Don’t Look Up

DER BLICK AUF’S WESENTLICHE

6/10


dontlookup© 2021 Netflix


LAND / JAHR: USA 2021

BUCH / REGIE: ADAM MCKAY

CAST: LEONARDO DICAPRIO, JENNIFER LAWRENCE, MERYL STREEP, CATE BLANCHETT, ROB MORGAN, JONAH HILL, MARK RYLANCE, TIMOTHÉE CHALAMET, RON PERLMAN, ARIANA GRANDE, HIMESH PATEL, MELANIE LYNSKEY U. A. 

LÄNGE: 2 STD 18 MIN


Heute, am letzten Tag des Jahres 2021, ist der Titel des auf Netflix veröffentlichten Star-Vehikels wohl der falsche Imperativ. Heute gilt wohl eher die Devise, rund um den Jahreswechsel gen Himmel zu blicken, um das eine oder andere illegal von der Leine gelassene Stadtfeuerwerk aus sicherem Abstand mitzuerleben. Dann, ja dann kann man gerne wieder die Häupter senken, zum Tagesgeschäft übergehen und sich mit Eitelkeiten aufhalten. Der Blick fürs Wesentliche läuft dann zumindest nicht Gefahr, überanstrengt zu werden.

In Don’t Look Up, Adam McKays neuem Film, wäre es allerdings an der Zeit, die eigene Existenz in gesundem Maße zu hinterfragen und herauszufinden, worauf es im Leben wirklich ankommt. Denn in einer alternativen Realität, in welcher ein weiblicher Donald Trump in den USA die Fäden zieht, scheint der Menschheit das zu widerfahren, was den Dinos vor 65 Millionen Jahren passiert ist: die Vernichtung durch einen Kometen. Der ist nach Schätzungen von Astronom Dr. Randall Mindy sogar noch größer als das Exemplar von Yukatan. Was jetzt gilt, ist schnelles Handeln. Das setzt wiederum voraus, diese wirklich schlechte Nachricht an die richtige Frau oder den richtigen Mann zu bringen, damit geschieht, was geschehen muss. Doch das ist gar nicht leicht. Die Menschheit ist mit ganz anderen Dingen beschäftigt. Mit Geld und Gier und sozialen Medien. Mit Ruhm und Trends und Gossips. 

So bequemt sich zumindest das amerikanische Volk (ein anderes bekommen wir nicht zu Gesicht) mit den Verführungen des Technologiezeitalters und der NLP-Message Control einer dekadenten Politik, während die Kacke am Dampfen ist und die Katastrophe alles, nur das nicht ist, was gerade in zu sein scheint. Für Mindy und seiner wissenschaftlichen Kollegin Kate Dibiasky ist das zum Haareraufen. Vielleicht wäre alles einfacher gewesen, hätte es da nicht diesen wirren Charaktermix aus Steve Jobs, Bill Gates und dem Computerguru aus Ready Player One gegeben, der weiß, dass, geht es der Wirtschaft gut, wohl allen gut gehen wird. Falsche Prämissen, die offene Türen einrennen.

Michael Bay hat damals, in der Actiongurke Armageddon, auf High-Tech und coole Sprüche gesetzt. So einer wie Bruce Willis fehlt in diesem galligen Szenario, dafür aber haben wir den Haudegen Ron Perlman, der gerne so sein will wie Chuck Norris, und den der Komet garantiert nicht lebend bekommen wird. Gabs bei McKays Politzynismus Vice – Der zweite Mann noch fein gesponnene realsatirische Spitzen, knotzt sich der Autorenfilmer lieber zu Greta Thunberg an die Hausmauer, um als Aktivist an vordester Front für mehr Selbstverantwortung angesichts unserer Planetenlage zu plädieren. Mit nichts anderem lässt sich das besser veranschaulichen als mit einem heranrasenden Trümmerstück aus der Oortschen Wolke. Der Klimawandel gibt zu wenig her, die kausalen Zusammenhänge mit Unwetter und menschengemachter Sauwirtschaft sind auch nicht eindeutig genug, um nicht auch hier Verschwörungstheoretiker auf den Plan zu rufen. Wäre Corona ein Komet, gäbe es diese aber immer noch. Und das so lange, bis der Mensch endlich sieht, was er glauben muss. Der Mensch, so Adam McKay, ist ein Wesen voller Widersprüche und Meister egozentrischen Handelns. In einem Film wie diesem wird klar, in welchem selbstgemachtem Korsett unser Verstand steckt. Mehr als notwendig, um unsere Art zu erhalten, können wir auch nicht tun. Zumindest noch nicht.

Dabei ereifern sich allerlei namhafte Star, von Leonardo DiCaprio über Jennifer Lawrence bis zu Timothée Chalamet (in einer entbehrlichen Rolle), um sich in das Gewissen der zusehenden Massen zu spielen. Mit einmal mehr, einmal weniger cholerischen Ausrastern. Dabei ist DiCaprio wieder ganz vorne mit dabei – sein Mut zum teigig-konservativen „Christian Drosten“ für die Apokalypse sei ihm hoch angerechnet, und auch Jennifer Lawrence erdet ihren Charakter mit dem Nonkonformismus einer Anti-Ikone. Dazwischen brilliert Cate Blanchett im Lifting-Look. Sie alle tragen ihr Scherflein dazu bei, im übertragenen Sinne die Weltlage zu erklären. Doch beileibe hat das nichts mit der ganzen Welt zu tun. Adam McKay tut so, als hätte sich die USA den Erdball vollständig unter den Nagel gerissen, und als wäre sein Land nun endlich die Supermacht Nummer eins, angesichts derer eine Institution wie die UNO zum beliebten Kartenspiel reduziert wird. Ist das Absicht, oder vergisst McKay auf den Rest der Welt, weil er der Leidenschaft für die ambivalente Politik der Vereinigten Staaten unterliegt? Das globale Problem ist ein Amerikanisches, was mitunter etwas arrogant erscheint. Auch pfeift sich die Geschichte rund nach der Hälfte selbst auf die Ersatzbank, und bis das bereits arg Vorhersehbare eintritt, geht dem Katastrophenfilm die Luft aus.  

