Glück gehabt

DER PHILOSOPH DES KLEINEREN ÜBELS

6,5/10

 

glueckgehabt© 2019 Luna Filmverleih

 

LAND: ÖSTERREICH 2019

REGIE: PETER PAYER

CAST: PHILIPP HOCHMAIR, JULIA ROY, LARISSA FUCHS, ROBERT STADLOBER, RAIMUND WALLISCH, CLAUDIA KOTTAL U. A.

 

GIS-Gebührenzahler und Flimmit-Abonnenten kennen ihn schon längst, und zwar spätestens seit der ersten Staffel der Vorstadtweiber: Philipp Hochmair. In der Wiener Antwort auf die desperaten Hausfrauen aus der Wisteria Lane gab der Burg- und Thailiatheatermime den arroganten Politiker und Mörder Joachim Schnitzler – herrlich gelackt, lüstern und durchgeknallt. Das der Mann auch anders kann, das zeigt er eben im Kino, in dem wohl nur hierzulande vom Radar erfassten Thrillerkomödie Glück gehabt. Die Figur des Schnitzler, die ist hier sehr weit weg. Hochmair gibt einen zauseligen, allerdings hochtalentierten Comiczeichner, der den lieben langen Tag sehr gerne in Pyjamahose, rauchend und biertrinkend seinen Alltag vorüberziehen lässt, während die Freundin Karriere macht. Sein filziges Erscheinungsbild irgendwo zwischen einem arglosen James Stewart-Lebenskünstler und einer dezenten Ralf König-Comicfigur ist großartig. Früher hätte diese Rolle sogar Alfred Dorfer dankend angenommen, doch der ist das Medium Film wie es scheint ziemlich durch. Hochmair kann zwar schon viel vorweisen, kommt aber im Kino womöglich erst so richtig in Fahrt. Und diesen phlegmatischen Alltagsabenteurer kann man ihm getrost abnehmen. Dabei ist er nicht das, was man unter Glückritter versteht, denn das Glück, das ist bekanntlich „dort, wo sie sind“ – in diesem Fall aber eher dort, wo Filmfigur Artur eben nicht ist. Denn all das, was geschieht, vollzieht sich scheinbar in einem imaginären Nebenraum, als käme unser Antiheld wie die Jungfrau zum Kind, und wo das Kind herkommt, geht Artur nichts an. Oder will ihn scheinbar gar nicht interessieren.

Interessant ist in erster Linie die geheimnsivolle junge Frau namens Alice, die sozusagen direkt aus dem Wunderland in Arturs Welt gestiegen kommt. Das Problem einer Leiche in ihrer Wohnung fordert das Glück dann zusätzlich noch heraus – doch wir wissen: überstrapazieren soll man selbiges nicht, denn sonst geht’s einem wie Polykrates, dem Tyrannen, der wohl zu viel davon wollte. Dabei stellt sich in der Verfilmung von Antonio Fians Roman Das Polykrates-Syndrom die Frage, ob eine Art des Glücks nicht doch nur ein Synonym für ein geringeres Übel ist. Für die Wahl des kleinsten Zwanges und der geradesten Strecke aus einem Schlamassel heraus, in dem sich dann plötzlich alle wiederfinden und Erinnerungen an Adrian Lynes Thrillerklassiker Eine verhängnisvolle Affäre wachrütteln. In Peter Payers Film sind wir aber weit entfernt von hollywood´schen Parametern. Hier in Wien geht es viel gemütlicher zu, und der Film lässt sich trotz seiner knappen 90 Minuten ausreichend Zeit, ein schwarzhumoriges Szenario zu entfalten, das dem verträumten Rhythmus des schlurfigen Philipp Hochmair treuherzig entgegenkommt, während der Zuseher will, dass sich hier manches eher Bahn bricht als es letztendlich der Fall ist. Die Faszination aber, die von der österreichisch-französischen Schauspielerin Julia Roy ausgeht, macht so manche Länge wieder wett und auch von ihr könnte es demnächst mehr im Kino zu sehen geben. Ich könnte es auch so formulieren: Julia Roy ist eine aparte Entdeckung.

