Mayday

SCHIFFEVERSENKEN AUF #METO

4/10


mayday© 2022 Plaion Pictures


LAND / JAHR: USA 2021

BUCH / REGIE: KAREN CINORRE

CAST: GRACE VAN PATTEN, MIA GOTH, SOKO, HAVANA ROSE LIU, JULIETTE LEWIS U. A.

LÄNGE: 1 STD 40 MIN


Junge Frauen, die sich in eine Alternativwelt flüchten – ein Szenario, das nicht erst seit Zac Snyders Sucker Punch vertraut vorkommt, einem Psycho-Action-Mix, der sich darum bemüht hat, die Genregrenzen zu sprengen, dabei aber beiden Komponenten, nämlich phantastischen Schauwerten und psychologischem Drama, nicht gerecht werden konnte. Wir drehen das Rad noch weiter zurück und landen bei Lewis Carrolls Alice im Wunderland, ein Fluchtort mit Hasen, Eierköpfen und einer Armee Rummykarten, die von einer Herzkönigin angeführt werden. Natürlich steckt da in diesen Abenteuern viel mehr als nur bis ins Surreale ausufernde Fantasie – es ist das symbolistische Psychogramm einer Mädchenseele, ein reichlich illustriertes Coming of Age mit allerlei heimtückischen oder bedrohlichen Hindernissen. Zwischendurch gibt’s weise Raupen oder grinsende Katzen. Sehr viel später gab‘s zum Sundance Filmfestival 2021 eine ganz andere filmische Herangehensweise zur Analyse weiblicher Befindlichkeiten: Mayday nennt sich dieser Film, und er lässt vier Mittzwanzigerinnen an einer mediterran anmutenden Meeresküste aufeinandertreffen, die sich als irgendwo in Kroatien erkennen lässt.

Pinienwälder und Felsküsten, klares Wasser noch dazu. Ein Ort, an dem Mann und Frau es durchaus lange aushalten könnten? Prinzipiell ja, doch der maskuline Part ist hier unerwünscht. Es lebe die vereinte #MeToo-Exekutive, verschanzt in einem alten, gestrandeten U-Boot, mit dem einzigen Lebensziel, toxischer Männlichkeit mit toxischer Weiblichkeit zu begegnen. Männer sind Schweine, und nichts anderes scheinen diese verdient zu haben. Überdies herrscht Krieg. Krieg zwischen den Geschlechtern, und während der militante Feminismus Land gewinnt, saufen die Männer regelrecht ab. Das passiert, indem das Viererteam nichts anderes tut, als falsche SOS-Funksprüche abzusetzen, um von Männern besetzte Panzerkreuzer in unwirtliche Gegenden zu steuern, aus denen es kein Zurück mehr gibt. Ein Krieg also wie Schiffe versenken.

Ana, die nach ihrem Suizid in einem Backofen (wie bitte, was?) als letzte zu den selbsternannten Amazonen stößt, wird im Laufe ihres neuen Lebens an dieser Küste den niemals enden wollenden Krieg langsam hinterfragen. Eine Konfrontation mit ihren Leidensgenossinnen ist nur noch eine Frage der Zeit. Genauso wie das Ende eines schleppend inszenierten Kunstfilms, der wohl im Dunstkreis der längst überfälligen und notwendigen #MeToo-Bewegung von Autorenfilmerin Karen Cinorre entworfen und umgesetzt wurde. Im frei fabulierbaren Independentkino (und zum Glück ist das so, sonst hätten wir nur generische Marktforschungsergebnisse auf der Leinwand) können Künstlerinnen und Künstler oft tun und lassen, was sie wollen, vorausgesetzt, dass das, was sie auszusagen haben, jene, die das Ganze subventionieren, überzeugen kann. Für einen Film über Stärke und Selbstbestimmung des weiblichen Geschlechts war Geld vorhanden, allerdings bei weitem nicht so viel wie für Sucker Punch. Mayday begnügt sich mit allerlei Kompromissen – visueller und narrativer Natur –, die das traumartige Wunderland-Szenario ausbremsen. Man erkennt das Bedauern in dem Film, Abstriche machen zu müssen. Dafür rücken Schauspielerinnen wie Mia Goth (X), die sich im Männerhass suhlt, dominant ins Bild eines leidlich spannenden Alltags aus redundanten Aktivitäten und unbeholfenen Scharmützeln.

Mayday verurteilt zwar den Mutwillen, alles Männliche als frauenfeindlich und sexistisch zu betrachten, kommt aber über ein Tanzen ums gemeinsame Lagerfeuer nicht hinaus. Mit anderen Worten: Das Drama wartet auf eine Flut, die niemals kommen wird.

Mayday

Der Engländer, der in den Bus stieg und bis ans Ende der Welt fuhr

DAS ABENTEUER DES UMSTEIGENS

5/10


thelastbus© 2022 capelight pictures


LAND / JAHR: GROSSBRITANNIEN 2020

REGIE: GILLIES MACKINNON

CAST: TIMOTHY SPALL, PHYLLIS LOGAN, GRACE CALDER, CELYN JONES, IAIN ROBERTSON, BEN EWING, COLIN MCCREDIE U. A.

LÄNGE: 1 STD 28 MIN


Die wohl am tiefsten hängenden Mundwinkel der Filmgeschichte: Timothy Spall kann diesen Titel getrost an seine Fahnen heften. So muss Mann einmal dreinblicken wie der Brite in seiner Solo-Performance Der Engländer, der in den Bus stieg und bis ans Ende der Welt fuhr. Im Übrigen: ein ziemlich langer Titel für einen relativ kurzen Film, dafür aber ist die Reise, der wir hier beiwohnen dürfen, lang genug, also relativiert sich das wieder. Im englischen Original heißt das Werk ohnehin nur The Last Bus, wobei dieses eine letzte öffentliche Verkehrsmittel aus ganz vielen besteht, die jeweils bis zu ihrer Endstation zuckeln und den uralten Greis aus- und umsteigen lassen. Was hat er vor, dieser Mann, der doch lieber seinen Lebensabend auf der Veranda vor seinem Haus in gemütlicher Lethargie verbringen sollte wie Brian Dennehy in Driveways?

