The Last House (2026)

ICH GEH‘ MAL VOR DIE TÜR

4/10


Wagner Moura kann in The Last House nicht vor die Tür
© 2026 Netflix Inc.


LAND / JAHR: USA, VEREINIGTES KÖNIGREICH, FRANKREICH 2026

REGIE: LOUIS LETERRIER

DREHBUCH: MATTHEW ROBINSON

KAMERA: PÅL ULVIK ROKSETH

CAST: GRETA LEE, WAGNER MOURA, RILEY CHUNG, EMMA HO, NOAH ALEXANDER SOSNOWSKI, GABRIEL BARBOSA, AUDREY ANDERSON, SID EDWARDS U. A.

LÄNGE: 1 STD 52 MIN



Die Textzeile „Am Tag, als der Regen kam“ klingelt wohl mitsamt geschmetterter Melodie von Dalida in den Ohren sämtlicher Boomer, allerdings klingelt sie auch bei mir, und ich bin Generation X. Doch keine andere trifft wohl das schicksalhafte Setting im Film The Last House so zielgenau wie diese.

An Familien beißen sich Monster ihre Zähne aus

Denn Netflix hat uns nach langer Durststrecke endlich wieder mal einen exklusiven Blockbuster vor die Tür geworfen, einen mit zwei Shootingstars und angesiedelt in einem Subgenre, das ich gerne als „Familie gegen Monster“ bezeichne. Dazu zählen moderne Klassiker wie A Quiet Place oder auch rustikal Analoges aus den Achtzigern wie Tobe Hoopers Poltergeist. Damit wären wir wohl eher in der paranormalen Ecke, während es in The Last House deutlich diesseitiger zugeht – obwohl man nicht weiß, was zu „diesseitig“ alles zählt. Schließlich peilt in den ersten Sekunden des Films das Zitat von Arthur C Clarke (2001 – Odyssee im Weltraum) schon die richtige Richtung an: „How inappropriate to call this planet Earth when it is clearly Ocean.“

Eins und eins ist zwei: Der Ozean ist nur geringfügig erforscht, keine Ahnung, was da drin noch alles wohnt. Vielleicht gar intelligente Völker, wie in Aquaman? Außerirdische, wie in The Abyss von James Cameron? Wie sieht es bei H. P. Lovecraft aus, an dessen Visionen sich die Filmwelt ja mittlerweile ausgiebigst bedient? Bei ihm wohnen die „Alten“ in den Tiefen der Meere, krakenähnliche Kreaturen, die unsere Menschenwelt dank der Fähigkeit des Gestaltwandelns längst infiltriert haben.

Alternativprogramm bei Regenwetter

Familie also, gegen Monster. Zumindest kämpft diese vierköpfige Gesellschaft nicht gegen Dürre, Trockenheit und vernichtender Hitze – sondern gegen den Regen. Als der nämlich kommt, verändert sich alles. Vor allem aber eins: Der Bewegungsradius. Greta Lee (Past Lives) und Wagner Moura (The Secret Agent) sitzen wie in einem verordneten Lockdown während der Corona-Krise zu Hause fest, ihre beiden Kinder ebenso. Nichts lässt sich öffnen, keine Türen, keine Fenster. Der Regen macht es, dass dieses „Last House“ mehr oder weniger als hermetisch abgeschlossenes Gefängnis funktioniert, die zumindest noch Luft von außen beziehen kann, sonst wäre der Film frühzeitig zu Ende.

So sitzen, liegen und stehen diese Vier langmächtig daheim herum und improvisieren. Machen das Beste draus. Kommen auf wirklich großartige Ideen, denn die Kreativität des Menschen ist womöglich das letzte wirklich nützliche Gut, das wir haben. Ansonsten wären wir sowieso nicht dort, wo wir jetzt sind, wobei uns, zugegeben, die Ideen momentan doch etwas ausgehen.

Wie man im Lockdown auch ohne Bananenbrot den Tag füllt

Im Film von Louis Leterrier allerdings nicht. Zum Glück ist Wagner Moura Ingenieur, er kann basteln und gibt sich als MacGyver. Das alles ist ganz nett anzusehen, doch es zieht sich. Es ziehen sich die Jahre, und dann stellt man sich doch die Frage: Zu mehr hat es nicht gereicht? Wie in einer apokalyptischen Sitcom schauen wir einer Familie beim Überleben zu. Das hat Höhen, aber weitestgehend träge Tiefen. Zwischendurch begeistert das Außen durch rätselhafte Schatten und physikalische Anomalien. Jetzt geht es richtig los, denkt man sich da. Und immer noch nichts.

Anders als in A Quiet Place von John Krasinski, der wusste, welche Tonalität er anschlagen muss, um die Story zu halten, bleibt Leterrier orientierungslos und kann sich mit sich selbst auf kein stringentes Vokabular einigen. Familienabenteuer ist das eine, Suspense-Horror rund um nicht-menschliche Aggressoren das andere. Für einen Familienfilm ist es manchmal zu heftig, für einen Horrorfilm zu lahm. The Last House weiß nicht, was es sein will. Science-Fiction vielleicht? Dazu ist es zu sehr Mystery, vieles bleibt vage – und macht es sich auch viel zu einfach.

Wie man das Ende einer Geschichte herunterbiegt

Wie glücklich das Überleben, wenn, sobald die Fallen aufgestellt sind, so manches wilde Tier schnurstracks darauf zugeht. Lediglich Sekunden verstreichen, bis das Mittagessen gesichert ist. Es nach fünf Jahren nicht geschafft zu haben, das Haus zu verlassen, zeugt nach den gegebenen Parametern von laxem Einsatz. Am Ende biedert sich The Last House, nachdem das Abenteuer nochmal ordentlich den Wasserhahn aufdreht, einer Konklusio an, die man improvisiert, wenn die Gutenachtgeschichte vor dem Einschlafen zu lange dauert. Damit sind wir genauso ratlos wie der zuhörende Filius und die von höheren Mächten schadlos gehaltene Familie, die in psychischer Resilienz und gänzlich ohne Lagerkoller den Biosphären-Elchtest macht. Was für starke Naturen das sind – angesichts einer starken, aber unbeholfen konzeptlosen Natur!

The Last House (2026)

We’re All Going to the World’s Fair (2021)

DER ABGRUND HINTER DEM SCREEN

7/10

 

Anna Cobb verliert sich in We're All Going to the World's Fair im Internet
© 2021 MUBI

 

LAND / JAHR: USA 2021

REGIE / DREHBUCH: JANE SCHOENBRUN

KAMERA: DANIEL PATRICK CARBONE

CAST: ANNA COBB, MICHAEL J ROGERS, HOLLY ANNE FRINK U. A.

LÄNGE: 1 STD 26 MIN



Wann habt Ihr Euch zuletzt im Spiegel betrachtet? Und wie oft am Tag? Im Vergleich dazu gaffen wir, sofern es Arbeit und Interesse erfordert, weitaus öfter und ausdauernder auf und in irgendwelche Screens als ins eigene seitenverkehrte Konterfei. Nicht aber, um uns selbst zu entdecken – oder doch? Wohl eher, um nichts zu verpassen in dieser Welt, wo das Digitalisierte einfach bequemer ist als das Analoge. Stößt man dabei irgendwann nicht dennoch auf ein verändertes Selbst?