Doch immerhin: Desastermovie geht auch anders, könnte anders gehen, aber kaum subtiler als es einer wie Roland Emmerich selbst zu Wege bringen kann.

Don’t Look Up

Abseits des Lebens

ÜBERLEBEN ALS THERAPIE

6,5/10


abseitsdeslebens© 2021 Focus Features, LLC.


LAND / JAHR: USA, KANADA, GROSSBRITANNIEN 2021

REGIE: ROBIN WRIGHT

CAST: ROBIN WRIGHT, DEMIÁN BICHIR, WARREN CHRISTIE, MIA MCDONALD, KIM DICKENS U. A.

LÄNGE: 1 STD 30 MIN


Rüdiger Nehberg oder heutzutage Bear Grylls wissen, wie es geht: in der Wildnis überleben. Sie machen das, weil sie es können. Andere machen das, weil sie es zwar nicht können, aber zumindest wollen. Weil sie den einzigen Weg darin sehen, mit sich selbst ins Reine zu kommen. So eine Challenge kann gefährlich werden, wenn man nicht genau weiß, worauf zu achten ist. Doch Edee ist das ziemlich egal. Sie hat alles verloren, was ihr jemals lieb und teuer war. Und das ist ein Schmerz, der durch nichts gelindert werden kann. Außer vielleicht durch das Wagnis, den Grundregeln des Lebens selbst so nahe zu kommen, damit dieses wieder einen Sinn hat. Bewusst ist das Edee allerdings nicht. Vielleicht kann die Wildnis einen anderen, neuen Menschen aus ihr machen, wer weiß. Der Blick nach vorne gelingt vielleicht nur unter der Bedingung, niemals mehr zurückzusehen.

Also bezieht Edee eine Hütte im Wald – mit Konserven, Klamotten – und sonst eigentlich nichts. Das Auto lässt sie abholen, Handy hat sie auch keins dabei. Läuft irgendwas schief, ist das ihr Ende. Und es dauert nicht lange, bis der nächste Winter kommt, und Edee bemerkt, dass sie weder ein Rüdiger Nehberg noch ein Bear Grylls ist und kurz davor steht, entweder zu erfrieren oder zu verhungern. Das Schicksal will es anders und schickt gerade zur rechten Zeit einen Jäger an ihrer Hütte vorbei.

Abseits des Lebens (im Original nur: Land) birgt ein Skript, um welches sich wohl eine Menge Schauspielerinnen gerissen hätten. So gut wie eine One-Woman-Show, erfährt hier die Protagonistin die gesamte Klaviatur des Lebens, vorzugsweise die tiefen, schweren Töne. Doch Robin Wright findet da gut hinein. Vor allem auch, weil sie sich selbst inszeniert hat. Da kann man Empfindungen in die Rolle legen, wie man es für richtig hält. Wright lässt sich dennoch nicht zum Melodramatischen hinreissen. Und die Trauer ist eine, die selten im Selbstmitleid versinkt. Wenn, dann sind das Momente, die wir beim Verlust eines geliebten Menschen sowieso alle kennen. Die Natur zeigt sich dabei unbeeindruckt. Zieht das durch, was sie in all den Äonen immer tut, vom Frühling bis zum Winter und wieder von vorne. Genau das ist das Tröstende an Wald, Wiese und Berg. Wright ist begeistert davon und bringt dies mit pittoresken Kalenderbildern sehr wildromantisch zum Ausdruck. Dieses Beständige, Erwartbare, Kompromisslose scheint ein Leitsystem, dem man in schwierigen Zeiten folgen kann.

Vergleichbar ist Wrights Film zumindest anfangs und auch dazwischen mit Julian Roman Pölslers Haushofer-Verfilmung Die Wand. Während dort die Isolation eine aufgezwungene ist, sucht sich die Figur der Edee selbige freiwillig aus. Letzten Endes aber birgt sowohl in Die Wand als auch in Abseits des Lebens der Umstand des Alleinseins in einer atemberaubend schönen, wilden Welt genau das nicht, was der Mensch zum Weiterleben braucht: andere Menschen.

Abseits des Lebens

Noche de Fuego

IM SCHATTEN DES KARTELLS

7/10


nochedefuego© 2021 Netflix


LAND / JAHR: MEXIKO, DEUTSCHLAND, BRASILIEN, SCHWEIZ, USA, KATAR 2020

BUCH / REGIE: TATIANA HUEZO

CAST: ANA CRISTINA ORDÓÑEZ GONZALES, MARYA MEMBREÑO, MAYRA BATALLA, NORMA PABLO U. A.

LÄNGE: 1 STD 50 MIN


Man muss nur genau hinhören. Darin wird die junge Ana trainiert. Sie hört die Kühe des Nachbarn auf freiem Feld, sie hört das Bellen des Hundes die Straße runter. Sollte sie das Motorengeräusch eines Vierradantriebs hören, muss sie sich verstecken. Denn die Schergen des Kartells sind hinter ihr her. Dabei hat sie die Bösen gar nicht provoziert, ganz im Gegenteil. Zu ihrem eigenen Schutz nimmt der LKW sie frühmorgens gar mit auf die Mohnfelder. Das Kartell ist hinter ihr her, weil sie ein Mädchen ist. Und Mädchen, insbesondere die hübschen, bringen im kranken Wirtschaftsverständnis der Verbrecherwelt Mexikos ordentlich Profit. So einen erschütterten Einblick erhält man mitunter auch im brasilianischen Sozialthriller 7 Gefangene. Da schnürt es einem die Kehle zu, das ist schwer mitanzusehen. Dabei ist das nicht mal notwendig, der Stein liegt schon im Magen, wenn plötzlich eine von Anas Freundinnen verschwindet. Ein Umstand, der schlimmer ist als der Tod. Unter diesem Schatten wächst Ana also auf, mit ihren besten Freundinnen, die untereinander versuchen, ihre Gedanken zu lesen. Ihr Leben sollte das unbekümmerte eines jungen Mädchens aus dem Dorf sein, wäre da nicht diese andauernde Bedrohung, unter der Anas Mutter leidet, da sie das Schutzgeld für ihre Familie nicht bezahlen kann. Der Vater schickt kein Geld mehr. Mohn ist der einzige Garant, doch selbst der bremst die Gier der Bewaffneten nicht, die so plötzlich kommen wie ein Tornado über die nordamerikanischen Ebenen.