Timothy Spall spielt einen Witwer, dessen Liebe seines Lebens an Krebs verstorben ist, bevor beide noch jene Reise antreten wollten, die sie immer schon geplant hatten: Nämlich wieder dorthin zurück, von wo sie nach dem plötzlichen Kindstod ihrer Tochter aufgebrochen waren, um all die schlechten Erinnerungen und dunklen Wolken hinter sich zu lassen. Um mit dem Leben und seinem Ballast aber wirklich reinen Tisch zu machen, gehört auch der Mut dazu, sich der Tragik des Lebens zu stellen. Da muss Tom nun alleine ran. Ausgerüstet mit einem kleinen Koffer und wackeligen Schrittes tourt er von Haltestelle zu Haltestelle und fällt bald zahlreichen Fahrgästen auf, die mit ihren mobilen Endgeräten das seltsame und manchmal aber auch bravouröse Verhalten des gebrechlichen Kauzes dokumentieren und veröffentlichen. Will der das denn? Zumindest fragt ihn keiner. Doch wo kein Kläger da kein Richter, und der alte Tom hat von Handys und all dem Social Media-Kram sowieso keine Ahnung. Das sind Dinge, die für ein Leben wie das seine wenig relevant sind.

Für den Film selbst hat der versteckte Ruhm des zunehmend immer gebrechlicher werdenden Tom genauso wenig Bedeutung. Ob Follower oder Fans, ob Roadmovie-Jünger oder die Willkommensgruppe am Ende des Weges – vielleicht will Regisseur Gillies MacKinnon (u. a. Marrakesch mit Kate Winslet) nur ganz klar Stellung beziehen, wenn es darum geht, im Ranking der wirklich wichtigen Dinge im Leben Social media ganz nach hinten zu reihen. Wen schert es schon, ob andere beim Aussteigen aus dem Bus Beifall klatschen, ohne zu wissen, worum es eigentlich geht. Da ist ganz viel Trauer, die Timothy Spall mit sich herumträgt, als würde ein zenterschwerer Fels auf seinen Schultern lasten. Je weiter der Weg, desto schwerer wird die Last. Spall ächzt und stolpert und wackelt seinen Weg entlang, und wenn er nicht, vorgebeugt und verbittert, vor sich hin trottet, bleibt in der Geborgenheit öffentlicher Busse Zeit für ein Schläfchen. Bei Spall ist nicht klar, wie sehr der Zahn der Zeit an dem Mann bereits tatsächlich genagt hat und was gespielt ist: Zu glauben ist ihm alles – der arthritische Gang, das Husten und Spucken, der unendlich traurige Blick. Spall spielt nicht, er steckt bis über beide Ohren in dieser fiktiven Figur und lässt ganz vergessen, dass die meisten ihn eigentlich aus dem Harry Potter-Universum kennen, als er „Wurmschwanz“ Pete Pettigrew gegeben hat. Das ist auch schon eine Ewigkeit her, und Spall ist zumindest in diesem Film ewig älter geworden.

Der Engländer, der in einen Bus stieg und bis ans Ende der Welt fuhr will dank seines deutschen Titels all jene ins Kino locken, die schon mit dem Hundertjährigen, der aus dem Fenster stieg und verschwand ihre Freude hatten. Sie werden enttäuscht sein. MacKinnons Film birgt wenig Humor, keine sozialpolitischen Seitenhiebe und Leichtigkeit ist aufgrund bereits erwähnter steinerner Schulterlast etwas für Rad-, nicht aber für Busfahrer. Joe Ainsworths Drehbuch ist ein geradliniges Rührstück, das nichts sonst notwendig hat außer Timothy Spall, der genauso gut mit einem Marsch durch eine menschenleere Postapokalypse dasselbe Ziel erreicht hätte. All die peripher auftretenden Begegnungen sind für Spalls Figur so bereichernd wie Social Media. Von dieser Flüchtigkeit lässt sich auch MacKinnon anstecken. Und legt keinerlei Wert darauf, aus den alltäglichen Miniaturen, die die Straße säumen, irgendeinen Mehrwert zu ziehen.

Der Engländer, der in den Bus stieg und bis ans Ende der Welt fuhr

The Black Phone

WENN DIE TOTEN ZWEIMAL KLINGEN

7/10


The Black Phone
© 2022 UNIVERSAL STUDIOS. All Rights Reserved.

LAND / JAHR: USA 2022

BUCH / REGIE: SCOTT DERRICKSON, NACH EINER KURZGESCHICHTE VON JOE HILL

CAST: ETHAN HAWKE, MASON THAMES, JEREMY DAVIES, JAMES RANSONE, MADELEINE MCGRAW U. A. 

LÄNGE: 1 STD 44 MIN


Wenn Jugendliche im Schulterschluss gegen das Böse kämpfen, kommt einem derzeit natürlich sofort Stranger Things in den Sinn. Wenn nicht Stranger Things, dann zumindest Stephen Kings Es. Der Manifestation panischer Ängste in Gestalt eines zähnefletschenden Clowns konnte Bill Skarsgård unter der Regie von Andrés Musschietti neues Grauen einhauchen, allerdings trieb das Böse hier auf keinem Boden der Tatsachen sein Unwesen, sondern im Genre des phantastischen Horrors. Dort stehen seit jeher unbedarfte, von den Härten des realen Leben noch weitgehend verschonte Kids im Fokus der dunklen Mächte. Denn: Irgendwann zieht irgendwo immer etwas Paranormales ein Kind auf die andere Seite.

Scott Derrickson lässt das Phantastische außen vor. Er probiert es von der anderen Seite. Und krempelt die gesetzte Ordnung von Metaphysischem und Irdischem ordentlich um. Sein Psychothriller The Black Phone zeigt das Böse in Gestalt eines maskierten Mannes, der für jede Situation die richtige Visage hat. In diesem Thriller, der Ende der Siebziger in irgendeiner Kleinstadt spielt (wo sonst?), treibt dieser Grabber sein Unwesen. Ein finsterer Geselle mit schwarzem Lieferwagen, der Kinder, vornehmlich Buben, von der Straße wegzerrt und schwarze Luftballone am Tatort hinterlässt. Ein Psychopath mit System. So wie Kindermörder M aus Fritz Langs gleichnamigem Klassiker. Eines Tages trifft es den jungen Finney, der ohnehin eine schwere Kindheit mit sich herumschleppen muss. Die Mutter verstorben, der Vater Alkoholiker, in der Schule mobben die Halbstarken. Einzig Schwester Gwen, die in ihren Träumen in die Zukunft sieht, gibt ihm Halt. Als sich Finney jedoch im Keller des bösen Mannes auf sich allein gestellt sieht, läutet ein kaputtes, schwarzes Telefon. Am Apparat: Das Jenseits. Es gilt: Kein Anschiss unter dieser Nummer. 

