Gold (2022)

ANOTHER ONE BITES THE DUST

7/10


gold© 2022 Leonine Distribution


LAND / JAHR: AUSTRALIEN 2022

BUCH / REGIE: ANTHONY HAYES

CAST: ZAC EFRON, ANTHONY HAYES, SUSIE PORTER U. A. 

LÄNGE: 1 STD 36 MIN


Die Cree haben es schon immer gewusst: Letztendlich kann sich keiner von Geld ernähren. Und genauso wenig von Gold. Da liegt er da, der Reichtum, gefühlt Milliarden Euro schwer, inmitten einer Ödnis, die kaum postapokalyptischer sein kann. Für Zac Efron als namenlosen Reisenden, den es in dieses Niemandsland verschlägt, ist das Glück womöglich ein Vogerl, dass sich auf seine Schulter gesetzt hat. Dass es dort auch noch hinkackt, davon merkt Zac Efron nichts. Und sein Chauffeur genauso wenig. Beide tanzen um das Goldene Kalb – einem Nugget so groß wie selbiges, halb eingegraben im staubtrockenen Boden und unmöglich, da rausgehoben zu werden. Es braucht einen Bagger – der Kerl mit dem Auto macht sich auf in die nächste Stadt, um alles Notwendige zu organisieren. Der andere, Efron eben, erklärt sich bereit, in der Wüste zu bleiben, um den Schatz zu bewachen. Vor wem, fragt sich? Wer wird hier wohl vorbeikommen, es sei denn, er hat eine Panne, wie eben genau diese beiden, um die es hier geht, eine gehabt haben. Aber seis drum, theoretisch könnten beide losziehen und den Bagger holen, aber so viel Gold überlässt man nicht einfach Skorpionen und Schlangen. Während der Glücksvogel auf der einen Schulter sitzt, meldet sich das kleine rote Teufelchen auf der anderen: Man weiß ja nie, sagt es. Die Gier wird zum streunenden Hund, den man mit Feuer fernhalten kann, während man allein hier unter sengender Sonne, trockenem Wind und ganz viel Staub die Zeit totschlägt. Schließlich sind’s doch nur ein paar Tage. Aus diesen paar Tagen wird schnell mehr, und der Namenlose bereut nun, hier geblieben zu sein.

Man nehme die Endzeitstimmung eines Mad Max-Abenteuers und verbinde diese mit einer Folge dieser Schatzsucher-Soaps, die gut und gerne auf DMAXX laufen. Fertig ist eine kleine, hundsgemeine Parabel auf die dunkle Seite des Reichtums, die mitunter sogar Anlehnung findet an die Legende von König Midas, der alles, was er berührt hat, zu Gold werden ließ und fast dabei verhungert wäre. Zac Efron ergeht es ähnlich, und diesmal hat der Schönling aus Baywatch und Bad Neighbours keinerlei Scheu davor, sich so richtig schmutzig zu machen. Der australische Schauspieler Anthony Hayes (u. a. The Rover, Cargo) bringt den glück- und auswegsuchenden Menschen von zivilisierten Gesellschaftsnormen ab, die moralische Verwahrlosung zeigt sich dabei in den Gesichtern, denen man nicht trauen kann. Selbst Efrons Figur birgt ein Geheimnis, das auf Gewalt zurückzuführen ist, aber so wirklich wird man’s nie wissen. Hayes selbst spielt den anderen Part, auch er schweißgebadet und staubverschmiert. Bald sieht man – vielleicht gar etwas überzeichnet, aber es passt zur expressiven, in der strahlenden Hitze ausgebleichten Optik des Filmes – was es anrichten kann, hat man keine Sonnencreme mit dabei. Der Durst ist da fast das geringste Problem, die abstrakte Panik vor dem Verlust des Reichtums, der da zu Füßen liegt, das allergrößte.

Efron verschwindet hinter einer Schicht aus Blut und Staub, wirkt bald wie Martin Sheen am Ende von Apocalypse Now, nur taucht Efron nicht aus dem Wasser, sondern aus dem Sand, und der verbläst sich in jede Ritze des streamingtauglichen Mediums bis hinaus ins Wohnzimmer oder wo man gerade sitzt, um einen symptomstarken Goldrausch zu umtosen, der seinen moralischen Kompass mit dem der Cree-Indigenen gleichgeschaltet hat. Ein feines, wind und wettergegerbtes Stück australisches Outdoorkino, bei dem man nicht schlecht staunt, was für trostlose Gegenden es in Down Under überhaupt geben kann.

Gold (2022)

No Exit

MITGEHANGEN, MITGEFANGEN

3,5/10


noexit© 2022 20th Century Studios. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2022

REGIE: DAMIEN POWER

CAST: HAVANA ROSE LIU, DANNY RAMIREZ, DAVID RYSDAHL, DENNIS HAYSBERT, DALE DICKEY U. A. 

LÄNGE: 1 STD 35 MIN


Schneechaos ist das Beste, was einem Thriller passieren kann. Gut, manchmal reicht auch Regen und Gewitter, denn bei so mieser Witterung will keiner wirklich aus dem Trockenen. In Drew Goddards Bad Times at the El Royale hat’s zumindest geschüttet wie aus Schaffeln, was Chris Hemsworth mit seinen blanken Brustmuckis nicht sonderlich gestört hat. Denn das Wetter ist die Stimmungskanone schlechthin. Da rücken die verbliebenen Insassen zusammen, auch wenn sich diese untereinander fremd sind. Keine Ahnung, was der oder die Einzelne schließlich im Schilde führt oder welchen Rattenschwanz an Lebensbeichten herumgeschleppt werden muss. In Quentin Tarantinos Hateful Eight ist das Schneechaos, ähnlich wie in vorliegendem Film No Exit, der Schraubstock für eine angespannte Gesamtsituation, in der sich alle auf Augenhöhe begegnen müssen – das Katz- und Mausspiel, sofern es eines geben soll, kann beginnen. 

