Deutschstunde

EXEMPEL DES UNGEHORSAMS

7,5/10

 

deutschstunde© 2019 Constantin Film

 

LAND: DEUTSCHLAND 2019

REGIE: CHRISTIAN SCHWOCHOW

CAST: ULRICH NOETHEN, TOBIAS MORETTI, LEVI EISENBLÄTTER, SONJA RICHTER, MARIA DRAGUS, JOHANNA WOKALEK U. A.

 

Wer sich einen angenehmen Kinoabend machen möchte und danach den Saal beschwingt verlassen will, der sollte um Deutschstunde einen großen Bogen machen. Die Verfilmung des Romans von Siegfried Lenz ist seit der italienischen Machtparabel Dogman wohl der sauerste, aber im Nachhinein auch schmackhafteste Apfel, in den sich als Kinogeher in der letzten Zeit beißen ließ. Was eben nicht heißen soll, dass ich es bereut hätte, mich der Deutschstunde mit aller literaturaffinen Aufmerksamkeit hinzugeben. Christian Schwochows Film ist wie der Moment nach dem Einschlag einer Fliegerbombe. Der Boden vibriert, und überall fliegen Dreck, Erde und tote Tiere herum. Dieses Nachbeben ist angesiedelt an der Nordküste Deutschlands, dort, wo Wattspaziergänge zur Tagesordnung gehören und der Wind unablässig bläst. Wo es regnet, stürmt und man rund 365 Tage im Jahr Regenmäntel tragen muss, um die Feuchtigkeit draußen zu halten.

Ungefähr so erdig, seltsam zwielichtig und mit Druck auf der Brust ist Deutschstunde auch geworden. Die Weite, das Meer, der Blick in die Unendlichkeit sind Täuschung und unstillbare Sehnsucht. Selten lässt sich Unglück mit Strandspaziergängen vereinbaren – hier schon. Für den jungen Siggi ist das Watt, die Weite des unwirtlichen Nordens ein Fluchtziel, das sich andauernd nach hinten verschiebt, je näher er ihm kommt. Doch wovor flieht er? Vor einem Schatten, den er nicht abschütteln kann, vor dem Schatten seines Vaters, der als fleischgewordenes Opfer der Pflicht seinen Sohn zu einem aufrechten Befehlsempfänger indoktrinieren will. Die Schatten, die sind in Deutschstunde sehr lang, tauchen die ohnehin engen, kargen vier Wände der mit Rietgras bedeckten Häuser in beklemmende Düsternis. Nichts ist wirklich hell in diesem Film, alles verharrt in einer Art Mitternachtsschimmer, wie er in den Sommern des hohen Nordens den Tag unendlich sein lässt. Der Vater als cesarenhaft aufspielender Big Brother, der seinen langjährigen Freund Max Nansen zum Wohle des Reichs verrät, ist eine Bedrohung, gegen die es sich aufzulehnen hat. Dieser Widerstand ist ein stiller, heimlicher, voll der Angst und des trotzigen Mutes. Schwochow hat diese kompromisslose, fast schon entseelte Figur mit einem Ulrich Noethen besetzt, der sich gegen jede Sympathie und mit dem Schneid zur Grauenhaftigkeit entschieden hat, sich einer rücksichtslosen Radikalität hinzugeben. Als sein Freund, Freidenker und Maler, aber auch als ideologischer Feind: Tobias Moretti, ein eremitischer, bescheidener Expressionist, in die Jahre gekommen, gesetzt und irgendwie zärtlich. Einer, der sich stets treu bleibt. Verfechter einer eigenen Meinung, einer Idee über das Leben und die Existenz. Vater Jespen hingegen hat das nicht. Die Figur in Uniform ist eine leere Hülle, befüllt mit den Dogmen jener, die gerade an der Macht sind. Ein Opfer der Pflicht, wie man sagt. Ein Psychopath der Ordnung. Brillant, wie diese Charakterstudie dank des Schauspielers funktioniert.

Siggi Jespen selbst, ein verletzter, gedemütigter Junge, frisch im Geiste und fähig, sein eigenes Weltbild zu entwerfen, entdeckt sehr bald, wie bedrohlich fassadenhaftes Mitläufertum sein kann, und wie unreflektiert die aufoktroyierte Pflicht einer verbrecherischen Ideologie. Erinnerungen an Oskar Mazerath mit seiner Blechtrommel und an die Thematik aus Michael Hanekes Das weiße Band werden wach. Auch hier, in diesem kargen, düsteren Kosmos einer patriarchalen Unterdrückung, beginnt der Widerstand des Nachwuchses in gezielten Terroraktionen gegen die Obrigkeit. eine Studie über die Essenz des menschlichen Konflikts. Deutschstunde zeichnet ein ähnliches, sogar noch komplexeres Bild, ergänzt es mit dem Wert der freien Gedanken, der Lust an der Identität und des Individualismus. Und der immerwährend wachen Fähigkeit, Normen zu hinterfragen.

