Mayday (2026)

AUFWÄRMEN IM KALTEN KRIEG

7/10

 

Maria Bakalova, Kenneth Branagh und Ryan Reynols auf der Flucht in Mayday
© 2026 Apple

 

LAND / JAHR: USA 2026

REGIE / DREHBUCH: JOHN FRANCIS DALEY, JONATHAN GOLDSTEIN

KAMERA: BARRY PETERSON
CAST: RYAN REYNOLDS, KENNETH BRANAGH, MARCIN DOROCIŃSKI, MARIJA BAKALOWA, DAVID MORSE, CLARK JOHNSON, WENDY CREWSON, LOUIS CANCELMI, JOSH HAMILTON U. A. 

LÄNGE: 1 STD 50 MIN



Russland ist ein schönes Land, ho ho ho ho ho… Wie ging noch gleich dieser alte Hadern aus den Siebzigern von Dschingis Khan? Das Lied nennt sich Moskau und irgendwie hört man beim Betrachten des Films Mayday ganz fern im Oberstübchen diese Melodie mitsamt der kitschigen Lyrics.

Die politische Buddy-Komödie im Wandel der Zeit

Was einem noch dazu einfällt? Arnold Schwarzenegger. Der hat in den Achtzigern in Walter Hills Red Heat einen Haudegen namens Ivan Danko gegeben. Na klar, der Ivan! Auf ein Packerl, wie man auf gut österreichisch sagt, muss er sich im Laufe der verzwickten Handlung mit James Belushi hauen, der natürlich, mental völlig anders geartet als der Russe aus dem Kalten Krieg, das ganze krasse, liberale und sündige Amerika verkörpert. Das Feindbild Nummer eins also, und dennoch müssen beide Mächte, symbolisiert durch bekannte Gesichter, an einem Strang ziehen.

Das war vor 38 Jahren! Hat sich also irgendetwas zwischen Russland und Amerika verändert? Nicht, wenn man die Zeit zurückdreht. In diesem Fall machen das John Francis Daley und Jonathan Goldstein (Dungeons & Dragons: Ehre unter Dieben), die auch noch gleich das Drehbuch dazu geschrieben haben – aus einem Guss ist immer besser. Wir schreiben das Jahr 1987, ein Jahr später wird Schwarzeneggers Ivan-Figur die Leinwand stürmen, und der Dekaden-Blockbuster schlechthin, nämlich Top Gun, ist auch ein Jahr nach seiner Kinopremiere immer noch in aller Munde.

Hilf dir selbst, sonst hilft dir der Russe

So viel Eier wie Tom Cruise hat auch Ryan Reynolds. Er ist Troy „Assassin“ Kelly, ein Fliegerass natürlich, und einer, der weiß, wie man Risiken eingeht. Bei einer Spionagemission wird dieser jedoch vom Himmel geholt und landet mehr oder weniger kopfüber im russischen Forst.

Welch ein Glück, dass Brite Kenneth Branagh gleich in der Nähe weilt. Der gibt diesmal, sichtbar weniger Muki-Bude und knallharte Mine, das Abziehbild eines rustikalen Waldschrats weitab vom Schuss, der als ehemaliger russischer Geheimagent der Einsamkeit frönt. Irgendwie muss Kelly wieder freundliches Terrain erreichen, und so wie in Red Heat muss der ami-begeisterte Ex-KGB-Profi mit dem „Feind“ gemeinsame Sache machen, wenn er seine Haut retten will.

Der Shakespeare-Afficionado mal ganz anders

Wer hätte gedacht, dass Kenneth Branagh so viel Spaß an dieser Rolle hat? Und wer hätte gedacht, dass dieser Rauschebart den ganzen Film lang hält? Ich jedenfalls nicht. Umso mehr macht es Laune, den unscheinbaren Gutmenschen aus der Tundra dabei zuzusehen, wie er seine Fäuste schwingt und zwischendurch auch mal über die Lage der Nationen nachdenkt.

Branagh kann also Actionkomödie und nicht nur Shakespeare (oder Harry Potter). Über Ryan Reynolds situationskomisches Talent braucht man aus meiner Sicht kaum streiten. Die Ulknudel kann er wie John Cena, und dennoch bleibt auch er zwischendurch aufgeräumt ernsthaft bei der Sache, wenn Menschenleben auf dem Spiel stehen.

Fast schon sowas wie Lachgarantie

Diesen Mix, den Walter Hill damals so gut konnte – eben zwischen kerniger Action und Bromance – den hat man lange vermisst. Mit Mayday kehrt das Retro-Kino, auch wenn sich der Film stilistisch nicht Retro anfühlt, zumindest aus konzeptioneller Sicht zurück.

Lachen ist in Mayday also nicht nur für unsereins als zusehende Partei in Zeiten wie diesen richtig gesund, und auch die versöhnliche Tonalität unterstreicht die cartoonhafte Annäherung zwischen West und Ost. So einfach kann es gehen, und das Streaming-Kino zelebriert die unbekümmerte Naivität handwerklich solider Hemdsärmeligkeit aus einem medienreduzierten Damals, als man noch die Wählscheibe drehen musste.

Mayday (2026)

Minions & Monster (2026)

AND THE BANANA GOES TO …

5/10

 

Kevin und Stuart beschwören Monster in Minions & Monster
© 2026 Universal Studios. All Rights Reserved.

 

LAND / JAHR: USA 2026

REGIE: PIERRE COFFIN

DREHBUCH: BRIAN LYNCH

MIT DEN STIMMEN VON (ORIGINAL): PIERRE COFFIN, CHRISTOPH WALTZ, ALLISON JANNEY, TREY PARKER, JESSE EISENBERG, BOBBY MOYNIHAN, JEFF BRIDGES U. A.

STIMMEN (SYNCHRO): Bill & TOM KAULITZ

LÄNGE: 1 STD 29 MIN



Sie sind unsterblich (anscheinend). Sie sind hedonistisch, exaltiert, nervös und nervig. Sie sind devot, anbiedernd und kämpfen mit den Tücken des Alltags genauso wie unsereins. Weil sie für nichts richtig Experte sind, meist nur so tun als ob, und behaupten, alles zu können, weil sie gefällig sein wollen. Was sie aber absolut auszeichnet, das ist ihr Sinn für Humor. Wenn am Ende auch wirklich alle schiefgeht – wer zuletzt lacht, lacht am besten. Und zuletzt lachen immer die Minions.

Die Anziehungskraft des Schurkischen

Kein Sommer ohne diese kniehohen kleinen TicTacs mit ihren eigentümlichen Brillen und den blauen Hosen, die sie gern mal gegen anderes Outfit eintauschen, weil sie ja schließlich wie eine Blaupause für jeden noch so erdenklichen Job bereit sein wollen – sofern dieser dazu beiträgt, die Welt zu unterjochen.

Also sucht dieser wilde Haufen seit dem Paläozoikum immer und immer wieder nach dem einzig wahren und richtigen Oberboss. – nach einem Fiesling, der es wirklich verdient, so genannt zu werden. Der sich die Hände reibt, hämisch kichert und gehässige Seitenblicke auf alles wirft, das arglos in die Falle tappt.

