99 Homes – Stadt ohne Gewissen

DAS KALTE HERZ DES WESTENS

7/10


99homes© 2015 Wild Bunch Distribution


LAND / JAHR: USA 2014

BUCH / REGIE: RAMIN BAHRANI

CAST: ANDREW GARFIELD, MICHAEL SHANNON, LAURA DERN, TIM GUINEE, J.D. EVERMORE U. A.

LÄNGE: 1 STD 47 MIN


Mach nie die Tür auf, lass keinen rein – das rät zumindest die Erste Allgemeine Verunsicherung. Doch es hilft alles nichts. Auch wenn man in diesem Fall so tut, als wäre man nicht zuhause, sitzt man trotzdem bald vor selbigem, und zwar von einem Tag auf den anderen. Wir wissen: 2008 gab´s die Finanzkrise, und wir wissen auch, wohin das geführt hat: zum Platzen der sogenannten Immobilienblase. Sicherheiten waren plötzlich nichts mehr wert, Kredite nicht zahlbar, und Banken konnten sich nur noch damit retten, den Leuten das Heim unter dem Hintern wegzuziehen.

Was für eine schlimme Situation, die der alleinerziehende Bauarbeiter Dennis Nash da erleben muss. Es reicht nicht, dass der Mann den Job verliert – nein. Eines Morgens steht der Hausverwalter Rick Carver vor seiner Tür, flankiert von zwei hochmotivierten Polizisten und einer Entourage für die Drecksarbeit. Sind die Raten fürs Haus nicht mehr zahlbar, wohnt hier jetzt die Bank. Dabei muss die ganze Familie mitansehen, wie das komplette Interieur im Vorgarten landet. Doch so leicht lässt sich der arbeitswillige Jungvater nicht unterkriegen. In der Not bietet er Carver seine Dienste an, bleibt anfangs Mädchen für alles, um später genau das zu tun, was auch jener getan hat, der ihn und seine Familie vor die Tür gesetzt hat. Doch Moment! Genauer betrachtet ist ja nicht der Wohnungspfänder der Böse, sondern das Wirtschaftssystem dahinter. Genauer betrachtet wird aber auch klar, dass der schmierige Geschäftsmann Carver Mittel und Wege gefunden hat, selbst die Banken um ihren Vorteil zu prellen. 

Nirgendwo sonst als in den USA kann aus Alles plötzlich Nichts werden. Kann eine Existenz plötzlich scheitern. Nirgendwo sonst ist man auch dermaßen wenig vor Schicksalsschlägen abgesichert. Polizzen sind eine Sache fürs Establishment. Welches aber auch anderweitig vorgesorgt hat. Wie die schillernde Figur des Rick Carver eben. Will man solche Rollen wirklich treffsicher besetzen, klingelt´s womöglich bei Michael Shannon an der Tür. Der Mann ist prädestiniert für den charismatischen, kompromisslosen und über Leichen gehenden Typus, ein gelackter Influencer unter dem Herrn, ein Geschichtenerzähler und Einwickler. So kommt es, dass die Wirkung dieses Films fast ausschließlich auf seine Golferkappe geht. Und dabei ist es kaum vorstellbar, dass es Menschen gibt, die es tatsächlich anstreben, so sein zu wollen, und die es der Wirtschaft dort gutgehen lassen, wo man nicht so genau nachfragt. Ramin Bahrani setzt auch hier, so wie in seiner erst kürzlich auf Netflix erschienenen Buchverfilmung Der weiße Tiger  – die Chronik eines steinigen Wegs zum Wohlstand in Indien – seine abenteuerliche Identifikationsfigur auf Augenhöhe mit dem Zuschauer, die anfangs nichts, aber auch gar nichts hat und letztendlich alles haben könnte. Wie Peter Munk aus Willhelm Hauffs Das kalte Herz.

Und wie bei Hauff hat auch 99 Homes – Stadt ohne Gewissen ein ausgeprägtes Moralbewusstsein. Bahrani kann es natürlich nicht akzeptieren, die Welt auf diese Art sich selbst zu überlassen. Dafür ist er zu sehr Humanist, der erahnt, wie man leben soll. Diesen lehrmeisterlichen Gewissenskonflikt darf Andrew Garfield in diesem packenden Wirtschaftsthriller ganz alleine austragen – zwischen altklugen Weisheiten aus dem Munde Michael Shannons, der weiß, wies geht, und einem sozialen Bewusstsein, das selten in die Agenda des Erfolges passt.