Klingt extrem gruselig. Ist es aber nur manchmal. Denn, wie schon gesagt, dreht Derrickson den Spieß um. Aus einem paranormalen Horrorfilm im Gewand eines Krimis wird ein durchwegs düsterer, in schmutzig-rostigen Brauntönen gefilmter Entführungsfall, der in seiner desillusionierenden Machart an David Finchers Zodiac erinnert, allerdings durchsetzt mit paranormalen Elementen. Peter Jacksons Jenseits-Thriller In meinem Himmel mit Saoirse Ronan kommt ebenfalls hin, nur bleibt von bunten Seifenblasen und einer CGI-Wunderwelt nichts mehr übrig. Derrickson macht auf Aktenzeichen XY ungelöst, bleibt puristisch, ungeschönt und karg. Ethan Hawke, dessen Verhalten mit keinerlei psychologischen Erklärungen untermauert wird und der als finsteres wie plakatives Abziehbild eines vorsätzlichen, allerdings auch recht generischen Verbrechers seine wohl böseste Rolle verkörpert, kaspert bedrohlich durchs Halbdunkel. Ein gesichtsloses Schreckgespenst, vor welchem Kinder wie vorm schwarzen Mann händeringend vor die Knie gehen oder sich hinter dem Rockzipfel der Mutter verstecken, wäre sie hier.

Doch all diese Gestalten, bösen Männer und Psychopathen, die sollen zum Teufel gehen. Das ist dort, wo die Geister in diesem Film nicht sind. Wenn Finney seine Tipps von all jenen erhält, die der Grabber über die Klinge springen ließ, ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis man Finney und seine Schwester, die durch ihre Träume versucht, ihren Bruder zu finden, im Stillen anfeuert. Dabei zeigt Derrickson viel Mitgefühl für seine Protagonisten und entwirft mit ruhiger Hand ein Szenario des morbiden, leisen Schreckens hinter und vor verschlossenen Türen – aber auch einen so beharrlichen wie berührenden Siegeszug der Verlorenen, die nicht umsonst gestorben sein wollen.

Kinder sind zäh. Lassen sich kaum unterkriegen oder brechen. Sind resilienter als Erwachsene und greifen auf ein Spektrum helfender Imaginationen zurück, die entweder eine ganz neue, irreale Welt erzeugen – oder mit einer existierenden, verborgenen Dimension in Verbindung treten. Und: Sie haben einen langen Atem. Alles Dinge, womit das Böse nicht rechnen will. Und zwar aus reiner Überheblichkeit.

The Black Phone

Dual

GUTEN TAG, ICH WILL MEIN LEBEN ZURÜCK

7/10


dual© 2022 Courtesy of Sundance Institute


LAND / JAHR: USA/FINNLAND 2022

BUCH / REGIE: RILEY STEARNS

CAST: KAREN GILLAN, AARON PAUL, BEULAH KOALE, ANDREI ALÉN, MAIJA PAUNIO, KRISTOFER GUMMERUS U. A.

LÄNGE: 1 STD 39 MIN


Sich im Leben zu behaupten und nicht mehr davonlaufen: Wenn man nur wüsste, wie das geht. Wenn man nur all dem sozialen Murks auf erlernte Weise ausweichen könnte; wenn man Angreifern Paroli bäte oder einfach selbstbewusster wäre. Einen Weg in diese Richtung hat Autorenfilmer Riley Stearns bereits eingeschlagen. Und zwar jenen der Selbstverteidigung. Warum nicht einfach einen Kurs buchen, bei der Sportunion oder in der Volkshochschule, um Heldin oder Held des Alltags zu werden? Doch auch das kann in die Hose gehen. Stearns Groteske The Art of Self Defense ist schadenfrohes, schwarzes Satirekino – voll verpeilter Figuren, soziopathischer Tendenzen und dem ironischen Grinsen des praktisch veranlagten Stärkeren. Jesse Eisenberg gibt hier eine außerordentlich gute Performance ab, wenn nicht gar seine beste. Ein paar Jahre später ist nun Karen Gillan am Zug, bekannt als blauhäutige Halbschwester Gamoras aus dem MCU, aus Jumanji und natürlich aus dem unlängst in den Kinos für ordentlich Zunder verantwortlichen Gunpowder Milkshake. Gillan ist allerdings eine Schauspielerin, die es stoisch liebt. Oftmals wirkt sie arg ausdruckslos, fast schon mechanisch, jedenfalls in ihrer Mimik so sehr reduziert, dass man meinen könnte, einem Androiden dabei zuzusehen, wie er soziales Handling erlernt. Das war bei Gunpowder Milkshake, das war als Nebula so (wo es natürlich gepasst hat, da Gillan dort  einen Cyborg mimt). Jetzt verzieht sie in der Science-Fiction-Satire Dual ebenfalls kaum eine Miene. Und das gleich zweimal.

Denn wir schreiben eine Zukunft, die jener des präzisen und überraschend sehenswerten, aber überaus ernsten Dramas Schwanengesang ähnlich scheint. Ist ein Mensch dem Tode geweiht, hat er die Möglichkeit, den Verlustschmerz seiner liebsten Hinterbliebenen zu lindern, indem er einen Klon von sich anfertigen lässt, der im Vorfeld die Lebensagenda des sterbenden Menschen übernimmt. Eine schräge Idee, aber ganz eindeutig etwas, das impliziert, dass manche nicht nur an sich selbst denken. Sarah ist so jemand. Eine nicht näher definierte Krankheit wird sie dahinraffen, also erscheint Sarah 2 auf der Bildfläche. Das Schöne dabei: sowas lässt sich in Dual ambulant erledigen – nach einer Stunde nur ist der Stellvertreter fertig und bereit, die Eigenschaften des Originals zu erlernen. Dumm nur, dass die Monate vergehen und Sarah 1 plötzlich genesen ist, während Sarah 2 ihr schon längst Mann und Familie ausgespannt hat, weil das Duplikat einfach umgänglicher scheint. Sarah 1 will ihr Leben zurück, und dank der zukünftigen US-amerikanischen Gesetze ist die James Bond-Devise „Man lebt nur zweimal“ strafbar. Ein im TV übertragenes Duell auf Leben und Tod soll da Abhilfe schaffen.

