Destroyer

INS GESICHT GESCHRIEBEN

4/10

 

destroyer© 2019 Concorde Filmverleih

 

LAND: USA 2019

REGIE: KARYN KUSAMA

CAST: NICOLE KIDMAN, SEBASTIAN STAN, SCOOT MCNEARY, TATIANA MASLANY, BRADLEY WHITFORD U. A.

 

Das Leben ist ein einziges Risiko. Zu viel Sicherheit langweilt, also warum nicht mal Bungee springen, sich in die Stratosphäre schießen lassen oder in Krisenländern Urlaub machen? Natürlich ist das Risiko da sehr groß, und das wissen diese Leute auch, und wenn sie dann unglücklich landen oder aus dem Urlaub nicht mehr zurückkommen, war das leider der hohe Prozentsatz an Risiko, den man nicht als Katze im Sack mitgekauft hat. Klarer Fall von bewusster Selbstentscheidung. Der Mensch ist ja an sich intelligent, kann in die Zukunft planen und Situationen richtig oder falsch abschätzen, und auch die Risiken bei seinem Tun reflektieren. Auch wenn es darum geht, sich als Undercover-Polizistin in eine Verbrecherbande einzuschleusen. Sowas tut man freiwillig. Nicole Kidman als Polizistin Erin Bell hat das gemacht, nämlich undercover in der Clique eines Räubers mitzumischen (Toby Kebell mit unfreiwillig komischer Tommy Wiseau-Mähne). Aber das ist lange her.

Jetzt sitzt Polizistin Erin Bell entweder auf den Stufen, liegt am Boden oder sitzt bevorzugt im Auto – und starrt resignierend vor sich hin. Und sie sieht furchtbar aus. Nicole Kidmans Gesicht spricht Bände schlafloser Nächte und regelmäßiger Vollräusche. Die Haut ist trocken und fleckig, Augenringe bis zu den Mundwinkeln, und abgemagert bis auf die Knochen. Die aparte Juristenmama aus Big Little Lies ist längst vergessen. Dass es sich hierbei um dieselbe Schauspielerin handelt, ist ungefähr genauso schwer zu begreifen wie die Rolle Charlize Therons in Monster. Beide sehen zum Fürchten aus. Kidman hat noch dazu so einen glasigen Blick, der im Nirgendwo endet. Und sie starrt. Sitzt und starrt. Rafft sich manchmal auf, setzt sich aber bald wieder irgendwo nieder. Und trinkt. Warum? Aus purem Selbstmitleid. So ein Eigenjammer kann ganz schön runterziehen, da lässt man sich als armes Opfer gerne gehen bis es nicht mehr geht. Selbst die Rache für etwas, das im Laufe des Films lange im Dunkeln bleibt, boxt den larmoyanten, mieselsüchtigen Schlendrian auch nicht aus ihr raus. Das Gambling mit erhöhtem Risiko war allerdings hausgemacht, und auch das selbstgewählte Abbiegen von Geplantem war ein Wachsen auf eigenem Mist. Also warum nicht die Konsequenzen erhobenen Hauptes tragen? Erin Bell tut das nicht, kann es nicht. Und das bitteschön grenzt schon etwas prätentiös an Selbstgefälligkeit.

Eine Märtyrerin im Thrillergenre, die das Schicksal nicht ertragen kann, rückt sich selbst in all ihrem Leiden direkt ikonenhaft ins Bild, abgöttisch verehrt von Filmemacherin Karyn Kusama (u. a. Aeon Flux und Jennifers Body, ebenfalls zwei Damen am Rande des Erträglichen), die diese Selbstbeweinung großzügig duldet und während dessen aber sonst nicht mehr weiß, was sie mit ihrem Film eigentlich machen soll. Nicole Kidman ist natürlich ein Profi zweifelsohne, aber es lässt sich schwer einen Profi zwei Stunden lang beweisen lassen, wie gut er nicht auch ganz andere Rollen spielen kann. Das müsste man bei Kidman gar nicht mal wissen wollen, sie ist schon so lange im Filmbiz, dass sie Filme wie Destroyer nicht mehr nötig hat. Denn was transportiert das Thrillerdrama denn noch? Eine trostlose Chronik der Vergeltung, die keine Erkenntnisse birgt, die vielleicht ganz geschickt ihre Zeitebenen montiert, womit der Film wirklich punktet, aber sonst in unbedingt gewollter Lethargie völlig die Kraft verliert. Tragische Polizeigeschichten dieser Art können auch ganz im Stile des Film Noir in gewisser prosaischer Verklärung die Antithese zum Happy End zelebrieren, andere verlieren das Ziel einer Geschichte aus den Augen, um die zentrale Figur stolpern zu sehen. Das ist bei Destroyer der Fall, noch dazu ist die Kausalität des Verzweifelns eine in Kauf genommene. Mein Mitleid hält sich dabei in Grenzen. So bleibt nur mehr jenes von Kidmans Filmfigur, das aber keiner mit ihr teilen will.