Einer davon ist zum Beispiel ein gebirgsgroßer Zyklop, der mit Inbrunst alles kleintritt, was ihm unter die Füße kommt. Die Minions sind begeistert, folgen dem Riesen auf Schritt und Tritt. Ihnen dabei zuzusehen, wie die den nicht ganz hellen Tunichtgut umgarnen, zählt zu den absoluten Highlights des Films – wenn nicht gar zu diesem einen, besonderen Moment, der am Ende noch dahingehend gipfelt, Eltern von Kindern, die daheim gerne und ausdauernd den Lego-Architekten raushängen lassen, an schmerzliche Erfahrungen erinnert.

Zwei, die mächtig Ärger machen

Irgendwann wird klar, dass wiedermal Kevin und Stuart (und vielleicht auch Bob) das charakterliche Zentrum sonst eher austauschbarer Individuen bilden. Sie bekommen im Mittelalter dann auch das Monsterbuch einer herrlich karikierten Merlin-Parodie in die Finger, um gleich darauf die eine oder andere Beschwörung zu murmeln.

Das Buch mag dann später, im Zeitalter des aufkommenden Tonfilms in Hollywood, gerade wie gerufen kommen, sparen sich die beiden Hansdampfs mühsames VFX und teure Effekte. Einfach ein Monster beschwören – schon könnte ein Film daraus werden, der die Scharen in die Kinos lockt. Oder die Scharen vor etwas flüchten lässt, das mit tausenden Augen nicht unbedingt des Dr. Mabuse alles vernichten will.

Quietschbunter kosmischer Horror

Diese kleine grüne Teletubbie-Version des Cthulhu hätte selbst H. P. Lovecraft zum Lachen gebracht. Mit Quietschstimme und süßelnder Unterwürfigkeit schmiedet das kleine Wesen sinistre Pläne. Haushohe Monster, die sich Illumination aus der Monster AG geborgt hat, sollen dabei helfen.

Und dann ist da auch noch ein Roboter, einer vom anderen Stern mit dem Namen Gort, der, Filmnerds wissen, seit dem Tag, an dem die Erde stillstand, das hollywood‘sche Integrationsprogramm lebt. Dazwischen streut Regisseur Pierre Coffin, der den Minions auch ihre heliuminhalierende Kauderwelsch-Stimme leiht, von der man nie weiß: ist es spanisch, italienisch, englisch, deutsch oder buschmännisch, ein fast schon parallel laufendes Bilderquiz zum Thema Filmgeschichte in die Handlung, die als Minutensketche wunderbar funktionieren.

Eine ganze Packung TicTacs auf einmal lutschen

Je kürzer die Minions ihre Gags zünden, und je überschaubarer das Szenario als gespielter Witz, umso besser funktioniert ihre Slapstick-Welt. Je monströser, epischer und bemüht erzählerischer das Ganze wird, umso weniger.

In keinem anderen Minion-Standalone wird deutlicher, wie sehr die Minions am besten als Sidekicks funktionieren. Und wie gut man sie in szenische Intermezzi unterbringt. Wird’s abendfüllend, verrennt sich das Abenteuer in ein hysterisches Chaos, das immer noch eins draufsetzt, das alles und am besten gleichzeitig will.

Der Overkill überlagert alles

Das große Geklotze mag sich zwar Minions & Monster nennen und die Metaebene mit dem Film im Film gut genug finden – aus irgendeinem Grund aber fällt der dankbare Plot auseinander und muss fortan an doppelter Front auf Biegen und Brechen triumphieren, was abwechselnd eine der beiden Storylines schwächt.

Das Bemühen um Originalität ist letztlich verlorene Liebesmüh; der Roboter und seine Romanze mit einer Suffragette ein merkwürdig vom Thema abkommendes Add-On, als würde der Film von sich selbst ablenken müssen. Ermüdet stellt man fest, dass der Tag, an dem die Erde zumindest ein bisschen stillstehen hätte können, einfach nicht anfängt. Wie schade, denn dann hätte man die Minions deutlicher lachen gehört.

Minions & Monster (2026)

Magic Farm (2025)

WIE IST DAS NACHTLEBEN IN DER PAMPA?

6/10


Chloë Sevigny und ihr Team, darunter Alex Wolff, im Film Magic Farm
© 2025 Mubi


LAND / JAHR: USA, ARGENTINIEN 2025

REGIE / DREHBUCH: AMALIA ULMAN

KAMERA: CARLOS RIGO BELLIVER

CAST: CHLOË SEVIGNY, ALEX WOLFF, SIMON REX, JOE APOLLONIO, CAMILA DEL CAMPO, VALERIA LOIS, AMALIA ULMAN U. A.

LÄNGE: 1 STD 33 MIN



San Cristobal heisst das Kaff irgendwo in der argentinischen Pampa, in welchem Edna und ihr Team aufschlagen – als gäbe es dort den Jackpot zu holen. Es hat den Anschein, als wären Fuchs und Hase die einzigen, die allabendlich gerne ins Gespräch kommen – doch andererseits soll es in San Cristobal einen Musiker geben, der im Hasenkostüm schmucke Beats schmettert und damit auf Social Media für Furore sorgt. Wo ist nur dieser Kerl?

Zum Aufgeben sind Briefe da

Die Dame, die sie hierher gelotst hat, ist unauffindbar. Zu Beginn des Films erfährt man, was genau sie dazu bewogen hat, abzureisen. Jedenfalls nicht, um die fünf New Yorker ihrem Schicksal zu überlassen. Was man auch wissen sollte: Dieses schräge Team, das in dieser Gegend wohl als Touristengruppe durchgeht, hat sich ebenso schrägem Content verschrieben, welches es filmisch zu dokumentieren gilt.

Eine besondere Begegnung mit dem tanzenden Hasen soll nun hier stattfinden. Doch weder der Musiker ist auffindbar, noch kennt ihn jemand hier. Könnte sein, dass es noch ein anderes San Cristobal gibt? Und was also tun, wenn das ganze zur Nullnummer wird? Improvisieren ist die Devise. Und das Beste daraus machen. Vielleicht auch etwas erfinden? Sowas wie Fake News?

Alles so schön bunt hier

Amalia Ulman, selbst eine der fünf Charaktere, die hier ihr Glück suchen, sieht in Magic Farm eine ungezwungene Experimentierfläche. Schön, wenn einem ein Studio nichts vorschreiben kann. Da gibt es nichts erquickenderes. Ulman hat ihr Ensemble, sie hat einen roten Faden, und rundherum passiert so einiges, vor allem visuell Ungewöhnliches.

Die Welt betrachtet Ulman zu Beginn aus einem Fischauge, im Zentrum der gekrümmten kleinen Welt ein Mopedfahrer. Ein anderes Mal darf die Kamera auf dem Rücken eines Hundes mitreiten. Grelles Licht lässt die Farben neonhell erstrahlen. Ulman will, dass sich auch filmtechnisch einiges bewegt, dass nichts nur aus einer Perspektive betrachtet werden will.

