Death of a Ladies‘ Man

EIN SCHLUCKSPECHT AM DRAHTSEIL

6,5/10

 

deathofaladiesman© 2021 MFA+ FilmDistribution e.K.

 

LAND / JAHR: KANADA, IRLAND 2020

BUCh / REGIE: MATT BISSONNETTE

CAST: GABRIEL BYRNE, JESSICA PARÉ, BRIAN GLEESON, SUZANNE CLEMENT, KARELLE TREMBLAY U. A. 

LÄNGE: 1 STD 40 MIN


In schleichenden Schritten nähert sich der Herbst. Monate, in denen der Geist klarer, kreativer, das Gemüt aber auch melancholischer wird. Wo die Nächte länger, die Wolken dichter werden; der Morgenfrost auf dem Weg in die Arbeit den Atem sichtbar macht. Es ist auch die Zeit, in der man wieder vermehrt so Poeten wie Leonard Cohen hört, vorzugsweise dann, wenn der Wind draußen peitscht oder die Tage nicht mal mehr richtig hell werden. Alles in allem eine Stimmung, die man während der Sommermonate auf Biegen und Brechen nicht hinbekommt. Eine entschleunigte, auch etwas versponnene Stimmung. Ein Zustand, der sich in einer filmgewordenen Hommage an einen großen, dunkelgrauen Künstler wiederfindet, an den Ludwig Hirsch Amerikas. Beide haben den Lebenden längst den Rücken gekehrt.

Leonard Cohen singt vom Glauben, vom Tod, von der Männlichkeit und vor allem aber auch von der Liebe. Sehr poetisch, sehr kryptisch. In Kombination mit einem langsamen, sonoren Singsang, der im Laufe seiner Karriere immer schwerer und tiefer wurde, bleibt Cohen ein Gesamterlebnis für fast schon alle Sinne. 1977 erschien Cohens fünftes Studioalbum mit dem Titel Death of a Ladies’ Man. 43 Jahre später gibt´s dazu auch einen Film selben Titels, geschrieben und inszeniert vom Kanadier Matt Bissonnette – und voll der Liebe eines Bewunderers. Der Tod ist dabei immer allgegenwärtig, oft personifiziert als klassischer Sensenmann im Hintergrund. Vor der Kamera allerdings fungiert ein alter Hase: Gabriel Byrne, dunkelgrauer Lebemann mit Affinität zum Okkulten. Charmant, lakonisch und mit Understatement. Als Literaturprofessor an der Uni, insbesondere für Lyrik, hat der langsam schon müde werdende Frauenheld schon bessere Zeiten erlebt. Der Alkohol ist sein bester Freund, doch den Augen darf man mittlerweile auch nicht mehr trauen. Seltsame Dinge gehen vor sich – beim Eishockeyspiel seines Sohnes tanzen die Spieler zu A Bird on a Wire, sein verstorbener Vater kommt zu Besuch und im nächsten Lokal serviert eine knapp gekleidete Kellnerin mit Tigerkopf die Drinks. Der alte Schwerenöter geht zum Arzt und erhält die Diagnose: irreversibler Hirntumor. Der Tod birgt für Samuel keine Schrecknisse, allerdings verstört ihn die Tatsache viel mehr, nach seinem Ableben in Vergessenheit zu geraten. Er zieht sich nach Irland zurück, um ein Buch zu schreiben.

Was Gabriel Byrne noch fehlen würde, um vollends das Alter Ego Leonard Cohens zu übernehmen, wäre der Fedora. Doch vielleicht wäre das auch zu offensichtlich, zu eindeutig, in einem Film voller Mehrdeutigkeiten und zweifelhaften Erscheinungen zwischen verschrobenem Singspiel und zärtlich groteskem Abgesang auf eine Lebensweise. Byrne gibt den leisen Denker und Brüter mit Begeisterung für Reduktion und Phlegmatismus, entspannter Ironie und Sehnsucht. Dazwischen, immer wieder, und fast schon zu spartanisch gesetzt, die unvergesslichen Lieder des großen dunklen Poeten, dessen Texte ratlos zurücklassen, deren Sinn man aber nicht unbedingt verstehen muss, weil die Stimmung, das Timbre, alles ist. Mag sein, dass das die Grenze zwischen Illusion und Realität mehr oder weniger zur Gänze von einer geordneten Wirklichkeit übernommen wird, die wiederum einer Melancholie, der man sich gerne hingibt, den Wind aus den Segeln nimmt. Rückblickend jedoch ist die Feststellung, das der Tod die gute Erinnerung an einen Menschen nicht mitnehmen kann, eine schöne Prämisse.

Death of a Ladies‘ Man

The Discovery

DER TOD ALS PLAN B

4/10


discovery© 2017 Netflix


LAND / JAHR: USA, GROSSBRITANNIEN 2017

BUCH / REGIE: CHARLIE MCDOWELL

CAST: JASON SEGEL, ROONEY MARA, ROBERT REDFORD, JESSE PLEMONS, RILEY KEOUGH U. A. 

LÄNGE: 1 STD 42 MIN


Manchmal wird klar, warum Filme, von denen man noch nie etwas gehört hat, obwohl man als Filmnerd täglich up to date bleibt, auf diversen Streaming-Portalen – in diesem Falle auf Netflix – in der Versenkung verschwinden. Wo sollen sie auch sonst hin? Für den Retail-Markt zu „independent“, fürs Kino zu speziell, doch im Stream kann sich jeder bedienen, wer will. Und bedient sich keiner, macht’s auch nichts. Irgendwann sind diese Filme dann weg vom Radar, tauchen vielleicht im Free TV auf – das war’s dann. Angesichts des vorliegenden Films lässt sich sogar vermuten, dass einer wie Robert Redford gar nicht mehr weiß, in diesem Streifen überhaupt mitgespielt zu haben. Doch das hat er. Und nicht nur Redford: der Cast für The Discovery kann sich wirklich sehen lassen. Neben dem Altstar treffen auch noch Komödiant Jason Segel, der mal was Ernstes spielen wollte, und die wunderbare Rooney Mara aufeinander. Als Support streift auch noch Charakterdarsteller Jesse Plemons durchs Bild.

