Beasts of No Nation

KRIEG ALS ERZIEHUNG

7,5/10


beastsofnonation© 2015 Netflix

LAND / JAHR: USA 2015

REGIE: CARY JOJI FUKUNAGA

DREHBUCH: CARY JOJI FUKUNAGA, NACH DEM GLEICHNAMIGEN ROMAN VON UZODINMA IWEALA

CAST: ABRAHAM ATTAH, IDRIS ELBA, EMMANUEL NII ADOM QUAYE, KURT EGYIAWAN, JUDE AKUWUDIKE U. A. 

LÄNGE: 2 STD 17 MIN


Für den ersten Netflix-Originalfilm in der Geschichte nämlichen Streaming-Gigantens, der zumindest in den USA sowohl im Kino als auch auf den wohnzimmertauglichen Geräten lief, hätten sich manche durchaus etwas anderes vorgestellt. Etwas, das man mehr abfeiern hätte können. Etwas mehr Unterhaltsames vielleicht, für eine breite Zielgruppe. Doch Beasts of No Nation ist alles andere als das. Beasts of No Nation tut weh. Und erschüttert. Gleichsam aber fasziniert es auf eine Art, auf welcher man fremde Riten und Gebräuche bewundert, sie aber hinten und vorne nicht versteht. Auf eine Art, auf welcher man Serienkiller als ein Kuriosum betrachtet, weil sie so wenig der Normalität entsprechen. Ein Panoptikum des Grauens, wenn man so will. In etwa so wie Apocalypse Now – mehr als nur ein puristischer Kriegsfilm, mit einer ganzen Abhandlung zur Bestie Mensch im Gepäck.

Die Bestie Mensch lässt sich auch problemlos in diesem Film hier finden. Für dessen Regie zeichnet Cary Fukunaga verantwortlich, der mittlerweile nicht mehr nur aufgrund von True Detective, einer qualitativen Neuorientierung im Seriendschungel, bekannt ist. Fukunaga durfte auch den brandneuen James Bond inszenieren. Begonnen hat der Sohn einer Japanerin und eines Schweden allerdings mit der Verfilmung eines Buches von Uzodinma Iweala, der die Erlebnisse eines Kindersoldaten in einem nicht näher definierten, westafrikanischen Staat schildert. Dort lernt der Ich-Erzähler Agu Mord und Totschlag kennen, Missbrauch und Drogen. Warum genau will man so etwas eigentlich sehen? Ist es, weil es so dermaßen viel Aufschluss gibt darüber, wie der Mensch funktioniert oder eben nicht funktioniert? Wie er selbst sein größter Feind sein kann? Ist es, wie eingangs erwähnt, einfach die bizarre Exotik eines Horrors, der sich fast schon anfühlt wie ein pittoresker Abenteuerfilm? Farbintensiv ist das Ganze, voller Dschungelgrün und dem Blutrot sterbender und darüber gar sehr überrascht dreinblickender Menschen. Lateritrot die Erde, golden die tiefstehende Sonne. Darf es in so einem Paradies überhaupt so viel Grauen geben? Das hat sich Francis Ford Coppola auch gefragt. Das fragt sich der gerade mal zwölfjährige junge Agu ebenso, dessen glückliches Leben schlagartig enden muss, als eine Regierungseinheit schwer bewaffneter Soldaten das Dorf stürmt. Vater und Bruder sterben, die Mutter flieht mit ihrem Neugeborenen in die Hauptstadt. Agu versteckt sich im Dschungel, wird aber alsbald von einer archaischen Rebellengruppe aufgegriffen, die frappant an die ugandische LRA erinnert und bis an die Zähne bewaffnet und so bunt gekleidet ist wie ein Stamm Indigener für eine Folklore-Show. Deren Anführer nennt sich Commandante (charismatisch und gefährlich: Iris Elba in einer seiner besten Rollen), und der nimmt den Kleinen unter seine Fittiche. Dabei wird er zum Krieger ausgebildet, darf töten und metzeln, muss seinem Mentor Liebesdienste erweisen. Betäubt sich mit Schießpulver als Drogenersatz. Verliert seine Kindheit.

Mit Krieg als Erziehung lassen sich Menschenleben ruinieren. Fukunaga zeigt, wies geht. Und das ist heftig, verstörend und traurig. Wenn Agu das erste Mal mit einer Machete ausholt, unter den motivierten Zurufen des Commandante, und dem „Feind“ den Schädel spaltet, ist das Individuum fort, ist das Kind nur noch Maschine. Ein Prozess, den Darsteller Abraham Attah famos vor die Kamera bringt – diese bleierne Müdigkeit, diese gefühllose Lethargie, die, völlig übermannt von den schrecklichen Dingen, jeglichen Funken Zuversicht tilgt. Die Verrohung des Menschen steht in Beasts of No Nation explizit im Mittelpunkt, dabei ist das, was hier gezeigt wird, wohl locker auf mehrere zentralafrikanische Staaten umzulegen. Am Ende bleibt bei dieser Tragödie, in der zwischendurch immer wieder ganz andere Werte aufflackern, so, als wären sie das Glimmen eines niedergebrannten Feuers, das sich wieder entfachen ließe, kein aus den Wassern neugeborener König des Dschungels als nihilistische Prämisse zurück. Am Ende gibt es gar Hoffnung auf so etwas wie einen Neuanfang. Doch der Weg dorthin ist wieder ein ganz anderer Krieg.

Beasts of No Nation

Maggie

REQUIEM FÜR EINEN ZOMBIE

5/10


maggie© 2015 Splendid Film


LAND / JAHR: USA, SCHWEIZ 2015

REGIE: HENRY HOBSON

CAST: ABIGAIL BRESLIN, ARNOLD SCHWARZENEGGER, JOELY RICHARDSON, DOUGLAS M. GRIFFIN, J. D. EVERMORE, BRYCE ROMERO U. A. 

