The Stories (2025)

EIN ECHTER ÄGYPTER GEHT NICHT UNTER

5,5/10


Valerie Pachner und Amir El-Masry im Film The Stories
© 2025 Film AG


LAND / JAHR: ÖSTERREICH, FRANKREICH, BELGIEN, ÄGYPTEN, SCHWEDEN 2025

REGIE / DREHBUCH: ABU BAKR SHAWKY

KAMERA: WOLFGANG THALER AAC

CAST: AMIR EL-MASRY, VALERIE PACHNER, NELLY KARIM, AHMED KAMAL, KHALED MOKHTAR, MARIA HOFSTÄTTER, JOHANNES KRISCH, JACK HOFER U. A.

LÄNGE: 2 STD


„Meine Brüder wollen wissen: Bist du eine Spionin?,“ schreibt der junge Ägypter Ahmad in seinem Antwortbrief an die noch unbekannte Elisabeth, die weit entfernt in Österreich weilt und aus Ermangelung anderer Möglichkeiten, einfach mehr von der Welt zu sehen, eine Brieffreundschaft startet.

Wir sind Geschichte – und umgekehrt

Wir schreiben zu Beginn des Films, der sich über zwei weitere Jahrzehnte ziehen wird und von vornherein schon plant, ordentlich viel gesellschaftlichen wie politischen Kontext zu liefern, das ausgehende Jahrzehnt der 60er, genau genommen 1967. Gerade, als der Sechstagekrieg zwischen Israel und Ägypten losbricht.

Und so wird es im Laufe der Handlung weitergehen. Die Politik spiegelt das Leid und die Freud einer ägyptischen Großfamilie wieder – drei Söhne, eine Tochter, dazu sämtliche Onkels und Tanten und was weiß ich was da zu so einem gesellschaftlichen Kosmos noch dazugehört. Der Vater hat einen Job als Beamter beim Staat, und im Zuge eines Fernsehinterviews kommt ihm tatsächlich mal das Wort Korruption über die Lippen – was ihn den Rest seines Lebens in gewisse Paranoia versetzen wird.

Fußballschauen als Familienaufstellung

Omnipräsentes Thema dieser Familie ist der Fußball, und so sitzen sie alle, zumindest die Herren, in patriarchaler Zufriedenheit vor dem Fernseher, um nur kein Spiel zu versäumen, während einer der Onkels, dem der böse Blick nachgesagt wird, wie Troubadix der Barde nicht ins Wohnzimmer darf.

Ahmed ist einer der Söhne des Beamten, auf ihm liegt natürlich der Fokus, und er soll auch als autobiografischer Stellvertreter grob umrissen die Biografie von Abu Bakr Shawkys Vater erzählen. Was wahr ist an der ganzen Geschichte: Shawkys Eltern haben sich tatsächlich auf diese oder ähnliche Weise kennengelernt. Alles übrige ist ein Stückwerk aus Erinnerungen, Anekdoten und charakterlichen Schrullen, die wohl jede Familie ausmachen.

„Der Bockerer“ im Schatten der Pyramiden

Da Ägypten in dieser Zeit von einer politischen Unruhe zur nächsten gelangte, eignet sich der damalige Mittelstand ideal, um den tragikomischen Querschnitt einer Epoche zu liefern, in der wirklich niemand etwas zu lachen hatte, allerdings der eine oder andere Lichtblick wie der des Fußballs in diesem Fall das mentale Überleben gewährleisten konnte – inklusive das Schicksal von Ahmad und Liz, das im ganzen Viertel wohl seine Spuren hinterlassen wird.

Und ein ganz klein wenig, auch wenn The Stories keine Culture-Clash-Dramödie ist wie vielleicht vermutet, darf Österreich ebenfalls das Fähnlein schwingen und die Brücke schlagen von diesem familiären Charakter-Konglomerat zu den Begebenheiten einer Fleischhauerfamilie während des Nazi-Regimes.

Nicht von ungefähr erinnert dieser dramaturgische Aufbau an den Bockerer, einem Theaterklassiker von Peter Preses und Ulrich Becher, verfilmt von Franz Antel und ausgedehnt auf mehrere Jahrzehnte, die beim Prager Frühling enden. Die politische Kulisse in The Stories wiederum reicht bis zur Ermordung des Präsidenten Sadat 1981, nur fehlt Shawky in seiner epischen und zugleich kammerspielartigen Chronik ein charakterliches Schwergewicht wie zum Beispiel ein cholerischer Fleischhauer, in dessen Verhalten und Tun sich all die Irrungen und Wirrungen einer Zeit spiegeln.

Die Figur des Ahmad bleibt da leider zu flach, Valerie Pachner als Brieffreundin und spätere Ehefrau sowie Nelly Karim als die Gasherd-tretende Schwiegermama im Haus, die um nichts in der Welt ihre Kochrezepte verrät, versuchen die Bockerer-Perspektive zu ersetzen. Beides gelingt nur schwer, da hilft nicht mal ein kleiner, aber feiner Auftritt von „Josefstadt-Fleischhauer“ Johannes Krisch – an dieser Stelle ein herzliches R.I.P. für einen ganz besonderen Bühnenkünstler.

Volkstümliche Erinnerungsnostalgie

So zerfällt The Stories in ein ungeordnetes Mosaik aus vielen Schicksalen, charmanten kleinen Portraits und Kuriositäten eines fast schon liebevoll beäugten Ägypten, das es, genauso wie Österreich, vielleicht ja nicht besser wusste.

Das Herzblut, mit dem Shawky seine persönlich gefärbte Familiengeschichte hier abhandelt, mag manchmal pulsieren – doch der Blutdruck ist stets höher als verträglich und strengt das Zusehen richtig an. So richtig tiefer will die The Stories dann auch nicht gehen und hält sich ganz bewusst mit einer teils verklärten, teils ironischen Volkstümlichkeit über Wasser, die dann doch wiederum gut zum Bockerer passt und (verständlicherweise) auf Versöhnung mit der eigenen Herkunft gepolt ist.

The Stories (2025)