Dabei liegt diesem kleinen großen Science-Fiction-Drama von Malcolm McDowells Filius Charlie eine faszinierende Idee zugrunde. Was, wenn es der Wissenschaft gelingen könnte, herauszufinden, ob es ein Leben nach dem Tod gibt? In dieser alternativen Zukunft ist genau das passiert. Der Tod ist längst nicht mehr das Ende, und darüber hinaus soll das, was danach kommt, um Einiges besser sein. Klar, dass dann all die Unzufriedenen, Kranken und Depressiven zu drastischen Mitteln greifen, um das Ticket ins Jenseits zu ergattern. Die Selbstmordrate schnellt in die Höhe, händeringend wird die Bevölkerung gebeten, doch einen Sinn in diesem Leben hier zu finden – und nicht im nächsten. Entdecker Thomas Harbor allerdings sieht sich dafür nicht verantwortlich – bis ein Mann während eines Interviews vor seinen Augen Suizid begeht. Harbor zieht sich daraufhin zurück, Jahre später besucht ihn sein Sohn auf seinem Anwesen, das mittlerweile zum Elite-Rehabilitationszentrum für gescheiterte Selbstmörder herhalten muss. Darunter Rooney Mara, diesmal ganz in blond. Jason Segel gefällt das.

Zum Beispiel hätte Mike Cahill aus dieser Sache wohl wieder etwas ganz Feinsinniges fabriziert. McDowell hingegen scheitert dabei, diesen gesellschaftlichen Paradigmenwechsel, diesen Beginn einer neuen Menschheitsgeschichte, in ein Kammerspiel zu packen. Diese Rechnung geht nicht auf. Und das liegt nicht daran, dass er das Warum und Wie zu diesem wissenschaftlichen Durchbruch nicht erklärt. Genau diesen dramaturgischen Schachzug verorte ich auf der Habenseite. Erklären lässt sich das ganze sowieso nicht, daher bleiben die Beweise vage, und die Tatsache allein, dass es so ist, müsste genügen. Viel wichtiger und ebenso viel interessanter bleibt die psychosoziale Resonanz. Genau da hat der Film aber enorme Defizite. Wie es sich anscheinend für einen waschechten Independent-Kandidaten gehört, setzt McDowell auf viel Geschwurbel, viel Gerede. Schicksalsschläge aus des Professors Familie kommen hoch, Jason Segel windet und verliebt sich. Geistert durchs Haus und blickt gemeinsam mit Rooney Mara ins Narrenkästchen. Das fühlt sich recht träge an, und das weiß der Filmemacher selbst anscheinend auch, also wird’s später noch ordentlich mysteriös und dank gewisser halbseidener Versuche, eine Logik in das philosophische Konstrukt einzubinden, obendrein noch so konfus, als würde man bei einem, der im Schlaf redet, den Kontext verstehen wollen.

So viel Potenzial für so ein höchst sensibles, spannendes Thema. Jedoch ein Film, der so schnell verdrängt werden wird wie der Gedanke ans eigene Lebensende, das irgendwann – oder vielleicht auch nie, weil gegenwärtig zu abstrakt – kommen wird.

The Discovery

Fremd in der Welt

SELBSTJUSTIZ FÜR DUCKMÄUSER

7/10


fremdinderwelt© 2017 Netflix

ORIGINALTITEL: I DON’T FEEL AT HOME IN THIS WORLD ANYMORE

LAND / JAHR: USA 2017

BUCH / REGIE: MACON BLAIR

CAST: MELANIE LYNSKEY, ELIJAH WOOD, GARY ANTHONY WILLIAMS, ROBERT LONGSTREET, JANE LEVY, DEVON GRAYE U. A. 

LÄNGE: 1 STD 33 MIN


Für jene, die Peter Jacksons Muttermord-Meisterwerk Heavenly Creatures nicht gesehen haben (nachholen!), kennen sie vielleicht aus der Sitcom Two and a half Men: Melanie Lynskey. Dort war die Gute Onkel Charlies wohl einzige richtige Freundin und nicht nur eine Bettgespielin. Melanie Lynskey bekommt man dieser Tage viel zu selten zu Gesicht, was eigentlich schade ist, denn die Schauspielerin ist weder nur dem komödiantischen Genre zugetan, noch ausschließlich dem dramatischen Fach. Am besten gelingt ihre Performance, wenn beides im Spiel ist. Tragikomik sozusagen. Oder schwarzhumorige Thriller. So wie diese kleine Independent-Produktion aus dem Jahr 2017, die auf dem Sundance Festival den großen Preis der Jury erhielt. Dabei fällt mir auf: Nicht nur Lynskey wurde durch Peter Jackson erst so richtig bekannt – auch ihr Co-Star in diesem Film, nämlich „Frodo“ Elijah Wood, der um Gottes Willen nicht mehr mit diesem Hobbit in Verbindung gebracht werden will. Dafür sind mittlerweile allerhand Psychopathen sein Ding. Zugegeben, auch hier haucht er einer Gestalt Leben ein, die man auf offener Straße wohl nicht einfach so ansprechen würde. Jedoch – Vorurteile helfen da nicht weiter, weder im tatsächlichen Leben noch in diesem Autorenfilm, denn auch wenn man so aussieht, als wäre man fremd in der Welt, kann das doch der Beginn einer wunderbaren Freundschaft sein.