LÄNGE: 1 STD 37 MIN


Auch wenn die menschenfleischgierigen Untoten nicht gut für die Gesundheit der noch nicht Gebissenen sind und daher gerne als das Böse angesehen werden – im Grunde sind Zombies erbarmungswürdige, traurige Kreaturen, die, ihrem Willen beraubt, völlig wertfrei darauf warten, dass sie irgendwer einen Kopf kürzer macht. Um diese Traurigkeit, dieses Ausgeliefertsein, diesen schmerzlichen Prozess der Veränderung auch ein bisschen mehr hervorzukehren, wird im düsteren Drama Maggie eine Lanze für jene gebrochen, die mit ihrem Zombiedasein in absehbarer Zeit werden „leben“ müssen.

Ein solches Schicksal muss Abigail Breslin (u. a. Little Miss Sunshine) ausfassen, sehr zum Leidwesen von Papa Arnold Schwarzenegger, der in Zeiten der Pandemie seine gebissene Tochter um nichts in der Welt in Quarantäne stecken will. In Maggie bedeutet dies: zusammengepfercht mit anderen Zombies zu sein, die sich schlimmstenfalls gegenseitig als Frühstück betrachten. Also bleibt das Mädchen daheim und siecht dahin, bekommt den milchigen Blick und blutet schwarzes Blut. Währenddessen heißt es warten. Warten bis zum Ende.

Und ja, mehr ist in diesem Horrordrama eigentlich nicht los. Interessant dabei ist der im Film dargestellte, Wochenenddemonstranten wohl glücklich stimmende Umgang mit einem noch viel schrecklicheren Virus als Covid19. Abstand, Maske und sonstige Vorkehrungen sind keine vorhanden, anscheinend überträgt sich diese Krankheit nur durch beißen, also braucht’s das alles nicht. Das ist natürlich reichlich naiv, aber gut – eine Zombifizierung ist ja auch etwas Irreales. Umso realer ist die Düsternis in diesem Streifen, die sich von Minute zu Minute immer mehr siechend dahinschleppt. Die Bilder sind in entsättigte, graubraune Farben getaucht, schwer liegt der Score auf sowieso schon zementsackschweren Szenen, die den Verfall zelebrieren. Mittendrin ein völlig ratloser Arnold, der in seinem Leben beruflich sowieso schon alles, was nur möglich ist, erreicht hat, und nun auch mal schauspielerisch die ernstere Schiene erproben will. Später tut er das nochmal mit dem ebenso bleischweren Trauerdrama Aftermath. Mit Maggie zeigt er, wie sehr man ratlos herumstehen und herumsitzen kann, zwischendurch auch mal mit Nickerchen. Nicht schlecht, aber auch nicht wirklich gut. Da wirkt Abigail Breslin natürlich unterstützend – ihre Figur ist ebenso ratlos und voller Furcht, allerdings überzeugender. Doch es hilft alles nichts – Lethargische Erschöpfung und krassierende Symptome schreiten fröhlich voran. Das ist Nihilismus als ausharrendes, meditatives Familiendrama, das wenig mehr weckt als ein ungutes Gefühl. Oder: ein Film wie ein verfaulender Organismus – nur drumherum Menschen, händehaltend im Kreis, die einander und sich selbst nicht verlieren wollen.

Maggie

Raum

AUF DER ANDEREN SEITE DER WAND

7,5/10 


raum© 2015 Film 4


LAND / JAHR: KANADA 2015

BUCH: EMMA DONOGHUE, NACH IHREM ROMAN

REGIE: LENNY ABRAHAMSON

CAST: JACOB TREMBLAY, BRIE LARSON, JOAN ALLEN, WILLIAM H. MACY, TOM MCCAMUS, SEAN BRIDGERS, CAS ANVAR U. A. 

LÄNGE: 1 STD 58 MIN


Was gibt es nicht für menschliche Monster auf dieser Welt. Damit meine ich nicht mal Diktatoren und Kriegsherren, die das Schwarzbuch füllen, sondern der unscheinbare Otto Normalverbraucher, dessen Horizont maximal bis zur Befriedung des eigenen kaputten Egos reicht, und dessen Kindheit womöglich selbst ganz anderen unscheinbaren Otto Normalverbrauchern zum Opfer gefallen sein könnte. Jene, die sonst, wohin sie auch blicken, nur ihr eigenes Unvermögen erkennen, halten sich zwecks Kompensation dieses Umstands rechtlose Leibeigene, die in Isolation Wochen, Monate und Jahre damit zubringen, nicht gänzlich zu zerbrechen. Ich kann mich noch genau an das erste Fernsehinterview von Natascha Kampusch erinnern, die nach 3096 Tage in Gefangenschaft unter der Herrschaft eines gewissen Priklopil von ihrer geraubten Kindheit erzählt hat. Den ruinierten Seelen unter Peiniger Fritzl blieb so eine Medienkonvertierung erspart. Was Buchautoren aber, inspiriert durch diese skandalösen Zustände, nicht davon abgehalten hat, ähnliche Szenarien zu entwerfen. Zum Beispiel die Kanadierin Emma Donoghue. Ihre Vorlage Raum aus 2010 wurde zum Bestseller. Solche Inhalte stillen die Neugier am Schrecklichen, am geradezu Undenkbaren. So tickt die Psyche so mancher Leser und Seher nun mal – der Impact des Leidens anderer stillt die Furcht und relativiert die eigene Ohnmacht, die dann nicht mehr ganz so farbintensiv im Alltag verweilt.

