Luzifer

BERGPREDIGT FÜR DEN HAUSGEBRAUCH

5/10


luzifer© 2022 Indeed Film


LAND / JAHR: ÖSTERREICH 2021

BUCH / REGIE: PETER BRUNNER

PRODUKTION: ULRICH SEIDL

CAST: SUSANNE JENSEN, FRANZ ROGOWSKI, MONIKA HINTERHUBER U. A. 

LÄNGE: 1 STD 43 MIN


Die Berge Tirols. Was kann erbaulicher, was herrlicher sein für jemanden, der die Natur, die Hochalmen und das ganze drumherum liebt, fernab von Rush Hour und der Hektik einer 24-Stunden-Availability? Inmitten dieser Idylle: eine Hütte jenseits der Baumgrenze. Dort lässt sich zur Besinnung kommen. Seltsam wird’s aber erst, wenn klar wird, wer dort wohnt. Eine Mutter mit ihrem Sohn. Der wiederum ist ein gestandener Mann mit einem Händchen für Greifvögel aller Art. Die Mutter selbst: womöglich eine Ex-Junkie und einem religiösen Fanatismus unterworfen, der inmitten der montanen Urgewalten gerne auch mal das selbst errichtete Credo mit archaischen Komponenten ergänzt. Die Mutter, Maria, hält ihren Sohn, der womöglich aufgrund von Hospitalismus geistig degeneriert zu sein scheint, unter totaler Kontrolle. Seine Welt ist die der geordneten Abfolge bizarrer Rituale, die von Selbstgeisselung über Reinigungsbädern bis hin zur Waschung der eigenen Mutter reicht. Was Ulrich Seidl also nicht „im Keller“ gefunden hat (hat er doch schließlich diesen Film produziert), findet dieser schließlich auf den Bergen. Aber keine Sorge: die bizarren Wege, die Regisseur und Drehbuchautor Peter Brunner seine beiden verpeilten Gestalten gehen lässt, verkommen zumindest anfangs nicht zum Selbstzweck.

Die Geschichte erinnert in ihren Grundzügen an Robert Eggers Kolonial- und Mysterydrama The Witch: Eine Familie lebt im sozialen Abseits ihre religiöse Strenge aus, inmitten einer ambivalenten Natur. Dabei geschehen Dinge, übernatürlicher oder realer Natur, die das komplette Weltbild derer durcheinanderbringen. Waren es bei The Witch die Umtriebe einer Hexe, sind es in Luzifer so ziemlich profane und niederträchtige Methoden eines Bauunternehmens, die Alm, auf welcher sich die Hütte der beiden befindet, auf ein Skigebiet umzukrempeln. Will heißen: Landvermesser treiben ihr Unwesen und scannen mit ihren Drohnen das gesamte Gebiet. Die Drohnen selbst sind zumindest für Sohnemann Johannes ein metaphysisches Ereignis. Denn nachdem die Gemeinde im Tal vergeblich versucht, Mutter Maria davon zu überzeugen, ihr Stück Heimat zu verkaufen, scheint der Teufel seinen Bockfuß in die Tür zu stellen. „Wo ist der Teufel?“ fragt Susanne Jensen in leisem, unheilvollem Flüsterton immer wieder und bedient die Parameter okkulten Horrors. Vielleicht wohnt der Antichrist gar in dieser seltsamen Höhle an der Felswand, wo es so aussieht, als würden die roten, surrenden Flugkörper ihren Ursprung haben. Die beiden müssen also tun, was getan werden muss: Sich vom Teufel befreien, zu Gott beten und dem Verderben die Stirn bieten, das wie ein Fluch immer mehr Tribute fordert.

Felix Mitterer hat in seinen Stücken oftmals Glaube und Heimat als bitteres Narrativ mit moralischen Funken grandios verarbeitet. Luzifer tut ähnliches, bleibt aber eine Einbahnstraße, ein Niedergang in eine Richtung, und zwar bergab. Zum Verhängnis werden – wie in The Witch oder auch Schlafes Bruder – der eigene Wahn, die eigene Angst und daraus entstehende Handlungen im Affekt, die so kurios wie befremdlich wirken und einer völligen Überforderung geschuldet sind. Dabei geht Brunners Film vor allem gegen Ende in die Vollen, wenn unabkehrbare Umstände Franz Rogowski auf eine verschwurbelte Logik besinnen lassen, die er dann auch akribisch in die Tat umsetzt. Bis dahin dominiert Susanne Jensen das Geschehen. Das ehemalige Missbrauchsopfer, nunmehr Autorin, Künstlerin und evangelische Pastorin, die sich mit ihrem Schicksal notgedrungen auseinandersetzen muss, gerät in Brunners Film zum unberechenbaren Unikum: Kahlgeschoren, ausgezehrt und am ganzen Körper tätowiert, findet Jensen die Erfüllung scheinbar darin, sich geißelnd, betend und vorzugsweise nackt zu präsentieren. Luzifer könnte für sie eine Art filmische Katharsis gewesen sein, ein Auffangbecken zur Verknüpfung realer Traumata mit den fiktiven Komponenten eines Bergdramas, den der Aspekt des ökosozialen Außenseiterdramas nur peripher interessiert, im Gegensatz zu Ronny Trockers Bauern-Requiem Die Einsiedler mit Ingrid Burckhardt. Das Nuscheln von Jensen und Rogowski trägt auch nicht dazu bei, den Eskapaden der beiden gerne folgen zu wollen – viel mehr scheint ihre Sprache fast wie ein fremder Dialekt die Abgeschiedenheit kaum zu durchdringen und das Interesse am Zuseher abzulehnen.

Bereichernd und erhellend ist Luzifer nicht, dafür aber so faszinierend wie ein reißerisches Bergdrama, in welchem die Art und Weise des Unglücks die Blicke bannen. Ein kryptischer, oft hässlicher Trip in zwei verkümmerte Geister, die gerne eins wären mit der Natur, sich vor fast allem aber fürchten müssen.

Luzifer

The Witch

INS BOCKSHORN GEJAGT

8/10


thewitch© 2015 Universal Pictures International Germany


LAND / JAHR: USA, KANADA 2015

BUCH / REGIE: ROBERT EGGERS

CAST: ANYA TAYLOR-JOY, RALPH INESON, KATE DICKIE, HARVEY SCRIMSHAW, ELLIE GRAINGER, LUCAS DAWSON U. A.