Destroyer

Kindeswohl

LASSET DIE KINDER ZU MIR KOMMEN

8/10

 

kindeswohl© 2000 – 2018 Concorde Filmverleih

 

LAND: GROSSBRITANNIEN 2017

REGIE: RICHARD EYRE

BUCH: IAN MCEWAN, NACH SEINEM ROMAN

CAST: EMMA THOMPSON, STANLEY TUCCI, FIONN WHITEHEAD, BEN CHAPLIN U. A.

 

Erwachet! Nahezu täglich werde ich daran erinnert, doch endlich die einzig wahre Erkenntnis zu erlangen. In den Passagen zwischen den U- und Schnellbahnsteigen, an den Stationen und Fußgängerzonen: Die Zeugen Jehovas sind immer noch aktiv, unermüdlich und unverwüstlich. Der Missionseifer von Tür zu Tür ist allerdings zurückgegangen, stattdessen harren sie in stoischer Ruhe in kleinen Gruppen der Neugier einiger weniger Zweifler entgegen, die unbedingt wissen wollen, wann denn die Welt wirklich untergeht. Die Zeugen Jehovas sind es auch, die es strikt ablehnen, Bluttransfusionen durchführen zu lassen. In Fällen zur Behandlung von Leukämie unerlässlich. Doch da siegt die Akzeptanz des Todes über dem Glauben. Sogar beim eigenen Kind.

Mit solchen Fällen muss sich die Richterin Fiona Maye herumschlagen. Ihr Resort sind familiäre Streitfälle, Entscheidungen um Leben und Tod. Zum Wohle des Kindes. Da kann es sein, dass bei siamesischen Zwillingen – ein Fall, mit dem Richard Eyres Drama Kindeswohl startet – einer von beiden getötet werden muss, damit der andere überlebt. Kein leichter Job, da würde ich niemals tauschen wollen, wenn ich Entscheidungen wie diese fällen müsste, um mich dann noch der unverhohlenen Kritik jener auszusetzen, die anders entschieden hätten. Die Konsequenz ist Selbstschutz, dick wie ein Panzer, der kaum noch Gefühle heranlässt. Überhaupt finde ich es interessant, dass Emma Thompson, die endlich wieder mal in einer ihr gerechten Rolle zu sehen ist, hier stark an die britische Premierministerin Theresa May erinnert, und dazu auch noch einen ähnlich klingenden Namen trägt. Während des Filmes lässt mich die Idee nicht los, Emma Thompson doch auch gleich für einen Film über die Wirren des Brexits zu besetzen – der wahrscheinlich demnächst kommen wird. In vereinfachter Form, denn kapieren tut das ganze Brimborium sowieso keiner mehr.

Es ist also Emma Thompson, deren nächstes salomonisches Urteil bald wieder gefragt sein wird – nämlich im Fall des Jehova-Sprösslings Adam, der bereit ist zu sterben, für einen sektiererischen Glauben, und für seine Eltern, die denken, richtig zu handeln, indem sie die notwendige Hilfe verwehren. Ungewöhnlich für eine Richterin, sich dann auf den Weg ins Krankenhaus zu machen, um den Jungen persönlich zu sprechen. Und um sich ein Urteil zu bilden, ob dieser im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte so entscheidet oder ob diese Entscheidung von außen erwartet wird. Natürlich gibt niemand so selbstlos sein Leben hin, schon gar nicht ein Kind. Jehova oder nicht. Das erkennt auch Richterin Maye. Und setzt mit ihrem wegweisenden Präzedenz-Beschluss eine Eigendynamik in Gang, die ihre ganze Existenz als Ehefrau, Jurorin und Mensch neu hinterfragt. So gesehen ist Kindeswohl weniger ein Justizdrama, weniger ein Sekten- oder Familiendrama, sondern vielmehr und ganz bestimmt das Psychogramm einer verbissenen, einer immensen Verantwortung unterworfenen Frau, die nichts mehr erkennt außer ihre Pflicht, richtig zu entscheiden. Aber was ist schon richtig? Woran lässt sich das wohl messen? Unter diesem Druck der richtigen Antwort leidet auch Ehemann Stanley Tucci – und sucht das Weite. Während die Richterin in ihrer Befangenheit und am Gängelband von Göttin Justitia langsam ihre Blindheit Dingen gegenüber erkennt, die jenseits des Verhandlungssaals verzweifelt um Aufmerksamkeit heischen.