Der irische Filmemacher Lenny Abrahamson, der vor seinem Durchbruch mit Raum Michael Fassbinders Konterfei im Künstlerdrama Frank hinter Fiberglas versteckt hat, wendet sich allerdings weitgehend davon ab, peinlich berührten Voyeurismus zu bedienen. Donoghues Drehbuch fokussiert von Anfang an jene Figur, aus dessen Sicht diese ganze Geschichte erzählt wird. Es ist nicht Brie Larson als die 7 Jahre in Gefangenschaft dahindämmernde Joy – sondern es ist der kleine, in ebensolche Isolation hineingeborene Jack, sagenhaft gut verkörpert von Jacob Tremblay, und der eigentlich den ganzen Film so ziemlich im Alleingang trägt, da kann selbst sein oscarprämierter Co-Star nicht viel ausrichten, obwohl auch Larson natürlich zeigt, was in ihr steckt. Bei Kinderdarstellern verblüfft so ein Umstand aber immer mehr: das war auch schon im österreichischen, äußerst sehenswerten Film Die beste aller Welten so, in der Jeremy Miliker den mimischen Realismus neu definiert zu haben schien. Tremblay macht das genauso. Und das Beste an Raum: Donoghue und Abrahamson geht es nicht in erster Linie, und auch nicht in zweiter Linie, um die Chronik eines Martyriums, dessen Ende und dessen Nachwehen, die sowieso nur halbherzig erörtert werden. Die Wahrnehmung der Welt und ihrer inhärenten Freiheiten ist das, was Raum so interessant macht. Nicht das Täter-Opfer-Gefüge. Sondern – wenn man so will – die Relativierung einer Realität mit all ihren Parametern zu einer nächsten, viel größeren. Eine Art Erleuchtung sozusagen. Und das einem Fünfjährigen!

Der Mensch bleibt angesichts seines nach oben hin offenen Erkenntnispools sowieso immer ein Kind. Zu entdecken gibt´s immer noch etwas. Tremblays Charakter des Jack ist wie die Art Höhlenbewohner aus Platons Gleichnis, der die Schattenbilder in seinem Raum wahrnimmt, sie als die alles umfassende Freiheit, als seinen Kosmos empfindet. Demzufolge scheint ihm nichts zu fehlen. Die Definition der Geborgenheit scheint anfangs auch in diesen kargen vier Wänden zu funktionieren. Was fehlt, ist das Wissen jenseits der Wände. Das Wissen über den Ursprung der Schatten, um bei Platon zu bleiben. Die Entdeckung dieses Neulands ist die zu bewältigende Aufgabe dieses Dramas, und Tremblay mittendrin. Larsons Rolle der Mutter ist da nur ein Leo, ein Fixpunkt, das Mutterschiff sozusagen.

Zum Glück holt dieser Film mehr als eine Handvoll dieser Gedanken an die narrative Oberfläche. Auch gelingt Raum, niemals seinem inhaltlichen Skandal zum Opfer zu fallen, indem er diesen Umstand geradezu als unkommentierte und fast wertfreie Gegebenheit hinnimmt. Raum ist überraschend objektiv, trotz all seiner Emotionen, die da hochkochen und überkochen. Trotz all dieser beruhigenden Melodien, die den grauenhaften Zustand so mancher panikmachenden Aussichtslosigkeit überspielen sollen. Tremblay bleibt aber über allen Dingen – als kindlicher Superheld, als ein Entdecker, der Übermenschliches leistet, um all die Ohnmacht umzukehren.

Raum

Sicario

DER FEIND MEINES FEINDES

7,5/10


sicario© 2015 Studiocanal GmbH


LAND: USA 2015

REGIE: DENIS VILLENEUVE

CAST: EMILY BLUNT, JOSH BROLIN, BENICIO DEL TORO, DANIEL KAYUULA, JON BERNTHAL, JEFFREY DONOVAN, VICTOR GARBER U. A.

LÄNGE: 2 STD 2 MIN 


Einen Drogenkönig aufzuspüren – das ist, „als würde man einen Impfstoff gegen eine gefährliche Krankheit entdecken“ – ungefähr so vergleicht Benicio del Toro den best case eines Einsatzes gegen die dunklen Mächte. Dabei ist der Vergleich mit einem Vakzin ja gar nicht mal so weit hergeholt. Zumindest nicht in Sicario. Denn da werden die dunklen Mächte von ihren eigenen dunklen Mächten heimgesucht. Will heißen: manchmal bleibt nichts anders übrig, als zum Wohle aller den Feind auszusenden, um den Feind zu besiegen. Und ja, anscheinend funktioniert das gar nicht anders, denkt man an all die Kartelle und Bünde und organisierten Verbrechen, die im stillen Kämmerlein vor sich hinarbeiten und immer wieder mal entsetzlich entstellte Leichen hinterlassen, bevorzugt irgendwo unter Brücken hängend (das Mittelalter lässt grüßen) oder hinter Pressspanverschalungen leerstehender Häuser.

So gesehen in der Eröffnungssequenz des Films. Spätestens schon in den ersten Minuten bleibt nicht viel Chance, sich dieser Sogwirkung des grimmigen Dramas zu entziehen. Im Mittelpunkt steht die Hüterin von Moral und Anstand – Emily Blunt als FBI-Agentin Kate Macer, die nicht weiß, wie ihr geschieht, als sie unter die Fittiche des CIA-Ermittlers Matt Graver genommen wird. Kate tappt im Dunkeln ob des Vorhabens des überheblichen und betont jovialen Mannes, der den wortkargen Geheimniskrämer namens Alejandro mit im Schlepptau hat, ein Spezialist für heikle Dinge, wie es scheint. Gemeinsam wollen sie Staub aufwirbeln, um auf die Spur zum Boss des Sonora-Kartells zu gelangen. Dumm nur, dass die Partie ganz ohne gesetzliches Sanctus plötzlich in Mexiko einmarschiert, was Kate völlig gegen den Strich geht. Diskrepanzen sind vorprogrammiert. Und die Methoden der CIA äußerst fragwürdig. Dabei nicht weniger kriminell als die Kriminellen an sich.

