Bloody Tennis (2026)

SUSPIRIA IM FILZBALL-CAMP

3/10


Sandra Guldberg Kampp schwingt das Racket im Film Bloody Tennis
© 2026 Filmladen Filmverleih


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND 2026

REGIE / DREHBUCH: NIKIAS CHRYSSOS

KAMERA: CONSTANTIN CAMPEAN

CAST: SANDRA GULDBERG KAMPP, ELINA LÖWENSOHN, HELENA ZENGEL, ZLATKO BURIĆ, VINCENT ROMEO, TRACY GOTOAS, LILY TAÏEB, JULIANA VIEIRA-GUERRA, LUCIE ZHANG U. A.

LÄNGE: 1 STD 35 MIN


Wenn Zlatko Burić, dem Tom Cruise in Digger szenenweise richtig ähnlich sieht, als grantelnder Tennislehrer die KO-Spiele seines Jungmädchen-Clubs kommentiert, sind das zumindest noch die am besten funktionierenden Szenen in einem eigenwilligen Verschwörungs-Mystery-Sonstwas-Thriller, der sich in unverhohlener Trittbrettfahrerlust an Dario Argento anbiedert – insbesondere an Suspiria.

Wir erinnern uns: Eine Tanzschule in Westberlin zur Zeit der Mauer ist Tarnung einer teuflischen Sekte, die den Leibhaftigen beschwört und die Tänzerinnen dazu benutzt, diesen am Leben zu erhalten. Auch Luca Guadagninos Remake spart nicht mit grell-blutigem Finale – bis es so weit kommt, blüht uns allerlei Suspense. In Bloody Tennis zeigt man zumindest nicht konkret auf den Teufel höchstpersönlich, doch irgendetwas ist auch hier im Gange – und ganz ehrlich: Man will es eigentlich gar nicht so genau wissen.

Man muss doch nicht gleich die Eltern anrufen

Als gute Wahl gilt zumindest die Location in Nikias Chryssos‘ neuem Film. Ein ehemaliges Kloster auf Gran Canaria dient als Kulisse, weitab vom Schuss inmitten der Wüste. Dort soll die Mary Tyrone Tennis Academy untergebracht sein, geleitet von ebenjener, die von Elina Löwensohn verkörpert wird und die ein Gefühl absolutistischer Langeweile vermittelt, da die Dame den ganzen Tag sonst nichts zu tun hat außer die Monitore ihrer Überwachungskameras zu inspizieren. Tut sie das mal nicht, lächelt sie keck und allwissend, wenn mit unlauteren Mitteln der Leistungssport Sieger und Verlierer ermittelt. Blut sehen kann man am Tenniscourt nämlich schon früh, und Blut ist auch Teil des Programms. Egal, ob Reißnägel in den Schuh gestreut wurden oder der Knöchel lautstark knickt. Es wird weitergespielt auf Teufel komm raus.

Den jungen Frauen scheint das alles recht – auch der scheußlich schmeckende morgendliche Umtrunk, der aussieht wie Rote-Rüben-Saft, aber womöglich aus menschlichen Überresten mancher Verliererinnen gebraut ist, wer weiß das schon so genau. Und man will auch das nicht so genau wissen. Denn Bloody Tennis ist vor allem eins: unmotiviert.

Eine Sportart, für die man alles geben sollte

Es liegt, wie wir wissen, nicht an Zlatko Burić, sondern wohl eher an einem Plot, der sich ungehemmt an bereits etablierten Beispielen des Giallo und der Young-Adult-Mystery bedient, aber überhaupt nicht am Sportfilm.

Tennis ist in Bloody Tennis nur eine Behauptung. Chryssos filmt das Ganze so, dass die Matches kaum nachvollziehbar bleiben. Viel eher sind die Verletzungen das, woran man sich ergötzen sollte, und nicht der Tennissport. Von dem Gefühl, eine Leistung erbringen und besser sein zu wollen als die anderen, lässt sich kein einziger Vibe empfinden.

Warum die jungen Mädchen, darunter auch „Systemsprengerin“ Helena Zengel, hier gegeneinander wetteifern, erschließt sich ihnen wohl selbst nicht. Vielleicht ist es einfach nur Frust, weil sie alle einem Ehrgeiz entsprechen müssen, den sie nicht empfinden. Es scheint fast so, als wäre Tennis eine Variable, denn keine hat die Lust, das Spiel auch zu spielen.

Knapp im Out ist leider auch daneben

Will man der Geschichte die Ambition andichten, dass man für Höchstleistungen Opfer bringen muss, nur eben nicht die eigenen, geht die Rechnung nicht auf. Schon viel zu oft sind Hunger, Blut, Kannibalismus und das Sich-Einverleiben der Stärke anderer zitiert worden. Szenen wie diese wirken nur noch pflichtbewusst in Szene gesetzt. Das Netz des mit Katzendarm fein gesponnenen Rackets hängt durch, die Mädels hängen durch, Löwensohn bleibt auf provokante Weise eine unheilverkündende Tachiniererin. Letztlich ist Bloody Tennis genau das: ein Vorbilder imitierendes Low-Budget-Trainingscamp, in dem nichts, was passiert, durch höhere Ziele gerechtfertigt wird.

Bloody Tennis (2026)

AnyMart (2026)

TOTALITARISMUS IM SONDERANGEBOT

7/10


Shôta Sometani folgt den Regeln im Film Anymart
© 2026 Slash Filmfestival


LAND / JAHR: JAPAN 2026

REGIE / DREHBUCH: YUSUKE IWASAKI

KAMERA: MAO OHKAWARA

CAST: SHÔTA SOMETANI, ERIKA KARATA, MASAHIKO NISHIMURA U. A.

LÄNGE: 1 STD 28 MIN



Ein Trailer, der nichts preisgibt

Zeig mir den Trailer, und ich sag dir, ob ich mir den Film ansehe: Das, was man vorab von AnyMart zu sehen bekommt, wird wohl niemanden so schnell dazu bewegen, ins Kino zu gehen. Wir sehen einen Japaner, womöglich Mitte zwanzig, irgendwo an einer Supermarktkassa irgendeiner Lebensmittelkette, daher auch der Titel: AnyMart.

In so einem Laden steht da einer und schaut – ausdruckslos, gelangweilt und fast schon wie in Trance. Diese Gleichgültigkeit nahe am Gehirn-Standby hat auch etwas Bedrohliches. Langsam fährt die Kamera näher, als würde gleich in der nächsten Sekunde etwas Entsetzliches passieren. Doch es ist nur dieser Mann, der während des Wartens auf Kundschaft vor sich hin starrt. Was will uns dieser Trailer damit sagen?

Endstation Supermarkt?