Der Bildschirm als bodenloser Abgrund

Bei den Jungen mag das so sein. Social-Media-Verbote bahnen sich an, in Australien gibt es sie schon, mit mäßigem Erfolg. Für Screens wird es sie nie geben. Da hinein dürfen alle weiterhin gaffen, um eben all die Dinge zu erfassen, die im Leben zu erfassen sind. Und dennoch: Wie hat Nietzsche in seinem wohl berühmtesten Zitat neben der Totenbescheinigung für den Allmächtigen gesagt? Wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich. Könnte der Abgrund mittlerweile nicht auch der vermaledeite Screen sein? Das Display, das Smartphone, die Benutzeroberfläche – die Tiefen des Internets, an dessen Oberfläche all diese Tools und Apps und KI-Masken herumwabern?

Metaphysik-Test für Teenager

We’re All Going to the World’s Fair! So betitelt die nichtbinäre Person Jane Schoenbrun den ersten Teil einer sogenannten Screen Trilogy und setzt Teenagerin Casey (Anna Cobb) einem weltumspannenden Abgrund aus, der so sehr in ihr Innerstes kippt, dass einem selbst beim Mitverfolgen dieses Prozesses ein seltsames Unbehagen beschleicht, gleichzusetzen mit einer ins Kosmische gehenden Vorahnung und Beklemmung, die man bislang in fast allen Werken von David Lynch empfindet, wenn das rätselhaft Mysteriöse in eine scheinbar rationale Welt dringt und das Entsetzliche sich versteckt.

Ob nun David Lynch oder Ari Aster – das vage Erfassen von etwas Seltsamem übersteigt die Resilienz dieses jungen Mädchens zusehends. Was sie verlockt, ist diese Challenge, die sich so nennt wie Jane Schoenbruns smoother Mysterygrusel – We’re All Going to the World’s Fair. Dreimal muss sie es sagen. Dann muss sie sich blinkenden Lichtern aussetzen, im rosafarben-blauen Farbspektrum. Um Teil dieser Herausforderung zu sein, muss sie den Screen auch noch mit Blut signieren – natürlich ihrem eigenen. Und dann kanns losgehen. Nur… was eigentlich?

Heraufbeschwören seltsamer Anomalien

Es heisst, es würden Veränderungen stattfinden. Anomalien in der Physis, in der Wahrnehmung, in der inhärenten Welt um Casey herum. Im Verhalten, im Ich selbst. Casey hat Angst, ist aber zugleich neugierig genug, um das Experiment an sich selbst durchzuführen. Ihr Zustand verändert sich, sie scheint von etwas besessen. Andere, die auch Teil der Challenge sind, zeigen wiederum andere Symptome. Und irgendwo ist die Rede von einem Schleifen-Phänomen, von dem keiner weiß, was das sein soll.

Genau hier setzt Schoenbrun die innere Reise fort. Eine Reise ins Ahnungslose, Überfordernde. Schauspielerin Anna Cobb – über weite Strecken des Films die einzige Besetzung – blickt irgendwann nur noch mit weit aufgerissenen Augen und stierem Blick in die Kamera, die den Screen darstellt. Dinge verändern sich, man weiß nicht was. Die eigenwillige Lichtgestaltung des Films tut ihr übriges. Schwarzlicht, pink-violette Farben, Mintgrün und grobkörnige Schatten. Mitunter enthält der Film eine der verstörendsten Gruselszenen seit langem.

Ein befremdender Trip ins Dazwischen

Den einen aber verstören physische Gewaltspitzen, den anderen gespenstisches Footage-Material. Im Footage-Sektor siedelt auch diese Arbeit hier, und wie schon bei Schoenbruns Nachfolgefilm I Saw the TV Glow als Teil 2 der Screen Trilogy hat We’re All Going to the World’s Fair auf einer eigenen Metaebene weder ein Oben noch ein Unten; was bleibt, ist eine vage Gemütserfassung, ein Psychotrip als schlafparalytische Selbsterfahrung zwischen Halluzination und Paranoia – als würde der ganze Film von etwas wahrgenommen werden, was nicht zwingend menschlich sein muss.

Obwohl dieses Experiment ganz klar auf den veränderungsfähigen Moloch des Internets und seine abgründige manipulative Macht abzielt, das Ganze eine Agenda verfolgt und einen ganz eigenes Vokabular verwendet: Die Befremdlichkeit beim Betrachten überwiegt, das Andocken fällt schwer. Zu sperrig ist das Werk, zu sehr um sich selbst kreisend und grübelnd. Filmkunst ja, das zweifelsohne. Und mit der kann man entweder emotional viel anfangen oder eben nicht. Oder es ist irgendwas dazwischen. Wie beim Betrachter und dem Bildschirm, eine im biolumineszierenden Zwielicht befindliche Grauzone als Passage in eine erschreckende Welt.

We’re All Going to the World’s Fair (2021)

American Sweatshop (2025)

DEM PERVERSEN AUF DEN FERSEN

5/10

 

Lili Reinhart als Content-Moderatorin in American Sweatshop
© 2026 Plaion Pictures / Constantin

 

LAND / JAHR: DEUTSCHLAND, BELGIEN, USA 2025

REGIE: UTA BRIESEWITZ

DREHBUCH: MATTHEW NEMETH

KAMERA: JÖRG WIDMER

CAST: LILI REINHART, DANIELA MELCHIOR, JOEL FRY, CHRISTIANE PAUL, EREMY ANG JONES U. A.

LÄNGE: 1 STD 40 MIN



Die Menschheit, so scheint es, ist nur noch krank. Den Glauben an selbige verliert man schnell, wenn man sich ein bisschen länger im Internet herumtreibt. Da fährt man munter in die Kreise der Hölle hinein, so ungehemmt könnte sie nicht mal Hieronymus Bosch malen, denn alles, was sich ausdenken lässt, ist in der Realität einfach nur noch schlimmer.

Wer sich so etwas ansehen will, um die Allgemeinheit davor zu schützen, der kann als Content-Moderatorin oder Moderator arbeiten. Den ganzen Tag Videos gucken und dabei Geld verdienen? Klingt einfach – ist es aber nicht. Vorallem nicht für die Psyche. Denn dieses Zeug weht geradewegs von der Müllkippe der Zivilisation auf den Bildschirm. Hass, Gewalt, Perversion und alle erdenklichen Gräuel sind es für viel zu viele Menschen auf diesem Planeten wert, veröffentlicht zu werden. Die Menschheit, um es nochmal zu betonen, ist nur noch krank.

Der härteste Schreibtischjob der Welt?

Um so einen Job länger als ein paar Wochen zu halten – dafür braucht es die richtige Herangehensweise, das richtige Gemüt, eine aufgeräumte Seele, um Gottes Willen keine labile Psyche! Lili Reinhart als Daisy Moriarty zum Beispiel, die sich für abgebrüht genug hält, hat sich einen solchen Job geangelt, bis sich etwas Besseres ergibt – und löscht oder genehmigt dabei den ganzen Tag lang verstörendsten Content. Um sie herum bricht der Reihe nach so manche Kollegin, so mancher Kollege weg. Andere wiederum kanalisieren das Grauen auf eine Weise, indem sie einen Wettstreit draus machen – wer länger durchhält.

Doch irgendwann hat auch Daisy genug – spätestens bei einem Video, das einen brutalen Femizid zeigt – und nicht danach aussieht, als wäre er gestellt. Zu sehen ist dabei auch der potenzielle Mörder. Mehr braucht Daisy nicht, um der Sache nachzugehen und den Verantwortlichen für dieses Verbrechen ausfindig zu machen und zur Rechenschaft zu ziehen.

