Wilde Maus

EINE RUNDE SELBSTMITLEID

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wildemaus

Hader spielt diesmal nicht Hader. Zumindest kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass er sich in seinem Regiedebüt nur ansatzweise selbst spielt. Denn wenn ja, wäre ich von unserem bis über österreichische Grenzen hinaus bekannten Schauspiel- und Kabarettexport doch relativ enttäuscht. Warum? Nun, weil seine Filmfigur, die des zynischen Musikkritikers Georg Endl, ein ordentliches Ego-Problem besitzt. Dieses soziale Defizit dürfte Josef Hader, so glaube ich, nicht haben. Und sein Georg Endl ist auch kein Brenner aus den Wolf Haas-Krimis. Seine Interpretation des abgehalfterten Ex-Polizeikommissars hat zumindest einen Charakter, der auf Prinzipien fußt. Der vom Leben geschasste Endl hat das nicht. Weder Charakter noch Prinzipien. Georg Endl ist ein Lulu. Ein Häufchen Elend und obendrein noch ein Egoist, um welchen sich die ganze Welt drehen soll. Ganz genauso, wie es Falco seinerzeit schon gesungen hat. Und was macht ein Egoist, wenn er sich selbst nichts mehr beweisen kann? Er läuft Amok. Oder so ähnlich. Doch nicht mal das bekommt das in die Jahre gekommene, unter Minderwertigkeitskomplexen leidende Bürschlein richtig hin.

Da hat Michael Douglas als D-Fens in Falling Down schon ganz andere Seiten aufgezogen. Die Ausgangssituationen beider Filme sind nämlich gar nicht so unähnlich. Beide verlieren ihre Arbeit. Beide verschweigen ihr Scheitern. Beide beginnen einen Ego-Trip ohne Rücksicht auf Verluste. Einzig angetrieben von Rache, Genugtuung, Abreaktion und das ganz dringende Bedürfnis, wahrgenommen zu werden. Genau hier beginnt meine Schwierigkeit mit Hader´s Wilde Maus. Anders als Douglas´ Figur D-Fens, der in seiner Wut auch gegen das System wettert und so manchem Otto Normalverbraucher aus der Seele spricht, konzentriert sich Haders hässeverkneteter Verlierertyp einzig und allein auf sich selbst und seine Unzufriedenheit, die er mit sich trägt. Das Verhalten des ewigen Jammerers lässt sich für mich nur schwer nachvollziehen. Wäre von vornherein die Katze aus dem Sack, würde es natürlich keinen Film geben. So ist sich dieser Georg Endl selbst der Nächste. Und das macht ihn unausstehlich. Einzig und allein für seinen alten Schulkollegen Erich, den er für sein neues Projekt – die Inbetriebnahme der Hochschaubahn Die Wilde Maus im Wiener Prater – sponsert, existiert auch eine Welt außerhalb seines Egos. Dennoch treibt ihn seine Raserei zu irrationalen Handlungen, die bis zum Verbrechen führen. 

Josef Hader hat nicht nur die Hauptrolle und die Regie übernommen – er hat das Buch zu seinem Film auch selbst geschrieben. Ein ganzer Haufen Arbeit. Schade nur, dass Hader nicht so konnte, wie er vielleicht gewollt hätte. Die urösterreichische Ballade rund um Selbstmitleid, Rache und Neuanfang hätte mehr Komplexität vertragen. Die titelgebende Wilde Maus mag zwar reinen Symbolcharakter haben, als das Auf und Ab des Lebens – hätte aber mehr Wichtigkeit verdient. Auch die Rolle des Freundes Erich – wiedermal souverän und augenzwinkernd gemeistert vom Volksschauspieler Georg Friedrich, der eben erst den Silbernen Bären von Berlin eingeheimst hat – verliert sich im Nichts, was verschenktem Potenzial gleichkommt. Nur Figuren miteinander und untereinander zu verknüpfen, birgt zwar auf den ersten Blick scheinbare Raffinesse, hat aber was Unfertiges. So wie das Ende an sich. Anders als in Haders Kabarettprogrammen bleibt Wilde Maus etwas zu handzahm, um genug Satire zu sein. Nackt im Schnee zu sitzen ist zwar ein Ansatz, lässt aber die schwarzhumorige Radikalität vermissen, die dem österreichischen Witz so eigen ist. Josef Hader ist sanfter geworden, erwachsener. Aber auch zahnloser. Eine neurotische Tragikomödie, großartig besetzt und augenzwinkernd, aber unerwartet versöhnlich. 

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