Ist es die Ruhe vor einem Amoklauf? Aufgestauter Frust? Ermüdung angesichts der Uniformität verpackter Hühnerteile? Bedient AnyMart das Gerücht oder vielleicht das Klischee, dass im gehorsamen Mikrokosmos eines Supermarktes ein Tag wie der andere ist, jede Woche wie die nächste und jedes Jahr wie das darauffolgende? Dass es zwischen Kassa, Rabattaktionen und dem Nachschlichten von Waren nichts gibt außer das Vakuum eines zomboiden Konformismus, den das Management vorschreibt?

Das Urteil, das AnyMart über eine gesamte Branche fällt, ist aber nur eine Metapher für etwas ganz anderes. Und zwar für ein System aus Regeln, Normen und Disziplin. Ist dieses Konstrukt erstmal geschaffen, lässt sich das Individuum so sehr unterordnen, dass es nicht mehr zu denken braucht.

Die totale Kontrolle

In diesem kleinen Lebensmittelladen arbeitet der bereits aus dem Trailer bekannte Sakai – es stellt sich heraus: Völlig eingelullt von der Tristesse des Alltags ist er noch nicht, doch er folgt brav den Anweisungen seines Vaters, dem das Geschäft gehört. Dieser sitzt vorwiegend in einem schmalen Hinterzimmer vor dem Bildschirm und beobachtet seine Bediensteten, er ist Herr über Recht und Ordnung. Was er sagt, ist Gesetz. Selber denken darf hier keiner, sondern ausschließlich befolgen, was zu tun er aufträgt. Ein Big Brother im Kleinformat.

Die totale Unterdrückung

Diese Starre des Systems ist unerbittlich. Nichts bewegt sich, jede Abweichung wird geahndet. Und dann kommt Ogawa, eine engagierte junge Frau, die sich so viel Geld dazuverdienen will, um nach ihrer Ausbildung zur Friseurin einen eigenen Laden zu eröffnen. Siehe da, da hat jemand Ambitionen. Da denkt jemand selbst. Auch gegenüber dem AnyMart versucht es ein Einzelunternehmer mit Quiches aller Art.

Der Konformismus schlägt jedoch überall zu, das Individuum zählt nichts, die Furcht und die Abscheu vor Ideen brennen auch das letzte Fünkchen Hoffnung auf selbstbestimmten Erfolg nieder. Wie unbarmherzig lässt diese triste Dystopie eines Arbeitsmarkt-Horrors die Peitsche knallen. Schwarzhumorig kann man das nennen, oder aber auch zutiefst zynisch. Das leise Aufbegehren gegen Windmühlen mag gar nie zu einer Revolution ausarten, denn unter den Teppich gekehrt wird, was das System fehlerhaft erscheinen lässt.

Anders gedacht ist schon halb verloren

Der ebenfalls besondere und außerhalb der Wahrnehmung existierende Geheimtipp Corner Office schickt Jon Hamm statt in den Supermarkt ins Büro, um dort einen imaginären Raum zu entdecken, der die Leistungsfähigkeit beflügelt. Gern gesehen wird das Ausscheren aus der Reihe dort genauso wenig wie im japanischen Plastikverpackungs-Eldorado. Während Corner Office als smarte Mystery daherkommt, taucht AnyMart resignierend in die Finsternis ab.

Dabei zündet Regiedebütant Yusuke Iwasaki für seinen ersten Spielfilm eine lange Lunte. Die repetitive Trostlosigkeit der Existenzen mag in ihrer ereignislosen Nüchternheit beunruhigen – und ja, AnyMart bleibt selbst unbeweglich und starr in der Schilderung tödlichen Starrsinns in einer Vorhölle aus Ordnung, die keinen Widerspruch duldet.

Der wohl bitterste Film des ganzen Slash Filmfestivals ist ein Spätzünder und wirkt mit einiger Verspätung erst so richtig nach wie Muskelkater. Als hätte man sich halb zu Tode geschuftet und wüsste gar nicht mal, wofür.

AnyMart (2026)

The Change (2025)

POLITIK FRISST FAMILIE

6/10


© 2025 Tobis Film


ORIGINALTITEL: ANNIVERSARY

LAND / JAHR: USA 2025

REGIE: JAN KOMASA

DREHBUCH: LORI ROSENE-GAMBINO

KAMERA: PIOTR SOBOCIŃSKI JR.

CAST: DIANE LANE, KYLE CHANDLER, PHOEBE DYNEVOR, ZOEY DEUTCH, MCKENNA GRACE, DYLAN O’BRIEN, DARYL MCCORMACK, MADELINE BREWER, MAYA O’SHEA U. A.

LÄNGE: 1 STD 52 MIN



Wenn du nicht dafür bist, dann bist du dagegen! Nach dieser Prämisse soll auch der neue Film von Jan Komasa funktionieren, der mit seinem Klerus-kritischen, polnischen Lokalkolorit-Drama Corpus Christi sogar bei den Oscars für Aufsehen sorgte. Lang hat’s gedauert, bis der polnische Filmemacher wieder auf die Leinwand kam, diesmal mit einem destruktiven Polit- und Familiendrama namens The Change. Davor hat sich Netflix die Rechte für seinen wohl stärksten Film gesichert: The Hater. Im Vergleich dazu fällt The Change auffallend substanzlos aus, während Komasa in seinem Social-Media-Horror zumindest versucht, die Mechanismen hinter geschürtem Hass, Manipulation und in die Wege geleiteten Terror auf eskalierende Weise abzubilden. Das Eskalierende hat auch in The Change seinen hohen Stellenwert. Alles gerät hier aus den Fugen – Ordnung, Werte, jeglicher Kodex und vor allem eines: jegliche Bereitschaft zum Dialog. Wo kein Dialog, da auch kein Umdenken. Wo kein Austausch, sondern nur abwehrende Polemik, da auch kein Miteinander. Man erkennt das leicht bei gewissen Oppositionsparteien, die ihre eigene Existenzberechtigung einfach nur damit rechtfertigen, die Ideen der Konkurrenz abzulehnen.

So endet die Demokratie

Apropos Parteien: Wie ist das, wenn es keine Parteien mehr gäbe? Eine Kein-Parteien-Politik; eine Gesellschaft, die aus sich selbst heraus regiert und lediglich Einzelpersonen in eine Art Parlament schickt, die wiederum was vertreten? Ihr persönliches Weltbild? Irgendwie müssen auch die einen Konsens finden, denn wenn einer allein regiert, wird das ganze zur Diktatur oder gar zum totalitären Staat, den wir aus der Geschichte leider zur Genüge kennen. In The Change – im Original noch treffender mit Anniversary betitelt, da sich dieser auf die einzelnen Kapitel des Films bezieht, die stets an einem familiären Jubiläum stattfinden – spielt Phoebe Dynevor (Fair Play) die ehemalige Studentin von Dr. Ellen Taylor (Diane Lane), die zu deren Leidwesen am Tag der silbernen Hochzeit an der Seite ihres Sohnes antanzt. Wieso zum Leidwesen? Nun, diese gewisse Elisabeth Nettles, wie sich Dynevors Filmfigur nennt, hat schon damals, bevor sie von der Uni flog, eine Master-Thesis verfasst, die sich mit radikalen politischen Ideologien beschäftigt. Nichts für die liberale, linksdenkende Taylor – und jetzt auch noch das: Nettles hat ihre Gedanken längst zu Papier gebracht und verlegen lassen, als The New Social Contract, mit dem aussagekräftigen und interpretierbaren Titel, den der Film trägt.

