Asphaltgorillas

DIE STADT VOLLER AFFEN

6,5/10

 

asphaltgorillas© 2018 Constantin Film

 

LAND: DEUTSCHLAND 2018

REGIE: DETLEV BUCK

CAST: JANNIS NIEWÖHNER, SAMUEL SCHNEIDER, ELLA RUMPF, GEORG FRIEDRICH, MICHAEL OSTROWSKI, KIDA KHODR RAMADAN U. A.

 

Hierzulande – also in Österreich – ist der Deutsche vor allem für Sex, Drugs und Rock’n’Roll bekannt. Die Rede ist von Michael Glawoggers teils psycheledischer Filmtrilogie über Lust und Laster halbseidener (Anti-)Helden aus gesellschaftlichen Grauzonen. Bei unseren Nachbarn im Norden hat der Blonde mit den wahrscheinlich schwarzen Schuhen schon längst, und zwar schon seit den frühen 90ern, Kultstatus erreicht. Detlev Buck ist dort natürlich ein Begriff, und mittlerweile führt er sich selbst im Vorspann auch nur mehr als Buck an, mit der Gewissheit, dass ihn wohl keiner mit Biene Majas Stubenfliege verwechselt. Die schreibt man ja auch mit hartem P, aber wer weiß das schon so genau?

Buck ist also von seinen Gastauftritten an der Donau längst wieder ins Heimatland zurückgekehrt, und hat dabei aber nicht vergessen, die beiden schrägen Vögel Michael Ostrowski und Georg Friedrich mitzunehmen. Die beiden dürften sich mit dem ollen Detlev gut verstanden haben, waren auch sie Teil des Ensembles von Nachtschnecken, Contact High und Hotel Rock’n’Roll. Und so durchgeknallt, wie dort die Saiten aufgezogen wurden, darf es auch in der Thrillerkomödie Asphaltgorillas zugehen. Als Vorlage für diese Reihe betrüblicher Ereignisse diente die Kurzgeschichte Der Schlüssel von Ferdinand von Schirach. Von der Kurzgeschichte bis zum abendfüllenden Neonrausch ist es kaum noch eine Großstadtmeile an zusätzlichen dramaturgischen Verstrickungen hin – und fertig ist das augenzwinkernde Boulevardstück zwischen Luxus-Appartement und Bolidenschuppen. Und wie es besagter Titel der literarischen Essenz des Filmes schon vorwegnimmt: alles dreht sich um einen Schlüssel, der zu ganz viel Geld führt, dass eigentlich für noch mehr Blüten investiert werden will. Das blöde nur: der Schlüssel verschwindet. Jannis Niewöhner und Samuel schneider wissen zwar wohin, kommen aber nicht wirklich an ihn heran. Währenddessen soll aber auch noch der verquere Kleinganove Ronny (herrlich verkorkst und durch den Wind: Georg Friedrich) die Falschgeldmünzer hinters Licht führen.

Turbulent bis zum Kolbenreiber, möchte man meinen. Dabei schaltet Detlev Buck aber einen oder zwei zugedröhnte Gänge runter, gibt sich ob der verfahrenen Situationen unentsprechend gechillt und hat sich die eine oder andere Entrückung durchaus vom leider viel zu früh verstorbenen Michael Glawogger abgeguckt. Daran erinnert auch die eingestreute Bildmetaphorik eines Gorillas, der die Gesetze des Dschungels in Erinnerung ruft. In nacktschnecken hatten wir die Symbolik des durchs Bild laufenden Geparden, auf den keiner genauer einzugehen vermochte, weil er nur fürs Publikum da war, um die instinktive Triebhaftigkeit des Tiers namens Mensch elegant zu umschmeicheln. Obwohl nicht nur Glawoggers kurioses Eintauchen in die Halbwelt situationselastischer Glückritter in Asphaltgorillas seine neu gewürfelte Wiederkehr entdeckt, sondern auch das so trockene wie schildbürgerliche Thrillerkino eines Guy Ritchie. Manche, die dem sprichtwörtlichen Sperrfeuer der Unterweltparteien in die Quere kommen, werden bluten müssen, andere punkten mit lebensmüder Frechheit. Das macht vor allem in der zweiten Halbzeit dieser Filmsafari erst so richtig Spaß, wenn alle am quer durch die Gassen gezogenen roten Theseusfaden ziehen, ohne zu wissen, wer da nun den größten Spielraum hat.