99 Homes – Stadt ohne Gewissen

Welcome to Sodom

RISE OF ELECTRO

7,5/10


welcometosodom© 2018 Camino Filmverleih


LAND: ÖSTERREICH 2018

REGIE: FLORIAN WEIGENSAMER, CHRISTIAN KRÖNES

LÄNGE: 1 STD 30 MIN


Erst unlängst habe ich einen alten Drucker zum Elektromüll gebracht – da steht so ein Container bei uns im kommunalen Werkraum, der heisst alles, wodurch irgendwie Strom floss, herzlich willkommen. Gut, dass man sowas Komplexes zielgerichtet entsorgen kann. Doch was genau passiert damit? Werden diese Apparaturen – diese Bildschirme, diese alten Rechner oder Kaffeemaschinen – zerlegt? Recycelt? Verheizt? Nun, verheizt wohl nicht, sonst könnten wir die Dinger ja gleich in den Restmüll befördern. Womöglich, so sagen uns Christian Weigensamer und Florian Krönes, zwei österreichische Dokumentarfilmer, landet das Ganze in einem Ort namens Agbogbloshie. Wo bitte soll das sein? Klingt afrikanisch. Ist es auch.

Der Welt größte Müllhalde für Elektroschrott befindet sich im Süden des westafrikanischen Landes Ghana. Wären Weigensamer und Krönes nicht dort gewesen, hätte sich mir das Wissen ob der Existenz dieses Ecks der Welt wohl niemals erschlossen. Doch das wäre schade gewesen. Denn dort, wo Elektronik dem buddhistischen Gedanken der Reinkarnation folgt, haben es Menschen von Jung bis Alt tatsächlich geschafft, aufgrund von Improvisation, Profitorientierung und Überlebenswillen aus diesem postapokalyptischen Chaos heraus sich selbst und den anderen vorzupredigen: „Aus diesem Wahnsinn aus giftigem Rauch, Metall und Kunststoff werde ich jeden Tag neu auferstehen wie ein Phönix aus der giftigen Asche. Jeden Tag. Von früh bis spät. Denn es gibt immer jemanden, der etwas findet, was ein anderer brauchen kann. Und umgekehrt.“

Weigensamer und Krönes folgen diesem immer gleichen Alltag und halten sich dabei streng im Hintergrund. Diese nicht endenwollende Landschaft aus Müll, dazwischen Hütten und Verschläge, barfußige Kids mit Magnetstangen, die das wertvolle Eisen aus dem Boden holen, Zentimeter für Zentimeter. Gezogene Wägelchen, darauf demolierte Bildschirme und Standcomputer. Irgendwo lodert wieder ein Feuer. Alles wird ausgebaut, zerlegt, gesammelt, verkauft, wiederverwertet. Es ist ein einziges, ineinander verschlungenes Gewusel, das Welcome to Sodom hier zeigt. Viel mehr braucht es gar nicht, um fasziniert und gleichzeitig erschüttert zu sein. Dieser improvisierte Irrsinn ist so fern unseres gelebten Lebens. Und dennoch: verweilt man rund 90 Minuten mit dem Blick genau dort hin und sieht, wie all diese vielen Glücksjäger, Tagelöhner und selbsternannten Kaufleute aus dem Nichts heraus plötzlich etwas lukrieren, lässt sich gut erkennen, wozu der Mensch fähig ist. Und was er alles aushalten kann. Sein Wunsch, in dieser Vorhölle herumzukrebsen, ist es aber dennoch nicht. Natürlich hätten sie gerne ein Leben wie unseres. Was sie bekommen, ist ein geschrotteter Teil davon.

Welcome to Sodom

The Laundromat

OH WIE SCHÖN IST PANAMA!

6/10

 

laundromat© 2019 Netflix

 

LAND: USA 2019

REGIE: STEVEN SODERBERGH

CAST: GARY OLDMAN, ANTONIO BANDERAS, MERYL STREEP, JAMES CROMWELL, ROBERT PATRICK, DAVID SCHWIMMER, MELISSA RAUCH, SHARON STONE U. A.

