Zwingli – Der Reformator

MIT DER KIRCHE ÜBER KREUZ

5/10

 

zwingli© 2019 W-film / C-Films

 

LAND: SCHWEIZ, DEUTSCHLAND 2018

REGIE: STEFAN HAUPT

CAST: MAX SIMONISCHEK, SARAH SOPHIA MEYER, ANATOLE TAUBMAN, STEFAN KURT, UELI JÄGGI U. A.

 

Die Schweiz ist nicht gerade berühmt für ihr immenses Filmschaffen, ganz im Gegenteil. Spontan gefragt fällt mir bis auf Wolfgang Panzers Mönchsfilm Broken Silence oder Beresina oder die letzten Tage der Schweiz sonst weiter nichts mehr ein. Das ändert sich aber jetzt, und zwar aktuell mit einem Film, der den Begründer des protestantischen Glaubens in der kleinen, neutralen Bergnation zum Thema hat: Ulrich Zwingli. Der Geistliche und Humanist war ein Zeitgenosse Martin Luthers, und nach dessen Thesenanschlag war auch dieser motiviert genug, Reformen an der katholischen Kirche durchzuführen, die mit Ablassbriefen, Pomp und Protz dem so einfachen wie leichtgläubigen Volk in grenzenlos überheblicher Arroganz auf der Nase herumtanzen konnte. Natürlich will die Kirche das nicht ändern, und natürlich wird Zwingli zu einem Feind des Vatikan, was er letzten Endes auch mit dem Leben bezahlt. Doch wer war Zwingli wirklich – und wie kam es zu diesen bahnbrechenden Veränderungen, die das größte Schisma der Menschheit auf den Weg brachte?

In Stefan Haupts Historienfilm zieht eines winterliche Tages Schauspielersohn Max Simonischek durch die Gegend rund um Zürich, um letzten Endes dort sein Quartier aufzuschlagen. Der neue Prediger fällt, ehe man es sich versieht, sogleich mit der Sakristei ins Haus, indem er anfängt, Bibelexegese in deutscher Sprache zu betreiben, und das vor versammelter Menge. Latein hat ja bislang sowieso keiner verstanden, mit Ausnahme sämtlicher Würdenträger, die somit ihre Privilegien beschnitten sehen. Stoff genug also für eine faktenbasierte Disputation im Kinoformat, für eine Zielgruppe, die überschaubar bleibt, und für ein Genre, das bestenfalls sein Nischendasein als Kirchenfilm fristet. Wer Luther mit Joseph Fiennes mochte, das vor 16 Jahren im Kino lief, sollte an Zwingli – Der Reformator nicht vorbeigehen, denn mit diesem biographischen Fragment über dessen Wirken haben wir die Reformation des frühen 16. Jahrhunderts quasi in Dolby Surround – von Luthers Norden bis zu Zwinglis Süden. Historiker wissen: Zwingli und Luther hatten zwar regen Briefkontakt, ein Disput über die Bedeutung der Kommunion hat sie dann aber letztendlich entzweit. Was nicht heißt, dass Jahrzehnte später beide Reformationsbewegungen doch noch zueinanderfinden konnten. Details, die der Film Zwingli – Der Reformator leider ausspart oder halbherzig in einem Nebensatz erwähnt.

Die Hoffnung, jenem legendären Streitgespräch zwischen den beiden Querdenkern filmisch folgen zu können, stirbt zuletzt. Aber sie stirbt. Stefan Haupt wagt sich während seiner über zweistündigen Laufzeit, die teilweise gehörige Längen hat, kaum hinter den mittelalterlichen Mauern des historischen Zürichs hervor. Schön anzusehen ist die rekonstruierte Stadt schon – aber das ist das einzig Epische an einem sonst zur Epik neigenden Stoff, der im Korsett einer Guckkastenbühne leider nur sein dialoglastiges Dasein fristen muss. Es hat den Anschein, als blieben aufgrund des knappen Budgets große inszenatorische Sprünge leider nur Wunschdenken. Nichts gegen all die Details der Ausstattung – die Lagerhallen des Zürcher Kostümfundus hätten wieder mal durchgefegt werden können, so zahlreich haben sich sowohl Statisten als auch der Haupt-Cast in die spätmittelalterliche Kluft gezwängt – vom Bettler bis zum Bischof. Darüber hinaus aber meist die gleichen Settings, immer widerkehrend, wie bei einem Theaterstück, als würde man einem Drama von Fritz Hochwälder oder Jean Anouilh beiwohnen, die ja bekanntlich historische Stoffe dialogfertig für die Bühne adaptiert hatten.