Sonst aber gibt es in Glück gehabt bis auf die Umdeutung des Mysteriums Glück nicht viel mehr Neues zu entdecken. Als Psychothriller würde ich das Werk nicht bezeichnen, als Horror schon gar nicht. Ein Stilmix sieht anders aus. Vielmehr ist Payers Film eine durchaus charmante Groteske, die nichts bis zum Exzess treibt, weil Hochmairs Artur dies erstens gar nicht so weit kommen lassen und zweitens lieber nur dabei statt mittendrin sein will. Warum auch nicht? Es ist das bequemere, kleinere Übel.

Glück gehabt

Angry Birds 2

SCHWEINE LASSEN FEDERN

6/10

 

angrybirds2© 2019 Sony Pictures

 

LAND: USA 2019

REGIE: THUROP VAN ORMAN

MIT DEN STIMMEN VON (ORIGINAL): JASON SUDEIKIS, JOSH GAD, BILL HADER, AWKWAFINA, LESLIE JONES, PETER DINKLAGE U. A.

DEUTSCHE SYNCHRO: CRISTOPH MARIA HERBST, ANKE ENGELKE, AXEL STEIN, CHRISTIANE PAUL U. A.

 

Das Gemüt des rotfedrigen Vogels mit den Theo Weigel-Gedächtnisaugenbrauen ist auch schon etwas abgekühlt. Ganz so angry ist Red nämlich nicht mehr, er ist, wie wir aus Teil 1 wissen, mittlerweile zum Helden geworden. Ein gaches Häferl, wie man in Wien so schön sagt, ist maximal noch die brenzlige Flauschkugel Bombe, die bei innerer Anspannung gerne mal explodiert. Sonst aber haben wir es im Sequel des auf kinotauglich getrimmten Online-Spiels gleichen Namens weniger mit der Coming of Calm-Genese eines Außenseiters zu tun, sondern mit dem Plot eines handelsüblichen Abenteuerklamauks, der in Sequels bekannter Animationsfilme gerne zu Rate gezogen wird. Letztendlich müssen sich die schleimgrünen Schweine der Schweineinseln mit den Federbällen der Vogelinsel zusammenschließen, um auf Expedition zu gehen – nämlich zu einer sagenumwobenen dritten Insel, von welcher überdimensionale Eiskugeln geflogen kommen und ein knallbuntes Armageddon für alle Hohlknochen und Saumägen einläuten, würde Red nicht mitsamt den üblichen Verdächtigen der wahnsinnigen Adlerdame Zeta, die sich dorrt ausspinnt, das Handwerk legen wollen.

Schräge Vögel haben Schwein oder Schweine können fliegen – je nachdem, wie man es anstellt oder wie man es nimmt: die Fortsetzung der schrillen Zotenparade hat zwar weniger Pfeffer als das irrwitzige Filmoriginal, lässt aber dennoch all die durchgeknallten Charaktere wieder über ihr eigenes Fehlverhalten und auch über ihre eigene Überheblichkeit stolpern – bis irgendwie und unter turbulenten Umwegen alles wieder gut wird. Der Storyboardzeichner und Cartoonist Mark Thurop van Orman setzt, ohne sich erzwungernermaßen anderes zu überlegen, auf den gleichen Humor wie damals – und landet mitunter wirkliche Volltreffer. Saukomisch zum Beispiel der Versuch unserer knallbunten Freunde, gemeinsam einen Adler zu imitieren, um in die Festung von Zeta überhaupt erst einzudringen. Oder die Anorakparade, leicht overdressed, in kühlen Gefilden vielleicht notwendig. Natürlich sind die Kalauer relativ derb, Schenkelklopfer wohlgemerkt. Witzkistenschlafen im Schichtdienst. Aber warum nicht auch mal auf diese Art, vor allem, wenn sie unterhält? Und je runder all diese Figuren sind, um so witziger kann es werden, siehe Minions, da funktioniert es doch auch. In genau diesem Stil ist auch Angry Birds 2 ein Overkill an kreischiger Turbulenz, aber mit dem Slapstickherzen am rechten Fleck.

Angry Birds 2

Jumanji – The Next Level

OPA IST DER BESTE

7/10

 

jumanji-the-next-level© 2019 Sony Pictures

 

LAND: USA 2019

REGIE: JAKE KASDAN

CAST: DWAYNE JOHNSON, KEVIN HART, KAREN GILLAN, JACK BLACK, DANNY DE VITO, DANNY GLOVER, AWKWAFINA U. A. 