Denis Villeneuve, längst ein ganz großer im Filmbiz und ein Regisseur, der, nach dem schwer beeindruckenden Arrival und Blade Runner 2049 nun auch die Verfilmung von Frank Herberts Dune am Start gehabt hätte (Danke Corona an dieser Stelle), hat 2015 mit dem Drogenthriller Sicario wieder mehr auf die Beine gestellt als die Summe seiner Teile. Taylor Sheridan (u. a. Regisseur von Wind River) hat hier ein wummerndes, teils hypnotisches Gleichnis über die Bedeutung von Moral angesichts einer unkontrollierbar wuchernden Bedrohung geschrieben. Emily Blunt muss sich in ihrer Rolle als das aufrechte Gute eingestehen, dass die märchenhafte Klarheit eines Gut-und-Böse-Szenarios ausgedient hat, dass der Weg zwischen Schwarz und Weiß der einzig begehbare bleibt. Das heißt aber nicht, dass Werte keine Bedeutung mehr haben. Was Alejandro antreibt ist simple Rache und die Konvertierung von seelischem Schmerz. Was Matt Graver antreibt ist die rationale Lösung eines Dilemmas. Kate selbst – um den medizinischen Vergleich nochmals aufzugreifen – sorgt mit ihrer integren Symptombehandlung gerade mal für Linderung, als würde man Aspirin zu Bekämpfung von Malaria verwenden, nur damit das Fieber sinkt.

Der wunderbare Roger Deakins als Virtuose hinter der Kamera und der bereits verstorbene Komponist Jóhann Jóhannsson erzeugen eine Art opernhaften Thriller, der das Grauen punktuell einsetzt, vieles indirekt erahnbar macht und die Spannung in eine malerische, teils suggestive Bildsprache bettet. Ein bedrohliches Wühlen an der Wurzel ist Sicario geworden, aufrichtig im Bekenntnis, in letzter Instanz so sein zu müssen wie ein vom Virus heimgesuchter Antikörper.

Sicario

The Girl King

STUDIEREN GEHT ÜBER REGIEREN

6/10


thegirlking© 2015 Film Buró


LAND: FINNLAND 2015

REGIE: MIKA KAURISMÄKI

CAST: MALIN BUSKA, SARAH GADON, MICHAEL NYQVIST, HIPPOLYTE GIRARDOT, MARTINA GEDECK, JANNIS NIEWÖHNER, LUCAS BRYANT U. A.

LÄNGE: 1 STD 46 MIN


Diese Thronfolgerin, die ist mir eine! Schweden hat im epischen Rahmen des dreißigjährigen Krieges eben erst ihren geliebten König Gustav Adolf verloren, schon muss dessen minderjährige Tochter ran – Königin Kristina. By the way: die Gute ist wirklich nicht fürs Regieren geschaffen. Unter der Obhut des Kanzlers, der seine eigenen Pläne verfolgt (welcher Kanzler tat und tut das nicht?), weicht das Interesse an der Politik stetig jenem an der Philosophie, insbesondere jener des großen Denkers René Descartes. In dieser Wissbegier steht die aufmüpfige Jungregentin anderen Querdenkerinnnen aus der Antike wie zum Beispiel jener Hypatia aus Alexandrien, die bereits in Alejandro Amanebars Historienfilm Agora ihren filmischen Zuspruch bekam, um nichts nach. Doch welche Untertanen wollten damals schon über das Sein philosophieren? Gebt den Leuten Essen, Trinken, Wohlstand! Für den Blick hinter die Kulissen eines entbehrungsreichen Daseins des 17. Jahrhunderts hatte wohl niemand wirklich die Muße – außer Kristina, und ihr Philosophenfreund natürlich. An Männergeschichten ist die stark an Kaiserin Sisi erinnernde, stets hosentragende Jungfrau genauso wenig interessiert, zum Leidwesen des Kanzlersohns, der gedanklich schon mit dem Reichsapfel spielt.

The Girl King erzählt eine recht ungewöhnliche Episode aus der europäischen Monarchengalerie, ein Kuriosum des Nichtregierens sozusagen, das in Ludwig II. oder Stefan von Lothringen Fortsetzung findet, die außerdem allesamt anderes im Sinn hatten als irgendeine Verantwortung für ihre Pflicht zu übernehmen. Da sieht man wieder, wie ignorant dieser Tribut des blauen Blutes stets gewesen war. Nicht für alle war Macht das hehre Ziel. Eine Lösung für dieses Problem aber gab es meistens. Und selbst im Falle der jungfräulichen Kristina, die tatsächlich bis zu ihrem Lebensende jungfräulich blieb, nicht alleine wegen ihrer homosexuellen Orientierung. Für seine Titelrolle fand Regisseur Mika Kaurismäki, der diesjährig mit Master Cheng in Pohjanjoki für wohlige Gefühle in der Bauchgegend sorgte, mit der Schwedin Malin Buska die ideale Besetzung. Ihr expressives Minenspiel ist grandios, ihre trotzigen Züge weichen nur selten sehnsüchtigem Lächeln. Dieses hat dafür ihre bessere, femininere Hälfte Sarah Gadon, die nicht ständig Hosen trägt und die längst einem anderen versprochen zu sein scheint, die aber der Libido ihrer Königin nichts entgegenzusetzen hat.

Schön ausgestattet ist The Girl King allemal, interessant besetzt ebenso. Eine Entdeckung ganz nebenbei ist Martina Gedeck als die exaltierte, völlig verschrobene Königin Mutter, die mit ihrer Tochter nichts anzufangen weiß. Kaurismäki selbst überlässt den Film auch lieber seinem Schauspielensemble, ohne sich selbst als Künstler groß hervorzutun. Sein Historienfilm wirkt wie eine Auftragsarbeit, die man in professioneller Routine natürlich zu Ende bringt, für die man aber jetzt keine großen Gefühle hegt oder eine wie auch wie geartete persönliche Ambition. Prinzipiell macht das nichts – die Zeitgeschichte spricht für sich, und fasziniert auf gewisse Weise ganz von selbst. Da reicht, wie bei so vielen Geschichtsfilmen, die sich auf ihren Stoff verlassen, zumindest die geglückte Wahl einer spannenden Anekdote aus den Herrscherhäusern, die die egozentrische Luft der frühen Selbstbestimmung atmen. Die Queen allerdings wäre not amused.

