Guru (2025)

IM ZUCKERHOCH DER BÜHNENPREDIGT

7/10


Pierre Niney als Life Coach in Guru
© 2925 Jerome Prevois / Studiocanal


LAND / JAHR: FRANKREICH 2025

REGIE: YANN GOZLAN

DREHBUCH: YANN GOZLAN, JEAN-BAPTISTE DELAFON

KAMERA: ANTOINE SANIER

CAST: PIERRE NINEY, MARION BARBEAU, ANTHONY BAJON, CHRISTOPHE MONTENEZ, HOLT MCCALLANY, LEANNA CHEA U. A.

LÄNGE: 2 STD 5 MIN



Es tut so gut, kluge Reden zu hören

Bei Ernährungscoaches hört man stets folgendes Leitmotiv: „Du bist, was du isst“. Bei Coaches, die sich mit der Entfaltung und positiven Entwicklung der eigenen Persönlichkeit beschäftigen, schallen folgende Worte durchs bis zum Bersten gefüllte Auditorium, in dem sich eine jubelnde Menge den massenphänomenalen Zucker-Kick holt: „Du bist, was du willst!“

Wenn das so einfach wäre. Wenn da außerhalb der sündteuren Selbstfindungsshow noch irgendwelche Tipps mit auf den Weg gebracht werden würden, um auch im Alltag all dieses clevere Gerede anwenden und umsetzen zu können.

Sieh her! Das Leben ist so einfach!

In den Events von Matthieu Vasseur, dem angesagtesten Life-Coach von ganz Frankreich, scheint es plötzlich ganz simpel, sich und dann die Welt zu verändern. Mit dem Effekt der Massendynamik manipuliert die charismatische Rampensau jeden noch so gearteten Charakter, der auch nur ein bisschen danach lechzt, gesehen, respektiert und wertgeschätzt zu werden.

Von solchen Menschen gibt es in Zeiten wie diesen viele. Da reicht oft der Social Media-Auftritt nicht aus, da braucht es den Fast-Food-Zucker guter Worte, da braucht es Begeisterung und ein geputschtes Gemüt, um dann wieder – sind die Emotionen verflogen – von vorne anzufangen.

Rezeptpflichtiges Mind-Resetting

In Guru von Yann Gozlan ist das sündteure Seminar so viel wert wie ein Drogentrip. Im Moment könnte man Bäume ausreißen – doch was fehlt, ist der nachhaltige Nutzen, der Wert eines Werkzeugkoffers, der Life-Hack, den Matthieu aber nicht weitergibt, sondern für sich behält. Das Beste dabei: Er weiß selbst nicht, wie all diese Versprechen auf Dauer funktionieren sollen. Jeder Mensch ist schließlich anders, und keinen Zentimeter in die Tiefe dringt diese über den Kamm geschorene Predigt, die als Universal-Faustregel ungefähr so gut so manche Krankheit in seinem Ursprung bekämpft wie ein Ibumetin.

Einer, dem man gerne zuhört

Ein Film, der sich Guru nennt, hat schon mal grundlegend keine Sympathie für seinen Anti-Helden und Reserve-Bergprediger. Von Anfang an ist klar: Dieser energische, kämpferische Influencer hat nichts in der Tasche, was wirkt. Besser noch: Im Laufe des Films wird diesem Matthieu Vasseur so gut wie alles abhandenkommen, was seinen Erfolg ausmacht – und seine eigene Überzeugung.

Das Irritierende dabei ist aber, wie Pierre Niney (Der Graf von Monte Christo) den Charakter dieser Person anlegt. Matthieu scheint keineswegs arrogant, blickt auch nicht auf all die Bedürftigen herab. Er schätzt seine Fans und seine zahlenden Besucher, er spricht vernünftig, einnehmend, hat Charisma und Charme. Klar, man erliegt ihm schnell, und auch ich hier im Kinosaal kann ich diesem weltoffenen und mitreißenden Niney nichts entgegenhalten, ganz im Gegenteil.