Fake News als Feel Good-Pflaster

Dann aber begegnet sie den Menschen, oder besser gesagt: Das Team begegnet einer Dorfgemeinschaft, die ihre unverwechselbaren Individuen hat. Im Zaubern von Fake News in dieser einem Zirkus ähnlichen Community-Blase hat niemand wirklich Eile, doch was eigentlich wichtig scheint, und auch real existiert, hat gegenüber hippem Culture Clash keine Chance.

Glyphosat ist das böse Wort, und Glyphosat vergiftet hier Geist und Körper. Ulman lässt ihre ach so intellektuellen New Yorker am eigentlichen Thema vorbeihantieren; lässt sie entrückt und der akuten Realität den Rücken kehren – so magisch, und seltsam, und exotisch ist es hier. Da will sich niemand die Laune verderben lassen, doch es reicht lediglich die immer wieder mal eingestreute Erwähnung eines Umweltskandals, um die Dissonanz in der Wahrnehmung sichtbar zu machen.

Ganz dezent, fast schon flüchtig wie eine Erscheinung, lässt Ulman das Gefühl seltsamen Unbehagens an der Türschwelle zurück, ohne die Dunkelheit dabei in ihren Film zu bitten. Da ist sie wieder, dieses zielsichere Konzept in einem fast improvisiert scheinenden Film, der bunt und skurril wirkt und aus der Herkömmlichkeit herausfällt.

Magic Farm (2025)

How to Make a Killing – Todsicheres Erbe (2026)

ICH HAB’S NICHT SO MIT FAMILIE

4/10


Glen Powell in der Thrillerkomödie How to Make a Killing© 2026 Ilze Kitshoff / STUDIOCANAL_SAS / Constantin Film Österreich


LAND / JAHR: USA, VEREINIGTES KÖNIGREICH, FRANKREICH 2026

REGIE / DREHBUCH: JOHN PATTON FORD

KAMERA: TODD BANHAZI

CAST: GLEN POWELL, MARGARET QUALLEY, JESSICA HENWICK, ED HARRIS, BILL CAMP, ZACH WOODS, TOPHER GRACE, SEAN CAMERON MICHAEL, NELL WILLIAMS, JAMES FRECHEVILLE U. A.

LÄNGE: 1 STD 45 MIN



Wer erinnert sich noch an einen der besten britischen Filme aller Zeiten? Gemeint ist Adel verpflichtet aus dem Jahr 1949 mit Alec Guinness (Obi Wan aus Star Wars) in achtfacher Besetzung. Eine schwarzhumorige Krimikomödie jenseits gängiger Moral, allerdings mit ausgeprägtem Sinn für eine Sorte Gerechtigkeit, die sich deutlich zu wichtig nimmt.

Über den Jordan schicken muss man wegen einem Millionenerbe schließlich niemanden. Schon gar nicht, wenn man gar nicht mal noch berechtigt ist, zu erben. Um so etwas durchzuziehen, braucht es eine ganz schön niedrige Frustrationstoleranz, enorme Kränkung und wirklich, wirklich viel Kaltblütigkeit. Andererseits fällt es womöglich leichter, für den Tod von jemandem verantwortlich zu sein, den man ohnehin nicht kennt und den man mit allen anderen in einen Topf wirft, auf dem steht: Böse Sippschaft!

Die Ungeduld der Wut-Erben

Im Original sitzt Dennis Price als Louis Mazzini D’Ascoyne in der Todeszelle und erzählt dem obligaten Seelsorger wenige Stunden vor seiner Hinrichtung die ganze kranke Geschichte über eine ganz gemeine Familie, die seine Mutter einst verstoßen hat und die ihren Sohn, nämlich Louis Mazzini selbst, ganz allein und ohne Unterstützung der Verwandtschaft, aufziehen hat müssen. Dabei hat Mama wohl nicht vergessen, dem Jungen einzubläuen, dass er sich beizeiten gefälligst nehmen soll, was ihm zusteht – gemeint ist damit das Erbe. Oder überhaupt gleich den ganzen Besitz.

Wobei – darin steckt ist schon mal der erste Denkfehler in der Geschichte: Wäre Mama nicht verstoßen worden, wäre der ganze Besitz auch nicht der ihre. Sondern eben nur das Erbe. Und enterbt wurde weder sie noch ihr Sohn. Jedenfalls hat es den einfallreichen Jungspund nicht davon abgehalten, angetrieben von Rache und weniger von Gier, den eigenen ganzen Stammbaum zurechtzustutzen.

Zu charmant, um ein Killer zu sein

Soweit so verblüffend ähnlich sind sich Robert Hamers Klassiker und die mehr oder weniger bekennende Neuverfilmung von John Patton Ford (Emily the Criminal), die den Titel How to Make A Killing – Todsicheres Erbe trägt. Nicht zu verwechseln mit der französischen Weihnachtgroteske aus dem Jahr 2024 (How to Make a Killing), die sich genau so nennt und für Verwechslungen sorgen könnte, spätestens wenn beide Filme zu streamen sind.

Neu ist statt Alec Guinness ein nicht weniger charmanter Shootingstar, der sich seit Top Gun: Maverick hochgearbeitet hat in die A-Liga der sympathischen Action-und Abenteuerhelden – die Rede ist von Glen Powell. Ihm kann man einfach nicht böse sein, denn er ist einer von den Guten. Auch wenn er eiskalt Morde begeht, die gar nicht mal notwendig wären. Zumindest nicht für einen Charakter wie Becket Redfellow. Identifikationsfigur schön und gut – doch damit kickt sich die Krimikomödie sehr schnell ins Aus, wenn sie vorgibt, eine Person wie diese als verbitterten Racheengel darzustellen, der um sein Erbe betrogen wurde.

Falsche Figuren und ihre Intentionen

Die Wahrheit: Das wurde er gar nicht. Und ein verbitterter Racheengel ist dieser Redfellow auch nicht. Sondern einer, den man leiden kann, der nichts Böses will, der nur gerne die Chance hätte, zumindest auch jene Parameter zu nutzen, die all die anderen nutzen konnten, die Teil dieser Familie sind.

Der erste Mord mag vielleicht noch nachvollziehbar sein. Doch dann wendet sich das Blatt und die Story geht ganz andere Wege, nämlich die einer Karrierekomödie, die gar keinen Platz mehr dafür hat, noch weiteren Morden hinterherzujagen. Weil die Figur niemals die ist, der man die Mentalität eines Mörders abnimmt. Weil sie keinen Grund hat, das zu tun. Weil es plötzlich um die schnöde Gier nach dem schnöden Geld geht – und dafür ist Glen Powells Rolle völlig falsch angelegt. Von der Schmach, welche die Intention anfachen würde, erzählt der Film darüber hinaus zu wenig.

Es lebe die Amoral

Besser taugt da natürlich Margaret Qualley als hinterfotzige Freundin von früher. Wo die Rechnung aufgeht, ist in einer irreversiblen Amoral zu finden, die am Ende die Erwartungshaltung des Publikums unterwandert. Doch auch dafür stimmt die Intention der Figur nicht. Als psychologisch völlig undurchdachtes und somit auch völlig unglaubwürdiges Gentle Crime-Konstrukt verhebt sich How to Make a Killing in seiner Kausalität, wobei sich der Film anfühlt, als wäre er überlang.