Mit diesem Manifest auf die freie Wahrnehmung unserer Welt, auf den autarken Intellekt des Einzelnen, treibt Siegfried Lenz in seinem Roman den Widerstand gegen den unerbittlichen Patriarchen anhand eines geradezu aktionistischen Beispiels, welches die parasitären Eigenschaften blinden Gehorsams ad absurdum führt, auf die Spitze. Und wird zu einem wuchtigen Loblied auf das Recht der eigenen Meinung, dem Grundprinzip jeder Demokratie. Das hat Schwochow in tragödienhafter Intensität, mit Feuer, Flamme und dem Symbolismus tröstlicher Endlichkeit eingefangen. Der Tod nämlich, das ist die einzige Pflicht, die wir eingehen. Darüber hinaus sind die Möglichkeiten, sich selbst treu zu bleiben, so vielgestaltig wie das Farbspektrum auf den Werken des Malers Max Nansen, dessen Verlust seiner Bilder, seiner Weltbilder sozusagen, tief betrübt. Die Freuden der Pflicht, so das Thema des Aufsatzes in dieser Deutschstunde, gerät zur epischen Abhandlung, fast schon zum wissenschaftlichen Experiment. Ein großer, starker Film, unbequemer Zündstoff bis in das staubig-modrige Interieur verlassener Gehöfte und muffiger Einzelzellen, und eine so wetternde wie aufmüpfige Anleitung zum Ungehorsam.

Deutschstunde

Vice – Der zweite Mann

DIE STAATEN BIN ICH

8,5/10

 

vice© 2019 Universum

 

LAND: USA 2019

REGIE: ADAM MCKAY

CAST: CHRISTIAN BALE, AMY ADAMS, STEVE CARELL, SAM ROCKWELL, EDDIE MARSAN, JESSE PLEMONS U. A.

 

Fahrenheit 9/11, oder 11/9 – wie auch immer. Mit Adam McKays Rückblick auf die politischen Umstände in den USA von den 90ern bis nach der Jahrtausendwende wird es deutlich wärmer, wenn nicht gar so heiß, dass man sich sämtlicher Scheuklappen, die womöglich erschreckende Zusammenhänge verbergen, entledigen möchte. Vice – Der zweite Mann schlägt gefühlt alle scheinbar so launigen wie persönlich gefärbten Dokusoaps eines Michael Moore um Längen, schon alleine von der Konzeption her, und ist die deutlich bessere Wahl, wenn es darum geht, die Mechanismen politisch motivierter Egomanen zu entbeinen. Vice, das ist nicht unbedingt in erster Linie die dramaturgische Passform für erlesene Schauspielkunst. Das ist es auch, aber nicht vorrangig. Vice, das ist natürlich auch eine Meinung, so wie Michael Moores Filme Meinungen vertreten. Fakten auf eine reine Objektivität herunterzubrechen, damit tut sich das Genre des erhellenden Dokumentarfilms ohnehin schwer, obwohl der Anspruch auf Unbefangenheit ein erfüllter sein will. McKay gelingt es, die Chronik der Ereignisse rund um einen schattenhaften Regierungs-VIP zumindest auf solche Art in die teils frei interpretierte True Story einzustreuen, dass sie einem Modul gleich immer noch bei Bedarf entnehmbar bleibt, wie das Corpus delicti bei einem Prozess. Natürlich kann ich mich der Richtigkeit all der Fakten nicht versichern, dazu fehlt mir die Zeit, das überlasse ich Leuten, die so tun, als wären sie Journalisten vom Kaliber eines Bob Woodward oder Carl Bernstein, und wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich das auch bei Adam McKay glauben. Aber Adam McKay ist ein Komiker, einer, der die erogenen Zonen der Macht ertasten kann und messerscharfe Satiren schreibt, der mit Tina Fey gemeinsam gearbeitet hat, der ähnlich unserer Staatskünstler im ORF reingewaschener Politik das Wilde herunterräumt und dabei fast schon investigativ wirkt. Diese als Semidokumentation getarnte Teilbiographie eines stillen Wüterichs ist keine reine Satire an sich, denn dann hätten wir eine Burleske wie The Death of Stalin. Eine reine Satire aus Vice zu machen wäre aber auch am Ziel vorbei, denn erschreckenderweise braucht McKay in seinem Film kaum wirklich Raum, um dramaturgischen Übertreibungen Luft zu machen. Wie schwer sich Satire tun kann, den unglaublichen Begebenheiten der realen Regierungsgeschichte Nordamerikas den Rang abzulaufen, in diesem Punkt lässt Vice ziemlich tief blicken.