Mehr hat es nicht gebraucht, und der Bestseller schlägt Wellen, bis in die obersten Ränge der Politik, bis zum letzten kleinen Mann und zur letzten kleinen Frau – alle feiern dieses Buch, während Familie Taylor immer mehr im Chaos versinkt. Die Abwärtsspirale ist enorm, und Jan Komasa bremst hier, obwohl in Jahresschritten, keine noch so erschütternde Veränderung aus. Wie in einem der schärfsten Stücke eines Peter Turrini oder Edward Albee zerpflückt The Change die Grundpfeiler und Prinzipien einer Familie, bis nur noch Fetzen übrig sind. Die politischen Ideologien des Buches werden zur staatstragenden Macht. Was genau das für welche sind, scheint nicht wichtig. Und das ist auch das Grundproblem eines Films, der die Konsequenzen des Niedergangs einer Demokratie abbilden möchte, dabei jedoch selten bis niemals hinter die Symptomatik blickt.

Finger weg vom Diskurs!

Was ist das denn genau für eine politische Idee? Wie setzt sie sich zusammen, wie funktioniert sie? Ist es Kommunismus, ist es faschistoides Gedankengut? Was ist es? Der augenscheinlichen Intelligenz von Diane Lanes Figur zum Trotz liegt die Grundproblematik dieses Untergangs in einer nicht vorhandenen Diskussions- und Kommunikationskultur. Verbohrte Meinungen, kompromissloser Widerstand auf allen Seiten. The Change zeichnet recht oberflächlich diesen Wandel nach, dessen Manifest niemanden interessiert, vor allem nicht Komasa – die Dekonstruktion einer vormals intakten Familie bleibt aber erschütternd genug, um nicht ein gewisses, kloßähnliches Unbehagen zu verspüren, wenn die Welt mit ihren demokratischen Werten allmählich verblasst. Vielleicht ist es auch egal, was den Ausschlag dazu gegeben hat, vielleicht geht es auch nur um die Befreiung der Freiheit und dessen Verschwinden, um den Terror eines Überwachungsstaats und die Sinnlosigkeit, seinen Werten treu zu bleiben.

Beklemmend und nihilistisch? Ja, das ist es. Als grimmiger Warnhinweis funktioniert The Change somit allemal, als Worst Case-Schreckgespenst und politischer Alptraumverursacher. Als gesellschaftspolitische Auseinandersetzung mit radikalem Gedankengut nur bedingt, weil einzig der Endeffekt die richtigen Emotionen erzeugt.

The Change (2025)

Die Saat des heiligen Feigenbaums (2024)

DAS SYSTEM ENTWAFFNEN

7/10


saatdesheiligenfeigenbaums© 2024 Films Boutique / Alamode Film


LAND / JAHR: IRAN, DEUTSCHLAND, FRANKREICH 2024

REGIE / DREHBUCH: MOHAMMAD RASOULOF

CAST: MISSAGH ZAREH, SOHEILA GOLESTANI, MAHSA ROSTAMI, SETAREH MALEKI, NIOUSHA AKHSHI, REZA AKHLAGHI, SHIVA ORDOOEI U. A.

LÄNGE: 2 STD 48 MIN


Wenn Filmemachen weitaus mehr bedeutet, als nur zu unterhalten und den großen Reibach zu lukrieren, hat das meistens etwas mit einer politischen Agenda zu tun – einem stark motivierten Ansinnen, einen Missstand in die Welt hinaus zu posaunen, der nur darauf wartet, behoben zu werden. Das Medium Kino hat dabei ordentlich Stimme, lauter noch als es Bücher vermögen. Lauter noch, als es in nüchterner und objektiver Sicht die Korrespondenz eines Nachrichtensenders zuwege bringt. Denn dort, wo die allgemeinen Fakten enden, beginnt das Einzelschicksal. Und womit nur lassen sich Verbrechen greifbarer schildern als anhand eines Anschauungsbeispiels, einer Probe aufs Exempel innerhalb des Systems Familie. Sie wird in Die Saat des heiligen Feigenbaums zum Versuchsobjekt und zur Metapher eines akuten gesellschaftspolitischen Dilemmas, das entsteht, wenn eine Nation es verabsäumt, agile Politik von statischer Religion zu trennen. Ersteres braucht Bewegung und Anpassung, um mit der Zeit und dem Willen des Volkes zu gehen. Zweiteres darf sich rühmen, auf ewig dieselben Gesetze zu verkünden, weil, so meint man, Gottheiten es so wollen. Oder noch besser: Weil Gottheiten es befehlen.

Beides, Politik und Religion, bringt man nicht zusammen. Was beide aber gemeinsam haben, ist, als Werkzeug für Macht und Kontrolle zu fungieren. Die Theokratie im Iran wird es niemals dulden, Frauen jene Freiheit einzuräumen, die es ihnen ermöglicht, in der Öffentlichkeit sie selbst zu sein. Grotesk ist es da schon längst, wenn der Hijab nicht sitzt und es Strafen regnet. Als staatliches Verbrechen muss man sehen, wenn die freie Meinung Tod und Verderben nach sich ziehen. Der Mensch ist auf die Dauer nicht dafür gemacht, derartige Ungerechtigkeiten zu erdulden. Was folgt, sind Demonstrationen, die immer mehr auf Widerstand stoßen. Und während der Widerstand wächst, wächst auch die Revolution – mit Worten, Gesten und unmissverständlichen Statements. Als die 22jährige Iranerin Jina Mahsa Amini von der islamischen Sittenpolizei verhaftet wird, weil ihr Kopftuch nicht richtig sitzt, und dabei ums Leben kommt, scheinen die Proteste kein Halten mehr zu kennen. In dieser Zeit, und das beschreibt nun Mohammad Rasoulofs Film, der im Geheimen gedreht und gerade noch fertiggestellt wurde, bevor der Filmemacher blitzartig das Land verlassen musste, um einer Gefängnisstrafe zu entgehen, wird Filmvater Iman (Missagh Zareh) zum Ermittlungsrichter befördert. Es winken ein größeres Heim, mehr Geld, mehr Ansehen und eine Dienstwaffe. Denn man weiß ja nie, was einem Richter widerfährt, der Demonstranten zum Tode verurteilen muss. Womit Iman nicht gerechnet hat, ist das Mehr an Verhaftungen, die es nun abzuarbeiten gilt. Und dabei sind nicht selten die Interessen anderen wichtiger als das humanitäre Recht des Angeklagten. Während dieses beruflichen Umbruchs muss Mutter Naijmeh (Soheila Golestani) ihren Töchtern einbläuen, sich von jedweder Demo fernzuhalten. Das wäre nämlich gar nicht gut für Papa, und sowieso ist die ganze Familie im Fokus des Regimes – kein Fehler darf erlaubt sein. Als wären diese Umstände nicht schon prekär genug, gewährt Tochter Rezvan (Mahsa Rostami) einer verletzten Demonstrantin Zuflucht, während Iman von heute auf morgen seine Pistole nicht mehr findet. Spätestens jetzt ist Gefahr im Verzug, denn der Verlust der Dienstwaffe würde zu Repressalien führen. Vielleicht auch zu Gefängnis.