Bereits beim diesjährigen Cannes-Festival in der Rubrik Un Certain Regard lobend erwähnt und auf der Viennale 2021 vertreten, ist diese etwas andere Coming-of-Age-Story der salvadorianischen Filmemacherin Tatiana Huezo das sensible, pietätvolle Tagebuch eines Alltags irgendwo im mexikanischen Hochland – in einem Dorf, wo die staatliche Exekutive fast nichts zu sagen hat und jene Kartelle, die sich gerade an die Macht gemeuchelt haben, alles. Noche de Fuego (oder auch A Prayer for the Stolen) lässt seine Protagonistinnen aus freien Stücken das empfinden, was sie wohl für eine gute Freundschaft empfinden würden, dabei gerät die Interaktion der drei zu einem authentischen, bezaubernden Miteinander, das unter ständiger Gefahr gelebt werden kann: Das erste Kokettieren mit einem Jungen, die erste Monatsblutung, der schulische Unterricht und der Twist mit der Mutter, die nicht will, dass Ana zu ihrer Weiblichkeit steht. Schminke ist verboten, das Haar muss kurz geschoren sein. Im Vergleich zur direkten Unterdrückung der Frau in Afghanistan ist diese indirekte Unterdrückung nicht weniger belastend. Da bangt man um jede Szene in Freiheit, da spürt man schon den aufkommenden Schrecken. Da stresst der Moment und macht Angst, wenn Ana in der Grube im Garten hyperventiliert, wenn die Menschenhändler kommen.

Noche de Fuego ist ein ruhiger, sanfter, aber auch ungemein erschreckender Film, der das Unmögliche verortet und mit Fürsorglichkeit und Mitgefühl für seine verletzlichen Figuren den Fokus vom nahen Osten auf Mittelamerika legt, wo das Menschenrecht genauso wenig zählt – weil es nicht eingefordert werden kann.

Noche de Fuego

The Unforgivable

MORD VERJÄHRT NIE

6/10


theunforgivable© 2021 Netflix


LAND / JAHR: USA, DEUTSCHLAND 2021

REGIE: NORA FINGSCHEIDT

CAST: SANDRA BULLOCK, AISLING FRANCIOSI, VINCENT D’ONOFRIO, VIOLA DAVIS, JON BERNTHAL, ROB MORGAN, RICHARD THOMAS, LINDA EDMOND U. A.

LÄNGE: 1 STD 52 MIN


Vor zwei Jahren hat uns die rabiate Helena Zengel im deutschen Sozial- und Erziehungsdrama Systemsprenger die Ohren vollgeschrien. Mittlerweile ist das talentierte Mädchen schon mit Tom Hanks im Wilden Westen gewesen. Bin schon neugierig, wo es sie das nächste Mal hin verschlägt. Und ob auch Rollen abseits der verhaltensauffälligen Minderjährigen interessant wären. Nora Fingscheidt, die Regisseurin hinter Systemsprenger, hat den Schritt nach Übersee ebenfalls gemacht. Um einen Film mit Sandra Bullock zu drehen. Tom Hanks, Sandra Bullock. Könnte sein, dass das ganz große Business die neue Spielwiese wird. Muss es aber nicht, wie man zum Beispiel an Stefan Ruzowitzky sieht. Der dreht wieder lieber in Europa. Auch sehr schön – und ganz sicher auch kreativer.

In The Unforgivable bleibt Nora Fingscheidt allerdings jenem Genre treu, mit welchem sie von sich reden machte: dem Sozialdrama. Das kann sie gut, das merkt man. Doch Fingscheidt war für den Film nur zweite Wahl. Überhaupt hätte Christopher McQuarrie Regie führen sollen, mit Angelina Jolie in der Hauptrolle. Es ist anders gekommen – glücklicherweise. Denn bei Angeline Jolie hätte man nie so genau gewusst, ob sie selbst mit der Tragödie des Films hadert oder ihre Filmfigur. Zuviel Glamour stört leider auch die Authentizität. Bullock kennen wir zwar auch alle, doch die hat ein deutlich variantenreicheres Spektrum zu bieten, was Schauspiel angeht. Und Fingscheidt? Der Sozialfall, der nicht in die Norm passt, ist zwar nicht so systemsprengend und unbezwingbar wie Helena Zengel, hat aber dennoch genauso die Arschkarte gezogen. Der größte Unterschied: Während man sich beim wütenden Mädel die Zähne ausgebissen hat, beißt Sandra Bullock ihre Zähne an ihrer Umwelt aus. Beides nicht schön. Mit anderen Worten: einmal Mörder – immer Mörder.

Damit muss also Sandra Bullock alias Ruth Slater nach 20 Jahren Frauengefängnis klarkommen. Auf ihr Konto geht der Mord an einen Sheriff. Die Sünden sind offiziell zwar abgebüßt, als Copkiller ist man aber generell Persona non Grata. Aber irgendwie muss es ja weitergehen. Und irgendwie muss auch das letzte bisschen Familie wiedergefunden werden – die kleine Schwester Katie, die Ruth mit fünf Jahren zuletzt gesehen hat. Das wäre zwar alles mühsam, aber machbar gewesen, gäbe es nicht noch die Söhne des ermordeten Polizisten, die Rache üben wollen.