John Patton Ford klappert seine Kills ab, as würde er zu Halloween von Tür zu Tür laufen – im ganzen wirkt die Inszenierung auch eher gelangweilt als erfrischend. Wofür Glen Powell nichts kann. Auch nicht Qualley oder Jessica Henwick. Schauspielerisch mag alles geglückt sein, allein vom Konzept her ist es das nicht.

How to Make a Killing – Todsicheres Erbe (2026)

Honey Don’t! (2025)

DAS MODEL ALS SCHNÜFFLER

5/10


Margaret Qualley im Film Honey Don't von Ethan Coen
© 2025 Universal Pictures


LAND / JAHR: USA, VEREINIGTES KÖNIGREICH 2025

REGIE: ETHAN COEN

DREHBUCH: ETHAN COEN, TRICIA COOKE

KAMERA: ARI WEGNER

CAST: MARGARET QUALLEY, CHRIS EVANS, AUBREY PLAZA, CHARLIE DAY, BILLY EICHNER, KRISTEN CONNOLLY, TALIA RYDER, DON SWAYZE U. A.

LÄNGE: 1 STD 30 MIN



Margaret Qualley, Tochter der uns allen nicht erst seit Vier Hochzeiten und ein Todesfall vertrauten Schauspielerin Andie McDowell, muss mit ihren Kräften nicht haushalten, denn was Leinwandpräsenz und Charisma angeht – davon hat sie mehr als genug. Im Alleingang trägt sie einen Film, der nicht weiß, wohin mit sich, doch ihr scheint das nicht im Geringsten etwas auszumachen.

Nach Drive Away Dolls, dem ersten Teil einer nicht zusammenhängenden Trilogie thematisch verwandter queerer Romanheft-Stories, die sich nicht dafür brüsten, die feine Klinge des Geschichtenerzählens zu wetzen, legt Qualley in Honey Don’t! eine aparte Performance als Schnüfflerin hin, die, um einen Bezug zur 90er-Serie mit Bruce Willis und Cybil Shepherd herzustellen, gleich beide Charaktere in einer Rolle vereint.

Der Mann an sich als Lachnummer

Den maskulinen Tonangeber aus obsoleten Rollenbildzeiten braucht es hier nicht, was klar und deutlich wird, wenn man den Figuren gewahr wird, die hier das ehemals als stark titulierte Geschlecht verkörpern. Weinerliche gehörnte Ehemänner, deren Frauen fremdgehen; Arbeitskollegen bei der Polizei, die jede Begegnung mit Honey O’Donahue, wie sich Qualley hier nennt, mit einer so selbsterniedrigenden wie erfolglosen Anmache beschließen. Und zuletzt, aber nicht der letzte: Chris Evans, ehemaliger Inbegriff des starken Amerika in Gestalt des namentlichen Captains und Zugpferd der Avengers. Statt Verfechter des Guten suhlt er sich hier mit sichtlicher Freude am Ekelpaket als notgeiler Reverend einer christlich angehauchten Sekte, in der er sich selbst zum anbetungswürdigen Subjekt verklären lässt, hinter dem Altar aber über Leichen geht, da er mit der französischen Drogenmafia paktiert.

Was für ein Durcheinander

Einzig und allein hält hier die Frau die Stellung und muss gleich mehrere brodelnde Töpfe am Köcheln halten, bevor sie überkochen. Dahingehend ist Honey Don‘t! aus der Feder von Ethan Coen und Tricia Cooke ein Sammelsurium an Versatzstücken aus dem Genre des klassischen und betont amerikanischen Detektivfilms, der mit den Skurrilitäten eines provinziellen Amerikas setzkastenartig aufwartet, ohne sich dabei aber zu einem inhaltlichen Schwerpunkt zu bekennen.

Coen-Brüder im Alleingang

Wie schon bei Drive Away Dolls grätscht hier zuviel ineinander, wird fahrig und belanglos, zwischendurch ganz nett, doch mehr nicht. Joel Coen wird auch hier händeringend vermisst, während abermals offensichtlich wird, das die kreativen Synergien nur dann entstehen, wenn beide gemeinsam ihre Köpfe zusammenstecken. Entstanden sind dabei runde Leckerbissen des Autorenfilms zwischen morbidem Charme, lakonischer Tristesse und bizarrer Komik, die auch stets ihren Rhythmus fanden. Honey Don’t hat zwar mitunter seine Momente, doch der Rhythmus ist auch hier schwer zu erkennen, dank sich überkreuzender Handlungsfäden, die den Moment genießen, sich jedoch mit Bedauern daran erinnern, an das große Ganze auch noch denken zu müssen. Das fällt hier so grob skizziert aus, als wäre Honey Don‘t die Synopsis ihres eigenen Films.

Was hier einzig bei der Stange hält, ist nicht, worum es geht, sondern, neben Evans schlüpfriger Eskapaden, Qualley höchstselbst als Symbolfigur in einem nichtssagenden Schwank. Fast wäre Aubrey Plaza ein würdiger Counterpart geworden, wäre sie nicht diejenige, die die überhaps geschriebene Krimi-Conclusio mehr schlecht als recht und noch dazu glaubhaft verkaufen muss.

Honey Don’t! (2025)

DJ Ahmet (2025)

VON WEGEN SCHWARZES SCHAF

7/10



© 2025 Neue Visionen


LAND / JAHR: NORDMAZEDONIEN 2025

REGIE / DREHBUCH: GEORGI M. UNKOVSKI

KAMERA: NAUM DOKSEVSKI

CAST: ARIF JAKUP, DORA AKAN ZLATANOVA, AGUSH AGUSHEV, AKSEL MEHMET, ATILA KLINCE, SELPIN KERIM, METIN IBRAHIM U. A.

LÄNGE: 1 STD 39 MIN



Nordmazedonien und der Rest der Welt – ja, auch dort lebt man auf dem selben Planeten wie die übrige Menschheit auch, nur etwas provinzieller. Was letztlich kein Grund dafür sein soll, nicht auch die Vorteile des Fortschritts zu genießen. Doch in der Provinz, das wissen wir, haben Traditionen das Vorrecht darauf, alles andere, was da so an Einfluss aus dem Osten oder den Westen herüberschwappt, durchzulassen, damit es sich in einem jahrhundertelang gleichen Alltag integriert, oder abzuschmettern. Beim Abschmettern ist man dort vor allem dann gut, wenn es um die Rechte der Frauen geht. Das mag bei den Alten vielleicht etwas zu spät kommen, denn die scheinen sich mit ihrem Schicksal abgefunden zu haben – nicht aber bei den jungen, die man heutzutage ungern noch als heiratsfähig bezeichnet. Eine dieser jungen Frauen ist Aya. Und die hat die Nase voll vom Patriarchat.

