The Lost City – Das Geheimnis der verlorenen Stadt

EIN ABENTEUER, WIE ES IM BUCHE STEHT

4/10


thelostcity© 2022 Paramount Pictures


LAND / JAHR: USA 2022

REGIE: AARON & ADAM NEE

CAST: SANDRA BULLOCK, CHANNING TATUM, DANIEL RADCLIFFE, DA’VINE JOY RANDOLPH, BRAD PITT, OSCAR NUÑEZ, PATTI HARRISON U. A.

LÄNGE: 1 STD 52 MIN


Was waren das für herzhafte Screwball-Sidekicks in den Achtzigern, als sich Kathleen Turner und Michael Douglas schwitzend durch ein Abenteuer gekämpft hatten, das beide Seiten ihre Sünden abbüßen ließ: Die Jagd nach dem grünen Diamanten. Wenn aus Turners italienischen Stilettos plötzlich Praktische werden, ist das nur eines von vielen süffisanten Bonmots, die nur einer wie Robert Zemeckis inszenieren kann. Doch die Zeiten der geschmackvollen Was-sich-liebt-das neckt-sich-Parcours, die sich eigentlich schon mit African Queen ihren Einstand gaben, scheinen auf seltsame Weise vorbei zu sein. Es stelzt diesmal Sandra Bullock – im pinkfarbenen Glitter-Overall und wildnis-getunten High Heels – mit Magic Mike Channing Tatum durch den brasilianischen Inselregenwald. Beide necken sich dabei wenig, und von Liebe ist überhaupt keine Spur (wenn man von der letzten Minute des Films absieht). Katherine Hepburn oder Kathleen Turner würden mit den Augen rollen: So viele Klassiker, so viele Vorgaben – und dabei ganz vergessen, worauf es ankommt.

Ein guter Cast allein ist nämlich nicht alles. Immerhin – den haben wir hier, mit Bullock, Tatum, Da’Vine Joy Randolph als schrägen Sidekick und Daniel Radcliffe als schmierigen Bösewicht mit gefälligem Grinsen. Bullock selbst gibt eine sich selbst zwangsbeglückende Bestsellerautorin namens Angela, die aber viel lieber irgendwo auf der Welt nach antiken Schätzen graben würde als bei Marketingshows in peinlichem Outfit auf Hochstühlen herumzurutschen. Zum Femdschämen wird’s erst, als Coverboy Dash mit Hansi Hinterseer-Gedächtnisfrisur auf die Bühne schwebt, das Model all ihrer Buchcover. Die beiden verbindet nichts, nur der schnöde Mammon. Doch das ändert sich, als Angela von Radcliffes Männern fürs Grobe entführt wird. Sie soll helfen, die Schriftzeichen einer untergegangenen Kultur zu übersetzen, die damals Bestandteil ihrer Studienzeit gewesen war. Währenddessen will Dash nicht nur Covermodel, sondern auch Lebensretter sein, und engagiert den abgehobenen Mähnenlöwen Brad Pitt (leider nur in einer kleinen Nebenrolle), um die Autorin da rauszuhauen. Klar geht das schief, und alsbald sind beide, Angela und Dash, auf sich allein gestellt. Das romantische Dschungelabenteuer kann beginnen. Nur funkt und zündet hier leider so gut wie kaum etwas, und das liegt nicht an der tropischen Feuchtigkeit. Obwohl das Ensemble einander nicht im Weg steht, und auch das Wohlwollen des Publikums gewinnt, müht sich das Regieduo Adam und Aaron Nee vergeblich, aus dem wiederbelebten Subgenre erfrischend Neues hervorzukitzeln.

The Lost City ist so vorhersehbar wie ein Langstreckenflug bei gutem Wetter und bestens gewarteter Technik. All diese Versatzstücke, die The Lost City ausstatten, reihen sich in einer fast zweistündigen Formel aneinander, um den perfekten Abenteuerfilm zu mixen. Was dabei herauskommt, ist irgendwas. Jedenfalls etwas, das zur Zerstreuung dient und vorzugsweise Langeweile entstehen lässt, die ganz nett anzusehen ist, weil eben der Cast seine Arbeit macht. Der Rest bleibt ein schales Straucheln, Stolpern und Rutschen mit müden Gags, gestelzter Romantik und gar keinem Grip.

The Lost City – Das Geheimnis der verlorenen Stadt

Fresh

ROTKÄPPCHEN UND DAS WOLFSRUDEL

8/10


fresh© 2022 20th Century Studios All Rights Reserved


LAND / JAHR: USA 2022

REGIE: MIMI CAVE

SCRIPT: LAURYN KAHN

CAST: DAISY EDGAR-JONES, SEBASTIAN STAN, JONICA T. GIBBS, CHARLOTTE LE BON, ANDREA BANG, DAYO OKENIYI U. A. 

LÄNGE: 1 STD 57 MIN


Männer wollen doch immer nur das eine! Vermutlich schon, denn wären die Triebe nicht, gäbe es keine Beziehungen. Oder nur wenige, rein platonische. Die Lust am anderen (oder gleichen) Geschlecht ist stets der Anfang von viel mehr. Oder bleibt in den niederen Gefilden von Sex und körperlicher Liebe verhaftet, weil so manche Männer einfach nur genau das wollen und Frauen auf ihre äußerlichen Reize reduzieren. Gegen die aufblasbare Gummipuppe aus dem Beate Uhse-Versandkatalog scheinen „echte“ Frauen aber stets die Nase vorn zu haben, nichts kann die natürliche Physis ersetzen. Um das zu bekommen, was Mann will, gibt’s Dating-Apps wie Tinder. Passen die Matches, ist noch längst nicht gesagt, ob‘s Auge in Auge dann auch noch hinhaut. Meist nicht, meist ist es nach einem One-Night-Stand nicht nur beziehungstechnisch vorbei, sondern auch die Würde dahin. Doch Mann hat bekommen, was er wollte und zieht weiter. Wie ein Jäger auf der Pirsch nach Freiwild. Oder – wie wir seit EAV’s Märchenprinzen wissen: Zu viele Jäger sind der Hasen Tod.