Mit The Unforgivable, der Verfilmung einer Fernsehserie namens Unforgiven, lässt Netflix kein Drama ungelebt. Das Tragische und all die Entbehrungen lassen sich außerdem von Sandra Bullocks verlebtem Konterfei wunderbar ablesen. Make Up-Artists haben hier alles Stücke gespielt – und sogar noch mehr: mit verbissener Leidensmine und einem kurz vor der Explosion stehendem Grant, fest verankert im Mimischen, schleppt sich Bullock von einer Entbehrung zur nächsten. Reue, Desillusion, etwas Resignation und schreckhaftes Sozialverhalten ergeben in Summe das, was die Oscarpreisträgerin darstellt. Ein durchaus durchdachtes, vielleicht etwas zu grimmiges Bild in schier endlosen Grautönen. Was ihr aber fulminant gelingt, ist, im Laufe der Geschichte langsam, aber doch, auf plausible Weise aufzutauen. Da erkennt man wieder, was Bullock wirklich kann. Und es sind Momente, die zu ihren besten zählen.

Womit der Film allerdings nicht oder nur schwer zurechtkommt, ist die Rache-Komponente der um ihren Vater geprellten Brüder. Das will dann doch so gar nicht überzeugen, und ist dann auch deutlich zu viel des Guten, obwohl ich zugeben muss, dass dieses Fragment des Dramas als pushender Baustein dem Script ganz nette Wendungen verpasst. Fast möchte man meinen, hier einem Film von Susanne Bier beizuwohnen, so komplex darf es mitunter sein, während all die Figuren im Ausgleich dazu so sang und klanglos davongehen, wie sie gekommen sind. Der Fokus bleibt auf Sandra Bullock und ihrer Schwester (Aisling Franciosi, großartig in The Nightingale) als familiäre Wertekonstanten in einer von austauschbaren Randfiguren bevölkerten Welt.

The Unforgivable

Wer wir sind und wer wir waren

DIE EHE NACH DEM AUS

6,5/10


hopegap© 2020 Tobis


LAND / JAHR: GROSSBRITANNIEN 2019

BUCH / REGIE: WILLIAM NICHOLSON

CAST: ANNETTE BENING, BILL NIGHY, JOSH O’CONNOR, AIYSHA HART, NICHOLAS BURNS, SALLY ROGERS U. A. 

LÄNGE: 1 STD 41 MIN


Von einem Moment auf den anderen kann es zu Ende gehen. Allerdings nicht gleich das ganze Leben, aber ein Leben zu zweit. Da möchte man schon meinen: das ist so gut wie – wenn der oder die eine an dem oder der anderen hängt, umgekehrt aber nicht. Im britischen Ehedrama Wer wir sind und wer wir waren (im Original Hope Gap – ein Titel, der sich auf eine in Südengland gelegene Klippe inklusive Gezeitenzone bezieht) fällt die gute Annette Bening aus allen Wolken, als ihr Gatte eines Morgens nach dem Kirchgang verkündet, er werde fortgehen. Wie fortgehen, fragt natürlich die Gattin – und weiß gar nicht, worauf ihr Gegenüber anspielt. Fortgehen, zu einer anderen. Obwohl das Verlassen des gemeinsamen Haushalts nicht schon reichen würde, gibt’s obendrauf noch den Ehebruch mit einer natürlich jüngeren. Dabei ist der knochentrocken-sympathische Bill Nighy als Edward ein Langweiler, der stets am Computer hängt, um das Wikipedia aufzufüllen. Beide haben sich auseinandergelebt, was prinzipiell aber noch kein Grund sein muss, sich nicht nochmal annähern zu können. Aber Edward macht ernst. Und Minuten später sitzt Grace allein da. Zumindest hat sie noch ihren Sohn, der sie auffängt. Doch der sitzt bald zwischen den Stühlen, will sich aus dieser Misere heraushalten und beiden gerecht werden, was fast schon ein Ding der Unmöglichkeit scheint.

Man möchte meinen, die malerische Küste mit der sanft ansteigenden grünen Wiese, die dann abrupt an einer wuchtigen Kalksteinklippe endet – die man auch hinunterspazieren kann bis zum Wasser – man möchte meinen, diese Landschaft würde die Seele so sehr besänftigen wie in so mancher melodramatischen Bellestristik. Das tut es in diesem, aus einer gewissen Distanz betrachteten Familiendrama nur bedingt. Das Malerische einer Welt ist nur noch das Echo aus einem anderen Leben. Den Schock, die Trauer und die plötzliche Einsamkeit weiß Annette Bening zu empfinden. Dabei verkörpert sie keine duckmäuserische, konservative Ehefrau, sondern eine vielerlei interessierte, geistig jung gebliebene Individualistin, die mit Kränkungen vielleicht besser umgehen kann, diese aber dennoch erfahren muss. Eine Beobachtung, die ohne dramaturgische Überhöhung auskommt – was in solchen Filmen auch leicht passieren kann. William Nicholson, Drehbuchautor für Werke wie Shadowlands oder Gladiator, hat sich mit diesem Drama erstmals auch die Regie zur Brust genommen. Man merkt – der gute Mann ist ein analytischer, besonnener Denker, dem nichts ferner liegt als seinem Publikum zwischenmenschliche Beziehungen in Form eines emotionalen Blumenstraußes zu überreichen. Viel näher liegt ihm das kurze, vom Wind zerzauste Gras und die Gezeitentümpel, in denen sich allerlei Weichtiere tummeln.

Wer wir sind und wer wir waren ist eine Art Dreiecksgeschichte – zwei Elternteile, ein Kind. Das Kind ist erwachsen, hat selbst Beziehungsprobleme. Und bekommt als solches die wohl schwierigste Rolle aufgebrummt, die man aufbrummen kann: den Spagat zwischen zwei gleichsam geliebten Menschen zu meistern und dabei keine Partei zu beziehen. Zum Glück muss er sich als Minderjähriger nicht entscheiden, bei wem er leben möchte. Ein Unding für den Nachwuchs. Da die Rolle von Josh O’Connor als Sohn Jamie wohl die interessanteste des Films darstellt, wäre es noch spannender und aufschlussreicher gewesen, diesen von vornherein aus der Sicht des Sohnes zu erzählen anstatt den Fokus auf Annette Bening zu legen. Der Einblick in die Welt eines verlassenen Menschen enthält keine neuen Aspekte – wie es dem geht, der die Familie erst zur Familie gemacht hat, hätte da schon anderes zu berichten. Nicholson nimmt diese Sichtweise sehr wohl auch wahr. Vielleicht nicht in der richtigen Dosis, aber immerhin.