 

Die Würfel sind gefallen – und das schon seit zwei Jahrzehnten. Als das Original Jumanji mit Robin Williams die Kinokassen klingeln ließ, waren Brettspiele plötzlich wieder in und die Zufälligkeit von 1 bis 6 fast schon wieder ein Mysterium. Wem Mensch ärgere dich nicht zu langweilig war, der hatte plötzlich den ganzen Dschungel bei sich daheim. Ein großartiges Entertainment-Movie – gewitzt, dramatisch und kreativ bis dorthinaus. Brettspiele sind zwar immer noch in, doch Joe Johnstons spannendem Fantasyabenteuer war nichts mehr hinzuzufügen. Es sei denn, man hebe das Geschehen auf ein neues Level. Und wer, wenn nicht Dwayne „The Rock“ Johnson und eine ganze Handvoll ohnehin schon etablierter Comedians wie Jack Black oder Kevin Hart wären dafür besser geeignet, in den tropischen Ring zu steigen, um Nilpferden, Affen oder wilden Stämmen zu zeigen, wo der Hammer hängt. Das erste Sequel aus 2018 hatte da relativ viel Hammer. Gut, die Idee, in ein Videospiel einzusteigen, hatte schon Tron, nur komplett spaßbefreit, während Jake Kasdans Jumanji – Willkommen im Dschungel neben einigen netten Game-Gadgets nur darauf aus war, die kalauerbewährte Volldröhnung einem Popcorn knabbernden Generationenmix um die Ohren zu hauen. Ja natürlich, volle Unterhaltung. Will ja nicht sagen, dass es fürs Amüsement nicht gereicht hätte. Der kreative Kniff aber hat gefehlt. Dafür bot die Komponente eines Videospiels zu wenig Fläche.

Jetzt aber hat es Jake Kasdan wieder getan – und die Clique um den introvertierten Spencer wieder in den virtuellen Ring geschickt. Doch siehe da: der Witz scheint hier einen neuen Namen zu haben: Danny DeVito. Der hat zwar nur in der Rahmenhandlung seinen liebevoll schrulligen Auftritt, ganz so wie der andere Danny, nämlich „Ich bin zu alt für diesen Scheiß“ Clover, doch was alle Comedians gemeinsam hinbekommen, ist so, als wäre DeVito in Gestalt des bärbeißigen Muskelprotzes Dwayne Johnson die ganze Zeit über präsent. Der Plot ist in Jumanji – The Next Level fast derselbe wie im letzten Film, nur mit ein paar Abweichungen und Ergänzungen bei den Avataren. Der Grund aber, warum diese Episode besser geglückt ist als die letzte (dem Original aber dennoch nicht das Wasser reichen kann) liegt an den perfekt synchronisierten Manierismen von Johnson und DeVito. Oder De Vito und Awkwafina. Oder Kevin Hart und Danny Glover. Die Grumpy Old Men in völlig konträre Körper zu stecken ist Bodyswitch-Komik vom Feinsten. Es macht einen Riesenspaß, Johnsons Mimik an jene von De Vito angepasst zu sehen. Mitunter kommt das Switchen der Persönlichkeiten diesmal viel öfters vor, und jedes Mal ist es ein Vergnügen, zuzusehen, wie das Verhalten der Figuren plötzlich ein ganz anderes ist. Das ist der Reiz des Films, und weniger das CGI-gestraffte Szenario malerisch perfekter Kulissen, die aber in ihrer Makellosigkeit natürlich für ein generiertes Videospiel besser passen als in sonst einem Film. Sieht man genauer hin, lassen sich von Seriensets wegrekrutierte Stars aus Game of Thrones oder Big Bang Theory ebenfalls entdecken, die alle hinter einem Juwel her sind, das in Sicherheit gebracht werden muss. Da spielt man schon gerne Hängebrückenmikado oder lässt sich in die Wüste schicken. Action gibt es satt, und dabei noch ausgesprochen virtuos inszeniert.