Mohammad Rasoulofs Film ist alleine schon deswegen bemerkenswert, weil er andere Beweggründe nennt, um gemacht worden zu sein. Aufklärungsarbeit könnte man die Sache nennen, politisches Manifest und schmerzliches Gleichnis eines Überwachungsstaats, der seine Saat ausbringt, die an jene eines Feigenbaums erinnert. Und auch da wird klar: Ein Feigenbaum schafft es, seinem Wirt, um den er wächst, all seine Energie zu entziehen. Diese Form von Politkino rezitiert nicht nur Geschichte als betroffen machendes Abbild einer vielleicht vergangenen Notlage. Dieses Form von Politkino wird zum Instrument eines Aufstands, indem es deutlich macht, wie sehr die toxische Herrschaft des Ali Chamenei seine Paranoia schürenden Methoden bis in die letzten Winkel einer funktionalen Familie streut. Das System wuchert wie Schimmelpilz über den einzelnen und macht sich langsam und schleichend über den Patriarchen her, der, in die Ecke gedrängt, den politischen Horror übernimmt, um ihn gegen seine Liebsten einzusetzen.

Langsam, ganz langsam dreht Rasoulof den Schraubstock zu. Alltägliches wird zur Schandtat, deren Verursacher zur Rechenschaft gezogen werden muss. Immer tiefer dringt der Film in den Mikrokosmos von Vertrauen, Liebe und Gemeinschaft und korrumpiert so gut wie alle Werte, die dem freiheits- und friedliebenden Menschen so eigen sind. Anfangs wähnt man sich noch in einem gediegenen Familiendrama vor dem Hintergrund politischer Unruhen – wortgewandt, präzise und nüchtern wie ein Film von Michael Haneke. Später aber kippt das Werk in den Verfolgungswahn und wird zum Psychothriller, der längst verlässliche Normen aushebelt. Rasoulof führt eine scharfe Klinge, fast schon stoisch und distanziert. Dann aber kann er nicht anders, all die Emotionen brechen sich Bahn. Das Gleichnis wird vollzogen bis zur bitteren Konsequenz. Mag sein, dass Rasoulof dabei seinem Stil zwar treu bleibt, den Rhythmus und die Tonalität aber verändert, um die zersetzenden Symptome klarer erkennbar zu machen. Man wünscht, er hätte es bereits etwas früher getan, und hätte nicht so viel Zeit damit zugebracht, den Stein ins Rollen zu bringen. Verzetteln wäre ein Wort dafür, doch wenn es ganz plötzlich – und irgendwie hat man es auch kommen sehen – darum geht, das System zu entwaffnen, um einen Ausgleich zu schaffen, wird die entwendete Dienstwaffe zum Auge eines Tornados, in dessen tosender Energie eine Familie ins Chaos stürzt.

Die Saat des heiligen Feigenbaums (2024)

Happyend (2024)

NUR ZU EURER SICHERHEIT

5/10


Happyend© 2024 Viennale


LAND / JAHR: JAPAN, USA 2024

REGIE / DREHBUCH: NEO SORA

CAST: YUKITO HIDAKA, HAYATO KURIHARA, YUTA HAYASHI, SHINA PENG, ARAZI, KILALA INORI, PUSHIM, AYUMU NAKAJIMA, MAKIKO WATANABE, SHIRŌ SANO, MASARU YAHAGI U. A.

LÄNGE: 1 STD 53 MIN


Die nahe Zukunft lässt sich in Japan kaum von der Gegenwart unterscheiden. Es sind nur einige technische Gimmicks, die anders sind. Die Politik der Minderheiten scheint rigoroser und intoleranter, die Überwachung deutlich stärker. Doch was weiß ich denn so genau über Japan. Ich war noch nie dort, und müsste daher im Bekanntenkreis recherchieren, wie sehr der Inselstaat in seiner eigenen Zukunft bereits angekommen ist oder diese gar überholt hat. Die Mentalität Japans lässt sich des öfteren anhand strenger gesellschaftlicher Konzepte betrachten, in diesem Fall am Konzept der Schule und des Schulwesens. Doch anders als im Film Monster von Hirokazu Koreeda, der letztes Jahr auf der Viennale lief, handelt Happyend von Newcomer Neo Sora nicht von Schuld, Wiedergutmachung und Reputation, sondern schwimmt, diffus im Hintergrund, im Themenpool einer Sicherheitspolitik, die völlig berechtigt und aus panischer Angst vor den Kräften der Natur die Erdbebenprävention auf die Spitze getrieben hat. Doch nicht nur höhere Mächte geben den politischen Mächten die Legitimation, mit den Bürgern so umzuspringen, wie sie es gerne hätten, indem sie diese in ein Regelkorsett stecken, das keinerlei verhaltenstechnische Freiheiten mehr erlaubt. Ordnung ist im Japan der nahen Zukunft das halbe Leben, und so wird der schulische Schabernack einer fünfköpfigen Clique, die, kurz vor ihrer Volljährigkeit und dem Start ins autonome Leben, dazu verwendet, ein Überwachungssystem zu installieren, das an Big Brother erinnert und die Individuen dauerscannt, um sie bei welchem kleinen Vergehen auch immer einem Punktesystem zu unterwerfen. Ab zehn Schlechtpunkten werden die Eltern einbestellt. Man kann sich vorstellen, was passiert, wenn sich der Wert verdoppelt. Dieses Werten erinnert mich an das Ordnungssystem in Hogwarts aus Rowlings Harry Potter-Romanen. Allerdings konnte man dort zumindest Pluspunkte sammeln, während im futuristischen Japan nur der Ungehorsam beachtet wird. Diesem System will sich die Gruppe aber nicht aussetzen, doch dagegen etwas zu unternehmen, würde nur gelingen, wenn alle an einem Strang ziehen. Was sie nicht tun. Schließlich hat jeder und jede der fünf andere Prioritäten, die es zu verfolgen gilt. Und andere Ziele für die Zeit nach dem Abschluss.