Im Kino ist der Verwöhnfaktor ein ganz ein anderer. Erst unlängst konnte David Michöds The King so richtig wuchtige Bilder zumindest auf den Netflix-Bildschirm schmettern – in Zwingli – Der Reformator bleibt das alles außen vor, selbst die finale Schlacht zwischen Altchristen und den wütenden Reformern war Haupt nicht mal einen Rundumblick wert. Zum Glück für ein Publikum, dass kein Blut sehen kann, und Pech für Liebhaber historischen Kräftemessens. Dafür wäre Zwingli – Der Reformator aber ideal gewesen, denn was der Film erzählt, ist kraftvoll genug, um auch kraftvolleres Kino zu produzieren. So aber bleibe ich zwar mit geschlossenen Bildungslücken in Sachen Kirchengeschichte zurück, wundere mich aber dennoch, wie hölzern so mancher Auftritt absolviert und wie eng geschnürt der filmische Blickwinkel bleibt. Da kann auch Simonischeks angenehme Stimmlage (ja, ganz der Papa!) nur bedingt etwas ändern, wobei dessen rustikaler Haarschnitt sowieso allem die Show stiehlt.

Zwingli – Der Reformator

A Private War

DEN BLICK DORTHIN, WO´S WEHTUT

6/10

 

privatewar© 2018 Ascot Elite

 

LAND: USA, GROSSBRITANNIEN 2018

REGIE: MATTHEW HEINEMAN

CAST: ROSAMUNDE PIKE, JAMIE DORNAN, STANLEY TUCCI, TOM HOLLANDER, GREG WISE U. A.

 

Einem Schulkollegen aus der gymnasialen Unterstufe bin ich vor Jahren zufällig mal auf Facebook begegnet. Beeindruckt hat mich, was aus ihm geworden ist – nämlich Journalist. Das wäre auch für mich eine Alternative gewesen, und zumindest als Blogger kann ich gegenwärtig der Freude am Schreiben ein bisschen nachgehen. Was aber besagter Kollege aus seiner Profession letzten Endes gemacht hat, das würde ich nie tun, schon allein aus einer gewissen Grundverantwortung heraus: mich beruflich in Gefahr begeben. Den Schreibtisch hat der Ex-Kollege schon mal gegen Schussweste und Helm getauscht, zum Beispiel auf seinen Recherchen nach Afghanistan. Sichere Wege sind das keine mehr, aber den Blick dorthin zu richten, wo es weh tut, das machen nur wenige. Wie sonst könnte man erfahren, was in Regionen wie diesen alles abgeht. Unerfreuliches, Bitteres, humanitär höchst Bedenkliches. Das wird, da man nur einer oder eine von wenigen ist, zu einer Berufung, zu einer ganz anderen Verantwortung, der man sich schwer entziehen kann, die sich schon fast damit vergleichen lässt, auserwählt zu sein. Mit so einem Umstand musste zum Beispiel die amerikanische Journalistin Marie Colvin klarkommen. Und die hat, was Krieg und Krisen betrifft, wirklich keine halben Sachen gemacht. Hat dabei sogar ein Auge verloren. Und ist auch sonst wie dem Tode entkommen, bist dieser dann doch zugeschlagen hat, im syrischen Homs, so geschehen im Februar des Jahres 2012.