 

Das da was war, wissen die meisten. Dass das Ganze mit Panama zu tun hatte auch. Warum damals alle so entrüstet waren, das lag womöglich an dem zum geächteten Modewort deklarierten Begriff Briefkastenfirma. Ein No-Go in der Wirtschaftswelt – oder doch ein Kavaliersdelikt? Wie genau es dazu kommen konnte, das wissen auch nur jene, die dieses bizarre Phänomen wirklich interessiert hat. All jene, die es zwar interessiert hat, die aber nicht die Zeit gefunden hatten, sich ausgiebig in die Materie einzulesen, die können jetzt Methode B wählen – Steven Soderberghs How-done-it-Dramödie The Laundromat. Wir wissen, wie das mit komplexen Themen so ist, und dass wir diese relativ simpel erklärt haben wollen. Ebenfalls Plan B: wir suchen auf YouTube danach. Alles lässt sich dort finden, von der Anleitung, wie man Kettenhemden knüpft bis hin zu wirklich komplizierten Themen wie der String-Theorie. YouTube ist dafür da, einem die Dinge zu erklären, als wäre man sechs Jahre alt. Das ist erhellend, besteht vielleicht nicht zwingend einer Prüfung erfahrener Spezialisten, erläutert aber zumindest in groben Zügen Ursache und Wirkung verästelter Gebilde, wie zum Beispiel jenes zur unlauteren Vermehrung des eigenen Kapitals. Ich bin froh, dass mir Leute erklären, in wenigen Worten und womöglich mit naiven Cartoons illustriert, wie das alles funktioniert, denn wirtschaftsmathematisch fühle ich mich tatsächlich wie ein Grundschüler. Es kann aber auch gut sein, dass Grundschüler locker mehr davon überzuckern als ich es tue.

Soderbergh also, einer, der gerne neues ausprobiert und zuletzt den im Smartphone-Videoformat gedrehten Psychothriller Unsane – Ausgeliefert als Fingerübung mit anderen Medien in die Kinos gebracht hat, bleibt auch mit The Laundromat einem gewissen schnelllebigen Instant-Stil treu, vor allem eines solchen, der ganz unweigerlich an YouTube erinnert. Sein Versuch, die Affäre rund um die Panama Papers in Form eines abendfüllenden Spielfilms aufzuziehen, kanalisiert sich in der teils wüst zusammenmontierten Collage eines Erklärvideos, das sowohl den Opfern als auch den Tätern Stimme verleiht. Die Täter selbst – Jürgen Mossack & Ramón Fonseca, die sich klarerweise schon über Soderberghs Film beschwert hatten – werden als zwei narzisstische Hosts im Glamour- und Glitterlook karikiert, Cocktails schlürfend und die Regeln der Betrugskunst süffisant erörternd. Das beginnt in einer absichtlich künstlich anmutenden Szenerie aus der Frühgeschichte des Menschen und endet mit dem radikalen Durchbrechen der sogenannten Vierten Wand. Dieses Stilmittel allerdings zaubert Soderbergh den ganzen Film hindurch aus dem Hut – Gary Oldman und Antonio Banderas, beide mit Spaß an der Sache, sind eigentlich nur dazu da, um mit den Zuschauern zu kokettieren. Meryl Streep hingegen als nach Strich und Faden betrogene Witwe, die dem eigentümlichen Schweigen ihrer Versicherungsgesellschaft auf den Grund kommen will, gesellt sich erst am Ende dazu. The Laundromat ist aber kein Werk, das ihr heißes Eisen mit Schutzhandschuhen anpackt oder die Krux mit der Geldwäscherei behutsam aufrollt. Angepackt wird das Ganze mit nackten Fingern, und dementsprechend flott und fahrig über Spielfilmlänge jongliert.

Da die intellektuelle Riege Hollywoods ohnehin trotz eigenem exorbitanten materiellen Wohlstand dem asozialen Kapitalismus relativ ablehnend gegenübersteht, ist es auch nicht verwunderlich, dass im Falle des Panama Paper-Betrugs die Stars sozusagen Schlange stehen, um in Soderberghs Filmchen mitzumischen. Sharon Stone, Big Bang-„Bernadette“ Melissa Rauch, James Cromwell oder Friends-Star David Schwimmer geben sich in bescheidenen Nebenrollen die Türklinken der Anwaltsbüros in die Hand, alle zusammen scheinen fast in karitativem Idealismus hier mitzuwirken, wie eine Art Fridays for Future, eine kleine Demonstration gegen unlautere Machenschaften, die vor den Augen einer nichtsahnenden Weltbevölkerung so frech und frivol ihre Nutzen ziehen. Die besagte Geldwäscherei also, der Laundromat, der wäscht seine Wäsche allerdings nicht bis zum Schleudergang. Die gut gemeinte Intonation des Filmes, der Ansatz des satirischen Dramas und der bitterkomischen Aufklärung, der kämpft sich durch eine Vielzahl guter Stilideen, die sich nur durch Mühe straff formieren und sich in einer gewissen Resignation verlieren, die besagt, dass Skandale wie diese schwer zu erkennen sind, und nur der präventive Appell an das Gewissen für weiße Westen sorgt. Ja, das ist gut gemeint, hat auch seine Relevanz, nur der Wille zur bunten Revue der Unartigkeit hat längst nicht den hierfür notwendigen Biss, wie ihn Filme wie Adam McCays Vice oder The Big Short haben. The Laundromat ist da wie ein Musical, das mit den Fakten Trittbrett fährt. Aber immerhin – nachher ist man immer klüger 😉 Danke YouTube.