Riley Stearns Filme sind lakonische Satiren, die eigentlich nicht den Anspruch erheben, eine in sich logische Realität abzubilden. Dual ist zum Beispiel die abstrahierte Umschreibung eines paradoxen Zustandes, der sich nicht um das Wie kümmert, sondern um das Was jetzt. Egal, wie absurd die Situation für Karen Gillan auch scheint – sie ist nun mal so. Und Gillan als Sarah holt sich als pragmatischer Buster Keaton die nötigen Skills, um sich aus dem Schlamassel zu ziehen. Dabei lehrt Breaking Bad-Star Aaron Paul nicht nur The Art of Self-Defense, sondern auch die des Angriffs. Und auch wenn Stearns gegen Ende das Genre eines subversiven Thrillers durchwinken lässt, nimmt Dual lediglich den Suppenwürfel einer Klon-Zukunft zur Hand, um in einem reduktiven Drama das vermeintlich bessere Leben, das man selbst nicht hat, als ebenso entbehrlich zu entlarven.

Dual

Old

GEMEINSAM ALT WERDEN

5/10


old© 2021 Universal Pictures Entertainment Germany


LAND / JAHR: USA 2021

BUCH / REGIE: M. NIGHT SHYAMALAN, NACH DER GRAPHIC NOVEL SANDCASTLE

CAST: VICKY KRIEPS, GAEL GARCÍA BERNAL, RUFUS SEWELL, ABBEY LEE, THOMASIN MCKENZIE, ALEX WOLFF, KEN LEUNG, NIKKI AMUKA-BIRD, ELIZA SCANLEN U. A.

LÄNGE: 1 STD 49 MIN


Kaum, so habe ich mir sagen lassen, beginnt die Pension, spult sich das Leben viel schneller ab als vorher. Die reguläre Arbeit fällt weg, man hat plötzlich viel mehr zu tun, und Wochenenden werden auch nicht mehr so heiß herbeigesehnt wie in Zeiten des Nine to Five. Mit der Pension kommt das spürbare Alter, nichts geht mehr so schnell wie man will. Am besten die Zeit anhalten, denn die Angst vor dem Zellabbau war und ist groß. Warum wohl hat Gräfin Báthory im Blut von Jungfrauen gebadet? Warum wollten sich wohl die Pharaonen einbalsamieren lassen? Die Angst vor dem Zerfall ist auch im Kino ein gern bedachter und erörterter Themenkreis. Mal abgesehen von den Untoten-Mysterien bleiben Filme wie Der Tod steht ihr gut einfach in Erinnerung. Der Horror entsteht dann erst, wenn das Altern plötzlich rasend schnell vonstatten geht, wie zum Beispiel in Tony Scotts Horrordrama Begierde. Ja gar in Indiana Jones zerfällt man zu Staub, wird der falsche heilige Gral zum Trunk gereicht. In 2001 – Odyssee im Weltraum musste Astronaut Dave sich selbst dabei zusehen, wie er im Eiltempo senil wird, dem Monolithen sei Dank. M. Night Shyamalan dringt mit seinem jüngsten Werk Old somit in keine allzu unbekannten Regionen vor. Allerdings erklärt er einen Zustand, der anderswo womöglich nur die Moral von der Geschichte wäre, zum Main-Act eines seltsamen Strandausflugs, der sich in vielen Szenen so anfühlt wie souveränes Formeltheater des Absurden.

Spannend ist dabei natürlich, zu beobachten, was Shyamalan aus dem leidigen Dilemma mit dem Älterwerden alles anstellt. An diesem Strand, der mich ob seiner kargen Felswände wirklich nicht von den Socken haut; der an sich schon etwas Bedrohliches aufweist und gegen die Felsbucht auf Zakynthos inklusive Schmuggler-Schiffswrack sowas von überhaupt nicht ankommt, sammeln sich wie bei Agatha Christie von jung bis alt unterschiedliche Ausflügler – zwei Familien und ein bekannter Rapper, der sich abseits hält –, um dem Bösen unter der Sonne die Stirn zu bieten. Doch als Hercule Poirot wird sich im Laufe der bizarren Begebenheiten keiner so wirklich aufspielen wollen. Stattdessen wundern sich Vicky Krieps (die bald als Sisi in Marie Kreutzers Corsage zu sehen sein wird), Gabriel García Bernal oder Thomasin Mackenzie über Wachstumsschübe und Sinnesdefizite, über plötzliche Schwangerschaften und wuchernde Krankheiten. Zurück zum Hotel kann das Grüppchen Sonnenbadender auch nicht, eine seltsame Kraft hindert sie daran. So hadern sie und akzeptieren ihr Schicksal, während der Nachwuchs kaum mehr wiederzuerkennen ist und die Zeit in Form von Zellzerfall allen davonläuft.

Natürlich ist das Gleichnis einer nicht aufhaltbaren Entropie wert genug, damit herumzuspielen. Shyamalan gefällt aber nicht nur der philosophische Ansatz daran. Der meist von älteren und ferneren Familienmitgliedern zu entsprechenden Zusammenkünften staunend herausposaunten Phrase „Groß bist du aber geworden“ zeigt der kreative Inder die lange Zunge. Schließlich impliziert das ja, dass der oder die Feststellende um genauso viel älter geworden sein muss. Doch es bleibt nicht beim Arrangement einer resignierenden Zwangsgemeinde, die sich der Dynamik des Alterns unterwirft – womit Old als surreales Statement sich selbst genügen könnte.

Shyamalan kann oder will jedoch nicht den Erwartungshaltungen seines Publikums zuwiderhandeln, erwartet dieses doch wieder den obligaten Story-Twist, vielleicht gar vom Kaliber wie in The Sixth Sense. Gut, sowas gelingt nur einmal, alle anderen Twists funktionieren als erfrischendes Storytelling aber doch noch. Um dieser Konvention treu zu bleiben, arbeitet Old auch im Bereich des Mystery-Abenteuerfilms, was sich nur holprig mit der gekünstelten, fast schon installationsartigen Zurschaustellung einer menschlichen Urangst vereinbaren lässt. Als Thriller bleibt Old auf der Strecke, als absurde Parabel mag der Film seine Stärken haben. Mit beidem aber akzeptiert Shyamalan während seiner unentschlossenen Strandwanderung halbherzige Kompromisse.