LÄNGE: 1 STD 32 MIN


Hättet ihr gewusst, dass Neuwelthexen zwecks Levitation ihre Besen mit dem Blut ungetaufter Babys besudeln? Nach dieser ernüchternden Erkenntnis wäre Harry Potters Nimbus 2000 wohl ein Fall für den Konsumentenschutz. Und auch bei Ottfried Preußlers kleinen Hexe fragt man sich dann schon, was genau hinter dem irrlichternden Waldeszauber wohl stecken mag. Wird schwierig, all diese historischen Quellen zu sondieren. Vieles vermengt sich zu schwer aufdröselbaren Mythen, die vor allem unsere schon von Kindestagen an nicht mehr wegzudenkenden Gebrüder Grimm in militant-moralische Märchen verpackt hatten. Ich sage nur: Kinder allein im Wald oder der Apfel, der Schneewittchen im Halse stecken bleibt. Den Grimms dürfte da einiges zu Ohren gekommen sein. Auf jeden Fall aber so einige Erzählungen aus dem frühen siebzehnten Jahrhundert von jenseits des Atlantiks – auf der anderen, wilden Seite eines gerade mal seit einem guten Jahrhundert bekannten Kontinents, auf welchem ganz andere Dämonen fröhliche Urstände feiern als hier in der alten Welt. Oder aber: die Dämonen haben mit der Mayflower den Sprung ans neue Festland geschafft. Dem Teufel sei da womöglich gedankt – und all den puritanischen Separatisten, die als selbsternannte Heilige weitestgehend als Pilgerväter in die amerikanische Geschichte eingegangen sind. Denn ohne den Angstfaktor Antichrist lässt sich das Fromme wohl kaum besser definieren. By the way: Wie war das nochmal mit den selbsterfüllenden Prophezeiungen? Oder dem Beelzebuben, den man an die Wand malen kann? In Robert Eggers metaphysischem Historiendrama wird die Furcht vor dem Unbekannten zu einer mythischen Abhandlung über die finsteren Komponenten einer rätselhaften Natur, die sich keinem Fanatismus unterordnen möchte.

Oder aber, anders gefragt: Was wäre, wenn all diese albtraumfördernden Erzählungen selbsternannter Zeugen tatsächlich wahr gewesen wären? Was, wenn wir uns sowieso alle täuschen, und Hexen gibt es wirklich? Fragen wir doch die Filmgruppe, die in Blair Witch das Fürchten gelehrt bekam. Mit den Hexen von Eastwick, den Girlies aus Charmed oder überhaupt mit den Schülerinnen aus Hogwarts hat das Ganze nichts mehr zu tun. Diese archaische, dunkle Magie, die in The Witch schnöde Heimsuchung betreibt, scheint tausende Jahre vor so jemandem wie Bellatrix Lestrange oder Willow aus Buffy praktiziert worden zu sein. Und so nah, wie Robert Eggers den volkstümlichen Märchen kommt, so inhärent ist auch in dieser Aussteigerfamilie das Böse von Anfang an. Zu bemerken ist dies vorerst jedoch nicht. Auf einer Lichtung im Wald beginnt eine strenggläubige Familie, nachdem diese der Kolonie den Rücken gekehrt hat, ein neues Leben, mit ihren fünf Kindern und einigen Ziegen und Hühnern. Doch das Schicksal meint es gar nicht gut: der jüngste Spross verschwindet auf unerklärliche Weise, der Mais verfault und die Nahrung wird knapp. Frust senkt sich über den Hof – und schwelt wie ein Wundbrand, als sich der Sohnemann im Wald verirrt und die älteste Tochter der Hexerei bezichtigt wird.

Wir kennen das aus Arthur Millers grandiosem Theaterstück Hexenjagd: Es folgt das Tribunal, die Hexe muss gestehen und wird verbrannt, nachdem ausgiebige Folter das entsprechende Geständnis erwirkt hat. Nicht aber bei Robert Eggers. Sein Hexenfilm ist wohl das Erwachsenste, was es in dieser Genre-Nische zu holen gibt. Haneke würde einen solchen Film ähnlich inszenieren. Denn Eggers findet in die Kunst der Reduktion und der indirekten Darstellung des Bedrohlichen wie ein Spurensucher zum erlegten Wild. Wie schon in Der Leuchtturm besticht The Witch durch seine Adaption der Optik alter Originalgrafiken und Fotografien – in einer Art Schwarzen Romantik zwischen Goya und Johann Heinrich Füssli (Nachtmahr) ruht Eggers Stil. Beeindruckend dabei: die sorgfältige Handhabung nuancierter, ikonographischer Schreckensbilder, die aus dem Zwielicht des Waldes oder einer vielgestaltigen Dunkelheit heraustreten.

The Witch ist kein Horror der üblichen Sorte, sondern versteckt sich und bleibt verlockend, aber selten invasiv. Die Psychologie hinter Eggers aufgeräumtem Hexensabbat ist die der eigenen menschlichen Unzulänglichkeit, den Horizont zu erweitern, um dem Unerklärlichen standhalten zu können.

The Witch

The Eyes of Tammy Faye

GELDBERGPREDIGTEN IM SPENDEN-TV

7/10


tammyfaye© 2021 20th Century Studios All Rights Reserved


LAND / JAHR: KANADA, USA 2021

REGIE: MICHAEL SHOWALTER

CAST: JESSICA CHASTAIN, ANDREW GARFIELD, CHERRY JONES, SAM JAEGER, VINCENT D’ONOFRIO U. A. 

LÄNGE: 2 STD 6 MIN


Am Ende erkennt man sie nicht wieder. Das soll Jessica Chastain sein? Allerdings. Und dabei ist es gar nicht so, dass sich die rothaarige Schöne hinter Kilos an Make-up und Latex vergräbt wie manch anderer Star. Chastain ist noch immer sie selbst. Nur ist die Person, die sie verkörpert, so grundlegend anders angelegt als all ihre bisherigen Rollen, womit man mitunter glauben könnte: hier ist rein die sichtbare Verwandlung schuld an diesem Ausbruch aus festgelegten Stereotypen. Ist aber nicht so. Chastain probiert tatsächlich, gegen die Richtung zu schwimmen, der sie bislang souverän gefolgt war: als toughes, intellektuelles, mitunter auch recht kühles feministisches Kraftpaket, das zwar mit seinen inneren Dämonen hadert, nach außen hin aber die Wahrnehmung der Frau als dem Manne um einiges überlegen durchaus schärft. In The Eyes of Tammy Faye spiegelt sich diesmal aber etwas ganz anderes: der bemitleidenswert naive Glaube an die Dreifaltigkeit, das Gute auf der Welt und dem Götzenbild des Mammon irgendwo in der Schublade in einem Zimmer des pompösen Eigenheims mit dem Namen Bakker unter der Türklingel.