The Girl King

Coconut Hero

DAS LEBEN ÜBERLEBEN

6,5/10


coconuthero© 2015 Majestic Filmverleih


LAND: DEUTSCHLAND, KANADA 2015

REGIE: FLORIAN COSSEN

CAST: ALEX OZEROV, BEA SANTOS, KRISTA BRIDGES, SEBASTIAN SCHIPPER, JIM ANNAN, UDO KIER U. A.

LÄNGE: 1 STD 41 MIN


Zum Glück gab´s in Hal Ashbys Harold & Maude-Verfilmung die gute alte Maude, um Harold von seinen Selbstmordfantasien abzubringen. In Coconut Hero kann Mike Tyson – ja, der junge Mann ist Namensvetter des berüchtigten Boxers und wird an seiner Schule auch entsprechend damit gehänselt – auf so einen Support erstmal nicht zurückgreifen. Mike will  sein noch so junges, gerade mal 16ähriges Leben beenden. Er tut dies auf unterschiedlichste Weise. Alle Versuche gehen schief. Zuletzt will er sich eine Kugel in den Kopf jagen – auch nur Platzpatronen. Später wird festgestellt, dass Mike an einem Gehirntumor erkrankt ist. Der könnte problemlos operativ entfernt werden – doch Tyson wird sich hüten, diese Nachricht an seine Mama weiterzugeben. Die ideale Methode, das Zeitliche zu segnen, wenn man den Tumor sich selbst überlässt. Blöd nur, dass Mike vom Staat ein Rehabilitationsprogramm aufgedrückt bekommt, um ihm die Suizidflausen auszutreiben. Und da lernt er die junge Miranda kennen, die überhaupt nicht in sein Konzept passt. Genauso wenig wie der plötzlich auftauchende Vater, der die Todesanzeige seines Sohnes in der Zeitung gelesen hat.

Coconut Hero geht als Coming of Age-Dramödie den Weg des geringsten Widerstandes. Independentkino, wie Independentkino sein muss. Ein Ensemble, das keiner kennt, was aber wiederum den Bonus des Authentischen mit sich bringt, da sich all diese Gesichter (bis auf Udo Kier in einer Minirolle) auf kaum einen anderen Film übertragen lassen. Der russisch-kanadische Schauspieler Alex Ozerov ist in seiner traurigen Gestalt eines todessehnsüchtigen Mieselsüchtlers treffend besetzt, Bud Cort aus Hal Ashbys kultiger Tragikomödie steht ihm da um nichts nach, nicht mal in Sachen Frisur. Die Mundwinkeln wandern selten nach oben, wie ein Buster Keaton eben, der den Jugendfilm entdeckt. Auch all die übrigen Co-Akteure sind von ausgesuchter Qualität, da lässt sich schon ein Film wie dieser zu einer Selbstfindung mausern, die mit einem stimmigen Soundtrack hinterlegt ist, wobei einige Songs davon wirklich eingängige New Country Balladen sind. Das passt sehr gut zu diesem Setting, zu dieser Geschichte aus elterlicher Spurensuche, Lebenssinn und dem Begriff der Sterblichkeit, der erst dann neu definiert wird, wenn genau diese Endlichkeit jemand ganz anderen trifft – nur nicht einen selbst.

Coconut Hero ist ein Stoff mit Give Away-Faktor, was so viel heißt wie: Erkenntnisse daraus könnten auch zum Gewinn werden fürs eigene Dasein. Natürlich, Deutschland 86-Filmer Florian Cossens Film ist in manchen dramaturgischen Wendungen von zu bequemer Naivität, und nicht unbedingt lässt sich die relativ vage beschriebene Beziehung zwischen Mike und Matilda angesichts ihrer späteren Gewichtigkeit wirklich nachvollziehen, aber dennoch: in seiner selbstvergessenen und wieder in Erinnerung gerufenen Selbstwahrnehmung ist das Teenie- und Familiendrama samt seiner leisen Ironie ein bisschen Balsam auf der Seele eines latent depressiven, nicht zwingend jungen Publikums.

Coconut Hero

Spongebob Schwammkopf 3D

SCHWAMM DRÜBER UND DRUNTER

6,5/10

 

spongebob3d© 2015 Paramount Pictures Germany

 

LAND: USA 2015

REGIE: PAUL TIBBIT

LIVE ACT CAST: ANTONIO BANDERAS

MIT DEN STIMMEN VON (ORIGINAL): TOM KENNY, CLANCY BROWN, BILL FAGGERBAKE, CAROLYN LAWRENCE U. A.

 

Was ist wohl der Unterschied zwischen dem Higgs-Boson und Spongebob? Das Higgs-Boson werde ich nie verstehen. Das Universum rund um einen Schwamm mit Hirn irgendwann doch. Obwohl ich bis vor Kurzem auch hier das Gefühl hatte, aus Spongebob niemals jemals schlau zu werden. Was bei allen sieben Weltmeeren hat es mit dieser käseartigen Figur in Squarepants, schwarzen Schuhen und einem Faible für Seifenblasen unter Wasser überhaupt auf sich? Bikini Bottom, was ist das für ein seltsamer Ort? Warum verkauft eine Krabbe Krabbenburger? Und warum um alles in der Welt will ein Eichhörnchen unter dem Meeresspiegel wohnen? Klar, man muss bei Spongebob nicht alles verstehen. Kids verstehen das ohnehin besser. Und hinterfragen womöglich so manches erst gar nicht, sehen darin keine Notwendigkeit und nehmen diese verdrehte Welt als gegeben hin. Und tatsächlich – je mehr man sich darauf einlässt, Eichhörnchen unter Wasser leben und einen Schwamm Seifenblasen blasen zu lassen, je mehr folgt diese irre Welt einer verdrehten Logik, die sich mit jener eines Douglas Adams und seinem Anhalter durch die Galaxis oder eines Dr. Who für Kinder am Ehesten verträgt.