Fremd in der Welt – oder im Original: I Don’t Feel at Home in This World Anymore ist das Regiedebüt von Macon Blair, einem Schauspieler, dessen Name einem womöglich nichts sagt, den man aber, wenn man ihn sieht, sofort dem einen oder anderen bereits gesichteten Film zuordnen kann. Hier, in seinem eigenen Werk, gönnt er sich gar einen kleinen, fiesen Cameo-Auftritt an der Seite seiner resoluten Heldin. Diese nennt sich Ruth, eine Krankenpflegerin, die vom Leben mal grundlegend enttäuscht ist. Oder, um genauer zu sein: von all ihren Mitmenschen. Eine gewisse Weltverdrossenheit macht sich breit, der Alltag zeigt sich von der ignoranten Seite und um der beginnenden Mieselsucht noch eins draufzusetzen, wird in ihrer Wohnung sogar eingebrochen. Die Polizei nimmt alles auf, ausrichten kann (und will) sie jedoch nichts. Das ist Ruth eindeutig zu wenig. Mit Unterstützung ihres ebenso eigenbrötlerischen Nachbarn will sie sich ihr Eigentum zurückholen – und die Verbrecher zur Rede stellen.

Der Vergleich mag zwar ein bisschen hinken – aber irgendwie ist das Konzept zumindest Daumen mal Pi ein ähnliches: Fremd in der Welt ist wie die Underdog-Version von John Wick. Nicht nur der Alltag, auch Verbrecher nerven ungemein, und wenn die Hutschnur platzt, blicken diese nicht mehr sehr weit in die Zukunft. Was nicht heißt, dass Lynskey und Wood bis an die Zähne bewaffnet ins Feld ziehen. Wir dürfen nicht vergessen, sie sind fremd in der Welt; entrückte Außenseiter, die versuchen, die Dinge ganz anders zu klären als es zähe Actionhaudegen jemals tun würden. Die Zähigkeit dieser durch den gesellschaftlichen Rost gefallenen Frohnaturen ist anderer Art – und macht den Reiz dieses lakonischen Thrillers aus, der zwischen blutig-brutal und situationskomisch hin und herpendelt, beileibe aber keine zynische Komödie sein will, sondern ein eigener grotesker, gar nachdenklicher Hybrid dazwischen. Für sowas eignet sich die selten durchschaubare und sympathisch-naive Melanie Lynskey wohl am besten. Ein kleiner Film also, der so tickt wie seine Protagonisten – der nicht groß auffällt, den man leicht übersieht – der aber gut vertragen kann, wenn man auf ihn aufmerksam wird.

Fremd in der Welt

Concrete Cowboy

FERIEN IM SATTEL

4/10


concretecowboy© 2021 Netflix


LAND / JAHR: USA 2020

BUCH / REGIE: RICKY STAUB

CAST: IDRIS ELBA, CALEB MCLAUGHLIN, METHOD MAN, JHARREL JEROME, LORRAINE TOUSSAINT U. A. 

LÄNGE: 1 STD 51 MIN


Als ob Pferde nur was für Mädchen wären. Sogar im Pixi-Heftformat wundern sich Kinderbuchautoren längst über dieses obsolete Ködern stereotyper Zielgruppen. Wenn wer Schulferien auf welchem Gestüt auch immer macht, dann sind das mittlerweile genauso Jungs wie Mädchen. Wie in Concrete Cowboy, einer Verfilmung des Buches Ghetto Cowboy von Greg Neri. Und nein, hier trägt niemand Reitstiefel und Schalenhelm, sondern Stetsons und bis zur Brust aufgeknöpfte Hemden, ausgeleierte Hosen und Halstücher a la John Wayne. Die Koppel hinterm Stall ist nichts anderes als eine Gstett´n hinter baufälligen Verschlägen am Nordrand von Philadelphia. Eine Art Ghetto also, reserviert für eine afroamerikanische Minderheit, die sich schon seit Generationen mit dem Lebensgefühl des reitenden Freigeists identifiziert. Der Fletcher Street Urban Riding Club hat hier tatsächlich sein Zuhause und lässt ihre Warmblüter längst Kids therapieren. Einer aus dieser Community, die im Film längst noch nicht ihre Bestimmung gefunden hat, ist der raubeinige Harp, der in seinem Leben anscheinend schon ganz viel Mist gebaut hat und nun auch noch über die Sommerferien seinen widerborstigen Sohn unter seine Fittiche nehmen muss. Die beiden können sich anfangs gar nicht riechen. Doch mit der Zeit findet der junge Cole in sein Schicksal und in den Pferdeställen einen vierbeinigen Verbündeten. Dumm nur, dass ein guter Freund von damals den Teenie zu halbseidenen Machenschaften verleitet.

Egal, was Idris Elba spielt – er bleibt ein harter Brocken mit womöglich einem weichen Kern. Als Cowboy macht er eine gute Figur, so verlottert und verbraucht versucht er da, seinem Filius, den er so gut wie kaum kennt, die paar Werte zu vermitteln, die er sich selbst mühsam erarbeitet hat. Eine Vater-Sohn-Geschichte also. Und natürlich das Konzept, aus dem Jugendromane nun mal sind. Die Ferien woanders verbracht, macht aus einem aufmüpfigen, problembeladenen Jungspund einen anderen Menschen, obendrein heilen Pferde so manche seelische Wunde. Das ist ja schön und gut, aber auch enorm formelhaft und wie in diesem Fall auch recht langweilig. Es ist sonnenklar, was aus Cole wohl werden wird. Es ist sonnenklar, wie Vater und Sohn sich am Ende der Ferien wohl verstehen werden. Zwischendurch Weisheiten aus dem Hinterhof, altklug transportiert von weisen Outlaws, die sich selbst gerne reden hören. Die daneben herlaufende Storyline rund um Jugendfreund Smoosh und dessen zwielichtigen Geschäftsideen verwässert die Geschichte noch zusätzlich. Vielleicht wäre es klüger gewesen, den familiären Konflikt etwas bewusster zu betrachten und nicht nur mit besinnlichen Floskeln auszustatten. Überhaupt erfahren wir kaum etwas über dieses separierte Milieu, über diese durchaus neugierig machende Zeitblase, die diese knorrigen Gestalten allesamt vereint.