Die Skandale ausgehend vom 11. September und George W. Bushs Machtdemonstration ist uns allen – eben auch spätestens seit Moores polemischem Fahrenheit 9/11 – weitestgehend bekannt. Dass der Irak vorrangig aus wirtschaftlichem Interesse okkupiert wurde und auch der Terrorist az-Zarqāwī erst durch die USA selbst erstarkte, wie zuvor schon Osama Bin Laden (der im Afghanistankrieg von den USA bis an die Zähne bewaffnet wurde), entlockt kaum mehr ein überraschtes Aha.  Dass Adam McKay seine Version des George W. aber keineswegs (wie auch all die anderen Persönlichkeiten) dem Gespött preisgibt und ihm sprichwörtlich die Hosen runterzieht, während er vor dem Volk predigt, kommt dann doch unerwartet. Der von Sam Rockwell erstaunlich gut imitierte Präsidenten-Cowboy bleibt maximal ein Naivling, eine Marionette, die glaubt, autark zu handeln, dabei aber von unsichtbaren Kräften geführt wird, deren Oberhaupt der scheinbar unscheinbare Dick Cheney sein könnte, ein lakonischer Kauz von Politiker, der sich, wäre nicht seine Frau Lynne gewesen, in jungen Jahren womöglich in den Notstand gesoffen hätte. Wir wissen, es ist anders ausgegangen, und Cheney wird sich mit dem harmlos scheinenden Äußeren eines bequemen Onkels an die Spitze der Macht aalen, wie einst und vor vielen hundert Jahren ein gewisser Thomas Cromwell, der König Heinrich VIII regieren hat lassen, allerdings nach seinem Gutdünken, und stets nah am Verrat an seinem Herren über selbigem hinwegentschieden hat, nur um sich dann wieder auf dessen angebliche Entscheidungen zu berufen. Cromwell war der Mann im Hintergrund, und gleichzeitig das Schreckgespenst einer sündenbockenden Henkerspolitik. Wir sehen: Geschichte wiederholt sich, und auch das finstere Erbe mittelalterlicher Machtgier war mit im Gepäck der ersten europäischen Siedler nach Übersee. Die Schemata sind also die gleichen, nur Cromwell wird selber Opfer seiner Politik, während Cheney scheinbar die Absolution von irgendwo oben erhält, um seine Interessen zu wahren. Mit höherer Gerechtigkeit hat das Ganze gar nichts mehr zu tun, die gibt es nicht in McKays sezierendem Drama, das die Absurdität der Tatsachen in galligen Sarkasmus kleidet, nur um nicht überzuschnappen in Anbetracht einer Paranoia auslösenden Willkür von wenigen, die das Land der unbegrenzten Möglichkeiten matt setzen. Bleibt nur noch ein Gott, der Blitze schleudert – aber das tut er nicht. Diese Ohnmacht hat schon Karl Kraus in seinem Opus Magnum Die letzten Tage der Menschheit bis zum Exzess beschrieben – und tatsächlich finden sich in Vice Szenen, die den Visionen des kritischen Denkers entnommen sein könnten. Wenn Cheney mit Rumsfeld, Wolfowitz und Powell fein diniert und das Menü, bestehend aus Angstmache, Folter und der Theorie der einheitlichen Exekutivmacht wählt, dann wähnt man sich in einer der bizarren Szenen von Kraus´ Tragödie in 5 Akten. Wenn Cheney und Ehefrau Lynn im ehelichen Bett plötzlich anfangen, in shakespeare’schen Floskeln zu sprechen, erreicht Vice satirische Spitzen von einprägsamer Wucht und schafft erst durch solche Übertreibungen, die unerhörte, scheinbar willkürliche Niedertracht wie das pochende Herz Dick Cheneys mit beiden Händen zu fassen. Das ist schon bitteres, intelligentes Kino mit Verstand und nagendem Gewissen, dazu noch ohne viel liberaler Gutmenschtümelei des Verfassers.

Was Christian Bale betrifft – der hat zum Glück nicht so viel Makeup benötigt wie letztes Jahr Gary Oldman in Die dunkelste Stunde. Bale ist ja bekannt für seine Bereitschaft zum Jojo-Schauspieler, breiter kann das Spektrum an Rollen kaum sein, wenn wir uns auf der einen Seite mal Filme wie The Machinist oder Rescue Dawn hernehmen, wo der gebürtige Waliser als Schatten seiner selbst dahinvegetiert – und auf der anderen Seite eben Filme wie Vice, wo Bale womöglich mit wenigen Kniffen bis zur Unkenntlichkeit adaptiert und mit Schmerbauch den feisten Polit-Kalifen gibt. Das ist schon eine Sensation, was da geht – und womit eigentlich das ganze Ensemble spielfreudig miteifert, wobei Sam Rockwell und Steve Carell als werteverachtender Rumsfeld Performance-Gigant Bale fast schon die Show stehlen.

Vice ist, obwohl er in der jüngeren Geschichte nach Schuldigen fischt, gerade mit dieser Vergangenheit, aus der wir lernen sollten, ein klug konstruiertes Meisterwerk, dass die Schuppen von den Augen friemelt, dass die eigene rosarote Brille putzt und mit Komplementärverstand die schmeichelnde Farbe der eigenen Verdrängung wegfiltert. Zu Recht für den Oscar als bester Film nominiert, ist dieses großartige Stück Politkino im Gewand einer Art Lebensbeichte ein wichtiger, wenn auch peinlich berührender Knüppel zwischen den Beinen einer „Weltpolizei“, die eigentlich ihr Amt missbraucht hat.