Indiana Jones ist schon lange her. Als Reserve gab’s da immer noch Quatermain, auch schon lange her. Für so etwas gibt’s jetzt entweder Lara Croft oder eben Jumanji: The Next Level, um wirklich mal funparkmäßig im Kino abzuhängen. Dabei lässt sich feststellen, dass das wahre Abenteuer jenes zwischen den Charakteren ist, die sich gegenseitig an ihren inneren Werten erkennen. Zugegeben, das war in Jumanji – Willkommen im Dschungel natürlich auch so, doch durch den starken Kontrast zwischen Alt und Jung hat das verfluchte Spiel tatsächlich sein nächstes Level erreicht.

Jumanji – The Next Level

Knives Out

DEM ERBE AN DIE GURGEL

7/10

 

knivesout© 2019 Universum

 

LAND: USA 2019

REGIE: RIAN JOHNSON

CAST: DANIEL CRAIG, ANA DES ARMAS, MICHAEL SHANNON, CHRISTOPHER PLUMMER, DON JOHNSON, CHRIS EVANS, TONI COLETTE, JAMIE LEE CURTIS U. A. 

 

Wenn die Messer gewetzt werden, beginnt das neue Kinojahr mit einem guten Einstand. Und bevor der letzte Vorhang für Daniel Craigs James Bond fallen wird, hat sich der blauäugige Brite dank eines gewieften Agenten bereits mit einer ganz andere Rolle angefreundet, nämlich mit einer, die gut und gerne aus Agatha Christies Feder erstanden wäre, hätte sie nicht schon Hercule Poirot zum Leben erweckt. Natürlich, Daniel Craig hat als gewissenhaft nachbohrender Detektiv längst nicht die Extravaganz des bartbewussten Belgiers, aber möglich wäre es durchaus, dass Knives Out mit Benoit Blanc (der frankophone Name alleine ist schon eine kleine Hommage an den distinguierten Meister der Kombinationsgabe) ein neues Franchise begründet. Neben dieser Neuorientierung hat sich mittlerweile auch Rian Johnson vom erdrückenden und maßlos übertriebenen Dauerfeuer erboster Star Wars-Fans erholt. Gut schlafen hat ihn das sicher nicht lassen, obwohl meiner Meinung nach das von ihm verfasste Drehbuch zur Episode VIII eines der besten der ganzen Filmserie war. Ich mochte Star Wars – The Last Jedi, sogar sehr. Und ich mag auch das Drehbuch zu Knives Out, das ebenfalls auf Johnsons Kappe geht. Und da sieht man wieder, das dieser kreative Kopf Szenarien ersinnen kann, die nicht unbedingt die Masse zufriedenstellen, dafür aber zwischendurch das Unerwartete heraufbeschwören und mitunter auch vor den Kopf stoßen.

In Knives Out passiert das auch. Zutiefst begeistert von den Werken der 1976 verstorbenen Krimigöttin Christie, hat sich Johnson vor allem ihr Werk Das krumme Haus zur Brust genommen. Darin verstirbt der vermögende Patriarch einer weitläufigen Familie, und womöglich nicht an Altersschwäche. Ein Detektiv kommt ins Spiel, um zu ermitteln. Manche sagen, dieses Werk sei Christies bestes Buch. Die Verfilmung aus dem Vorjahr kann sich entsprechend sehen lassen. Gillian Anderson, Glenn Close und Terence Stamp machten hier gute Miene zu verdächtigem Spiel. Ein Genuss für Krimifreunde. Wer da noch nicht genug hat, und eben eine Schwäche für Wachsblumensträuße oder dem Bösen unter der Sonne, der bekommt mit Knives Out zwar eine Art Dacapo an samstäglichem Suspense präsentiert, aber längst nicht mit gewohntem Plot. Denn Johnson variiert das wohlbekannte Setting und verschiebt dramaturgische Prioritäten so, wie er will. Und das Beste: man ahnt lange nicht, was als nächstes kommt. Dieses Unberechenbare ist Johnsons Stilelement. Dieses Vorziehen später zu erwartender Höhepunkte, die sich plötzlich Bahn brechen, können gerne auch irritieren. Weil manches gelüftet wird, was man vielleicht noch gar nicht wissen will. Doch hinter diesem Eigen-Spoiler stecken noch weitere Geheimnisse, um die es letzten Endes gehen soll. Und nichts ist, wie es bekanntlich scheint.

