Ich bin dein Mensch

DIE SIMULATION DER ZWEISAMKEIT

7/10


IchBinDeinMensch© 2021 Majestic Filmverleih


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND 2021

REGIE: MARIA SCHRADER

CAST: MAREN EGGERT, DAN STEVENS, SANDRA HÜLLER, HANS LÖW, WOLFGANG HÜBSCH, ANNIKA MEIER U. A. 

LÄNGE: 1 STD 48 MIN


Es ist menschlich, sich was vorzumachen. Mit der eigenen zurechtverdrängte Realität lässt sich doch gut leben. Warum sollte man also da aufhören, wo es vielleicht am schönsten wäre? Bei der Partnerschaft. Manchmal reicht da einfach nur eine Stimme, um sich zu verlieben. Jean Cocteau hatte die Stimme am Telefon. Für Joaquin Phoenix in Spike Jonzes Her war Scarlett Johannsons Organ zu einer nicht körperlichen KI mehr als genug, um sich zu verlieben. Wenn dann aber ein attraktiver Mann mittleren Alters, augenscheinlich aus Fleisch und Blut, jeden Wunsch von den Augen abliest, kann das nur ein Erfolgsmodell werden. Damit nämlich rechnet eine in Berlin ansässige Robotik-Firma und hat bereits Eurozeichen in den Augen, als nur noch eine einzige Hürde überwunden werden muss, bevor die Innovation auf den Markt kommt: die Testung in privatem Haushalt. Für so etwas wird die Archäologin Alma mehr oder weniger zwangsverpflichtet. Sie muss den Partner-Androiden Tom für 3 Wochen mit zu sich nach Hause nehmen und auf die Frage Eignen sich Roboter als Partner-Ersatz? ein so gut es geht objektives Gutachten verfassen. Alma hat wenig Lust dazu, steckt sie doch bis über beide Ohren in einer Studienveröffentlichung zum Thema Keilschriften. Doch da muss sie durch – und nimmt den etwas hölzern wirkenden Charmebolzen mit in die eigenen vier Wände. Dieses Gekünstelte, so meint Tom, gibt sich bald – er muss seinen Algorithmus nur noch perfektionieren. Was aus diesen nächsten Wochen daraus entstehen mag – es ist nicht vorherzusehen. Und das ist schon mal eines der schönen Dinge, die diesen Film als etwas sehr Interessantes klassifizieren.

Ich bin dein Mensch ist ein Science-Fiction-Film, der noch weniger als Her visuellen Futurismus auch nur irgendwie nötig hat. Niemals blickt man in das Innere von Tom, niemals auch nur sind scheinbar schwebende Displays, Kabeln oder Knöpfe jemals relevant. Maria Schrader schlägt mit ihrem durchdachten Beitrag zum Informationszeitalter eine ganz andere Richtung ein. Dabei ist es, im Gegensatz zu ebenfalls recht durchdachten Filmen aus dem Roboter-Genre, auch nicht gerade die Frage der Ethik, die hier im Vordergrund steht. Für sie ist der Umstand, oder die Möglichkeit, alsbald einen Mensch-Ersatz menschlichem Willen zu unterwerfen, ein Umstand, der genauerer Betrachtung bedarf. Ein sozialpsychologisches Problem also. Eine ganz eigene Studie, die Maria Schrader hier betreibt, und für die sie mit Maren Eggert eine ebenso kritische wie leidenschaftliche Verfasserin gefunden hat. Vor ihr der charmante, ein bisschen als eine Mischung aus Anthony Perkins und James Stewart empfundene Gesellschafter – Dan Stevens (u. a. Die Schöne und das Biest, Downton Abbey) schafft als grüblerischer und gutmütiger Android mit britischem Akzent einen brillanten Balanceakt zwischen Star Trek´s Data und einem menschlichen Superhirn wie Sheldon Cooper, dazwischen aber gelingen ihm verblüffend menschliche Züge, bei welchen man als Zuseher fast schon selbst vergisst, dass dieser Tom eigentlich ein Roboter ist. Dabei zählen seine durchaus logisch nachvollziehbaren Handlungen, die enormes komödiantisches Potenzial entfalten, zu den wirklich witzigen Höhepunkten des Films.