Old

Nowhere Special

BEREIT MACHEN ZUM LOSLASSEN

7/10


nowherespecial© 2021 Filmladen Filmverleih


LAND / JAHR: ITALIEN, RUMÄNIEN, GROSSBRITANNIEN 2020

BUCH / REGIE: UBERTO PASOLINI

CAST: JAMES NORTON, DANIEL LAMONT, BERNADETTE BROWN, CHRIS CORRIGAN, VALENE KANE U. A.

LÄNGE: 1 STD 36 MIN


Mit der Einsamkeitselegie Mr. May und das Flüstern der Ewigkeit hat mich der gebürtige Römer Uberto Pasolini nachhaltig beeindruckt. In diesem Meisterwerk – und das ist nicht übertrieben – lässt er Eddie Marsan nach Hinterbliebenen einsam Verstorbener suchen, während das Schicksal der Toten ihn selbst ereilt. Starker Tobak, kein erbauliches Thema, und trotz dieser Widmung für ein Tabu gelingt Pasolini eine wunderbar poetische, formvollendete Ode an die Nächstenliebe, die keineswegs für Trübsinn sorgt, sondern einfach nur enorm berührt, bewegt und erstaunt. Pasolini scheint einer jener Filmemacher zu sein, die sich dem gefälligen Trend an Themen auch nicht hingeben wollen. Er will vor allem einen Umstand betrachten, der es in Zeiten wie diesen mehr wert ist als viele andere, betrachtet zu werden: Das Füreinander.

Mit diesem Imperativ des Füreinander will Pasolini auch in seinem neuen Werk rund 8 Jahre später dem Dilemma des Allein- und Verlassenseins erneut die Stirn bieten. Diesmal aber aus einer ganz anderen Perspektive und einem ganz anderen Existenzbereich – nämlich jenem eines noch intakten familiären Gefüges aus Vater und Sohn. Zumindest sind hier zwei versammelt, die durch eine starke Bindung aus Liebe, Verantwortung und Vertrauen so schnell nichts aus der Bahn werfen kann. Dabei sei gesagt: Sohn Michael ist gerade mal 4 Jahre alt, ein süßer kleiner, recht introvertierter Bub, oftmals vor sich hin sinnierend und bei Papa all die Geborgenheit auskostend, die so ein kleiner Mensch tatsächlich braucht. Der Vater, John, gibt alles – doch wie lange noch? Wie es das Schicksal oft will, ist dieser an Krebs erkrankt und hat nicht mehr lange zu leben. Natürlich erfährt der kleine Michael davon nichts, doch diesem entgeht natürlich auch nicht, dass da irgendwas im Busch ist, wenn Papa immer mal wieder fremde Familien besucht. Warum tut er das, wird sich der Kleine wohl fragen. Ganz klar: Michael braucht neue Eltern, denn wenn John mal tot ist, hat der Kleine niemanden mehr.

Normalerweise schnürt es einem bei so etwas die Kehle zu und man bekommt kein Wort mehr heraus, weil der Frosch im Hals so groß ist. Noch dazu sieht Jungschauspieler Daniel Lamont dermaßen zum Steinerweichen aus, dass man am liebsten in den Film steigen und das Kind einfach an sich drücken will. Sich so vielen traurigen Aussichten auszusetzen – wer will das schon? Doch Pasolini ergeht sich nicht in Sentimentalitäten und hat auch überhaupt nicht vor, irgendwelche Tränendrüsen leerzudrücken. Er entwickelt einen Stil, wie ihn schon Ken Loach, der Meister des Sozialkinos, die längste Zeit souverän umsetzt – den nicht ganz nüchternen, aber objektiven Alltagsrealismus, die Draufsicht auf zwei Leben und deren Geschick, sich dem Unausweichlichen anzupassen. Die Chemie zwischen James Norton und dem kleinen Lamont stimmt, die letzten Tage und Wochen des Miteinanders verharren in einer unbekümmerten Gegenwart, anstatt sich in einer furchtvollen und verlustreichen Zukunft zu suhlen. Das macht Nowhere Special erträglich, wenngleich das gefühlvolle Drama dennoch seinen Weg findet, auf bescheidenem Wege das Herz zu berühren. Verblüffend aber, dass die Traurigkeit bei Pasolini tatsächlich von jener Art ist, die als schön empfunden werden kann. Der Schmerz eines Abschieds, verbunden mit dem Hallo eines Neuanfangs.

Nowhere Special

The Northman

DAS LIED VON BLUT UND FEUER

7/10


northman© 2022 FOCUS FEATURES LLC. ALL RIGHTS RESERVED.


LAND / JAHR: GROSSBRITANNIEN, USA 2022

BUCH / REGIE: ROBERT EGGERS

CAST: ALEXANDER SKARSGÅRD, ANYA TAYLOR-JOY, CLAES BANG, NICOLE KIDMAN, ETHAN HAWKE, GUSTAV LINDH, WILLEM DAFOE, RALPH INESON, BJÖRK, KATE DICKIE, INGVAR SIGURDSSON U. A.