Für die Lebens- und Leidensgeschichte dieser Reporterin ohne Grenzen hat sich Rosamunde Pike verpflichten lassen. Und sie entfesselt diesen diffizilen Charakter mit einer grimmigen Hartnäckigkeit, die preisverdächtig erscheint. Pike war schon immer für alle Rollen zu haben, doch meist waren es solche, die sich nicht so einfach auf einen Nenner bringen lassen, die gerne eine dunkelgraue Seite haben, die anecken und provozieren. Provokant ist ihre Marie Colvin in jedem Fall, denn das Bild, dass sie zeichnet, ist weder das einer furchtlosen Heldin, die den Adrenalinkick zum Eigennutz braucht, noch das einer schillernden Ikone des Kriegsjournalismus. Es ist die Studie einer Psyche mit massiver posttraumatischer Belastungsstörung, und viel weniger die Sucht nach dem Kick, den manchen Kriegsreportern nachgesagt wird. Regisseur Matthew Heineman differenziert die Stereotype einer manisch-selbstlosen Reporterin, die vielleicht nur auf den ersten Blick so wirkt, als wäre sie eine todesverachtende, fast schon mythologische Heldin, die in den Tartaros menschengemachter Zwistigkeiten eindringt. Auf den zweiten Blick ist Colvin eine ruinierte Seele, die ohne den Level der Anspannung in sich zusammensackt, die ein normales Leben nie wieder führen kann, die sich mit Haut und Haaren einer Wahrheitsfindung geopfert hat, die wir in den täglichen News konsumieren, nichts oder nur peripher ahnend, was dahintersteckt. In A Private War, wie der Titel schon sagt, blicken wir hinter und unter die Trümmer nicht nur ganzer Minderheiten, sondern auch eines Individuums, das seinen ganz privaten, inneren Krieg führt. Das ist etwas, was dem Film gelingt, wenngleich er aufgrund seines Fokus auf Rosamunde Pike das dramaturgische Grundgerüst etwas vernachlässigt. Was heissen soll, dass Marie Colvins letzte Lebensjahre wie von ihr besuchte Niemandsländer aneinandergereiht sind. Diese fragmentarische Erzählweise kann man machen, wenn man es kann. Heineman verlässt sich zu sehr auf seine Hauptdarstellerin, worauf man sich prinzipiell auch problemlos verlassen könnte. Nur ist der Unterbau unterkühltes Sückwerk ohne Raffinesse. Die Bilder aber, die sprechen für sich, und es ist ein besonderer Kniff dabei, A Private War mit demselben Bild beginnen und enden zu lassen: Mit dem Blick dorthin, wo nichts mehr wehtut, weil alles vernichtet ist.

A Private War

Skin

TABULA RASA MIT HAUT UND HAAR

7/10

 

skin© 2019 24 Bilder

 

LAND: USA 2018

REGIE: GUY NATTIV

CAST: JAMIE BELL, DANIELLE MCDONALD, VERA FARMIGA, MIKE COLTER, MARY STUART MASTERSON U. A.

 

Über dem rechten Auge ein Pfeil, der nach oben zeigt. Der Name des Vereins, dem Bryon „Babs“ Wydner angehört, steht in verschwurbelten Lettern gleich unter dem Jochbein. Und auch sonst nennt der junge Mann zahlreiche Tattoos sein Eigen, die vielleicht nur temporär cool sind, weil die Phase der Selbstdefinition durch andere gerade der probateste Weg ist, um zu überleben. Irgendwann aber kommt der Moment, in dem sich zwei Existenzen über den Weg laufen, oder besser: in dem ein Lebensmensch erscheint, der nichts davon hält, wenn der andere Jagd auf Immigranten und ethnische Minderheiten macht. Das ist eine Ideologie, die ist so kleinkariert und ohne Durchblick, die kann durch nichts ihren Anspruch als Herrenrasse geltend machen. Wenn die eigene Existenz aber von vorne bis hinten im Argen liegt, ist dieses rechtsradikale Gedankengut gerade gut genug, um ein Rädchen in einer verqueren Gemeinschaft zu sein, die was auch immer propagiert. So zeigt sich das Defizit einer lieblosen Kindheit in einer seiner destruktivsten Formen. Der ganze Hass findet da sein Ventil, und da sich andere Ethnien mühelos brandmarken lassen, dann werden es auch wohl diese Minderheiten sein, die als Sündenbock herhalten müssen. Bryon Wydner war ebenfalls einer dieser so wütenden wie gescheiterten Existenzen: furchtbare Kindheit, heimat- und ziellos. Aufgelesen von Ma und Pa, so wie sie sich nennen, ebenfalls gesellschaftlich unter aller Sau, ebenfalls vertrieben, wohnhaft in einem Knusperhaus im Wald, voller gehirnwaschender Gedanken und verquerer Wikinger-Philosophien, die anders als der Ku Klux Klan eher den nordischen Gottheiten huldigen – Thor, Freya, Odin und wie sie alle heißen. Na klar, Wydner macht da mit, jahrzehntelang – bis eben die alleinerziehende dreifache Mutter Julie in sein Leben tritt.