Nur Content löschen ist zu wenig

American Sweatshop – ein Synonym oder ein Begriff für Jobs, die mit physischer und psychischer Ausbeutung zu tun haben – weidet sich zum Glück nicht in grausamen Darstellungen und expliziten Schockmomenten. Da hätte man sonst selbst sehr schnell die Nase voll, schließlich liegt es in der Natur der eigenen angestrebten Psychohygiene, Content dieser Art tunlichst aus dem Weg zu gehen. Interessant wird es dann, wenn man diese Perversionen einfach nicht mehr auf sich beruhen lässt und nicht nur einfach den Delete-Knopf drückt. Interessant wird es, wenn andere beginnen, sich selbst in der Verantwortung zu sehen und proaktiv etwas dagegen unternehmen.

Zögerliche Initiativen

Lili Reinhart tut das auch, gegen die Regeln der Agentur, aber im Sinne der Rechtschaffenheit und der Moral. Wie sehr also auch die Grundidee und die Ausgangssituation von American Sweatshop reizt, so wenig kann Ute Briesewitz im Laufe des Geschehens das Thema aufwühlen – obwohl es danach schreit, aufgewühlt zu werden.

In bescheidenen Schritten bewegt sich der Slow Burner vorwärts, bis zum Ende bleibt der Film eigentlich am Anfang hängen, beobachtet viel, sondiert, schätzt ab – kommt aber nie wirklich in die Gänge. Eine ähnliche Trägheit in der Initiative lässt sich im Film The Assistant von Kitty Green mit Julia Garner in der Hauptrolle entdecken. Auch hier ein Büro- oder Firmensetting, auch hier trägt die Bestandsaufnahme eines prekären Umstandes den ganzen Film und konzentriert sich, noch mehr als in American Sweatshop, lediglich auf die Veränderungen im Mindset der Protagonistin, bevor irgendetwas geschieht. Das hat natürlich Stimmung und Atmosphäre, doch das Thema verlangt mehr.

Auch hier, wenn es um Hassverbrechen und Social Media-Perversionen geht, ist das Problem viel tiefschürfender, komplexer und lauter, um es als kleines Arthousedrama mit Thriller-Elementen zu exportieren. Das Ende ist dann sozusagen der Anfang von etwas, das wir, womöglich um trivialer Genugtuung zu entgehen, niemals erleben werden. Der Griff an die Wurzel des Übels alleine mag Briesewitz genug gewesen sein, für mich fehlt da die entscheidende Konsequenz.

American Sweatshop (2025)

Toy Story 5 (2026)

DENN SIE WISSEN NICHT, WIE MAN SPIELT

4/10


Jessie, Buzz und Woody begegnen Lilypad in Toy Story 5© 2026 Disney/Pixar. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2026

REGIE: ANDREW STANTON

DREHBUCH: ANDREW STANTON, MCKENNA HARRIS

KAMERA: MATT ASPBURY, JEAN-CLAUDE KALACHE

MIT DEN STIMMEN VON (ORIGINAL): JOAN CUSACK, TIM ALLEN, TOM HANKS, GRETA LEE, CONAN O’BRIEN, ERNIE HUDSON, ALAN CUMMING, BLAKE CLARK, SCARLETT SPEARS, MYKAL-MICHELLE HARRIS U. A.

MIT DEN STIMMEN VON (DEUTSCHE SYNCHRO): CAROLIN HARTMANN, MICHAEL „BULLY“ HERBIG, WALTER VON HAUFF, MARKUS PFEIFFER, RICK KAVANIAN, LAURA MAIRE, GERY SEIDL U. A.

LÄNGE: 1 STD 42 MIN



Statt „Denn sie wissen nicht, wie man spielt“ könnte der Titel für meine Review auch etwas anders lauten: „Denn sie wissen nicht, wie man aufhört“. Diese Headline wäre auf all die Kinder gemünzt, die in Toy Story 5 das Spielen verlernt haben und längst in eine digitale Abhängigkeit gedriftet sind.

Wer nicht wagt, der gewinnt

Allerdings wäre diese Zeile auch eine berechtigte Kritik an jener, nach Margen gierenden Vorgehensweise gigantisch großer Filmstudios wie in diesem Fall Disney, die ihre Zitronen auch dann noch weiter auspressen, obwohl schon längst nichts mehr das Glas füllt. Das passiert mit den unsäglichen Realverfilmungen längst brillanter Stoffe. Das passiert mit dem kommenden sechsten Teil von Ice Age, obwohl der fünfte schon mau war, sowie dem fünften Teil von Shrek.

Was ordentlich Kohle lukriert hat, wird das auch weiterhin tun, denken sich die im Geldmachen geschulten Kaufleute, die das Sagen haben und natürlich nicht das geringste Risiko eingehen, das schließlich immer eingegangen werden muss, wenn neue Ideen oder neue Inhalte an den Start sollen. Die Hosen sind aber randvoll, und gewagt wird nichts, obwohl trotzdem gewonnen werden will. Also nochmal Toy Story – nochmal eintauchen in einen wunderbaren Kosmos, der 1995 das Tor in eine neue Welt aufgestoßen hat: nämlich die des komplett computeranimierten Langfilms, dem nicht nur daran gelegen hat, seine technische Raffinesse zu präsentieren, sondern gleichsam auch, eine starke Geschichte zu erzählen – mit komplexen Charakteren, Tiefgang und ordentlich Herz. Cowboy Woody, Raumfahrer Buzz Lightyear und all die anderen, die in den Kinderzimmern der amerikanischen Welt immer erst dann ihr Eigenleben weiterleben können, wenn sie sonst kein Mensch beobachtet.

Diese Idee zählt überhaupt zu einer der besten – auch im vierten Aufguss ist es immer noch witzig, wenn das Spielzeug erstarrt. Fast schon wie der Zustand eines Quantenteilchens, das nur dann präzise wird, wenn man es misst. Doch so gerne man diese Teppichbodenrabauken – von Dino über Sparschwein bis zum Göffel – immer mal wieder zu Gesicht bekommt, so sehr wünscht man sich, diese Gegenstände würden endlich mit ihrer Existenz im Reinen sein.

Kindliche Stereotypen im Trend

Doch falsch gedacht: Andrew Stanton hatte die Aufgabe, hier nochmal in medias res zu gehen, was ihm scheinbar schwerfiel, denn was soll er noch anderes erzählen außer von einer stetig im Wandel befindlichen Kindheit, vom Erwachsenwerden, von Vergänglichkeit und dem Wert des Spielens? Was noch, ohne sich an den Zeitgeist binden zu müssen?

Schon längst treibt den Weltwohlstand die Sache mit den sozialen Medien um, die Bildschirmzeit für Kids und die ganze Suchtgefahr. Klar muss sich Disney da zu Wort melden, doch scheint sich Stanton dabei bereitwillig an edukativem Schulfernsehen zu orientieren, das leicht interpretierbare Fallbeispiele liefern soll. Alles gut, alles recht – doch ideenreich ist das nicht.

Toy Story 5 wird zum Kinderfilm und verzichtet diesmal darauf, soziale Konfliktebenen aus der Erwachsenenwelt auf die Miniaturwelt einer Spielzeuggesellschaft zu projizieren. Was dann durchbricht, sind Stereotypen. Dort der schüchterne und leicht beeinflussbare Volksschulcharakter – da die rustikale Pferdenärrin, die Unterhaltungselektronik sinnvoller nutzt. Dazwischen das Spielzeug, das nicht weiß wie ihm geschieht bei all der Technik, den Tablets und der Ignoranz der Kinder, die nur noch klicken, wischen und downloaden.

Weniger ist nicht mehr Mehr

Stanton gibt sich obendrein einem erzählerischen Multitasking hin, das die ohnehin schon rastlos-quirlige Turbulenz zusätzlich noch hochschraubt. Das gleiche Problem hatte Minions & Monster. Keine Ahnung, was die Verantwortlichen fürs Skript über die Illumination-Helferleins da bewogen hat, all diese Sidestories aufzuziehen. Und vor allem: welcher Art.