Ich bin dein Mensch ist aber nur zum Teil Komödie. Im Grunde ist Schraders Film eine Gewissensfrage – an den Menschen im Zustand erdrückender Isolation und an ein künstliches Wesen, das vorgibt, alles zu verstehen. Die Simulation der Zweisamkeit allerdings kann nicht der Weisheit letzter Schluss sein, ist sie doch darauf ausgerichtet, die Grundmotivation der Lebenden, nämlich das Streben nach unerfüllten Wünschen, vorwegzunehmen. Doch andererseits… was weiß man.

Diese nachdenkliche, spitzzüngige und enorm pointierte Komödie über ein gesellschaftliches Grundproblem unserer Zeit schlägt zwar klar einen Kurs ein, lässt aber trotzdem alle Fragen offen. Und das in einer Zeit der vermeintlichen Fortschritte und anmaßenden Gewissheiten.

Ich bin dein Mensch

A Babysitter´s Guide to Monster Hunting

OBACHT, DAS TRAUMMÄNNLEIN KOMMT

3/10


ababysittersguide© 2020 Netflix


LAND: USA 2020

REGIE: RACHEL TALALAY

CAST: TAMARA SMART, OONA LAURENCE, TOM FELTON, INDYA MOORE, MOMONA TAMADA, CAMERON BANCROFT U. A.

LÄNGE: 1 STD 34 MIN


Genau solche Titel sind wie gemacht für vielversprechende Gruselabenteuer mit Fantasy-Touch,  und erinnern fast schon an Douglas Adams Hitchhikers Guide through the Galaxy. Wie schon in der Gruselkomödie Vampires vs. the Bronx müssen auch hier unterschiedlich gealterte, letzten Endes vigilante Kids in quotenmäßig verordneter ethnischer Vielfalt die Welt vor der Verbreitung des Bösen retten. Basierend auf der dreiteiligen Buchreihe des Autors Joe Ballarini hat´s der erste Teil mal ins Halloween-Angebot von Netflix geschafft. Die Regie hat Rachel Talalay übernommen, am besten bekannt für ihre Comic-Verfilmung Tank Girl mit Lori Petty aus den Neunzigern. A Babysitter´s Guide to Munster Hunting birgt ja schon mal ein launiges Konzept, rein aus dem Bauch heraus. Die Ausgangssituation klingt zumindest mal so, als würde jemand Die Monster AG neu verfilmen, aus Sicht der Kinder und noch dazu als Live Action Movie. Dieser Eindruck weicht aber schnell wieder. Viel mehr geht’s – und das ist für Volksschüler vielleicht dann doch ein bisschen zu spooky, obwohl der Film eine Freigabe von 7+ bekommen hat – in Richtung eines Coming of Age-Sandmann-Abenteuers, in dem speziell begabte Kinder aus ihren Betten entführt werden, um Alpträume zu bekommen, die sich dann manifestieren und auf die gesamte Menschheit losgelassen werden sollen. Das wiederum ist ja fast schon auf dem Niveau eines Horrormärchens im Stile von Jean Pierre Jeunets und Marc Caros Die Stadt der verlorenen Kinder. So kunstvoll abgehoben wird’s dann aber auch nicht. Ganz im Gegenteil – obwohl sich das Fantasyabenteuer ganz gut anlässt, verliert es nach einer Sitcom-Länge Spieldauer wieder gehörig an Fahrt, obwohl es da eigentlich so richtig losgehen hätte sollen, und schleppt sich bis zum vorhersehbaren Finale seltsam hölzern dahin.

So wie bei Vampires vs. The Bronx hapert es hier vor allem an einer schlampigen Drehbuchadaption, die keinerlei dramaturgische Dichte aufweist. Hier wie dort glänzt der Cast durch ungelenkes Spiel im Dunstkreis von fahrigem Fernsehpragmatismus. Eine Auftragsarbeit im Schnellverfahren. Ob Rachel Talalay selbst glücklich ist über ihren fertigen Film? Kann ich mir kaum vorstellen. Überraschenderweise stiehlt sich Harry Potters schulischer Erzfeind „Draco Malfoy“ Tom Felton in das knallbunte Brimborium zwischen unechten Talente-Show-Kulissen und gewolltem Epic-Fantasy-Naturalismus, und zwar als Imitation der Tim-Burton-Kultfigur Beetlejuice, die aber längst nicht so viel liebenswerten Schabernack treibt wie seinerseits Michael Keaton. CGI-Hingucker sind die drei kartoffelähnlichen Mönsterchens mit schiefem Gesicht, die für etwas Esprit sorgen, doch sie sind fast auch schon die einzigen, die dem Begriff Monster-Hunting etwas abgewinnen. Weitere Kreaturen sucht man außerhalb der Schatten allerdings vergebens. A Babysitter´s Guide to Monster Hunting ist ein lahmes, nichtssagendes Abenteuer, abgespult und formelhaft. Für alle, die ein Trostpflaster nach dieser Ernüchterung suchen: Guillermo del Toros Animationsserie Trolljäger ist die mit Abstand bessere Alternative.