Für dieses Kammerspiel haben die Set-Designer und Ausstatter alle Stückchen spielen lassen. Das Herrenhaus ist so krumm wie noch nie. Holzgetäfelte Düsternis, eine üppige Schwäche für Antiquitäten, knarzende Treppen und versteckte Türen. Gut und gerne ließe sich das Haus vor dem Ausschlachten der Requisiten zu einem Fun-Park hinüberretten, so sehr ist hier der unbequeme Verdacht zuhause. Doch keine Sorge, von beklemmendem Grusel sind diese vier Wände weit entfernt – dafür aber umso näher an sarkastischer Süffisanz, die das Ensemble mit heller Spielfreude an den stimmungsvoll vernebelten  Tag legt. Die Runde kann sich sehen lassen – fast so schillernd wie in Kenneth Branaghs Mord im Orient-Express. Don Johnson lässt sich sehen, aber auch Toni Colette, Blade Runner 2049-Beauty Ana des Armas, ein herrlich pseudodevoter Michael Shannon und ein völlig gegen den Captain America-Gutmensch gebürsteter Chris Evans, der dank eines gewieften Agenten ebenfalls versucht, bitte zukünftig nicht mehr mit Marvel in Verbindung gebracht zu werden. Sie alle haben ihre Momente, und sie schleichen, wie Erben eben schleichen, um einen Tatort herum, der mehrere plausible Szenarien erzählt, die Craig mit nüchternem Columbo-Charme gegeneinander abwägt. Dabei fehlt ihm der letzte Schliff, etwas mehr unverwechselbar Persönliches. Doch das, was Knives Out ganz alleine gehört, das ist die lückenlose Brillanz eines zerschnipselten Drehbuchs, das als gute alte Whodunit-Hommage genauso gut funktioniert wie als quergebürstete Erbschleicherkomödie, gänzlich ohne Pflichtanteil.

Knives Out

The Peanut Butter Falcon

ANDERS ALS WIR DENKEN

7/10

 

PBF_0681.TIF© 2019 Tobis Film

 

LAND: USA 2019

REGIE: TYLER NILSON, MICHAEL SCHWARTZ

CAST: SHIA LABEOUF, ZACK GOTTSAGEN, DAKOTA JOHNSON, BRUCE DERN, JOHN HAWKES, THOMAS HADEN CHURCH U. A. 

 

Einer der warmherzigsten Filme des Jahres 2019 soll er gewesen sein, das Roadmovie rund um einen Heimausreißer mit Down-Syndrom und einem schuldzerfressenen Taugenichts aus den Südstaaten: The Peanut Butter Falcon. Relativ leicht ließe sich der Film aber auch anders betiteln. Wie wäre es mit: Der 22jährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand, frei nach Jonas Jonasson? Wer das Buch des Schweden kennt, weiß, welche Abenteuer der alte Mann da allesamt besteht. Womöglich sind die Abenteuer des jungen Zack weniger irrwitzig, dafür aber umso einschneidender für ein Leben, das noch gelebt und gestaltet werden will. Denn der rundliche, nur mit einer Unterhose bekleidete Zack, der will trotz seines geistigen Handicaps etwas aus sich machen. Er hat Pläne. Und ein Idol, dem er nacheifern will: Der junge Mann will zum Wrestling. Da gibt es einen, der nennt sich Saltwater Redneck, und der hat eine Wrestlingschule irgendwo in den Sümpfen Louisianas, und dort will er hin. In einem Land der unbegrenzten Möglichkeiten vielleicht tatsächlich umsetzbar. Zufällige Variable, die ihm vielleicht einen Strich durch seine Rechnung machen könnten, die rechnet er natürlich nicht mit ein. Einer dieser Variablen ist – kaum zu erkennen – Shia LaBeouf mit unkontrolliertem Bartwuchs und versiffter Kleidung, auf der Flucht vor der krabbenfischenden Konkurrenz. Und die hat ihr gutes Recht, dem lebensuntauglichen Strauchelnden die Leviten zu lesen. Wie zu erwarten: die beiden Außenseiter treffen aufeinander – und raufen sich zusammen. Denn zweimal lebensuntauglich könnte einmal Lebensmut ergeben – oder nicht? Kein Problem, wäre da nicht Betreuerin Eleanor (reizend und liebevoll: Dakota Johnson), die so gar nicht mit den Plänen ihres Schützlings Zack klarkommt. Zumindest vorerst nicht.