Dazwischen jedoch, und um einiges weiter abseits, bleibt das Patriarchat nicht unkreativ, um mehr zu bekommen als möglich ist. Diese Erfahrung muss die junge Noa alsbald machen, als sie, entnervt und enttäuscht nach so einigen Blind Dates, im Supermarkt Bekanntschaft mit dem äußerst attraktiven Steve macht. Wen haben wir da vor uns: „Winter Soldier“ Sebastian Stan, sehr schick, sehr distinguiert und charmant. Ein Mann, den Frau sich nur erträumen kann, weil es diesen in natura einfach nicht gibt. Kurz danach folgt das Grand Opening einer leidenschaftlichen Liaison, wie wir sie schon aus diversen anderen RomComs oder erotischen Krimis kennen. Das dann alsbald ein unangenehmes Erwachen folgt, liegt auf der Hand. Der Punkt in dieser Sache ist nur: Welcher Art ist dieser Wermutstropfen auf die rosarote Glückseligkeit, der so bitter schmeckt wie ein roher Satanspilz?

Die Erkenntnis sickert wie der Schmerz beim Anstoßen der kleinen Zehe mit einiger Verzögerung sortenrein ins Hirn – und ist umso verstörender, je länger man darüber nachdenkt. Die Frau als Objekt der Begierde findet in Mimi Caves haarsträubender Groteske Fresh ihre destruktivste Bestimmung, der Horror macht sich in den Köpfen breit und in der sprachlosen Empörung, zu welchen niederträchtigen Marktlücken das starke Geschlecht sich hinzureißen gedenkt. Carey Mulligan aus Promising Young Woman, die mit der stumpfen Schwanzsteuerung von Männern Schlitten fährt, hätte selbst hier wohl einige Zeit gebraucht, um ihren vor Erstaunen geöffneten Mund zu schließen. Doch es ist, wie es hier ist, und bedurfte zumindest bei mir eines zweiten Anlaufs, nach so vielen Tabubrüchen dennoch dranzubleiben.

Fazit: Es lohnt sich. Denn das Ganze erzeugt einen Topspin, dem man sich ungern entziehen will. Fresh ist eine so abstoßende wie faszinierende, zutiefst makabre Satire auf Körperwahn und männliche Dominanz, Missbrauch und sexueller Versklavung. Themen, die in einem 70er Jahre Grindhouse-Slasher als billig-perverse Blutoper für Magenverstimmungen gesorgt hätten. Mimi Cave und Drehbuchautorin Lauryn Kahn sind dieser Phase aber erhaben. Ihr Film hat Stil und trotz all der Verrohung enormen Anstand. Bei wohl kaum einem anderen Film der letzten Zeit trifft die Bezeichnung fancy wohl am ehesten zu wie auf diesen: das Grauen ist schick gekleidet, die Ausstattung akkurat und so penibel wie in American Psycho. Das Intellektuelle bringt das aalglatte Böse erst hervor, dass in einer beunruhigenden Selbstverständlichkeit agiert. Sebastian Stan ist dafür wie geschaffen – er übertreibt nicht, und er gibt sich keinem charakterlichen Wandel hin wie in so manchen Thrillern, die dadurch enorm viel Plausibilität einbüßen. Das Juwel des Films ist aber die wirklich bezaubernde Daisy Edgar-Jones (Krieg der Welten), die hier ihr Spielfilmdebüt hinlegt und dabei – einer jungen Sissy Spacek ähnlich – in einer Mischung aus Furcht, Trotz und Esprit Mulligans Femme Fatale den Rang abläuft und die Herzen ihres gesamten Publikums gewinnen wird.

Mit ihrer Performance – und der innovativen, filmischen Erzählweise, die mit symbolhaften, kurios geschnittenen Bildcollagen die kluge Metaebene offenbart, schafft es Fresh, die Grenze des guten Geschmacks zu verschieben und mit genug spottender Coolness beängstigende männliche Vorlieben so zu konterkarieren, dass sie einem nichts mehr anhaben können.

Fresh

Rotzbub

MIT PINSEL UND BUSEN GEGEN RECHTS

5,5/10


rotzbub© 2022 Filmladen


LAND / JAHR: ÖSTERREICH, DEUTSCHLAND 2021

REGIE: MARCUS H. ROSENMÜLLER, SANTIAGO LÓPEZ JOVER

SCRIPT: MARTIN AMBROSCH

MIT DEN STIMMEN VON: MARKUS FREISTÄTTER, MARIO CANEDO, GERTI DRASSL, MAURICE ERNST, ROLAND DÜRINGER, ERWIN STEINHAUER, SUSI STACH, GREGOR SEBERG, KATHARINA STRASSER, ADELE NEUHAUSER, WOLFGANG BÖCK, THOMAS STIPSITS, BRANKO SAMAROVSKI U. A.

LÄNGE: 2 STD 28 MIN


„Was war er doch für ein wilder Hund“, konnte man damals in den Neunzigern so manche Lehrkraft auf der Graphischen Bundeslehr- und Versuchsanstalt erzählen hören, die Manfred Deix als Schüler hatte. Ein Nonkonformist und durchaus gerne vulgär – Dinge, die sich einer wie Deix eben leisten hat können. Denn nicht nur wer Geld hat, schafft an. Auch, wer das Talent besitzt, mir nichts dir nichts den Bleistift zückt und das Wesen der Karikatur auf den Punkt bringt, indem bekannte und weniger bekannte Gesichter bekannter und weniger bekannter Zeitgenossen in ihrem Wesen authentisch bleiben, darüber hinaus aber eine groteske Verzerrung erfahren, die ins Tabulose kippt. Die Karikaturen von Manfred Deix sind wunderbar hässlich, böse und gemein. Gerne auch schweinisch und ungustiös. Unterm Strich aber sind die mit Aquarell angefertigten Arbeiten schlichtweg als genial zu bezeichnen, weil sie die dunklen Ecken der österreichischen Seele, des Volkes Bigotterie und seine Selbstgerechtigkeit in einer laut hinausposaunten Verhöhnung punktgenau vorführen. Dazwischen gabs’s auch weniger Zynisches. Zum Beispiel, wenn der Künstler Katzen oder Hunderassen portraitierte, den mit den Nasenlöchern rauchenden Zigaretten-Mummin für Casablanca entwarf oder vollbusige Damen im Dirndl und mit Doppelkinn zähnefletschend feixen ließ. Schön sind diese Visagen alle nicht, aber stilsicher und unverkennbar Deix.