Da ist was faul im Coach-Programm

Es gelingt Regisseur Gozlan, diesen Guru ins richtige falsche Licht zu rücken, indem er anfangs all die faulen Stellen versteckt, die später zu stinken beginnen. Kernkonflikt ist dabei das Verhältnis des Influencers zu seinem Bruder. Die Meinungen darüber, wer wohl wem unrecht tut, wechseln wie Tageswäsche. Der Idealist mit Programm, der nicht reflektiert, was er tut, wird es wohl nicht sein, oder?

Tatsächlich lässt Guru während dieser Chronik einer Demontage die Figur des Matthieu relativ wenig davon erkennen, was bei ihm selbst im Argen liegt. Wer immer sich dabei eine persönliche, vielleicht gar charakterliche Weiterentwicklung erwartet, wird wohl irgendwo die Ernüchterung ob einer Lernresilienz gegen aufkeimende Schadenfreude tauschen. Und zwar dann, wenn alles zusammenstürzt und des Gurus eigene kolportierte Mechanik auf ihn selbst angewandt wird.

Die Lehre aus den leeren Versprechungen

Es ist, als säße Niney selbst im Publikum, als würde er gar als einziger dort sitzen, während all die anderen, die diese Drogendosis Glück inhaliert und dann den Entzug erfahren haben, auf die Bühne treten und dem großen Pharisäer zeigen, wie wenig Praxisdenken sich in diesen Worthülsen befindet.

Gozlan weitet den Radius der Demontage weiter aus als notwendig, findet sogar noch einen Antagonisten, der die Glaubwürdigkeit des Szenarios etwas untergräbt. Diese Fülle an Ereignissen ist dann nur noch schwer steuerbar, und irgendwann muss dann auch noch ein Ende her, eine Erlösung, eine totale Vernichtung oder ein Plan B?

Guru entlässt sein Publikum relativ ratlos, unfertig, oder zumindest den letzten Rest an Schaulust abwürgend, den alle mit der Hand vor Augen erwarten. Vielleicht, weil die totale Vernichtung eines Life-Coachs, der gar nicht weiß, dass er all das selbst verursacht hat, zu gnadenlos gewesen wäre, um sich diesem Moment hinzugeben.

Guru (2025)

Exit 8 (2025)

FINDE DEN FEHLER!

6/10


Yamato Kôchi im Mysterythriller Exit 8
© 2025 ”Exit 8” Film Partners


LAND / JAHR: JAPAN 2025

REGIE: GENKI KAWAMURA

DREHBUCH: GENKI KAWAMURA, HIRASE KENTARO, NACH DEM GAME VON KOTAKE CREATE

KAMERA: KEISUKE IMAMURA

CAST: KAZUNARI NINOMIYA, YAMATO KÔCHI, NARU ASANUMA, KOTONE HANASE, NANA KOMATSU U. A.

LÄNGE: 1 STD 35 MIN



So manchen U-Bahn-Ausgang hat man selbst schon nicht gleich auf Anhieb gefunden, insbesondere wenn man in einer fremden Metropole als Tourist oder geschäftlich unterwegs ist und dabei die öffentlichen Verkehrsmittel benutzt. In London oder in Moskau ist die Mitfahrgelegenheit im Untergrund gefühlt nahe am Erdkern, anderswo windet man sich wie in einem Labyrinth um unzählige Ecken, nimmt Abzweigungen und Rolltreppen, um zum Ziel zu gelangen. Anders wird einem auch dann, wenn vertraute Arbeitswege ganz plötzlich in einer Möbius-Schleife enden. Gibt es denn da einen Ausweg? Bei Möbius-Schleifen nicht, denn der Weg darauf ist unendlich.