Skin ist, und ich wollte es kaum für möglich halten, am Ende des Tages ein Feel-Good-Movie. Oder, um es etwas weniger euphemistisch zu deklarieren: Ein Feel-Better-Movie. Die Lebens- und Wandelsgeschichte des Neonazis oder Vinlanders ist aber auch weder ein Film über Rechtsradikalismus noch über gesellschaftspolitische Zustände in den USA, dafür bleibt das Werk zu sehr an der Oberfläche. Skin will nur eines sein: die Chronik einer Loslösung aus einem familiär anmutenden Totalitarismus, aus einem sektenähnlichen Konstrukt der Abhängigkeit und selbstlosen Verpflichtung. Der Extremismus, den Guy Nattiv in seiner Verfilmung von Wydners Um- und Aufbruchsmemoiren schildert, ist eine Variable. Der Fokus liegt auch weder auf dem Alltag des Vinlander-Vereins noch will Skin dessen Strukturen analysieren. Worum es hier einzig und allein geht, das ist der Wandel zu einem besseren Menschen, unterteilt in Reflexion, Evaluierung und Umsetzung, Rückschläge inbegriffen. Denn nichts im Leben bekommen Leute wie Wydner geschenkt, den Ex-„Billy Elliott“ Jamie Bell zwischen schwankender Zuversicht, Aufbäumung und kaum unterdrückbarer Aggression plausibel verkörpert. Wie Zwischentitel eines Artikels, und als würde wie um ein gravitätisches Zentrum herum das ganze packende Drama einer Flucht nach vorne kreisen, gibt Regisseur Nattiv Einblick in die jeweiligen Stadien der Tattoo-Entfernung, vom ersten bis zum letzten. Dazwischen die True Story eines Präzedenzfalles, mehr Psycho- als Sozialdrama, mit dem unerwarteten Impakt zuversichtlicher Good News, die Veränderung – vielleicht auch für andere – menschenmöglich macht.

Skin

Birds of Passage

DAS ÜBEL MIT DER WURZEL

7,5/10

 

birdsofpassage© 2018 Ciudad Lunar, Blond Indian, Matea Contreras

 

ORIGINAL: PÁJAROS DE VERANO

LAND: KOLUMBIEN 2018

REGIE: CIRO GUERRA, CRISTINA GALLEGO

CAST: CARMINA MARTINEZ, JHON NARVAEZ, JOSÉ ACOSTA, NATALIA REYES, GREIDER MEZA, JOSE VICENTE COTES U. A.

 

Eine karge Ebene, über die der Wind weht. Dürre Bäume. Man möchte meinen, man wäre in der Sahelzone. Falsch gedacht. Dieses Ödland ist Kolumbien. Wobei ich bei Kolumbien in erster Linie an dichte Wälder denke, bis an die Küste. Die Hütten der Wayuu allerdings, die stehen dort, wo Touristen womöglich kaum hinkommen. Nämlich an der Halbinsel La Guajira im Norden des Landes, direkt an der Grenze zu Venezuela. Wer die Wayuu eigentlich sind? Ein indigenes Volk mit Prinzipien, strengen Regeln und Ritualen. Und mit einem schier grenzenlosen Glauben an eine höhere, fast schon prophetische Bedeutung der Dinge. Kommt bekannt vor? Zumindest wenn man ans Römische Reich denkt, da waren die sogenannten Auguren jene, die aus allem was sie sahen, hörten oder in die Finger bekamen, die Zukunft lesen oder zumindest erahnen konnten. Soweit ich weiß, wurde selbst Cäsar davor gewarnt, an den Iden des März im Jahre 44 v.Chr. den Senat aufzusuchen. In den Wind schlagen lässt sich sowas recht einfach. Und in den Wind, der da an der Halbinsel unablässig weht, schlagen auch die Wayuu sämtliche Omen, wenn es um Profit geht. Den entdeckt nämlich in den 60er Jahren ein in die Sippe der Wayuu eingeheirateter junger Mann namens Rapayet, der einigen Amis Marihuana verkauft. Die wollen bald mehr, und so wird das grüne Gold, wie es im Untertitel des Filmes heißt, Zankapfel sämtlicher Clans, die alle ein Stück vom Kuchen wollen und bald lästige Konkurrenz mit bewährtem Blei der Einfachheit halber auszuschalten gedenken. Irgendwie rauft man sich zusammen, auch wenn man sich nicht ausstehen kann und die Ehre der Familie ständig im Weg ist. Die wird dann auch, nachdem alle Jahrzehnte später in ihrem Reichtum förmlich ertrinken, allen zum Verhängnis – und eine bittere Tragödie nimmt ihren Lauf.