Sorry, noch nie von denen gehört. Aber das ist kein Wunder. Wir haben es, wie so oft in letzter Zeit, mit lokalen Größen aus der amerikanischen Mediengeschichte zu tun. Tammy Faye und Jim Bakker, das waren Fernsehprediger und Evangelisten, die „Silbereisens“ des christlich-manischen Fernsehens, in der Gott Liebe ist und Liebe Gott, und ganz sicher trägt Jesus uns alle wirklich im Herzen. Verbale Brotkrumen, die zum Ende jeder Sendung unter die Zielgruppe gestreut wurden. Die Bakkers hatten gar ihren eigenen Fernsehsender, die Zuschauerzahlen waren enorm, die beiden konnten sich alles leisten, was nur zu leisten war – schwimmend im Geld und sonstigem Konsum und gleichzeitig so spendengeil wie alle NGOs Amerikas zusammen. Ist ja alles für den guten Zweck, da lässt sich nichts dagegen sagen. Wenn der Zweck aber auch den eigenen gut gesicherten Lebensabend einschließt, wird’s problematisch. Und so war’s dann auch: Jim Bakker muss sich mit Vorwürfen herumschlagen, das Geld anderer Leute veruntreut zu haben. Geht moralisch und rechtlich natürlich gar nicht. Tammy Faye gibt die Ahnungslose, weiß ja mit dem Zaster und dergleichen nicht umzugehen; nimmt, was sie bekommt und tut, was Reiche eben so tun. Dafür hat sie ihr Herz am rechten Fleck, singt wie Helene Fischer und steht zur Integration Homosexueller. Würde man den ganzen Fernsehschnickschnack weglassen, gibt sie sich überraschend liberal und offenherzig. Nah am Wasser gebaut ist die aufgedonnerte Dame obendrein, und so verschwimmt oft das Make-up auf ihrem tränenreichen Gesicht.

Kein einfacher Charakter, den Chastain hier für das große Kino neu interpretiert. Allerdings hat das Biopic von Michael Showalter (Die Turteltauben, The Big Sick) zumindest hierzulande keinen Weg auf die Leinwand gefunden. Verdient hätte es das, und wie schon Steven Soderberghs schillernde Bühnenbeichte Liberace hält The Eyes of Tammy Faye nicht nur deren stark geschminkte Augen in die Kamera, sondern auch ganz viel Glamour, Mode und Zeitkolorit. Während Chastain über Jahrzehnte hinweg unter den gerade trendigsten Frisuren und Outfits in die unterschiedlichsten Existenzstadien ihres so erfolgreichen wie -losen Lebens schlüpft, bleibt Andrew Garfield als Jimi Bakker stets er selbst, mit immer grauer werdender Mähne und Latexbäckchen. Die Wandelbarkeit Chastains hätte er wohl gerne, doch zumindest im Spiel findet er als kapitalistischer Pharisäer, der dem Schauspieler durchaus ähnlich sieht, einen guten Zugang zum Publikum.

Showalter setzt auf Ausstattung und die gut sortierten Fakten eines Medienskandals, in dem Gott lediglich als Lippenbekenntnis die zweite Geige spielt und eigentlich wie so oft verschnupft darüber reagieren sollte, wenn die Geldwechsler wieder mal den Tempel füllen.

The Eyes of Tammy Faye

Ballade von der weißen Kuh

DER MENSCH DENKT, DOCH GOTT LENKT

7/10


balladevonderweissenkuh© 2022 Filmladen Filmverleih


LAND / JAHR: IRAN, FRANKREICH 2021

BUCH / REGIE: BEHTASH SANAEEHA & MARYAM MOGHADDAM

CAST: MARYAM MOGHADDAM, ALIREZA SANIFAR, AVIN PURRAOUFI, POURYA RAHIMISAM U. A. 

LÄNGE: 1 STD 45 MIN


Gottes Wege sind unergründlich – und manchmal tödlich. Ganz besonders im Iran, einem Land, in welchem sich die Todesstrafe einer gewissen politischen Beliebtheit erfreut. Wir wissen längst, dass die Justiz natürlich nicht die Weisheit mit dem Löffel gefressen hat – und nur darüber richten kann, was an Beweisen oder Nicht-Beweisen vorhanden ist. Da kann viel passieren. Manchmal ist der Schuldige dann wirklich schuldig, manchmal aber auch nicht. Und das ist dann schon relativ unfair, zumindest aus Sicht des Betroffenen. Wenn dann so einer auch noch sein Leben lassen muss für nichts und wieder nichts, könnte man überlegen, das Richtschwert doch lieber an den Haken über den Kamin zu hängen, als nostalgisches Mahnmal einer vergangenen, mittelalterlich agierenden Epoche. Die iranische Politik tut das nicht. Vergeltung ist Teil des Korans und Blutgeld gern gesehen. Die einigen wenigen, die sich darüber Gedanken machen, ob das wirklich Sinn macht, sind Filmemacher. Vor zwei Jahren hat der Episodenfilm Doch das Böse gibt es nicht bei den Filmfestspielen Berlin den goldenen Bären gewonnen. Das Kammerspiel Yalda erzählt das Schicksal einer zur Hinrichtung Verurteilten, der fahrlässige Tötung vorgeworfen wird, die aber dem Schicksal im Rahmen einer Fernsehshow entkommen könnte, würden ihr die Hinterbliebenen des Opfers vor laufender Kamera vergeben. Ballade von der Weißen Kuh ist der jüngste Beitrag zu diesem Thema, und man sieht – kalt lässt die Sache dort niemanden mehr.