Fremdbestimmt leben

Wie es der Zufall im Film gerne will – und dieser hier mag durchaus mit dem Genre der RomCom liebäugeln, auch wenn der Schauplatz dafür ein gänzlich ungewohnter ist – trifft Aya auf den etwas schusseligen, aber musikverliebten Ahmet. Er und der Rest seiner Familie muss ein tragisches Schicksal verarbeiten, nämlich den Tod der Mutter. Bruder Naim spricht seitdem kein Wort mehr und sucht Schritt auf Tritt die Nähe Ahmets. Der Vater: verdrossen, störrisch und trauernd. Kann man verstehen, muss man aber nicht auf jene übertragen, die ihr ganzes Leben noch vor sich haben. Vielleicht streben genau die etwas ganz anderes an als am hauseigenen Hof die Schafe zu hüten statt in die Schule zu gehen, um sich der eigenen Peer-Group anzuschließen. Immerhin bleibt Ahmet noch Aya – denn die übt für eine Tanzperformance im Rahmen des kommenden Dorffestes, mit der sie ihrem dominanten Vater in seinen vorgestrigen Ansichten vor den Kopf stoßen will.

Retro-Revolution als RomCom

Wie Ahmet dabei zum DJ wird, ist eine versponnene, launig verfilmte Tragikomödie, die nicht nur von der Energie der beiden jungen Leute lebt, die sich in kleinen Schritten, zaghaft und mit sehr viel Neugier im Gepäck, einander annähern. Dabei strahlt Dora Akan Zlatanova eine Grazie, einen Esprit und eine Persönlichkeit aus, die dieser mitunter turbulenten kleinen Geschichte dMelodie verleiht. Schon die erste Szene ihres Auftretens hat Magie: Man sieht nur Ayas Turnschuhe, wie sie durchs Feld gleiten, dann wandert die Kamera höher, wir sehen ein Mädchen in traditionellem Gewand und mit geschnürtem, gelbem Kopftuch – eine blonde Haarsträhne fällt keck über ihre Stirn. Ihr Blick sagt alles – und findet den von Ahmet. So freudvoll traditionell diese Art und Weise ist, eine Romanze zu beginnen, während sie an die entzückenden Liebesfilme der 50er erinnert, so progressiv mag dann auch die Geisteshaltung sein, welche die beiden Revoluzzer dazu bringt, nicht nur aus den Mechanismen einer obsoleten Gesellschaftsstruktur auszubrechen, sondern auch aus der Enge einer auferlegten Trauer.

Jugend ändert sich überall

Die knarzende Stille der Traditionen vertreibt so mancher Techno-Beat mit Lust an der Aufmüpfigkeit, ohne aber die Geduld dabei zu verlieren, wenn es darum geht, den Traditionen von Verliebtheit und Zuneigung Raum und Zeit zu lassen. Beides passt gut zusammen, nichts davon wirkt aufgesetzt. Progressives Highlight ist zweifelsohne seine für manch konservativen Muslim provokative, für manch Taliban wohl schockierende musikalische Alternative zum Muezzin. Was Autorenfilmer Georgi M. Unkovski aber am allerbesten gelingt, und wofür man ihn regelrecht loben muss, ist, dass er aus seinem erfrischend selbstironischen DJ Ahmet kein kitschiges Märchen macht, sondern auf faire Weise das mögliches Szenario eines zwar nicht in jeder Hinsicht guten, aber auch nicht hoffnungslosen Endes durchspielt. Genau das hätte man dem Film vielleicht gar nicht so zugetraut. Genauso wenig, wie das Durchsetzungsvermögen einer nordmazedonische Next Generation, die den Wind of Change bringt.

DJ Ahmet (2025)

G.O.A.T. – Bock auf große Sprünge (2026)

BREHMS TIERLEBEN ALS TEAMSPORT

7/10


© 2026 Sony Pictures Animation


ORIGINALTITEL: GOAT

LAND / JAHR: USA 2026

REGIE: TYREE DILLIHAY, ADAM ROSETTE

DREHBUCH: AARON BUCHSBAUM, TEDDY RILEY

KAMERA: JOHN KLARK

MIT DEN STIMMEN VON (ORIGINAL): CALEB MCLAUGHLIN, GABRIELLE UNION, AARON PIERRE, NICOLA COUGHLAN, DAVID HARBOUR, NICK KROLL, STEPHEN CURRY, JENIFER LEWIS, PATTON OSWALT, JENNIFER HUDSON U. A.

LÄNGE: 1STD 40 MIN



Warum steckt der Strauß eigentlich seinen Kopf in den Sand? Manche sagen, er tut dies, weil, wenn er nichts sehen kann, sehen die anderen, die ihn vielleicht jagen, genauso wenig. Stimmt aber nicht. Der Strauß steckt den Kopf gar nicht in den Sand, es ist lediglich das Resultat falscher Beobachtungen. Und dennoch, auch wenn wir eines besseren belehrt werden können, bleibt dieses Verhaltensklischee an diesem Tier haften wie Honig auf Bienenwaben. Vielleicht, weil es so kurios ist.

Auf Tierklischees herumdribbeln

Folglich kann man davon ausgehen, dass Straußdame Olivia genau das tun wird. Und Mane, das Pferd im Netztrikot und vollbeladen mit überheblichen Sprüchen, tut so, als wäre es die schlichtweg auserwählte Spezies auf dem Planeten, während darüber gar nichts mehr kommt. Wen wir sonst noch im Team haben? Nashorn Archie, der seine beiden Kinder mit sich herumschleppt, den verhaltensauffälligen Leguan Modo (fälschlicherweise auf Wikipedia als Komodo Dragon bezeichnet), eine Giraffe, die trotz ihres langen Halses am wenigsten parodiert wird – und zu guter Letzt der kleine Ziegenbock Will, aufgrund seiner Statur eben vollkommen ungeeignet für einen Sport, der sich ROAR nennt und frappant an Basketball erinnert, mit einigen abenteuerlichen Extras natürlich, die man im normalen Spiel nicht finden wird. Für dieses ROAR begeistert sich der Spalthufer schon von klein auf – im gerade mal erlangten Erwachsenenalter scheint ihm die Tür zum Erfolg gerade aufgestoßen zu werden. Ein Capybara und eine Hyäne sind an dieser Sache nicht ganz unbeteiligt. Schon findet sich Will im Team der nicht gerade auf der Erfolgswelle dribbelnden Thorns wieder, was Panther-Teamchefin Jett sauer aufstößt. Die – und auch alle übrigen des Teams – können mit so einem Dreikäsehoch so gut wie gar nichts anfangen. Was in ihm steckt, offenbart sich erst später, wenn es hart auf hart kommt und Will beweisen kann, dass es nicht auf die Größe, nicht auf die Tierart, nicht auf etablierte Klischees ankommt. Dass ein Um- und Andersdenken von Stereotypien neue Potenziale eröffnet.