Und ja, auch bei diesem Direct-to-Disney+-Thriller stehen die Zeichen auf Sturm. Wir befinden uns irgendwo auf dem Weg nach Salt Lake City, das heißt: Ex-Junkie Darby tut das, sie ist mit dem Auto unterwegs und will zu ihrer im Sterben liegenden Mutter. Blöd nur, dass ein Blizzard die Straße unpassierbar macht. Zurück in die Reha will Darby auch nicht, also bleibt ihr nur die Touristeninfo am Rande eines Waldes, weitab jeglicher Kontrollinstanz. Natürlich ist sie in dieser wohlig eingerichteten, mit allerlei Nationalparkinfos ausgestatteten Zuflucht nicht allein. Vier weitere Individuen harren besseren Zeiten entgegen. Ein älteres Ehepaar und zwei Mittzwanziger, die unterschiedlicher nicht sein können. Der eine pennt, der andere blickt verstohlen um sich, wagt dabei aber nicht, jemandem ins Gesicht zu sehen. Doch so Freaks gibt’s immer, was soll da schon groß passieren. Der Breakfast Club für die Durchreise ist angerichtet, am besten, man verbringt die Zeit mit Kartenspielen – was die Anwesenden dann auch tun. Der Film wäre nicht aufregender als das Wetterpanorama geworden, wäre Darby nicht durch Zufall auf das entführte und gefesselte Mädchen in einem weißen Van gestoßen. Einer oder eine aus der Gruppe muss also Dreck am Stecken haben. Nur wer?

Wenn Darby ihr Geheimnis noch für sich behält und gute Miene zu bösem Spiel macht; wenn alle fünf um den Tisch sitzen und das dubiose Kartenspiel Bullshit spielen, dann hat das latent bedrohliche Kammerspiel durchaus seinen Reiz. Den es aber auch wieder schnell verliert, so nach dem Motto: wie gewonnen, so zerronnen. Denn sobald klar wird, wer hier nun perfide genug ist, um ein unschuldiges Mädchen zu entführen, sackt die Spannungskurve nach unten. Vielleicht aber helfen ein paar Story-Twists, denn viel mehr ist angesichts des begrenzten Settings ja vielleicht gar nicht möglich. Irrtum – gerade in solchen Situationen lässt sich die Unberechenbarkeit menschlichen Verhaltens ausreizen. Da wären aufgesetzte Wendungen wie diese hier, die offensichtlich nur dazu da sind, um kreatives Defizit zu kompensieren, gar nicht mal nötig. Man hätte den Faktor X noch durchaus weiter in die Spieldauer hineinnehmen können, doch die Mystery weicht einem trivialen Duell Gut gegen Böse, wobei hier niemand Wert legt auf plausible Charaktere, mit Ausnahme vielleicht von Havana Rose Liu, die als moralisches Zentrum ihre sozialen Defizite durch ritterliche Verzweiflungstaten ausgleicht. 

No Exit überrascht nicht, sondern bestätigt immer wieder die Vermutungen des Zuschauers. Der würde sowieso anders agieren, und das gleich zu Beginn. Doch da wäre aus Damien Powers Romanverfilmung ein Kurzfilm geworden. Na und? Vielleicht wäre der aber knackiger.

No Exit

Mother/Android

BLINDE KUH MIT ROBOTERN

4/10


motherandroid© 2021 Netflix


LAND / JAHR: USA 2021

BUCH / REGIE: MATTSON TOMLIN

CAST: CHLOË GRACE MORETZ, ALGEE SMITH, RAÚL CASTILLO, TAMARA HICKEY, OWEN BURKE U. A.

LÄNGE: 1 STD 51 MIN


Deswegen, genau deswegen, ist Kyle Reese in Terminator via Zeitreise in das Amerika der 80er Jahre zurückgekehrt: um zu verhindern, was später passieren wird. Aus Liebe zu Sarah Connor ging dann besagter John hervor, der dann die Menschheit gegen die Maschinen anführen wird. Zumindest in der Timeline, die sich gegen James Cameron stellt. Diese Rebellion spezieller Technik findet auch in dem auf Netflix erschienenen dystopischen Science-Fiction-Film Mother/Android seine Anhänger – und zwar sind das eins zu eins dem menschlichen Erscheinungsbild nachempfundene Androiden, die zur Dienerschaft konstruiert worden sind. Was muss so eine Einheit wert sein? Und in welcher Welt lebt Chloë Grace Moretz als schwangere Georgia, in der Reichtum anscheinend die Geißel des Planeten ist, weil es anscheinend keine ärmere Mittelschicht mehr gibt, die sich stromgetriebene Aushilfen wie diese gar nicht leisten kann?

Damit die Welt unter der Bedrohung einer wild gewordenen KI erst so richtig leidet, müssten ungemein viele dieser Roboter im Umlauf gewesen sein. Diese, so wird erwähnt, sind alles andere als wohlfeil, also man muss schon einiges springen lassen, um sich sowas leisten zu können. In dieser Zukunft dürfte ein jeder immens viel Mammon besitzen. Was aber wiederum dazu führt, dass diese Welt, in der Georgia lebt, unter einer gewaltigen Inflation hätte leiden müssen. Irgendwas stimmt hier nicht. Irgendwie passt die Ausgangssituation dieses Films hinten und vorne nicht zusammen. Anders bei Terminator: hier ist ein gewaltiges Computersystem am Werk, das die globale Elektromechanik als Skynet unter seiner Fuchtel hat. In Mother/Android sind es im Grunde wildgewordene Einheiten, die durch den Wald pirschen wie Zombies mit Augen, die in bestimmten Winkeln des einstrahlenden Lichts blau erstrahlen. Das tun sie aber nicht immer. Selbst in der Animationskomödie Die Mitchells gegen die Maschinen, wo es natürlich komödiantischer und familientauglicher einhergeht, ist die narrative Basis der folgenden Abenteuer um einiges plausibler.