Genau das macht Wer wir sind und wer wir waren auch interessant, neben Benings variabel gestalteten Versuchen, ihr Leben wieder auf Schiene zu bringen. Dabei fallen weise, alltagsphilosophische Worte und britische Besonnenheit ebnet den tragikomischen Pfad zum Neuanfang.

Wer wir sind und wer wir waren

Ammonite

WAS IM VERBORGENEN LIEGT 

7/10


ammonite© 2021 Tobis


LAND / JAHR: GROSSBRITANNIEN 2020

BUCH / REGIE: FRANCIS LEE

CAST: KATE WINSLET, SAOIRSE RONAN, GEMMA JONES, FIONA SHAW, JAMES MCARDLE, ALEC SECAREANU U. A. 

LÄNGE: 1 STD 58 MIN


Das Suchen in und zwischen den Steinen nach fossilen Zeitzeugen hat zweifelsohne Suchtpotenzial. Es ist wie das Finden von Schätzen, die keiner vergraben hat. Aus eigener Erfahrung reicht es schon zum Freudentaumel, beim Aufklopfen alter Schiefertafeln fossile Schlangensterne zu entdecken. Wie muss es wohl Mary Anning ergangen sein, einer Hobby-Paläontologin aus Lyme Regis an der Südküste Englands? Für sie waren Schlangensterne wohl eher nur Beiwerk, während sie bereits mit 12 Jahren den Schädel eines Ichthyosauriers freilegen konnte. Wenig später wurde das Relikt im British Museum ausgestellt. Und so ging es weiter. Suchen, ausgraben, freilegen, präparieren. Von Ammoniten über Schnecken- und Muschelschalen bis zu anderen Wirbeltieren, die da an den Klippen des Küstenstrichs nur noch auf ihre Entnahme warteten. Und es sicherlich auch heute noch tun.

Doch um wissenschaftliche Sensationen geht es in Ammonite von Francis Lee natürlich nur peripher. Genauso wenig, wie das britische Archäologendrama Die Ausgrabung vorrangig vom Freilegen eines Wikingerschiffs erzählt. Viel eher gehen diese Filme auch der Frage nach: wie sieht das Gefühlsleben von Leuten aus, deren Bestimmung im Entdecken und dem Streben nach Wissen liegt? Bei Mary Anning, die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts tatsächlich gelebt hat, liegt dieses Tun aber auch in einer gewissen Notwendigkeit. Lees Film nimmt an, dass sie mit sich, ihrer Mutter und ihren Versteinerungen einem gewohnten sozialen Umfeld ferngeblieben war. Könnte so sein, weiß man aber nicht. Auch ist die Beziehung zwischen Anning und der Gattin des Paläontologen Roderick Murchison ein Umstand, der anscheinend frei erfunden wurde. Da es hier in erster Linie nicht um eine biographische Aufarbeitung von Annings Leben geht, sondern vielmehr um die Darstellung einer gleichgeschlechtlichen Beziehung, hat Ammonite ganz andere Ambitionen.

Murchison, ein großer Fan von Annings Arbeit, bittet diese, für einige Zeit auf seine psychisch labile Gattin Charlotte aufzupassen, die an der guten Meeresluft zu neuen Kräften kommen soll. Anning selbst, als mürrische, unnahbare, schroffe Person dargestellt, gibt trotz großzügiger finanzieller Entschädigung widerwillig, aber doch, dem Ansinnen nach. Entsprechend gereizt und angespannt ist die Situation auch zwischen den beiden Frauen, doch als die blasse junge Dame plötzlich erkrankt, ändert sich alles.

Wer sich noch an Jane Campions Meisterwerk Das Piano erinnern kann, dürfte erahnen können, welche Melancholie und naturalistische Opulenz Ammonite aufweisen könnte. Für Kameramann Stéphane Fontaine, der zu Jacques Audiards Filmteam zählt, sind die Kostüme der Spätromantik, das Wetter als Äußerung unberechenbarer Gefühlsregungen und die Gezeiten ein scheinbar grenzenloser Spielraum für bewegte Close Ups, Interieur im Kerzenlicht und der Inhärenz einer ruhelosen, neugierigen, spontanen Natur. Käfer und Krabben queren so manche Szenen, der feine Staub beim Präparieren der alten Knochen durchsetzt die Luft. Es ist ein Film aus einem Zeitalter, in dem Naturwissenschaften alle Welt verblüffen und begeistern konnte. Dazwischen aber etwas, das gar nicht in die Zeit passt: eine Liebe zwischen zwei Frauen. Dabei errichtet Kate Winslet in mimischer Feinarbeit, mit zaghaften Blicken und nur ganz selten einem Heben der Mundwinkel das Portrait einer verschlossenen, gekränkten und schwierigen Person, mit Mut zu unvorteilhaftem, ungefälligem Gebaren. Saoirse Ronan, sowieso meist eine Offenbarung in ihrem Spiel, darf auch hier wieder jene Rollen aus der Gesellschaftshistorie interpretieren, wofür sie so geeignet ist. Ronan ist gleichsam aufgeschlossen, provokant, aber auch ganz dem Zeitbild entsprechend. Zündstoff, der aus reiner Zuneigung mehr macht. Dieses vorsichtige Herantasten zwischen Spitzenmode, der Freigiebigkeit einer erzählerischen Natur und nackter Haut gerät zum gemäldegleichen, geschmackvollen Historienfilm, der biographische Aspekte mit queerer Progressivität verknüpft.