Vice – Der zweite Mann

Steig.Nicht.Aus!

RITT AUF DER KANONENKUGEL

4/10

 

steignichtaus© 2018 NFP

 

LAND: DEUTSCHLAND 2018

REGIE: CHRISTIAN ALVART

CAST: WOTAN WILKE MÖHRING, CHRISTIANE PAUL, HANNAH HERZSPRUNG, CARLO THOMA, EMILY KUSCHE U. A.

 

Im dritten Teil der Actionfilmreihe Lethal Weapon gibt es doch die Szene, in der Danny Glover alias Sergeant Roger Murtaugh bei der morgendlichen Notdurft Wind davon bekommt, dass unter dem Lokus eine Bombe platziert ist. Was darauf folgt, ist wohl die einzige Episode aus der Buddy-Cop-Actionreihe, die wirklich nachhaltig in Erinnerung geblieben ist. Alleine der Versuch der Exekutive, den Sprengsatz zu entschärfen und den Allerwertesten des kurz vor der Pension befindlichen Althasen zu retten, ist sowohl spannender Thrill als auch humorvolle Situationskomik. Der Vergleich der rund 20 Minuten langen Sequenz mit dem urbanen Bombenthriller Steig.Nicht.Aus! macht mich sicher: Christian Alvart´s Film spielt zwar mit der klaustrophobischen Enge eines stark begrenzten Raumes, entwickelt aber zu keiner Zeit jene kribbelnde Panik wie Roger Murtaugh mit herabgelassener Hose. Das liegt leider zum größten Teil an Wotan Wilke Möhring, der dem Anforderungsprofil seiner Rolle wenig Beachtung schenkt. Dabei soll es sich zum einen um einen zweifachen Familienvater, zum anderen um einen relativ ehrgeizigen, egomanischen Bauspekulanten handeln, der die Rechnung präsentiert bekommt, und zwar zu jener ungünstigen frühen Morgenstunde, in der er ausnahmsweise seinen Nachwuchs in die Schule bringen soll.

Was für ein Typ dieser Karl Brendt sein soll – das weiß Möhring eigentlich nie wirklich. Ehrgeizig? Skrupellos? Ein Charakterschwein? Liebt er seine Kinder und seine Frau, die ihm bis auf weiteres in der Rolle des Opfers keinen Glauben schenkt? Wie grenzgängerisch muss dieser Karl Brendt bislang gewesen sein, damit ihm seine Nächsten den Amokfahrer und Geiselnehmer überhaupt abkaufen? Das Verhalten des Hauptdarstellers erreicht in den aussichtslosesten Momenten, als der eigene Sohn im Auto verletzt wird, schon seine ohnmachtsanfällige Intensität, die aber gleich wieder einer überschaubaren Anspannung weicht, die ungefähr gleichzusetzen ist mit einer zähflüssigen Autobahnfahrt im Stau, wo alle Beteiligten den Umständen entsprechend leicht reizbar werden und es nicht abwarten können, dieser lähmenden Situation zu entkommen. Nach Bombendrohung sieht das Ganze nicht aus. Und so, wie sich die Dinge entwickeln, auch nicht nach einer schlüssigen Lösung des brandgefährlichen Problems.

Wenn der Schauplatz schon so eingeschränkt werden muss, dann hat das Drehbuch auch entsprechend knackig zu sein. In Anbetracht der reduzierten Schauwerte muss umso mehr das Schauspiel alle Register ziehen. Das fällt aber leider schwer. Selbst Hannah Herzsprung gibt ihrer dienstbeflissenen Zurückhaltung fast ein bisschen zuviel Nachdruck. Klar, Bombenentschärfer ist seit The Hurt Locker nicht wirklich ein Job, auf den man sich jeden Morgen beim Aufstehen freut – allerdings hätte Herzsprung´s Rolle ein bisschen mehr Emotion auch nicht geschadet. Die Figur des Bombenlegers und Erpressers ist wohl Christian Alvart´s größter Schnitzer, denn dessen vorerst scheinbar unendliche Überlegenheit lässt sich nicht wirklich plausibel erklären. Das sind nun Plot-Holes, die dem Armaturenbrett-Thriller mit Sicherheitsabstand hinterherhinken. Wirklich mitreißend sind eigentlich nur die Jungdarsteller Carlo Thoma und Emily Kusche, wobei mir letztere in Bully Herbig´s Fluchtdrama Ballon bereits positiv aufgefallen war. Für die beiden Sprösslinge entwickelt sich wirklich so etwas wie Mitgefühl, und ihr Leidensweg am Rücksitz kostet nicht nur dem Papa ein paar Nerven. Dafür lohnt es sich, Steig. Nicht. Aus! vielleicht eine Chance zu geben. Sonst aber ist der poröse Thriller umständlich konstruiert, auf allzu gewollte Unberechenbarkeit gepolt und im Spektrum seiner Handlungsmöglichkeiten viel zu sehr an den Haaren herbeigezogen.