Nach zehnjähriger Produktionszeit gibt`s nun endlich den Film zu all den bildhaften Eskapaden. Rotzbub heißt er, und könnte unter Umständen neben der Farbe Braun auch autobiographisch gefärbt sein. Denn einen Bleistift, den hält der verträumte Hauptschüler bereits am Kinoplakat herausfordernd in Händen. Noch dazu erwacht im Sommer der Sechzigerjahre irgendwo in Niederösterreich das Interesse an der Weiblichkeit. In Siegheilkirchen – Nomen est Omen – ist für derlei Entwicklungen aber kein Platz. Dominiert wird das Dorfleben von vorgestrigen Restnazis, die inklusive Hitlergruß offen ihre Gesinnung zur Schau tragen, frauenfeindlichen Möchtegern-Patriarchen und Opportunisten, die sich dem Machtgefälle speichelleckend anpassen. Über allem kreist natürlich die katholische Kirche – eine Institution, die Manfred Deix stets am Kieker hatte. Denn es gibt kaum etwas, worüber man mit mehr Genugtuung herziehen kann. Die Dorfjugend sieht die Dinge zunehmend anders, der Traum von gigantischen Oberweiten wird ausgelebt und in der einzigen Bar des Ortes werden ganz neue Rhythmen angeschlagen – allerdings keine einzige Nummer der von Deix so hochverehrten Beach Boys. Zu guter letzt bringt Roma-Mädchen Mariolina den jugendlichen Ungehorsam gegen die Herr Karls dieser kleinen Welt erst so richtig auf Spur.

Wer Bösterreich sehen will, in all seinen verstörenden Abgründen, sollte sich lieber Ulrich Seidl oder Michael Haneke zu Gemüte führen. Rotzbub ist weit davon entfernt, sich auch nur ernsthaft aus dem Fenster einer launigen Provinzkomödie zu lehnen, was aber angesichts der Werkschau des gebürtigen St. Pöltners vielleicht zu vermuten gewesen wäre. Übrig bleiben vor allem kleine, garstige Ferkeleien wie die braunen Bremsspuren des Bürgermeisters, Flatulenzen oder aufplatzende Eiterwimmerl. Trudes dralle Brüste sieht man auch nur auf dem Blatt Papier, dafür aber gibt’s ein „Zumpferl“ statt des Mannes Nase. Elemente, die sich im Kosmos von Deix immer wieder finden lassen. Als besonders liebevoll gestaltet sich das mit des Künstlers Werken gepflasterte Innen- sowie Außensetting der Szenen – wer genau aufpasst, erkennt so einige Klassiker wieder. Ob das reicht, nebst der stets latenten NS-Nostalgie und einer Anspielung auf das Attentat von Oberwart, die österreichische Volksseele seziert zu sehen? Mitnichten. Das liegt auch daran, dass der Rotzbub als Zentrum des Geschehens eine zwar neugierige und unerfahrene, aber moralisch integre Figur darstellt, die einen konstanten, alles durchdringenden Optimismus erkennen lässt, der wiederum nichts Österreichisches an sich hat. Durch diese Sichtweise gerät der Animationsfilm in eine harm- und zahnlose, recht generisch erzählte Seitenlage. Für Deix selig,  der das Projekt am Anfang noch begleitet hat, mag das viel zu geschmackvoll sein. 

Der professionell animierte, manchmal aber vielleicht in den Beinpartien recht ungelenk in Bewegung gesetzte Film ist als liebevolle Verbeugung vor einem großen österreichischen Künstler zu sehen, der weit mehr war als nur bizarres Gewissen auf Papier. Als gallige Satire, wie sie ein Helmut Qualtinger oder Carl Merz angesichts des spießbürgerlichen Perchtenlaufs wohl geschrieben hätte, hat Rotzbub jedoch keine Chance.

Rotzbub

Werewolves Within

WOLFSGEWINSEL IN HINTERTUPFING

3/10


Werewolves-Within© 2022 EuroVideo Medien GmbH.


LAND / JAHR: USA 2021

REGIE: JOSH RUBEN

CAST: SAM RICHARDSON, MILANA VAYNTRUB, MICHAEL CHERNUS, MICHAELA WATKINS, CHEYENNE JACKSON, REBECCA HENDERSON U. A. 

LÄNGE: 1 STD 37 MIN


Nirgendwo sonst lässt sich so schön in Panik verfallen wie in irgendeinem Kaff am Arsch der Welt. Nirgendwo sonst kann das Böse besser wüten als inmitten einer Handvoll schräger Kleinstadtbewohner Marke Cicely in Alaska, die sich mehr schlecht als recht zusammenrotten müssen. Ob Derry aus Stephen Kings Es oder Hawkins aus Stranger Things. Oder überhaupt Twin Peaks: Das Klaustrophobische aus geographischen Expositionen ziehen, das haut meistens hin. Das ist der Horror, wie er dem Publikum schmeckt. Und es schmeckt auch dem Gesocks aus den Gothic-Annalen. Vampire, Untote und Werwölfe binden sich das Schürzlein um, wenn es heißt: Bitte zu Tisch.

Aus solchen blutigen Späßen lässt sich das eine oder andere Spiel entwickeln. Zum Beispiel: Die Werwölfe vom Düsterwald. Ein Gesellschaftsspiel, in dem es darum geht, herauszufinden, welcher der Anwesenden wohl ein Doppelleben als Mondscheinbestie führt. Aus dieser Spieleabend-Gaudi mit Schaurigkeitsfaktor hat Ubisoft ein Game adaptiert: Werewolves Within. Selbes Prinzip, nur digital. Und da es ja mittlerweile heißt: Aus jedem Konsoleknüller mach’ ein Movie, gibt’s auch hiervon den Film dazu. Könnte ja ganz gut funktionieren. Ungefähr so wie Knives Out oder irgendein anderer Agatha Christie-Whodunit, in welchem der Mörder oder die Mörderin nicht nur Blut an den Händen, sondern auch an den Lefzen hat. Ein Lykanthrop also, Latein für Werwolf. Es ist tiefster Winter, die Straßen sind unpassierbar. So mancher Parameter ist gegeben, kommt nur drauf an, wie sehr das Szenario an der Suspense-Kurbel dreht. Die nüchterne Erkenntnis: Leider gar nicht.