Im Mittelpunkt steht Mina, Mutter einer gehörlosen Tochter, die ihren Ehemann an die Gerichtsbarkeit ihres Landes verliert. Verurteilt wegen Mordes, ist dieser plötzlich, nach dem Wissen der Tochter, plötzlich ganz weit weg und wird nicht mehr zurückkehren. Wie sich bald herausstellen wird: Papa war unschuldig, den Mord hat mittlerweile jemand anderer gestanden. Nur kommt die Amnesie ein bisschen zu spät, aus dem Jenseits lässt sich niemand mehr zurückholen. Mina fordert dennoch eine Entschuldigung der Justiz. Nebenbei fordert ihr Schwiegervater das Sorgerecht der Tochter, während wie aus dem Nichts ein Jugendfreund des Verstorbenen auftaucht und angebliche Schulden bezahlt, die er bei diesem gehabt haben soll. Mit dieser Begegnung ändert sich für Mina plötzlich alles. Denn dieser Reza zeigt sich in vielerlei Hinsicht plötzlich so hilfsbereit wie Mutter Teresa, was die traurige Restfamilie kaum glauben kann. Manchmal meint es Gott ja wirklich gut mit einem, trotz seines kruden Willens, den keiner versteht.

Wenn schon Filme aus dem Iran, dann über Schuld, Sühne und Vergebung. Vielleicht mitunter ein bisschen Rache, aber die unterwirft sich schnell einer gewissen Besonnenheit. Im Iran darf man das große Ganze nicht aus den Augen verlieren. Und natürlich die Folgen, die einem blühen könnten, würde man seinen Gefühlen nachgeben oder Dinge tun, die der gesellschaftlichen Norm ungern angehören. Ballade von der weißen Kuh, geschrieben und inszeniert von Behtash Sanaeeha und Maryam Moghaddam, hat seine Gefühle fest im Griff. Das Teheran ihres tragödienhaften Dramas erträgt in einer gewissen Lethargie einen fahlen, grauen, schmucklosen Winter. Die ganze Stadt fühlt sich an, als wäre sie der Innenhof eines Staatsgefängnisses, wo man zu bestimmten Zeiten seine Runden drehen kann. Manchmal steht dort auch eine Kuh herum, weiß wie die Unschuld. Diese Schwermut zieht sich durch den ganzen Film und findet überraschenderweise Abwechslung in Maryam Moghaddams einnehmenden Spiel zwischen Trauer, Pragmatismus und leiser Hoffnung. Moghaddam trägt den Film im Alleingang – eine stolze, toughe, zähe Persönlichkeit, die weiß, wo ihre Rechte liegen. Die weiß, dass sie das Zeug hat, das Leben selbst in die Hand zu nehmen, auch für ihre Tochter. Ein kraftvolles Psychogramm, das im Rahmen einer schicksalhaften, an die Filme Ashgar Farhadis erinnernden Häufung von Zufällen und Bestimmungen mit langem Atem analysiert wird.

Ballade von der weißen Kuh

Der Schein trügt

GESEGNET SIND DIE SÜNDER

7/10


DerScheintruegt© 2021 Neue Visionen


LAND / JAHR: SERBIEN, MAZEDONIEN, KROATIEN, SLOWENIEN, BOSNIEN-HERZEGOWINA, MONTENEGRO, DEUTSCHLAND 2021

BUCH / REGIE: SRDJAN DRAGOJEVIC 

CAST: GORAN NAVOJEC, KSENIJA MARINKOVIC, NATASA MARKOVIC, BOJAN NAVOJEC, MILOS SAMOLOV U. A.

LÄNGE: 2 STD


Zumindest wir hier in Österreich kennen den kultigen Dialektsong Rostige Flügel vielleicht sogar auswendig. Darin singt der Ex-Cordoba-Maestro Hans Krankl leicht heiser von einem egozentrischen Krösus, der auf Erden keine Versuchung ausgelassen hat, im Himmel aber maximal die Holzklasse bekommt. Rostige Flügel, aus zweiter Hand. Und auch keinen Heiligenschein. Der serbische Flüchtling Stojan hätte wohl eher Verwendung dafür, denn der ist ein herzensguter Familienvater irgendwo in einem vergammelten Viertel am Rande der Stadt, der eines Tages, beim Einschrauben einer Glühbirne, mit dem Strom auf Tuchfühlung geht. Normalerweise erholt man sich davon. Auch Stojan. Nur der trägt jetzt eine Art Halogen-Heiligenschein über dem Kopf, was in der Nachbarschaft für Befremdung sorgt – und ganz besonders bei Göttergattin Nada, die ihren Ruf gefährdet sieht und den unbescholtenen Ehemann dazu anstiftet, doch alle sieben Sünden zu begehen, denn dann wäre ihm die Gunst Gottes wohl nicht mehr sicher.

Klingt lustig. Klingt nach Situationskomik, als wäre Louis De Funes unterwegs, wie seinerzeit in Der Querkopf. Ist es aber nicht. Und auch der Trailer führt in die Irre. Will heißen: Der Schein trügt in jeder Hinsicht. Und wer sich gerne vergnügen möchte ob so skurriler Begebenheiten zwischen Himmel und Erde, der wird letztlich schwer schlucken müssen. Was man vielleicht auch nicht weiß: Regisseur Srdjan Dragojevic (u. a. Parada) hat einen Episodenfilm inszeniert, dessen Kapitel sehr eng miteinander verknüpft sind und stets die Perspektive wechselt, aber summa summarum eine einzige epische Geschichte über mehrere Jahrzehnte erzählt, die genauso gut Emir Kusturica hätte inszenieren können. Angesichts der surrealen Begebenheiten passt das dann auch ziemlich gut in dessen Konzept, nur die leichte Verschrobenheit von Kusturicas zumindest letzten Filmen fehlt bei Dragojevic allerdings gänzlich. Hier ist der Fingerzeig Gottes das unangenehme Kitzeln unter der Achsel, der Kieselstein im Schuh, das Trietzen des Menschen mit augenscheinlichen Wundern, die so plötzlich vom Himmel fallen, dass kein Erdenbürger damit klarkommen kann. Am wenigsten die Kirche.