Nach Am Strand ist Kindeswohl eine weitere Verfilmung der Romane von Ian McEwan – und genauso bemerkenswert gelungen. Emma Thompson liefert eine der beeindruckendsten, wenn nicht die beeindruckendste Leistung ihrer Karriere. Ihr scheinbar versteinertes, rationales Äußeres ringt mit tief vergrabenen Emotionen, die an die Oberfläche sickern. Dieses Ringen vermittelt Thompson auf beeindruckende Weise. Was für eine einnehmende, elegante, wenngleich gebrochene Erscheinung, die sich keine Schwäche erlauben darf, obwohl sie das Wohl der Schwachen verfechtet. Das ihre Performance in Kindeswohl keine Nominierung für den Oscar als beste Hauptdarstellerin nach sich gezogen hat, bleibt mir ein Rätsel. Auch der junge Fionn Whitehead als leukämiekranker Junge weiß sein darstellerisches Potenzial nachhaltig zu nutzen – seine Sehnsucht nach dem erhabenen Ideal eines gerechten Übermenschen wird zu einem Kampf gegen die Mühlen einer ambivalenten Justiz, die richtet, aber nicht fühlt. Regisseur Richard Eyre macht daraus ein vielschichtiges, facettenreiches Filmerlebnis, psychologisch durchdacht und grandios besetzt. Und solange Ian McEwan selbst die Drehbücher seiner Werke verfasst, geht von der präzisen Beobachtung seiner Figuren mitsamt ihren Schicksalen kein Quäntchen verloren. Erstaunlich, wie gut der Brite seine eigene Prosa dramatisiert. Dabei ist nicht selbstverständlich, dass Adaptionen dieser Art so gut gelingen wie hier.

Kindeswohl

A Beautiful Day

KATHARSIS EINES SCHATTENKRIEGERS

8,5/10

 

beautifulday© 2017 Constantin Film Verleih GmbH

 

ORIGINALTITEL: YOU WERE NEVER REALLY HERE

LAND: USA, GROSSBRITANNIEN, FRANKREICH 2018

REGIE: LYNNE RAMSAY

MIT JOAQUIN PHOENIX, EKATERINA SAMSONOV, JUDITH ROBERTS U. A.

 

Auf den Plakaten, die Lynne Ramsays Film beworben haben, war die an alle Cineasten gerichtete, verkaufsfördernde Zeile „Der Taxi Driver des 21. Jahrhunderts“ zu lesen. An diesem genrespezifischen Richtungsweis ist was Wahres dran. Doch in welchem Ausmaß? Dazu muss ich mir die Figur des Travis Bickle hernehmen, seines Zeichens eine Kultfigur und Wegbereiter des urbanen Irokesenschnitts, famos dargeboten von dem damals unverwüstlichen und mittlerweile ziemlich verwüsteten Robert De Niro. Der Taxifahrer aus New York City ist ein Einzelgänger, ein introvertierter Beobachter, der bei seinen Nachtfahrten allerhand mitbekommt, was sich in den Niederungen der Gosse so alles abspielt. Als ihm angesichts der minderjährigen Prostituierten Iris, dargestellt von Jodie Foster, die Schlechtigkeit des Menschen die Grenzen des für ihn Belastbaren sprengt, greift er zu drastischen Mitteln – er wird zu einem bewaffneten Anti-Helden, der dort aufräumt, wo es im Argen liegt. Er wird zum Befreier.

Ein Befreier ist auch Joe. Auch er befreit minderjährige Mädchen aus den Fängen perverser Kinderschänder. Allerdings steckt bei Joe ein System dahinter. Er ist buchbar, über mehrere Ecken, sodass er gänzlich anonym agiert. Immer wieder rückt er aus, nach wohlüberlebtem Schlachtplan. Nichts bleibt dem Zufall überlassen. Joe taucht auf wie ein Schatten, schlägt mit dem Hammer Schädel ein und befreit seine Opfer, deren Identität per Foto gesichert ist. So schnell wie er gekommen ist, so schnell ist er wieder verschwunden. Hochprofessionell, scheinbar emotionslos. Bickle´s Befreiungsschlag hingegen könnte der Anfang einer solchen Ära der idealisierten Gerechtigkeit sein, wir wissen es nicht. Der Antrieb, der hinter dem Taxi Driver steht, ist jedenfalls nicht der, den Joe für sein Tun und Handeln voraussetzt. Genau hier beginnt A Beautiful Day, in eine ganz andere Richtung zu gehen und die Dimension eines gesellschaftskritischen Selbstjustiz-Thrillers weit über Genre-Grenzen hinweg in die Luft zu sprengen. Der Film, für welchen Joaquin Phoenix für sein intensives Spiel die Goldene Palme gewonnen hat, betitelt sich im Original sowieso ganz anders: You were never really here. Zugegeben, mit A Beautiful Day als sarkastischen Überbau kann ich natürlich mehr anfangen als mit dem Original – obwohl Du warst niemals wirklich hier auf subtil-provozierende Art eine gewisse Neugier weckt. Wer genau war niemals wirklich hier? Und sagt das Joe? Oder das Mädchen Nina, das es zu retten gilt?