Dabei scheint Sam Richardson als neuer Ranger der Kleinstadt Beaverfield anfangs ein idyllisches Örtchen inmitten friedlicher Natur gefunden zu haben. Doch nichts ist dort so eitel Wonne wie es scheint. Da gibt es einen Unternehmer, der will eine Pipeline durch den Wald bauen. Einige Bewohner sind dafür, manche dagegen – es gibt Diskrepanzen. Komische Käuze und exaltierte Sonderlinge sind da nur das Sahnehäubchen. Fast wie bei David Lynch, nur weitaus uninteressanter. Und dann gibt’s bald den ersten Todesfall, direkt beim dorfeigenen Hotel, indem sich bald alle Protagonisten des Spiels einfinden werden. Ein Sturm zieht nämlich auf. Niemand will mehr nach draußen. Drinnen scheint aber die Bestie umzugehen. Und es könnte jeder sein. Denn der Mond, der scheint auch noch helle.

Diese völlig uninteressanten Figuren sind ein Grundproblem des Films. Das liegt vor allem am hysterischen Gebaren, dass aus Kreischen und Keifen besteht. Nervt ungemein. Prinzipiell sind alle nach ähnlichem Verhaltensschema ins Script geschrieben worden. Figuren vom Reißbrett, flach wie Spielkarten, und es interessiert überhaupt nicht, wen es als nächsten erwischt. Vielleicht wird’s ein bisschen griffiger, wenn der „Werwolf“ versucht, die Eitelkeiten der Bewohner gegeneinander auszuspielen und letzten Endes gar nicht mehr die Zähne fletschen muss, um seine Beute filetierfertig abzuholen. Kaum hat die Horrorkomödie schon begonnen, bahnt sich dann schon das Finale an. Die Lösung des Rätsels ermuntert das müde gewordene Auge, nochmal kurz zu blinzeln: Tatsächlich greift Regisseur Josh Ruben in die „Damit-habt-ihr-nie-gerechnet“-Trickkiste, in die man eben so greift, wenn einem bis dahin sonst nichts eingefallen ist.

Nun ja, nicht jede Gameverfilmung ehrt ihr Spiel. Oder uralte Mythen wie diese des Werwolfes. Dieser Streifen hier macht beides nicht.

Werewolves Within

Uncharted

KOMM, WIR FINDEN EINEN SCHATZ!

7,5/10


uncharted© 2022 Sony Pictures


LAND / JAHR: USA 2022

REGIE: RUBEN FLEISCHER

CAST: TOM HOLLAND, MARK WAHLBERG, ANTONIO BANDERAS, SOPHIA ALI, TATI GABRIELLE, STEVEN WADDINGTON, MANUEL DE BLAS, RUDY PANKOW U. A. 

LÄNGE: 1 STD 56 MIN


Hätte es das Zeitalter der Piraten nie gegeben, wäre die Welt um erquickende Challenges zum allgemeinen Zeitvertreib ärmer. Schade eigentlich. Wir hätten auch keine Schatzinsel nach Robert Louis Stevenson. Wir hätten auch keine Mythen von vergrabenen Kisten irgendwo an küstennahen Orten unbewohnter Inseln. Diese Piraten, vielleicht gar mit Freibrief der britischen oder spanischen Krone, sogenannte Freibeuter, sind bis heute der Inbegriff für Verwegenheit, Abenteuerlust und einer gewissen Wettbewerbsfähigkeit gegenüber ähnlichen Unternehmern, die vom frühen 16. Jahrhundert an in ihren schwankenden Galeonen die Weltmeere unsicher und die Daheimgebliebenen um Geschichten reicher gemacht hatten. Disney, gemeinsam mit dem schrägen Helden Jack Sparrow, hat das exotische Abenteuer ins 21. Jahrhundert gerettet. Videospiele sind da mitgezogen, wenngleich nicht mehr im Kontext historischer Begebenheiten. Eines davon: Uncharted (was so viel heißt wie; unerforscht, nicht verzeichnet). Spielfigur Nathan Drake, dessen Vorfahr womöglich der berühmt-berüchtigte Sir Francis Drake gewesen sein soll, weckt bei Spielern, und jetzt auch im Kino, das kindliche Entdecker-Gen aus früheren Zeiten, als es im Rahmen des Kindergeburtstags von den Eltern inszenierte Schnitzeljagden gab. Später dann, war der Nachwuchs schon älter, stand Geocaching auf dem Plan. In Uncharted werden Motive der guten alten Piraten aus der moralischen Grauzone mit der spitzbübischen Freude am Schatzsuchen verbunden. Ein bisschen Black Pearl, ganz viel die große weite Welt. Und der Thrill, schneller als die anderen das Rätsel der Schatzkarte lösen zu müssen.

Dazu braucht es Artefakte, gierige Antagonisten und ein Buddy-Team, das einander genauso wenig vertraut wie es Piraten getan haben, die sich zum Entern vereint haben. Kenner des Spiels wissen: Drake ist eine Waise, sein Bruder Sam verschollen. Aus dem Nichts taucht der charismatische Abenteurer Victor Sullivan, genannt Sully auf, erzählt dem Mittzwanziger von seinem Bruder und von der Sache mit Magellans Schatz, dem dieser gemeinsam mit ihm auf der Spur war. Jetzt braucht es Drakes Hilfe, um den Weg zum großen Reichtum zu ebnen, der irgendwo in der Bandasee nahe den Philippinen sein muss, denn Magellan – das weiß man – hat’s damals, 1521, nicht mehr bis ganz nach Hause geschafft. Der ominöse Schatz womöglich auch nicht, welcher aber eigentlich der (fiktiven) Familie Moncada zustehen müsste – damals Geldgeber des berühmten Entdeckers und nun, mit Antonio Banderas als jüngstem Spross, drauf und dran, ihr Recht zu beanspruchen. Was folgt, ist ein Tricksen und Austricksen, mal mit Erfolg, mal so richtig in die Hose gehend. Tom Holland und Mark Wahlberg tragen es mit Fassung, wahren stets einen Seitenhieb für den jeweils anderen auf ihren Lippen und machen auch noch die Rechnung ohne der mysteriösen Chloe, die eine eigene Vorstellung davon hat, wie der Coup laufen soll.