Neo Sora macht aus seiner angekündigten Social-Fiction-Dramödie ein gemächliches Coming Of Age-Drama im Highschool-Milieu, die Freundschaft von Kou, Yuta, Ata-chan, Ming und Tomu stehen im Mittelpunkt. Alle fünf sind grundverschieden, und dennoch stets gemeinsam unterwegs. Da im grunde nur Kou das Ideal einer gesellschaftlichen Revolution verfolgt, und Ata-chan nur allerhand Schabernack im Sinn hat, wie zum Beispiel die Nobelkarosse des Schuldirektors hochkant aufs Heck zu stellen (wie er das gemacht hat, wird nie erklärt), hat Happyend niemals die Priorität, das Problem der totalen Kontrolle mit expliziter Strenge anzupacken. Was hätte man aus dieser Vision nicht alles machen können, wie radikal hätten andere Filmemacher hier wohl gefuhrwerkt – andererseits: dass selbst Happyend in einigen Kreisen Japans laut Sora auf Empörung stieß, sagt vieles darüber aus, wie weit man in diesem Land gehen kann, um Missstände aufzuzeigen oder drohendes Unheil wie den Teufel an die Wand zu malen, ohne die Subvention zu verlieren. Ryusuke Hamaguchi versteckt seine Gesellschaftskritik lieber in Metaphern, Neo Sora versteckt sie hinter der dahinplätschernden Komödie über junge Menschen, die ihre Gemeinschaft auf dem Spiel stehen sehen. Die totalitäre Kontrolle mag da ein unangenehmer Faktor im Hintergrund sein, doch die Auseinandersetzung damit bleibt zu halbherzig und versöhnlich, um mit diesem Film wirklich etwas bewegen zu können.

Happyend (2024)

Capone

AM ENDE DIE DÄMONEN

6/10


capone© 2020 Leonine


LAND / JAHR: USA 2020

BUCH / REGIE: JOSH TRANK

CAST: TOM HARDY, LINDA CARDELLINI, MATT DILLON, KYLE MACLACHLAN, AL SAPIENZA, NOEL FISHER U. A. 

LÄNGE: 1 STD 44 MIN


„Was unterscheidet Adolf Hitler von Al Capone?“ wird während des Films mal einfach so in den Raum gestellt. Als saloppe Antwort: „Al Capone lebt noch“. Allerdings fragt sich, ob der Tod nicht wohl auch bei Al Capone die bessere Wahl gewesen wäre. Denn so, wie der ehemalige Gangsterboss und Schwerverbrecher das letzte Jahr seines Lebens fristet, will womöglich niemand seinen Endspurt ins Nirvana gestalten. Man könnte hier ja leicht meinen, der Mann hätte es verdient, vor allem in Anbetracht dessen, dass der Staat dem wohl berühmtesten Gefangenen von Alcatraz maximal Steuerhinterziehung nachweisen konnte. Und es ist somit auch kaum zu glauben, dass ein stattlicher Mann wie er mit 48 Jahren bereits vor sich hinsiecht wie ein steinalter Greis, der aber umringt zu sein scheint von all den Geistern und Dämonen, die er wohl Zeit seines Lebens gerufen hat.

Das letzte Jahr aus Al Capones Leben. Will das eigentlich irgendwer sehen? Gut, das traurige Finale Grande von Oscar Wildes Leben gibt es schon (The Happy Prince), mit Stephen Fry im Delirium, ebenfalls von Geistern umgeben, allerdings nicht von solchen, die Angst einjagen. Über die letzten Tage (Last Days) von Curt Cobain hat sich Gus van Sant auch nicht nehmen lassen zu sinnieren. Man sieht, es gibt schon eine Handvoll solcher letzter Kammerspiele, Gedanken und Monologe. Und letzter Worte, wenn man will. Oder einfach nur Schweigen. Tom Hardy legt seine Figur, die er, so scheint es, prinzipiell abzulehnen scheint, nicht wirklich viele Worte in den Mund. Meistens murrt und brummt er, aufgrund zweier Schlaganfälle ist da gar nicht mehr möglich. Hardy, sowieso ein schweres schauspielerisches Kaliber, zieht diesen ehemaligen Finsterling direkt mokierend ins Groteske, lässt ihn sabbern, stürzen und spucken, in seinen eigenen Exkrementen liegen und sitzen, stets mit Zigarre als letzter Strohhalm vor der totalen Erniedrigung. Hardy ist die Lust an der Clownerie nicht abzuerkennen. Auch nicht die Ambition, vielleicht ein bisschen so sein zu wollen wie Marlon Brando in seiner Paraderolle als Pate Vito Corleone. Doch den hat schlicht und ergreifend der Herzinfarkt ereilt, während Al Capone leiden muss, und das nicht nur, bis der Arzt kommt, sondern noch darüber hinaus.

Nochmal: Will das eigentlich irgendwer sehen? Josh Trank, Regisseur des Independent-Superheldenhits Chronicle und auch verantwortlich für das missglückte Reboot der Fantastic Four, hat sich zum biographischen Ende von Al Capone so seine Gedanken gemacht – und dessen innere Konfusion mal alptraumhaft, mal märchenhaft, mal komödiantisch illustriert. Und dennoch wird man das Gefühl nicht los, eine voyeuristische Freakshow zu sehen, die das Zusammenbrechen eines Menschen auf marktschreierische Weise auf die gebohnerten Dielen eines immer leerer und leerer werdenden Märchenschlosses bringt.

Viel Handlung hat Capone eigentlich nicht. Es ist das Psychogramm eines letztendlich Verfluchten, der im Gegensatz zu einem Ebenezer Scrooge den Bonus der Selbsterkenntnis nicht mehr für sich nutzen kann. Die Geister, die Al Capone heimsuchen, nagen mit Freude am schlechten Gewissen und holen sich ihren Tribut. Vielleicht aber kann ihn sein unehelicher Sohn davon erlösen, der immer mal wieder aus Cleveland anruft, wie der gute Engel aus dem Jenseits, der den kaputten Knacker endlich abholen soll.

Trank verliert sich dabei in assoziativen, manchmal verstörenden Traumsequenzen, die mit der Realität verschwimmen. Und so ist nie ganz klar, was genau von dem, was wir hier sehen, tatsächlich passiert und was nicht. Schmählich geht das Scheusal in seinem ganz eigenen St. Helena zugrunde, wie seinerzeit Napoleon, Kriegsherr und Kaiser.

Capone ist eine bitter-verspielte Groteske einer letzten Schmach, sperrig und seltsam sinnlos. Wie ein gelebtes Leben niemals sein sollte.

Capone

Captive State

TERROR FÜR DEN GUTEN ZWECK

5/10


captivestate© 2019 eOne Germany


LAND: USA 2018

REGIE: RUPERT WYATT

CAST: JOHN GOODMAN, ASTHON SANDERS, JONATHAN MAJORS, VERA FARMIGA, KEVIN DUNN, KIKI LANE U. A. 