Asphaltgorillas ist ein lustvolles, urbanes Hazardspiel, dass nach einigem zögerlichen Anlauf die Kacke bald am Dampfen hat. Bucks Film spielt mit Neonlicht, gibt in heißen Karossen Gummi und lässt die Straßen funkeln. Das ganze aber ohne viel Metazeugs, übersieht man mal all die brusttrommelnden Primaten, die sich zum Affen machen. Und einer von ihnen, der fängt am Schluss die Banane.

Asphaltgorillas

Wilde Maus

EINE RUNDE SELBSTMITLEID

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wildemaus

Hader spielt diesmal nicht Hader. Zumindest kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass er sich in seinem Regiedebüt nur ansatzweise selbst spielt. Denn wenn ja, wäre ich von unserem bis über österreichische Grenzen hinaus bekannten Schauspiel- und Kabarettexport doch relativ enttäuscht. Warum? Nun, weil seine Filmfigur, die des zynischen Musikkritikers Georg Endl, ein ordentliches Ego-Problem besitzt. Dieses soziale Defizit dürfte Josef Hader, so glaube ich, nicht haben. Und sein Georg Endl ist auch kein Brenner aus den Wolf Haas-Krimis. Seine Interpretation des abgehalfterten Ex-Polizeikommissars hat zumindest einen Charakter, der auf Prinzipien fußt. Der vom Leben geschasste Endl hat das nicht. Weder Charakter noch Prinzipien. Georg Endl ist ein Lulu. Ein Häufchen Elend und obendrein noch ein Egoist, um welchen sich die ganze Welt drehen soll. Ganz genauso, wie es Falco seinerzeit schon gesungen hat. Und was macht ein Egoist, wenn er sich selbst nichts mehr beweisen kann? Er läuft Amok. Oder so ähnlich. Doch nicht mal das bekommt das in die Jahre gekommene, unter Minderwertigkeitskomplexen leidende Bürschlein richtig hin.

Da hat Michael Douglas als D-Fens in Falling Down schon ganz andere Seiten aufgezogen. Die Ausgangssituationen beider Filme sind nämlich gar nicht so unähnlich. Beide verlieren ihre Arbeit. Beide verschweigen ihr Scheitern. Beide beginnen einen Ego-Trip ohne Rücksicht auf Verluste. Einzig angetrieben von Rache, Genugtuung, Abreaktion und das ganz dringende Bedürfnis, wahrgenommen zu werden. Genau hier beginnt meine Schwierigkeit mit Hader´s Wilde Maus. Anders als Douglas´ Figur D-Fens, der in seiner Wut auch gegen das System wettert und so manchem Otto Normalverbraucher aus der Seele spricht, konzentriert sich Haders hässeverkneteter Verlierertyp einzig und allein auf sich selbst und seine Unzufriedenheit, die er mit sich trägt. Das Verhalten des ewigen Jammerers lässt sich für mich nur schwer nachvollziehen. Wäre von vornherein die Katze aus dem Sack, würde es natürlich keinen Film geben. So ist sich dieser Georg Endl selbst der Nächste. Und das macht ihn unausstehlich. Einzig und allein für seinen alten Schulkollegen Erich, den er für sein neues Projekt – die Inbetriebnahme der Hochschaubahn Die Wilde Maus im Wiener Prater – sponsert, existiert auch eine Welt außerhalb seines Egos. Dennoch treibt ihn seine Raserei zu irrationalen Handlungen, die bis zum Verbrechen führen. 

Josef Hader hat nicht nur die Hauptrolle und die Regie übernommen – er hat das Buch zu seinem Film auch selbst geschrieben. Ein ganzer Haufen Arbeit. Schade nur, dass Hader nicht so konnte, wie er vielleicht gewollt hätte. Die urösterreichische Ballade rund um Selbstmitleid, Rache und Neuanfang hätte mehr Komplexität vertragen. Die titelgebende Wilde Maus mag zwar reinen Symbolcharakter haben, als das Auf und Ab des Lebens – hätte aber mehr Wichtigkeit verdient. Auch die Rolle des Freundes Erich – wiedermal souverän und augenzwinkernd gemeistert vom Volksschauspieler Georg Friedrich, der eben erst den Silbernen Bären von Berlin eingeheimst hat – verliert sich im Nichts, was verschenktem Potenzial gleichkommt. Nur Figuren miteinander und untereinander zu verknüpfen, birgt zwar auf den ersten Blick scheinbare Raffinesse, hat aber was Unfertiges. So wie das Ende an sich. Anders als in Haders Kabarettprogrammen bleibt Wilde Maus etwas zu handzahm, um genug Satire zu sein. Nackt im Schnee zu sitzen ist zwar ein Ansatz, lässt aber die schwarzhumorige Radikalität vermissen, die dem österreichischen Witz so eigen ist. Josef Hader ist sanfter geworden, erwachsener. Aber auch zahnloser. Eine neurotische Tragikomödie, großartig besetzt und augenzwinkernd, aber unerwartet versöhnlich. 