Birds of Passage – das sind die Zugvögel, die übers Land Richtung Süden ziehen. Das sind aber auch Seelenträger Verstorbener, die keine Ruhe finden. Der stelzende Graureiher ist ein Symbol, dass den ganzen Film frequentiert und Verrätern nicht von der Seite weicht. Stets stakst das Federvieh über Lehm- und Teppichboden, erinnernd an den Blutzoll, der dem Perpetuum Mobile der Gewalt erst den Anstoß gegeben hat. Der Kolumbianer Ciro Guerra, der schon mit der bemerkenswerten Dschungelodyssee Der Schamane und die Schlange den künstlerischen Aspekt des Schwarzweißfilms wieder zu neuen Sphären erhoben hat, reist nun vom Amazonas in die eigene Heimat und gräbt so tief es geht in der kolumbianischen Erde, um das grüne Übel an der Wurzel zu packen und die kriminelle Genesis des Drogengeschäfts von der Stunde Null an zu erzählen. Auch für Birds of Passage findet Ciro Guerra epische Bilder, die auf den ersten Blick so gar nichts mit irgendeiner Art des Suchtmittel-Business zu tun haben. Wenn das Wayuu-Mädchen Zaida vom Mädchen zur Frau wird, und das im Rahmen einer penibel durchexerzierten Initiation, dann erinnern die wallenden, vom Wind gebauschten roten Gewänder an die Bildsprache von Tarsem Singh, wie aus einem surrealen Märchen, das aber bei näherem Hinsehen nur scheinbar so anmutig und verzaubernd wirkt. Das rote Tuch – eine weitere Metapher, vielleicht für das vergossene Blut, das den heiligen Boden tränkt, der für das im wahrsten Sinne des Wortes fatale Joint Venture unerlässlich ist. Die Leichen aber, die hier den Weg pflastern, säumen wie Mahnmale die Landschaft. Was wir sehen ist nicht das Töten, sondern den Tod, das Resultat eines unlösbaren Konflikts, dazwischen gezogene Waffen, traditionelle Gesänge, und entrückte Visionen, die genauso zu deuten sind wie alles andere. Birds of Passage ist eine flirrende, womöglich nach eigenen filmischen Ritualen streng komponierte Oper um Gewalt, Reichtum und die Geißel ethnisch bedingter Zwänge. Und ein verlustreiches Lehrstück über die Institution Familie als Grundstruktur für das finstere Wesen der Kartelle, wie Pablo Escobar sie später mal regieren wird.

Birds of Passage

Beautiful Boy

PROBIEREN UND STUDIEREN

5/10

 

BEAUTIFUL BOY© 2019 Filmladen

 

LAND: USA 2018

REGIE: FELIX VAN GROENINGEN

CAST: STEVE CARELL, TIMOTHÉE CHALAMET, AMY RYAN, MAURA TIERNEY, CHRISTIAN CONVERY U. A.