LÄNGE: 1 STD 51 MIN


Was wäre gewesen, wenn die fiesen Aliens in Emmerichs Independence Day die Schlacht um den Planeten gewonnen hätten? Genau genommen nichts mehr, denn die Invasoren hätten uns ausradiert. Aber was, wenn diese Aliens letzten Endes doch hätten Milde walten lassen. Was dann? Dann wäre womöglich das passiert, was in Captive State schon seit neun Jahren den Alltag der Menschheit prägt: ein Leben unter der Fuchtel einer fremdartigen Rasse, einer Übermacht, die nur mit dem Finger (sofern sie welche hätte) zu schnippen braucht, schon wären wir ausgelöscht. Ein Leben unter solchen Bedingungen wird irgendwann zur Normalität, wenn doch die im Polit-Sprech verharmlosten Legislatoren auf Harmonie, Wohlstand, Gleichberechtigung und Frieden setzen. Das ist natürlich keine Kunst, diese Werte durchzuboxen, wenn jeder eine Wanze unter seinem Schlüsselbein trägt, die jeden Handgriff registriert. Zum Glück sind noch die Gedanken zollfrei, also wäre es nicht die unterjochte Spezies Mensch, würde sich nicht irgendwo Widerstand regen. Ganz so wie in Star Wars. Dieser Widerstand ist wie ein Funken, der das Streichholz… ja ganz genau, das hat schon Poe Dameron in The Last Jedi gesagt, das sagen nun auch die Rebellen hier, die als Terrorzelle den im Untergrund lebenden gesichtslosen IIgelwesen das Wilde runterräumen wollen.

Terror im Namen der Menschheit. Nichts anderes beschreibt Rupert Wyatts (Planet der Affen: Prevolution) dystopischer Rebellenthriller, der allerdings stark mit Reizen geizt. Seinen Fokus legt Captive State weniger auf die Konfrontation der Aliens, die man nur sehr selten bis gar nicht zu Gesicht bekommt, sondern viel mehr auf die Aufdröselung der Mechanik einer terroristischen Zelle, die sich gegen einen unsichtbaren Unterdrücker formiert, der den Mensch als Exekutive benutzt. Wovon sich der Zuseher ebenfalls kein Bild machen kann, ist die Beschaffenheit der Invasionsmacht. Anscheinend haben die so einiges im Orbit des Planeten in petto. Was genau, weiß keiner. Man erfährt also überhaupt nichts. Da stellt sich die Frage: was wollte Rupert Wyatt mit seinem Film tatsächlich herausarbeiten? Dass Terror, dass Rebellion die einzigen Möglichkeiten sind, Zustände wie diese zu ändern? Captive State legitimiert diese Methode. Ein Glück für den Film, nicht als Verherrlicher zerstörerischer Umtriebe herzuhalten, ist doch das, was bekämpft werden soll, offensichtlich und rein objektiv etwas Falsches. Wie das Imperium eben. Und da muss man gar nicht so weit ausholen, um im Phantastischen zu fischen: da reicht das Herumkramen in der Geschichte des Kolonialismus. Britische, holländische, spanische Invasoren – die waren aus der Sicht der Indigenen auch nichts anderes als Aliens. So gesehen muss Terror ebenfalls zwei Seiten haben, eine legitime und eine verbrecherische.

Neben seinem gesellschaftspolitischen Statement funktioniert Captive State jedoch nur halb so gut. Als Science-Fiction-Film lässt das Drehbuch einfach zu viele Komponenten unerwähnt. Befriedigend ist das nicht. Dazu mengen sich auch gehörige Längen, einzelne Figuren, deren Notwendigkeit sich mir bis zum Ende nicht erschlossen haben und ein nicht ganz schlüssig erklärtes Kräfteverhältnis zwischen Menschen und Unterdrücker. Wäre spannend gewesen, auch die Seite der „anderen“ zu hören. Wäre spannend gewesen, den Film von Neill Blomkamp nochmal überarbeiten zu lassen, der mit District 9 ein etwas ähnliches aber viel realistischeres Szenario entworfen hat. Bei Captive State, so scheint’s, bleibt vieles seltsam ahnungslos.

Captive State

Air

ATEMLOS DURCH DEN SCHACHT

5,5/10

 

air© 2015 Sony Pictures International

 

LAND: USA 2015

REGIE: CHRISTIAN CANTAMESSA

CAST: NORMAN REEDUS, DJIMON HOUNSOU, SANDRINE HOLT U. A. 

 

Nein, dieser Film handelt nicht von der französischen Synthie-Pop-Band gleichen Namens. Er handelt – ganz ohne viel Hang zur Fehlinterpretation – tatsächlich von Luft. Die ist knapp bemessen, oder wir könnten auch sagen, es gibt sie gar nicht mehr so, wie wir sie kennen. Ist mir da nicht unlängst so etwas Ähnliches auf Netflix über den Weg gelaufen? Ja natürlich, der Film hieß IO, und auch dort war unserer Atmosphäre nicht mehr wirklich danach, weiterhin atembar zu bleiben. Eine fragwürdige neue Zusammensetzung der Bestandteile führte bei IO also zum großen Exodus – und einem Lockdown der ganzen Erde. Bei IO konnten die Menschen zumindest entkommen – was für ein Glück, technisch gesehen ordentlich was weitergebracht zu haben, sonst wären wir alle gnadenlos erstickt. In Air ist der Worst Case anscheinend passiert. Homo sapiens mit Schnappatmung, danach das Ende. Die Technik: leider in den Erwartungen ganz weit hinten, und nichts innovativ genug, um dem Planeten den Rücken zu kehren. Was tut Mensch also, um nicht komplett aus den terranischen Geschichtsbüchern zu verschwinden? Er versetzt das Wissen der Menschheit in Gestalt renommierter wissenschaftlicher Koryphäen auf ihrem Gebiet in Tiefschlaf – um sie dann wieder daraus hervorzuholen, wenn die menschengemachte Kontamination der Atmosphäre (Auslöser dafür waren womöglich Kriege) wieder neutralisiert ist. Wenn es denn so weit kommt. Bewachen und Warten muss das Ganze natürlich auch irgendwer – zwei sagen wir mal Facility Manager, oder schlicht und ergreifend technisch versierte Hausmeister, die das Standby am Laufen halten. Die dürfen alle 6 Monate ebenfalls erwachen, um nach dem Rechten zu sehen. Und natürlich kommt, wie es kommen muss – die Technik versagt, und scheinbar nirgendwo gibt es Ersatzteile, um das Handwerkerduo wieder in Tiefschlag versetzen zu können. Ein Königreich für einen Baumarkt! Die Zeit drängt, denn nach zwei Stunden schaltet sich die automatische Sauerstoffzufuhr wieder ab.