Der Originaltitel ist nicht der einzige Aspekt, der mit dazu beiträgt, aus den Elementen einer anfangs simpel erscheinenden Kriminalgeschichte eine kryptische Filmerfahrung zu entfesseln. A Beautiful Day ist tatsächlich ein besonderes Werk, das lange nachwirkt und erst zur vollen Entfaltung gelangt, nachdem sich die Eindrücke, die man aus dem Kino mitnimmt, so richtig gesetzt haben. Diese Wirkung, die erzielt Lynne Ramsey vor allem damit, den asketischen Schwermut ihrer wuchtigen Poesie mit einer ganz eigenen Interpretation von Gewalt zu verbinden. Dieses Zusammenspiel erinnert an das japanische Killer-Kino eines Takeshi Kitano oder Park Chan-Wook´s Oldboy. Ramsey zeigt aber nicht die Gewalteruption an sich, lässt diese nie zum Selbstzweck verkommen, sondern blickt sogar demonstrativ weg und filmt das statische Brachland der Zerstörung danach. So, als wäre man nicht wirklich dabei, aber irgendwie schon. Ganz so wie Joe selbst, der andere befreit, um sich selbst zu befreien. Wir sehen in verstörenden Intermezzi, was das Trauma des einsamen Schattenkriegers ausmacht – wie Splitter eines zerbrochenen Spiegels geistern Bildfetzen aus der Kindheit durch dessen Alltag. Aber nicht nur diese – auch Krieg und Menschenschmuggel spielen eine Rolle. Joe ist eine gequälte Seele, psychisch kaputt, den Gedanken an Selbstmord stets im Kopf. Kein Leben wie dieses, oder nur dann, wenn sich Joe immer und immer wieder selbst befreit, das Grauen durchspielt. Eine Art extreme Therapie, die nur Momente lang für Linderung sorgt. Dazu sorgenfreie Rhythmen, die in ihrem Zynismus den Abgrund, in dem sich die Figuren befinden, konterkarieren.

A Beautiful Day ist mindestens genauso brillant wie Abel Ferrara´s Bad Lieutenant, und lässt sich in der Katharsis seiner zentralen Figur mit Harvey Keitels Tour de Force durchaus vergleichen. Beeindruckend, wie Ramsey – gekonnt liebäugelnd mit den unorthodoxen Erzählstilen Asiens – aus der literarischen Vorlage von Jonathan Ames ein pulsierendes, virtuos zusammengesetztes Labyrinth aus Erlösung, Verfolgung und Vergebung errichtet, aus dem das Mädchen Nina wie Theseus´ roter Faden vielleicht zu einem Ausgang führt, vorbei an den Monstern der Vergangenheit und der Gegenwart – als Symbol von Joes eigenem zerstörten Ich, das im Zwiegespräch nur mehr sich selbst retten kann.

A Beautiful Day

True Story

DER TEUFEL UND SEIN SCHREIBER

6/10

 

truestory© 2015 Twentieth Century Fox

 

LAND: USA 2015

REGIE: RUPERT GOOLD

MIT JAMES FRANCO, JONAH HILL, FELICITY JONES U. A.

 

Kriminalpsychologen haben sich an diesem Fall sicher die Zähne ausgebissen – und das nicht, weil der Mörder nicht zu überführen gewesen wäre. Vielmehr sind es die Beweggründe, die eine so unvorstellbar schlimme Tat zur Folge gehabt hat. Das Motiv ist meist immer am schwierigsten nachzuvollziehen. Als unergründliches Beispiel für die Psyche eines Menschen, der sein eigen Fleisch und Blut am Gewissen hat – oder zumindest am Gewissen haben könnte – führt das Kriminaldrama True Story den authentischen Fall eines Familienvaters an, der seine Frau und seine drei kleinen Kinder ermordet, in Koffer verpackt und versenkt haben soll. Was ist das wohl für ein Mensch? Und ist es überhaupt ein Mensch? Vielleicht ist der Täter Opfer einer Psychose, denn nach vorsätzlichem Mord sieht das Ganze auch nicht aus. Kurzschlussreaktion? Dazu bin ich selbst zu wenig Profiler, um diese Fragen zu beantworten. Die kann nicht mal der Journalist Mike Finkel beantworten, einst renommierter Journalist der New York Times, der sich aber mit einer bewusst falsch recherchierten Geschichte über Entwicklungshilfe in Afrika selbst den Podest hinter dem Allerwertesten weggezogen hat. Wieder am Boden der Tatsachen, fällt ihm die Sache mit dem vermeintlichen Mörder Christian Longo in den Schoß. So gesehen nicht verlockender als andere Kriminalfälle – nur Longo hat bei der Verhaftung die Identität eben jenes Journalisten angenommen. Natürlich muss Finkel da zuschlagen, schon allein, weil sonst keiner den in Verruf geratenen Schreiberling engagiert.