 

Er ist schön, er ist klug, er ist nicht von schlechten Eltern: Thimotée Chalamet, Cineasten natürlich spätestens aus Call Me by Your Name bestens bekannt, muss diesmal zwar nicht seine Liebe zum gleichen Geschlecht entdecken, dafür aber zu bewusstseinserweiternden Substanzen. Dabei geht’s nicht nur um das in manchen Ländern bereits salonfähige Marihuana, sondern auch um all den anderen Stoff, aus dem die Süchtigen sind – angefangen von Koks bis zum vernichtenden Crystal Meth, von dem der gute Walter White ganz genau weiß, wie man es herstellt. Der dunkel gelockte Jüngling also will es wissen, ist neugierig, was natürlich legitim ist, denn Neugier während des Coming of Age erschließt einem die Welt in all seinen Facetten. Zu weit darf es natürlich nicht gehen, alles sollte man auch nicht wagen müssen. Vieles sagt einem bereits der Menschenverstand – oder die eigenen Eltern, aber das ist wieder weniger gut, denn die Meinung der Eltern ist in diesem Alter wohl die, die man am wenigsten hören will. Also selbst ein Bild machen – und nicht mehr davon loskommen. Papa Steve Carell, längst nicht mehr nur im Komödienfach daheim (siehe u. a. Willkommen in Marwen) verbringt auch nur mehr die Tage damit, sich Sorgen um seinen Sprössling zu machen. Der kommt nächtelang nicht heim und muss wieder irgendwo frühmorgens aufgesammelt werden, weil all die schädigenden Substanzen in dessen Körper einfach nicht Feierabend machen wollen. Irgendwann hat aber auch die Geduld der Eltern ein Ende, zumindest die des alleinerziehenden Vaters. Von dieser Opferbereitschaft seinem eigenen Fleisch und Blut gegenüber und von der Neugier am künstlich geschaffenen Glücksgefühl – davon erzählt der Belgier Felix van Groeningen in seinem US-Debüt. Und bleibt im Grunde dem Thema treu, mit dem er sich bereits 2012 in A Broken Circle ausführlich beschäftigt hat: Mit der Leidensfähigkeit von Mutter und Vater.

In Beautiful Boy tut Steve Carell alles, was in seiner Macht steht, um seinem Sohn zu helfen. Allerdings – den Entzug muss der Nachwuchs schon selbst wollen, die Bereitschaft für einen Neuanfang kann ihm auch keiner abnehmen. Allein: die Lust an der Ekstase ist immer noch größer. Chalamet spielt einen Jungen, dessen Beweggrund für Drogenmissbrauch auf keinerlei Defizite basiert. Die Scheidung der Eltern allein kann nicht der Auslöser sein, elterliche Liebe ist genug da, und alle Türen für die Zukunft stehen offen. Gründe für Drogen sind also nicht zwingend soziale Mängel, vielleicht auch nur der Luxus eines sicheren Zuhauses als Basis, um sich weiter als es der Vernunft gebührt aus dem Fenster zu lehnen. Papas Sorgen und versuchte Neustarts wechseln sich also ab – mehr passiert nicht. Anders als im thematisch sehr ähnlichen Krimidrama Ben is Back mit Julia Roberts und Lucas Hedges bringt Felix van Groeningen sein schwermütiges Vater-Sohn-Drama nicht wirklich auf einen grünen Zweig, obwohl er seinen Film mit formatfüllenden Baumriesen dekoriert, die mit ihren wuchtigen Ästen wie Lebensader und Stammbaum zugleich über den strauchelnden Gestalten aufragen. Der abwechslunsgreiche, liebevoll gesampelte Soundtrack wirkt da fast schon ausgleichend, und unterstreicht auch das emotionale Chaos zwischen Eigen- und Fremdverantwortung relativ gut. Doch Peter Hedges Film ist straffer, bewegender, viel fokussierter. Beautiful Boy verliert sich immer noch im Grundgedanken seiner Problematik, tritt dadurch aber auf der Stelle und quält sich bis zur Erkenntnis hin, dass man sich irgendwann als Kind seiner Eltern nur mehr selber helfen kann – oder eben gar nicht.

Beautiful Boy

Wildhexe

DIE MAGIE DER SCHREBERGÄRTEN

5,5/10

 

Vildheks. Gerda Langkilde Lie Kaas som Clara. .© 2018 Polyfilm Verleih

 

LAND: DÄNEMARK 2018

REGIE: KASPAR MUNK

CAST: GERDA LIE KAAS, SONJA RICHTER, SIGNE EGHOLM OLSEN, HENRIK MESTAD U. A.

