Jackie

DIE PASSION DER FIRST LADY

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jackie

Der 22. November 1963 muss wohl ein Tag gewesen sein, der die Weltbevölkerung erschauern ließ. Meine Eltern können sich noch genau an diesen Tag erinnern, ebenso wie wir uns noch an den 11. September erinnern können – und niemals vergessen werden. Die Bilder kennen wir alle. Wenn man nicht schon in der Schule damit konfrontiert wurde, dann spätestens bei Oliver Stone´s Politthriller JFK – Tatort Dallas. Bilder, die Geschichte geschrieben haben. Wenn sich Jackie Kennedy in ihrem rosafarbenen Kaschmirjäckchen über das Heck der Limousine beugt, um die Schädelfragmente ihres ermordeten Mannes einzusammeln, manifestiert sich das Grauen politischen Terrors in Bild, Farbe und Ton. Kaum eine Ermordung wurde so akribisch dokumentiert wie jene von John F. Kennedy. Man hat das Gefühl, dass die amerikanischen Medien anders ticken als alle anderen. Dass die den gewissen sechsten Sinn haben. Dass sie wissen, wo sie sein müssen, um globale Paradigmenwechsel rechtzeitig und perfekt ins Bild zu rücken. Das war 1963 in Dallas so, das war auch beim 11. September so. Selbst die Ermordung von Lee Harvey Oswald gibt es auf Band. Was es aber nicht auf Band gibt, das sind die Tage nach dem verstörenden Attentat, aus der Sicht von Amerikas First Lady Jackie. Tage der Trauer, der Verzweiflung, der Wut. Und Tage der eigenen Ohnmacht. 

Was der chilenische Filmkünstler Pablo Larrain (No!, Neruda) daraus gemacht hat, ist die distanzlose Apotheose einer Ikone. Ein filmisches Close Up des erahnten Konterfeis einer leidenden Maria Magdalena. Die Biografie – ein Gesicht in verschwenderischer Mimik. Larrain reduziert die Passion der heiligen Jaqueline auf eine Diashow formatfüllender Portraits. Die Kamera, der Regisseur, das Drehbuch – sie kennen keine Gnade und rücken der Trauernden ungemein anstandslos auf die Pelle. Ein Schritt zurück, und was bleibt, sind die gähnenden, spärlich möblierten Räume des Weißen Hauses. In diesen Momenten erinnert Jackie an den Stil eines Stanley Kubrick. Womöglich hätte der 1997 verstorbene Kultregisseur zu diesem sehr speziellen Thema einen ähnlichen Film gemacht. Den Momentaufnahmen eines politisch motivierten Mordes und seiner Folgen geht sehr bald das relevante Drumherum der Geschehnisse abhanden. Was bleibt, ist eine Frau, die man aus den Medien kennt und gekannt hat. Und die, reduziert auf ihre Trendsetter-Mode und ihren Haarschnitt, nur bröckelnde Fassade bleibt. Die Tür in das Innere der Jackie Kennedy aufzustoßen, das gelingt diesmal nicht einmal der von mir sehr geschätzten Natalie Portman. Sie bleibt in Larrain´s Film lediglich eine Person der Öffentlichkeit. Eine, mit der man mitleiden, mitweinen und mithadern kann. Die aber das Terrain einer Boulevardpresse nicht verlässt. Im Gegenteil – die Schwärmerei der Regie entartet in einer Überstilisierung, die man aus dem Propagandakino einer Leni Riefenstahl kennt. Geht es dabei aber wirklich um Jackie Kennedy? Oder um Natalie Portman? Hat Noah Oppenheim das Drehbuch für Portman geschrieben? Oder war es umgekehrt? Jedenfalls dürften beide Personen beim chilenischen Filmemacher einen persönlichen Hype ausgelöst haben. Und ohne Zweifel, Portman gibt alles. Einmal verklemmt kokettierend mit der Kamera, beim Zitieren eines Filmes aus den frühen Sechzigern, der einen Rundgang durchs Weiße Haus beschreibt. Einmal in ihrer erschütterten Trauer resignierend und ihr neues Ich suchend, das schneller verfügbar sein musste als man im Grunde verlangen kann. Einen trauernden Menschen kann man nicht drängen. Einen selbigen, der noch dazu in der Öffentlichkeit steht, schon. So reflektiert die bildschöne Schauspielerin alle Spektren ihres Könnens und macht aus ihrer darzustellenden Figur eine durch das Unglück des Lebens kämpfenden Apostelin, die nicht nur um das Andenken ihres Ehemanns, sondern auch um das eigene bemüht ist. Damit haben wir aber auch schon den einzigen reflektierenden Aspekt, verkörpert durch einen namenslosen Journalisten, der unbequeme Fragen stellen darf, dem aber verboten ist, Gesagtes publik zu machen.

Dennoch: Jackie Kennedy bleibt auch nach diesem Interview eine Unbekannte, bleibt doch ihr Charakter in ihrem Ausnahmezustand verzerrt. Wie und wo sie gelitten hat, was sie womöglich gedacht und wozu sie imstande gewesen wäre – die Interpretation besteht aus Verhaltensweisen, die jedem trauernden Menschen eigen sind. Somit bleibt Jackie eine filmische Spekulation und eine haltlos übertriebene Ikonografie, die sich in den Zügen Natalie Portmans suhlt und ihr wie auch der späteren Onassis-Gattin bar jeglicher Behutsamkeit in der Inszenierung ein Ungetüm von Denkmal errichtet. Ein künstlerischer Film, durchaus. Aber im wahrsten Sinne des Wortes ein Facebook-Bericht, gespickt mit distanzlos-distanzierten Profilbildern aus dem tief getroffenen Establishment.  

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