Über den Inhalt zu Mother/Android muss man gar nicht viel schreiben – es ist ein „Rennet, rettet, flüchtet“. Mittendrin Moretz im neunten Monat, und man glaub ihr auch gerne, dass sie so ihre physischen Handicaps hat. Als Georgia ist sie gemeinsam mit ihrem Freund und Vater des Kindes Richtung Boston unterwegs, wo es ein Refugium für Familien geben soll, gut geschützt vor der wütenden Techno-Meute. Der Weg dorthin ist mit gängigen Endzeit-Takes gepflastert, und im letzten Drittel schlägt der Krieg zwischen Mensch und Maschine so gewaltige Logiklöcher in die Landschaft, dass das anfängliche Problem, eine nachvollziehbare Grunddystopie zu setzen, geradezu marginal erscheint. Regisseur Mattson Tomlin (Project Power) dürfte um jeden Preis dorthin gelangen wollen, wo er am Ende sein will – bei einem an Children of Men erinnernden, pathetischen Finale, das von Moretz aber dank ihres emotionalen Spiels als der beste Moment des ganzen Films gerettet werden kann.

Mother/Android

Welcome to Sodom

RISE OF ELECTRO

7,5/10


welcometosodom© 2018 Camino Filmverleih


LAND: ÖSTERREICH 2018

REGIE: FLORIAN WEIGENSAMER, CHRISTIAN KRÖNES

LÄNGE: 1 STD 30 MIN


Erst unlängst habe ich einen alten Drucker zum Elektromüll gebracht – da steht so ein Container bei uns im kommunalen Werkraum, der heisst alles, wodurch irgendwie Strom floss, herzlich willkommen. Gut, dass man sowas Komplexes zielgerichtet entsorgen kann. Doch was genau passiert damit? Werden diese Apparaturen – diese Bildschirme, diese alten Rechner oder Kaffeemaschinen – zerlegt? Recycelt? Verheizt? Nun, verheizt wohl nicht, sonst könnten wir die Dinger ja gleich in den Restmüll befördern. Womöglich, so sagen uns Christian Weigensamer und Florian Krönes, zwei österreichische Dokumentarfilmer, landet das Ganze in einem Ort namens Agbogbloshie. Wo bitte soll das sein? Klingt afrikanisch. Ist es auch.

Der Welt größte Müllhalde für Elektroschrott befindet sich im Süden des westafrikanischen Landes Ghana. Wären Weigensamer und Krönes nicht dort gewesen, hätte sich mir das Wissen ob der Existenz dieses Ecks der Welt wohl niemals erschlossen. Doch das wäre schade gewesen. Denn dort, wo Elektronik dem buddhistischen Gedanken der Reinkarnation folgt, haben es Menschen von Jung bis Alt tatsächlich geschafft, aufgrund von Improvisation, Profitorientierung und Überlebenswillen aus diesem postapokalyptischen Chaos heraus sich selbst und den anderen vorzupredigen: „Aus diesem Wahnsinn aus giftigem Rauch, Metall und Kunststoff werde ich jeden Tag neu auferstehen wie ein Phönix aus der giftigen Asche. Jeden Tag. Von früh bis spät. Denn es gibt immer jemanden, der etwas findet, was ein anderer brauchen kann. Und umgekehrt.“

Weigensamer und Krönes folgen diesem immer gleichen Alltag und halten sich dabei streng im Hintergrund. Diese nicht endenwollende Landschaft aus Müll, dazwischen Hütten und Verschläge, barfußige Kids mit Magnetstangen, die das wertvolle Eisen aus dem Boden holen, Zentimeter für Zentimeter. Gezogene Wägelchen, darauf demolierte Bildschirme und Standcomputer. Irgendwo lodert wieder ein Feuer. Alles wird ausgebaut, zerlegt, gesammelt, verkauft, wiederverwertet. Es ist ein einziges, ineinander verschlungenes Gewusel, das Welcome to Sodom hier zeigt. Viel mehr braucht es gar nicht, um fasziniert und gleichzeitig erschüttert zu sein. Dieser improvisierte Irrsinn ist so fern unseres gelebten Lebens. Und dennoch: verweilt man rund 90 Minuten mit dem Blick genau dort hin und sieht, wie all diese vielen Glücksjäger, Tagelöhner und selbsternannten Kaufleute aus dem Nichts heraus plötzlich etwas lukrieren, lässt sich gut erkennen, wozu der Mensch fähig ist. Und was er alles aushalten kann. Sein Wunsch, in dieser Vorhölle herumzukrebsen, ist es aber dennoch nicht. Natürlich hätten sie gerne ein Leben wie unseres. Was sie bekommen, ist ein geschrotteter Teil davon.

Welcome to Sodom

Greenland

WIR, DIE NEUEN DINOS

7/10


greenland© 2020 Tobis


LAND: USA 2020

REGIE: RIC ROMAN WAUGH

CAST: GERARD BUTLER, MORENA BACCARIN, SCOTT GLENN, ROGER DALE FLOYD, DAVID DENHAM, HOPE DAVIS U. A. 