A Babysitter´s Guide to Monster Hunting

Ein Becken voller Männer

NACH DEM SCHEITERN IST VOR DEM ERFOLG

6,5/10

 

EIN BECKEN VOLLER MƒNNER© 2019 Constantin Film

 

ORIGINAL: LE GRAND BAIN

LAND: FRANKREICH 2019

REGIE: GILLES LELLOUCHE

CAST: MATTHIEU AMALRIC, BENOIT POELVORDE, GUILLAUME CANET, JEAN-HUGHES ANGLADE, VIRGINIE EFIRA U. A.

 

Sport ist die beste Medizin! Vor allem gegen psychische Erkrankungen wie Panikattacken oder Depression. Schwimmen eignet sich dafür am besten, also meiner Meinung nach. Beim Schwimmen taucht man in ein ganz anderes Medium ein, das hilft sehr gut, den Alltag zu relativieren, in dem man manchmal so richtig feststeckt. So geht’s zumindest dem unter schweren Depressionen leidenden Familienvater Bertrand, seit zwei Jahren schon arbeitsunfähig, zum Leidwesen von Frau und Kind. Beim Nachwuchs-Schwimmkurs wird die arme Seele allerdings auf eine Anzeige am schwarzen Brett aufmerksam – eine etwas ungewöhnliche sozusagen, nämlich eine für männliches Synchronschwimmen. Warum nicht, denkt sich Bertrand, und wird kurze Zeit später Teil eines wild zusammengewürfelten Teams aus Männern, die mehr oder weniger ihr Lebensziel verpeilt oder von höheren Mächten in die Schranken gewiesen wurden. Mit anderen Worten: Verlierer, die es verhältnismäßig schwer haben. Die sich im Wasser aber ungleich leichter fühlen. Ihre Trainerin: eine Frau, die selbst so ihre Probleme hat, und nicht anders dran ist als die Handvoll Typen, die mit Badehaube und Waschbärbauch im Laufe ihres Trainings so ziemlich alles umdenken, woran sie bisher gescheitert sind.

Das Scheitern wird in Gille Lellouches liebevoller Tragikomödie zur riesengroßen Chance, einen Neuanfang zu wagen oder sich umzuorientieren. Träume aufzugeben und Alternativen zu suchen. Nicht alle Schwimmer in Ein Becken voller Männer sind Verlierer, natürlich nicht. Einige von ihnen bekommen allerdings keinen biographischen Steckbrief verpasst, im Mittelpunkt stehen eher die Stars des französischen Kinos wie Benoit Poelvoorde, Guillaume Canet oder Mathieu Amalric. Jeder von ihnen scheitert anders, aus Selbstversschulden, Kränkung oder Krankheit. Das, was sie probiert haben, gelingt nicht. Wobei sich die Frage stellt: sollte man weiter an seinen Träumen festhalten oder andere suchen? Beharrlich bleiben oder aufgeben? Ein Becken voller Männer zelebriert den „Plan B“ als eine Erkenntnis, sich fürs eigene Versagen nicht schämen zu müssen. Der Plot des Films erinnert unweigerlich an Peter Cattaneos Striptease-Sozialkomödie Ganz der gar nicht aus dem Jahr 1997, wobei hier Arbeitslosigkeit und finanzielle Bedürftigkeit mehr im Vordergrund steht als die Unfähigkeit, etwas Nachhaltiges zu vollbringen. Da wie dort ist die (vorläufige) Lösung der vordergründigen Probleme etwas, das auf homöopathischem Wege anfangs alles nur noch schlimmer macht, bevor irgendetwas besser wird. Ob Männer-Strip oder maskulines Synchronschwimmen – beides erzeugt gesellschaftliche Irritation, und beschwört ein dem Happy End-Kino inhärentes gruppendynamisches Einsehen herauf. Schön wär’s, wenn es tatsächlich so wäre. Und in Lellouches Realkomödie ist die Welt trotz aller Unzulänglichkeiten und zähneknirschenden Entbehrungen eine letzten Endes heile, die zum Schluss kommt, dass nur präsentierte Leistung etwas ist, worauf man stolz sein kann. Und nicht einfach nur das eigene schräge Ich, das am Mainstream scheitert.