Der ganze Brehm in Farbe

Klar läuft alles darauf hinaus, dass es gut wird. Hindernisse sind in G.O.A.T. – Bock auf große Sprünge nur dazu da, um sie zu überwinden, um sie aus dem Weg zu räumen. Filme wie diese legen es auch nicht drauf an, Erwartungshaltungen nicht zu erfüllen. Es passiert, was passieren muss, und das ist fast schon Nebensache, wenn man sich nur ansieht, wie die gefühlt ganze Fauna eines Planeten niemals despektierlich, sondern wohlwollend karikiert oder gar parodiert wird. Das Pferd ist dabei einer der Highlights, mitunter auch das der Komfortzone erliegende Capybara oder das auf den eigenen Vorteil bedachte Warzenschwein als toughe Business-Lady. Viele Liebe fürs Detail und ein ausgeprägtes Gespür für Farbgebung haben die Macher von Sony hier hineingesteckt, und das mussten sie auch tun, um ihr eigenes Zoomania aus der Taufe zu heben.

Was Disney hat, will auch der andere Konzern, und legt dabei noch eines drauf: Während bei Zoomania ganze Tiergattungen warum auch immer fehlen, sind die urbanen Gefilde in G.O.A.T. deutlich artenvielfältiger, von der Schabe bis zum Papagei kreucht und fleucht es deutlich mehr, ist die Biomasse einfach üppiger, ist der Hamsternachwuchs fast schon mit einer kleinen Bevölkerungsminderheit gleichzusetzen, wenn die kleinen Flauschbälle Tribbles-like auf der Couch vor dem Fernseher Platz nehmen, um das Spiel zu sehen. Und das ist zugegeben furios gefilmt.

Diese Jugend von heute

Wenn man so will, lässt sich G.O.A.T. tatsächlich als insgeheimes Spin-Off von Zoomania betrachten, und was man auch deutlich erkennen kann, ist, dass das Thema Mannschaftssport deutlich mehr Charakterwitz lukriert als es ein Kriminalfall tut – was nicht heisst, dass Fuchs und Kaninchen bei ihren Nachforschungen nicht auch zur Genüge auf artspezifisches Verhalten stoßen. In G.O.A.T. gelingt dieser Umstand aber wie von selbst und macht erst dann Halt, wenn die Jugendsprache Einzug hält ins sportive Weltgeschehen. Das hat dann gar nichts mehr mit Tieren zu tun, sondern eher nur mit einem jungen Publikum, das im Gegensatz zu den Erwachsenen, die sehr wohl auch mitbekommen haben, was so als Jugendwörter des Jahres in Frage kommt, in Augenhöhe mit dem Film positioniert werden. Mitunter mag das andauernde Wiederholen von „Das Crazy“ etwas auf die Nerven fallen, die durchaus heftige Anbiederung an die Zielgruppe bisweilen ebenso.

Doch seis drum, wer Tiere mag, und diese auch gerne als Fabel sieht: wer sowieso auf Zoomania steht und eine Welt frei von Homo sapiens (obwohl Homo sapiens durchaus auch in jedem dieser Tiere steckt) als die bessere betrachtet, der findet in dieser scheinbar gepinselten Bilderwelt 100 Minuten überraschungsfreie, gute Laune.

G.O.A.T. – Bock auf große Sprünge (2026)

Extrawurst (2025)

VON EINEM INS ANDERE

7/10


© 2025 Studiocanal GmbH


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND 2026

REGIE: MARCUS H. ROSENMÜLLER

DREHBUCH: DIETMAR JACOBS, MORITZ NETENJAKOB, NACH DEREN BÜHNENSTÜCK

KAMERA: DANIEL GOTTSCHALK

CAST: HAPE KERKELING, ANJA KNAUER, FAHRI YARDIM, CHRISTOPH MARIA HERBST, FRIEDRICK MÜCKE, MILAN PESCHEL, ANDREAS WINDHUIS, GABY DOHM, KATRIN RÖVER, PATRICK JOSWIG, MALENE BECKER U. A.

LÄNGE: 1 STD 40 MIN



Jakobswegbegeher und Komödien-Urgestein Hape Kerkeling plagt der Ischias. Und im Laufe der auf einem Theaterstück basierenden Gesellschaftskomödie von Dietmar Jacobs und Moritz Netenjakob noch viel mehr. Warum? Ursächlich sind die Befindlichkeiten sämtlicher Mitglieder, die hier, im Tennisverein von Lengenheide, ihre Meinung kundtun wollen. Meinungsfreiheit ist wichtig, keine Frage. Schließlich leben wir in einer Demokratie, und am Ende des Tages wird demokratisch entschieden, wer im nächsten Jahr wieder den Vorsitz übernimmt, welche Gerätschaften neu angeschafft werden und wo man veraltete Glaubenssätze vielleicht entstauben könnte.

Ein imaginärer Riesengrill

Meist gibt der Stein dabei den Anstoß. Oder ein anderes Objekt. In Extrawurst ist es der Grill. Oder der Zweitgrill. Jedenfalls ein zur ungesunden Vergenusszwergelung herangeschafftes Teil für Festivitäten und gemütlichem Ausklang. Fragt sich nur, wo einer wie Erol seine Halal- Knoblauchwürste drauftun soll. Eine Überlegung, die Tennis-As Melanie (Anja Knauer) am Ende der Jahreshauptversammlung kundtun möchte. Dabei lässt sie nicht locker, und will auch nicht klein beigeben, auch wenn Vereins-„Erdoğan“ Heribert, eben Hape Kerkeling, längst schon den ungezwungenen Ausklang wünscht. So steht bald nicht der Elefant, sondern der Zweitgrill im Raum. Wie das bei Befindlichkeiten nun mal so ist, und das eigene Weltverständnis wie bei jedem von uns den meisten Raum einfordert, kommt eines ins andere, die Mücke bläht sich auf und reißt einen Pulk ganz anderer, nur lose mit dem Grill verbundener Themen mit, die sich, angefangen von Religion, Gesellschaft und Beziehungen bis hin zu Rollenbildern, Rassismus und Vereinspolitiksverdrossenheit prokokativ entfalten. Es bleibt kein Auge trocken, geschimpft wird viel, und bald schon fuchteln die Männer mit den Armen, während Heribert mit den Hüften quietscht.

Polemik als Randomspirale

Der an Filmerfahrung reiche Herbert H. Rosenmüller, der es tatsächlich geschafft hat, den beliebtesten Kobold aller Zeiten, nämlich Pumuckl, aus der Stasis zu holen, sammelt ein spielfreudiges Ensemble um sich, das sich sichtlich nicht schwertut, in Fahrt zu kommen. Bevor das Publikum überhaupt in der von Emotionen aller Art aufgeladenen Tennishalle Platz nehmen kann, um mitzuverfolgen, wohin die Reise, dessen Ziel man nicht absehen kann, geht, bestimmt Kerkeling aus dem Off und anhand diverser Szenen, die aus dem Ruder laufende Konflikte darstellen, bereits die Richtung, die diese Komödie wohl nehmen wird. Es ist die der gesprochenen, viel zu schnell über die Lippen gehenden Worte, für die man sich selbst oft schämt, die man schließlich niemals so gemeint hat, die einfach nur dazu da sind, um zu polemisieren. Polemik, ungeliebtes Kind unkontrollierter Emotionen, heizt wie Sauerstoff das Feuer den großen Streit an. Wie sehr man dabei den Fokus aufs eigentliche Thema aus den Augen verliert – das zu beobachten kann einen zur Verzweiflung bringen. Je weiter der verbale Konflikt voranschreitet, um so gordischer wird der Knoten. Diesen Prozess fängt Rosenmüller genüsslich ein, und alle, wirklich alle, spielen mit.