LÄNGE: 2 STD


Irgendwann, und zwar sehr bald, wird die Natur zurückschlagen. In welcher Form auch immer, das hat bereits die liebe Greta prophezeit, dabei fiel sogar das Wort Krankheit. Das ist spooky, denn 2020 war’s dann wirklich soweit und eine nun weltbekannte Pandemie hat des Menschen Freiheitsliebe schon mal ordentlich ausgebremst. Nicht auszudenken, was wäre, wenn Homo sapiens mit einem Kometen jonglieren müsste. War schon den Dinos vor 65 Millionen Jahren der Himmel auf den Kopf gefallen, blüht das jetzt, eine ganze Weile später, dem Homo prosperitas innerhalb von 48 Stunden. Denn in Greenland, einem waschechten Katastrophenfilm, hat sich der aus der Fremde heraneilende Komet Clarke vorgenommen, unserer lieben Terra körpernahe Avancen zu machen. Das Besondere an Clarke: er ist nicht nur ein Komet, sondern ein ganzes Sammelsurium an Brocken, die allesamt herabregnen wollen. Mittendrin Gerald Butler als Hochbau-Profi, der von der Homeland Security ausgewählt wird, samt Familie in einen Flieger zu steigen, der sie in einen Schutzbunker nach Grönland bringen soll. Nur: leichter gesagt als getan. Auf dem Weg in Abrahams Schoß stellt sich der Mensch, als solcher verhaltensauffällig in Extremsituationen wie diese, in den Weg.

Roland Emmerich würde wohl angesichts dieses Szenarios schnell und nebenbei bemerken: He, das ist doch der Stoff, aus dem meine Filme sind? 2012 ist noch gut in Erinnerung. Der dort explodierende Yellowstone-Supervulkan ebenso. Da wir 2020 sowieso schon als No-Go-Jahr abgeschrieben haben, zeigt der Komet zumindest auf der Leinwand, dass es noch schlimmer hätte kommen können. Und wer nun vermuten würde, hier Emmerich’sche Verhältnisse vorgesetzt zu bekommen, wird sich, angenehmen überrascht, so ziemlich irren. Greenland hat nicht vor, das Effekt-Bummbumm einschlagender Trümmer und in üppiger CGI-Slowmotion kaputtgehende urbane Welten zu komponieren. Auch starten keine grotesken Nerds wie in Michael Bays Armageddon gen Asteroiden. Es gibt auch keine verkannten Wissenschafter mit Kassandra-Komplex, auf die niemand hört. Ric Roman Waugh (u. a. Angels has Fallen, ebenfalls mit Butler) lässt die Beschaffenheit der Apokalypse außen vor. Von ihm aus könnte der Untergang auch anders gelagert sein. Der Komet ist nur eine Variable. Im Fokus stehen viel mehr unterschiedliche menschliche Verhaltensmuster, die zum Zug kommen, wenn es keine oder nur noch vage Hoffnung gibt. Der im Chaos wild rudernde Mensch wird brutal, panisch, agiert irrational, resigniert, feiert Partys oder tut alles, um nochmal mit Nächstenliebe sein Karma aufzubessern. Alle Schattierungen sind hier irgendwo zu finden. Dem Menschen steht frei, sein ganz eigenes Not-Programm zu wählen. Das zu beobachten, ist interessant, zeitweise beklemmend und faszinierend. Und vor allem eines: immens aufwühlend.

Greenland

Rogue – Im falschen Revier

MACH MIR DIE TODESROLLE

5,5/10

 

rogue© 2007 Dimension Films

 

LAND: AUSTRALIEN 2007

REGIE: GREG MCLEAN

CAST: MICHAEL VARTAN, RADHA MITCHELL, SAM WORTHINGTON, MIA WASIKOWSKA, HEATHER MITCHELL U. A.

LÄNGE: 1 STD 35 MIN

 

Alligatoren kann man gut aus dem Weg gehen – in „Gatorland“ Florida sind sie Teil der natürlichen Infrastruktur. Für Kaimane weiter im Süden, im Pantanal zum Beispiel, muss man Bittgesuche einreichen, um die einzig verfügbare Straße durch den Sumpf zu nehmen. Auch kein Problem, die machen sich eben fauchend vom Acker, mehr tun sie aber nicht. In Australien sieht das ganze schon anders aus, denn die ums x-fache größeren Salzwasserkrokodile der Northern Territories, die legen schon die eine oder andere Strenge an den Tag. Australien ist tiertechnisch sowieso eine Klasse für sich. Gefühlt alles ist dort giftig oder gefährlich, selbst Känguruhs können boxen – die einzig harmlosen Zeitgenossen dürften Koalas sein. Und Wombats – allerdings durchwühlen die den Mist. Natürlich klar, dass die australische Filmwelt nichts unversucht lässt, Panzerechsen im Rahmen perfider Survival-Thriller zum Star zu machen. Wie zum Beispiel im Film Black Water über zwei Schwestern, die nach dem Kentern ihrer Nussschale im Geäst der Mangroven ums Überleben kämpfen müssen. Ein ordentlicher Reißer. Ein weiterer ist Rogue – Im falschen Revier. Auch hier kommen unbedarfte Touristen, denen stets die Attitüde der peinlichen Verletzlichkeit und der Unschuldsvermutung anhaftet, weil sie doch nur Touristen sind, zum Handkuss, während sie selbige verlieren.

Diesmal ist allerdings nicht der Mangrovensumpf Ort des blutigen Gelages, sondern eine kleine Insel inmitten eines Gezeitenkanals. Dorthin konnte sich nach Leckschlagen des Ausflugbootes eine Handvoll Leute retten. Großer Dank an den Tourguide, der, mit seinen Schützlingen im Schlepptau, einem Hilferuf per Leuchtpistole hat folgen müssen. Die drängende Frage: Warum nicht im Vorfeld all die Touristen an Land bringen und dann solo nach dem Rechten sehen? Keine Ahnung, jedenfalls hätten wir dann keinen Film. Was aber passiert ist, ist passiert. Und die Insel der Havarierten wird bald unter der hereinbrechenden Flut versinken, würden sie es nicht schaffen, ans gegenüberliegende Ufer zu gelangen. Ein Wettlauf mit der Zeit und dem Krokodil beginnt, das eigentlich keinen Hunger hat, das eigentlich nur tierisch nervt, unerwarteten Besuch in seinem Territorium dulden zu müssen.