Der Fokus ging dort flöten, und er flötet auch bei Toy Story 5, während gestrandete WLAN-Lightyears dem Licht der Sterne folgen. Immerhin kumuliert auch diese Nebenhandlung im Laufe des Films mit dem roten Faden der Geschichte.

Dabei erschließt sich kaum noch, welche Relevanz Woody und Lightyear haben, die ungefähr genauso viel leisten wie die alten Ghostbusters im ersten Reboot-Film. Im Zentrum steht diesmal Cowgirl Jessie, sie hat den Mental Load und die ganze Care-Arbeit – sie kümmert sich, während alle anderen den Bildschirm verschönern. Obendrauf gesellen sich so einige neue Charaktere dazu, die allesamt durcheinanderreden und bis zur ersten Ermüdungserscheinung entertainen, was das Spielzeug hält. Der Töpfchen-Support namens Schlauberger hätte da gereicht.

Repetitive Existenzkrisen

In Toy Story 5 kocht jede(r) sein Süppchen, Ego-Konflikte bleiben ohne Pointen und die Action wirkt nicht nur angestrengt – sie strengt auch an. Die kleine Lightyear-Kompanie ist auch noch irgendwohin unterwegs und sowieso muss wieder mal irgendwer aus anderen Kinderzimmern gerettet werden. Das alles hat man schon gefühlt zehnmal durch. Dass kreatives Spielen etwas Besonderes ist und das Spielzeug, sofern es keine Verschleißerscheinungen zeigt, immer wieder neu anfangen muss, weil es dann ewig lebt, hatten wir spätestens schon in Teil Zwei. Toy Story 5 weiß da nichts Neues mehr, und ist folglich auch der mit Abstand schwächste Teil einer sonst formidablen Reihe.

Dem Publikum scheint’s aber egal zu sein. Oder der Begriff Toy Story ist einfach zu legendär, um dem liebgewonnenen Spielzeug aller Meinungen zum Trotz nicht die Ehre zu erweisen.

Toy Story 5 (2026)

Prophecy of the Devil (2025)

DER TEUFEL HAT JA SONST KEINE FREUNDE

4,5/10


Der verzweifelte Nicolas Cage als Josef im Film The Carpenter's Son
© 2025 Magnolia Pictures


ORIGINALTITEL: THE CARPENTER’S SON

LAND / JAHR: USA, FRANKREICH 2025

REGIE / DREHBUCH: LOTFY NATHAN

KAMERA: SIMON BEAUFILS

CAST: NICOLAS CAGE, NOAH JUPE, FKA TWIGS, ISLA JOHNSTON, FISAYO AKINADE, SOUHEILA YACOUB U. A.

LÄNGE: 1 STD 34 MIN



Das schätze ich am guten alten Nicolas Cage. Für nichts ist sich der Mann zu schade. Wenn ihm was gefällt, macht er es. Wenn er eine Figur noch nicht gespielt hat, wie zum Beispiel den biblischen Josef, dann wagt er es.

Zimmermann vor der Kamera

Warum auch nicht. Schauspiel ist für diesen Mann ein Handwerk, keine wasweißich wie geartete verkrampfte Kunst, in die man sich, wie es manche tun, wochenlang vergraben muss, um vielleicht dann auch in dieser Rolle zu bleiben, die ganze Zeit, auch abseits vom Set. Ein bisschen wirr, oder? Das kann Nicolas Cage auch so: nämlich wirr genug sein. Und laut. Was schreit er nicht herum, wenn der kleine Jesus von Nazareth wieder mal nicht das macht, was man ihm aufträgt.

Blättern in den Apokryphen

Über die Kindheit des christlichen Heilbringers steht in den offiziellen Schriften der Bibel so gut wie gar nichts. Allgemeingebildete wissen: Ganz so ist es nicht, schließlich gibt es da noch die Anti-Bibel, die sogenannten Apokryphen, die verbotenen und unveröffentlichten Evangelien, weil sie einfach nicht jenem christlich-humanitären Bild entsprechen, welches das Neue Testament vermitteln will.

Das am meisten verbreitet Schriftstück ist dabei das Evangelium nach Thomas, ein rund zwei Jahrhunderte nach Christus verfasstes, teils gnostisches Werk und mit hoher Wahrscheinlichkeit kaum eine Mitschrift von Jesu juveniler Jahrzehnte. In denen hatte er es nämlich, laut Thomas, faustdick hinter den Ohren.

Ein Mädchen, das nicht so ist wie es scheint

Was er damals schon beherrscht hat als Dreikäsehoch, das waren Wunderheilungen. Mit anderen Worten: reinste Magie. Als besten Freund für allerlei Schabernack an seiner Seite: Der Teufel. Nie und nimmer wird er auch später dabei innehalten, den heiligen Mann in Versuchung zu führen. Die vierzig Tage in der Wüste sind noch lange hin. Um hier schon mal Vorarbeit zu leisten und den Messias in spe auf die Probe zu stellen, gibt sich der Leibhaftige als junges Mädchen aus. Und zeigt dem jungen Jesus, wie schlecht und unwürdig die Menschheit doch ist, um sie letzten Endes, einige Jahrzehnte später ans Kreuz genagelt, retten zu wollen.

Jesus, Maria und Josef!

Die heilige Jungfrau Maria, gespielt von Musikerin FTA Twigs, ist längst in diversen Sphären abgeglitten, wie eben jemand, der jungfräulich empfangen hat und noch dazu vom Nachwuchs weiß, dass dieser mal in die Weltgeschichte eingehen wird.

Josef hat jedoch nichts davon: ein verzweifelter und zweifelnder Griesgram, der, gerade erst aus dem ägyptischen Exil zurückgekehrt, immer noch bangen muss, von den Römern erwischt zu werden. In diesem dunklen, schattenfleckigen Setting eines levantinischen Olivenhains braut sich also was zusammen. Was genau, wird jedoch selten klar, denn so richtig stringent entwickelt sich Prophecy of the Devil (Im Original The Carpenter’s Son) nicht gerade. Als junger Jesus darf Noah Jupe, zuletzt gesehen in The Death of Robin Hood, den Erwartungen überraschend bibelkonform entsprechen – so, als hätte Autorenfilmer Lotfy Nathan dringlich versucht, das ausgesonderte Evangelium zu rehabilitieren.

Die missglückte Emanzipation des Josef

Und dennoch bleibt er mit seiner metaphysischen Momentaufnahme unentschlossen zwischen diversen Charakteristika, die diese Bibelinterpretation festigen sollen, hängen. Soll das ganze Horror sein? Das Coming-of-Age von Jesus, der selbstredend nur Bahnhof versteht im Bezug dessen, was ihm das Göttliche zuflüstern will? Oder ist Jesus nur Sparringpartner für einen Josef, dem nichts erspart bleibt und dessen Verschwinden aus den Evangelien nach Jesu Geburt erklärt haben will?

Diesmal dreht Nicolas Cage seine Figur deutlich zu laut auf, gebremst hat ihn Lotfy Nathan dabei nicht – und ihn mehr oder weniger zu einer belächelnden Frustrationsfigur verwandelt, die die Autorität der Josef-Figur dann noch mehr untergräbt als ohnehin schon.

Der Teufel hat es in sich

Beachtenswertes Kernstück dieses dunklen, zerfahrenen Versuchs einer Exegese ist die beeindruckende Schauspielerin Isla Johnston (Das Damengambit). Ihre einschüchternde und unberechenbare Interpretation des Teufels hat einen besseren Film verdient. Zumindest einen, der noch mehr in existenzielle Fragen abtaucht und Jesu Selbstbewusstsein herausfordert. So richtig in medias res ist dabei noch kein Film gegangen.