Egal, ob das Geschenk der Heiligkeit, eine zweite Chance oder das Lösen des größten Problems auf Erden auf dem Plan stehen: Herr, ich bin nicht würdig, dass du eingehst unter mein Dach. Kennen wir doch – also zumindest kennen es jene, die ab und zu mal in den Gottesdienst gegangen sind. Sprich nur ein Wort, und so wird meine Seele gesund. Alles schön und gut, doch der Heiland stammelt hier in Rätseln. Orientierungslos pflügt der Mensch in dieser bitterbösen Groteske sodann durch den Sündenpfuhl, um seine Erleuchtung loszuwerden. Lieber im Dunkeln, statt im Licht. Entsprechend düster sind diese Episoden auch geworden, entsprechend heftig fallen da auch einige Szenen aus, die bigotter Bequemlichkeit ans Bein pinkeln wollen. Manchmal rutscht Dragojevic zu sehr ins Grobe, auf zu hemdsärmelige Weise bemüht er die eine oder andere Metapher, als würde er den Motor eines Autos reparieren. Da fehlt dann der Feinschliff, der zumindest später noch – und vor allem in der meisterlichen letzten Episode – die Chance hat, mit etwas mehr Geistesblitz auf pointierte Satire zu machen. Wer Also Filme wie The Square oder Bad Luck Banking or Loony Porn – die neue Art der gesellschaftskritischen Avantgarde – zu schätzen weiß, wird sich auch hier, in seiner polemischen Kritik über die Welt, verstanden wissen.

Der Schein trügt

Das Wunder von Fatima

GLAUBEN, WAS MAN NICHT SIEHT

6/10


wundervonfatima© 2021 capelight pictures


LAND / JAHR: USA, PORTUGAL 2020

REGIE: MARCO PONTECORVO

CAST: STEPHANIE GIL, ALEJANDRA HOWARD, JORGE LAMELAS, SÔNIA BRAGA, HARVEY KEITEL, JOAQUIM DE ALMEIDA, JOANA RIBEIRO, GORAN VIŠNJIĆ U. A.

LÄNGE: 1 STD 53 MIN


Ich frage mich, woher die katholische Kirche ihr Wissen hernimmt, um Wunder als solche deklarieren zu können. Da gibt es vielleicht einige Parameter, die wie bei einem Multiple-Joice-Test angekreuzt werden oder nicht – das Ergebnis entspricht einem der drei Einstufungen, die da wären: Es steht fest, dass es sich um Übernatürliches handelt, es steht fest, dass es das nicht tut, oder man weiß es nicht. Bei den Marienerscheinungen von Fatima Anfang des 20. Jahrhunderts sind die Geistlichkeiten wohl zu dem Schluss gelangt, dass hier weit mehr als nur physikalische Phänomene mit im Spiel waren. Danke all den Physikern und Sozialpsychologen an dieser Stelle, die hier (vielleicht) mitgewirkt haben.

Genau genommen waren es drei Hirtenkinder, zwei Mädchen und ein Junge – der die Mutter Gottes allerdings nur sehen, aber nicht hören konnte. Alle drei sind einer strahlend schönen Frau in strahlendem Gewand begegnet, die den drei völlig vor den Kopf Gestoßenen drei Geheimnisse offenbart hat. Zwei wurden ehebaldigst bekannt gemacht, die dritte durfte Kardinal Ratzinger erst im Jahr 2000 öffnen. Interessant dabei ist, dass bei allen drei Visionen Hölle und Verderben eine wichtige Rolle spielen – da erscheint die Offenbarung des Johannes geradezu wie eine Gutenachtgeschichte. Abgesehen davon, dass die Psyche der Kinder natürlich auch an Schreckensbildnissen reifen kann, dies aber bei Gott nicht sein muss. Maria, so wie ich sie mir vorstelle, würde anders aussehen, und auch weniger Getöse verkünden, aber das ist nur meine Meinung, die in einem Film wie diesen sehr wohl über Gefallen oder Nichtgefallen entscheiden kann. Glaubens- und Religionsfilme sind immer so eine Sache. Bei Martin Scorsese oder Mel Gibson ist das eine Frage der Interpretation eines Stoffes, der unter Gläubigen zum Dogma gehört. Bei Das Wunder von Fatima gibt es hingegen gar keinen künstlerischen Interpretationsspielraum, den man mögen könnte oder nicht.

Denn Marco Pontecorvo, sonst eigentlich Kameramann unter anderem auch bei Game of Thrones, hat zum Wunder von Fatima wohl nicht wirklich eine eigene Meinung – zumindest tut er diese hier nicht kund. Sein christlicher Historienfilm gerät zum pittoresken Bilderbuch und zeigt, was laut Kirche damals passiert sein soll. Dabei unterstützt er unbewusst auch jene, die fest davon überzeugt sind, dass die Heilige Jungfrau Maria tatsächlich erschienen ist. Wir wissen bereits aus der Bibel: Kinder sind stets diejenigen, die den direktesten Draht zu all dem Metaphysischen haben, dass kirchlich geerdet ist. Allerdings irritiert die fromme Positionierung Marias unter die deutungssicheren Dogmen der Kirche. Demnach müsste der Katholizismus von jeher alles richtig gemacht haben. Dieses Alleinstellungsmerkmal kann so nicht sein – auch, weil die drei Hirtenkinder im Kontext gesehen nichts anderes wiedergeben als das in der Glaubenskultur bereits Gelehrte. Harvey Keitel, der als skeptischer Journalist die einzige Überlebende der drei Kinder, nämlich Lúcia dos Santos, aufsucht, um ihr innerhalb der Rahmenhandlung des Films durchaus kritische Fragen zu stellen, zieht nicht von ungefähr den Vergleich zum Stigmata-Problem, welche die Wunden einer Kreuzigung ganz falsch platziert sieht. Vielmehr orientiert sich dieses Wunder – wie das von Fatima – an sakraler Volkskultur.

Für den frommen Religionsunterricht oder Bibelrunden eignet sich Das Wunder von Fatima optimal – weil es abbildet, was geschehen sein könnte, und die Meinung dann jenen überlässt, die den Film gesehen haben. Denn umso weniger Pontecorvo Stellung bezieht, umso mehr reizt die Chronik der Ereignisse zur hitzigen Diskussion. Im Zuge dessen wäre es wohl spannender gewesen, den heiligen Superstar nur indirekt in Erscheinung treten zu lassen.

Das Wunder von Fatima

First Reformed

MÄRTYRER VON HEUTE

6/10


first_reformed© 2017 A24


LAND: USA 2017

BUCH & REGIE: PAUL SCHRADER

CAST: ETHAN HAWKE, AMANDA SEYFRIED, MICHAEL GASTON, VICTORIA HILL, PHILIP ETTINGER, CEDRIC THE ENTERTAINER U. A. 