Lellouche bekommt allerdings noch die Kurve – er verbucht die Erfolgsgenese seiner kleinen Helden nur für sie selbst. für niemanden sonst. Und das macht den Film dann doch sehenswert, auf befreiende Art idealistisch und mit sich selbst im Reinen.

Ein Becken voller Männer

Körper und Seele

DIE HEILIGE MARIA DER SCHLACHTHÖFE

7/10

 

koerperundseele© 2017 Alamode Film

 

LAND: UNGARN 2017

REGIE: ILDIKO ENYEDI

CAST: ALEXANDRA BORBÉLY, MORCSÁNYI GÉZA, RÉKA TENKI U. A.

 

Ein verschneiter Wald im Nirgendwo. Es ist still, kein Verkehrslärm stört die Idylle. Inmitten junger Bäume und vor dem reinen Weiß frisch gefallenen Schnees stehen zwei Tiere – ein Hirschbock und eine Hirschkuh. Ein zartes, friedliches Bild. Sie stecken ihre Köpfe zusammen, berühren ihre Wangen, sanft und voller Achtsamkeit. Man erkennt – die beiden gehören zusammen. Was auch immer sie verbindet – es muss stark sein, transzendent, und jedem Zweifel erhaben. So vollkommen dieses Bild auch ist – in Wahrheit ist es nur ein Traum. Und sind Träume wirklich Schäume, wie man sagt? Oder ist es einfach eine andere Realität? Was würde Sigmund Freud dazu sagen? Zu diesem Film? Denn diesen Traum, den träumt in diesem ungarischen Liebesdrama nicht nur einer allein, sondern noch jemand anderes. Ein Traum für zwei. Und beide träumen haargenau das gleiche. Es ist nicht so, dass sie nur ähnliches träumen. Nein – da ist die Rollenverteilung eindeutig determiniert. Der Hirschbock ist der astrale Avatar von Endre, des Finanzdirektors eines Schlachthofes irgendwo in Ungarn. Und die Hirschkuh – sie verkörpert Maria. Die akribisch genaue Fleischkontrolleurin will allerdings nicht so genannt werden. Und auch nicht angesprochen. Und am wenigsten berührt. Denn Maria ist nicht wie alle anderen. Sie könnte an einer Form des Autismus leiden, klar diagnostiziert wird das in diesem Film aber nicht. Sie hat ein eidetisches Gedächtnis und hat Schwierigkeiten, sich sozial zu integrieren. Natürlich ist sie ist eine Außenseiterin, mit ihren hellblonden Haaren und ihrer stoischen Art fast schon ein engelsgleiches, unnahbares Wesen, dass ihr Arbeitsumfeld eher verstört als fasziniert. Oder beides? Endre jedenfalls ist erst dann so richtig von Maria angetan, als beide herausfinden, dass sie im Traum miteinander verbunden sind.

Würde der polnische Meisterregisseur Krzysztof Kieslowski noch leben, er hätte genau diesen oder einen ziemlich ähnlichen Film gemacht. Wer sein Meisterwerk Die zwei Leben der Veronika kennt, der wird wissen, was ich meine. Kieslowski war ein Virtuose, wenn es darum ging, zwischenmenschliche Gefühle auf eine Ebene zu transferieren, die das Raum-Zeit-Gefüge unserer Realität durchbrechen. In der irrlichternd-orchestralen Filmpoesie von Kieslowski entdeckt Irene Jacob eine Doppelgängerin, mit der sie emotional verbunden ist. Von so einer schicksalhaften Kohärenz sinniert auch Körper und Seele – und baut seinen zaghaften cineastischen Annäherungsversuch genau darauf auf. Diese Metaebene, die sich jeglicher rationalen Nüchternheit entzieht, ist gerade dadurch, dass sie nicht widerlegt werden kann und den X-Faktor für sich nutzt, ein philosophisches, wenngleich fatalistisches Gedankenspiel über Bestimmung und einer Seele, die multiversal existiert.