Prophecy of the Devil hätte genau darin sein Potenzial entfalten können, wenn Josefs Gezeter nicht andauernd dazwischenfunken würde.

Prophecy of the Devil (2025)

Worldbreaker (2025)

WARTEN AUF MILLA JOVOVICH

1/10

 

Luke Evans und Filmtochter Billie Boullet waten in Worldbreaker auf Milla Jovovich
© 2026 Alive AG

 

LAND / JAHR: USA, VEREINIGTES KÖNIGREICH 2025

REGIE: BRAD ANDERSON

DREHBUCH: JOSHUA ROLLINS

KAMERA: DANIEL ARANYÓ

CAST: BILLIE BOULLET, LUKE EVANS, MILLA JOVOVICH, MILA HARRIS, KEVIN GLYNN, CHARIS AGBONLAHOR U. A.

LÄNGE: 1 STD 35 MIN



Die Guten ins Töpfchen…

Ja stimmt, es gibt zuhauf schlechte Filme, die muss man gar nicht erst sehen, um zu wissen, dass die Synopsis des einen oder anderen Machwerks schamlos von Genreperlen abkupfert oder einfach nur marktschreierisch und um Effekte haschend das schnelle Geld machen will. Ein Durchforsten der Streamingplattformen macht schwummrig, vielleicht auch ein bisschen gesättigt von all dem gleichen Schmus – es ist wie Doomscrolling mit der Fähigkeit, die Apokalypse im Hirn und in der Raumzeit des Sinnhaften nochmal abzuwenden.

Milla und ihre Apokalypsen

Was Apokalypsen betrifft, so könnte auf den ersten Blick ein Film wie Worldbreaker ganz interessant sein. Wenn man auf Milla Jovovich abfährt – und auch, wenn man das nicht tut –, zumindest aber auf Resident Evil oder In the Lost Lands mit Dave Bautista, könnte man mit dem neuen Film von Brad Anderson, der ja durchaus schon mal die eine oder andere bemerkenswerte Arbeit vom Stapel hat lassen, zwei Stunden Monster-Endzeit genießen, oder?

Seltsam nur, dass ein Titel wie Worldbreaker nur dann greifbar wird, wenn man länger auf Film-Plattformen herumstöbert, und da vorzugsweise in der Kategorie Home Cinema. Aha, denke ich mir, Milla Jovovich macht, was sie immer schon gut konnte, nämlich die Waffen erheben gegen vielbeinige Riesenspinnen oder arachnoide Zentauren.

Die Gute schwingt noch dazu ein Schwert, was das Fantasy-Herz höher schlagen lässt. Schließlich ist auch Luke Evans dabei – der hat doch vor einiger Zeit den Ober-Vampir verkörpert? Stimmt, Vlad Dracul, und zwar in Dracula Untold. Auch nicht schlecht, probieren kann man’s ja, obwohl Worldbreaker auf Wikipedia fast totgeschwiegen wird.

Leere Versprechungen

Und dann? Ja, dann passiert das: Und zwar alles, nur das nicht, was man erwartet hätte. Ein innovatives Abenteuer, zum Bersten voll mit Monster-Action, gefälligem Pathos, auf das man aufspringt und eine sich windende Spannung? Mitnichten.

Das satte Grün irischer Plateaus, die in eine spektakuläre Küstenlandschaft übergeht – a hat sich jemand als Location-Scout bewiesen, das nenne ich mal Schauplatz für mächtig Drama und mächtig Thrill. TV-Darstellerin Billie Boullet, zu sehen in der Serienversion von Man on Fire, rückt auch hier ins Bild.

Die junge Dame scheint schon viel erlebt zu haben, traumatische Veränderungen, den Reiz der Selbstverantwortung, unterdrückte Furcht. Da steht sie, zähneknirschend und mit entschlossenem Blick, während auch sie ihr Schwert zieht. Aus dem Off hören wir Luke Evans bedeutungsschwere Stimme. Der Mut dieses Mädchens wird in die ungeschrieben Annalen der Postapokalypse eingehen.

Warten hat so was Vorherhsehbares

Dann aber springt die Zeit zurück, schließlich weiß man noch nicht, wovon diese Geschichte eigentlich handelt. Doch das macht nichts. Nach ungefähr zehn Minuten ist klar, wie und wohin sich das ganze Szenario entwickeln wird. Worldbreaker hält das Zepter der Vorhersehbarkeit so hoch, als wäre es ein Leuchtturm für alle, die als Skriptautoren und Autorinnen die noch nicht verfasste eigene Story weniger trivial gestalten wollen.

Milla Jovovich, so erfahren wir bald, ist nur des Marketings wegen mit an Bord, eine Randfigur wie einst Bruce Willis in so manchem B-Movie-Thriller seiner späteren Karriere. Die meiste Zeit leben Billie Boullet und ihr Rauschebart-Daddy auf einer einsamen kleinen Insel und harren der Dinge, während Mama Jovovich auf Irland gegen Ungetüme aus dem Erdinneren kämpft. Was wir leider nicht sehen.

Der ganze Film eine Nebenhandlung

Ja, wo sind sie denn, diese Viecher? Die kommen schon noch. Oder auch nicht. Oder eben unscharf und nur ganz kurz im Hintergrund, weil Brad Andersons Film einfach kein Budget hat oder das Budget gekürzt wurde, weil Weltwirtschaftskrise und so.

Stattdessen bleibt uns eine parkourerprobende Heidi und ihr alter Herr, beide schenken sich, was seifige Dialoge angeht, wirklich nichts. Die Hoffnung und die Liebe und all die gedroschenen Phrasen lassen sich leider nicht zu Mehl verarbeiten, um etwas zu beißen zu haben. Denn bissfest ist in diesem Streifen wirklich nichts. Langeweile macht sich breit, Billie Boullets Figur schreckt vor ihrer eigenen Vorahnung zurück.

Mitunter verhübschen gefährliche Mutanten das dröge Geschehen und verpuffen so schnell wie Sternschnuppen. Brad Anderson kann keinerlei Spannung halten, lässt keinen Ehrgeiz erkennen und beschränkt sich die meiste Zeit auf belanglose Jugend-Fantasy ohne Reibung und Raffinesse, die völlig durchhängt.

Das Warten auf Milla Jovovich hat irgendwann ein Ende

Die Lore dieses Films ist so hanebüchen und unausgegoren, der finale Auftritt Jovovichs so lachhaft, die Erwartung so dermaßen unerfüllt und das Ganze so holprig performt, dass selbst das bisschen feministische Grundidee keine nennenswerte Verbesserung bringt. Worldbreaker ist tatsächlich der Tiefpunkt eines Regisseurs, der uns seinerzeit einen kafkaesken Albtraum wie Der Maschinist beschert hat. Nun aber ist der Albtraum eher ungewollt, und die zwei Stunden Lebenszeit unwiederbringlich.

Worldbreaker (2025)

Passenger (2026)

DÄMONEN IM STRASSENVERKEHR

7/10


© 2026 Constantin Film Österreich


LAND / JAHR: USA 2026

REGIE: ANDRÉ ØVREDAL

DREHBUCH: T. W. BURGESS, ZACHARY DONOHUE

KAMERA: FEDERICO VERARDI

CAST: LOU LLOBELL, JACOB SCIPIO, MELISSA LEO, JOSEPH LORENZ, TONY DOUPE U. A.