Rogue – Im falschen Revier ist ein ganz klassischer Wildlife-Slasher. Mit von der Partie sind einige bekannte Gesichter, die später mal in Blockbustern mitspielen werden, damals schrieben wir noch das Jahr 2007: Sam Worthington treibt sich als Motorboot-Macho herum, Mia „Alice“ Wasikowska darf um ihre Eltern bangen und Radha Mitchell weiß damals noch nicht, dass sie nach Silent Hill verschlagen wird. Der wirkliche Star auf dieser gesundheitsgefährdenden Bootsfahrt aber ist das Krokodil selbst: ein Meisterwerk der Mechatronik, aber nicht nur das: Sicherlich eine Kombination an sorgsam eingesetzten CGI-Animationen, echten Aufnahmen und eben einem 7-9 Meter langen Modell, dass so dermaßen echt agiert, als könnte man meinen, es tatsächlich mit einer Sternstunde der Reptiliendressur zu tun zu haben. Black Water also oder Rogue – Im falschen Revier? Erstgenannter ist raffinierter, weniger vorhersehbar, einfach fieser.

Rogue – Im falschen Revier ist immerhin ein kurzweiliges Drown-a-Human mit Todesrolle und subaquatischen Blutwolken, gesponsert vom Tourismusverband Down Under, der mit beeindruckenden Landschaftsaufnahmen die Gefährlichkeit der Fauna fast schon vergessen macht. Allerdings nur fast.

Rogue – Im falschen Revier

Light of my Life

DIE PANIK DES ERLKÖNIGS

6/10

 

lightofmylife© 2019 Universum Film

 

LAND: USA 2019

DREHBUCH UND REGIE: CASEY AFFLECK

CAST: CASEY AFFLECK, ANNA PNIOWSKY, ELISABETH MOSS, TOM BOWER U. A.

 

Ich schätze, wir alle kennen diese Song von James Brown: It´s a Man’s Man’s Man’s World. Aber das ist noch längst nicht alles. It´s a Man’s Man’s Man’s World, schon klar. But It wouldn’t be nothing, nothing without a woman or a Girl. James Browns erschreckende Was wäre wenn-Vision gibt´s im Grunde jetzt auch als Film. Oscar-Preisträger Casey Affleck (tieftraurig in Manchester by the Sea) erzählt in seiner selbst verfassten Dystopie von einer alternativen Gegenwart, in der ein Virus fast die gesamte weibliche Bevölkerung dahingerafft hat. Viel zeit bleibt Homo sapiens jetzt nicht mehr, um auszusterben. Angesichts der aktuellen Corona-Pandemie wirkt Light of my Life umso unbequemer. Bei so einem Worst Case-Szenario scheint Corona das weitaus kleinere Übel zu sein, selbst wenn man die Gefahr potenziert. Eine Spezies, die sich nicht mehr fortpflanzen kann, ist eine gescheiterte Spezies. In Children of Men sterben die Frauen zwar nicht weg, dennoch: Fruchtbarkeit ist gut, aber aus. Ein ähnliches Damoklesschwert lässt Affleck in seinem Film allerdings mehr hinter wolkenverhangenem, grellem Softbox-Himmel kreisen, so richtig wahrhaben will es in seinem Film eigentlich niemand. Dabei unterwegs durch ein tristes, herbstlich kaltes und nasses Szenario aus moosbewachsenen, düsteren Wäldern und leerstehenden Gemäuern: ein Vater mit seinem Kind. Zwei wie aus der Ballade des Erlkönigs, nur nicht zu Pferde, und wohl im Arm hält er nicht den Knaben, sondern ein Mädchen, allerdings schon älter. Eine der letzten ihrer Art – und in höchster Gefahr. Denn die Man´s World, die will um alles in der Welt nicht von der Bildfläche unseres Planeten verschwinden, und sammelt sie ein, die menschlichen Wesen mit den Doppel-X-Chromosomen, in schierer Panik, und mit entmenschlichter Bosheit. Das weiß Papa Casey Affleck, und so tarnt er seine Tochter als Jungen, was meistens auch funktioniert. Manchmal aber auch nicht, denn Tochter Rag ist auffällig jung – zu jung, um nach der Pandemie noch auf die Welt gekommen zu sein.

Der Erlkönig ist also hinter beiden her, durch dichtes Grün und bis hinauf in die verschneite Wildnis. So weit weg von der Zivilisation kann man gar nicht sein, um sich in Sicherheit zu wiegen. Der Mensch ist wieder mal des Menschen Wolf. Affleck allerdings hält sich in seiner Vision nicht mit schockierenden Szenen auf, er lässt bis auf ein paar Ausnahmen die Bedrohung wie Hintergrundszenen aus einem Home-Invasion-Thriller über die beiden Flüchtenden hereinbrechen, die aber Dank des vorausschauenden Dads stets einen Plan B in petto haben. Dieser Dad, der kann auch jede Menge Geschichten erzählen. Was vielleicht manchmal etwas ermüdet. So startet seine Regiearbeit mit einer rund zehnminütigen Gutenachtgeschichte, und einer recht statischen Kamera, die dem Erzählten zuhört. Ein bisschen zu lange, für meinen Geschmack, Und ja, es geht um die Arche Noah, und ja, er interpretiert den Mythos anders, sodass er sich irgendwie mit den tatsächlichen Geschehnissen vereinbaren lässt. Immer wieder hängt Light of my Life etwas durch. Die Balance zwischen Bedrohung, Spannung, Survivaldrama und stillen Szenen scheint manchmal zu kippen. Casey Affleck spielt sehr souverän, auch Töchterchen Anna Pniowsky weiß ihrer Rolle das richtige Quantum an kindlicher Neugier und Sinn für Selbstverantwortung abzugewinnen. Affleck aber sieht sich sehr gerne in der Rolle des philosophierenden und desillusionierenden Endzeit-Poeten, was vielleicht in manchen Szenen über die Stränge schlägt und eine gewisse Langatmigkeit und Redundanz erzeugt. Das Ende wiederum gelingt ihm furios, da geht es wirklich um alles, und dann lohnt es sich auch, die beiden ziellos Umherwandernden auf einem Stückchen ihrer Mission zu begleiten, die da heißt: Überleben, in einer gleichzeitig frauenfeindlichen und nach Frauen gierenden Welt, wo das männliche Geschlecht großteils aus einem zomboiden und charakterlosen Proletariat besteht, das sich ohne Nachwuchs letzten Endes selbst tilgt. Ohne Frauen und Mädchen sind wir nichts, so die Prämisse. Genau das sagt James Brown. Und auch dieser Film.