Da will doch nur jemand spielen

So unendlich wie jene U-Bahn-Passage, in der ein namenloser junger Mann feststeckt und verzweifelt nach dem Ausgang Nummer 8 sucht. Das Ganze beginnt noch recht vertraut, zuerst noch weist ein Schild zum Ausgang Zero hin, doch selbst der erscheint nie. Stattdessen kommt diesem Mann, der eigentlich unterwegs zu seiner Freundin ist, die kurz vor der Entbindung steht, und der nicht weiß, ob er sich nun dazu bekennen soll, Vater zu sein oder nicht, immer wieder derselbe Passant entgegen: Ein Geschäftsmann mit einem Koffer in der linken, einem Mobiltelefon in der rechten Hand, stur geradeaus blickend und auf keinen Zuruf reagierend.

Langsam wird klar: Ein Entkommen gibt es nur, wenn sich der werdende Vater im ewig gleichen U-Bahn-System zu Exit 8 hocharbeitet. Schließlich prangen die Spielregeln unübersehbar auf einer Tafel: Findet er Anomalien, muss er zurück, findet er keine, geht es weiter. Rutschbahn und Leiter? Ja, nur ohne Würfelglück, sondern mit dem Auge eines Haftelmachers. Oder: Exit 8 ist wie ein Bilderrätsel, auf dem acht Fehler unbekannter Art versteckt sind.

Tunnelblick mal anders

Der japanische Filmemacher und Autor Genki Kawamura, der mit seinem Roman Wenn alle Katzen von der Welt verschwänden – ein Buch, das man nicht verfilmen kann – schon einen Bestseller geschrieben hat, widmet sich nun der Verfilmung des Computerspiels Exit 8, in dem man immer wieder durch einen weiß gekachelten, mehrmals geknickten Tunnel-Abschnitt wandert. Jedes Mal ist irgendetwas anders – oder auch nicht. Das mag eine launige Horror-Challenge sein, denn manchmal geht auch das Licht aus und ganz plötzlich steht der Geschäftsmann, der sonst sowieso nie reagiert, breit grinsend hinter dir.

Creepiness, die im Trend liegt

Kawamura hat dieses Mindfuck-Abenteuer eines labyrinthartigen Horrors gerade zur rechten Zeit inszeniert, in der so manche Creepypasta, die im Internet kursiert, auf Kinotauglichkeit untersucht wird. Darunter eben Nick Parsons‘ Backrooms-Legenden, die eben erst erfolgreich das Licht der Leinwand erblickten.

Mystery, die sich nicht erklären lässt, hat eine Zeit lang die Stranger Things-Furore erklärt – bis dort aufgeklärt wurde, was man nicht hätte aufklären müssen. Zum Glück gibt Exit 8 genauso wie Backrooms das Geheimnis hinter seinem Schleifen-Horror sowieso nicht preis. Auch nicht, was entscheidend dafür ist, um in diesen Parcours zu tappen. Kawamura erzählt dieses seltsame Phänomen eines urbanen „Escape Rooms“, der mitten im Alltag auf x-beliebige Menschen hereinbricht, aus unterschiedlichen Perspektiven. Würde er das nicht tun, hätte der ganze Plot für einen Spielfilm einen viel zu kurzen Atem; dann wäre Exit 8 ein Kurzfilm geworden, ein kleines, beklemmendes Filmchen, eine Anekdote zum Thema psychologische Manifestation.

Such doch einfach selbst!

Den Mitmachfaktor hat Backrooms nicht – Exit 8 hingegen schon. Man darf also selbst rätseln, was wohl beim nächsten Mal anders läuft – ist es der Mona-Lisa-Effekt auf den Werbeplakaten oder eine verkehrte Ziffer? Mutierte Ratten oder Blut an den Wänden, das auf Weiß immer gut kommt?