The Laundromat

War Dogs

DIE GIER IST EIN HUND

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wardogs

Wo scharf geschossen wird, da lass dich nieder. Wenn du Geld verdienen willst. Aber am besten du begibst dich außer Reichweite umherflitzender Kaliber und bleibst lieber hinter den feindlichen Linien. Aber nur soweit, um ordentlich für Nachschub zu sorgen. Welche Partei du damit bedienst ist völlig egal, solange dein wirtschaftliches Interesse über allem steht. Solange der Handel mit Waffen diverse Nasen reicher Kaufleute vergolden, solange wird es Krieg geben. Und solange es Krieg gibt, darf die Rüstungsindustrie schwarze Zahlen schreiben. Und diese auch noch in ungeahnte Höhen treiben. Von diesem Riesenkuchen schneiden sich nicht nur die Großen ein Scheibchen ab – auch die Kleinen können zum Zug kommen – und sich ebenfalls zum Big Dealer aufblasen.

Wer hätte gedacht, dass ein solches Ereignis tatsächlich stattgefunden hat. Verfilmt hat diesen bizarren Wirtschaftskrimi niemand geringerer als Todd Philipps. der Experte für filmische Übernachtigkeiten. Hangover, seine Chronik eines ausufernden Polterabends in Vegas ist aus der Geschichte der Filmkomödien nicht mehr wegzudenken. Und tatsächlich verpflichtet er auch für diesen viel weniger humorvollen Film einen seiner damaligen Hauptdarsteller. Bradley Cooper darf als windschiefer Waffenlieferant mit geölter Frisur seine sinistere Seite ausleben. Doch den Löwenanteil am Gelingen des Filmes hat der oft unterschätzte, aber famos aufspielende Jonah Hill. Seine authentische Figur des eigennützigen Wirtschaftsyuppies Efraim Diveroli, der gemeinsam mit seinem alten Schulfreund David Packouz die Wettbewerbslandschaft in der Rüstungsindustrie als zwei-Personen-Unternehmen aufmischt, ist mit unverhohlener, großspuriger Leidenschaft dargestellt. Alleine der Abstecher in den Irak ist ein bizarres Highlight der Realsatire, fast zur Gänze getragen von dem übergewichtigen Charakterdarsteller Hill, der wie eine Mischung aus John Candy und Jack Nicholson zumindest verbal alles unter Kontrolle hat. Wenn diese Person des Efraim tatsächlich so gewesen war, dann wundert mich nicht, dass der Reichtum der beiden Freunde nur von kurzer Dauer war. Wie ein Gewinn im Casino, den man sofort wieder verspielt. Doch waren sie wirklich ein Team, errichtet auf gegenseitigem Vertrauen? Die Gier wird letzten Endes dann doch größer als die Freundschaft gewesen sein. Der Erfolg etwas, das nicht lange auf geraden Bahnen laufen kann. So kippt das abenteuerliche Wall Street-Buddymovie am Ende in ein bitteres Tatsachendrama über den verrat menschlicher Werte, Betrug und dem rücksichtslosen Streben danach, alles haben zu müssen.

Meinem Eindruck nach will War Dogs weniger eine Anklage ans Rüstungs-Business sein. Was hier gesagt und gezeigt wird, ist den meisten Zusehern ohnehin klar, viel Neues offenbart sich hier nicht. Das haben andere Filme schon viel besser gekonnt. Lord of War von Andrew Niccol zum Beispiel. Doch das macht nichts. Mit Sicherheit ist die Geschichte einer falschen Freundschaft der viel spannendere und hintergründigere Aspekt des Filmes. Was mit Menschen passiert, die von vornherein ohne Moralvorstellungen auf Kosten anderer mehr als ihre Existenz bestreiten und zu ihren eigenen Opfern werden, ist faszinierend genug. Das Mitleid mit den Buddys hält sich naturgemäß aber ebenso in Grenzen wie die Nachwirkung des Filmes. Wohl auch, weil der Gerechtigkeit im Film Genüge getan wird – was im realen Leben leider, mit Ausnahme der War Dogs, viel zu selten vorkommt. 

 

War Dogs