Oh Boy

MEIN LEBEN IST MEIN KAFFEE

7/10

 

ohboy© 2012 Filmladen

 

LAND: DEUTSCHLAND 2012

REGIE: JAN-OLE GERSTER

CAST: TOM SCHILLING, MARC HOSEMANN, FRIEDERIKE KEMPTER, JUSTUS VON DOHNÁNY, MICHAEL GWISDEK, ULRICH NOETHEN, FREDERICK LAU U. A.

 

Ich bin süchtig. Und zwar nach Kaffee. Das gebe ich offen und ehrlich zu, und wenn ich frühmorgens keinen Kaffee bekomme, kann ich mich gleich wieder niederlegen. Das ist eine Gesetzmäßigkeit, der ich wohl  jeden Tag für den Rest meines Lebens folgen werde. Dass Leute morgens lieber Tee statt Kaffee trinken, das kann ich nicht verstehen. Muss ich auch nicht. Jeder hat so sein Ding, und auch der Endzwanziger Niko, mit dem wir in Jan-Ole Gersters Stimmungsfilm viel zu spät aus den Federn kommen. Da bleibt nicht mal mehr Zeit für die Freundin, die daneben im Bett liegt. Und Kaffee geht sich auch keiner mehr aus. Was für ein ungnädiger Anfang eines Tages, der noch allerhand Seltsamkeiten mit sich bringt. In einzelnen Episoden, die untereinander eigentlich nichts miteinander zu tun haben, und nur Taugenichts Tom Schilling gemächlich wirbelnden Strömungen  gleich als roten Faden dahintreiben lassen. Beginnend mit einem Termin beim Psychologen, der Nikos Zurechnungsfähigkeit attestieren und folglich den abgenommenen Führerschein wieder aushändigen soll, begegnet der junge Tagträumer sich selbst überschätzenden Freunden, unglücklichen Nachbarn, nahen Verwandten und Schulkolleginnen, die auf den ersten Blick viel zu fremd sind. Was aber das Unbequemste des ganzen lieben langen Tages aber darstellt, und sich wie ein Steinchen im Schuh je nach Lage unangenehm bemerkbar macht, ist die Unmöglichkeit, einen Kaffee zu bekommen. Dieses Genuss-Vakuum ist wie ein Fluch für den Orientierungslosen. Der sich selbst keine Ziele setzt, sich zu nichts entschließt und es niemanden wirklich recht machen kann.

Tom Schilling hat in dem perspektivlosen Jüngling seine Paraderolle gefunden. Und Jan-Ole Gerster im frühen Jim Jarmusch womöglich sein Vorbild. Nicht von ungefähr ist Oh Boy in teils grobkörnigem, teils dem Stil urbaner Reportagefotografie nachempfundenen Schwarzweiß gehalten, ganz so wie Jarmuschs Werke Down by Law oder auch Coffee & Cigarettes. In letzterem treffen sich unter anderem Bill Murray und Steve Buscemi zum Schwatzen, während literweise das schwarze Gold fließt und geraucht wird, als gäbe es kein Morgen mehr. Und eigentlich sonst auch kaum mehr Handlung. Oh, Boy verlässt sich aber nicht nur auf seine Stimmung. Die Figur des Niko ist wie ein Freeze Frame der Generation What, eine Momentaufnahme, ein Verharren vor der freien Wahl der Möglichkeiten, ein Zögern vor der Gefahr, das Falsche aus dem Leben zu machen. Seit es in unserer westlichen Welt alles gibt, und wir machen können was wir wollen, ist die Vielfalt der Selbstverwirklichung der eigentliche Hemmschuh für manche, die sich zu nichts entschließen können. Und die vor einer Vielzahl offener Türen innehalten, um noch schnell mal am Glimmstängel zu ziehen, unverfängliche Gelegenheiten am Schopf packen oder sich vom Freundeskreis einfach mittragen lassen. Wenn das Geld dann auch noch durch die Finger rinnt, so wie die Zeit und der Tag, dann hilft nur noch Improvisation, oder die Reduktion des Willens auf das Einfachste – auf Kaffee, Zwiesprache mit sich selbst, und Gedanken, die genauso zollfrei und schrankenlos sind wie das Streben nach Erfolg in einem erfolgsbestimmten gesellschaftlichen Kontext, der gar nichts mehr anderes duldet. Schilling setzt sich diesem Selbstbeweisen noch nicht aus – oder vielleicht sogar niemals. Wie es wird, weiß weder er noch all die anderen. Dabei blickt der Junge nur um sich und sieht, was die anderen bewegt. Er selbst aber bleibt wie das Zentrum eines Karussells an Ort und Stelle – und wundert sich, wer alles seinen Weg kreuzt. Dabei hat er selbst keinen bestimmten.

Diese Leichtigkeit, dieser Flow ins Unbestimmte, ist, wie bei Jim Jarmusch, der Reiz dieses Großstadtmosaiks, dieser Liebeserklärung an Berlin, voller Melancholie und manchmal auch Mitleid. Voller Lässigkeit und irgendwie über den Dingen hängend, wie Wim Wenders´ Engel Damiel. Dabei sind die einzelnen Begegnungen in ihrem Dialog und ihrer Wechselwirkung verdichtet genug und entbehren nicht einer gewissen Faszination für das scheinbar Improvisierte und Unmittelbare. Vielleicht ist diese Unmöglichkeit des Steuerns durch den Tag genau das, was auch Niko fasziniert. Mich erfüllt das mit Sympathie und Verständnis für einen Loser, der eigentlich noch gar nichts verloren hat. Und sich womöglich nur Zeit nimmt. Zeit für einen Kaffee. Irgendwann, am Ende des Tages.