LÄNGE: 1 STD 48 MIN


So kann es einfach nicht weitergehen. Nicht auf diese Weise. Der Mensch an sich ist die Geißel seines eigenen Planeten, alles richtet er zugrunde. Verkommen bis ins Mark, egoistisch, fahrlässig. Angesichts dieser verheerenden Umstände haben sich Leute wie Travis Bickle aufgerafft, zumindest für eine Nacht ihren Harnisch anzulegen und gegen die Verdammnis zu kämpfen. Bickles Kampf ist in die Filmgeschichte eingegangen: Taxi Driver. Geschrieben hat diese finstere Großstadtballade Paul Schrader – die Zeitschrift cinema lieferte hier in einer ihrer letzten Ausgaben ein spannendes Making Of zum Film. Jahrzehnte später hat Schrader auch Regie geführt – und zwar nicht in einer Neuauflage seines Buches, sondern in einem ganz anderen, aber recht themenverwandten Film, der die Institution Kirche gleich mit ins Gebet nimmt.

First Reformed ist genauso wenig wie Taxi Driver ein Beitrag für entspanntes Entertainment, um mal die ganze deprimierende Weltlage um sich herum zu vergessen. First Reformed sichtet man, wenn man genau das nicht vergessen will, und vielleicht motiviert genug ist, sich zumindest aus dem Verhalten der Charaktere in diesem Film Inspiration zur Veränderung zu holen. Was kann ich also tun, um dieser prekären Lage Herr zu werden? Resignieren, den Kummer im Alkohol ertränken – oder rausgehen und kämpfen? Ethan Hawke als spät berufener Priester einer ganz speziellen Gemeinde im Osten der USA versucht sich in diesem wirklich wenig erbaulichen Werk an beidem. Und wer Ethan Hawke und sein Oeuvre kennt, wird wissen: der ehemalige Before Sunrise-Star stemmt natürlich auch diese Rolle mit grüblerischer Intensität.

Hawke verkörpert einen Geistlichen, wirkend in der touristisch nicht uninteressanten Sehenswürdigkeit von Kirche, die als erste reformierte der neuen Welt gilt. Besucher kommen und gehen, lassen sich vom Pastor durch die historischen Highlights führen. Zum Gottesdienst findet sich maximal eine Handvoll Betwilliger ein, der Glaube an eine übergeordnete Entität scheint von gestern zu sein. Zwischen diesen Gottesdiensten trauert der Mann um seinen im Krieg gefallenen Sohn, steht vor den Trümmern einer frühen Ehe und muss auch noch den recht deprimierenden Worten eines Umweltaktivisten lauschen, der die Hoffnung für schlichtweg alles längst aufgegeben hat. Die Folge ist: dieser jemand bringt sich um, zurück bleibt die Ehefrau (Amanda Seyfried) und ein ungeborenes Kind. Dieser Suizidfall lässt den Priester nicht mehr los, er geht den Auslösern dieser Tat nach – uns stößt auf vernichtende Fakten, welche die Sinnhaftigkeit seines Tuns als Seelsorger in Zweifel ziehen.

Paul Schrader filmt in strengem 4:3-Format, seine Bilder sind düster und schmucklos komponiert, drinnen wie draußen herrscht kalter, verregneter, ein in schmutzigen Farben getauchter Spätherbst. Die Zuversicht spielt in einem anderen Film, auch wenn zwischen Hawke und Seyfried so etwas wie der Versuch einer gegenseitigen Erbauung zu erahnen ist. Letzten Endes ist es fast schon katharischer, finsterer Haunted House-Nihilismus, der einen Ausweg aus allem verspricht, der aber genauso wenig zur Lage der Menschheit beitragen würde wie ein Suizid.

Taxi Driver hatte hier noch einen Funken ritterlichen Glaubens wie das märchenhafte Befreien einer zur Schlachtbank geführten Prinzessin – in First Reformed dreht Schrader mitunter den Spieß um. Der Zweck heiligt längst nicht mehr die Mittel. Die einzige Medizin bleibt die Liebe. Der Weg, den Schrader bis dorthin geht, führt allerdings durch den Dornwald. Umwege gibt’s keine.

First Reformed

The Devil All the Time

IN EINER KLEINEN STADT

7/10


the-devil-all-the-time© 2020 Netflix


LAND: USA 2020

REGIE: ANTÓNIO CAMPOS

CAST: TOM HOLLAND, BILL SKARSGÅRD, HALEY BENNETT, ROBERT PATTINSON, SEBASTIAN STAN, JASON CLARKE, RILEY KEOUGH, HARRY MELLING, MIA WASIKOWSKA, ELIZA SCANLEN U. A.

LÄNGE: 2 STD 18 MIN


Der größte und gemeinste Trick des Teufels ist doch der, all die armen sterblichen Sünder glauben zu lassen, es gäbe ihn überhaupt nicht. Wenn diese Rechnung aufgeht, dann wäre der Antichrist wohl schon sehr zufrieden mit sich und der Welt. Doch es geht noch perfider: was, wenn der arme sterbliche Sünder versucht, zu Gott zu finden, und dabei die Fährte des Teufels gerät? Und gar nicht mitbekommt, dass er sich in seiner Gier nach dem göttlichen Fingerzeig weiter vor der Herrlichkeit wegbewegt als ihm lieb wäre. In Knockemstiff, einem Kaff in Ohio, bewegt sich so ziemlich alles von Gott weg, während es offenkundig auf Knien zu ihm hin rutscht. Und das aus unterschiedlichen Gründen. Einerseits ist es Frömmelei, andererseits Macht, andererseits das Hoffen auf Wunder durch Dauerbeten. Knockemstiff, der Geburtsort von Autor Donald Ray Pollock, muss diesem nicht sonderlich gut in Erinnerung geblieben sein. Heute ist dieses Kaff eine Geisterstadt, damals womöglich war diese von Albträumen geplagt. Fast wie eine Art Twin Peaks, sogar ein bisschen von Stephen Kings Derry geistert da mit. Ein Fass ohne Boden also für Geschichten, die den Fluch aufs Leben beschreibt.