Kurze Zeit später sitzen sich beide gegenüber – der Mörder und sein Sprachrohr nach draußen. Der Teufel und sein Memoirenschreiber. Der manipulativen Redner und sein Laufbursche. Szenarien, die wir schon aus anderen gewichtigen Spannungsfilmen kennen. Mir fällt Der Totmacher mit Götz George ein. Eine Spielfilmlänge lang steht der bis zur Unkenntlichkeit getarnte Tatort-Star als Massenmörder Fritz Haarmann in einem Zimmer Rede und Antwort. Bedrückend, niederschmetternd, faszinierend. Jodie Foster blickt Anthony Hopkins durch die Glasscheibe bis ins Innerste seiner schwarzen Seele. Und Edward Norton führt Richard Gere auf geniale Weise hinters Zwielicht. James Franco, Mutlitalent und Alleskönner, kann auch in die Fußstapfen genannter Schauspielgrößen treten, wenn es heißt, einen des Mordes beschuldigten Horrorvater zu spielen. Seine Miene ist Tarnung pur, sein müder Blick versteckt hellwache Taktik. Oder doch nicht? Jonah Hill, der im Grunde auch alles spielen kann, was man ihm vorsetzt, scheint von dem verschlossenen Geheimnistuer ziemlich fasziniert. Ganz so wie der Interviewer von Fritz Haarmann. Oder Agent Starling von Hannibal Lecter. Abstoßend sind sie ja, die bösen Buben – aber andererseits ist das unergründlich Böse sowas wie eine Freiheit der Bestie, die sich keiner wirklich leisten kann. Der Journalist Finkel will die ganze Wahrheit wissen – und beginnt, dafür die eigene Seele preiszugeben.

Es ist so wie mit dem Abgrund, in den man hineinblickt. Es kommt immer darauf an, mit welcher Intensität oder welcher bizarren Leidenschaft man das macht. Theaterregisseur Rupert Goold begibt sich mit der Verfilmung des gleichnamigen Berichts von Journalist Finkel nicht weit weg von seinem eigentlichen Metier. True Story ist ein Kammerspiel, enorm nüchtern, reduziert und in graue Düsternis getaucht – einzig durch den orangen Overall des Sträflings zeitweise von aufweckender Farbgebung. Jonah Hill blickt streng, freudlos und begierig, alles zu hören, und sei es auch noch so verstörend. Franco dirigiert, manipuliert und heischt Mitleid. Dazwischen, oder eher aus der Distanz: Felicity Jones, die die Mechanismen des Psychoduells der beiden Egomanen als einzige erkennt. Für den Zuseher wird bald klar, was Sache ist. Und auch, was wirklich dahintersteckt. Dass sich diese Geschichte tatsächlich so ereignet hat, ist fast kaum zu glauben – viel zu bühnentauglich hört sich die ganze Begebenheit an.

Das gegenseitige Ergötzen am Gegenüber ist fast schon ekelhaft, doch wert, verfilmt worden zu sein. Spaß macht der Film allerdings keinen. Hobbykriminalisten und Fans von True Crime-Stories dürften den grauenvollen Einzelheiten der Ermordung sachlich gegenüberstehen – Zartbesaitete könnte die tragische Geschichte, die glücklicherweise meist nur erzählt wird, ziemlich beschäftigen – vor allem weil sich das Warum und Wieso im diffusen Zwielicht der Haftanstalt verstörend bedeckt hält. Und der Teufel über alles erhaben zu sein scheint. Übrigens: Briefkontakt haben die beiden immer noch (Stand 2015).

True Story

Die Blumen von gestern

LERNEN SIE GESCHICHTE!

6/10

 

blumenvongestern© 2016 Dor Film

 

LAND: DEUTSCHLAND 2016

REGIE & DREHBUCH: CHRIS KRAUS

MIT LARS EIDINGER, ADÉLE HAENEL, HANNAH HERZSPRUNG, JAN JOSEF LIEFERS U. A.