Seit Fluch der Karibik von Gore Verbinski und Janoschs Komm, wir finden einen Schatz! waren Schnitzeljagden quer durch fernwehweckende Territorien nicht mehr so launig und abenteuerlustig wie in Ruben Fleischers Verfilmung des Gaming-Kults. Holland und Wahlberg haben Spaß an der Sache. Sie sind zwar niemals jemand anderer als sie selbst, doch auch bei ihnen wird’s das Flashback aus der eigenen Kindheit gegeben haben, in der man sich aufgeschürfte Knie holt oder mit nassen Klamotten zurück ins Haus läuft. Uncharted hat keinerlei Längen, bringt seinen Plot auf den Punkt und lässt seine romantisierten Neuzeit-Piraten bei gutem Wind perfiden Bolzenfallen ausweichen und über tropische Gewässer schippern. Dabei verbeugt sich Fleischer vor dem Nonplusultra des augenzwinkernden Abenteuers, nämlich der Indiana Jones-Franchise, die in Uncharted garantiert die zeitgemäßere Version seiner selbst erkennen und wohlwollend abnicken wird.  

Zum Glück gerät Uncharted nicht zu einem High-Tech-Spektakel, sondern erdet sich mit rustikalen Freizeitpark-Schauwerten, die Parcours-Action satt bieten und den Escape Room-Hype genauso feiern wie Jump and Run-Sequenzen von der Konsole. Fleischer (u. a. Zombieland) gelingt ein erstaunlich aufgeweckter Einstand, der die Physik des verwegenen Abenteuers bedient, die zwar wenig mit der Realität zu tun hat, ohne die aber ein Genre wie dieses gar nicht existieren kann, würde man sympathischen Burschen wie Nathan Drake den Pfad ins Ungewisse nicht in die Gunst namhafter Ahnen stellen.

Uncharted

Hotel Transsilvanien 4 – Eine Monster Verwandlung

WENN DRACULA INS SCHWITZEN KOMMT

7/10


hoteltranssilvanien4© 2021 CTMG, Inc. All Rights Reserved. 


LAND / JAHR: USA 2021

REGIE: DEREK DRYMON, JENNIFER KLUSKA

MIT DEN STIMMEN VON (ORIGINAL): BRIAN HULL, KATHRYN HAHN, ANDY SAMBERG, SELENA GOMEZ, STEVE BUSCEMI, DAVID SPADE, FRAN DRESCHER U. A.

MIT DEN STIMMEN VON (DEUTSCH): RICK KAVANIAN, ANKE ENGELKE U. A.

LÄNGE: 1 STD 38 MIN


Wer das Hotel Transsilvanien schon mal besucht hat, weiß, dass die gemächliche Verschrobenheit einer Addams Family oder jener der Munsters in ganz anderen Welten zu finden ist. Hier, im knallbunten Monsterverse der Sony Pictures, exponieren sich Vampire, Mumien und Co wie auf einem Schaulaufen vor VIP-trächtigen Festivals. Das Umsichkreisen sämtlicher Kreaturen aus Horror, Grusel und Fantasy findet in diesen stattlichen Gemäuern seine knallbunte Erfüllung. Manch einer übertreibt dann etwas mit seiner Selbstmotivation, auf jedem Stelldichein seinen Senf dazugeben zu müssen – allen voran Hotelbesitzer Dracula, kurz Draco, der langsam darüber nachdenkt, in Rente zu gehen. Wie denn? Ein Vampir altert doch nicht. Oder doch? Hier scheint alles möglich, und in gewohnter Manier dehnt und verrenkt sich Draculas Cartoon-Körper in eckigem Stakkato zu allen möglichen Fettnäpfchen, in die er tritt. Schwiegersohn in spe, Bürschchen Johnny, ist da noch mehr auf Speed. Wer das aushält, kann darüber hinwegsehen, doch bei so vielen Energydrinks, die der Bursche da intus haben muss, hat man das Gefühl, langsam selbst einem Zuckerschock zu erliegen.

Die beiden ungleichen Helden dieses schreiend komischen Sequels führen dann auch ungeniert das knuffige Abenteuer an, welches sie quer durch den südamerikanischen Regenwald führt. Doch wie kommt’s dazu? Ganz einfach. Wie schon erwähnt – Papa Draco will den Hotelschlüssel an Töchterchen Mavis übergeben, allerdings nicht ihrem Freund, diesem Knallkopp. Um dem Dilemma zu entgehen, erfindet der Graf die Lüge, dass nur Monster Monster beerben können. Der Rotschopf ist verzweifelt und wendet sich an den Steampunk-Opa Van Helsing, den Daniel Düsentrieb des Hauses, der natürlich ein Instrument auf Lager hat, welches Monstern zu Menschen macht. Klar geht das auch umgekehrt. Jonathan ist plötzlich ein Drache, und Dracula ein Biedermann mittleren Alters mit schütterem Haar. Alles rückgängig zu machen geht auch nicht, denn das Artefakt geht kaputt, und so müssen die beiden einen Ersatz finden. Und der liegt im Dschungel.

Und genau da bündelt der launige Animationsstreifen auch all seine Stärken: Wie der temporäre Ex-Vampir unter dem Menschsein leidet, wie er sich durch die Tropen quält und dabei der Endlichkeit des Lebens auf den Zahn fühlt. Wie er in rumänischem Akzent zetert und jammert, begraben unter einem Berg von Rucksack – das ist Situationskomik vom Feinsten. Für mich zumindest zum Brüllen. Egal, wie gut, originell oder dicht der Plot auch sein mag. Egal, wie vorhersehbar – was zählt, ist in Filmen wie diesen der Humor des Moments. Komödie ist kein leicht zu meisterndes Genre. Lacher zu entlocken noch weniger einfach. Umso erstaunlicher, dass Hotel Transsilvanien 4 – Eine Monster Verwandlung seinen zwerchfellkitzelnden Charakterschmäh aus einem angenehm unverkrampften Witzepool lukriert.