In The Devil All the Time – nach Pollocks Roman Das Handwerk des Teufels – ist die zentrale Figur ein Junge namens Arvin (Tom Holland, gänzlich jenseits von Spiderman), der dem religiösen Extremismus seines Vaters Willard (Bill „Pennywise“Skarsgård) beiwohnen muss, beide Eltern verliert und später bei seiner Großmutter aufwächst, gemeinsam mit einer anderen Vollwaise namens Lenora, die bald zu einer guten Schwester wird, die er um alles in der Welt beschützen will. Doch der Teufel, der ist immer da, die ganze Zeit, und der verzerrende Fanatismus für einen Glauben ist, so könnte man sagen, die Quelle seiner Kraft. Es wird bald klar, dass alles, was hier in diesem Film passiert, den Bach runtergeht.

Viele namhafte Schauspielgrößen, die hier allesamt ihr Können unter Beweis stellen, treiben im wahrsten Sinne des Wortes ihr Unwesen. Und sie alle haben ihren ausgesuchten Platz in diesem kreisenden Perpetuum Mobile abwärts. Pollocks Vorlage für einen Film zu adaptieren, das war sicherlich eine Challenge. Regisseur António Campos war bei dieser Sache aber ganz der Profi und hat weder überhastet noch prätentiös all diese vielen kleinen Szenen in ein Arrangement gepackt, geradezu entknäuelt und so angeordnet, dass man beim Zusehen ein Gefühl dafür bekommt, wie sehr und wo all diese Schicksale miteinander vernetzt sind. Fast scheint es, als wäre The Devil all the Time ein ineinander verkeilter Episodenfilm, vielleicht ist er das ja auch, doch im Endeffekt ist es ein großes Ganzes, ein Bündel an menschlichen Schwächen und gestörten Empfindungen. Wäre The Devil all the Time ein Song, dann hätte diese Ballade womöglich Nick Cave geschrieben. So dunkel, entschleunigt und schwer sickern diese Schicksale durch die Straßen dieser Kleinstadt. Doch statt Nick Caves Songs unterlegt Campos seinen Film mit beschwingten Country-Klassikern und konterkariert den American Way of Life in seiner zynischsten Form.

Zynisch, das ist das richtige Adverb für dieses epische Thrillerdrama, das ein großes Gespür sowohl für seine finsteren als auch für seine verblendeten Charaktere hat, die aber alle unter einem Glassturz stehen, als wären sie Teil eines isolierten Experiments. Man ahnt, wie die Dinge sich entwickeln könnten, meistens tun sie es dann auch genau in diese Richtung, durch diese Vorsehung erhält man als Zuseher eine wissende Distanz. Und der Löffel mit der bitteren Medizin geht zum Glück an einem selbst vorbei.

The Devil All the Time

Ein verborgenes Leben

HIER STEHE ICH, ICH KANN NICHT ANDERS

8/10

 

RG-29_06575.NEF© 2019 Pandora

 

LAND: USA, DEUTSCHLAND 2019

REGIE: TERRENCE MALICK

CAST: AUGUST DIEHL, VALERIE PACHNER, TOBIAS MORETTI, KARL MARKOVICS, BRUNO GANZ, JOHANNES KRISCH, MATTHIAS SCHOENAERTS, ALEXANDER FEHLING, FRANZ ROGOWSKI U. A. 

 

Ich kann mich noch gut erinnern, als Terrence Malick nach 20jähriger Schaffenspause 1998 mit Der schmale Grat für Aufsehen gesorgt hat. Gefühlt alle namhaften Stars sind damals Schlange gestanden, um bei Malicks Film eine Rolle zu ergattern. Die Lobeshymnen für sein Kriegsdrama waren aber nicht nur seinem Comeback zu verdanken. Für Malick-Nichtkenner hielt Der schmale Grat einiges an neuen und nicht totgelaufenen Sichtweisen fürs Kino parat und konnte – zumindest mich jedenfalls – mit seinem philosophischen Diskurs überzeugen. Der schmale Grat zähle ich zu den besten Kriegsfilmen, weil so deutlich wird, wie der Mensch in einem für ihn geschaffenen Paradies ein Miteinander mit Füßen tritt. 

So manche Filme später dann, nach einigen seifigen Ausrutschern ins Kino und die Goldene Palme für The Tree of Life: die Rückkehr zu einer Qualität, für die Malick  zu Recht seinen Platz in der Filmgeschichte hat: Mit Ein verborgenes Leben hat sich der Künstler der Lebens- und Leidensgeschichte des Hitlerschwur-Verweigerers Franz Jägerstätter angenommen – und eine so visuell wie erzählerisch überwältigende Studie über die Essenz des Widerstands gegen eine ungerechte Gewalt kreiert. Das anders Interessante dabei: Malick besetzt für seinen Film bis auf wenige Ausnahmen durchwegs deutschsprachige, lokale Schauspielgrößen, die vielleicht jenseits des Sprachraums wenig Bekanntheit haben. Als Hauptprotagonist steht ihm August Diehl zur Verfügung, ihm zur Seite Valerie Pachner. In den Nebenrollen zumindest hierzulande illustre Namen wie Johannes Krisch, Karl Markovics oder Tobias Moretti. Bei Terrence Malick mitzuspielen dürfte für sie wohl ein wahrgewordener Traum gewesen sein. Dementsprechend legen sie sich auch ins Zeug – und bilden ein Ensemble, das Malicks Gedankengänge und sein Vorhaben, einen etwas anderen Heimatfilm zu erzählen, tatkräftig unterstützen.

Kinematographisch gesehen ist Ein verborgenes Leben ein Meisterwerk. Mit der weitläufigen Kulisse des zentraleuropäischen Alpenlandes, mit all seinen Almen, Bauernhöfen und dergleichen schafft der Regisseur ein exklusives, nicht oft gesehenes Ambiente einer zwar gemäldehaft stilisierten, aber intensiv naturverbundenen Lebensweise zwischen mühseliger Landwirtschaft und entrücktem Kindertraum von einer Insel der Seligen am Land. Wie er das einfängt, mit seinen typischen Weitwinkelaufnahmen, die er nahe ans Geschehen rückt und seinem scheinbar intuitiven Schnitt der Szenen, die das Wesentliche geradezu herausschälen, ist von akkurater Raffinesse. In dieser so fremden wie vertrauten Welt sind Bürgermeister, Müller, Dorfpfarrer oder die Töchter Jägerstätters wie Reflexionen eines zerbrochenen Spiegels, erhaschte Fragmente einer Erinnerung eines bereits Hingerichteten und der Endlichkeit erhaben. Das ist fast schon messianisch. Für diese Interpretation spricht auch die Szene mit NS-Richter Bruno Ganz, der wie Pontius Pilatus den Andersdenkenden fragend auf die Probe stellt.