Steig.Nicht.Aus!

Captive

OB STAR ODER NICHT, HOLT MICH HIER RAUS!

4/10

 

captive© 2012 trigon-film.org

 

LAND: PHILIPPINEN 2012

REGIE: BRILLANTE MENDOZA

CAST: ISABELLE HUPPERT, MERCEDES CABRAL, COCO MARTIN, MARIA ISABEL LOPEZ U. A.

 

Michael Haneke´s Muse und Grande Dame des neuen französischen Films, Isabelle Huppert, soll nach eigenen Angaben selbst nicht so gewusst haben, ob die abgerissenenen Philippiner mit Kalaschnikow und keifendem Auftreten nicht doch echte Piraten sind. Um die Verwirrung der Darsteller noch zu unterstützen, hat sich Regisseur Brillante Mendoza mit der Wahrheit nur allzu gerne zurückgehalten. Was die unbequeme wie beklemmende Atmosphäre am Set naturgemäß eskalieren ließ. Diese Methode ist eine Vorgehensweise, die visionäre Filmemacher ans Ziel ihrer Vorhaben führt, ungeachtet der Tatsache, die eigene Crew unnötig psychisch zu quälen, nur um Emotionen hervorzukehren, welche die Glaubhaftigkeit des Erzählten bis zur unerträglichen Ernüchterung eines Tatsachenjournalismus hochschraubt. Auch diese Art von Handwerk kann Kino sein – erfüllt aber dabei keinerlei Mehrwert für den Betrachter.

Captive ist die Reality-TV-Version einer Entführung, basierend auf Tatsachen, die um die Ereignisse des 11. September stattgefunden haben, und wo selbst sogar deutsche Staatsbürger von der islamistischen Terrorgruppe der Abu Sayyaf verschleppt wurden. Damals, so kann ich mich erinnern, hat der libysche Diktator Muhammar Al Gaddafi die Geiseln freigekauft. Das Erschreckende an so einem Martyrium: die Ungewissheit der unmittelbaren Zukunft. Brillante Mendoza spielt diesen Albtraum bis zur Grenze des Erträglichen aus – und kriecht mit seinem nüchternen Dokumentarismus tief in die Eingeweide des Zuschauers. Captive mag zwar inmitten der Exotik des philippinischen Archipels spielen, immer wieder, wie einst Terrence Malick in Der schmale Grat, auf die versteckte Biodiversität tropischer Gefilde schielen – die akribische Buchführung des Elends aus Warten, Bangen, Hoffen und Verzweifeln holt sich aus der Fülle der Natur ringsherum nicht den geringsten Nutzen, quält sich von Lichtung zu Lichtung, während die Gefangenen immer mehr verfallen, schreien und sich dem Schicksal fast schon in apathischer Agonie fügen.

Viel Fantasie braucht man bei diesem Terrodrama nicht, um sich ganz genau vorzustellen, wie es wohl sein könnte, selbst Opfer eines solchen Überfalls zu werden. Leute, die sich das eigene Fernweh zerstören wollen, können Captive getrost ansehen. Liebhaber südostasiatischer Inselwelten könnten für einige Zeit genug davon haben, unter Palmen am Strand zu wohnen. Mendoza zieht die Wurzel der Reiselust zwar relativ schmerzhaft, dafür aber umso nachhaltiger. Sein Purismus aber ist Kino, das zwar bewusst auf Parameter für die große Leinwand verzichtet, sich aber durch seine schale Nüchternheit weder den Geiseln noch den Geiselnehmern annähert. Als hätte jemand das Jahr der Gefangenschaft mit seinem Smartphone gefilmt, ohne zu interagieren. Wie Big Brother ohne Werbeunterbrechung, ein Dschungelcamp mitten in der Wildnis, samt lästiger Insekten, allerdings stets unter dem Damoklesschwert des drohenden Todes, also somit etwas anders als das Trash-TV bekannter Privatsender, im Grunde aber ziemlich ähnlich. Mendoza´s Film entbehrt nicht eines gewissen Voyeurismus des Leidens, dass in den hysterischen Ausbrüchen Isabelle Hupperts seine nervtötende Vollendung findet. Jedenfalls konnte ich nicht umhin, mich leicht beschämt zu fragen, warum ich mir diese gequälten Personen aus der Schlüssellochperspektive denn überhaupt ansehen muss. Vielleicht, weil ich mir ein zweites Captain Philipps erwartet hätte – eines der packendsten Geiseldramen überhaupt, weil klug erzählt und künstlerisch versiert. Während Captive nicht mehr ist als ein scheinbar echtes Found Footage, in Wahrheit aber nachgestellt wie ein investigativer Lokalaugenschein vergangener Ereignisse, denen ich als Gaffer auch nicht wirklich beiwohnen muss.