Eine Meta-Ebene hat das Ganze ohnehin nicht, und eine solche müsste man auch gar nicht anstreben – doch Kawamura tut es. Letztlich aber lässt sich dieses Szenario gar nicht in diese Richtung biegen. Jeder innere Konflikt, der in Exit 8 von den Auserwählten für das Spiel eben dort hineingetragen wird, bleibt ein dekoratives Add-On ohne Funktion. Klar, man versteht schon, was es zu erreichen gilt, doch wirkt genau das im Gegensatz zu den strengen Regeln in diesem Spiel allzu willkürlich und austauschbar.

Exit 8 (2025)

Possession (1981)

DER ABGRUND IST NUR EINE EHEKRISE WEITER

7,5/10


Isabelle Adanai verfällt in Possession dem Wahnsinn
© 1981 Marie-Laure Reyre / Marianne Productions


LAND / JAHR: FRANKREICH, DEUTSCHLAND 1981

REGIE: ANDRZEJ ŻUŁAWSKI

DREHBUCH: ANDRZEJ ŻUŁAWSKI, FREDERIC TUTEN

KAMERA: BRUNO NUYTTEN, ANDRZEJ J. JAROSZEWICZ

CAST: ISABELLE ADJANI, SAM NEILL, HEINZ BENNENT, JOHANNA HOFER, CARL DUERING, MARGIT CARSTENSEN, MICHAEL HOGBEN, LESLIE MALTON, MAXIMILIAN RÜTHLEIN, THOMAS FREY U. A.

LÄNGE: 2 STD 3 MIN



Das Ableben des neuseeländischen Schauspielers Sam Neill kam für mich völlig unerwartet. Vielleicht, weil ich den so sympathischen und integren Mann, dem ich sogar seine Geisterbahn-Gemeinheit Event Horizon verzeihen muss, hat er souverän wie immer uns allen im Kino ordentlich Angst eingejagt, im vorletzten Jurassic World von 2022 längst nicht so viele Sonnenumrundungen angerechnet hätte als er tatsächlich hinter sich gebracht hat.

Ein blutjunger Sam Neill

Einige Lenze früher, nämlich ganze 45 an der Zahl, stand er mit Isabelle Adjani vor der Kamera, und zwar für Andrzej Żuławskis zum Kult gewordenen Psychotrip Possession. Da war Sam Neill noch blutjung, und bereits schon damals höchst begabt darin, verstörte Gesichter zu ziehen, bevor er zwölf Jahre später in Jurassic Park aus dem Staunen nicht mehr herauskam. Neill war ein Charakterdarsteller der oberen Liga, gerne auch oft am Rande besetzt, doch immer wieder so markant, dass er sich mit Leichtigkeit in den Hauptcast schmuggelte.

Ein simples Ehedrama? Von wegen!

In Possession ist er gemeinsam mit Adjani gleich vorne mit dabei, denn beide erleben das Ende einer Ehe, die Zerrüttung einer Liebe, und die Qual des Entschlusses, ohne den anderen neu anzufangen. Klingt nach profaner Beziehungskiste, oder vielleicht nach Sorgerechtsstreit wie in Kramer gegen Kramer mit Dustin Hoffman und Meryl Streep – schließlich spielt ein Kind dabei auch noch eine Rolle.

Wer aber Żuławski kennt oder ungefähr weiß, was der Pole Zeit seines Künstlerlebens so vollbracht hat, wir zugeben müssen, es hier mit einem Visionär zu tun zu haben, der lieber sein Publikum verschreckt oder fordert, aber ganz sicher nicht auf unterhaltsame Weise einlullt.

Kaum ein Film, der diese Subversivität stärker und kontrastreicher ausspielt als Possession, wo Sam Neill den toxischen Besitzanspruch eines zurückgewiesenen und somit gekränkten Mannes zwar nicht mit einem Femizid an die Spitze treibt, aber mit einer akrobatischer Intensität aus Bedrängung und Flehen, enervierendem Lamento und kindlicher Wut.