LÄNGE: 2 STD 17 MIN


Ob Meerjungfrauen, Hexen oder die illustre Welt nordischer Gottheiten: Robert Eggers ist der neue Mythen-Mentor unter den Filmemachern, und ich bin wahnsinnig gespannt darauf, was als nächstes kommen wird. Obwohl ich diesen seinen brandneuen Testosteron-Burner erst noch verdauen muss. Nicht falsch verstehen, das meine ich nicht in negativem Sinne, dafür bietet The Northman einfach zu viele Komponente, um das Werk über einen Kamm zu scheren. Wenn ich mich hier im Kinosaal umsehe, würde ich wohl kaum auf jemanden stoßen, der die Erfolgsserie Vikings noch nicht gesehen hat. Ich werde mitunter auf LARPer und Fans mittelalterlicher Feierlichkeiten treffen, oder einfach auf jene, die Anya Taylor-Joy zu faszinierend finden, um einen Film mit ihr auszulassen. Das findet Robert Eggers auch, seit er sie in The Witch mit uralter Waldesmagie in Berührung gebracht hat. Hier, im neunten Jahrhundert nach Christi, spielt die außergewöhnliche junge Dame eine slawische Sklavin aus dem Gebiet der Rus, entführt von einer Horde Berserker, die fix davon überzeugt sind, als wilde Bären die Palisaden zu erstürmen. Es schillern die regennassen, nackten Oberkörper wie den Witterungen ausgesetzte Schüttbilder von Hermann Nitsch – erd- und blutbesudelt, breitschultrig und immer wieder mal den rasenden Sohlengänger imitierend. Unter ihnen: Skarsgård-Spross Alexander, dereinst als Tarzan mit den Affen schwingend, gibt er sich jetzt das Wikingerschwert. Dabei vergisst er völlig, was er eigentlich längst hätte tun sollen: Rache nehmen. Nämlich so, wie es einige Jahrhunderte später Prinz Hamlet aus der Feder William Shakespeares tun wird. Denn auf diese altdänische Sage geht der Bühnenklassiker schließlich zurück. Und dort, unter wolkenverhangenem Himmel und am Fuße spuckender Vulkane Islands, treffen sich der Filmemacher und der halskrausige Vielschreiber, um sich auf ein paar inhaltliche Fixpunkte zu einigen, die beide Geschichten verbindet. Und natürlich: Skarsgårds Figur nennt sich Amleth. Kenner wissen, was folgt.

Die, dies nicht mehr so genau wissen – darunter ich selbst: Fjölnir, der Bruder von Aurvandil, König von Jütland, tötet diesen und setzt sich selbst und Witwe Gudrun die Krone auf. Sohnemann Amleth muss untertauchen – über Jahrzehnte hinweg. Findet sich als Krieger unter Kriegern wieder und bekommt dank Björk in Gestalt einer augenlosen Seherin (augenlos sind sie anscheinend immer, auch in Vikings) den Reminder, endlich die Sache mit der Rache anzugehen. Fast hätte Amleth es vergessen – er muss nach Island, dort hat sich Fjölnir samt Hofstaat zurückgezogen, da Jütland wieder jemand anders eingenommen hat. Egal, die Rache gilt dem Onkel, also tut Amleth so, als wäre er ein Sklave und schifft sich auf die Insel aus, mitsamt der gachblonden Taylor-Joy, die bald zu Amleths Vertrauter wird. Die Götter sind mit ihm, die Walküren reiten gen Himmel und wieder zurück, und selbst der Narr des ermordeten Königs meldet sich aus dem Jenseits. Magie ist dort, wo der Glaube an Odin und Konsorten erblüht wie nie zuvor.

Was den Leuten aber auf Island blühen wird – da können sich zartbesaitete schon prophylaktisch die Hand vorhalten: Robert Eggers hat nämlich die Bühne frei für eine Wagnerianische Oper Deluxe, einem mit Blut- und Beuschel garnierten Männerdrama um niedere Instinkte und maskuline Eitelkeiten, die sich dann Bahn brechen, wenn muskelgestählte Kriegsmaschinen um die Wette brüllen, dabei geifern und mit dem Schwert wütend aufs Schild klopfen. Ein feuchter Männertraum wird wahr, in The Northman. Da freut sich das wilde Kind in uns Y-Chromosomträgern, wenn einer, der Conan den Met halten lässt, seinen inneren Bären entfesselt. Um dieses profane Brusttrommeln errichtet Eggers aber das, wofür man ihn bewundern kann: ein mythisches Universum aus verregneten Wikingergehöften und lodernden Flammen vor entsättigtem, beinahe schwarzweiß gehaltenem Dämmerlicht. Es schneit, es donnert, es ist ringsherum finster, wenn das magische Schwert seinen Bluthunger stillt. Klar erinnert The Northman an die unkonventionellsten Momente in Vikings, doch Eggers setzt noch eins drauf und scheint dabei manchmal zu viel zu wollen. Die epische Wucht, die einen förmlich niederdrückt, ist aber genau das, was der Visionär aber nicht unbedingt am besten kann. Womit er brilliert, sind die Szenen, die weder real noch Imagination sind, sondern irgendwo dazwischen. Ikonische Gestalten, die scheinbar wirres Zeug faseln, im höhlenartigen Halbdunkel einer Psyche, die es zerreißt zwischen Pflichterfüllung und Friedenfindung.

The Northman ist Naturalismus pur, ein wilder Ritt und eine Sensation fürs unempfindliche Auge. Wenngleich der Überschuss an Raserei manchmal in selbiges geht.

The Northman

Liebe

BIS DASS DER TOD UNS SCHEIDET

7,5/10


Liebe© 2012 Filmladen Filmverleih


LAND / JAHR: FRANKREICH, DEUTSCHLAND, ÖSTERREICH 2012

BUCH / REGIE: MICHAEL HANEKE

CAST: EMMANUELLE RIVA, JEAN-LOUIS TRINTIGNANT, ISABELLE HUPPERT, ALEXANDRE THARAUD, WILLIAM SHIMELL, RITA BLANCO U. A.

LÄNGE: 2 STD 7 MIN


Zehn Jahre hat es gedauert, bis ich mich imstande sah, mir Michael Hanekes wohl erfolgreichstes filmisches Werk zu Gemüte zu führen. Liebe ist schließlich kein Streifen, welchem man sich einfach so zwischendurch oder gemütlich, nach einem anstrengenden Tag, aussetzen möchte. Liebe ist auch nichts zur Unterhaltung oder zur Zerstreuung, sondern etwas, das dem Zuseher eine gewisse Bereitschaft abverlangt, das zu Sichtende entsprechend zu fokussieren. Das Kammerspiel um die Opferbereitschaft von zwei alten Menschen birgt überdies Inhalte, die so sehr mit dem realen Alltag zu tun haben, dass man selten bereit dazu sein mag, die eigene Freizeit mit derlei Problemen zu belasten. Denn wer kennt sie nicht: die eigenen Eltern oder Großeltern, daheim oder im Heim darniederliegend und wartend auf das Grande Finale, auf den Wechsel vom Diesseits in eine andere Daseinsform, weil das Diesseits überhaupt nichts mehr besitzt, wofür es sich zu atmen lohnt. Da sind eine ganze Menge Emotionen mit im Spiel, Trauer und Verlustangst, bittere Melancholie und vielleicht auch Wut. Vor allem aber Verzweiflung und Tränen. Diese alten Menschen hier könnten frappante Ähnlichkeiten mit der eigenen weiter gefassten Biographie aufweisen – doch das sind nur Zufälligkeiten. Nicht aber für Michael Haneke selbst, der seine Geschichte autobiographisch gefärbt hat. Und man darf sich von einem nicht in die Irre führen lassen: dass Haneke, der mit vielen seiner Filme schon verstört hat, dieser Ambition auch nicht immer folgen will. Das verhält sich so ähnlich wie David Lynch und seinem tragikomischen Ausreißer The Straight Story. Auch Lynch kann anders – warum nicht auch Haneke? Und dem ist auch tatsächlich so: Liebe ist des Meisters zugänglichster und behutsamster Film. Er schockiert nicht, übertreibt nicht und quält nicht. Er mag zwar in seiner fortlaufenden Handlung radikale Maßnahmen ergreifen, doch je genauer man diese betrachtet, um so mehr setzt Liebe auf eine nonkonforme, aber nüchtern betrachtet zutiefst humane Schrittsetzung. 