Dabei – oder gerade deswegen –- ist Spongebob Schwammkopf längst nicht nur Kinderkram. Das quengelnde Tier mit der Synchronstimme von Steve Buscemi hat Kultstatus. Auf Nickelodeon gibt es ab und an ganze Spongebob-Festivals, die rund um die Uhr laufen. Eine Episode schriller als die andere. Doch keine Angst vor der maritimen Reizüberflutung! Im Grunde genommen hat das alles ein überschaubares Konzept, zumindest wenn es gelingt, zwischen dem flirrenden Farb-Overkill hindurchzublicken. Im zweiten Spielfilm Spongebob Schwammkopf 3D passiert es tatsächlich, dass selbiger und seine Freunde ihr schützendes Meer verlassen, um am Strande womöglich Malibus zwischen den nackten Waden von Homo Sapiens auf die Pirsch zu gehen. Aus 2D wird 3D – und aus biodiversitären Underdogs werden Superhelden mit Sixpacks an Stellen, wo niemals ein Sixpack sein kann. Die Avengers lassen grüßen, nur statt Hulk hämmert diesmal ein verschwörerisches Plankton auf seine Widersacher ein. Bizarrer gehts kaum mehr. Bis es aber soweit kommt, darf am Meeresgrund der Doomsday ausgerufen werden. Warum? Das Rezept für den allseits beliebten Krabbenburger ist verschwunden (um dieses Rezept gehts prinzipiell mal immer irgendwie), und womöglich ist das Plankton (klein, aber oho!) wiedermal Schuld daran. Weltverschwörung al la Pinky & Brain. Bikini Bottom liegt in Schutt und Asche – das Einzige, was die Welt noch retten kann, ist eine Zeitmaschine, zusammengeschustert aus einer Passfotobox (what the hell???) und sonstigen Fragmenten. Wohin die Reise geht? Bis ans Ende und an den Anfang. Und irgendwann wissen wir, dass wir nicht von Echenmenschen unterwandert worden sind, sondern die wahren Herren des Universums Delphine sind. Der Antagonist? Niemand geringerer als – haltet auch fest – Antonio Banderas, der als Imbiss-Pirat und Alternativ-Jack-Sparrow Krabs und Co perfide Konkurrenz macht.

Schöpfer Stephen Hillenburg, selbst Meeresbiologe, hat sichtlich ein Herz für all das, was unter dem Meer so kreucht und fleucht. Die 1998 erstmals auf dem Bildschirm erschienene Welt ist die zugedröhnte Version eines umnebelten Besuchs in einem städtischen Aquarium. Gesichtslose Tierarten und mikroskopische Mehrzeller erhalten liebevoll angedichtete Charakterzüge, die sich durch alle Abenteuer ziehen. Irgendwann weiß der Spongebob-Experte, was er bekommt, weiß auch, wie all die Figuren ticken, sogar angesichts unerwarteter Absurditäten. Denn das Unerwartete ist andauernd im Begriff, völlig unvermittelt in einen wohlgeordnteten Alltag einzubrechen, der steht und fällt mit der Verfügbarkeit von Krabbenburgern.

Spongebob Schwammkopf 3D

A War

PAPA IST IM KRIEG

6,5/10

 

A WAR© 2015 Studiocanal Deutschland

 

LAND: DÄNEMARK 2015

REGIE: TOBIAS LINDHOLM

CAST: PILOU ASBÆK, TUVA NOVOTNY, SØREN MALLING, DULFI AL JABOURI, CHARLOTTE MUNCK, ALEX HØGH ANDERSEN U. A. 

 

Will man wirklich viel über das menschliche Verhalten ganz besonders in weniger alltäglichen Situationen erfahren, will man das Spektrum der individuellen Verantwortung bis zur Grenze ausloten, dann sollte man, ferner man nicht in sachkundigen Büchern darüber schmökern will, das dänische Kino heranziehen. Wer fällt mir da natürlich als erstes ein? Susanne Bier, keine Frage. Thomas Vinterberg natürlich, dessen Familiendrama Das Fest nachhaltig im Magen liegt. Martin Zandvliets Unter dem Sand erschüttert nicht weniger und stellt die Frage der Kriegsschuld mitten in den leeren Raum. Tobias Lindholm schließt sich da an. Sein selbst verfasstes Kriegsdrama mit dem schlichten Titel A War tut sich absichtlich schwer, eine Grenze zu ziehen zwischen dem individuellen Drang, die Liebenden zu schützen und dem entseelten Pragmatismus korrekter Vorgehensweisen im Krieg. Bei Lindholm wissen wir: der Krieg ist nichts für Menschen, denn egal, wie sie sich, wenn es hart auf hart kommt, entscheiden: eine Partei zieht immer den Kürzeren.

Worum geht’s also? Nun, der dreifache Familienvater Claus Michael Pedersen ist Befehlshaber einer Einheit Soldaten, die in Afghanistan einen von Bauern bevölkerten Landstrich sichern sollen. Der wird aber immer wieder von Taliban-Milizen heimgesucht, bevorzugt des Nachts, wenn die ausländischen Krieger in ihren Kojen schlafen und keine Gefahr darstellen. Mit dem Tod ist bei Pedersens Kompanie jederzeit zu rechnen, entsprechend angespannt ist die Situation und spitzt sich zu, nachdem eine von den Taliban bedrohte Familie an der Kaserne um Zuflucht fleht. Das geht natürlich nicht, da könnte ja jeder kommen, die Trennlinie zwischen Zivilisten und Militär muss gezogen bleiben, wir sind ja schließlich Menschen unterschiedlicher Klasse und haben nichts gemein – oder ist in dieser Gleichung da irgendwo der Wurm drin? Das erfährt Pedersen tags darauf am eigenen Leib, als besagte Familie tot in ihrer Hütte liegt – und er selbst mit seinen Leuten ins Kreuzfeuer gerät. Wie aus dieser Situation rauskommen? Befehl an die Luftstreitkräfte: den Angreifer bombardieren, sonst sieht hier keiner den nächsten Morgen. Alsbald stellt sich heraus: das militärische Ziel war eigentlich ein ziviles.

