Welcome to Sodom

RISE OF ELECTRO

7,5/10


welcometosodom© 2018 Camino Filmverleih


LAND: ÖSTERREICH 2018

REGIE: FLORIAN WEIGENSAMER, CHRISTIAN KRÖNES

LÄNGE: 1 STD 30 MIN


Erst unlängst habe ich einen alten Drucker zum Elektromüll gebracht – da steht so ein Container bei uns im kommunalen Werkraum, der heisst alles, wodurch irgendwie Strom floss, herzlich willkommen. Gut, dass man sowas Komplexes zielgerichtet entsorgen kann. Doch was genau passiert damit? Werden diese Apparaturen – diese Bildschirme, diese alten Rechner oder Kaffeemaschinen – zerlegt? Recycelt? Verheizt? Nun, verheizt wohl nicht, sonst könnten wir die Dinger ja gleich in den Restmüll befördern. Womöglich, so sagen uns Christian Weigensamer und Florian Krönes, zwei österreichische Dokumentarfilmer, landet das Ganze in einem Ort namens Agbogbloshie. Wo bitte soll das sein? Klingt afrikanisch. Ist es auch.

Der Welt größte Müllhalde für Elektroschrott befindet sich im Süden des westafrikanischen Landes Ghana. Wären Weigensamer und Krönes nicht dort gewesen, hätte sich mir das Wissen ob der Existenz dieses Ecks der Welt wohl niemals erschlossen. Doch das wäre schade gewesen. Denn dort, wo Elektronik dem buddhistischen Gedanken der Reinkarnation folgt, haben es Menschen von Jung bis Alt tatsächlich geschafft, aufgrund von Improvisation, Profitorientierung und Überlebenswillen aus diesem postapokalyptischen Chaos heraus sich selbst und den anderen vorzupredigen: „Aus diesem Wahnsinn aus giftigem Rauch, Metall und Kunststoff werde ich jeden Tag neu auferstehen wie ein Phönix aus der giftigen Asche. Jeden Tag. Von früh bis spät. Denn es gibt immer jemanden, der etwas findet, was ein anderer brauchen kann. Und umgekehrt.“

Weigensamer und Krönes folgen diesem immer gleichen Alltag und halten sich dabei streng im Hintergrund. Diese nicht endenwollende Landschaft aus Müll, dazwischen Hütten und Verschläge, barfußige Kids mit Magnetstangen, die das wertvolle Eisen aus dem Boden holen, Zentimeter für Zentimeter. Gezogene Wägelchen, darauf demolierte Bildschirme und Standcomputer. Irgendwo lodert wieder ein Feuer. Alles wird ausgebaut, zerlegt, gesammelt, verkauft, wiederverwertet. Es ist ein einziges, ineinander verschlungenes Gewusel, das Welcome to Sodom hier zeigt. Viel mehr braucht es gar nicht, um fasziniert und gleichzeitig erschüttert zu sein. Dieser improvisierte Irrsinn ist so fern unseres gelebten Lebens. Und dennoch: verweilt man rund 90 Minuten mit dem Blick genau dort hin und sieht, wie all diese vielen Glücksjäger, Tagelöhner und selbsternannten Kaufleute aus dem Nichts heraus plötzlich etwas lukrieren, lässt sich gut erkennen, wozu der Mensch fähig ist. Und was er alles aushalten kann. Sein Wunsch, in dieser Vorhölle herumzukrebsen, ist es aber dennoch nicht. Natürlich hätten sie gerne ein Leben wie unseres. Was sie bekommen, ist ein geschrotteter Teil davon.

Welcome to Sodom

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