Es ist ganz offensichtlich, dass die Technik in Air weit davon entfernt ist, mit dem Exodus zu fremden Planeten zu liebäugeln. Wir haben es hier mit Konsolen aus dem Fundus der antiken Enterprise zu tun. Ein Knopfgewusel und Herumgeblinke, selbst für stark Fehlsichtige nicht zu übersehen. Bildschirme aus der Prä-Apple-Klassik-Zeit. Und Videorecorder, um Aufgezeichnetes abzuspielen. In diesem Knöpfe- und Schalterkeller verrichten Walking Dead-Star Norman Reedus und Djimon Hounsou ihre Pflicht, und sie halten es gerade mal miteinander aus, wohlwissend, kurzerhand wieder weiterzuschlummern. Einer von den beiden hat aber ein Geheimnis, und das macht die ganze Szenerie durchaus interessant – wie es eben bei Zwei-Personen-Filmen interessant werden kann. Air ist ein sichtlich niedrigbudgetiertes B-Movie – angesichts des Equipments, das sich selbst für unsereins relativ schnell zusammenstellen lässt, vorausgesetzt, man hat einen Hobbykeller im Eigenheim und das Eingelegte lässt sich hinter Planen gut verbergen. Doch warum nicht – es kommt doch immer nur auf das Wie an. Und eine Idee dahinter, die natürlich zünden muss. Demzufolge hat das Science-Fiction-Kammerspiel nicht wirklich etwas falsch gemacht. Es ist ein kleiner Film, fast schon ein Intermezzo oder sagen wir ein Präludium zu etwas Größerem, zum eigentlichen Hauptfilm, der aber nie kommt. Eine solide Spielerei ist Air geworden, ein Filmchen unter Freunden, durchaus bedrückend, nicht weniger postapokalyptisch wie I am Legend oder der neuseeländische Endzeitthriller Quiet Earth. Zumindest gibts ein Backup im Dornröschenschlaf. Bleibt nur die Frage, welcher Prinz im Blaumann für den Aufwachkuss die Lippen schürzt.

Air

La Gomera

DRAUF GEPFIFFEN

4/10

 

lagomera© 2019 Alamode Film

 

LAND: RUMÄNIEN, FRANKREICH, DEUTSCHLAND 2019

REGIE: CORNELIU PORUMBOIU

CAST: VLAD IVANOV, CATRINEL MARLON, RODICA LAZAR, SABIN TAMBREA, ANTONIO BUÍL, AGUSTI VILLARONGA U. A.

 

Wenn die Spatzen es von den Dächern pfeifen, dann ist alles längst kein Geheimnis mehr. Eine Redewendung, die, wenn man sie genau nimmt, ja gar nicht stimmen kann, denn: verstehen wir, was Spatzen so pfeifen? Natürlich nicht, blöde Frage. Das verstehen nur die Spatzen untereinander. Oder vielleicht die Ureinwohner aus La Gomera, einer relativ grünen Insel der Kanaren, westlich von Nordafrika und ein Teil Spaniens. Dort ist El Silbo sowas wie eine Geheimsprache, gleichzeitig aber auch ein Kulturgut und wirklich eine ziemlich ausgefallene Art und Weise, sind nicht im Klartext unter vier Augen zu unterhalten, auch wenn die Gesprächspartner zur Stoßzeit in der U-Bahn stecken. Diese Sprache hat es nun aus dem Tourismusbüro von La Gomera und aus jedem noch so erdenklichen Reiseführer ins Kino geschafft. In einen Film, der womöglich nicht ganz so viel Geld vom Fremdenverkehrsamt der Insel zugesteckt bekommen hat und, statt die Sonnenseiten des Eilands zu zeigen oder einen pfiffigen Inselkrimi zu präsentieren, ganz auf Schema F in Sachen Drogenkrimi setzt.

Man könnte ja meinen, hier hätte Aki Kaurismäki so seine Finger im Spiel. Hauptdarsteller Vlad Ivanov ist wohl der mit Abstand stoischste Schauspieler, den es gibt. Allerdings ist diese fehlende Mimik nicht Mangel eines schauspielerischen Talents wie bei manch einem B-Movie-Star. Man sieht, Ivanov versucht sichtlich, sich gar nichts anmerken zu lassen. Das ist fast schon grotesk, dieses zomboide Auftreten. Aber gut, es gibt diesem Streifen einen lakonischen Touch, dafür umwuselt ihn eine Femme fatale mit kohlrabenschwarzem Haar und steckt dem Undercoverpolizisten ein Ticket nach La Gomera zu, damit dieser die Pfeifsprache erlernen kann. Wenn er die beherrscht, gehts wieder zurück nach Rumänien, um einen ganz anderen Mittelsmann aus dem Gefängnis zu boxen, der 30 Millionen Euro verschwinden hat lassen. Ein Plot also, der von den Socken haut? Mitnichten. Dieses Hin und Her aus Verrat und Gegenverrat im mafiösen Rauschgiftmilieu ist leider Dutzendware, darüber hinaus ist der Thriller des rumänischen Regisseurs Corneliu Poromboiu unnötig verschwurbelt erzählt. Das Interesse daran ist endenwollend, zumindest bei mir. Und gleichermaßen stellt sich mir die Frage: Warum eigentlich El Silbo, warum diese Pfeifsprache, warum muss dieser stoische Phlegmatiker so ein schwieriges Lautealphabet büffeln? Gibt´s keine verschlüsselten Handys mehr?

Nun, genau das ist das Problem in La Gomera. Diese verschlüsselten Handys gibt es schon, und darüber hinaus auch sonst alles, was der Elektronikmarkt an Überwachungsgadgets zu bieten hat. Poromboiu weiß schon, was er mit seinem Film ausdrücken will. An allen Ecken und Enden beobachten versteckte und weniger versteckte Kameras das Geschehen oder harren Wanzen hinter vier Wänden auf heißen Hörstoff. Da heisst es: zurück zu den Wurzeln, ausweichen auf ein analoges, am besten verbales Medium, das keiner entschlüsseln kann. Eine nette Idee, keine Frage. Doch der Anspruch, hier eine zynische Antwort auf den gläsernen Menschen zu geben, auch wenn dieser durch kriminelle Aktivitäten diese regelrecht heraufbeschwört, bleibt aufgrund des konfusen Plots und trotz einer stimmigen Pointe am Schluss einschläfernd ungehört. Wie ein missglückter Pfiff.

La Gomera

Das schweigende Klassenzimmer

MUT ZUM UNGEHORSAM

8/10

 

DAS SCHWEIGENDE KLASSENZIMMER© 2017 STUDIOCANAL GmbH

 

LAND: DEUTSCHLAND 2018

REGIE: LARS KRAUME

CAST: LEONARD SCHEICHER, ISAJAH MICHALSKI, ANNA LENA KLENKE, BURGHART KLAUSSNER, JÖRDIS TRIEBEL U. A.

