Timbuktu

EINFACH NUR IN FRIEDEN LEBEN

7/10

 

timbuktu

REGIE: ABDERRAHMANE SISSAKO
MIT IBRAHIM AHMED DIT PINO, ABEL JAFRI, HICHEM YACOUBI

 

Zuerst sterben die alten Götter. Und dann kommen die neuen – oder auch nur der einzige, der wahre Gott. Wenn zu Beginn des mauretanischen Wüstendramas Timbuktu die hölzernen Skulpturen westafrikanischer Schutzgeister und Talismane im Kugelfeuer der Kalaschnikows zerfetzt werden, ist schon zu erahnen, welche dunkle Stunde für die Bevölkerung der Sahelzone geschlagen hat. Es ist die Stunde der Unterjochung. Der absoluten Unterdrückung im Gewand religiösen Fanatismus. Eine ideologische Missgeburt, erwachsen aus einer Weltreligion, die mit dem Glauben der weltweit lebenden Muslime genauso viel zu tun hat wie Hexenverbrennungen im Mittelalter mit der frohen Botschaft eines Jesus von Nazareth. Die islamistischen Invasoren, die zur revoltierenden Gruppe der Ansar Dine gehören, fallen mit ihren unmenschlichen Verbotsgesetzen und einer radikalen Auslegung des Koran in die Provinz Timbuktu im Norden Malis ein – was nicht nur im Film, sondern auch tatsächlich passiert ist. Irgendwie steht diese aus Tuaregs bestehenden, marodierenden Einheit in Verbindung mit der Al-Kaida des Maghreb – wohl eine der berüchtigtsten Terrorzellen Westafrikas. Von Ansar Dine selbst habe ich erst nach einigen Recherchen über Timbuktu erfahren. Ausgesprochen wird der Name im Film eigentlich nie, doch wenn man die aktuelle Geschichte Malis kennt, liegt klar auf der Hand, wer hier in Abderrahmane Sissako´s Tragödie für Unruhe sorgt.

Und ja, der Film ist eine Tragödie. Ein schmerzliches Stück afrikanisches Kino, das aktueller denn je und in staubtrockenen wie zermürbenden Bildern den Verlust von Frieden und Freiheit schildert. Vor allem ist es der Frieden und die Vielfalt Afrikas, die hier zu Tode gesteinigt werden. Tatsächlich spart Sissako nicht mit drastischen Bildern, die genau das visualisieren und jener barbarischen Schrecklichkeit mit nüchterner, fast dokumentarischer Sprache begegnen. Afrika ist nach wie vor in weiten Gebieten jener Kontinent, in dem sowohl das Archaische als auch das Faustrecht des Stärkeren dominieren. Gesetze, sofern es sie gibt, sind austauschbar. Niedergeschrieben zwar, irgendwo, aber unmöglich zu exekutieren. Unmöglich zu kontrollieren. Afrika wird in Timbuktu zum Niemandsland. Zum fremden Planeten eines scheinbaren Provinzfriedens, der durch Gewalt und Symbolen der Gewalt so schnell verblasen wird wie eine Zeichnung im Wüstensand. Wenn Macht greifbar wird, wird sie von dem ergriffen, der ihr am nächsten steht. Und wenn es nur eine Waffe ist – das Symbol der Unterdrückung schlechthin. Sissako meditiert zwischen resignativer Betrachtung des Alltags unter dem Terror der Islamisten und dem niederschmetternden Einzelschicksal einer Nomadenfamilie. Mittendrin eine geheimnisvolle Frau in bunten Gewändern. Sie ist das Herz Afrikas, eine Erscheinung, eine Metapher der Vielfalt und eine personifizierte Möglichkeit, was Afrika sein kann.

Mit Recht war Timbuktu für den Auslandsoscar 2016 nominiert. Weniger wegen seiner formellen, inszenatorischen Qualitäten, sondern mehr wegen seiner verzweifelten. bis auf die Knochen sezierten Diagnose aus einem Land des Vergessens. Das verhalten traurige, resignative Drama, in dem nichts seine Erfüllung findet und Hoffnung gänzlich fehlt, zeigt eine Welt im Argen und Menschen, die einfach nur in Frieden leben wollen. Kein zuversichtliches Filmvergnügen, dafür aber ein lohnender Blick, der den Horizont erweitert. Und den Grund zur Flucht aus dem eigenen Land vielleicht besser verstehen lässt.

Timbuktu

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