Hotel Transsilvanien 4 – Eine Monster Verwandlung

Der Schein trügt

GESEGNET SIND DIE SÜNDER

7/10


DerScheintruegt© 2021 Neue Visionen


LAND / JAHR: SERBIEN, MAZEDONIEN, KROATIEN, SLOWENIEN, BOSNIEN-HERZEGOWINA, MONTENEGRO, DEUTSCHLAND 2021

BUCH / REGIE: SRDJAN DRAGOJEVIC 

CAST: GORAN NAVOJEC, KSENIJA MARINKOVIC, NATASA MARKOVIC, BOJAN NAVOJEC, MILOS SAMOLOV U. A.

LÄNGE: 2 STD


Zumindest wir hier in Österreich kennen den kultigen Dialektsong Rostige Flügel vielleicht sogar auswendig. Darin singt der Ex-Cordoba-Maestro Hans Krankl leicht heiser von einem egozentrischen Krösus, der auf Erden keine Versuchung ausgelassen hat, im Himmel aber maximal die Holzklasse bekommt. Rostige Flügel, aus zweiter Hand. Und auch keinen Heiligenschein. Der serbische Flüchtling Stojan hätte wohl eher Verwendung dafür, denn der ist ein herzensguter Familienvater irgendwo in einem vergammelten Viertel am Rande der Stadt, der eines Tages, beim Einschrauben einer Glühbirne, mit dem Strom auf Tuchfühlung geht. Normalerweise erholt man sich davon. Auch Stojan. Nur der trägt jetzt eine Art Halogen-Heiligenschein über dem Kopf, was in der Nachbarschaft für Befremdung sorgt – und ganz besonders bei Göttergattin Nada, die ihren Ruf gefährdet sieht und den unbescholtenen Ehemann dazu anstiftet, doch alle sieben Sünden zu begehen, denn dann wäre ihm die Gunst Gottes wohl nicht mehr sicher.

Klingt lustig. Klingt nach Situationskomik, als wäre Louis De Funes unterwegs, wie seinerzeit in Der Querkopf. Ist es aber nicht. Und auch der Trailer führt in die Irre. Will heißen: Der Schein trügt in jeder Hinsicht. Und wer sich gerne vergnügen möchte ob so skurriler Begebenheiten zwischen Himmel und Erde, der wird letztlich schwer schlucken müssen. Was man vielleicht auch nicht weiß: Regisseur Srdjan Dragojevic (u. a. Parada) hat einen Episodenfilm inszeniert, dessen Kapitel sehr eng miteinander verknüpft sind und stets die Perspektive wechselt, aber summa summarum eine einzige epische Geschichte über mehrere Jahrzehnte erzählt, die genauso gut Emir Kusturica hätte inszenieren können. Angesichts der surrealen Begebenheiten passt das dann auch ziemlich gut in dessen Konzept, nur die leichte Verschrobenheit von Kusturicas zumindest letzten Filmen fehlt bei Dragojevic allerdings gänzlich. Hier ist der Fingerzeig Gottes das unangenehme Kitzeln unter der Achsel, der Kieselstein im Schuh, das Trietzen des Menschen mit augenscheinlichen Wundern, die so plötzlich vom Himmel fallen, dass kein Erdenbürger damit klarkommen kann. Am wenigsten die Kirche.

Egal, ob das Geschenk der Heiligkeit, eine zweite Chance oder das Lösen des größten Problems auf Erden auf dem Plan stehen: Herr, ich bin nicht würdig, dass du eingehst unter mein Dach. Kennen wir doch – also zumindest kennen es jene, die ab und zu mal in den Gottesdienst gegangen sind. Sprich nur ein Wort, und so wird meine Seele gesund. Alles schön und gut, doch der Heiland stammelt hier in Rätseln. Orientierungslos pflügt der Mensch in dieser bitterbösen Groteske sodann durch den Sündenpfuhl, um seine Erleuchtung loszuwerden. Lieber im Dunkeln, statt im Licht. Entsprechend düster sind diese Episoden auch geworden, entsprechend heftig fallen da auch einige Szenen aus, die bigotter Bequemlichkeit ans Bein pinkeln wollen. Manchmal rutscht Dragojevic zu sehr ins Grobe, auf zu hemdsärmelige Weise bemüht er die eine oder andere Metapher, als würde er den Motor eines Autos reparieren. Da fehlt dann der Feinschliff, der zumindest später noch – und vor allem in der meisterlichen letzten Episode – die Chance hat, mit etwas mehr Geistesblitz auf pointierte Satire zu machen. Wer Also Filme wie The Square oder Bad Luck Banking or Loony Porn – die neue Art der gesellschaftskritischen Avantgarde – zu schätzen weiß, wird sich auch hier, in seiner polemischen Kritik über die Welt, verstanden wissen.

Der Schein trügt

The Cleanse

GASSI MIT DEM NEUROSEN-MONSTER

6/10


thecleanse© 2018 Netflix


LAND / JAHR: USA 2016

BUCH / REGIE: BOBBY MILLER

CAST: JOHNNY GALECKI, ANNA FRIEL, ANJELICA HUSTON, OLIVER PLATT, KEVIN J. O’CONNOR, KYLE GALLNER, DIANA BANG U. A.

LÄNGE: 1 STD 21 MIN


Er ist immer und überall mit dabei. Egal, wohin wir gehen, wo wir stehen, und was wir gerade tun: der uns allen wohlbekannte innere Schweinehund. Der Hemmschuh unserer Persönlichkeitsentfaltung, der Knüppel auf dem schütter behaarten Schädel unseres Selbstwertgefühls. Das, was uns runterzieht und depressiv werden lässt. Der Grund, warum wir glauben, nicht so recht zu können wie man wollen würde. Jetzt stellt euch mal vor, es wäre im Rahmen einer Gruppentherapie möglich, dieses obskure, fast schon amorphe Geschöpf aus unserem psychosomatischen Universum so weit zu extrahieren, dass es uns gegenübersitzt. Raunend, wimmernd, einem Häufchen Hundekot gleich, das uns ungefähr so staunend anglotzt wie der am Mond stehende Neil Armstrong, wenn er das Rund der Erde in sich aufnimmt. Sowas passiert wohl niemals wirklich, aber tatsächlich im Independentstreifen The Cleanse, was so viel heißt wie: Die Reinigung.