Eine HuckFinniade, die sich Tyler Nilson und Michael Schwartz da ausgedacht haben. Ein zutiefst menschelndes Abenteuer mit einer erstaunlichen Entdeckung: nämlich Newcomer Zack Gottsagen, der die auf seinen Leib geschriebene Rolle mit Bravour meistert, Wortwitze kontert und selber mit genug Ironie die augenzwinkernden, teils lebensphilosophischen Dialoge bereichert. Dass Menschen mit Down-Syndrom auffallend gut schauspielern können, das hat letztens schon Luisa Wöllisch bewiesen, die in der deutschen Handicap-Komödie Die Goldfische für quirlige Diva-Momente gesorgt hat. Nicht zu vergessen natürlich Jaco van Dormaels belgisch-französisches Roadmovie Am achten Tag, in welchem der Schauspieler Pasqual Duquenne (Goldene Palme 1996!) an der Seite von Daniel Auteuil über sich hinauswuchs. Plotmäßig haben beide Filme – The Peanut Butter Falcon und Am achten Tag, deutliche Parallelen. In beiden Filmen ist das Pflegeheim anfangs ein Gefängnis, und hindert sie daran, sich trotz ihres Defizits selbst zu verwirklichen. Der Ausbruch gelingt, und folglich bleiben beide nicht lange allein. Ob Auteuil oder LaBeouf – die Komponente des beschützenden Erwachsenen, der von der Weltsicht des Anderen allerdings profitiert, bringt die herzerwärmende Story erst ins Rollen.

Und ja, das ist sie: herzerwärmend. Und positiv. Und wahnsinnig zuversichtlich. Was man anfangs nicht vermutet. Das Damoklesschwert der einschränkenden Realität hängt permanent über dem Willen nach Freiheit. Anderswo wäre diese Floßfahrt wohl ernüchtenderweise gekentert, zum Beispiel bei Clint Eastwood (A Perfect World), doch Tyler und Schwartz wagen ein brüderliches Märchen, das sich so gut anfühlt wie ein Kurzurlaub mit dem besten Freund oder der besten Freundin, wo man an nichts mehr anderes denkt außer an den Moment, der gerade passiert. Wo es keine Vergangenheit und keine Zukunft gibt. Wo die Zukunft mit links machbar erscheint. Eingewoben in dieses tragikomische Szenario auf schwappendem Untergrund ist die Kulisse der feuchtheissen Swamps der Südstaaten. Die Schwüle, all die Gerüche und Klänge, all dieses Nowhere-Land, dieser Touch unbegrenzter Möglichkeiten, die lassen sich spüren, und die tun gut. Das letzten Endes The Peanut Butter Falcon einen Drall Richtung surrealer Traumphantasie bekommt, war unvermeidlich – das schließt aber auch den Kreis der sich hoffnungslos im Kreis drehenden Outlaws und Weltumdenker, die sich in unterschiedlicher Richtung irgendwann treffen müssen, um gemeinsam auszubrechen.

The Peanut Butter Falcon

A Rainy Day in New York

BIG APPLE PASSIERT EINFACH

7,5/10

 

rainydaynewyork© 2018 Polyfilm Verleih

 

LAND: USA 2018

REGIE: WOODY ALLEN

CAST: THIMOTÉE CHALAMET, ELLE FANNING, LIEV SCHREIBER, SELENA GOMEZ, JUDE LAW, KELLY ROHRBACH, REBECCA HALL, DIEGO LUNA U. A.

 