Ammonite

Seitenwechsel

FRAUEN, DIE FARBE BEKENNEN

5/10


seitenwechsel© 2021 Netflix


LAND / JAHR: USA 2021

BUCH / REGIE: REBECCA HALL, NACH DEM ROMAN VON NELLA LARSEN

CAST: RUTH NEGGA, TESSA THOMPSON, ALEXANDER SKARSGÅRD, ANDRÉ HOLLAND, BILL CAMP U. A.

LÄNGE: 1 STD 38 MIN


Einen Film, in dem es um Schwarz oder Weiß geht, in Schwarzweiß zu halten, ist eine aufgelegte Sache. Schwarzweiß kommt immer gut, mittlerweile hat dieses Stilmittel nichts mehr Angestaubtes oder Vorgestriges an sich. Die Filmgeschichte schreibt sich auch unbunt weiter, und schon allein dadurch, da es nicht sehr viele Filme sind, die sich der kontrastreichen Bildsprache hingeben, umgibt diese Werke ein intellektuelles Flair und die Note des Künstlerischen, vor allem Fotografischen. Roma, das autobiographische Erzählkino von Alfonso Cuaron, besticht durch hingebungsvolle, lange Einstellungen. Demnächst wird Kenneth Branagh es genauso tun und seine Kindheitserinnerungen in Belfast ebenfalls auf solche Weise nacherzählen. Seitenwechsel, das Regiedebüt von Schauspielerin Rebecca Hall, macht es nicht anders und findet seinen Distributor bei Netflix. Das Drama basiert auf dem gleichnamigen Roman von Nella Larsen aus den späten Zwanzigerjahren, der im Dunstkreis der Harlem Renaissance entstand. Keine leichte Sache, diesen handlungsarmen Stoff in einen bewegten Film zu packen, geht es doch einzig und allein darum, wie sich zwei hellhäutige Afroamerikanerinnen das Leben in einem anderen gesellschaftlichen Kontext ausmalen.

Auf der einen Seite gibt es Irene, gespielt von „Valkyrie“ Tessa Thompson, die als wohlhabende Medizinergattin in Harlem Zeit und Geld genug hat, um Charity-Events zu organisieren. Auf der anderen Seite gibt es die attraktive Clare, die es geschafft hat, mit der Lüge, eine reinrassige Weiße zu sein, ein Leben unter Weißen zu leben. Zufälligerweise treffen sich beide in einem Café in New York. Beide kenne sich aus früheren Tagen. Clare mit ihrer blonden Haarpracht löst mit ihrem leichten afrikanischen Einschlag bei ihrem rassistischen Ehemann keinerlei Skepsis aus, was Irene völlig irritiert, hätte sie doch selbst die Chance gehabt, ihrer Herkunft zu entfliehen und die Seiten zu wechseln. Dieses Hin und Her wiederholt sich, nachdem Clare immer wieder bei Irene in Harlem aufschlägt und ihrem Gatten schöne Augen macht. Vielleicht, weil sie es nicht länger aushalten kann, ihre ethnische Identität zu verleugnen.

Die wirkliche – und einzige – Stärke an diesem Film sind neben der erlesenen Kameraführung von Eduard Grau (u. a. A Single Man, Buried) die völlige Verwirrung in Sachen hautfarbener Nuancen. Ruth Negga wirkt in dieser entsättigten Optik wirklich nicht so, als hätte sie afrikanische Vorfahren. Tessa Thompson schon eher. Doch ich will gar nicht so sehr über anthropologische Besonderheiten nachdenken. Das diesen Äußerlichkeiten eine solche Wichtigkeit beigemessen wird, erzeugt ein seltsames Unwohlsein, und man selbst erkennt, dass soziale Unterschiede niemals an sichtbaren Nuancen klassifizieren werden darf, so falsch fühlt sich dieser Umstand an. Diese Gefühlsregung provoziert Rebecca Hall natürlich ganz bewusst. Durch diese entsättigte Bildsprache ist Schwarz gleich Weiß und Weiß gleich Schwarz – Unterschiede verlieren sich im hart kontrastierten Schatten, der aber ziemlich selten zu sehen ist, da der Grauton vorherrscht und die Kluft zwischen beiden Gesellschaften schließen will, was auch am Ende des Films seinen Höhepunkt erfährt.

Für Seitenwechsel braucht man viel Geduld, denn oft tritt das dialoglastige Zeitbild auf der Stelle. Abgesehen von seiner Metaebene im Visuellen verweilt die narrative Ebene auf dem Niveau nachmittäglicher Smalltalks beim Tee oder eines verbal begleiteten Umtrunks zu gesellschaftlichen Anlässen, wo Reich, Schön und Distinguiert über Politik, Literatur und Kunst philosophiert. Regisseurin Hall verliert sich in den Gesichtern ihrer beiden Darstellerinnen, in ihren Frisuren und schicken Kleidern. In noblen Zimmerfluren und Champagnerperlen. Diese Details sorgen für eine elegante Fadesse, bei der man sich wünschen würde, dass das eigentliche Problem so sehr am Schopf gepackt wird, dass irgendjemand zur Abwechslung laut aufschreit. Die Stimme erhebt aber keiner, und daher ist  Seitenwechsel nur ein Lippenbekenntnis für etwas, das Frau, auch wenn sie sonst schon alles hat, nicht haben kann.

Seitenwechsel

Pig

MEHR SCHWEIN ALS SEIN

6/10


pig© 2021 Metropolitan FilmExport

LAND / JAHR: USA, GROSSBRITANNIEN 2021

BUCH & REGIE: MICHAEL SARNOSKI

CAST: NICOLAS CAGE, ALEX WOLFF, ADAM ARKIN, DARIUS PIERCE, NINA BELFORTE U. A.