 

Hexen haben Hexenbesen, das singt zumindest das steirische Synthiepop-Duo Ecco. Was aber mit dem dänischen Fantasyfilm Wildhexe leider widerlegt wird. Denn nicht alle Hexen fliegen laut gackernd durch Nacht und Nebel. Manche bleiben auch im Wald. Oder gehen normal zur Schule, sofern es sich um Junghexer und -hexen handelt. Das wissen wir seit Buffy. Die rothaarige Clara aber ist eine, deren Skills erst durch Katzenkratzer angeworfen werden. Dabei war das keine gewöhnliche Katze. Ein Gestaltwandler sozusagen. Ja, das kommt uns auch bekannt vor. Und ist somit der Anfang eines Coming of Witch-Szenarios, das sich vermehrt jenseits urbaner Gefilde abspielt. Vorwiegend auf Wiesen und in Wäldern eben. Und plötzlich sind alle, bei denen man nie geglaubt hätte, dass sie Hexen sind, Hexen. Gut, ein paar Hexer schleichen sich auch noch ein, aber da nehme ich einiges vorweg.

Ich kann mich noch gut an das samstäglich im österreichischen Rundfunk laufende Format „Fortsetzung folgt nicht“ erinnern. Da hat Edgar Böhm, später langjähriger Unterhaltungschef des ORF und mittlerweile auch schon in Pension, uns lesefreudigem Jungpublikum pädagogisch wertvolle Bücher schmackhaft gemacht. Und das nicht nur rein verbal Marke literarisches Quartett, sondern auch anhand nachgespielter einleitender Kapitel. Wie das ganze weitergeht, hat man dann aber selbst lesen müssen. In der Art und Weise, wie diese Jugendbücher anhand von Spielszenen dargestellt wurden, da ist Wildhexe nicht ganz unähnlich. Nur hier wird die Geschichte auserzählt, obwohl man auch gut und gerne gleich zur literarischen Vorlage von Lene Kaaberbøl greifen kann. Der Däne Kaspar Munk hat aber im Gegensatz zu Edgar Böhms recht fernsehformatigen Fünfminütern in Sachen Kinoformat dann doch tiefer in die Geldtasche gegriffen als das Fernsehbudget hergegeben hätte. Wer sich auf Wildhexe einlässt, erhält ganz viel Landschaft, ganz viele Wälder und tief stehende Sonnen, die die morgendliche Feuchtigkeit forstwirtschaftlich akkurater Wälder anhand pittoresker Dunstschwaden im Gegenlicht aus der Botanik reißen. Zwischen all dem goldlichtdurchwirkten Ökoversum die klassische Einsiedelei einer erfahrener Magierin, die wie die gesetzte Version von Preußlers kleiner Hexe daherkommt. In diesem Fall aber ist es das Mädchen Clara, dass die Welt davor bewahren muss, nicht unter die Fuchtel einer im Kryoschlaf befindlichen, mächtigen Antagonistin zu geraten.

Seltsamerweise aber kommt das geschmackvoll bebilderte Abenteuer über die Magie eines sich selbst gießenden Schrebergartens nicht hinaus, auch wenn Transmitter-Portale zu anderen Dimensionen geöffnet werden können. Das ist das, was ich meine, wenn ich Wildhexe mit einem fürs Fernsehen aufbereiteten Jugendfilm vergleiche oder zumindest mit einem Film, der irgendwo zwischen Ronja Räubertochter und den graustichigen, aber charmanten Nachmittagsmärchen aus dem ehemaligen Ostblock seinen Zauberstab schwingt. Obwohl – hier gibt es nicht mal den. Wildhexe distanziert sich deutlich vom High Fantasy-Universum eines Harry Potter, ahmt nichts nach, ist viel barfüßiger und versponnener, vor allem auch ruhiger. Was zur Folge hat, dass es keinen sonderlichen Eindruck hinterlässt. Oder zumindest nicht mehr Eindruck als ein Waldspaziergang im Spätsommer, an dem man sich Märchen erzählt. Was durchaus auch bleibend sein kann, wenn die Stimmung passt. Und die hat der Film irgendwie doch.