In dieser von Bobby Miller verfassten und auch inszenierten Fantasykomödie mit einem Schuss Horror und etwas Tragik stößt der sitzengelassene Paul eigentlich durch Zufall – oder wollte es das Schicksal so? – aus der tiefsten Ebene seines seelischen Kellergewölbes auf das Angebot einer Selbsthilfegruppe, die nichts weniger verspricht als eine Art Wiedergeburt ohne nagenden Ballast aus Alltag und vergangenen persönlichen Schicksalen. Paul bewirbt sich und sieht sich bald als Teil einer trauten Runde schräger Vögel, die das Wochenende im Wald verbringen. Die erste Aufgabe im dortigen Camp scheint nicht allzu schwer, denn mit dem Trinken von sechs Gläsern einer ominösen und logischerweise abscheulich schmeckenden Flüssigkeit wäre die Wiese außerdem schon halb gemäht. Was Paul und auch all die anderen Teilnehmer nicht wissen: das jeweils Innere kehrt sich plötzlich nach außen, und schon sitzt es da, das Unding, als erbärmliche Kreatur, die man eigentlich nur liebhaben kann, weil sie ja schließlich so arm aussieht.

Wer würde da wohl besser in die Rolle des sympathischen, intellektuellen Losers hineinfinden als Big Bang Theory-Frontman Johnny Galecki, den die Kinder der Neunziger bereits aus Roseanne kennen und der die blonde Penny dann doch noch erobert hat. Die Frage, was der kauzige Nerd denn damals so nebenher fabriziert hat, lässt sich mit The Cleanse aber nur zum Teil beantworten – was er jetzt wohl am Start hat, steht auf einem anderen Blatt Papier. Zumindest hier, in diesem kleinen, metaphorischen Psycho-Seminar, ist er der ungelenke Mittdreißiger, wie wir ihn alle kennen, mit Hang zum Staunen und der Kunst, angesichts paranormaler Umstände charmant zu improvisieren. Die kleinen dicken Mönsterchens mit Haaransatz und Kummermiene sind wirklich zum Erbarmen, doch es wäre nicht das Schwarze der eigenen Seele, würde der erste Eindruck nicht täuschen. Und so verbindet Miller seine originelle Idee mit Lagerromantik und Sozialschmarrn, lässt selten gesehene Stars wie Anjelica Huston oder Oliver Platt aufmarschieren – bringt aber den Funken nicht wirklich zum Überspringen. Das Gefühl, hier hätte der Konflikt mit dem inneren Schweinehund mehr Gewicht haben können, wird man nicht los. So bleibt die nette Monster-Mystery auf seiner Metaebene zwar tadellos nachvollziehbar, dramaturgisch gesehen ist The Cleanse die Katze am Schoß zu Feierabend näher als die Motivation, sich für die Gängelung des eigenen Ungeheuers anzustrengen.

The Cleanse

Der Hochzeitsschneider von Athen

NACH STICH UND FADEN

5/10


hochzeitsschneider© 2021 Neue Visionen Filmverleih


LAND / JAHR: GRIECHENLAND, BELGIEN, DEUTSCHLAND 2020

REGIE: SONIA LIZA KENTERMANN

CAST: DIMITRIS IMELLOS, TAMILA KOULIEVA-KARANTINAKI, THANASIS PAPAGEORGIOU, STATHIS STAMOULAKATOS, DAFNI MICHOPOULOU U. A. 

LÄNGE: 1 STD 40 MIN


Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit. Oder: Erfolgreiches Business hängt von der derzeitigen Nachfrage ab, egal, ob diese einem selbst in den Kram passt oder nicht. Für diese Erkenntnis braucht der Hochzeitsschneider von Athen, der anfangs noch gar keiner ist, sondern zündteure Herrenanzüge in der Auslage verstauben lässt, einen ganzen Film lang. So wenig Kenntnisse im Marketing? Allein: Es fehlen die Wifi-Kurse und ergänzenden Schulungen, um selbst nicht als arbeitslos in der Statistik aufzuscheinen. Seinen Laden könnte Niko genauso gut schließen, aber da ist immer noch der altehrwürdige Papa, der seinen Traditionsladen so sehr verteidigt wie den Tempelberg in Jerusalem. Eine Institution ist das – die aber keinen mehr interessiert. Nicht zu vergessen: Wir sind in Griechenland, einem Staat, der auf Finanzspritzen aus der EU angewiesen war und durch leere Staatskassen die halbe Bevölkerung in die Verzweiflung getrieben hat. Wo kein Geld, da auch keine Kaufkraft. Nikos Papa ist also ein Relikt aus dem alten Griechenland – den Traditionen verhaftet, aber ohne Sinn für Improvisation. Das, was Alexis Sorbas so gut konnte, scheint der neuen Generation am Peloponnes abhanden gekommen zu sein. Diese zu finden ist jedoch möglich. Niko macht sich auf die Suche. Und variiert das Bibelzitat Berg-Prophet auf praktische Weise.

Laut dem Kinotrailer von letztem Jahr erschien Der Hochzeitsschneider von Athen als liebevoll-schrullige, intelligente Komödie mit dem notwendigen romantischen Zierrat. Und tatsächlich beginnt sie auch als ein lakonisches, schräges Stück mimischer Komödie, die Schauspieler Dimitris Imellos als Hommage an Figuren wie Jacques Tati, Buster Keaton oder Mr. Bean hinter dem Tresen stehen und an seiner akkuraten Kleidung zupfen lässt. Sein Gesichtsausdruck ist dabei stets derselbe, und ändert sich auch im Laufe des Films nicht. Eigenwillig, natürlich. Aber warum nicht. Seltsam nur, dass die ganze Geschichte genauso wenig in die Gänge kommt wie Emilios Gesichtsmuskulatur. Mit einer alles Herr werdenden Phlegmatik probiert das tapfere Schneiderlein neue Geschäftsstrategien, und schon bald bauschen sich tortenähnliche Kleider den Weg zu den Herzen heiratswilliger Frauen. Wer jemals Hand an eine Nähmaschine gelegt und dabei Freude empfunden hat, wird sich diese griechische Textilkomödie sicherlich auf die Watchlist setzen. Und die Idee ist ja vielversprechend – nur ist das stocksteife Spiel des Lebenskünstlers Niko so ziemlich hemmend für ausgelassene Stimmungen und positiven Esprit. Was sich aber mit diesem ungelenken Ausdruck bestens vereint ist der Tonus der Inszenierung. Auch hier bemüht die deutsche Regisseurin Sonia Liza Kentermann einen wohl adrett und knitterfrei gefilmten, aber zugeknöpften Stil, der durch seine fehlplatzierte Introversion die eigentlich charmante Geschichte nicht in Fahrt bringt. Erst am Ende zuckelt der Kleiderwagen befreit über die Landstraßen dahin, aber da ist der Film auch schon aus.