Gegenwärtig gibt es neben Alptraumdeuter David Lynch, der wohl eher in die verdrängten Nischen unserer Wahrnehmung vordringt, noch Filmschaffende wie Mike Cahill, die sich mit Vorbestimmung, Tanszendenz und der Unsterblichkeit unserer Seele beschäftigen. Cahill schuf Werke wie I Origins oder das Gedankengespinst Another Earth, wo die Philosophie eines Kieslowski weitergesponnen wird. Die Ungarin Idliko Enyedi entwirft mit Körper und Seele einen ähnlich autarken, zeit- und wortlosen Raum: eine vertraut wirkende Dimensionskapsel als Treffpunkt zweier Seelen, die wie der Vorort zu einem möglichen Jenseits anmutet. Das ist Metaphysik in seiner schönsten Form. Weniger schön ist die andere Seite der Waagschale – die des Körpers. Da eignet sich nichts besser als ein Schlachthof, der das Lebewesen auf seine physische Beschaffenheit reduziert, aber nicht, ohne Mitleid zu empfinden. Vor allem die Beobachtungen des Arbeitsalltags beim „Verarbeiten“ der Nutztiere könnten tierschutzmotivierte Vegetarier womöglich verstören – wer Bildern von sprudelndem Blut und abgetrennten Rinderköpfen aus dem Weg gehen möchte, sollte Enyedis Film vielleicht nicht unbedingt auf seine Watchlist setzen. Diese Körperlichkeit, die zieht sich als Antipode zur geheimnisvollen Traumebene durch den Film. Die wertvolle fleischliche Hülle von Tier und Mensch bleibt ein nicht zwingend austauschbares Gefäß für viel mehr und vor allem für Dinge, die wir nicht fassen können. Die sich wissenschaftlich nicht niederwerfen lassen, die Liebe nicht als chemischen, sondern als einen höheren Prozess verstehen. Der den Körper aber dennoch für unsere wahrnehmende Welt unabdingbar werden lässt.

Die Bilder aber, die Enyedi zeigt, sind was sie sind, sie bleiben unkommentiert, sind teils magisch, teils nüchtern und dokumentarisch. Körper und Seele erinnert an Thomas Stubers Supermarktromanze In den Gängen – von den Personen, von der alltäglichen Pflicht her, von den Berührungsängsten untereinander. Hier wie dort geht es um Einsamkeit und der Schwierigkeit, Vertrauen im Gegenüber zu finden. Kieslowski hätte Körper und Seele wohl noch magischer, noch verspielter werden lassen, hätte Ildiko Enyedis Inszenierungsstil etwas von seiner stockenden Schwermut genommen, die er manchmal hat. Die sich aber durch Alexandra Borbélys so faszinierende wie ungelenke Entdeckungsreise in die Welt der intimen Nähe in verstohlene Leichtigkeit wandelt. Eine Leichtigkeit, die dem instinktiven Fühlen von Tieren und Menschen folgt. Ohne Worte und am besten frei von Gedanken, die vielleicht alles zerstören könnten.

Körper und Seele

In den Gängen

DIE SEHNSUCHT DES GABELSTAPLERS

6,5/10

 

indengaengen© 2018 Zorro Film

 

LAND: DEUTSCHLAND 2018

REGIE: THOMAS STUBER

CAST: FRANZ ROGOWSKI, SANDRA HÜLLER, PETER KURTH, ANDREAS LEUPOLD, MICHAEL SPECHT U. A.

 