Concrete Cowboy ergattert sich seine semidokumentarische Relevanz durch das Mitwirken diverser Laiendarsteller des eingangs erwähnten Riding Clubs. Sicherlich ein schönes und sinnvolles Projekt, das hier aufgezogen wurde. Eine Reportage wäre dem Thema aber weitaus gerechter geworden als eine so biedere und teils gar lustlose Auseinandersetzung.

Concrete Cowboy

The Rider

AUFS FALSCHE PFERD GESETZT

7/10


therider© 2018 Weltkino


LAND / JAHR: USA 2017

BUCH / REGIE: CHLOÉ ZHAO

CAST: BRADY JANDREAU, TIM JANDREAU, LILLY JANDREAU, CAT CLIFFORD, TERRI DAWN POURIER, LANE SCOTT U. A. 

LÄNGE: 1 STD 44 MIN


Wie heißt es im Volksmund doch so schön: Das Glück dieser Erde liegt auf dem Rücken der Pferde. Fällt man recht unglücklich von selbigem, muss man, sofern noch am Leben, das Glück woanders suchen. Ungefähr so ist es dem draufgängerischen Rodeo-Reiter Brady Blackburn ergangen, der, beim Sturz vom bockenden Warmblüter, vom Huf auf den Kopf getroffen wurde. Die Folge: Schädelbruch, Metallplatte, eine erschreckende Narbe verunstaltet das Haupt. Die Zeit heilt alle Wunden, denkt sich Brady, und irgendwann wird er das Glück im Sattel wieder genießen. Oder doch nicht? Die Ärzte bescheinigen anderes. Auch sein Vater sieht das skeptisch, die geistig beeinträchtigte Schwester will nur, dass es ihrem älteren Bruder gut geht. Das wiederum wäre nur durch das Reiten von Pferden gewährleistet. Bradys Leidenschaft schlechthin, ohne die ein Leben kaum denkbar wäre. Vor allem auch dann nicht, wenn die Erwartung guter Freunde unübersehbar bleibt und jeden Morgen der Hengst am Hang mit dem Zaunpfahl winkt.

Bemerkenswert an diesem Film ist vor allem der Umstand, dass dieser durchwegs mit Laiendaratellern besetzt ist, die allesamt mehr oder weniger sich selber spielen. Das, was hier geschildert wird, ist diesem Brady Blackburn (im echten Leben Brady Jandreau) tatsächlich passiert. Auch dessen Bruder im Geiste und bester Freund Lane Scott, im Film nach einem Rodeo-Sturz ein schwerer Pflegefall, ist es auch hinter der Kamera, allerdings aufgrund eines Autounfalls. Doch nichtsdestotrotz – Rodeoreiten ist ein Spiel mit dem Schicksal, im Grunde Drachenbändigen mit Pferden – eine Sache von Männern für Männer, und je härter und wilder der Ritt und je todessehnsüchtiger der Reiter, umso mehr ist ein Mann ein Mann. Dieses Cowboy-Ideal inmitten von Dakota, im tiefen wilden Westen sozusagen, beschwört ein ausgedientes und unzeitgemäßes Rollenbild zutage.

Brady Jandreau trägt diesen eigenen inneren Abgesang mit Fassung. Seine lakonische Art, seine weit schweifenden Blicke lassen in tough und unkaputtbar erscheinen. Diese ganze Landschaft, die den jungen Mann umgibt, kann gar nichts anders als Sehnsüchte wecken oder naive Träume schüren. Chloé Zhao, die heuer womöglich für Nomadland einen Oscar kassieren wird, hat diese Geschichte aus erster Hand selbst dramatisiert und einen sehr zurückhaltenden, eben lakonischen und nachdenklichen Film geschaffen, der von der grimmigen Wut des Wollens und Müssens erzählt. Und vom schwierigen wie schmerzhaften Prozess des Aufhörens. Dabei verliert sich Brady nicht in lebensüberdrüssiger Larmoyanz. Von vornherein ist klar, dass der Kelch nicht an ihm vorübergehen wird. Der Knackpunkt ist nur der, aus freien Stücken loszulassen, und nicht auf Druck der anderen. Gerade am Ende führt Zhao den wunderbaren Moment der Einsicht als schönstes Element des Films auf die Koppel und lässt dabei so manchen engen Vertrauten, von dem man nicht dachte, er würde zu so etwas fähig sein, als weisen Empathen erscheinen.

The Rider ist ein karger, introvertierter Film – langsam zur Ruhe kommend, reflektierend und in seiner Authentizität fast schon semidokumentarisch. Doch was heißt fast: Zhaos Film ist offensichtlich eine biographische Dokumentation über das Wagnis, mit einem undenkbaren Schicksal umzugehen.

The Rider

Music

I JUST LOVE MY LITTLE WORLD

7/10


music© 2021 Alamode Film


LAND / JAHR: USA 2021

BUCH / REGIE: SIA

CAST: MADDIE ZIEGLER, KATE HUDSON, LESLIE ODOM JR., HECTOR ELIZONDO, MARY KAY PLACE, BEN SCHWARTZ, JULIETTE LEWIS, SIA U. A. 