 

Im Herbst 1945 richteten die USA anlässlich der bevorstehenden Nürnberger Prozesse ebenda das sogenannte Zeugenhaus ein. Sowohl Nazis als auch Opfer des faschistischen Regimes, insbesondere ehemalige KZ-Insassen, hatten sich dort zu versammeln, um auf den Moment ihrer Einvernehmung zu warten. Dieses Haus war bis 1947 aktiv, obwohl die Nürnberger Prozesse bis 1949 andauerten. Freilich beherbergten die Amerikaner beide Parteien nicht ohne Aufsicht und protokollierten akribisch das Mit- oder Gegeneinander während des langen Wartens.

Diese an der Kippe des Zumutbaren mäandernde Konstellation erfahren in Chris Kraus´ bizarrer Holocaust-Romanze Darsteller Lars Eidinger und Adéle Haenel zwar nicht aus erster Hand, aber zumindest tragen sie als Nachfahren von Opfer und Täter das zentnerschwere Bündel der Geschichte mit sich herum. Die eine Enkelin von KZ-Ermordeten, der andere Enkel eines Offiziers der Waffen-SS. Traumata, die sich wie die DNA der Erinnerung durch die Generationen bis ins Heute ziehen. Verstörende Schicksale und verbrecherische Entscheidungen, für welche allem Anschein nach die Sippe haftet – oder das Individuum, das damit leben muss, die Schuld der Machthabenden oder die Ohnmacht der Ungeschützten weitertragen zu müssen. Aber müssen sie das wirklich? In ihrem Verhalten, in ihrer Unfähigkeit, ein Leben in gesunden Normbereichen zu führen, gilt für Totila Blumen, einem Mitarbeiter der zentralen Stelle zur Aufklärung von NS-Verbrechen, und Zazie Lindeau, einer Praktikantin aus Frankreich, die Frage zu bejahen. Erstmal. Und als die beiden, die anfangs notgedrungen und eher spinnefeind miteinander arbeiten müssen, auf ein verblüffendes Crossover ihrer Familiengeschichten stoßen, beginnt sich der Lauf der Dinge und die Frage von Verantwortung, Sühne und Vergebung neu zu formulieren. 

Dabei gerät aber Chris Kraus´ darstellerisch intensive Nabelschau über das Gegenwartsbewusstsein zum Holocaust zum Beziehungsfilm der anderen Art. Der völlig hysterische, unberechenbare und aggressive Totila Blumen ist von Lars Eidinger mit Hingabe verkörpert. Adéle Haenel als nicht minder uneinschätzbare, Paroli bietende Grenzgängerin mit französischem Akzent gebärdet sich noch unnahbarer und schwerer zugänglich als der Gedenkinitiator Blumen himself. Beide okkupieren den Film für sich, was ja auch ihr gutes Recht ist – der brisante Background mitsamt seiner Täterkinder-Opferkinder-Allegorie tritt da ganze Filmlängen hindurch beschämt beiseite. Die Blumen von gestern will nicht nur durchgeknallte Beziehungskiste sein. Und da will die tragische Komödie oder komische Tragödie wieder zu viel. Wobei es nicht zu viel sein hätte müssen. Die Exaltiertheit und Verschrobenheit des Schauspielduos ist zu einnehmend, um beides zu wollen. Dadurch gerät der mahnende Anspruch und das Erinnern an das unerlebte Damals zum austauschbaren Platzhalter in einem dicht und dick schraffierten Psychodrama um familiäre Identitäten und Versäumnisse, mit denen die Generation von Schindlers Liste zu hadern hat. Das vererbte Gewissen ist kein sanftes Ruhekissen. Das ist der Kinosessel bei Die Blumen von gestern auch nicht. Viel zu nervös ist das Ganze, und nur leidlich packend, weil wir als Zuseher von außen in diesem intimen Drinnen irgendwie nichts zu suchen haben. Das macht den Film zumindest für mich zu einer sperrigen Performance, die eigentlich doch nur eine schräge Romanze bleibt.

Die Blumen von gestern

Jackie

DIE PASSION DER FIRST LADY

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jackie

Der 22. November 1963 muss wohl ein Tag gewesen sein, der die Weltbevölkerung erschauern ließ. Meine Eltern können sich noch genau an diesen Tag erinnern, ebenso wie wir uns noch an den 11. September erinnern können – und niemals vergessen werden. Die Bilder kennen wir alle. Wenn man nicht schon in der Schule damit konfrontiert wurde, dann spätestens bei Oliver Stone´s Politthriller JFK – Tatort Dallas. Bilder, die Geschichte geschrieben haben. Wenn sich Jackie Kennedy in ihrem rosafarbenen Kaschmirjäckchen über das Heck der Limousine beugt, um die Schädelfragmente ihres ermordeten Mannes einzusammeln, manifestiert sich das Grauen politischen Terrors in Bild, Farbe und Ton. Kaum eine Ermordung wurde so akribisch dokumentiert wie jene von John F. Kennedy. Man hat das Gefühl, dass die amerikanischen Medien anders ticken als alle anderen. Dass die den gewissen sechsten Sinn haben. Dass sie wissen, wo sie sein müssen, um globale Paradigmenwechsel rechtzeitig und perfekt ins Bild zu rücken. Das war 1963 in Dallas so, das war auch beim 11. September so. Selbst die Ermordung von Lee Harvey Oswald gibt es auf Band. Was es aber nicht auf Band gibt, das sind die Tage nach dem verstörenden Attentat, aus der Sicht von Amerikas First Lady Jackie. Tage der Trauer, der Verzweiflung, der Wut. Und Tage der eigenen Ohnmacht. 