Neill konnte gar nicht anders als so aufzudrehen, denn auf der anderen Seite haben wir Isabelle Adjani, die Żuławski in Werner Herzogs Neuinterpretation des Nosferatu-Stoffes gesehen haben muss, um zu wissen, dass mit ihr der verlangte Wahnsinn neue Methoden finden wird, um sich zu entfalten.

Des Wahnsinns knusprige Beute

Es ist schlicht und ergreifend unmöglich, dass sich der Abgrund einer Psychose exzessiver darstellen lässt als Adjani das getan hat. Betrachtet man im Vergleich dazu Lynne Ramsays ähnlich gelagertes Psychodrama Die My Love, erscheint Jennifer Lawrence auf allen Vieren als müder Nachhall.

In der Szene, in der Isabelle Adjani in einer Unterführung exzessiv brüllend in Blut und Milch badet und scheinbar völlig den Verstand verliert, bekommt der darstellerische Umstand eines emotionalen Ausbruchs eine neue Hochwassermarke. Was die damals 26jährige Schauspielerin als emotionalen Subtext dafür verwendet hat, um dermaßen über die Grenzen gewohnter Intensitäten hinauszuschießen, mag ein Geheimnis bleiben.

Es wird immer monströser

Mit diesem Mysterium der selbstvergessenen und wirklich furchteinflößenden Ekstase passt Adjani perfekt in einen psychologisch herausfordernden Thriller, der in der stilistischen Interpretationswelt des Surrealen genauso beheimatet ist wie auf der bizarren Spielwiese eines Roman Polanski, wofür sich als Querverweise ganz gut dessen Werke Wenn Katelbach kommt oder Ekel eignen. Nur: Żuławski taucht bisweilen noch tiefer in die Absurdität ab, in dem er auch die Komponente eines Creature Features anfügt – was überhaupt nicht zur Tonalität des Filmes passt.

Doch ähnlich wie in David Lynchs Eraserhead schafft er damit eine Metaebene des Symbolismus, und Adjanis nach außen gekehrter psychischer Zustand manifestiert sich als groteske Monstrosität. Das Spiel mit den Identitäten und Doppelrollen, die ein gewiefter Psychothriller oft mitbringen will, verschränkt das längst um die eigene Identität gekommene Horrordrama so sehr mit sich selbst, dass jedwede Interpretation, die sich herauslesen lässt, immer nur viel zu trivial anfühlt.

Filme muss man ausleben

Was die Frage aufwirft: Wohin will Possession eigentlich wirklich? Ist das ganze nur eine filmgewordenen Narrenfreiheit, ein Ausleben wilder künstlerischer Energien, oder gezielte Provokation, die allein schon durch den wüsten Genremix, der aber reizvoll ineinanderpasst, nur auffallen will?

Dafür hat Żuławskis Film deutlich zu viel Ehrgeiz, zu viel Vision. Als Avantgarde ist Possession bis heute ein vorzügliches Beispiel für regelbrechendes Kunst- und Faszinationskino, so befremdlich wie irrwitzig – und mit dem wohl entfesseltsten Schreikrampf der Filmgeschichte.

Possession (1981)

Passenger (2026)

DÄMONEN IM STRASSENVERKEHR

7/10


© 2026 Constantin Film Österreich


LAND / JAHR: USA 2026

REGIE: ANDRÉ ØVREDAL

DREHBUCH: T. W. BURGESS, ZACHARY DONOHUE

KAMERA: FEDERICO VERARDI

CAST: LOU LLOBELL, JACOB SCIPIO, MELISSA LEO, JOSEPH LORENZ, TONY DOUPE U. A.

LÄNGE: 1 STD 34 MIN



Un-menschliche Verhaltensweisen

Warum nur entfernt man sich des Nächtens während eines Autostopps meterweit vom Auto in den Wald hinein, wenn doch weit und breit niemand die Idylle der Straßenrand-Notdurft stören würde? Im wahren Leben würde das nicht passieren, im wahren Leben strullt man im Abblendlicht der Scheinwerfer. Leider muss sich Passenger gleich zu Beginn mit dem Tatbestand einer unlogischen menschlichen Verhaltensweise auseinandersetzen. Als Zuseher seufzt man da einmal kurz und heftig durch. Ließe sich es irgendwie anders bewerkstelligen, dass in der Prolog-Szene des Roadtrip-Horrors das Böse auch dann effektiv zuschlägt, wenn man verhaltenstechnisch plausibel bleibt?