LÄNGE: 1 STD 37 MIN


Die australische Konzeptkünstlerin Sia ist aus meiner Sicht schon eine bemerkenswerte Persönlichkeit. Bevor mir allerdings noch irgendeines ihrer Musikstücke in den Ohren lag, war ihr grimassierendes Konterfei unter schwarzweißer Perücke eine Zeit lang omnipräsent. Daran kann sich vermutlich fast jeder erinnern, der mit Popmusik auch nur irgendwie was anfangen kann. Der Song zum Findelkind-Drama Lion war dann der Einstand. Never give up – eine sehr eingängige Nummer. Wenn man mich fragen würde, was die Dame denn sonst noch interpretiert hat – aus dem Stegreif wüsste ich es nicht. Aber, nach Sichtung ihres Spielfilmdebüts Music, weiß ich wieder ein bisschen mehr. Denn: wenn schon texten, komponieren und singen – warum nicht auch gleich den eigenen Musikfilm auf die Beine stellen, der dann so treffsicher betitelt wird, um klarzumachen, wovon dieser in erster Linie eigentlich handelt. Um Sias Musik. Im Mittelpunkt steht Patenkind Maddie Ziegler, eine achtzehnjährige Tänzerin, die auch ab und an in Sias Musikvideos aufkreuzt. Ihr hat die Künstlerin einen ganzen Film zum Geschenk gemacht – wer braucht schon ein neues Auto oder eine vorfinanzierte Studentenwohnung. Music ist maßgeschneidert für jemanden wie Maddie Ziegler, und was Leonardo Di Caprio am Anfang seiner Karriere in Gilbert Grape famos hinbekommen hat, gelingt auch ihr: die Darstellung eines autistischen Sonnenscheins, stets mit Kopfhörern auf dem Kopf, durch die keine Musik schallt, denn die Musik, die Music braucht, ist drumherum schon laut genug. Manchmal auch disharmonisch. Manchmal überlappen sich mehrere Melodien, es ist ein einziges Chaos in Musics Kopf. Zu allem Überfluss stirbt auch noch die umsorgende Großmutter. Was jetzt? Da gäbe es noch Halbschwester Zu (Kate Hudson mit Stoppelglatze), die zwar mit ganz anderen Problemen wie Alkoholsucht zu kämpfen hat, die aber immerhin so pflichtbewusst ist, sich ihrer Verwandtschaft anzunehmen. Wenn man selbst Probleme hat, vielleicht lösen sich dann die Probleme des anderen. Nicht zu vergessen Nachbar Ebo, der an Zu Gefallen gefunden hat und der bei der Pflege von Music zur Hand geht.

Da ist es wieder, das Rain Man-Konzept. Barry Levinson hat das mit Tom Cruise und Dustin Hoffman schon vorgemacht. Nur allerdings ohne musikalische Intermezzi. Hätte Music diese artifizielle und revueartige Sicht auf die Welt nicht, könnte man leicht meinen, Sia könne zwar viel, aber nicht unbedingt Filmemachen. Betrachtet man das tragikomische Melodram ganz ohne Sias Handschrift, verliert man zwar nicht den Überblick, muss sich aber die Handlung teilweise selbst zusammenreimen, da Sia ihr eigenes und für uns nicht zugängliches Vorwissen zu ihrem Werk für alle voraussetzt. Ein Kavaliersdelikt, wenn man so will, das einigen Filmemachern immer mal wieder passiert. 

Durch die Schaffung einer weiteren Sichtweise bekommt das versponnene Märchen rund um allerlei Defizite die nötige Verspieltheit und alltagsphilosophische Tiefe. Dabei illustriert es Musics Wahrnehmung mit knallbunten Kulissen, Kostümen und hyperaktiven Choreographien, die ein bisschen an Björks Exaltiertheit erinnern und in denen Maddie Ziegler sowie die ganze Tanzgruppe wild gestikulierend und mit staunenden Gesichtern zwischen Willi Wonkas Schokoladenfabrik und Mary Poppins innerer Balance umhertänzeln. Das mag gewöhnungsbedürftig sein. Doch hat man sich mit Sias visuellem Liebreiz mal angefreundet, was durchaus recht schnell gehen kann, entbehrt die poppige und wohlkomponierte Musik nicht einer gewissen Faszination, die überdies ein irritierendes und nachhaltiges Wohlgefühl erzeugt. Die rätselhaft glücklich macht. Und die dem Filmgenuss ausnehmend gut gefällt.

Music

Soul

AUF DEN FUNKEN KOMMT ES AN

8,5/10

 

soul© 2020 Disney/Pixar. All Rights Reserved.

 

LAND: USA 2020

REGIE: PETE DOCTER, KEMP POWERS

MIT DEN STIMMEN VON (ORIGINAL): JAMIE FOXX, TINA FEY, RACHEL HOUSE, ALICE BRAGA, PHYLICIA RASHAD, ANGELA BASSETT, WES STUDI U. A. 

LÄNGE: 1 STD 40 MIN

 

Auch wenn sich das Live Act-Kino immer mehr von philosophischen Träumereien entfernt, um nicht als kitschig, banal oder esoterisch belächelt zu werden – der Animationsfilm arbeitet dagegen. Denn Pete Docter, kreatives Mastermind bei Pixar, hat es schon wieder getan: er ist den Essenzen des Menschseins einmal mehr auf den Grund gegangen. In Oben war Altwerden und Einsamkeit das große Thema. Alles steht Kopf, einem Animationsfilm mit noch nie dagewesenem, teils abstraktem Plot, handelt von unseren grundlegenden Empfindungen. Und jetzt? Jetzt dürfen unsere Seelen mal zeigen, was sie können. In Soul gehen wir also mal davon aus, dass der Mensch diese sogenannten 21 Gramm tatsächlich besitzt. Unser Innerstes also. Das, was unsere Persönlichkeit ausmacht.