Der Hochzeitsschneider von Athen

Nebenan

EGO-FALLE STAMMBEISL

7,5/10


nebenan© 2021 Warner Bros. Entertainment GmbH


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND 2021

REGIE: DANIEL BRÜHL

DREHBUCH: DANIEL KEHLMANN

CAST: DANIEL BRÜHL, PETER KURTH, RIKE ECKERMANN, AENNE SCHWARZ, GODE BENEDIX, MEX SCHLÜPFER, VICKY KRIEPS U. A. 

LÄNGE: 1 STD 34 MIN


Dem geschätzten Niki Lauda an dieser Stelle ein herzliches Dankeschön: Durch Daniel Brühls Darstellung des österreichischen Kult-Rennfahrers in Ron Howards Rush ist dieser in den Olymp großer Eventfilme aufgestiegen, und zwar ins Marvel-Universum. Dabei ist Brühls Rolle in diesem dicht bevölkerten Kosmos an metaphysisch begabten Egozentrikern und Altruisten eine gar nicht mal so Unbedeutende: Baron Zemo, der Mann mit der violetten Cord-Maske und Schürer des Unbehagens auf Seiten Wakandas, hat dieser doch in The First Avenger: Civil War gleich Teile der Wiener UNO-City gesprengt. Unter den Opfern: T’Challas Altvorderer. In The Falcon and the Winter Soldier darf jener, der Lenin damals verabschiedet hat, auch nochmal – und diesmal wirklich mit Maske – Disney+ veredeln. Was für eine Karriere. Und Brühl geht souverän damit um. Keine Gossips, keine Allüren (wie es scheint) – einfach nur Professional Work auf allen Kirtagen.

An so einem Erfolgszenit bedarf es gerne mal eines Moments innerer Einkehr. Um mal nachzusehen, was für ein Mensch man dadurch eigentlich geworden ist. Brühl fällt dabei kein Zacken aus der Krone – er weiß, was er zu tun hat. Nämlich: sich selbst und das Umfeld an Leuten, mit und zwischen denen er arbeitet, mal auf Augenhöhe mit den Normalsterblichen von nebenan zu bringen. Brühls autobiographische Idee hatte dann einer wie Daniel Kehlmann umzusetzen, inszenieren kann Zemo dann wieder selbst. Ein Kammerspiel ist hierbei entstanden, oder besser gesagt: ein Kneipenspiel beim Bierwirt ums Eck. Eine Schrulle aus Eitelkeiten und obsessiven Observationen. Denn kaum ein Unbekannter, mit dem man als Filmstar ein Gespräch anfängt, ist, was er vorgibt zu sein. Aber – ist das umgekehrt nicht auch so?

Es muss also Filmstar Daniel (eigentlich als er selbst) ganz dringend und unbedingt nach London zu einem Casting für einen neuen Superheldenfilm. Vorher bleibt ihm noch Zeit, um bei einem Kaffee im Stammlokal nochmal den Text durchzugehen. Eine Seite Drehbuch, hinten und vorne keine Ahnung, worum es eigentlich geht, und die Anforderung, der Beste zu sein, scheint recht schwierig zu werden. Für Ablenkung sorgt ein Mann namens Bruno, der den jungen Künstler permanent anstarrt. Die beiden kommen bald in ein Gespräch – über Daniels Filme und wie unglaubhaft diese nicht sind. Bald gibt es Ego-Kränkungen und Beschwichtigungen, und bald gibt Bruno sich als Nachbar zu erkennen, der mehr über Daniel weiß, als diesem wohl lieb sein wird.

Daniel Brühls Regiedebüt ist eine kleine Entdeckung. Eine mitunter beklemmende, aber schwarzhumorige Besonderheit, die sich umgestülpten Motiven des Suspense-Kinos bedient. Kehlmann leiht dem zur Selbstironie und auch -kritik bestens aufgelegten Brühl und seinem Gegenüber Peter Kurth (Babylon Berlin) jede Menge scharfschneidiger Dialogzeilen, die sich bestens ergänzen und sich in einem geschmeidigen Gesprächsrhythmus verzahnen. Vor allem Kurth, der schon in Babylon Berlin oder In den Gängen beeindruckende Leistungen absolviert hat, darf auch hier so viel schmeichelhaft-höfliche Bedrohung ausstrahlen, dass man als Zuseher gerne versucht ist, diesen Brummbären zu unterschätzen, dabei aber Gefahr läuft, durch die Hintertür von ihm erledigt zu werden. Doppelbödige Wortduelle lassen die vom Bier- und Kaffeedunst patinierte Kiezkneipe am Prenzlauer Berg zu einer Arena der Befindlichkeiten mutieren, die dem jeweils anderen in seiner Ego-Verwirklichung im Wege stehen. Doch wer ist im Recht, und wer muss sein Dasein überdenken? Wir haben den Star, den alle lieben und der sich gnadenlos selbst überschätzt – und den Zaungast des Ruhms, der nichts davon hat, außer die unüberhörbaren Eitelkeiten der Elite. Da trifft Missgunst auf Arroganz, da denkt der Promi darüber nach, was das Wissen um seine Person wert ist. Und der Unbekannte, was dieses Wissen ihm wohl bringt.

Nebenan ist eine leidenschaftlich vorgetragene inszenatorische Fingerübung über das Bocken zweier Klassen und das Prosten mit Bier auf gleicher Höhe. Dazu noch die Sulz des Hauses, und der Tag kann bei weitem anders beginnen als geplant.

Nebenan