Was der chilenische Filmkünstler Pablo Larrain (No!, Neruda) daraus gemacht hat, ist die distanzlose Apotheose einer Ikone. Ein filmisches Close Up des erahnten Konterfeis einer leidenden Maria Magdalena. Die Biografie – ein Gesicht in verschwenderischer Mimik. Larrain reduziert die Passion der heiligen Jaqueline auf eine Diashow formatfüllender Portraits. Die Kamera, der Regisseur, das Drehbuch – sie kennen keine Gnade und rücken der Trauernden ungemein anstandslos auf die Pelle. Ein Schritt zurück, und was bleibt, sind die gähnenden, spärlich möblierten Räume des Weißen Hauses. In diesen Momenten erinnert Jackie an den Stil eines Stanley Kubrick. Womöglich hätte der 1997 verstorbene Kultregisseur zu diesem sehr speziellen Thema einen ähnlichen Film gemacht. Den Momentaufnahmen eines politisch motivierten Mordes und seiner Folgen geht sehr bald das relevante Drumherum der Geschehnisse abhanden. Was bleibt, ist eine Frau, die man aus den Medien kennt und gekannt hat. Und die, reduziert auf ihre Trendsetter-Mode und ihren Haarschnitt, nur bröckelnde Fassade bleibt. Die Tür in das Innere der Jackie Kennedy aufzustoßen, das gelingt diesmal nicht einmal der von mir sehr geschätzten Natalie Portman. Sie bleibt in Larrain´s Film lediglich eine Person der Öffentlichkeit. Eine, mit der man mitleiden, mitweinen und mithadern kann. Die aber das Terrain einer Boulevardpresse nicht verlässt. Im Gegenteil – die Schwärmerei der Regie entartet in einer Überstilisierung, die man aus dem Propagandakino einer Leni Riefenstahl kennt. Geht es dabei aber wirklich um Jackie Kennedy? Oder um Natalie Portman? Hat Noah Oppenheim das Drehbuch für Portman geschrieben? Oder war es umgekehrt? Jedenfalls dürften beide Personen beim chilenischen Filmemacher einen persönlichen Hype ausgelöst haben. Und ohne Zweifel, Portman gibt alles. Einmal verklemmt kokettierend mit der Kamera, beim Zitieren eines Filmes aus den frühen Sechzigern, der einen Rundgang durchs Weiße Haus beschreibt. Einmal in ihrer erschütterten Trauer resignierend und ihr neues Ich suchend, das schneller verfügbar sein musste als man im Grunde verlangen kann. Einen trauernden Menschen kann man nicht drängen. Einen selbigen, der noch dazu in der Öffentlichkeit steht, schon. So reflektiert die bildschöne Schauspielerin alle Spektren ihres Könnens und macht aus ihrer darzustellenden Figur eine durch das Unglück des Lebens kämpfenden Apostelin, die nicht nur um das Andenken ihres Ehemanns, sondern auch um das eigene bemüht ist. Damit haben wir aber auch schon den einzigen reflektierenden Aspekt, verkörpert durch einen namenslosen Journalisten, der unbequeme Fragen stellen darf, dem aber verboten ist, Gesagtes publik zu machen.

Dennoch: Jackie Kennedy bleibt auch nach diesem Interview eine Unbekannte, bleibt doch ihr Charakter in ihrem Ausnahmezustand verzerrt. Wie und wo sie gelitten hat, was sie womöglich gedacht und wozu sie imstande gewesen wäre – die Interpretation besteht aus Verhaltensweisen, die jedem trauernden Menschen eigen sind. Somit bleibt Jackie eine filmische Spekulation und eine haltlos übertriebene Ikonografie, die sich in den Zügen Natalie Portmans suhlt und ihr wie auch der späteren Onassis-Gattin bar jeglicher Behutsamkeit in der Inszenierung ein Ungetüm von Denkmal errichtet. Ein künstlerischer Film, durchaus. Aber im wahrsten Sinne des Wortes ein Facebook-Bericht, gespickt mit distanzlos-distanzierten Profilbildern aus dem tief getroffenen Establishment.  