Haneke, der gerne französisch filmt, vereint in einer noblen Wohnung irgendwo nahe des Zentrums von Paris ein Leinwandehepaar, deren Namen Filmkenner in den Ohren klingeln: Jean-Louis Trintignant und Emmanuelle Riva (Durchbruch mit Alain Resnais Hiroshima, mon amour). Für beide dürfte dieses Konzept eines um die elementarsten Dinge des Lebens handelnden Kammerspiels ein Anliegen gewesen sein – vielleicht auch, um eigene Ängste und Sehnsüchte zu verarbeiten. Beide lassen, sofern sie diese je gehabt haben, Eitelkeiten und Allüren vor der Haustür und sind, was sie sind: aufs Wesentliche reduzierte Liebende. Evira, deren Schauspiel hier kaum zu toppen ist, gibt die pensionierte Klavierlehrerin Anne, die eines Morgens am Frühstückstisch einen Schlaganfall erleidet – dies führt zu einer missglückten Operation, die den verheerenden Fortschritt einer solchen Krankheit letztlich auch nicht aufhalten kann. Anne ist halbseitig gelähmt und wird zum Pflegefall, will aber partout in kein Krankenhaus. Georges respektiert dies, will seine bessere Hälfte auch nicht umstimmen, und tut, was in seiner Macht steht, um seine Lebenspartnerin im letzten Abschnitt ihres Daseins zu pflegen. Was sogar machbar gewesen wäre, würde es nicht rapide bergab gehen. In diesem degenerativen Mahlstrom sieht sich Georges gezwungen, zum Äußersten zu greifen. Im Sinne seiner großen Liebe.

Es gestaltet sich schwierig, einen Film, der von Kritikern lobgepriesen und mit Auszeichnungen überhäuft wurde, unvoreingenommen zu betrachten. Sind da andere Meinungen überhaupt möglich, ohne dass impliziert werden kann, diese Art Kunst nicht verstanden zu haben? Diese Frage muss ich mir zum Glück nicht beantworten – Liebe ist ein präzise ausformuliertes, streng komponiertes Ereignis und soweit vom Kitsch und anderen Sentimentalitäten entfernt, dass man diesen Film fast schon einem anderen Genre zuordnen möchte. Michael Haneke ist ein Meister der Reduktion – hier treibt er das Weglassen offensichtlicher narrativer Elemente an die Spitze. Seiner Vorliebe für das indirekte Spiel, Stimmen außerhalb des Blickfelds und halb geöffneten Türen gewährt er die Chance, ein strenges Alphabet zu kreieren, dass nichts dem Zufall überlässt. Bleiben Emotionen da außen vor? Zumindest solche, die aus Mitgefühl Mitleid heischen würden. Daher ist Liebe kein bleiernes Bestürzungsdrama, sondern unerwartet schwerelos und leicht, pragmatisch und von endgültigen Entscheidungen geprägt. Hanekes Film ist eine Begegnung mit dem Schicksal, ohne dieses zu verachten. Und genau in dieser Methode liegt überraschend viel Trost.

Liebe

Schwanengesang

DIE LEBENDEN SCHADLOS HALTEN

7,5/10


schwanengesang© 2021 Apple Studios


LAND / JAHR: USA 2021

BUCH / REGIE: BENJAMIN CLEARY

CAST: MAHERSHALA ALI, GLENN CLOSE, NAOMIE HARRIS, AWKWAFINA, ADAM BEACH U. A.

LÄNGE: 1 STD 56 MIN


Über Klone und ihre Nebenwirkungen gibt es in Film und Fernsehen jede Menge Stoff. Das fängt schon bei Star Wars und seinen Klonkriegern an, findet zum Beispiel in Gemini Man mit Will Smith seine actionlastige Interpretation oder macht in Alles, was wir geben mussten Menschen zu lebenden Ersatzteillagern. Ein Klon ist zumindest gesellschaftspolitisch gesehen die zweitklassige Version des Originals, obwohl hier eigentlich kein Unterschied besteht, zumindest physisch nicht. Da Erziehung und Umwelt den Charakter prägen, können genetisch idente Personen ohne weiteres grundverschieden sein. Ein Thema also, das die Science-Fiction der Popkultur reichlich beschäftigt hat – und beschäftigen wird. Doch selten passiert es, dass ein Film so sehr über die Austauschbarkeit eines Menschenlebens nachgrübelt wie Schwanengesang, das Werk des irischen Autorenfilmers Benjamin Cleary, veröffentlicht auf dem Streamingportal Apple+.

Gebt diesem Mann mehr Scripts – denn Cleary hat Talent. Schwanengesang stammt gänzlich aus dessen Feder, und hier sieht man wieder, dass Buch und Regie in einer harmonischen Wechselwirkung stehen, sich gegenseitig ergänzen können und keinen Plot-Holes zum Opfer fallen müssen. Cleary vermeidet dies, da seine Geschichte erstens auf eine gelassene Art kühne philosophische Überlegungen anstellt, und zweitens die Geschäftstüchtigkeit eines Klon-Konzepts auf die Probe stellt. In beiden Fällen geht die Rechnung auf.