Neue Ideen sind manchmal überbewertet

Bei diesem Miesepeter aus der Hölle womöglich schon. Denn der hat als Dämon so einige Skills auf Lager. Wird unsichtbar, wechselt den Standort in Sekundenschnelle, und wenn er mal materialisiert, spritzt Blut, wie es sich für einen Dämonen-Slasher eben gehört.

Über solche Logiklücken lässt sich in Passenger, zieht man am Ende Resümee, freigiebig hinwegsehen. Denn André Øvredal, der schon mit seinem von Guillermo del Toro inspirierten Gruselthriller Scary Stories to Tell in the Dark absolut den Geschmack getroffen hat, beweist zumindest in seinem neuen Werk, wie man auch ohne neue Ideen bereits vorhandene Versatzstücke mit Respekt vor ihrer oft bemühten Wirkung erfrischend verwursten kann. Und das ist weniger sarkastisch gemeint als es klingt.

Passenger betritt viel befahrene Straßen, das ist ohnehin klar. Doch Øvredal weiß, wo er auf welche Weise Schreckens-Mechanismen dehnt, leicht verzerrt, als würde er osteopathisch an die Sache rangehen, diese hin und her schiebt oder wie einen Wagen ohne Handbremse und Gang einfach ein paar Meter weiter ausrollen lässt.

Die Umgebung im Blick behalten

Ganz deutlich wird diese Vorgehensweise in einer Szene sichtbar, in der sich Lou Llobell (bekannt geworden durch die Serienverfilmung von Isaac Asimovs Foundation) allein über einen nächtlichen Parkplatz hinweg ihrem Camper nähert, mit dem sie und ihr Verlobter vorhaben, ihr Vanlife zu leben. In dieser Szene hat der Passenger längst Blut geleckt und sich als Trittbrettfahrer zu erkennen gegeben – doch Øvredal hält seine Zuseher auf gekonnte Weise lange genug hin, um so etwas wie eine angespannte Vorahnung zu erzeugen, kurz gesagt: Suspense, die vor allem durch die energisch rotierende Kamera erzeugt wird.

Bei jedem erneuten Kreisen um Lou Llobell herum könnte im Hintergrund irgendwo diese schaurige Gestalt stehen, wie einst Mike Myers in seinem Blaumann. Wenn die Ankündigung des Schreckens zum Fehlalarm wird, ist das kein dramaturgisches Defizit, sondern ein keckes Spiel mit der Erwartungshaltung und dem Publikum selbst.

Ein lichtscheuer, wüster Kerl

Schließlich taucht der Passenger – eine düstere Gothic-Figur, als wäre Iggy Popp in ferner Zukunft mal aus dem Grab gestiegen (wir hatten ihn bereits als Zombie in Jim Jarmuschs The Dead Don’t Die) und hätte sich, untot wie er wohl sein würde, als Darsteller für Severus Snape beworben – vermehrt zu unerwarteten Zeiten auf.

Den besten Jumpscare fährt er gleich zu Beginn ein, nach dem Schrecken folgt wohlige Vor- und Schadenfreude die nächsten eineinhalb Stunden lang. Und immer dann, wenn das Abblendlicht nicht weiter weiß und der Kegel der Taschenlampe am Dickicht des Waldessaums hängenbleibt, sind dramaturgische Leerläufe schnell verziehen. Kann ja sein, dass sich im Dunkel dahinter nicht nur der Highwaykiller verbirgt. Vielleicht auch ein dämonisch verzerrter Gregory Peck.

