Alles unter Kontrolle

WERNER IN THE MIDDLE

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AllesunterKontrolle

Ihr werdet lachen, oder vielleicht gar mit den Augen rollen, aber tatsächlich habe ich Werner Boothe vor einiger Zeit beobachten können – ohne dass er irgendetwas davon wahrgenommen hätte. Es war im dritten Wiener Gemeindebezirk, Ecke Ungargasse, Neulinggasse. Wahrscheinlich war er gerade aus nahegelegenem BILLA gekommen, oder einfach nur unterwegs gewesen zu einem Termin. Aber da hört mein Wissen auch schon wieder auf. Mit den Überwachungsapparaten der Supermächte kann ich leider gar nicht mithalten. Vielmehr bin auch ich Opfer davon – wie und in welchem Ausmaß, kann ich nicht sagen. Doch solange ich es nicht weiß, macht es mich ehrlich gesagt nicht heiß – denn ändern kann ich daran sowieso nichts. Und die Zeit, die ich dafür aufwenden müsste, um unentdeckt zu bleiben, habe ich beim besten Willen nicht.

Auch ein Mann der Öffentlichkeit wie Werner Boote wird daran nichts ändern – nur die Dinge hinterfragen und den Spuren nachgehen, die zu Big Brother führen. Das ist sehr informativ, neigt aber auch zur abendfüllenden Selbstdarstellung. Ähnlich wie Michael Moore oder Hanno Settele im Österreichischen Rundfunk ist sein erklärendes und interviewendes Konterfei omnipräsent. Im Gegensatz zu Dokumentarfilmern, die alles andere, nur nicht sich selbst, in den Mittelpunkt stellen. Da wäre Nikolaus Geyrhalter, der Spezialist für No Comment-Collagen. Aber auch der leider erst kürzlich verstorbene Michael Glawogger oder Darwins Nightmare-Macher Hubert Sauper. Alle drei sind und waren Aufklärer der Vernunft und des guten Gewissens. Stille Beobachter, Bilderpoeten und unbequeme Erforscher. Was aber nicht heißen soll, das Dokumentarfilmer wie Werner Boote nicht auch zu den wissensdurstigen Aufklärern gehören – nur ihre Art, Fragen beantwortet haben zu wollen, ist weitaus publikumsnäher und gefälliger. Auch eine Methode, keine Frage. Und sogar eine gern gesehene. Werner Boote ist einfach sympathisch, ein Entertainer und Vortragender. Einer, den man ohne Weiteres wochenlang an ausverkauften Abenden im Audimax antrifft. Das würden Sauper, Geyrhalter und Co eigentlich nie tun. Maximal eine Podiumsdiskussion nach der Premiere, denn nicht jeder ist zur Rampensau geeignet. Boote hingegen schon. Und er hat Charme, den er einzusetzen weiß, im Gegensatz zu Michael Moore, der meist mit der Tür ins Haus fällt und erfolgreich so tut, als würde er anderen zuhören. Das ist die Gefahr beim Doku-Entertainment – dass es letzten Endes um den Dokumentierenden geht, mit all seinen Ansichten. Und weniger um die Sache selbst.

Klar, auch Filmjournalisten sollen eine Meinung haben, und diese auch vertreten. Aber die Kunst des sachlichen Filmes liegt darin, das Ergebnis nicht vorzufertigen, sondern für den interessierten Zuseher unbewertet zu lassen. Offen, interpretier- und auswertbar. Gerade das macht Dokus spannend. Und ja, das gelingt auch Alles unter Kontrolle, Bootes dritter filmischer Expedition in den menschlichen Kosmos. Mit Spaß an investigativem Nachwassern und verfolgt von der eigenen Kamera trifft der graumelierte Intellektuelle auf Personen unterschiedlichster Art, spricht mit Opfern und versuchsweise mit „Tätern“. Mit IT-Experten und dem Wachpersonal vor der NSA-Zentrale. Zwischendurch setzt der Film auf augenzwinkernde Showelemente und einem Siri-ähnlichen Dialogpartner aus dem Off. Alles zusammen entschärft die Klaustrophobie des Themas und malt zum Glück den Teufel nicht an die Wand, sondern gefällt mit populärwissenschaftlichem Aufklärungsjournalismus, der den Horizont erweitert und Aufschluss gibt, ohne anstrengen zu müssen. Boote ist der ideale Dokufilmer, der das Zeug dazu hat, den Mainstream dazu animieren, ins Kino zu gehen – auch wenn daheim dok.1 oder Universum läuft.

Alles unter Kontrolle ist wiedermal ein Film, der zeigt, dass das Genre der bewegten Sachkunde längst nicht trocken sein muss, um die Zustände auf unserem Planeten besser zu veranschaulichen. Zwar nicht künstlerisch hochwertig und was weiß ich wie innovativ, aber mindestens so unterhaltsam wie ein ausverkaufter kabarettistischer Vortrag an der Uni, allerdings mit fachlichen Untertönen.

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