LÄNGE: 1 STD 31 MIN


Hat man im Mittelalter Schwein gehabt, so war man womöglich als letzter aus welchen Wettkämpfen auch immer mit einem Borstenvieh unterm Arm hervor- und heimgegangen. Als Trostpreis war das zumindest mal nicht nichts. Denn ein solches Tier kann man, wenn man geschickt ist, durchaus zu Sinnvollem abrichten. Wie zum Beispiel dafür, Trüffel aufzuspüren. Manche sind da richtige Naturtalente, und so ein Naturtalent hegt und pflegt der mürrische alte Nicolas Cage in dem höchst eigenwilligen Drama Pig. Der rostrote, niedliche Grunzer schnüffelt für den verwahrlosten Waldschrat den lieben langen Tag nach den edelsten aller Pilze, die dieser dann gegen Lebensmittel tauscht. So lässt es sich leben, abseits der Zivilisation. Bis Rob, so Cages Filmfigur, ganz plötzlich überfallen und das Glücksschwein gestohlen wird. Dass das Tier weitaus mehr Bedeutung für den wortkargen Eigenbrötler hat als nur die Verpflegung zu garantieren, ist längst klar. Also muss Rob zurück in die Zivilisation – und trifft dabei unweigerlich auf Spuren seines früheren Lebens.

Nicolas Cage ist nach wie vor ein faszinierender Schauspieler. Seine abseits vom Mainstream befindliche Filmwahl ist eine Methode, die langsam aufgeht – und die einer wie Bruce Willis zum Beispiel nicht versteht, denn der macht nur noch Schrott. Cage ist flexibel, anpassungsfähig, und vor allem: experimentierfreudig. Dabei entstehen Projekte, die schwer einzuordnen sind, die für Überraschungen sorgen und Coppolas Neffen als Botschafter risikobereiter Extravaganz auf die Bühne holen. Pig ist zum Beispiel auch so ein Film, der – angekündigt als etwas, das ungefähr so sein soll wie John Wick – diesen Erwartungen wohl zuwiderläuft. Macht aber nichts. John Wick ist nicht etwas, das man pausenlos kopieren muss. Die Ausgangssituation mag zwar sehr vage daran erinnern, Nicolas Cages trauriger Gestalt eines vom Leben abgewendeten Aussteigers kommt Gewalt als Lösung aber überhaupt nicht in den Sinn.

In diesem durchaus sehr düsteren Drama um Lebensentwürfe, Verlust und seelischen Schmerz, das sich allerdings weigert, eine Tier-Mensch-Geschichte zu erzählen, gibt Cage ganz ohne überzeichnetem Spiel das Psychogramm eines Elenden. Irgendwie erinnert dieser an das Wiener Original Hermes Phettberg, nur in einer Grunge-Version zum Quadrat. Blut klebt am Gesicht, das Hemd steht von alleine. Und müffeln muss der Typ, der sich niemals wäscht – da können noch so viele Wunderbäume im Auto hängen. Dennoch: Cage alias Rob ist eine Gestalt, die Geschichte hat. Die Suche nach dem Schwein erleichtert das nicht. Stattdessen gelingt dem Faktotum eine Art Läuterungstour durch eine zynische und unechte Gesellschaft, die keine wirklichen Werte mehr besitzt. Und das wenige, was vielleicht einen Wert hätte, nicht mehr zu schätzen weiß.

Ein Thriller oder gar ein Actionfilm ist Pig aber ganz und gar nicht. In seiner Schwermut kommt er gar an das beachtenswerte Rachedrama Aftermath mit Arnold Schwarzenegger heran. Michael Sarnoskis Regiedebüt erfreut aber durch seine ungefällige Mieselsucht längst nicht die Herzen eines breiten Publikums, sondern brütet, von errungenen Erkenntnissen belastet, vor sich hin wie sein verlorener Antiheld, der nicht mal mehr Schwein hat.

Pig

Das unbekannte Mädchen

DRAUSSEN VOR DER TÜR

7/10


dasunbekanntemaedchen© 2016 temperclay film


LAND / JAHR: BELGIEN, FRANKREICH 2016

BUCH / REGIE: JEAN-PIERRE & LUC DARDENNE

CAST: ADÈLE HAENEL, OLIVIER BONNAUD, JÉRÉMIE RENIER, LOUKA MINNELLA, CHRISTELLE CORNIL, NADÈGE OUEDRAOGO U. A.

LÄNGE: 1 STD 53 MIN


Diese Wahl wird sie wohl nicht mehr treffen. Als praktische Ärztin namens Jenny steht Adèle Haenel (großartig in Die Blumen von gestern oder Portrait einer jungen Frau in Flammen) vor einem ordentlichen Dilemma. Soll sie den potenziellen Patienten oder die Patientin noch außerhalb der Ordinationszeiten in die Praxis lassen? Klares Nein – es gelten die Geschäftsregeln, irgendwo muss man schließlich den Schlussstrich ziehen, denn als Arzt ist Frau schließlich auch nur ein Mensch mit Bedürfnissen. Diese Vorgehensweise wäre halb so wild gewesen, und Haenels Filmfigur hätte an dieser kurzen Episode wohl keinen Gedanken mehr verschwendet – würde sich tags darauf nicht herausstellen, dass jenes Mädchen, dass da etwas verspätet Sturm geläutet hat, tot aufgefunden wird. Womöglich ermordet. Diese Nachricht sitzt tief – und das Gewissen nagt sowohl an Weltbild, Arbeitsmoral und der eigenen Auffassung vom guten Menschen. Jenny lässt das Unglück keine Ruhe mehr, und sie forscht nach. Will wissen, wer dieses Mädchen war und warum sie geläutet hat. Dringt vor in die Biografie einer völlig unbekannten Person, die sonst nur eine anonyme Zahl in den Sterberegistern des Landes gewesen wäre.