Woody Allens neuester Film hätte schon längst in die Kino kommen sollen. Keine Ahnung was den Starttermin verzögert hat – womöglich der schon seit Langem geäußerte Verdacht des sexuellen Missbrauchs, welchem sich der Regisseur seit der Verehelichung mit seiner Adoptivtochter niemals so richtig erwehren hat können. Was natürlich die in vielen journalistischen Medien und auf Social Media aktuell geführte Entscheidungsfrage ebenfalls aufgreift, ob man das Werk eines Künstlers von seiner Biografie trennen kann oder nicht. Caravaggio wird da als Extrembeispiel oftmals ins Feld geführt – der war ein Mörder, und dennoch bewundern viele, wenn nicht alle seine Bilder. Zu den Filmemachern non grata zählen natürlich auch Roman Polanski, dessen Filme ich aber sehr schätze. So wie Allens Filme. Seltsam, diese Ambivalenz. Was soll man tun? Nun, ich bin erstmal ins Kino gegangen und habe mir A Rainy Day in New York angesehen. Weil ich mich, müsste ich eine Entscheidung treffen, nur nach den Medien richten kann. Und wir wissen, wie Medien funktionieren. Den Mensch Woody Allen kenne ich jedenfalls nicht, aber was ich kenne, ist das, was er von sich erzählen möchte, und das steckt in seinen Werken. Was darin ebenfalls stets konsistent bleibt, das sind die selbstreflektierenden Alter Egos, die Moderatoren seiner Geschichten. Und manchmal ist es sogar nicht mal nur einer, der so agiert, denkt und spricht wie Woody Allen. Manchmal sind es gar mehrere. So wie in diesem Film hier. Hier steht der gerade sehr angesagte Schauspieler Thimotée Chalamet im Regen und lässt sich durch ein New York scheinbar vergangener Tage treiben. Aber nicht nur Chalamet ist Woody Allen, auch der völlig konsternierte Jude Law als unruhiger Drehbuchautor macht einen auf Allen, und dann gibt es noch einen anderen, auch einen Regisseur, der einen Studentenfilm dreht mit Null Budget, der trägt Brille und Haar wie der Meister selbst. Ein Vexierspiel ist sein neuester Film geworden, eine Suche nach Easter Eggs quer durch ein Manhattan, in dem man die resolute Diane Keaton vermuten würde, in Glockenhosen und mit Stirnfransen.

Stattdessen gerät Jung-Journalistin Elle Fanning in den Schluckauf-Modus, nachdem ihre Odyssee durch den künstlerischen Jahrmarkt der Eitelkeiten beim selbstzweifelnden Filmemacher Liev Schreiber ihren Anfang – und daraufhin scheinbar kein Ende nimmt. Woody Allen macht es richtig, er sondiert die aktuellen Casting-Trends und holt sich die angesagtesten Schauspieler an sein Set. Die lassen sich nicht zweimal bitten, denn mit und für Allen zu drehen ist mittlerweile ein Statussymbol, ein Privileg, das machen diese Künstler alle sehr gern. Wichtig sind Allen auch seine jungen Damen, die er inszeniert. Neben Elle Fanning ist es die zumindest wirklich blutjung aussehende Selena Gomez, die Thimothée Chalamet den Kopf verdrehen darf. In einem New York, das sich durch die ungestüme Liebeserklärung Woody Allens für seine Heimatstadt gar nicht wirklich bedrängt fühlt, nein, sondern dieses Heranwerfen des Anekdotenklopfers mit verklärenden Stimmungen pariert, wie beispielsweise romantischem Regen, rustikalen Gassen, feudalen Hotels und sinnend geklimperter Barmusik. Da kommen natürlich sämtliche Versatzstücke aus Allens Schaffen zusammen, und vor allem in den Szenen konfuser Beziehungs-Stati leben die Bonmots aus Zeiten des Stadtneurotikers wieder auf. Sicher, A Rainy Day in New York ist kein auf Zug inszeniertes Drama mit Knalleffekt – Filme wie Match Point lassen sich schwer wiederholen.

A Rainy Day in New York mäandert durch die geliebte Stadt mit einer gewissen Ziellosigkeit und Sinn für Plaudereien, allerdings aber mit der Bereitschaft, die Gelegenheit, die dieses urbane Paradies bietet, beim Schopf zu packen. Das unterhält prächtig, und jeder des Ensembles findet zielsicher in seine Rolle, mag sie auch noch so klein sein. Den schrägen Vogel schießt aber mit Abstand Elle Fanning ab – als so quirlige wie begeisterungsfähige und von anderen manipulierbare Studentin, die Alkohol sehr schlecht verträgt, hat sie die meisten Lacher, wenn nicht alle, mit Leichtigkeit auf ihrer Seite. Und es tut gut, den Tag in New York zu verbringen, dessen Charme sich erstaunlich greifbar auch auf Nicht-Kenner der Metropole überträgt. So, als wäre man wirklich für einen Augenblick dort gewesen, im „Paris“ der neuen Welt.