Stanley Kubrick hat in seinem Meisterwerk 2001- Odyssee im Weltraum den Tanz der Raumschiffe mit den Klängen des Donauwalzers hinterlegt: eine, wenn nicht DIE Sternstunde des Kinos schlechthin. Regisseur Thomas Stuber, dem Kubrick´s Film wohl auch gefallen haben muss, hat den Menschen in seinem Fortschrittseifer vom Himmel geholt und den ganzen technisch-utopischen Reigen auf eine alltägliche Morgendämmerung im Supermarkt zurechtgestutzt. Was aber, wider Erwarten, eine poetische Eleganz entwickelt, die man so völlig unattraktiven Großhallen mit all ihren Regalen und sterilen Gängen nicht zugetraut hätte. Zuerst das Angehen der Lichter, fotografische Blicke in die Regalfluchten. Und dann kommen sie angerollt – die Putzmaschinen und Gabelstapler. Und vollführen ein Ritual, das wohl jedem Supermarktbediensteten die Tränen der Rührung und Begeisterung in die Augen treibt. Denn die wohl eher stets monotone, nüchterne Arbeit im Supermarkt wird durch das Intro von Stuber´s Normalverbraucher-Drama zu etwas ganz Besonderem, direkt Sakralem – zu einer verklärenden Liturgie eines sonst konformen Jobprofils. Fast erwartet man, dass Regalräumer und Lagerarbeiter auf Rollschuhen in geprobten Figuren durch die Gänge gleiten. Doch bevor das Schöne am Praktischen von anerkennender Aufmerksamkeit zur Parodie kippt, endet auch der Zauber des beginnenden Alltags, kurz bevor die Pforten öffnen – und der einkaufende Bürger als austauschbare Variable seine eigenen vier Wände mit Lebensmitteln versorgt.

Dieses Intro, das ist der größte inszenatorische Wurf in diesem zaghaften Kaleidoskop aus blauen Arbeitsmänteln, Getränkekisten, Automatenkaffee und Südseetapeten, die im Pausenraum den unerreichbaren Plan B für Mindestlohnbezieher symbolisieren. In den Gängen könnte furchtbar trist sein – ist es aber nur zum Teil. Die Schönheit des Ereignislosen, der Zauber des Raureifs auf den Äckern und das unbeschriebene Blatt des morgendlichen Himmels bekommt eine Aura des Unentdeckten, Spannenden. Als hätte Dokufilmer Nikolaus Geyrhalter, der eine Vorliebe für das Majestätische des Schlichten hat, ein Drehbuch von Ulrich Seidl verfilmt, selbst ein Unerschütterlicher, wenn es darum geht, ins Innerste gesellschaftlicher Milieus zu blicken. Doch so abstoßend wie Hundstage oder Import/Export ist In den Gängen keineswegs. Stets mit einer Menge Sympathie und fast schon fürsorglicher Liebe zu seinen genügsamen Figuren setzt Stuber eine unprätentiöse Romanze in Gang, welche sehnsüchtige Zugeständnisse in den Details versteckt, die im Überangebot einer Konsumgesellschaft verschwinden. Sie zu suchen, macht sich der Plot von In den Gängen zur Aufgabe. Und dennoch – wirklich glücklich macht das Drama über resignativ-disziplinierte Alltagsexistenzen eben trotzdem nicht.

Franz Rogowski als Ex-Häftling, der in seiner Arbeit als Staplerfahrer vorübergehend Erfüllung und neuen Halt im Leben findet, bleibt – verloren in den unendlich scheinenden Weiten des Großhandelsortiments – eine unnahbare, extrem introvertierte Gestalt, fast schon kafkaesk. Und wenn der gewissenhafte Helfer dann zu Wort kommt, ist er ob seines Sprachfehlers kaum zu verstehen. Sandra Hüller, dem Publikum gut bekannt als Tochter Peter Simonischek´s in Toni Erdmann, ist das sensible Aschenputtel in all den repetitiven Handgriffen, die das tägliche Werk von Angebot und Verkauf am Laufen halten. Und der, von dem man glaubt, die Dinge am Besten im Griff zu haben – nämlich Peter Kurth (Babylon Berlin) als Bruno – wird alle Anwesenden eines Besseren belehren. Drei Schicksale also, die jeweils als Kapitel den Film dritteln. Mal mehr, mal weniger lebensmutig. Und während man zusieht, wie mühsam sich das Leben dieser Angestellten weiterbewegt, wünscht man ihnen auch privat so etwas wie einen Gabelstapler, der das eigene kiloschwere „Pinkerl“ aus Frust, Flucht und schwankender Zuversicht leichter tragen und ertragen lässt. Doch dieses Gerät, das fährt nur in den Gängen hin und her, hebt und senkt sich. Und klingt dabei manchmal so wie das Rauschen des Meeres, das so unendlich fern ist. Dieses Abfinden der Umstände, dieses Strecken nach der Decke, mag ernüchternd kampflos sein, wenn es um Träume geht. Doch den Umständen einen Lebenswert abzugewinnen, ist die Kunst der kleinen Leute, die mit dieser Liebeserklärung zutiefst respektiert werden.

In den Gängen