Also nochmal: aufnehmen oder abweisen? Hilfe ermöglichen, oder hilflos sterben lassen? Dieses Dilemma lässt sich offensichtlich auf ein ganz anderes Level heben, und zwar lässt es sich in eine politische Frage umformulieren, die vor allem jene betrifft, die meilenweit gereist sind, womit auch immer, um Schutz zu suchen. Die Brüder Dardenne, Kenner des filmischen Neorealismus und dort zuhause, wo der sozialpolitische Schuh drückt, individualisieren ein großes Problem der Neuzeit und stellen in Das unbekannte Mädchen die Flüchtlingsfrage in einen humanistischen, überschaubaren und – ganz wichtig – beantwortbaren Kontext. Wo endet die Bereitschaft, zu helfen? Endet sie überhaupt irgendwo und irgendwann? Ist man als Mensch nicht sogar dazu verpflichtet? Kann einem sowas überhaupt jemals gar nichts angehen? Auf politischer Ebene verrät der organisatorische Pragmatismus eines Landes menschliche Werte. Heruntergebrochen auf ein Individuum ist diese Ordnung nicht mehr umsetzbar. Im Flüchtlingsdrama Styx sieht sich eine Seglerin irgendwo am Atlantik verpflichtet, die Passagiere eines havarierten Flüchtlingsbootes aufzunehmen – obwohl sie laut Gesetz gar nicht interagieren sollte. Im echten Leben hat die deutsche Kapitänin Carola Rackete staatlichen Flüchtlingsverordnungen zuwidergehandelt und Hilfsbedürftige einfach nicht sterben lassen. Ärztin Jenny hat die Regeln – und die Intuition. Entschieden hat sie sich für ersteres – um festzustellen, dass der Mensch ohne altruistische Intention die Gemeinschaft unserer Art in einem sozialdarwinistischen Wettkampf anfeuert.

Verblüffend, wie die Dardennes ein humanphilosophisches Weltproblem zwar nicht als klassische Parabel, jedoch immerhin als vereinfachtes, hochemotionales Gleichnis darstellen, ohne in sentimentales Betroffenheitskino abzugleiten. Das macht zum Beispiel der britische Kollege Ken Loach auch nie. Beiden liegt sehr viel daran, dass sich Menschen in ihrem Verhalten auch weiterhin in den Spiegel sehen können.

Das unbekannte Mädchen

Cry Macho

VOM COWBOY UND DEM SONNENUNTERGANG

3/10


crymacho© 2021 Warner Bros. Entertainment


LAND / JAHR: USA 2021

REGIE: CLINT EASTWOOD

CAST: CLINT EASTWOOD, EDUARDO MINETT, NATALIA TRAVEN, FERNANDA URREJOLA, DWIGHT YOAKAM U. A. 

LÄNGE: 1 STD 44 MIN


Wenn ein Drehbuch lange im Umlauf ist, wird das schon seine Gründe haben. Bereits vor 46 Jahren verfasste der amerikanische Schriftsteller Richard E. Nash ein Script mit dem Titel Macho – und blieb darauf sitzen. Was nun tun mit dieser Idee für einen Film? Am besten einen Roman schreiben, was er auch getan hat. Aus Macho wurde Cry Macho und einige Zeit später wurde der Stoff für eine Verfilmung wieder interessant. Vom Script zum Roman zum Script – kurios, wohin die Wege zum Erfolg letztlich führen. Cry Macho hätte gar mit Roy Scheider oder – haltet auch fest – Arnold Schwarzenegger verfilmt werden sollen, der wiederum hätte Spaß daran gehabt, die Sache selbst zu inszenieren, und zwar mit Robert Mitchum. Was also lange liegt, gerät schlussendlich in die Hände von Regieveteran Clint Eastwood, der sich dann auch gleich selbst besetzt hat, und das mit 91 Jahren. Hut ab vor so viel Tatendrang und Energie. Und Hut ab vor so viel Leidenschaft fürs Filmemachen. Allerdings bleibt einem angesichts eines hohen Alters irgendwann nichts mehr anderes übrig, als sich nach der Decke zu strecken, das Bestmögliche auszuloten und vielleicht den einen oder anderen Kompromiss einzugehen. Schließlich geht’s hier um einen Film, der weltweit vermarktet wird. Und da hätte der gute alte Clint, der eine phänomenale Filmografie aufzuweisen hat, gut daran getan, einfach nur Regie zu führen. Denn als Schauspieler tut sich die Legende mittlerweile so dermaßen schwer, dass Cry Macho dadurch ordentlich ins Stocken gerät.

Wer sich noch an den letzten Auftritt von Maxim-Virtuose Johannes Heesters erinnern kann, wie er in Wetten dass? mit 105 Jahren ans Klavier gelehnt den Gigolo gegeben hat, und wer noch weiß, was er bei dessen Anblick damals wohl empfunden hat, wird ähnliche Gefühle auch bei Clint Eastwood hegen. Es ist eine Mischung aus Mitleid und sympathisierendem Wohlwollen. Ein Umstand, der den Mexiko-Neo-Western auch nicht retten kann. Dabei geht’s hier, in diesem Film, um nichts anderes: um eine Rettungsaktion. Der alternde Rodeo-Veteran und Cowboy Mike Milo wird von seinem Geldgeber angeheuert, dessen Sohn aus Mexiko und weg von seiner Mutter zurück in die Vereinigten Staaten zu holen. Milo steht in der Schuld des anderen, also wird er diese Bitte wohl nicht ausschlagen können. Also brettert dieser in den wüstenhaften mexikanischen Norden und hat bald einen Teenager samt Kampfhahn Macho an der Backe. Verfolgt werden beide von den Schlägertypen der windigen Mutter, und so suchen sie Unterschlupf in einem Kaff irgendwo im Nirgendwo, das einige Überraschungen bereit hält.

Zwischen den inszenatorischen Qualitäten seines vorletzten Films – Der Fall Richard Jewell, den man durchaus als Meisterwerk bezeichnen kann – und diesem trockenen Roadmovie liegen tatsächlich Welten. Durch Clint Eastwoods mittlerweile stocksteifes Spiel und der ratlosen Fahrigkeit von Jung- und Co-Star Eduardo Minett wirkt Cry Macho wie das Freizeitmachwerk eines wenig erfahrenen Amateurs: undynamisch, holprig und die physischen Grenzen eines Altstars ignorierend. Hier stiehlt ein Hahn namens Macho so gut wie allen die Show, und der Vogel ist der einzige, der das richtige Timing hat.

Cry Macho