Wildhexe

Der Vorname

DAS KIND BEIM NAMEN NENNEN

4/10

 

vorname© 2018 Constantin Film

 

LAND: DEUTSCHLAND 2018

REGIE: SÖNKE WORTMANN

CAST: CHRISTOPH MARIA HERBST, FLORIAN DAVID FITZ, CAROLINE PETERS, JUSTUS VON DOHNÁNYI, JANINA UHSE, IRIS BERBEN U. A.

 

Sitzen, essen, trinken, anschauen lassen: die Quintessenz der jovialen Einladung, ob mit oder ohne Familie, lässt sich auf ein paar Faustregeln herunterbrechen. Beim fröhlichen Beisammensitzen, am Besten noch nach einem anstrengenden Arbeitstag, ist so ein Geplauder ohne Alkohol ja gar nicht auszuhalten. Was man sich zu erzählen hat, ist längst schon gesagt, zu diskutieren gibt es auch nichts, denn jeder schaltet auf stur und hat prinzipiell mal Recht. Gerne lassen sich Dinge wiederholen, an die sich der oder die andere sowieso nicht mehr erinnern will, weil es ohnehin nicht wirklich relevant war. Und im Mittelpunkt, in seiner eigenen Blase, da bleibt sowieso nur jeder oder jede mit sich selber allein. Irgendwann wird aber auch das langweilig – und dann hilft nur die wortgewandte Provokation von Seiten jener, die glauben, klüger zu sein als die anderen. Zündstoff für einen feuchtfröhlichen Abend also, der lässt sich watscheneinfach entfachen, zum Beispiel damit, wie der zukünftig jüngste Sproß der Familie denn eigentlich heissen soll. Gut, das Kind wird alsbald beim Namen genannt. Und alle, die das französische Original kennen, werden wissen, zu welchen regressiven Mitteln da der werdende Papa greifen wird.

Das kommt nicht gut an, zumindest nicht beim belesenen Schwager. Die Schwester nimmt´s gelassen. Und der Hausfreund hat sowieso eigene Geheimnisse, die eigentlich nicht zur Sache stehen, aber ab da würde es eigentlich erst richtig interessant werden, wenn nämlich Unbequemes ans Tageslicht kommt. Da sich aber alle so gut kennen, können die Fetzen ja fliegen, ohne nachhaltig den Zusammenhalt zu schädigen, oder nicht? Jedenfalls ist Der Vorname ein Kammerspiel, ungefähr so eines wie Sally Potters The Party mit Kristin Scott Thomas und Timothy Spall, das im Rahmen eines gemeinsamen Abendessens sämtliche Hüllen fallen lässt. Wobei doch alles nur mit einer Provokation begonnen hat, und nur, weil ein Name fällt, der stellvertretend für alle Tabus dieser westlichen Welt den Anstand mit Füßen tritt.

Der Witz, der ist in Sönke Wortmanns Remake des ungefähr genauso schwachen Originals schnell einer von der mühsamen Sorte. Na gut, zugegeben, Christoph Maria Herbst als Uni-Geistesblitz mit abfälligem Gehabe ist sehenswert, sein näselndes Timbre immer wieder gern zu hören. Mit ihm zu Tisch sitzen Florian David Fitz als stichelnder Provokateur, Gastgeberin Caroline Peters (u. a. Womit haben wir das verdient?) und Justus von Dohnány als Jugendfreund. Etwas später kommt dann noch die werdende Kindesmutter hereingeschneit, die den Stein des Anstoßes gleich sichtbar für alle vor sich herträgt. Ich für meinen Teil wäre da nach einer halben Stunde schon aufgesprungen, mit der Ausrede, morgen früh raus zu müssen. Denn was folgt, ist ein sekkantes Geplänkel, ein unentwegtes Auf-den-Schlips-treten und Polemisieren. Dieser Film lässt sich, ist man dreist genug dazu, auch im eigenen Familienkreis womöglich mit noch mehr Impact nachspielen, da hätte ich auch mehr davon, und womöglich wäre es auch nachhaltiger. In Der Vorname tut jeder, was er kann, um sich im Ton zu vergreifen, was aber irgendwie enorm aufgesetzt wirkt. Absichtlich alles in den falschen Hals zu bekommen ist aber immerhin auch eine Art kribbelnder Zeitvertreib für die gefällige Art des Wohlstandskinos.

Der Vorname