Captive

The Foreigner

EIN GLÜCKSKEKS SIEHT ROT

5/10

 

foreigner© 2018 Universum Film

 

LAND: GROSSBRITANNIEN / CHINA 2018

REGIE: MARTIN CAMPBELL

MIT JACKIE CHAN, PIERCE BROSNAN, ORLA BRADY U. A.

 

Jackie Chan – ja, natürlich kenn ich den. Vom Hörensagen. Viel am Hut habe ich mit ihm nie gehabt. Eigentlich eine Frechheit, in Anbetracht des immensen Pensums an Produktionen, in welchen das ostasiatische Multitalent mitgespielt, mitproduziert und mitgeschrieben hat. Im Grunde eine Ikone des Kinos. Von mir schmählich ignoriert. Ich kenne gerade mal zwei Filme, in denen Jackie Chan seinen Auftritt hat – das ist In 80 Tagen um die Welt und The Lego Ninjago Movie. Martial Arts-Kampfsport ist aber auch nicht wirklich das Genre meiner Wahl. Das war damals in den Achtzigern und frühen Neunzigern mit Jean Claude Van Damme etwas anderes, seine Filme sind zwar rückblickend auch unfreiwillig komisch, aber nie so überdreht wie die Filme des mittlerweile in die Jahre gekommenen Hals- und Beinbrechers. Hätte er bei den Expendables mitgemischt, hätte ich jetzt drei Filme zu verzeichnen. Doch da hat ihm wohl Jet Li, der kleine selbstironische Haudrauf, die Rolle weggeschnappt. Macht nix, die Drei bekomme ich auch so zusammen. Und zwar mit The Foreigner.

Hier darf Jackie Chan mit James Bond gemeinsame Sache machen. Und das in zweierlei Hinsicht. Erstens ist niemand geringerer als Pierce Brosnan – sichtlich ergraut, kurzgeschoren und schneidig wie ein Ex-Knacki – das vermeintliche Opfer privat initiierten Terrors. Und zweitens führt Martin Campbell Regie, seines Zeichens Regisseur von Goldeneye – eben mit Pierce Brosnan – und Casino Royale, dem Einstand mit Daniel Craig. Ein Experte also, was Agentenkino betrifft. Weniger ein Experte, was Superhelden betrifft. Denn Green Lantern geht auch auf sein Konto. Zum Glück ist The Foreigner keine Fantasy, sondern handwerklich fehlerloses Selbstjustizkino fürs Heimformat. Warum eigentlich dieses? Nun, Pierce Brosnan wird längst wohl eher mit den Premium-Produkten einer Supermarktkette in Verbindung gebracht als mit Spannungskino von Format. Obwohl der neben Roger Moore wohl am meisten augenzwinkernde Gentleman der Kinogeschichte immer noch das Zeug für letzteres hätte. Man sieht, Brosnan spielt immer noch Brosnan wie ein erfahrener Universitätsdozent, mit Charme und ohne Harm. Dass er dann von Jackie Chan bis aufs Blut getriezt wird, mag man so gar nicht. Der ist nämlich trauernder Vater. Nach dem Bombenanschlag einer IRA-Splittergruppe in London, die seine Tochter auf dem Gewissen hat, kennt der von Schmerz und seelischem Leiden gezeichnete Ex-Elitekämpfer nur noch das Gefühl der Rache – welches sich allerdings in seinem zu Stein gewordenen Konterfei nur bedingt widerspiegelt. Man kann natürlich seine Rolle so verbissen emotionslos wie Jackie Chan anlegen – oder eben wutschnaubend Amok laufen. Wäre vielleicht die bessere Wahl gewesen. Denn eines kann ich mir schwer vorstellen – dass Chan bei seinen Fans mit der Rolle des schweigsamen Aufräumers im Stile von Takeshi Kitano wirklich gut ankommt. Vielleicht war das auch der Grund, warum die Studios es nicht gewagt haben, The Foreigner auf die große Leinwand zu bringen. Dem Japaner Kitano kann wohl als lakonische Killermaschine niemand den Rang ablaufen. Im Vergleich dazu wirkt Jackie Chan seltsam unbeholfen, ja fast schon unfreiwillig komisch. Wäre ich Ex-Terrorist Pierce Brosnan, würde ich ihn womöglich genauso wenig erst nehmen. Das aber wird sein Fehler gewesen sein.

Den Fehler, mir The Foreigner ein zweites Mal anzusehen, werde ich sicher nicht machen. Zu wenig plausibel sind seine Figuren, zu vorhersehbar der ganze Film. Da wäre es ratsamer, das 1992 erschienene Buch Der Chinese von Stephen Leather zu lesen. Da hat man seine eigenen Figuren im Kopf. Und nicht den quirligen Martial-Arts-Yoda Chan oder Ex-Bond Brosnan, beides Gesichter, die schon zur Genüge für anderes besetzt sind.