Im Zentrum des Geschehens steht ein Mittvierziger namens Joe Gardner. Seines Zeichens leidenschaftlicher Jazzpianist. Der fristet sein recht aussichtsloses Dasein als Musiklehrer an einer Mittelschule, die nicht wahnsinnig viele musikalische Talente birgt – bis auf ein paar Ausnahmen. Als er durch Zufall eine berühmte Jazzsaxophonistin von seinem Können überzeugen kann, wird er für einen Gig engagiert. Voller Freude tanzt Gardner über sie Straßen – bis er in einen Gully stürzt – und sein Leben verliert. Von einem Moment auf den anderen befindet sich die Seele von Gardner nun auf dem Fließband ins Jenseits. Aber eigentlich – ja eigentlich sollte er gar nicht hier sein, denn gerade jetzt wird doch das Leben erst richtig lebenswert?

Pete Docters Soul ist fast schon ein humanphilosophiosches Manifest. In keiner anderen Filmgattung wäre es sonst möglich, zugegeben stark simplifizierte, aber für uns unsichtbare und abstrakte Welten so ausgestaltet darzustellen. All die Seelen sind kleine, quallenartige Gespensterchens, manche tragen immer noch, nachdem sie gestorben sind, die Merkmale ihrer Person. Über allem steht die Quantenwelt in Form von zweidimensionalen Figuren, die an Strichzeichnungen von Picasso erinnern. Das Kreativteam von Pixar entdeckt wieder einmal die hohe Kunst der Gestaltung. Mit der liebevoll und bis ins kleinste Detail ausgearbeiteten Persönlichkeit des Jazzmusikers Gardner wäre es an der Zeit, für die Academy mal die Rubrik „Bester animierter Charakter“ ins Leben zu rufen. Wäre doch eine Idee? Nach dem alten Mann aus Oben oder zum Beispiel die Ratte aus Ratatouille wäre der von Jamie Foxx gesprochene Kerl ein garantierter Gewinner. Und auch abgesehen von diesen Raffinessen spielt Soul mit den Gedanken und Emotionen, lobt das Erdendasein und findet stille Momente der Einkehr. Doch es wäre nicht Pixar, würde sich die Ode an die Freude des Lebens in seifigen Sentimentalitäten verlieren. Soul bietet, Hand in Hand mit intellektueller Ernsthaftigkeit, jede Menge Humor, Situationskomik und eine drollige Bodyswitch-Komponente in feinster Ausarbeitung.

Dieses Streaming-Event ist tatsächlich ein Meisterwerk, dessen „Mood“ man gerne und auch unweigerlich mitnimmt. Zwischen Seelenfängern und verlorenen Seelen ist dieses phantastisch-hintergründige Stelldichein eine ausnehmend komplexe, pointenreiche Vision einer optimistischen Welt- und Weitsicht. Die man garantiert öfters sehen muss, um nichts zu verpassen. So wie die kleinen Dinge des Lebens.

Soul

Der geheime Garten (2020)

VON DEN KINDERN LERNEN

6,5/10


DerGeheimeGarten© 2020 Studiocanal GmbH


LAND: GROSSBRITANNIEN, FRANKREICH 2020

REGIE: MARC MUNDEN

CAST: DIXIE EGERICKX, COLIN FIRTH, JULIE WALTERS, AMIR WILSON, EDAN HAYHURST, ISIS DAVIS U. A.

LÄNGE: 1 STD 40 MIN


Gebt den Kindern das Kommando, singt Herbert Grönemeyer. Bei diesem geschmetterten Imperativ sollte man darauf achten, nicht das Kind mit dem Bade auszuschütten. In manchen Bereichen allerdings wäre es durchaus ratsam, den Bestimmerstein an den Nachwuchs weiterzugeben, insbesondere dann, wenn den entzauberten Erwachsenen das Know-How abhandenkommt, Schicksalsschläge zu meistern. Wie im Falle des Schlossbesitzers Archibald Craven, wohl der traurigste Witwer ganz Englands, miesepetrig bis zum Gehtnichtmehr, mit hängenden Schultern, die den Buckel noch verstärken. Colin Firth gibt diesen unrasierten, schlurfenden Schatten seiner selbst mit einer durchaus schadenfrohen Spielfreude, wohl weil er selbst von sich aus sagen würde, die Schwere des Lebens niemals so nehmen zu wollen.

Vom Schicksal gezeichnet ist auch die kleine Mary, wohnhaft im von den Briten kolonisierten Indien. Die hat überhaupt gleich beide Elternteile verloren und muss als Waise zum nächsten Verwandten nach Europa, zu eingangs erwähntem Onkel. Von der tropischen Üppigkeit des Subkontinents in die grauen Marschen und Sümpfe rund um ein herrschaftliches Spukhaus, das wir so oder ein bisschen anders aus den Gothic-Horrorserien rund um Hill House kennen. Fast scheint es ja so, als wäre die Neuverfilmung des Jugendbuchklassikers Der geheime Garten genau das: ein Gruselfilm rund um eine dysfunktionale Familie. Düstere Gänge, karge Räume, Jammern, Flüstern und Schreien zu nachtschlafender Zeit. Das Mädchen Mary hat schon so viel Schlimmes erlebt, da schreckt es das angeblich Paranormale auch nicht mehr. Kenner der Literaturvorlage wissen: Der geheime Garten ist natürlich alles andere als Grusel. Es ist eine Geschichte um Trauer, Bewältigung und Neubeginn. Und zwar mit den Methoden, die Kinder anwenden würden, wenn man sie nur lässt. Da kommt die Kraft der Natur sehr entgegen. In der Natur, da blüht die Seele auf. Der geheime Garten, den Mary dann entdeckt, scheint da magische Kräfte zu besitzen. Nicht nur, um die Schwere im Herzen zu vertreiben, sondern auch körperliche Gebrechen, die manchmal auch psychosomatisch sein können.