LÄNGE: 1 STD 34 MIN



Un-menschliche Verhaltensweisen

Warum nur entfernt man sich des Nächtens während eines Autostopps meterweit vom Auto in den Wald hinein, wenn doch weit und breit niemand die Idylle der Straßenrand-Notdurft stören würde? Im wahren Leben würde das nicht passieren, im wahren Leben strullt man im Abblendlicht der Scheinwerfer. Leider muss sich Passenger gleich zu Beginn mit dem Tatbestand einer unlogischen menschlichen Verhaltensweise auseinandersetzen. Als Zuseher seufzt man da einmal kurz und heftig durch. Ließe sich es irgendwie anders bewerkstelligen, dass in der Prolog-Szene des Roadtrip-Horrors das Böse auch dann effektiv zuschlägt, wenn man verhaltenstechnisch plausibel bleibt?

Neue Ideen sind manchmal überbewertet

Bei diesem Miesepeter aus der Hölle womöglich schon. Denn der hat als Dämon so einige Skills auf Lager. Wird unsichtbar, wechselt den Standort in Sekundenschnelle, und wenn er mal materialisiert, spritzt Blut, wie es sich für einen Dämonen-Slasher eben gehört.

Über solche Logiklücken lässt sich in Passenger, zieht man am Ende Resümee, freigiebig hinwegsehen. Denn André Øvredal, der schon mit seinem von Guillermo del Toro inspirierten Gruselthriller Scary Stories to Tell in the Dark absolut den Geschmack getroffen hat, beweist zumindest in seinem neuen Werk, wie man auch ohne neue Ideen bereits vorhandene Versatzstücke mit Respekt vor ihrer oft bemühten Wirkung erfrischend verwursten kann. Und das ist weniger sarkastisch gemeint als es klingt.

Passenger betritt viel befahrene Straßen, das ist ohnehin klar. Doch Øvredal weiß, wo er auf welche Weise Schreckens-Mechanismen dehnt, leicht verzerrt, als würde er osteopathisch an die Sache rangehen, diese hin und her schiebt oder wie einen Wagen ohne Handbremse und Gang einfach ein paar Meter weiter ausrollen lässt.

Die Umgebung im Blick behalten

Ganz deutlich wird diese Vorgehensweise in einer Szene sichtbar, in der sich Lou Llobell (bekannt geworden durch die Serienverfilmung von Isaac Asimovs Foundation) allein über einen nächtlichen Parkplatz hinweg ihrem Camper nähert, mit dem sie und ihr Verlobter vorhaben, ihr Vanlife zu leben. In dieser Szene hat der Passenger längst Blut geleckt und sich als Trittbrettfahrer zu erkennen gegeben – doch Øvredal hält seine Zuseher auf gekonnte Weise lange genug hin, um so etwas wie eine angespannte Vorahnung zu erzeugen, kurz gesagt: Suspense, die vor allem durch die energisch rotierende Kamera erzeugt wird.

Bei jedem erneuten Kreisen um Lou Llobell herum könnte im Hintergrund irgendwo diese schaurige Gestalt stehen, wie einst Mike Myers in seinem Blaumann. Wenn die Ankündigung des Schreckens zum Fehlalarm wird, ist das kein dramaturgisches Defizit, sondern ein keckes Spiel mit der Erwartungshaltung und dem Publikum selbst.

Ein lichtscheuer, wüster Kerl

Schließlich taucht der Passenger – eine düstere Gothic-Figur, als wäre Iggy Popp in ferner Zukunft mal aus dem Grab gestiegen (wir hatten ihn bereits als Zombie in Jim Jarmuschs The Dead Don’t Die) und hätte sich, untot wie er wohl sein würde, als Darsteller für Severus Snape beworben – vermehrt zu unerwarteten Zeiten auf.

Den besten Jumpscare fährt er gleich zu Beginn ein, nach dem Schrecken folgt wohlige Vor- und Schadenfreude die nächsten eineinhalb Stunden lang. Und immer dann, wenn das Abblendlicht nicht weiter weiß und der Kegel der Taschenlampe am Dickicht des Waldessaums hängenbleibt, sind dramaturgische Leerläufe schnell verziehen. Kann ja sein, dass sich im Dunkel dahinter nicht nur der Highwaykiller verbirgt. Vielleicht auch ein dämonisch verzerrter Gregory Peck.

Stoßgebete an den Schutzpatron

Zum Plot muss man nicht viel erwähnen. Passenger ist ein Roadmovie mit überschaubarem Cast, der Fokus liegt auf einer unmöglich realisierbaren Safe Journey und liebäugelt ein bisschen auch mit den Mächten des katholischen Who is Who’s im Himmel, wenn der Heilige Christophorus, der Schutzpatron aller Reisenden, hilfreich zur Seite steht. Denn da hat Øvredal wieder das Genre der Dark Fantasy gestreift, wie er es seit Trollhunter immer schon getan hat. Eine Eigenheit, mit der auch Passenger spielerisch umgehen kann.

Passenger (2026)

The Piano Tuner (2025)

WENN DIE WELT VIEL ZU LAUT IST

8/10

 

Dustin Hoffman und Leo Woodall in The Piano Tuner von Daniel Roher
© 2025 Black Bear

 

ORIGINALTITEL: TUNER

LAND / JAHR: USA, KANADA 2025

REGIE: DANIEL ROHER

DREHBUCH: DANIEL ROHER, ROBERT RAMSEY

KAMERA: LOWELL A. MEYER

CAST: LEO WOODALL, DUSTIN HOFFMAN, HAVANA ROSE LIU, LIOR RAZ, TOVAH FELDSHUH, JEAN RENO, NISSAN SAKIRA, GIL COHEN, C. S. LEE U. A.

LÄNGE: 1 STD 49 MIN



Nina Simone, Dave Brubeck, Herby Hancock – sie alle begleiten Leo Woodall als den wohl besten Klavierstimmer der Welt durch ein mit feiner kriminalistischer Klinge geführtes Charakterdrama, das obendrein noch ein Kaliber wie Dustin Hofmann zu bieten hat.

Denn: Der mittlerweile 88jährige Schauspieler hat immer noch nichts von seinem sympathischen Charisma eingebüßt, während andere da schon näher an der nächsten Kaffeepause sind als mitten im Geschehen des Films. Hofmann scheint Leo Woodall auf joviale Weise nach vorne zu pushen, er räumt das Spielfeld für einen Charakterdarsteller, der seine Figur des Klavierstimmers Niki White nicht nur interpretiert und dabei versucht, ein plausibles Verhalten festzulegen, sondern der diesen musikalischen Superhelden mit absolutem Gehör mitsamt seiner Biografie und seiner inneren seelischen Beschaffenheit kennenlernen will.

Ob Woodall ein Schauspieler ist, der dem Method Acting folgt? Könnte sein. Denn für diesen Unterschied zu anderen Akteuren möchte man, wie man so schön sagt, Klavierspielen können.

Die Klaviatur der Töne

Dieser Niki White, der kann es. Oder konnte es. Anscheinend, und das sickert immerhin durch, hätte der junge Mann gar als Mozart 2.0 gelten können. Doch eine Krankheit namens Hyperakusis hat ihm da längst einen Strich durch die Komposition gemacht. Mit dieser Form des Hörens lässt sich nicht in die Tasten hämmern, da lässt sich maximal ein Klavier stimmen – auf die Tonlage genau.

Dann hat es Klick gemacht

Als Niki eines Abends den Flügel eines begüteten Kunden auf Vordermann bringt, stören ihn drei Safeknacker, die mit Bohrmaschine anrücken und ordentlich Lärm machen. Als diese das Sound-Genie hinters Licht führen und ihn den Tresor alleine durch das Klick-Klick des Zahnradschlosses knacken lassen, könnte das der Beginn einer zweiten Karriere sein.