Eines ist ganz klar: A War ist nicht mit Filmen der Art eines Michael Bay wie 13 Hours oder Peter Bergs Lone Survivor zu vergleichen. Lindholms Gleichnis ist um Breitengrade subtiler, und setzt auch rechtzeitig einen viel weiter gefassten Blickwinkel auf die Situation, so wie es einst schon Susanne Bier mit ihrem oscargekrönten Film In einer besseren Welt gemacht hat. Nur so, indem man gleichzeitig zwei völlig gegensätzliche Welten oder gar Genres zusammenbringt, die doch einen gemeinsamen Nenner haben, nämlich den Soldat Pedersen, lässt sich früh erkennen, worauf es hier eigentlich ankommt. Nicht aufs Überleben, nicht auf die Gräuel des Krieges, denn das ist ohnehin klar. Sondern auf die Unmöglichkeit im Krieg, die strategische Vernunft vor persönliche Bindung zu stellen. Der Mensch ist immer noch ein Gefühlswesen, neben den Grundbedürfnissen empfindet er immer noch Angst, Liebe und Wut als die stärksten Triebfedern seines Handelns. Ein Soldat ist schließlich kein Roboter, auch wenn Kubrick in Full Metal Jacket dieses aus seinen Rekruten machen wollte.

Womit ich mir etwas schwer tue, das ist dieses dem Film zugrundeliegende, verantwortungslose Verhalten, das sich natürlich nicht auf den Einsatz in Afghanistan bezieht, sondern auf die eigentliche Entscheidung des Vaters einer fünfköpfigen Familie, die unerlässliche Wichtigkeit einer Vaterfigur hinter berufliches Pflichtgefühl zu stellen – ein Verhalten, das ich nicht nachvollziehen kann. Soldat Pedersen tut es trotzdem – und wird zwangsläufig in den Sog aus Pflicht und Gewissen hineingezogen, was mir allerdings keine Genugtuung verschafft, weil ich mir nicht sicher bin, ob die Erkenntnis letzten Endes genau die war, die ich ihm gewünscht hätte.

A War

Air

ATEMLOS DURCH DEN SCHACHT

5,5/10

 

air© 2015 Sony Pictures International

 

LAND: USA 2015

REGIE: CHRISTIAN CANTAMESSA

CAST: NORMAN REEDUS, DJIMON HOUNSOU, SANDRINE HOLT U. A. 

 

Nein, dieser Film handelt nicht von der französischen Synthie-Pop-Band gleichen Namens. Er handelt – ganz ohne viel Hang zur Fehlinterpretation – tatsächlich von Luft. Die ist knapp bemessen, oder wir könnten auch sagen, es gibt sie gar nicht mehr so, wie wir sie kennen. Ist mir da nicht unlängst so etwas Ähnliches auf Netflix über den Weg gelaufen? Ja natürlich, der Film hieß IO, und auch dort war unserer Atmosphäre nicht mehr wirklich danach, weiterhin atembar zu bleiben. Eine fragwürdige neue Zusammensetzung der Bestandteile führte bei IO also zum großen Exodus – und einem Lockdown der ganzen Erde. Bei IO konnten die Menschen zumindest entkommen – was für ein Glück, technisch gesehen ordentlich was weitergebracht zu haben, sonst wären wir alle gnadenlos erstickt. In Air ist der Worst Case anscheinend passiert. Homo sapiens mit Schnappatmung, danach das Ende. Die Technik: leider in den Erwartungen ganz weit hinten, und nichts innovativ genug, um dem Planeten den Rücken zu kehren. Was tut Mensch also, um nicht komplett aus den terranischen Geschichtsbüchern zu verschwinden? Er versetzt das Wissen der Menschheit in Gestalt renommierter wissenschaftlicher Koryphäen auf ihrem Gebiet in Tiefschlaf – um sie dann wieder daraus hervorzuholen, wenn die menschengemachte Kontamination der Atmosphäre (Auslöser dafür waren womöglich Kriege) wieder neutralisiert ist. Wenn es denn so weit kommt. Bewachen und Warten muss das Ganze natürlich auch irgendwer – zwei sagen wir mal Facility Manager, oder schlicht und ergreifend technisch versierte Hausmeister, die das Standby am Laufen halten. Die dürfen alle 6 Monate ebenfalls erwachen, um nach dem Rechten zu sehen. Und natürlich kommt, wie es kommen muss – die Technik versagt, und scheinbar nirgendwo gibt es Ersatzteile, um das Handwerkerduo wieder in Tiefschlag versetzen zu können. Ein Königreich für einen Baumarkt! Die Zeit drängt, denn nach zwei Stunden schaltet sich die automatische Sauerstoffzufuhr wieder ab.