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Wilde Maus

Hotel Rock ‚N‘ Roll

OSTROWSKI ALL INCLUSIVE

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hotelrock

Liegt es an der Regie Michael Ostrowskis oder am Drehbuch Michael Glawoggers? Womöglich an beidem. Denn der letzte Teil der Sex & Drugs & Rock ’n‘ Roll-Trilogie geht aber so was von zielgerichtet am Ziel vorbei, dass man fast schon gezwungen sein muss, Ostrowskis obsessive Liebe zu Kostümen und knalligen Farben nicht mehr in die Bewertung des Filmes miteinzubeziehen.

Ich erinnere mich noch gut an den ersten Teil dieser teils surrealen, teils zugedröhnten Filmidee. 2004 kamen Nacktschnecken ins Kino. Und trotz Vorbehalte habe ich den Kinobesuch im Nachhinein in keinster Weise bereut. Die satirische Komödie rund um Lust, Frust und dem Selfmade-Pornobusiness war eine augenzwinkernde Farce, die zwar auch genug an Bodenhaftung verloren, sich aber immer wieder zwischen traumartiger Symbolik und clownesker Situationskomik eingependelt hat. Bei Teil 2 – Contact High – waren die Macher schon deutlicher neben der Spur. Was aber im Grunde auch zum Thema gepasst hat. Der rote Faden war da aber nur mehr Beiwerk. Und das Interesse der Zuschauer auch. Mit Teil 3 hat der schräge Vogel und Komödiant Michael Ostrowski aufgrund des viel zu frühen und sehr bedauernswerten Ablebens von Regiemeister Michael Glawogger beim Grande Finale der Trilogie die Verantwortung auch über die Regie übernommen – und sich eindeutig verhoben. Der knackige Steirer mag ja ein Multitalent sein und am liebsten auf allen Kirtagen gleichzeitig seinen Allerwertesten verpflanzen. Wenn man aber das künstlerische Zepter über alles und jeden hat und niemandem mehr Rechenschaft schuldig ist, passiert zwar etwas sehr persönliches, aber mitunter im wahrsten Sinne des Wortes auch etwas sehr eigenwilliges. Eine ähnliche Tendenz sehen wir bei den aktuellen Werken von Kinski-Bändiger Werner Herzog. Egozentrische Kopfgeburten, die das Publikum vor vollendete Tatsachen stellt.

Hotel Rock ’n‘ Roll ergeht es nicht anders. Die verschwurbelte Grenzkomödie rund um ein vererbtes Hotel hätte zwar genug Potenzial für allerlei Situationskomik und skurriler Ideen – letzten Endes ist die grelle Klamottenkiste scheinbar willkürlich angereichert mit Klamauk, der an die Zeiten von Gottschalk und Mike Krüger erinnert, seltsamen Dialogen und scheinbar lose übereinander gesetzten Handlungsteilen, die im Grunde zwar zusammenpassen, aber irgendwie deplatziert wirken. So, als würden ganze Teile aus dem Drehbuch fehlen. Und so, als würde man mit Fingerfarben einen leeren Bogen Papier vollkleckern, nur weil die Farben so schön farbig sind. Logik hat die Groteske daher keine mehr. Und die Figuren sind nicht mehr als Zerrbilder in einem Spiegelkabinett. Hauptsache bunt. Und Hauptsache laut. Doch das ist zu wenig und relativ uninteressant, um nicht zu sagen langweilig. Einziger Lichtblick ist wieder einmal der ewig grantelnde Georg Friedrich als Möchtegern-Gangster mit Langhaarmähne, der allen die Show stiehlt und die wenigen Lacher zur Gänze für sich verbucht. Und was Detlev Buck in dem ganzen fahrig inszenierten Zinnober zu suchen hat, weiß nur Ostrowksi selbst. Der sollte mal anfangen, nicht immer sich selber zu spielen und zumindest die Regie jemand anderem überlassen.

Hotel Rock ‚N‘ Roll