Stoßgebete an den Schutzpatron

Zum Plot muss man nicht viel erwähnen. Passenger ist ein Roadmovie mit überschaubarem Cast, der Fokus liegt auf einer unmöglich realisierbaren Safe Journey und liebäugelt ein bisschen auch mit den Mächten des katholischen Who is Who’s im Himmel, wenn der Heilige Christophorus, der Schutzpatron aller Reisenden, hilfreich zur Seite steht. Denn da hat Øvredal wieder das Genre der Dark Fantasy gestreift, wie er es seit Trollhunter immer schon getan hat. Eine Eigenheit, mit der auch Passenger spielerisch umgehen kann.

Passenger (2026)

The Wailing – Der Tod hat viele Gesichter (2024)

ANGST VORM SCHWARZEN MANN

6/10


© 2024 Film Factory Entertainment


ORIGINALTITEL: EL ILANTO

LAND / JAHR: SPANIEN, ARGENTINIEN, FRANKREICH 2024

REGIE: PEDRO MARTÍN-CALERA

DREHBUCH: PEDRO MARTÍN-CALERA, ISABEL PEÑA

KAMERA: CONSTANZA SANDOVAL

CAST: ESTER EXPÓSITO, MATHILDE OLLIVIER, MALENA VILLA, ÀLEX MONNER, SONIA ALMARCHA, TOMÁS DEL ESTAL U. A.

LÄNGE: 1 STD 47 MIN



Stellt Euch folgende schaurige Szene vor: Da plaudert man per Videocall mit seinem gegenüber, meldet sich dieses mit einer Frage zu Wort, wer denn bei einem selbst auf Besuch sei. Warum, würde man antworten, sei man doch ganz alleine zuhause. Doch wer genau steht denn da in der Tür? Der Schauer läuft bei dieser Entgegnung mit Riesenschritten den Rücken hoch und setzt sich in den Nacken, wir drehen uns um und sehen natürlich nichts, doch da ist eine Präsenz, unser Gegenüber am Display des Computers sieht es ganz genau.

Solche paranormalen Vorkommnisse passieren im argentinischen Paranoia-Horror The Wailing – Der Tod hat viele Gesichter – und ja, alles beginnt mit einem Schluchzen und Jammern, das die Protagonistinnen dieses Films wahrnehmen, dieses aber nicht verorten können, zumindest nicht sofort. Und dann passiert das, eingangs erwähnte Szene, die dunkle Silhouette einer Gestalt ist vage auszumachen, obwohl eigentlich niemand hier sein dürfte, in der Wohnung von Studentin Andrea. Noch schenkt sie diesen Vorkommnissen wenig Aufmerksamkeit, auch wenn ihre Freunde darauf beharren, dass jemand anderes in ihrer Wohnung war. Dieses andere entpuppt sich bald als finstere Entität, als ein personifizierter Fluch, als eine Bedrohung, die sich nur auf digitalen Medien manifestiert, sonst aber unsichtbar bleibt.