So ganz ohne Skrupel und geplagtem Gewissen geht’s bei Niki aber nicht einher. Da sein Mentor, eben Dustin Hofmann, nach einem Herzinfarkt seine Spitalskosten nicht mehr bezahlen kann, ist der satte Zuverdienst zumindest für eine gute Sache. Bis die ehrgeizige Pianistin Ruthie dazwischenfunkt.

Dramaturgisches Terzett

The Piano Tuner bietet immer noch Platz für eine romantische Beziehung. Und das Schöne an diesem Film ist: Keine der Storylines bewegt sich für sich, der ganze Plot selbst fällt niemals auseinander. Bei vielen anderen Filmen, die sich mitunter abmühen, mehrere Komponente einer Geschichte zusammenzubringen, scheitern daran, das Ziel aus den Augen zu verlieren.

Dem Kanadier Daniel Roher aber, der mit seiner erschütternden Thriller-Dokumentation Nawalny bereits als Oscarpreisträger gilt, gelingt das Kunststück eines geschmeidigen, absolut groovigen Feel Good-Film Noir, unterlegt mit den kultigen Klängen großer Jazznummern.

Charakterdrama und smoother Thriller

Als gewieftes Old-School-Krimidrama findet The Piano Tuner seinen alles umfassenden und behütenden gemeinsamen Nenner in dieser ausgesucht stimmigen Charakterstudie eines vom Schicksal enttäuschten, introvertierten Mannes, der in manchen Szenen an Ryan Gosling aus Drive erinnert, der aber nicht zu Gewalt neigt, sondern das Leben herausfordern muss, ohne seine Prinzipien zu verraten. Das gelingt natürlich nicht immer. Der Konflikt bahnt sich an, doch so unaufdringlich wie zufälliges Kennenlernen, aus dem Synergien erwachsen.

Der Gleichgewichtssinn liegt nicht nur im Ohr

Roher bietet Understatement den ganzen Film lang – von diesem Mann werden wir zukünftig noch einiges hören, denn sein Gespür für treffsichere dramaturgische Balance, in diesem Fall zwischen Chill-Time, Drama und Spannung, mag sein ganz eigener Skill sein. Wie das absolute Gehör von Niki White. Und so absolut im Reinen mit seiner Geschichte fühlt sich auch The Piano Tuner an – und bietet am Ende noch eine kuriose Ironie als Ergebnis unheilvoll verketteter Umstände. Ein Thriller also, den man genießen kann, bis zuletzt durchdacht, aufmerksam und willens, mit den eigenen erschaffenen Figuren nicht nur Smalltalk führen zu wollen.

The Piano Tuner (2025)

Power Ballad – Der Song meines Lebens (2026)

SPIEL MIR DAS LIED VOM ERFOLG

5,5/10


Nick Jonas und Paul Rudd in John Carneys Musikfilm Power Ballad – Der Song meines Lebens
© 2026 Lionsgate / Constantin Film Österreich


LAND / JAHR: USA, IRLAND 2026

REGIE: JOHN CARNEY

DREHBUCH: JOHN CARNEY, PETER MCDONALD

MUSIK: JOHN CARNEY, GARY CLARK

KAMERA: YARON ORBACH

CAST: PAUL RUDD, NICK JONAS, PETER MCDONALD, HAVANA ROSE LIU, JACK REYNOR, MARCELLA PLUNKETT, RORY KEENAN, KEITH MCERLEAN, PAUL REID, BETH FALLON U. A.

LÄNGE: 1 STD 38 MIN



Film und Musik gehen besonders bei einem Mann zusammen, der das Songwriting ins Scriptwriting immer hat einfließen lassen – und umgekehrt: John Carney. Der irische Filmemacher, der mit dem Hit Falling Slowly aus dem Film Once Oscar-Geschichte geschrieben und mit Can A Song Save Your Live? in meinen Augen einen der besten modernen Musikfilme herausgebracht hat, mit Mark Ruffalo und einer nicht nur musikalisch begnadeten Keira Knightley, betont nun in seinem neuesten Film Power Ballad – Der Song meines Lebens erneut, wie schwierig es ist, ein gutes Lied zu komponieren. Denn da müssen so einige Faktoren zusammenkommen: Harmonierende Lyrics, ein mitreißendes Tempo, ein spannender Rhythmus und vor allem aber ein einprägsamer Refrain.

Nicht jeden küsst die Muse

Songwriting kann somit nicht jeder, und oft auch kein Superstar, denn die lassen schreiben, interpretieren bewährte Klassiker neu und haben ein ganzes Label im Rücken, das alles dafür tut, um die Jahrhundertnummer, die vielleicht gar keine ist, groß rauszubringen.

Songwriting alleine reicht aber nicht. Es ist wie mit einem guten Skript – dafür einen Verlag zu finden, mag eine Lebensaufgabe bleiben. So ähnlich geht’s Paul Rudd als verkanntes oder unerkanntes Genie, das mit seiner Band auf Hochzeiten aufspielt und da nur Lieder schmettern darf, die ohnehin jeder kennt. Beim selbstverfassten Stoff jedoch zerstreut sich das Publikum, und hätte die Schicksalsfee mit sogenanntem Rick Power kein Mitleid gehabt, wäre es nie zu einem Zusammentreffen mit ihm und einem Ex-Boyband-VIP namens Danny Wilson gekommen, der den einstigen Ruhm für eine Solokarriere nutzt, für die noch der eine, ganz bestimmte Song wohl fehlt. Die Nummer, die an die Spitze der Charts kommen soll.

Gelegenheit macht Diebe

Die kreative Synergie zwischen den beiden dauert einen ganzen Abend, die beiden verstehen sich prächtig – bis einige Zeit später passiert, was fast schon passieren muss: Der Star hat Powers Song geklaut. Eben jene ganz persönliche Nummer, die dieser in jovialer Bereitschaft, den ruhmreichen Musikerkollegen zu inspirieren, ganz privat ins Klavier gehauen hat. Was also tun? Die Rechte einfordern? Danny Wilson zur Rede stellen? Doch wo ist überhaupt der Beweis, dass der Song aus Powers Feder stammt?

Um welche Werte geht es hier?

Zwei Karrieren, zwei Seiten einer Medaille. Der überbordende Erfolg und das überschaubare Handwerk eines Event-Musikers. Dort die Gunst, da der Neid. Power Ballad ist John Carneys wohl tragikomischste Regiearbeit – aber auch die vorhersehbarste. Wie umgehen mit geistigem Eigentum, wie verteidigen? Es ist ein Ringen um Gelegenheiten, die man entweder verpasst hat oder nicht. Sierger ist der, der den Plagiator zum Geständnis – oder den Urheber zur Resignation bringt.

Ums Geld geht’s da schon lange nicht mehr – oder doch? So klar ist sich Carney in seinem Duell der Barden in Sachen Beweggründe nicht wirklich, auch wenn es so scheint, als hätten beide ihre aufrichtigen Gründe dafür, zu tun, was sie eben tun müssen. Ein bisschen verliert sich diese Doppelconference im Leerlauf, als würde man gerade im Mittelteil eines Songs einem längeren Intermezzo beiwohnen, das diesen aber nicht verbessert. Paul Rudd, sowieso immer grundsympathisch, als Ant-Man ein Volltreffer fürs Marvel-Universum, mag als übervorteiltes Talent seine Rolle selten  richtig ernst nehmen, während Nick Jonas das Austauschsternchen mimt.