A Rainy Day in New York

Ein Becken voller Männer

NACH DEM SCHEITERN IST VOR DEM ERFOLG

6,5/10

 

EIN BECKEN VOLLER MƒNNER© 2019 Constantin Film

 

ORIGINAL: LE GRAND BAIN

LAND: FRANKREICH 2019

REGIE: GILLES LELLOUCHE

CAST: MATTHIEU AMALRIC, BENOIT POELVORDE, GUILLAUME CANET, JEAN-HUGHES ANGLADE, VIRGINIE EFIRA U. A.

 

Sport ist die beste Medizin! Vor allem gegen psychische Erkrankungen wie Panikattacken oder Depression. Schwimmen eignet sich dafür am besten, also meiner Meinung nach. Beim Schwimmen taucht man in ein ganz anderes Medium ein, das hilft sehr gut, den Alltag zu relativieren, in dem man manchmal so richtig feststeckt. So geht’s zumindest dem unter schweren Depressionen leidenden Familienvater Bertrand, seit zwei Jahren schon arbeitsunfähig, zum Leidwesen von Frau und Kind. Beim Nachwuchs-Schwimmkurs wird die arme Seele allerdings auf eine Anzeige am schwarzen Brett aufmerksam – eine etwas ungewöhnliche sozusagen, nämlich eine für männliches Synchronschwimmen. Warum nicht, denkt sich Bertrand, und wird kurze Zeit später Teil eines wild zusammengewürfelten Teams aus Männern, die mehr oder weniger ihr Lebensziel verpeilt oder von höheren Mächten in die Schranken gewiesen wurden. Mit anderen Worten: Verlierer, die es verhältnismäßig schwer haben. Die sich im Wasser aber ungleich leichter fühlen. Ihre Trainerin: eine Frau, die selbst so ihre Probleme hat, und nicht anders dran ist als die Handvoll Typen, die mit Badehaube und Waschbärbauch im Laufe ihres Trainings so ziemlich alles umdenken, woran sie bisher gescheitert sind.

Das Scheitern wird in Gille Lellouches liebevoller Tragikomödie zur riesengroßen Chance, einen Neuanfang zu wagen oder sich umzuorientieren. Träume aufzugeben und Alternativen zu suchen. Nicht alle Schwimmer in Ein Becken voller Männer sind Verlierer, natürlich nicht. Einige von ihnen bekommen allerdings keinen biographischen Steckbrief verpasst, im Mittelpunkt stehen eher die Stars des französischen Kinos wie Benoit Poelvoorde, Guillaume Canet oder Mathieu Amalric. Jeder von ihnen scheitert anders, aus Selbstversschulden, Kränkung oder Krankheit. Das, was sie probiert haben, gelingt nicht. Wobei sich die Frage stellt: sollte man weiter an seinen Träumen festhalten oder andere suchen? Beharrlich bleiben oder aufgeben? Ein Becken voller Männer zelebriert den „Plan B“ als eine Erkenntnis, sich fürs eigene Versagen nicht schämen zu müssen. Der Plot des Films erinnert unweigerlich an Peter Cattaneos Striptease-Sozialkomödie Ganz der gar nicht aus dem Jahr 1997, wobei hier Arbeitslosigkeit und finanzielle Bedürftigkeit mehr im Vordergrund steht als die Unfähigkeit, etwas Nachhaltiges zu vollbringen. Da wie dort ist die (vorläufige) Lösung der vordergründigen Probleme etwas, das auf homöopathischem Wege anfangs alles nur noch schlimmer macht, bevor irgendetwas besser wird. Ob Männer-Strip oder maskulines Synchronschwimmen – beides erzeugt gesellschaftliche Irritation, und beschwört ein dem Happy End-Kino inhärentes gruppendynamisches Einsehen herauf. Schön wär’s, wenn es tatsächlich so wäre. Und in Lellouches Realkomödie ist die Welt trotz aller Unzulänglichkeiten und zähneknirschenden Entbehrungen eine letzten Endes heile, die zum Schluss kommt, dass nur präsentierte Leistung etwas ist, worauf man stolz sein kann. Und nicht einfach nur das eigene schräge Ich, das am Mainstream scheitert.

Lellouche bekommt allerdings noch die Kurve – er verbucht die Erfolgsgenese seiner kleinen Helden nur für sie selbst. für niemanden sonst. Und das macht den Film dann doch sehenswert, auf befreiende Art idealistisch und mit sich selbst im Reinen.

Ein Becken voller Männer