Wobei ich zugeben muss, dass mir die Entscheidung des selig gesprochenen Landwirts, offenen Auges in den Tod zu gehen, und zwar für ein Lippenbekenntnis, das in keinster Weise das Herz berührt, schwer fällt nachzuempfinden. Die eigene Familie im Stich lassen? Für mich ein Ding der Unmöglichkeit. Jägerstätter ist kein Prediger, vielmehr ein stiller, unbeirrbarer Leider, der sich für die Klarsicht auf Recht und Unrecht opfert. Auf lange Sicht und der Zeit geschuldet ein denkwürdiges Manifest des Schweigens. Zu Lebzeiten womöglich verbohrter Egoismus. Gerade diese Ambivalenz macht das Ganze noch interessanter.

Terrence Malick hat eine langsame (aber nie langweilige), hypnotische Meditation entworfen. Eine Bilderflut, auf die man sich einlassen wird. Die viel Sitzfleisch erfordert, und die gar nicht darauf aus ist, Jägerstätters radikalen Entschluss zu verstehen. Die aber fesselt, berührt und nachdenklich stimmt.

Ein verborgenes Leben

Greyhound

SCHACH IM ATLANTIK

5,5/10

 

greyhound© 2020 Sony Pictures Entertainment / Apple +

 

LAND: USA 2020

REGIE: AARON SCHNEIDER

ADAPTIERTES DREHBUCH: TOM HANKS

CAST: TOM HANKS, STEPHEN GRAHAM, ROB MORGAN, JIMI STANTON, ELISABETH SHUE, MANUEL GARCIA-RULFO U. A. 

 

„Es bricht mir das Herz“ soll Schauspieler Tom Hanks gesagt haben, nachdem klar wurde, dass sein neuester Streifen Greyhound anstatt Anfang Mai in die Kinos vom Streaming Anbieter Apple+ online zur Verfügung gestellt wird. Womit er nicht ganz unrecht hat. Denn Greyhound ist ein Film für die große Leinwand, auch wenn der Plot an sich auf ein Smartphone passt. Doch was erzählt wird, passiert vor historischen Tatsachen. Wir schreiben das Jahr 1942 und Commander Ernest Klause (eben Tom Hanks) ist zur kältesten Jahreszeit im sturmgepeitschten Nordatlantik unterwegs, um Versorgungsschiffe der Alliierten nach Europa zu eskortieren. Klar, dass das den Nazis nicht schmeckt – die schicken wiederum ganze „Wolfsrudel“ an U-Booten los, um den Feind unter keinen Umständen passieren zu lassen. Einfach wird das für die submarinen Aggressoren nicht, haben diese doch die meiste Zeit mit feindlicher Luftabwehr zu rechnen – mit Ausnahme eines gewissen Abschnitts inmitten der maritimen Weite, die kein Kampfflugzeug erreichen kann. Die große Grube wird sie genannt, dieses gefahrvolle Niemandsland, das dem freien Spiel der Kräfte unterliegt. Commander Klause muss sich beweisen – es ist seine erste Überfahrt.

Wie Regisseur Aaron Schneider die Wogen des Atlantiks in Szene setzt, und noch dazu im tiefgekühlten Graublau des Winters, ist atemberaubend unwirtlich. Heeresgeschichte hautnah und mit gefühlt gischtfeuchtem Gesicht. An Deck des Schiffes Greyhound: erwartungsvolle, junge Gesichter unter Stahlhelmen, die an den Lippen des Commanders hängen, der wiederum nicht weiß, wo er zuerst ansetzen soll. Hanks Leit-Figur ist das fiktive Ideal eines „Guten Hirten“ in sturmumtosten Zeiten. So betitelt sich auch die literarische Vorlage von C.S. Forester (u. a. African Queen) aus dem Jahre 1955. Hanks hat es sich nicht nehmen lassen, sogleich das Drehbuch zu adaptieren. Und dieses hat jede Menge an militärisch-gehorsamem Pathos. Wobei sich dieses sehr auf den schlaflosen, unermüdlichen, humanistischen Entwurf eines beschützenden Gutmenschen konzentriert, der in strengem Glauben an den christlichen Gott gar nichts anderes tun kann als nur das Richtige. Glücklich ist der Mann nicht, sondern Opfer seiner Pflicht für die gute Sache, die den deutschen Feind so lange entindividualisiert, bis der Einzelne am Ölteppich treibt. Hanks Charakter ist der einzige, der ein Gesicht hat, auch wenn er hochstilisiert wird bis zur umjubelten Apotheose. Zwischen seinen verkniffenen Blicken aus diversen regennassen Bullaugen dominieren Backbord und Steuerbord die Dialoge des Drehbuchs. Soundso viele Meilen da, soundso viele Meilen dort, dann nur noch ein paar Yards. Die Action liegt in den irren Manövern des Flaggschiffs, für Nerds liegt sie vielleicht auch noch im fieberhaften Nachrechnen der nautischen Befehle. Die Bedrohung in den mit greinendem Score begleiteten Auftauchen des Feindes oder in der perfiden Angstmache über Funk. Sonst allerdings bleibt Greyhound ein strategisch-minimalistisches „Schiffe versenken“ unter dem Glassturz des Atlantiks. Das Drumherum scheint kaum zu existieren.

Schneiders Film und Hanks Drehbuch beschränken sich auf das Wesentliche, bleiben so geradlinig wie möglich, filtern eine 90minütige Stahl- und Wassersequenz aus einem ganz anderen, vielleicht dramaturgisch besseren Film, der vielleicht mehr über das Drama an Deck erzählt, wie Wolfgang Petersen das gemacht hat. Hier haben wir die Essenz eines Geleits durch das geteilte rote Meer, während die Unterjochenden gleichauf sind. Ein puristischer, trotz aller Not des Krieges schöngezeichneter und hochpolierter Idealkrieg, der das Heimkino flutet. Bis sich die Gezeiten des frommen Gebets an einen gerechten Gott wieder zurückziehen.

Greyhound