Immer wieder Öl ins Feuer

Gesprochen wird viel, unentwegt hat jemand seinen Senf dazuzugeben, während es zusehends um die Wurst geht. Und dennoch bleibt allem ein gewisser jovialer Charme haften, Zynismus kommt hier selten vor, Bösartigkeit auch nicht, denn jeder meint es letztlich gut und auch nicht so, wie er oder sie es gesagt hat. Die Debattenkultur bleibt eine verbale, letztendlich liegt die Sehnsucht nach Konsens in der Mentalität dieser Komödie, die die richtig heißen Eisen zwar nicht anpackt, aber im Austeilen von Seitenhieben fit genug ist. Zwischendurch – und so ist es auch in natura – erschöpft sich die Diskussion, tritt auf der Stelle, sucht dringend nach dem Öltropfen, den Christoph Maria Herbst, Fahri Yardim oder Anja Knauer ins Feuer gießen. Das wirkt manchmal zu gewollt oder aufgesetzt, doch andererseits kennt man das ja schließlich selbst: Man lässt so lange nicht locker, bis das eigene Ego befriedigt ist. Bis der Konsens zu den eigenen Gunsten ausfällt. Oder höhere Mächte die Prioritäten neu ordnen.

Rosenmüllers redselige, warmherzig-unfreundliche Konfliktstudie zeigt auf versöhnliche Art und Weise, wie schwer es ist, Meinungen aufeinanderprallen zu lassen und das richtige Wort zum richtigen Zeitpunkt zu sagen. Kommunikation ist alles, der Rest dabei ziemlich wurst.

Extrawurst (2025)

The Running Man (2025)

WENN WUTBÜRGER HAKEN SCHLAGEN

6,5/10


© 2025 Constantin Filmverleih


LAND / JAHR: USA, VEREINIGTES KÖNIGREICH 2025

REGIE: EDGAR WRIGHT

DREHBUCH: EDGAR WRIGHT, MICHAEL BACALL, NACH DEM ROMAN VON STEPHEN KING

KAMERA: CHUNG CHUNG-HOON

CAST: GLEN POWELL, JOSH BROLIN, COLMAN DOMINGO, LEE PACE, KATY O’BRIAN, DANIEL EZRA, KARL GLUSMAN, MICHAEL CERA, JAYME LAWSON, EMILIA JONES, WILLIAM H. MACY, DAVID ZAYAS U. A.

LÄNGE: 2 STD 13 MIN


Gewichtige 38 Jahre nach Arnold Schwarzenegger im Ganzkörper-Radleroutfit hechtet nun ein sichtlich weniger aufgepumpter, aber immer noch äußerst sportiver Publikumsliebling durch ein dystopisches Amerika, das sich den Leitsatz an die Fahnen geheftet hat: The Show must Go on. Wenn also alles andere schon den Bach runtergeht, und womöglich die dritte und wohl verheerendste Amtszeit eines Donald Trump mich Ach und Weh überstanden wurde, haben die Staaten so gut wie nichts, womit sie sich Zuversicht leisten können. Was bleibt, ist das liebe Fernsehen, das überraschend analog daherkommt und Live-Shows bietet, als wäre man immer noch in der Ära von Wetten dass…?.

Zerstreuung wie im alten Rom

Tatsächlich dürfte im neuen Aufguss von The Running Man in diesem wohlgestalteten gesellschaftspolitischen Nirgendwo das Programmfernsehen zurück sein, um wie schon seinerzeit als Straßenfeger das zerstreuungsgierige Volk vor die Flimmerkiste zu locken. Diesmal flimmern die Shows sogar auf ganzen Hauswänden, man bräuchte eigentlich nur den Blick heben und ist  mittendrin in diesem Show-Wahnsinn, der seine schönste Eskapade nicht in den Spielen von Panem findet, auch nicht im Inselkampf Battle Royale (der ja vorher da war, wie wir nicht erst seit Tarantino wissen) und auch nicht während eines Todesmarschs (The Long Walk), bis der letzte wegknickt. Hier gibt es Freiwild, und dieses wird gejagt. Von einer Killer-Elite, oder vielleicht auch von tötungshungrigen Zivilisten, die zu viel The Purge gesehen haben. Dieses Freiwild ist unter anderen Ben Richards – der in Sachen Show wohl lieber sanftere Töne anschlagen wollte und nun mittendrin in der Show aller Shows steckt, wo die mangelnde Aussicht auf Erfolg Richards Frau mit dem Gedanken spielen lässt, als alleinerziehende Mutter weiterzustrudeln. Doch Geldnot verlangt den Pakt mit dem Teufel, und so muss Richards hauptsächlich eines: Untertauchen, ab und an ein Lebenszeichen von sich geben. Davonlaufen, wenn‘s knapp wird. Oder aber den Gegner um die Ecke bringen.

Do the Wright Thing

Jahrzehnte ist es her, da hat Stephen King unter dem Pseudonym Richard Bachmann neben The Long Walk eine weitere TV-Show-Dystopie verfasst. Wer hätte gedacht, dass für den Reboot mit dem smarten Schönling Glen Powell nun einer wie Edgar Wright auf dem Regiestuhl Platz nimmt – womöglich handelt es sich hier weniger um ein Projekt auf dessen Wunschliste, sondern eine gut bezahlte Auftragsarbeit weit jenseits der Originalität, die man von der Cornetto-Trilogie gewohnt ist. The Running Man ist ja schließlich auch kein Autoren- oder Independentfilm, sondern eine stattliche Studioproduktion, wo viele VIPs mitzureden haben und dann auch ihren Senf dazugeben, weil künstlerische Freiheit ja nichts ist, was sich zwingend gut verkaufen lässt. Genau das ist mehr als nur bemerkbar. Wäre es nicht Edgar Wright, wäre es jemand anders gewesen, und den Unterschied hätte, bis auf einige Szenen britisch-sarkastischen Teatime-Humor, niemand bemerkt. Was aber alles nicht heisst, dass The Running Man ein schlechter Film ist. Immerhin gelingt ihm eines: Gut zu unterhalten.