The Foreigner

Mudbound

KEIN SCHÖNER LAND

6/10

 

Roots© 2017 Netflix

 

LAND: USA 2017

REGIE: DEE REES

MIT CAREY MULLIGAN, JASON CLARKE, GARRETT HEDLUND, JASON MITCHELL, JONATHAN BANKS U. A.

 

Zuerst sucht Bauer Frau. Hat Bauer mal Frau, weiß Frau, worauf sie sich einlässt. Ist aber der Bauer im Vorfeld kein solcher, sondern verliebt und verheiratet sich mit einer Partnerin, die gar nicht weiß, wie sehr sie die Frau des Bauern werden wird, dann ist das schon ein Fall von Übervorteilung. Denn ehe sich Carey Mulligan versieht, befindet sie sich im Nirgendwo des Gigantischen Mississippi-Deltas, auf einem mückenverseuchten Schlammteppich, in einer windschiefen Bruchbude, die außer der täglichen Schinderei Krankheiten, Zwietracht mit dem Schwiegervater und Rassenhass bietet. So sieht garantiert kein Urlaub auf dem Bauernhof aus, geschweige denn ein ganzes Leben, in welchem zwar die Sonnenuntergänge was hermachen, die Freuden des täglichen Lebens aber darin bestehen, Schadensbegrenzung zu betreiben.

In grünbraune Düsternis getränkt, eröffnet Regisseurin Dee Rees für den Leinwandverschmäher Netflix ein dreckverkrustetes Epos aus der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg. Irgendwo zwischen John Steinbeck und Legenden der Leidenschaft. Mit einem Bären wird hier allerdings nicht gekämpft, dafür aber mit dem scheußlichen Ku-Klux-Klan, der es auf die feldarbeitenden Schwarzen abgesehen hat, die für den Eigentümer des Landes, deren Pächter und für sich selbst erwirtschaften, was dieser fruchtbare Boden alles hergibt. Die Söhne und Brüder sowohl von der Familie um Jason Clarke als auch von der Familie um Mary J. Blige, die heuer sogar für den Oscar als beste Nebenrolle nominiert wurde, leisten gegen Hitlers Truppen ihren Dienst in Übersee, in der Luft und am Boden. Verlieren Freunde und entdecken die Liebe, trotz aller Widrigkeiten. Sie beide, der belesene Ronsel, gespielt von Jason Mitchell, und der galant-draufgängerische Jamie, gespielt von Garrett Hedlund, bilden eigentlich das Kernstück der Geschichte, die auf dem Roman von Hillary Jordan beruht. Auf ihrer Beziehung, ihrer zögerlichen und dann innigen Freundschaft, ruht die ganze erschütternde Tragödie, die da noch kommen wird. Und die unweigerlich hereinbrechen muss, wenn man die Muße hat, den rund eineinhalb Stunden schwelenden Eiterherd eines von Rassismus durchtränkten Mississippi mitzusezieren.

Natürlich zahlt es sich aus, wenn man zum Beispiel das nationaleigene kompromisslose Subgenre des Blut und Boden-Heimatfilms zu schätzen weiß. In Mudbound spielt die Erde, aus welcher alles wächst – sogar das Böse – eine im wahrsten Sinne tragende Rolle. Wenn die duldsame Carey Mulligan im Zuber ihren schlammverschmierten Körper wäscht, bekommt Naturverbundenheit eine neue Bedeutung, ist aber im Gegensatz zum heimatlichen Genrefilm frei von jeglicher romantisierender Nostalgie. Das Herz ist keine Mörder-, sondern eine Schlammgrube. Üble Dinge werden getan, die letztendlich üblere Dinge abwenden sollen. Ein trostloser Heimatfilm, für welchen Kamerafrau Rachel Morrison satte, erdfarbene, sumpfgrüne Panoramen findet. Das Holz, die regennasse Veranda, der sonnengetrocknete Lehm auf den Straßen, der hochstaubt, wenn rostige Hinterlader durch das Marchfeld Amerikas brettern – all diese Details, die förmlich zu spüren und zu riechen sind, prägen das Provinzepos mehr, als es den Figuren oder der Geschichte selbst jemals gelingt. Schwer zu sagen, warum es sich so anfühlt, als gingen die Mikrokosmen der schuftenden Familien und hasserfüllten Erzkonservativen niemanden sonst etwas an. Mudbound ist ein pittoreskes Zeitbild, ein rustikales Relikt des Naturalismus, von unnahbarer Trübsal und resignierendem Pflichtgefühl. Aber nicht ganz ohne Zuversicht. Denn die Long and Winding Road durchs subtropische Feldermeer ist ein Bangen und Hoffen auf bessere Zeiten. Etwas, was den Film dann doch wieder durchaus erträglich macht.

Mudbound

American Assassin

TREFFEN DER ANONYMEN WUTBÜRGER

4/10

 

AMERICAN ASSASSIN@ 2017 Constantin Film

 

LAND: USA 2017

REGIE: MICHAEL CUESTA

MIT DYLAN O’BRIEN, MICHAEL KEATON, TAYLOR KITSCH U. A.