 

Da herrscht einmal absolute Ruhe im Klassenzimmer, zur Freude frontalunterrichtender Lehrkräfte, und dann ist dieser Umstand auch wieder nicht in Ordnung. Wie denn nun? Auf Fragen jenseits des Pults in Richtung Schüler folgt ebenfalls keine Antwort. Jetzt wird es dann doch etwas seltsam, und das Ganze lässt sich nur mit gezieltem, absichtlichem Schweigen erklären. Gut, das kann man ja machen, zumindest heutzutage, in Gedenken an jemanden oder etwas, an einen ganz speziellen geschichtlichen Moment oder eben als Auflehnung. Die gegenwärtige Meinungsfreiheit duldet sowas, einer auffordernden Disziplin zum Trotz. Damals aber, in den 50er Jahren in Ostdeutschland, hinter dem Eisernen Vorhang und unter der Kuratel einer radikal-sozialen Exekutive, da ist ein Schweigen wie dieses der Anfang von etwas Bedrohlichem, zumindest für all die Genossinnen und Genossen, die da hinter ihren Schreibtischen aufpassen müssen wie die Haftelmacher, um Staatsfeinde oder staatsfeindliches Gehabe im Keim zu ersticken. Dumm nur für die Stasi, dass gerade zu diesem Zeitpunkt andernorts hinter den Stacheldrähten, Hämmern und Sicheln gerade der verlockende Aufstand geprobt wird. Genauer gesagt in Ungarn, wo bewaffnete Studenten gerade dabei sind, das kommunistische Regime zu stürzen. Solche Breaking News, wie sie aus dem ehemaligen Sissi-Königreich quer durch Europa hinausposaunt werden, die bleiben natürlich selbst in der abgeschotteten DDR nicht ungehört. Vor allem nicht, wenn jemand die Frequenz des „Feindes“ empfangen kann, womit der unmoralische Westen gemeint ist, und mit dem hier im Osten bei aller Freundschaft keiner was zu tun haben will. Wirklich nicht? Der gebildete Nachwuchs wird da hellhörig. Die Oberstufler und Intellektuellen, die haben ihre eigene Meinung, sind aber immer noch junge Wilde, die sich in ihrem Übermut und grünohrigem Enthusiasmus für eine Sache solidarisieren, für die es in einer Gesellschaft wie dieser zu dieser Zeit und an diesem Ort keinerlei Verständnis gibt.

1956 hat sich in einer Schule im damaligen Stalinstadt dieser im Film beschriebene Fall tatsächlich ereignet. Man könnte jetzt natürlich so etwas Ähnliches behaupten wie: „Denn sie wissen nicht, was sie tun“. Bis zu einem gewissen Grad stimmt das auch. Die „jungen Wilden“, die das Ausmaß der latenten Bedrohung und der totalen Überwachung noch längst nicht ganz begriffen haben, waren zumindest fähig, die Welt um sie herum mit ihren eigenen Gedanken zu begreifen und so ein autarkes Gefühl für Gerechtigkeit, Moral und Humanismus zu entwickeln. Dabei stellt sich die Frage, wie denn all die Abiturienten überhaupt so ein selbstständiges Denken entwickeln konnten. Dazu muss man deren Elternhäuser näher betrachten, das soziale Umfeld, und bei manchen der jungen Querdenker lässt sich geheimes, wenn auch passives liberales Denken bei zumindest einem Teil der Erziehenden erahnen. Bei manch anderen wundere ich mich, doch letzten Endes ist es dann diese ungeplante Gruppendynamik, die einen Stein ins Rollen bringt, der das Konzept einer Zukunft aller Beteiligten radikal zerfetzt. Das ist in diesem als naiven Streich deklarierten, zweiminütigen Statement natürlich erstmal überhaupt nicht vorgesehen. Der trotzige Widerstand des gemeinsamen Akts wird zu einem aufwühlenden Drama des Bekennens, an dem nicht nur einige wenige daran verzweifeln werden.

ÜBER DIE SAAT DES UMBRUCHS

In Michael Haneke´s sozialpolitischem Psychogramm Das weiße Band waren die Auslöser für erstarkenden Terrorismus in einer vom Patriarchat geführten, diktatorischen Straferziehung einer Kindheit zu finden, die gar nicht anders kann als sich irgendwann aufzulehnen. In Das schweigende Klassenzimmer von Lars Kraume, einem Spezialisten für politische Visionen, Utopien und Sympathisant unbequemer Vernunftdenker (u. a. Der Staat gegen Fritz Bauer), ist die Saat für eine irgendwann in ferner Zukunft hinwegfegenden Revolution das individuelle Verständnis von Freiheit, Glück und der Menschenrechte. Die Klasse der Konterrevolutionäre, wie sie von Volksbildungsminister Lange (von erschreckendem Fanatismus: Burghart Klaußner) bezeichnet und damit gebrandmarkt wird, die nimmt den Weg eines in alle Einzelteile zerfallenden Niedergangs aus erzwungenem Verrat, Solidarisierung und Eifersucht bis hin zum Amoklauf und der Flucht in den Westen. Das schweigende Klassenzimmer ist ein so faszinierendes wie packendes Schülerdrama irgendwo zwischen Der Club der toten Dichter, Torberg´s Der Schüler Gerber und Philip Roth´s Empörung, nur mit einer deutlicheren politischen Stellungnahme, die seine Figuren aber keineswegs heroisiert, sondern eine zutiefst menschliche, psychologisch genaue Studie über den Unterschied zwischen eigenem und fremden Gedankengut, zwischen sehnsüchtiger Ideale und aufoktroyierter Ideologien formuliert. Kraume´s Film ist hervorragend erzählt, hätte aber womöglich längst nicht so eine Wirkungskraft, wenn Nachwuchsschauspieler wie Leonard Schleicher und Isaiah Michalski nicht so dermaßen aus sich herausgehen würden und spielen, als wären sie wahrhaftig Teil dieses erdrückenden Systems und dieser fatalen Situation. Michalski, der den labilen, zweifelnden Paul darstellt, und später mit der erschütternden Wahrheit über seinen Vater konfrontiert wird, agiert mit einer Intensität, der sich keiner entziehen kann. Überhaupt ist es, als befände man sich selbst in dieser Klasse, als wäre man selbst verantwortlich für diese Dilemma einer realen Dystopie, die zwar schon seit fast 30 Jahren Geschichte ist, in ihrem Totalitarismus aber jederzeit wieder hervorbrechen kann, in anderem Gewand, unter anderem Vorwand und an anderen Orten. Die Gedanken sind frei, und dann ist Schweigen mehr als tausend Worte wert.

Deutschland hat in diesem Jahr einen guten Lauf, was die Aufarbeitung der eigenen Geschichte betrifft – Das schweigende Klassenzimmer ist schon jetzt in seiner Brisanz und dem Mut zum Ungehorsam einer der denkwürdigsten deutschen Filme, die vor nicht mal einem halben Jahrhundert in manchen Teiles des Landes noch verboten gewesen wären.

Das schweigende Klassenzimmer