Der nahbare Sozialheld

Weder hat das Remake repetitive Szenen noch zum Augenrollen verleitende Szenen, die nicht mehr sind als Lückenfüller. Wright hält die Zügel straff, Action und Thrill in gesunder Balance und den Rest erledigt Powell. Mit dem Zynismus eines Wutbürgers, der statt nichts eben viel zu verlieren hat und der wie ein Berserker manchesmal in völliger Todesverachtung wie einst Bruce Willis im Nakatomi Plaza vor den Schießeisen der Killerbrigade herumtanzt, um doch noch zu entwischen, lässt Powell den trockenen Achtziger-Helden im Feinripp fast schon wiederauferstehen. So gesehen wäre damals vielleicht sogar wirklich einer wie Willis die bessere Wahl gewesen, weil hemdärmeliger, nahbarer und geerdeter als Arnie. Mit solchen Typen solidarisieren sich Action-Afficionados durchaus gerne, der Typ hat Sympathie, das Herz am rechten Fleck, und hat auch die Dreistigkeit eines Revoluzzers, den Mächtigen voller Inbrunst die eine oder andere – wie sagt man so schön – Gosche anzuhängen. Mit „Ich bin noch hier, ihr Kackfressen“ schlägt diese Jetzt-erst-recht-Manier wie „Yippie-Ya-Yay, Schweinebacke!“ auch aufs Publikum um, und schließlich will man wissen, zu welchen geradezu übermenschlichen Fähigkeiten der Knabe noch fähig sein wird.

Dass es am Ende stets zum obligaten Showdown kommen muss, nimmt dem ganzen etwas die Spontaneität, weil es dann doch so aussieht, als wäre vieles allzu konstruiert. The Running Man inhaltlich so aufzublasen, damit die Kritik an der Unterhaltungsindustrie nicht versandet, ist löblich, aber wäre im Endeffekt gar nicht notwendig gewesen. So haben wir wieder – im Gegensatz zum weitaus mutigeren The Long Walk – einen aufgestempelten Paradigmenwechsel, der aber mit gerechter Wut die mittlerweile auch im realen Leben existierende Konzern-Ohnmacht abwatscht.

The Running Man (2025)

How to Make a Killing (2024)

FARGO IM WEIHNACHTSPULLI

6/10


© 2025 Gaumont


LAND / JAHR: FRANKREICH 2024

REGIE: FRANCK DUBOSC

DREHBUCH: FRANCK DUBOSC, SARAH KAMINSKY

KAMERA: LUDOVIC COLBEAU-JUSTIN, DOMINIQUE FAUSSET

CAST: FRANCK DUBOSC, LAURE CALAMY, BENOÎT POELVOORDE, JOSÉPHINE DE MEAUX, MEHDI MESKAR, KIM HIGELIN, TIMÉO MAHAUT, EMMANUELLE DEVOS, ANNE LE NY, LOUKA MELIAVA U. A.

LÄNGE: 1 STD 53 MIN



Ruhe, bitte!

Wieder einmal kam ich in den zweifelhaften Genuss einer Kinovorstellung, die durch einen weiteren Gast so konsequent gestört wurde, dass es letztlich unmöglich war, in How to Make a Killing auch emotional einzutauchen. Wie man also jemanden umbringt, war mir letzten Endes klar – mitgerissen hat mich die schwarze Thrillerkomödie aber leider kein bisschen. Das wäre anders gewesen, wäre die schwer alkoholisierte oder aber auch mit andren Substanzen zugedröhnte Dame hinter mir, die irgendwann dann doch noch den Saal verließ auf Bitten ihrer Begleitung, nicht wiedergekommen. In solchen Momenten wünscht man sich vom Kinosaal ins Heimkino – oder aber sein Geld zurück.

Ein Bärendienst fürs Weihnachtsgeld

Wie dem auch sei – und ja, ich habe versucht, den permanenten Off-Kommentar aus dem Publikum auszublenden: Mit diesem französischen Knaller könnte man sogar von einem Weihnachtsfilm der anderen Art sprechen, abseits von RomCom, Kitsch und Weihnachtsmann. Wenige Tage vor dem Heiligen Abend wird die die tief verschneite Landstraße zum Laufsteg für einen Braunbären, den es, wie mehrmals betont wird, in diesen Breiten ja eigentlich gar nicht geben soll. Doch Meister Petz, der vorher noch eine Truppe Drogenkuriere im unwegsamen Tann verschreckt hat, stellt sich nun dem Auto von Christbaumverkäufer Michel in den Weg. Der weicht aus – und rammt am Straßenrand ein parkendes Auto, was zur Folge hat, dass die Dame im Wagen ungefähr ähnlich lädiert ist wie die Karosserie und sich davon auch nicht mehr erholen wird. Der andere, ihr Partner, fällt vor Schreck ins Gehölz und segnet ebenfalls das Zeitliche. Im Kofferraum der Schrottkarre finden Michel und seine Frau jede Menge Kohle, die sie natürlich einheimsen, braucht das Xmas-Unternehmen doch ohnehin längst eine Finanzspritze. Somit hat die kauzige, liebevolle Kleinfamilie einerseits ein leises schlechtes Gewissen, andererseits ein nettes Weihnachtsgeld und es ist ja nicht so, dass die beiden Leichen so ganz plötzlich verschwinden müssen. Sie werden verlagert, an einen ganz anderen Ort – womit die Karten neu gemischt werden.

Groteske ohne viel Charakter

Franck Dubosc (Die Rumba-Therapie, Liebe bringt alles ins Rollen) hat sich von der französischen Romantikkomödie zwischenzeitlich verabschiedet und, wie es scheint, dem großen Vorbild der Coen-Brüder, nämlich Fargo, nachgeeifert. So staubtrocken und subversiv ist How To Make a Killing allerdings nicht geworden, denn schließlich lässt es sich drehen und wenden wie man will, den französischen Stil zwischen Chanson-Charme und kecker Louis de Funes-Komödie wird man in diesen Breiten einfach nicht los. Passt das denn überhaupt so zusammen, wenn der Tod auf skurrile Weise seinen Tribut fordert und das organisierte Verbrechen auch noch im wahrsten Sinne des Wortes hereinschneit, um Chaos zu stiften? Vielleicht mag das die Krux gewesen sein, die dazu geführt hat, dass das Duo Franck Dubosc und Laure Calamy (Julie – Eine Frau gibt nicht auf) als pseudokriminelle Improvisateure nicht so recht überzeugen. Einzig Benoît Poelvoorde, der schon in Quentin Dupieux surrealer Krimisatire Die Wache als Polizeiermittler glänzen konnte, trifft mit seinem Gespür für Situationskomik so ziemlich ins Schwarze. Und zugegeben: die verbalen Verwechslungen und schrägen Interpretationen zünden tatsächlich. Gerade der Wortwitz hat so seine Momente, wohingegen der wohldosiert blutige Kriminalreigen zu gefällig und boulevardesk wirkt, um anders oder gar besser zu sein als andere Komödien dieser Art. Franzosen können vieles: Tragikomödien, Krimikomödien, Krimis ohne Komödie und selten auch Horror. Den lakonischen Dorfthriller im bizarren Weihnachtspulli-Look, das bekommen sie dann doch nicht so hin. Was hauptsächlich an den austauschbaren Charakteren liegt, die viel lieber Beziehungen erörtern als die Frage, wohin mit dem nächsten Toten.

Fürs Ende macht die Dame hinter mir endlich wieder den Abgang, in den letzten Minuten finde ich mich also wieder rein in dieses französische Winterwonderland mit Blut an der Baggerschaufel und denke darüber nach, das Ganze vielleicht nochmal im Heimkino nachzuholen. Während einer stillen Nacht.

How to Make a Killing (2024)