Wie Little Women ist auch Der geheime Garten ein Kultbuch, das schon des Öfteren verfilmt wurde, beginnend 1919 mit einem Stummfilm. Der Stoff ist also nichts Neues mehr. Die Frage ist nur, wie man ihn interpretiert. Und zwar so, dass er nicht in sentimentale Läuterungen abgleitet – mit anderen Worten: esoterische Lebenshilfe in immergrünen Kalenderbildern. Regisseur Marc Munden hat allen Verlockungen getrotzt, den Stoff zu versüßlichen. Und es geschafft, einen weitgehend unkitschigen Film zu inszenieren. Wie das geht? Ganz einfach: der viel zitierte üppige Garten, den man natürlich mit zu viel CGI ordentlich hätte aufmöbeln können, ist tatsächlich nur die flirrende Bühne für ein intensiv aufspielendes Jung-Ensemble, auf das sich Munden am Stärksten konzentriert. Allen voran Dixie Egerickx. Der nun 14jährige Teenager legt zwischen Trotz, Sehnsucht und kindlicher Neugier den Schlüsselcharakter einer resoluten Kämpferin vor, die nicht daran denkt, sich ihrem Kummer hinzugeben. „Kopf hoch, tanzen“ ist die Devise. Einen Ausweg gibt’s immer, und sei es der Weg in eben diese sinnbildliche Oase, die die Gemüter widerspiegelt und in wunderbar innovativer Kameraarbeit sowie urwüchsiger Botanik recht authentisch vor sich hin blüht.

Nicht nur Colin Firth wird von Mary lernen, auch all die anderen, die in ihrem Leben gestrauchelt sind oder kurz davor sind, es zu tun. Für alle, die im täglichen Wettbewerb mit dem Schicksal ihr inneres Kind verloren haben, sollten sich an Kindern ein Beispiel nehmen. Oder, falls diese gerade nicht zur Hand sind, dann tut’s auch dieser Film ganz gut.

Der geheime Garten (2020)

Solo

HOCHMUT KOMMT VOR DEM FALL

5,5/10

 

solo© 2019 Netflix

 

LAND: SPANIEN 2018

REGIE: HUGO STUVEN

CAST: ALAIN HERNÁNDEZ, AURA GARRIDO, BEN TEMPLE U. A.

 

Nein, hierbei handelt es sich nicht um das Star Wars-Spin Off, und auch nicht um die oscarprämierte Kletterjunkie-Doku, weil die heisst nämlich Free Solo. Dieses Solo ist wieder etwas ganz anderes, weder Science-Fiction noch absichtliche Challenge, sondern ein Survival-Psychodrama, das sich nahtlos einreiht in Filme, die so sind wie Danny Boyles Tatsachendrama 127 Hours. Diese unglaubliche Geschichte um einen Wanderer, der in der Wildnis Utahs in einen Canyon stürzt und mit der rechten Extremität zwischen den Felsen steckt, hat zumindest mir eine volle Spielfilmlänge lang den Atem geraubt. Saw auf Abenteuerfilm, und reduziert auf eine Person – James Franco. In diesem bei Netflix erschienenen Man vs. Nature- Erlebnis gönnt sich ein waschechter spanischer Macho und Frauenheld auf der Kanareninsel Fuerteventura seine Auszeit vom erfolgreichen Berufsleben in Madrid. Die arrogante Socke im Stile eines Jason Statham, kombiniert mit Andre Agassi, hat so seine Probleme mit den Frauen und hat gerade eine solche, die ihm rückblickend doch mehr ans Herz gewachsen war als gedacht, bitter enttäuscht. Und nicht nur die: auch die Familie daheim kommt an den Hedonisten nicht ran. Der surft in aller Seelenruhe mit anderen Aussteiger-Kumpels zwischen Dünen und aufgewühltem Atlantik. Der Neid könnte einen fressen – oder vielleicht doch nicht. Denn Álvaro, der ist im Grunde seines Wesens ein sehr einsamer Mensch, der nur sich selbst als einzige Konstante kennt. So will es also das Schicksal, dass der gnädige Herr mal ein bisschen mehr über sich selbst nachdenkt – und stellt dessen Ego auf die Probe. Wie macht es das? Es lässt ihn um sein Leben kämpfen.

Denn Surfer Álvaro, der ein stilles Fleckchen zum morgendlichen Surfen sucht, rutscht beim Überqueren einer Düne, die an einer Klippe mündet, über den lockeren Sand Richtung Abhang, hält sich dort gerade noch fest. Doch er rutscht immer weiter, hängt bald über der Kante, ruft nach Hilfe – natürlich ist hier weit und breit niemand, Fuerteventura ist ein relativ karges, wildes Eiland, da kommt keiner. Also selber helfen – aber wie?

Die Natur kann schon ein gemeines Luder sein. So mittendrin mit nichts hat Mann echt wenig Chancen. Und die Gefahr, zu ertrinken, ist relativ groß. Allerdings ertrinkt dieser Kerl hier wohl eher nicht an den salzigen Fluten, sondern am Selbstmitleid. Die Landschaftsaufnahmen dieser vorwiegenden One-Man-Show sind atemberaubend, vor allem im Vogelflug. Alain Hernández hingegen bangt um seinen Status als freier Held einer liberalen Neuzeit aus Wettbewerb, Ich-AG und sonnengebräunter Surfer-Philosophie, während er blutet, friert und dürstet. Letzteres ist kein Vergleich zu Clint Eastwoods Dehydration in Zwei glorreiche Halunken, so ganz will ich dem Strandbrüchigen hier seinen (Sinnes)wandel zwischen Leben und Tod nicht abnehmen. Ich weiß nicht recht was mich irritiert – vielleicht, weil dieses Abenteuer aus Be- und Erkenntnis etwas sehr Selbstgefälliges zu haben scheint, weil sich Surfer Álvaro trotz all den Blessuren und Entbehrungen inmitten seiner temporären Isolation immer noch gern in den Spiegel blickt, ob die Qual der Wahl zwischen Leben und Tod stets die Etikette Frauenschwarm trägt. Soviel Eitelkeit ist einerseits gut, da kommt man sich selbst nicht allzu klein vor, andererseits hatte James Franco dieses Auftreten nie. Fairerweise muss man aber auch sagen, dass Solo nur sekundär ein Survivaldrama darstellt – primär ist es eine Art Egotrip zurück auf Werte, auf die es im Leben eines jeden ankommen sollte. Schön durchdacht, letzten Endes ohnehin aufrichtig gemeint, aber manchmal zu sehr Selbsthilfegruppe für einen Ex-Macho, dem ich weitere Erkenntnisse natürlich wünsche, aber ohne dabei irgendwo hinunterzustürzen.