 

Hallo, ich bin Mitch. Und ich habe meine Partnerin bei einem Terroranschlag verloren.“ Natürlich, das ist traurig und erschütternd. Ganz klar hat die Buchvorlage des Thrillers von Vince Flynn auf tatsächliche Ereignisse des Sommers 2015 Bezug genommen. Was ist passiert? Ein Islamist hat den Strand eines 5-Sterne-Hotels meerseitig überfallen und wahllos um sich geschossen. Zahlreiche Menschen sind dabei gestorben. Die Wirtschaft der Wüstennation am Mittelmeer hat die blutige Katastrophe bis ins Mark erschüttert. Ähnlich furchtbar und wenig zimperlich zeigt Regisseur Michael Cuesta als Auftakt seines Filmes eine ähnliche Szene, die irgendwie schwer zu ertragen ist. Die Bilder kommen einem bekannt vor. An solchen Stränden war man selbst schon einige Male. Sich Vorzustellen, wie man selbst mittendrin ums Überleben rennt, ist somit kein Ding der Unmöglichkeit mehr. Schauspieler Dylan O’Brien, den wir alle aus der Jugend-Dystopie Maze Runner kennen, erlebt das Unvorstellbare am eigenen Leib – und muss zusehen, wie seine Verlobte von Kugeln durchsiebt wird. Das kann zweifelsohne das Leben der Hinterbliebenen zerstören. Für einen Neuanfang braucht es Therapie oder zumindest einen enormen Willen, weiterzumachen. Oder man lässt sich von Rachegefühlen beherrschen, stählt sich zur Kampfmaschine und schleust sich in die Terrorzelle ein, die das Drama von damals verursacht hat. Das klingt jetzt ein bisschen nach Arnold Schwarzenegger. Der hat, um seine entführte Tochter zurückzuholen, ganze Landstriche in Brand gesteckt. So gesehen in Phantom Kommando. Der Actionklassiker von damals ist heute fast nicht mehr ansehbar. Die unreflektierte, moralisch enorm fragwürdige Lizenz zum Töten hat die Jahrzehnte allerdings spurlos überdauert. Auge um Auge zieht immer noch. Doch die Berufswahl zum modernen Assassinen ist auch keine Lösung.

Egal, denkt sich dieser Mitch. Das Treffen der anonymen Traumatisierten wird zum Treffen der anonymen Nemesis-Übermenschen. Wozu Gesprächstherapie, wenn es gleich ans Eingemachte gehen kann. Wer kann bei dieser Chance zur zwangsbeglückten Aggression da schon widerstehen? Doch sobald es um Geheimdienst geht, ist die ganze Gewaltbereitschaft ja für den guten Zweck des Weltfriedens. Dass Gewalt Gegengewalt erzeugt, davon hat dieser seltsam agierende Geheimdienst noch wenig gehört. Umso plumper und tölpelig stellt er sich an. Am Tölpeligsten ist da Michael Keaton als reaktionärer Drillmeister, der seine Schützlinge im ebenfalls äußerst fragwürdigen Boot Camp sowieso nie im Griff hat. Kommt es dann zum Einsatz, bleiben die Undercover-Qualitäten ebenso geheim wie der Geheimdienst selbst. Und Dylan O’Brien? Der wirkt mit Bart tatsächlich um mindestens zehn Jahre älter als der Jungspund in Maze Runner. Aber berechtigt ihn das zum Ausknipsen der bösen Buben? Mitnichten. O’Brien bemüht sich sichtlich in seiner tragenden Trauma-Figur, ist aber weder ein Matt Damon (Die Bourne Identität) noch ein Leonardo Di Caprio (Der Mann, der niemals lebte). Maximal kann er Taylor Kitsch das Wasser reichen – der gibt nämlich den schlimmen Finger, Keatons gefallenen Engel, ein ausgewachsener Psychopath unter der Sonne. American Assassin wirkt so, als gäbe es die Ausbildung zum staatlich geförderten Killer pro Semester im Volkshochschulkurs. Da könnte ja ein jeder kommen, der auch nur irgendwie Rache verspürt, das psychische Gleichgewicht außen vor.

Wie hanebüchen sich die Story entwickelt, ist fast schon abzusehen. Hier lebt keiner auch nur ansatzweise die notwendige Objektivität und Gelassenheit, die ein Geheimagent besitzen sollte. James Bond kann da nur lachen. American Assassin ist stellenweise sehr brutal, teilt wie ein verhaltensgestörter Jugendlicher überallhin Schläge aus und missfällt letzten Endes aufgrund seiner unverhohlenen Naivität, seinen schwachen schauspielerischen Qualitäten und seinem ideenlosen Nacheifern diverser Genre-Meilensteine. Angesichts dessen könnte man ja leicht aggressiv werden und den nächsten Sommer-Killer-Workshop im Boot Camp Waldviertel buchen.

American Assassin