DÄMONEN IM STRASSENVERKEHR
7/10
© 2026 Constantin Film Österreich
LAND / JAHR: USA 2026
REGIE: ANDRÉ ØVREDAL
DREHBUCH: T. W. BURGESS, ZACHARY DONOHUE
KAMERA: FEDERICO VERARDI
CAST: LOU LLOBELL, JACOB SCIPIO, MELISSA LEO, JOSEPH LORENZ, TONY DOUPE U. A.
LÄNGE: 1 STD 34 MIN
Un-menschliche Verhaltensweisen
Warum nur entfernt man sich des Nächtens während eines Autostopps meterweit vom Auto in den Wald hinein, wenn doch weit und breit niemand die Idylle der Straßenrand-Notdurft stören würde? Im wahren Leben würde das nicht passieren, im wahren Leben strullt man im Abblendlicht der Scheinwerfer. Leider muss sich Passenger gleich zu Beginn mit dem Tatbestand einer unlogischen menschlichen Verhaltensweise auseinandersetzen. Als Zuseher seufzt man da einmal kurz und heftig durch. Ließe sich es irgendwie anders bewerkstelligen, dass in der Prolog-Szene des Roadtrip-Horrors das Böse auch dann effektiv zuschlägt, wenn man verhaltenstechnisch plausibel bleibt?
Neue Ideen sind manchmal überbewertet
Bei diesem Miesepeter aus der Hölle womöglich schon. Denn der hat als Dämon so einige Skills auf Lager. Wird unsichtbar, wechselt den Standort in Sekundenschnelle, und wenn er mal materialisiert, spritzt Blut, wie es sich für einen Dämonen-Slasher eben gehört.
Über solche Logiklücken lässt sich in Passenger, zieht man am Ende Resümee, freigiebig hinwegsehen. Denn André Øvredal, der schon mit seinem von Guillermo del Toro inspirierten Gruselthriller Scary Stories to Tell in the Dark absolut den Geschmack getroffen hat, beweist zumindest in seinem neuen Werk, wie man auch ohne neue Ideen bereits vorhandene Versatzstücke mit Respekt vor ihrer oft bemühten Wirkung erfrischend verwursten kann. Und das ist weniger sarkastisch gemeint als es klingt.
Passenger betritt viel befahrene Straßen, das ist ohnehin klar. Doch Øvredal weiß, wo er auf welche Weise Schreckens-Mechanismen dehnt, leicht verzerrt, als würde er osteopathisch an die Sache rangehen, diese hin und her schiebt oder wie einen Wagen ohne Handbremse und Gang einfach ein paar Meter weiter ausrollen lässt.
Die Umgebung im Blick behalten
Ganz deutlich wird diese Vorgehensweise in einer Szene sichtbar, in der sich Lou Llobell (bekannt geworden durch die Serienverfilmung von Isaac Asimovs Foundation) allein über einen nächtlichen Parkplatz hinweg ihrem Camper nähert, mit dem sie und ihr Verlobter vorhaben, ihr Vanlife zu leben. In dieser Szene hat der Passenger längst Blut geleckt und sich als Trittbrettfahrer zu erkennen gegeben – doch Øvredal hält seine Zuseher auf gekonnte Weise lange genug hin, um so etwas wie eine angespannte Vorahnung zu erzeugen, kurz gesagt: Suspense, die vor allem durch die energisch rotierende Kamera erzeugt wird.
Bei jedem erneuten Kreisen um Lou Llobell herum könnte im Hintergrund irgendwo diese schaurige Gestalt stehen, wie einst Mike Myers in seinem Blaumann. Wenn die Ankündigung des Schreckens zum Fehlalarm wird, ist das kein dramaturgisches Defizit, sondern ein keckes Spiel mit der Erwartungshaltung und dem Publikum selbst.
Ein lichtscheuer, wüster Kerl
Schließlich taucht der Passenger – eine düstere Gothic-Figur, als wäre Iggy Popp in ferner Zukunft mal aus dem Grab gestiegen (wir hatten ihn bereits als Zombie in Jim Jarmuschs The Dead Don’t Die) und hätte sich, untot wie er wohl sein würde, als Darsteller für Severus Snape beworben – vermehrt zu unerwarteten Zeiten auf.
Den besten Jumpscare fährt er gleich zu Beginn ein, nach dem Schrecken folgt wohlige Vor- und Schadenfreude die nächsten eineinhalb Stunden lang. Und immer dann, wenn das Abblendlicht nicht weiter weiß und der Kegel der Taschenlampe am Dickicht des Waldessaums hängenbleibt, sind dramaturgische Leerläufe schnell verziehen. Kann ja sein, dass sich im Dunkel dahinter nicht nur der Highwaykiller verbirgt. Vielleicht auch ein dämonisch verzerrter Gregory Peck.
Stoßgebete an den Schutzpatron
Zum Plot muss man nicht viel erwähnen. Passenger ist ein Roadmovie mit überschaubarem Cast, der Fokus liegt auf einer unmöglich realisierbaren Safe Journey und liebäugelt ein bisschen auch mit den Mächten des katholischen Who is Who’s im Himmel, wenn der Heilige Christophorus, der Schutzpatron aller Reisenden, hilfreich zur Seite steht. Denn da hat Øvredal wieder das Genre der Dark Fantasy gestreift, wie er es seit Trollhunter immer schon getan hat. Eine Eigenheit, mit der auch Passenger spielerisch umgehen kann.