Wie man Stars zur Rede stellt

Ich erinnere mich bei Power Ballad an den Kabarettfilm Freispiel des Österreichers Harald Sicheritz – mit Alfred Dorfer und Lukas Resetarits in den Hauptrollen. Der eine ein erfolgloser Musiklehrer, der gerne Songwriter wäre – der andere ein Schlagerstar, der es sich gerichtet hat. Dieser Schlagabtausch der beiden mag nur eine etwas längere Szene in diesem Film sein, doch bringt Sicheritz in diesem Moment den Konflikt der beiden auf eine psychologisch konnotierte Ego-Bühne. Diese satirische Zuspitzung wäre in Power Ballad wohl die Würze gewesen. Doch das seichte Abenteuer zweier Iren (Peter McDonald als Rudds schräger Buddy ist mit von der Partie) in Los Angeles ist wichtiger als der persönliche Konflikt.

Immerhin, Power Ballad macht Laune, weil er vorne und hinten nicht wehtut. Den mitreissenden Esprit aber, den John Carney früher oft hatte, den mag man hier vergeblich suchen.

Spiel mir das Lied vom Erfolg

Und was ist mit dem Song, um den es hier geht? Man mag How to Write a Song (Without You) nach Sichtung des Streifens dank wiederholter Wiedergabe noch einige Stunden im Ohr haben, doch dann verpufft er – was daran liegt, dass dieser nicht jene Raffinesse aufweisen kann, die Falling Slowly in Once damals hatte. Nicht immer lässt sich für einen Film wie diesen ein Welthit schreiben. Da sieht man wieder, wie schwer es ist, so etwas hinzubekommen. Power Ballad entlarvt sich also selber auf eine Weise, und tut alles, um sein Lied als eine ganz große Nummer zu verkaufen.

Power Ballad – Der Song meines Lebens (2026)

Minions & Monster (2026)

AND THE BANANA GOES TO …

5/10

 

Kevin und Stuart beschwören Monster in Minions & Monster
© 2026 Universal Studios. All Rights Reserved.

 

LAND / JAHR: USA 2026

REGIE: PIERRE COFFIN

DREHBUCH: BRIAN LYNCH

MIT DEN STIMMEN VON (ORIGINAL): PIERRE COFFIN, CHRISTOPH WALTZ, ALLISON JANNEY, TREY PARKER, JESSE EISENBERG, BOBBY MOYNIHAN, JEFF BRIDGES U. A.

STIMMEN (SYNCHRO): Bill & TOM KAULITZ

LÄNGE: 1 STD 29 MIN



Sie sind unsterblich (anscheinend). Sie sind hedonistisch, exaltiert, nervös und nervig. Sie sind devot, anbiedernd und kämpfen mit den Tücken des Alltags genauso wie unsereins. Weil sie für nichts richtig Experte sind, meist nur so tun als ob, und behaupten, alles zu können, weil sie gefällig sein wollen. Was sie aber absolut auszeichnet, das ist ihr Sinn für Humor. Wenn am Ende auch wirklich alle schiefgeht – wer zuletzt lacht, lacht am besten. Und zuletzt lachen immer die Minions.

Die Anziehungskraft des Schurkischen

Kein Sommer ohne diese kniehohen kleinen TicTacs mit ihren eigentümlichen Brillen und den blauen Hosen, die sie gern mal gegen anderes Outfit eintauschen, weil sie ja schließlich wie eine Blaupause für jeden noch so erdenklichen Job bereit sein wollen – sofern dieser dazu beiträgt, die Welt zu unterjochen.

Also sucht dieser wilde Haufen seit dem Paläozoikum immer und immer wieder nach dem einzig wahren und richtigen Oberboss. – nach einem Fiesling, der es wirklich verdient, so genannt zu werden. Der sich die Hände reibt, hämisch kichert und gehässige Seitenblicke auf alles wirft, das arglos in die Falle tappt.

Einer davon ist zum Beispiel ein gebirgsgroßer Zyklop, der mit Inbrunst alles kleintritt, was ihm unter die Füße kommt. Die Minions sind begeistert, folgen dem Riesen auf Schritt und Tritt. Ihnen dabei zuzusehen, wie die den nicht ganz hellen Tunichtgut umgarnen, zählt zu den absoluten Highlights des Films – wenn nicht gar zu diesem einen, besonderen Moment, der am Ende noch dahingehend gipfelt, Eltern von Kindern, die daheim gerne und ausdauernd den Lego-Architekten raushängen lassen, an schmerzliche Erfahrungen erinnert.

Zwei, die mächtig Ärger machen

Irgendwann wird klar, dass wiedermal Kevin und Stuart (und vielleicht auch Bob) das charakterliche Zentrum sonst eher austauschbarer Individuen bilden. Sie bekommen im Mittelalter dann auch das Monsterbuch einer herrlich karikierten Merlin-Parodie in die Finger, um gleich darauf die eine oder andere Beschwörung zu murmeln.

Das Buch mag dann später, im Zeitalter des aufkommenden Tonfilms in Hollywood, gerade wie gerufen kommen, sparen sich die beiden Hansdampfs mühsames VFX und teure Effekte. Einfach ein Monster beschwören – schon könnte ein Film daraus werden, der die Scharen in die Kinos lockt. Oder die Scharen vor etwas flüchten lässt, das mit tausenden Augen nicht unbedingt des Dr. Mabuse alles vernichten will.

Quietschbunter kosmischer Horror

Diese kleine grüne Teletubbie-Version des Cthulhu hätte selbst H. P. Lovecraft zum Lachen gebracht. Mit Quietschstimme und süßelnder Unterwürfigkeit schmiedet das kleine Wesen sinistre Pläne. Haushohe Monster, die sich Illumination aus der Monster AG geborgt hat, sollen dabei helfen.

Und dann ist da auch noch ein Roboter, einer vom anderen Stern mit dem Namen Gort, der, Filmnerds wissen, seit dem Tag, an dem die Erde stillstand, das hollywood‘sche Integrationsprogramm lebt. Dazwischen streut Regisseur Pierre Coffin, der den Minions auch ihre heliuminhalierende Kauderwelsch-Stimme leiht, von der man nie weiß: ist es spanisch, italienisch, englisch, deutsch oder buschmännisch, ein fast schon parallel laufendes Bilderquiz zum Thema Filmgeschichte in die Handlung, die als Minutensketche wunderbar funktionieren.

Eine ganze Packung TicTacs auf einmal lutschen

Je kürzer die Minions ihre Gags zünden, und je überschaubarer das Szenario als gespielter Witz, umso besser funktioniert ihre Slapstick-Welt. Je monströser, epischer und bemüht erzählerischer das Ganze wird, umso weniger.

In keinem anderen Minion-Standalone wird deutlicher, wie sehr die Minions am besten als Sidekicks funktionieren. Und wie gut man sie in szenische Intermezzi unterbringt. Wird’s abendfüllend, verrennt sich das Abenteuer in ein hysterisches Chaos, das immer noch eins draufsetzt, das alles und am besten gleichzeitig will.

Der Overkill überlagert alles

Das große Geklotze mag sich zwar Minions & Monster nennen und die Metaebene mit dem Film im Film gut genug finden – aus irgendeinem Grund aber fällt der dankbare Plot auseinander und muss fortan an doppelter Front auf Biegen und Brechen triumphieren, was abwechselnd eine der beiden Storylines schwächt.

Das Bemühen um Originalität ist letztlich verlorene Liebesmüh; der Roboter und seine Romanze mit einer Suffragette ein merkwürdig vom Thema abkommendes Add-On, als würde der Film von sich selbst ablenken müssen. Ermüdet stellt man fest, dass der Tag, an dem die Erde zumindest ein bisschen stillstehen hätte können, einfach nicht anfängt. Wie schade, denn dann hätte man die Minions deutlicher lachen gehört.

Minions & Monster (2026)