Jackie

Bauernopfer

SCHACHBRETT VORM KOPF

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bauernopfer

Dass die meisten Menschen nur zehn Prozent ihres Gehirns nutzen, ist ein alberner Mythos. Zwangsläufig müssen wir als denkende Spezies sehr wohl mehr als diesen Anteil nutzen, sonst würden Teile unseres Denkapparates unweigerlich degenerieren. Dennoch gibt es Menschen, die tatsächlich ihre Hirnkapazitäten intensiver nutzen der Großteil der Menschheit. Es mag ja eine Art Geschenk sein, tiefer in die Komplexität des Lebens und die Mathematik der Natur vorzudringen. Allerdings geht dieses Geschenk Hand in Hand mit einem Fluch, der die zwischenmenschliche Komponente oder überhaupt die Komponente der Wahrnehmung heimsucht. Hochintelligente Menschen wie der Amerikaner Bobby Fischer zum Beispiel, der in den 70er Jahren den Schach-Code geknackt zu haben schien, war so ein Gesegneter. Aber auch ein von paranoiden Wahnvorstellungen, übertriebener Eitelkeit und hypersensibler Wahrnehmung geprägter Geist. Ein bemitleidenswertes Häufchen Mensch. Allerdings eines, dass wie kein zweiter die Prinzipien mathematischer Wahrscheinlichkeit und die Mechanismen des Königsspiels Schach absorbiert hat. Unter diesen Voraussetzungen wurde Bobby Fischer zu einer Galionsfigur der Vereinigten Staaten und deren neue Hoffnung, sich gegen das kommunistische Monstrum namens Mütterchen Russland zu behaupten. Dem Feind im Osten kam diese Offensive gelegen. Die Großmacht war bereit dem genialen, aber unausstehlichen Amerikaner Fischer mit dem hauseigenen Schachweltmeister Boris Spasski die Stirn zu bieten. Letzten Endes barg ihre Konfrontation 1972 im isländischen Reykjavik wohl eines oder überhaupt das unglaublichste Schachspiel seit Menschengedenken. Weil Bobby Fischer Strategien ins Feld führte, die völlig neu waren.

Bis es überhaupt so weit kommen konnte, mussten noch allerhand Allüren, unangekündigte Abwesenheiten, Spielausfälle und jede Mange großspuriges Gehabe von Fischers idealistischen Begleitern und Betreuern ausgeglichen werden. Regisseur Edward Zwick, Liebhaber historischer Stoffe und betulicher, sorgfältiger Erzähler sperriger Stoffe, hat den kalten Krieg auf 8×8 Feldern ausgetragen. Und nicht nur das – Bauernopfer (im Original Pawn Sacrifice) ist vor allem in erster Linie eine lupenreine Biografie und das Psychogramm eines Mannes, der von der Welt mehr verstand als ihm lieb war. Dass die meisten folglich daran scheitern, ist eine logische Konsequenz. Dieses Schicksal durfte Bobby Fischer mit Denkern wie dem Mathematiker John Forbes Nash teilen, der in Ron Howards grandioser Biografie A Beautiful Mind bereits verewigt wurde. So könnte das Bauernopfer auch Fischer selbst gewesen sein. Seine außergewöhnliche Begabung ist eine Medaille mit zwei Seiten, der Fluch ist inbegriffen. So schreitet die Realitätsentfremdung voran, die Welt wird zum Schachbrett, und jedermann führt etwas im Schilde. Was A Beautiful Mind und Bauernopfer gemeinsam haben, ist nicht nur die Psychostudie eines Superhirns. Auch beide Darsteller leisten Großartiges. Russel Crowe´s Performance ist hinlänglich bekannt. Ex-Spiderman Tobey Maguire steht ihm um nichts nach. Sein Spiel ist durchdacht, akribisch und leidenschaftlich. Genau so könnte der echte Bobby Fischer gewesen sein. Der irre, abwesende Blick, dann wieder das selbstverliebte Grinsen. Und dann die totale Konzentration. Eine oscarwürdige Leistung in jedem Fall. Ebenso Liev Schreiber skizziert seinen scheinbar stoischen Russen sehr realitätsnah. Zurückgezogen, arrogant, aber zeitweise genauso verwirrt und überempfindlich wie sein amerikanischer Gegenspieler aus Chicago.

Diese Nähe an der Dokumentation macht aus dem nüchternen, im Grunde schwierig umzusetzenden Thema ein faszinierendes Tatsachendrama mit ergänzender Allgemeinbildung zur Geschichte des Denksports. Psychologisch, aufschlussreich und bizarr. Und es erinnert daran, wieder mal das vertaubte Schachbrett aus dem Keller zu holen… oder wo immer ihr es verstaut habt.

Bauernopfer