Solo

Lara

MUTTER EHRGEIZ UND IHR KIND

8,5/10

 

LARA© 2019 Studiocanal

 

LAND: DEUTSCHLAND 2019

REGIE: JAN-OLE GERSTER

CAST: CORINNA HARFOUCH, TOM SCHILLING, RAINER BOCK, ANDRÉ JUNG, VOLKMAR KLEINERT, MALA EMDE, MARIA DRAGUS U. A. 

 

„Du bist nichts. Du kannst nichts. Und aus dir wird nie was werden.“ – Mit solchen Meldungen kann man den Nachwuchs dazu bringen, nicht mehr an sich selbst zu glauben. Die negativ konnotierte Motivation ist das wahre Feuer hinter dem Ehrgeiz, hinter dem Drill bis zur Selbstaufgabe, die noch dazu zweierlei bedeuten kann: entweder man schindet sich im Glauben, dass die Erniedrigung nur durch Fleiß und Schmerz neutralisiert werden kann – oder hängt das Potenzial einfach an den Nagel. Nur die Harten kommen durch, sagt so manche Lehrkraftkoryphäe, und bewundert die, die trotz all des Stichelns aufs Ego durchhalten. Die anderen suchen eine Zukunft mit dem geringsten Widerstand. Weil sie gebrochen sind, weil ihr Selbstwert bereits den Meistern gehört.

Eltern glauben an ihre Kinder. So wie Mutter Lara Jenkins, die ihren Sohn mit sanftem Druck, wie dieser es formuliert, dazu genötigt hat, einen Meister der Tasten aus sich zu machen. Das Klavierspielen war jedoch auch Laras Leidenschaft. Nur eben nicht gut genug. Diese Schmach klebt wie Pech an einem Menschen, egal, wie lange es auch zurückliegen mag. Was aus so einem Menschen werden kann? Nun, wir sehen ihn in Lara, einer Verfechterin kategorischer Lernphilosophien, die abseits jeglicher Anerkennung nichts als gut genug empfindet. Und da steht sie nun, diese Lara, Jahrzehnte später, mutterseelenallein und eigentlich von allen verlassen. Aus gutem Grund. Doch heute, an diesem trostlosen Tag, an dem morgendliche Resignation den Freitod präferiert, wird Lara 60 Jahre alt. Überdies hat ihr Sohn Viktor ein großes Konzert vor sich. Irgendetwas will sie ihrem Sohn noch sagen – ein paar Worte zum Abschied? Was auch immer, es fühlt sich nicht gut an. Es ist so, als würde Lara ein Resümee des Lebens ziehen, in aller sozialen Isolation ihren eigenen, vielleicht letzten Geburtstag feiern. Mit Leuten, die sie nicht kennt und die nichts von ihr wissen wollen, und einem Sohn, der unter dem drastischen Perfektionismus seiner Mutter nur mehr ein Schatten seines Selbstvertrauens geworden ist.

Wieder hat Regisseur Jan Ole-Gerster seinen Schauspieler aus Oh Boy verpflichtet, nämlich Tom Schilling. Der hat aber diesmal nur eine Nebenrolle, denn dieser Film – Lara – gehört ganz und gar Corinna Harfouch, die hier eine ernüchternd-betörende, geradezu ikonographische Altersrolle hinzaubert und nicht unwesentlich dazu beiträgt, dass nach der versponnenen Berlin-Ballade in Schwarzweiß Jan-Ole Gerster sein Meisterwerk gelungen ist. Wieder ist es eine urbane Ballade, wieder handelt es vom Gerechtwerden der Erwartungen anderer, von der Erwartung an sich, vom Ehrgeiz und vom Leistungsdruck. Diesmal aber ist es Mutter Hopeless, die in der Bitternis ihrer eigenen Unzulänglichkeit gefangen steckt, und zu erkennen lernt, wie sehr ihr eigener Sohn dagegen anzukämpfen weiß. Wie schwach sie selbst ist, und wer sich eigentlich anmaßt, die Leistung und den Traum anderer zu diktieren. Gerster findet in strengen, teils unterkühlten Herbstbildern – darin der rostrote Mantel Harfouchs – und in langen, ruhenden Beobachtungen der Mimik seiner Protagonistin eine komplett neue Hintertür in dieses Dilemma über das fahrlässige Vereiteln eines Lebensplans. Poetisch, wie er auch hier wieder Begegnungen verknüpft und daraus Wahrheiten extrahiert, die in dieser ruhigen, direkt elegischen Komposition von Film sein gebündeltes Echo findet. Thematisch verwandte Erinnerungen an Whiplash werden wach – diesem nicht weniger brillanten Musikfilm über die Brutalität des Ehrgeizes. Oder an den Independent-Streifen The Kindergarten Teacher über das Allgemeingut namens Wunderkind.

Lara ist eine faszinierende, enorm kluge Odyssee durch die Unwägbarkeiten einer Selbstreflexion, die Geschichte eines Neuanfangs oder: ein psychologisch elegant durchdachter, vibrierender Pulsschlag des deutschen Kinos, wie ein wohlgesetztes Forte auf die Tasten eines Konzertflügels.

Lara