Light of my Life

Arctic

HILF DIR SELBST, SONST HILFT DIR KEINER

7/10

 

arctic© 2018 Koch Films

 

LAND: ISLAND 2018

REGIE: JOE PENNA

CAST: MADS MIKKELSEN, MARIA THELMA SMÁRADÓTTIR, TINTRINAI THIKHASUK U. A.

 

Da sieht man mal wieder, wie unausgewogen Planet Erde besiedelt ist. In der arktischen Tundra hält sich keine Menschenseele auf. Bis man endlich auf ein anderes Individuum trifft, trifft man eher noch auf einen Eisbären. Und sonst? Sonst ist es saukalt, Stürme sorgen für Schneeverwehungen, die die Landschaft bis zur Orientierungslosigkeit verändern. Inmitten dieser kargen, lebensfeindlichen Wildnis: Der Pilot Mads Mikkelsen, ebenfalls relativ unkenntlich gemacht durch einen dichten Vollbart. Und auch sonst steckt der Rest des Dänen in einem dicken Anorak. Was ist passiert? Nun – zu Beginn des Filmes sehen wir Mikkelsen schaufeln, was das Zeug hält. Doch er schaufelt nicht sein eigenes Grab, denn aufgeben tut der Mann maximal einen Brief. Eigentlich schaufelt er, um zu überleben. denn irgendwo in den Weiten des Nordens, da ist seine Maschine, mit der der Wissenschaftler unterwegs war, abgestürzt. Den Absturz sieht man nicht, es ist nicht so wie in Castaway von Robert Zemeckis, wo das Grauen einer Notlandung auf Wasser detailgetrau geschildert wird. In Arctic ist das Gröbste schon passiert. Doch das Schlimmste soll noch kommen. Nach tage- oder gar wochenlangem Unterfangen, mit einem Sender Kontakt zum Stützpunkt aufzunehmen, wagt ein Hubschrauber während wirklich miesem Wetter eine Such und Rettungsaktion, nur um vor den Augen des zu rettenden abzustürzen. Gerade so weit im Norden ist es unerlässlich, meteorologisch was am Kasten zu haben. Daher seltsam weltfremd, dass der Hubschrauber bei so einem Wetter überhaupt startet. Ein Tag mehr wäre auch schon egal gewesen, aber nein – sonst gäbe es keinen Film wie diesen, den der Brasilianer Joe Penna, eigentlich Musiker, hier selbst verfasst und inszeniert hat.

Um nochmal auf Zemeckis zurückzukommen: Ja, Arctic ist ein bisschen wie Castaway, nur anstatt tropischer Hitze haben wir es hier mit polaren Verhältnissen zu tun. Und statt des Volleyballs Wilson nimmt Überlebender Mads Mikkelsen die einzige Überlebende seiner Rettungscrew unter seine Obhut. Die Retter müssen also gerettet werden oder: Hilf dir selbst, sonst hilft dir keiner mehr. Das bisschen, was Absturzopfer 1 zum Überleben hat, muss nun auch für Opfer Nr. 2 reichen – und die junge Dame, die ganze Zeit über kaum bei Bewusstsein, ist so gut wie keine Hilfe, um dieser kalten Ödnis effizienter als zuvor zu entfliehen. Was zu erwarten ist: Mikkelsen macht sich auf den Weg, quer durch unwegsames Terrain, die Schwerverletzte im Schlepptau.

Mehr Plot gibt es nicht. Ist aber bei Genrefilmen wie diesen auch nicht erforderlich. Da reicht es, spärlich bis gar nicht ausgerüstete Personen irgendwo in der Wildnis abzusetzen. Zuzusehen, wie sie sich durchkämpfen, das ist die ganze Geschichte. Und es ist jedes Mal anders, weil die Natur unberechenbar ist. Weil manchmal nur ein kleines, im zivilisierten Alltag völlig nichtiges Detail zu einer unbezwingbaren Hürde werden kann. Nirgendwo fühlt sich der Mensch kleiner als in einer von terranen Kräften geformten Weite. Da der Mensch aber fähig ist, seine Unzulänglichkeiten mit Intelligenz auszugleichen, sind Filme wie Arctic fast eine Art Vexierspiel, dessen Lösung das Überleben sichert. Da der Mensch aber auch fühlt, und die Psyche auch nicht unendlich belastbar ist, kann Verzweiflung schon mal überhandnehmen. Oder der Wille übermenschliche Kräfte verleihen. Wobei Penna vor allem eines wichtig war: die Pflicht, trotz aller Not kein Menschenleben zurückzulassen. Dieser aufopfernde Altruismus, diese Selbstverständlichkeit des Rettens, obwohl man selbst Rettung benötigt, verleiht dem Film durch genau diese intensive Auseinandersetzung mit dem Füreinander unter extremsten Bedingungen eine enorm humanistische Note fernab jeglicher Egozentrik und kopfloser Panik. Das macht Arctic zu einer bemerkenswerten, klar strukturierten und kämpferischen Leistungsschau der menschlichen Vernunft.

