Kontext der Landschaft passen. Natürlich, der Kontrast hat was Witziges, ziemlich Eigenes. Doch Arlo und seine Gefährten sind mir in diesem Fall etwas zu simpel geraten. Ihre Knubbelnasen passen eher ins Universum des Drachen Kokosnuss als in einen Pixar-Film, der neben ausgetretener Coming of Age-Philosophie abermals das Thema Familie variiert und sich auch in punkto Story wenig Neues einfallen lässt.

Somit ist Arlo & Spot zwar ungewöhnlich anzusehen und hat auch die eine oder andere unerwartete Szene in petto – unter Pixars Top Ten schafft er es aber nicht.

 

Arlo & Spot