Es ist ganz offensichtlich, dass die Technik in Air weit davon entfernt ist, mit dem Exodus zu fremden Planeten zu liebäugeln. Wir haben es hier mit Konsolen aus dem Fundus der antiken Enterprise zu tun. Ein Knopfgewusel und Herumgeblinke, selbst für stark Fehlsichtige nicht zu übersehen. Bildschirme aus der Prä-Apple-Klassik-Zeit. Und Videorecorder, um Aufgezeichnetes abzuspielen. In diesem Knöpfe- und Schalterkeller verrichten Walking Dead-Star Norman Reedus und Djimon Hounsou ihre Pflicht, und sie halten es gerade mal miteinander aus, wohlwissend, kurzerhand wieder weiterzuschlummern. Einer von den beiden hat aber ein Geheimnis, und das macht die ganze Szenerie durchaus interessant – wie es eben bei Zwei-Personen-Filmen interessant werden kann. Air ist ein sichtlich niedrigbudgetiertes B-Movie – angesichts des Equipments, das sich selbst für unsereins relativ schnell zusammenstellen lässt, vorausgesetzt, man hat einen Hobbykeller im Eigenheim und das Eingelegte lässt sich hinter Planen gut verbergen. Doch warum nicht – es kommt doch immer nur auf das Wie an. Und eine Idee dahinter, die natürlich zünden muss. Demzufolge hat das Science-Fiction-Kammerspiel nicht wirklich etwas falsch gemacht. Es ist ein kleiner Film, fast schon ein Intermezzo oder sagen wir ein Präludium zu etwas Größerem, zum eigentlichen Hauptfilm, der aber nie kommt. Eine solide Spielerei ist Air geworden, ein Filmchen unter Freunden, durchaus bedrückend, nicht weniger postapokalyptisch wie I am Legend oder der neuseeländische Endzeitthriller Quiet Earth. Zumindest gibts ein Backup im Dornröschenschlaf. Bleibt nur die Frage, welcher Prinz im Blaumann für den Aufwachkuss die Lippen schürzt.

Air

Eine Geschichte von Liebe und Finsternis

WEDER MILCH NOCH HONIG

5,5/10

 

geschichteliebefinsternis© 2016 Koch Media

 

LAND: ISRAEL, USA 2015

DREHBUCH & REGIE: NATALIE PORTMAN

CAST: NATALIE PORTMAN, GILAD KAHANA, AMIR TESSLER, OHAD KNOLLER U. A.

 

Aus dem Steckbrief von Natalie Portman die Frage: Welches ist ihr Lieblingsbuch? Die Antwort könnte klipp und klar lauten: Eine Geschichte von Liebe und Finsternis, nach den Kindheitserinnerungen von Amos Oz, und zum Gedenken an dessen Mutter. Portman, die hat für diese israelische Produktion alles selber gemacht, also zumindest das Wichtigste. Das wären Drehbuch, Regie und Hauptrolle. Beachtlich, das ist ganz schön viel Arbeit. Gut, dass sie Kamera und Schnitt jemand anderem überlassen hat. Wer so viel Herzblut und Arbeitszeit in einen Film investiert, muss vom zu erzählenden Stoff sehr angetan sein. Die gebürtige Israelin, die mit drei Jahren nach Amerika auswanderte, dürfte mit Amos Oz´ früher Geschichte irgendwie verbunden sein. Der mehrfach ausgezeichnete und mit Preisen überhäufte Israeli hätte Portmans Film womöglich noch sehen können – 2018 starb er an einem Krebsleiden.

Keine Ahnung, wie er diesen Film gefunden hätte. Hatte er Mitspracherecht bei dieser Inszenierung? Die Oscar-Preisträgerin passt jedenfalls sicher sehr gut zumindest mal in meine Vorstellung von einer intellektuellen, emotionalen und verträumten Mutterfigur, die sich nach der Flucht aus Polen in Jerusalem von allen ihren Träumen entledigt sieht. Dabei wollte Mutter Oz (eigentlich nur ein Künstlername, ursprünglich hieß die Familie Klausner) so viel aus ihrem Leben machen. So viel erreichen. Stattdessen gelingt das mehr schlecht als recht ihrem Gatten, der sich als Schriftsteller versucht und unwissentlich von Branchenkollegen unterstützt wird, indem sie seine Bücher aufkaufen – auch eine Form von Motivation. Das andere Ende der Fahnenstange ist die Mutter, die zusehends depressiver wird, an chronischen Kopfschmerzen leidet und irgendwann nur noch apathisch in der Gegend herumsitzt, egal ob es regnet, stürmt oder schneit, und irgendwann ganz einfach nicht mehr will. Wie war das bei Hape Kerkeling und seinem Jungen, der an die frische Luft muss? Ziemlich ähnlich. Dessen Mutter litt an einer Krankheit, bei welcher der Geruchs- und Geschmackssinn abhandenkommen. Kerkelings Biographie hat etwas unglaublich Trauriges – auch Amos Oz´ Biographie sollte dies haben, aber im Gegensatz zur Kinderausgabe des Komikers kommt man der Kinderausgabe von Amos Oz nicht wirklich nahe.

Der Mutter aber auch nicht. Manchmal ist es schwer auszuhalten, dieses Theatralisieren des eigenen Schicksals. Portman setzt sich selbst als märtyrerhafte Leidensfigur in Szene, als resignative, vom Soll-Leben enteignete Hoffnungslose. Der Junge tut, was er kann, um den Lebensstandard so, wie er ihn kennt und niemals anders gekannt hat, aufrechtzuerhalten. Was für eine schwierige Kindheit unter diesen Voraussetzungen. Was noch dazukommt, sind die politischen Unruhen, die britische Besatzung. Tage, die Geschichte geschrieben haben, gipfelnd in der Ausrufung des eigenen Staates und gefolgt von einem Krieg, den die Familie des Schriftstellers ungefiltert miterleben muss.

Natalie Portman verknappt diese Autobiographie in verdaulicher Spielfilmlänge und setzt ihren Fokus natürlich auf sich selbst, während Klein-Amos sowie dessen Vater um die häusliche Inkarnation des Leidens herumscharwenzeln und ihr Ding durchziehen. Ein Film über ein nachhallendes familiäres Trauma namens Mama, diese mit versteinertem Gesicht, harten Kontrasten, manchmal ein Lächeln, wie manisch-depressiv. Klar, dass Israel einen Film wie diesen großzügig finanziert, und klar, dass sie wollten, Portman solle in Jerusalem drehen, dafür gab’s dann noch einen Extra-Bonus. Amos Geschichte ist natürlich eine Zeitkapsel über den inneren wie äußeren Zustand eines fühlbar auserwählten, hart geprüften Volkes, dessen alte Generation vernichtet, und dessen neue das Potenzial hat, etwas aufzubauen. Doch Milch und Honig findet sich bis heute nicht.

Eine Geschichte von Liebe und Finsternis