Arctic

El Camino – A Breaking Bad Movie

BLICK ZURÜCK NACH VORNE

6/10

 

elcamino© 2019 Netflix

 

LAND: USA 2019

REGIE: VINCE GILLIGAN

CAST: AARON PAUL, JESSE PLEMONS, ROBERT FORSTER, SCOTT MCARTHUR, CHARLES BAKER, SCOTT SHEPHERD, BRYAN CRANSTON, JONATHAN BANKS U. A.

 

Der Spoilometer gibt Entwarnung: denn dass Aaron Paul alias Jesse Pinkman einer der wohl besten Fernsehserien der Welt überlebt hat, ist seit dem Trailer zu El Camino – A Breaking Bad Movie kein Geheimnis mehr. Und wer die Serie damals als Mutter aller Binge-Watch-Formate inhaliert hat wie eine frische Tüte Kartoffelchips, der wird wohl die letzten Minuten der letzten Staffel wohl auch nie wieder vergessen: Heisenberg am Boden und Pinkman auf der Flucht, bewerkstelligt in einem schwarzrot-gestreiften El Camino, noch dazu fertig mit der Welt und dem Leben, gepeinigt, verängstigt, verwahrlost. Dieser El Camino ist es auch, der mühelos die Brücke schlägt zwischen dem Finale aus 2013 zu dem nun auf Netflix erschienenen Epilog einer Kette unrühmlicher, bizarrer und tragischer Ereignisse, die mit der Krebsdiagnose des Chemielehrers Walter White überhaupt erst begonnen haben. Mit gewissem Know-How lässt sich viel anrichten, zum Guten wie zum Bösen, und das haben der kongeniale Bryan Cranston und sein Schüler Aaron Paul in einer 5staffeligen Langzeitstudie eindringlich bewiesen. Wer da nicht Couchmaniküre betrieben hat, dürfte etwas ganz anderes gesehen haben, nur nicht Breaking Bad. Und es ist schön, nach so vielen Jahren sozusagen wieder heimzukommen nach Albuquerque, an den Ort weniger schöner, aber unter- und oberweltbewegender Extreme.

Mastermind Vince Gilligan hat letzten Endes also doch darauf verzichtet, das Schicksal des Jesse Pinkman der Fantasie seiner Fans zu überlassen. Das teilweise offene Ende hatte seinen unorthodoxen Reiz, so wie der ganze Stil der Serie, aber dennoch: wie der nicht erklingende letzte Ton einer uns bekannten Melodie dürfte die vage Zukunft wie Schrödingers Katze Gilligan so sehr gequält haben, das der letzte Vorhang um alles in der Welt noch fallen musste. Wir wissen also: Pinkman ist seinen Peinigern entkommen, diese wiederum haben unter dem Kugelhagel von Walter Whites tödlichem MG-Selbstauslöser das Zeitliche gesegnet. Einer von Ihnen, ein ganz perfider Bösling mit Hang zum beiläufigen Alltagsgrauen (Jesse Plemons in erschreckend unguter Psychopathen-Jovialität) dürfte dabei vorher schon sein unrechtmäßig Erspartes irgendwo in die Möblage seiner vier Wände integriert haben – welches Pinkman aber zwecks Neuanfang dringend nötig hat. Blöd nur, dass von dieser Kohle auch andere Leute wissen, und so entwickelt sich das spannende BB-Nachspiel zu einer Art The Good, the Bad and the Ugly, alle auf der Suche nach dem Schatz des Toten, während die Kavallerie Pinkman ganz oben auf die Liste gesetzt hat. Gilligans Reminiszenz an die Heist-Western gipfelt sogar in einer skurrilen Duellszene, die wie ein Plug-In formschön ins Breaking Bad-Universum passt. Notwendig wäre El Camino aber nicht gewesen, geschweige denn ungeduldig herbeigesehnt. Die Umstände einer Flucht nach vorne kann man in Erfahrung bringen, muss man aber nicht. Der Plot war damals schon auserzählt – die einen überleben, die anderen sterben. Pinkman wäre seinen Weg schon gegangen, unterkriegen ließ sich der Bursche ohnehin nie. Das Wiedersehen macht aber dennoch Spaß, und vor allem nerdige Flashbacks halten mit Cameos einiger kultiger Charaktere aus der Serie nicht hinterm Berg. Vor allem in diesen Szenen lässt sich erkennen, wie Aaron Paul seinen Charakter eigentlich angelegt und im Laufe der Geschichte verändert hat: vom blauäugigen, jugendlichen Kleinkriminellen zum traumatisierten Leidensgenossen, dem nichts mehr bleibt außer die Zähigkeit, sich neu zu erfinden.

Der steckbrieflichen Sogwirkung seiner Schöpfung bleibt Gilligan treu, auch in El Camino kann man schwer wegsehen oder sich währenddessen mit anderem beschäftigen. Dabei liegt die Qualität des Thrillers in seinen Konstellationen des Zufalls. Breaking Bad ist somit nach dem Abspann von El Camino endgültig Fernseh- und ein bisschen auch Filmgeschichte. Zeit also, dass sich Gilligan etwas Neues ausdenkt. Und das sollte man, erfahrungsgemäß, eigentlich nicht verpassen.

El Camino – A Breaking Bad Movie

Mogli: Legende des Dschungels

DIE FRATZE DER WILDNIS

7/10

 

mogli© 2018 Netflix

 

LAND: USA 2018

REGIE: ANDY SERKIS

CAST: ROHAN CHAND, CHRISTIAN BALE, BENEDICT CUMBERBATCH, CATE BLANCHETT, ANDY SERKIS, NAOMI HARRIS, FREIDA PINTO U. A.