Oh Boy

Alles unter Kontrolle

WERNER IN THE MIDDLE

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AllesunterKontrolle

Ihr werdet lachen, oder vielleicht gar mit den Augen rollen, aber tatsächlich habe ich Werner Boothe vor einiger Zeit beobachten können – ohne dass er irgendetwas davon wahrgenommen hätte. Es war im dritten Wiener Gemeindebezirk, Ecke Ungargasse, Neulinggasse. Wahrscheinlich war er gerade aus nahegelegenem BILLA gekommen, oder einfach nur unterwegs gewesen zu einem Termin. Aber da hört mein Wissen auch schon wieder auf. Mit den Überwachungsapparaten der Supermächte kann ich leider gar nicht mithalten. Vielmehr bin auch ich Opfer davon – wie und in welchem Ausmaß, kann ich nicht sagen. Doch solange ich es nicht weiß, macht es mich ehrlich gesagt nicht heiß – denn ändern kann ich daran sowieso nichts. Und die Zeit, die ich dafür aufwenden müsste, um unentdeckt zu bleiben, habe ich beim besten Willen nicht.

Auch ein Mann der Öffentlichkeit wie Werner Boote wird daran nichts ändern – nur die Dinge hinterfragen und den Spuren nachgehen, die zu Big Brother führen. Das ist sehr informativ, neigt aber auch zur abendfüllenden Selbstdarstellung. Ähnlich wie Michael Moore oder Hanno Settele im Österreichischen Rundfunk ist sein erklärendes und interviewendes Konterfei omnipräsent. Im Gegensatz zu Dokumentarfilmern, die alles andere, nur nicht sich selbst, in den Mittelpunkt stellen. Da wäre Nikolaus Geyrhalter, der Spezialist für No Comment-Collagen. Aber auch der leider erst kürzlich verstorbene Michael Glawogger oder Darwins Nightmare-Macher Hubert Sauper. Alle drei sind und waren Aufklärer der Vernunft und des guten Gewissens. Stille Beobachter, Bilderpoeten und unbequeme Erforscher. Was aber nicht heißen soll, das Dokumentarfilmer wie Werner Boote nicht auch zu den wissensdurstigen Aufklärern gehören – nur ihre Art, Fragen beantwortet haben zu wollen, ist weitaus publikumsnäher und gefälliger. Auch eine Methode, keine Frage. Und sogar eine gern gesehene. Werner Boote ist einfach sympathisch, ein Entertainer und Vortragender. Einer, den man ohne Weiteres wochenlang an ausverkauften Abenden im Audimax antrifft. Das würden Sauper, Geyrhalter und Co eigentlich nie tun. Maximal eine Podiumsdiskussion nach der Premiere, denn nicht jeder ist zur Rampensau geeignet. Boote hingegen schon. Und er hat Charme, den er einzusetzen weiß, im Gegensatz zu Michael Moore, der meist mit der Tür ins Haus fällt und erfolgreich so tut, als würde er anderen zuhören. Das ist die Gefahr beim Doku-Entertainment – dass es letzten Endes um den Dokumentierenden geht, mit all seinen Ansichten. Und weniger um die Sache selbst.

Klar, auch Filmjournalisten sollen eine Meinung haben, und diese auch vertreten. Aber die Kunst des sachlichen Filmes liegt darin, das Ergebnis nicht vorzufertigen, sondern für den interessierten Zuseher unbewertet zu lassen. Offen, interpretier- und auswertbar. Gerade das macht Dokus spannend. Und ja, das gelingt auch Alles unter Kontrolle, Bootes dritter filmischer Expedition in den menschlichen Kosmos. Mit Spaß an investigativem Nachwassern und verfolgt von der eigenen Kamera trifft der graumelierte Intellektuelle auf Personen unterschiedlichster Art, spricht mit Opfern und versuchsweise mit „Tätern“. Mit IT-Experten und dem Wachpersonal vor der NSA-Zentrale. Zwischendurch setzt der Film auf augenzwinkernde Showelemente und einem Siri-ähnlichen Dialogpartner aus dem Off. Alles zusammen entschärft die Klaustrophobie des Themas und malt zum Glück den Teufel nicht an die Wand, sondern gefällt mit populärwissenschaftlichem Aufklärungsjournalismus, der den Horizont erweitert und Aufschluss gibt, ohne anstrengen zu müssen. Boote ist der ideale Dokufilmer, der das Zeug dazu hat, den Mainstream dazu animieren, ins Kino zu gehen – auch wenn daheim dok.1 oder Universum läuft.

Alles unter Kontrolle ist wiedermal ein Film, der zeigt, dass das Genre der bewegten Sachkunde längst nicht trocken sein muss, um die Zustände auf unserem Planeten besser zu veranschaulichen. Zwar nicht künstlerisch hochwertig und was weiß ich wie innovativ, aber mindestens so unterhaltsam wie ein ausverkaufter kabarettistischer Vortrag an der Uni, allerdings mit fachlichen Untertönen.

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Alles unter Kontrolle