Mahershala Ali, der demnächst als Blade die Klingen schwingen wird, ringt diesmal mit einer todbringenden Krankheit, für die es keine Genesung gibt. Der Grafiker Cameron Turner muss sich, ob es ihm passt oder nicht, von seiner Familie verabschieden. Ein Ding der Unmöglichkeit. Jahrzehnte früher hätte das Schicksal keine Gnade gekannt, nun aber gibt es Plan B. Und Cameron kann froh sein, in einer nicht allzu fernen Zukunft zu leben, wo das Klonen unter bestimmten Voraussetzungen erlaubt zu sein scheint, allerdings hat diese Hintertür noch nicht so wirklich die Runde gemacht. Cameron plant, ohne dem Wissen von Frau und Kind, einem Klon – gespeist mit den eigenen Gedanken, Gefühlen und Erinnerungen – sein eigenes Leben übernehmen zu lassen. Niemand würde etwas merken, nicht mal der Klon selbst, denn der hätte an seine Herkunft keine Erinnerung mehr. Wäre das moralisch vertretbar? Oder geht’s beim Sterben doch nur um den, der stirbt?

Beim Sterben ist man selbst zwar immer der Erste, die Hinterbliebenen bleiben aber die letzten, für die es keinen Trost gibt. Interessant, dieses Hinterfragen eines endgültigen Zustands wie den des Todes: Für den Verblichenen oder für den, der stirbt, ist das Verlassen dieser Welt von einem Moment auf den anderen eine ausgestandene Sache – auf zu neuen Ufern, wohin sie auch führen. Das Schmerzliche am Sterben ist das Hinterlassen einer Lücke. In Schwanengesang geht’s darum, diese Lücke gerade noch zu Lebzeiten aufzufüllen, und die, um die es beim Sterben wirklich geht, nicht leiden zu lassen. Kein leichtes Thema, noch dazu ein Dilemma, doch Cleary verliert sich nicht in impulsiver Mieselsucht, auch wenn das Wetter im Film den Status Quo der Seele in waldiger Tristesse widerspiegelt: Schwanengesang ist ein vernunftorientiertes, klar durchdachtes Spiel mit den Möglichkeiten, die in Zukunft das Spektrum aus Moral, Wissenschaft und Selbstlosigkeit erweitern, ohne dabei aber die Schlechtigkeit des Fortschritts zu plakatieren. Clearys Film macht hier mal eine wohltuende Ausnahme und wagt den Schritt eines ethischen Umdenkens. Das ist großartig ausformuliert und stringent erzählt, wenngleich Abschied und Neuanfang natürlich nicht ohne Tränen vonstatten gehen können. Liebesbekundungen und innige Momente steigern sich am Ende in zu viele Sentimentalitäten hinein, behalten aber das große Ganze dieses inhaltlich innovativen Filmkonzepts im Blick.

Schwanengesang

Silent Night

LETZTE WEIHNACHTEN

6/10


silentnight© 2021 capelight pictures


LAND / JAHR: GROSSBRITANNIEN 2021

BUCH / REGIE: CAMILLE GRIFFIN

CAST: KEIRA KNIGHTLEY, MATTHEW GOODE, ROMAN GRIFFIN DAVIS, ANNABELLE WALLIS, LILY-ROSE DEPP, SOPE DIRISU U. A. 

LÄNGE: 1 STD 32 MIN


… oder eben Last Christmas. Wham! hat‘s ja schon immer gewusst. Irgendwann ist es das letzte Mal, und bevor die Welt oder vielmehr die Menschheit untergeht, ist eines der Dinge, die man vorher noch gemeinsam tun kann: Weihnachten feiern. Glücklicherweise ist die Apokalypse terminlich gesehen absolut verlässlich und gewährt zumindest in Großbritannien noch eine Gnadenfrist bis zum Christtag, damit nochmal gehörig aufgetischt und abgetanzt werden kann. Der guten Mutter Erde reicht es nämlich, und sie hat es satt, Homo sapiens länger erdulden zu müssen. Also schickt sie Giftstoffe quer über die Kontinente. Manche Stimmen meinen allerdings, es könnten auch die Russen sein. Wie auch immer. Um nicht ganz so leiden zu müssen, gibt’s die Pille davor…

Was für ein Weihnachtsfilm. Einer, bei dem sowas von überhaupt keine Stimmung aufkommen will. Da nützt selbst Jose Feliciano nichts mehr, und auch nicht ein begnadet dahingesungenes Stille Nacht. Wer da noch in Feierlaune ist, scheint ein Meister der Verdrängung zu sein. Sobald klar wird, zu welchem Anlass all die Freunde unterm Mistelzweig zusammenkommen, ist das Zuschnüren der Kehle nur noch eine Frage der Zeit. Manche haben Angst, manche resignieren. Manch ein Nichtmalnoch-Teenager will die Fakten erst gar nicht für bare Münze nehmen. Als Zuseher ordnet man sich gerne der Gesinnung Letztgenannter unter: dass es wirklich so weit kommen kann, lässt sich kaum erfassen. Regisseurin Camille Griffin, die, inspiriert von Wham! und Weltlage, auch das Script schrieb, kann auch nicht recht deuten, was sie hier entworfen hat. Als bittere Komödie gibt sich der Endzeitfilm zumindest szenenweise zu erkennen – meist jedoch lässt sich der schwarzgemalte Lichterglanz, dem jeder verheißungsvolle Zauber fehlt, einfach nicht schönreden. Griffin sucht den verzweifelten Lacher eines ironischen Schicksals, und findet zumeist jedoch das dunkle, beklemmende Drama im Zwielicht der beginnenden Heiligen Nacht. Die Tristesse zum Weihnachtsfest ist in trockenen Tüchern – zum Ausweinen vor dem Ende braucht es neue.

In Anbetracht dessen aber, dass das Fest der Liebe tatsächlich vor der Tür steht und das Damoklesschwert der Omikron-Variante über uns allen hängt, mutet Silent Night enorm zynisch an. Klar, die globale Vernichtung darin zu sehen wäre nun wirklich etwas schwarzgemalt, aber ein unangenehmes Gefühl breitet sich dennoch aus, und wer die Vorgänge rund um Keira Knightley und Matthew Goode mitverfolgt, kann das Wasser auf die Mühlen so mancher Impfverweigerer klar und deutlich plätschern hören.

Silent Night