 

„Probier´s mal mit Gemütlichkeit,…“ brummt der freundliche Balu vor sich hin, und jeder, der diese Zeilen liest, wird womöglich an einen altbekannten Ohrwurm erinnert. So gemütlich wie in Disney´s Meisterwerk aus dem Jahre 1967 geht es in Jon Favreau´s Realverfilmung von vor zwei Jahren schon nicht mehr zu. Der unbekümmert abgehobene Musical-Touch von damals ist ganz gewichen, die Tiere des Dschungels sind teilweise mithilfe der Motion Capture-Technik generiert, was aber nicht übermäßig strapaziert wird, um die Wildnis nicht allzu künstlich wirken zu lassen. Inmitten all der Wölfe, Bären und Elefanten: ein Live-Act-Jungschauspieler, der den Bezug zur Natürlichkeit aufrechterhält. The Jungle Book war aus meiner Sicht ein gelungenes Remake, erdiger, düsterer und abenteuerlicher. Und famos in seiner Echtheit der Tierdarstellung. Zwei Jahre später, nach der Planet der Affen-Trilogie, hält auch Motion Capturing-As Andy Serkis die Füße nicht still, wenn es darum geht, Rudyard Kipling´s Legende des Dschungels mal selbst zu interpretieren. Und dabei alles anders machen zu wollen. Oder nur das Drumherum. Vor allem die Beschaffenheit der Tiere. In Mogli: Legende des Dschungels, wie sich die aktuelle Netflix-Produktion nennt, lassen die Macher Favreau´s Animations-Kunststück aussehen wie eine niedliche Urwald-Exkursion und legen in Sachen Düsternis, Blut und Erde nochmal gehörig eines drauf.

Der Wald, der ist zwar immer noch verspielt, bunt erblüht und wie aus dem Studio-Ei gepellt. Balu, Baghira und Co hingegen nicht mehr. Andy Serkis´ Stilwahl der animalischen Charaktere sorgt Anfangs für Irritation. Die Anmut gezeichneter Kreaturen ist einer Freakshow gewichen, in der hinkende, vernarbte und alptraumhaft hässliche Lebewesen wie nach einer nicht näher genannten zellenverändernden Katastrophe um ein entbehrliches Überleben kämpfen und keine Gefangenen machen. Spätestens nach den ersten zehn Minuten wäre es ratsam, dem mitverfolgenden Nachwuchs alles weitere zu ersparen: Mogli ist für Kinder womöglich verstörend, also kein Familienfilm, obwohl er dies gerne sein will, zumindest in den Landschaftsszenen. So schön der Flug über die Wipfel des Dschungels auch sein mag – darunter herrscht natürliche Auslese, balancierend an den Rändern eines finsteren Abgrundes. Balu ist das groteske Abbild eines Horror-Bären mit debil wirkender Hängelippe, die Wölfe wirken seltsam verzerrt, ebenso wie die Affen und ganz besonders die ekelhafte Hyäne. Baghira´s Kopf sieht manchmal aus wie die eines Menschen – Black Panther lässt grüßen, nur das Fell schillert auch des Nächtens. Der sogenannte Uncanny Valley-Effekt, der eigentlich bei computergenerierten, naturalistischen Darstellungen von Menschen eintritt, lässt hier auch Vierbeiner gespenstisch wirken. Wohl würde ich mich als Mogli unter all diesen Monstern wirklich nicht fühlen. Die Flucht zu den Menschen wäre dann nur eine Frage der Zeit.

Und tatsächlich – irgendwann wird der indische Kaspar Hauser mit seinesgleichen in Berührung kommen. Und mit einem ambivalenten Jäger, der dem Maneater Shir Khan das Fell über die Ohren ziehen will. Der irre dreinblickende Antagonist aus der Spezies der Raubkatzen reißt dann bald die Herrschaft über den Dschungel an sich und tötet die Nutztiere der Menschen, die als sichtbar verwesende Kadaver zwischen dem satten Blattgrün blutrot schimmern. Doch obwohl all der Atem der Wildnis irgendwie Fäulnisgeruch verströmt, ist Serkis gewagte Interpretation mit Mut zur Hässlichkeit ein Abenteuerfilm, der eigentlich hauptsächlich aufgrund seines menschlichen Hauptdarstellers fasziniert. Der 14jährige indischstämmige Rohan Chand ist der bislang beste Interpret des Mogli-Charakters – sein Spiel ist von einnehmender Intensität. Die besten Momente sind die, als der Junge von den Menschen eingefangen wird und dieser langsam in die Zivilisation zurückfindet. Der quälende Zweifel ob seiner Zugehörigkeit zu den Tieren oder zu den Menschen ist in seiner Mimik stets präsent. Mogli ist hier ein unglücklicher Charakter, ein Getriebener und Heimatloser. Genauso ein Freak wie alle anderen, nur verstoßener, unangepasster, kein Kind der selektiven Radiation. Rohan Chand lässt die Trick-Komponente des Filmes in den Hintergrund rücken, rettet Mogli vor der Ablehnung durch den Zuschauer und bindet ihn sogar noch emotional an das Schicksal seiner Figur. Dieses kann sich nur durch Gewalt zum Guten wenden. Denn dort, wo der gehetzte Junge herkommt, gilt entweder Leben oder Sterben. Das ist hart, finster und organisch, wie Campen im Dschungel bei Monsun.

Serkis geht es nicht um die Schönheit und das Liebliche. Das Rendezvous mit Tier und Mensch ist hier frei von verklärender Romantik, aber immer noch so viel Legende, damit Tiere sprechen können. Anmutig bleibt einzig das menschliche Wesen, das Gesetz der Evolution ist derweil erbarmungslos auf den eigenen Vorteil bedacht. Das ist zwar wahr, aber nicht unbedingt gefällig. Unter dieser Prämisse ist Mogli: Legende des Dschungels eine zwar verstörende und anders geartete, aber trotz allem nicht weniger sehenswerte Version eines Klassikers, der besungene Gemütlichkeit diesmal mit Pfoten, Klauen und Krallen aus dem Dschungel tritt.

Mogli: Legende des Dschungels