Toxischer Verfolger durch die Zeit

Wäre das die ganze Geschichte, hätten wir es mit einem relativ geradlinigen Dämonen- oder Geisterhorror zu tun, in welchem es darum geht, den oder die andersdimensionalen Verfolger abzuschütteln, vielleicht versehen mit einer tiefergehenden Symbolik, die sich in David Robert Mitchells beeindruckender Vergänglichkeits-Allegorie It Follows vorfinden lässt. Doch der Spanier Pedro Martín-Calero hat anderes, hat mehr im Sinn. Nicht der Tod und das Unausweichliche eines Lebensende, das die Existenz im Diesseits stets zum Tanz verführt, ist in The Wailing – Der Tod hat viele Gesichter vorrangig. Schließlich gibt es in Caleros Film noch eine zweite Zeitebene – diese ist zwanzig Jahre vor den Geschehnissen in Südamerika angesiedelt, und zwar in Spanien. Dort stalkt die junge Filmstudentin Camilla im Rahmen ihres Kurzfilmprojektes eine junge Frau namens Marie, die natürlich nicht weiß, wie ihr geschieht. Dabei entdeckt sie auf den Videoaufnahmen diesen alten, blassen Mann in Schwarz, der vielleicht gar den Tod symbolisiert. Oder ist er ein Geist, ein Verstorbener, der Teufel? Im Laufe des Films wird zwar nicht alles deutlicher und klarer, doch dass es hier um epigenetisch übertragene Traumata geht, die von Generation zu Generation tief verwurzelt bleiben und derer sich niemand entledigen kann, wird wohl eher zutreffen als lediglich eine simple Bedrohung, mit denen vielleicht das Ehepaar Warren aus dem Conjuring-Universum klarkommen hätten können. Ich fürchte, bei dieser scheinbar zeit- und raumlos existierenden Macht sind selbst diese beiden mit ihrem Latein am Ende.

Nur vage Vermutungen

The Wailing trägt trotz all seiner punktgenau gesetzten, schaurigen Horrormomente, die für Unwohlsein sorgen, wohl mehr die Charakteristika eines feministischen Mysterydramas um ertragenes Leid ganze Lebensspannen hinweg. Mascha Schilinski hat sich mit In die Sonne schauen Ähnliches zu dieser Thematik überlegt, nur ganz woanders angesetzt. Martín-Calero legt die Ereignisse weniger episch an und reduziert das einwirkende Böse auf einen toxisch-männlichen Aggressor.

Die Dinge auflösen will Calero dabei nicht, vieles bleibt unerklärt, im Dunklen und im Diffusen. Man kann nur erahnen, was es mit diesen Vorkommnissen auf sich hat. Einen Reim darauf, der nicht hundertprozentig schlüssig ist, aber in Frage kommt – den kann man sich dennoch machen. Ob das letztlich die Neugier befriedigt? In jedem Fall bleibt diese obskure Story am Ende jegliche Gefälligkeit ihrem Publikum gegenüber schuldig. Eine Wende mag gerade noch ihren Weg ins Drehbuch gefunden haben, ganz klar ist die Conclusio da aber auch noch nicht.

The Wailing – Der Tod hat viele Gesichter (2024)

Mother’s Baby (2025)

DA IST WAS FAUL IM WINDELSTAAT

7/10


© 2025 Freibeuter Film


LAND / JAHR: ÖSTERREICH, SCHWEIZ, DEUTSCHLAND 2025

REGIE: JOHANNA MODER

DREHBUCH: ARNE KOHLWEYER, JOHANNA MODER

KAMERA: ROBERT OBERRAINER

CAST: MARIE LEUENBERGER, HANS LÖW, CLAES BANG, JULIA FRANZ RICHTER, JUDITH ALTENBERGER, CAROLINE FRANK, NINA FOG, JULIA KOCH, MONA KOSPACH U. A.

LÄNGE: 1 STD 47 MIN


Es schreit nicht, es weint nicht, es schläft so still, dass Mutter meinen könnte, der Allmächtige hätte es zu sich genommen: Babys, zugeschnitten auf die Bedürfnisse der Eltern, die, auf das Schlimmste in der frühen Kindschaft vorbereitet, plötzlich völlig entstresst gar eine Verschwörung vermuten. So könnte man Johanne Moders neuen Film synoptisch übers Knie brechen, der sich vom revolutionsmüden Hipster-Parship aus Waren einmal Revoluzzer verabschiedet hat, um mit dem Genrekino anzudocken. Ganz so wie Andreas Prochaska, der diesjährig mit Welcome Home Baby ganz ähnlich, und doch wieder ganz anders, die Themen der Mutterschaft in einen dörflichen Albtraum verpackt. Das österreichische Horrorkino pulsiert mit diesen beiden Filmen durch den Kino-Herbst, wobei Johanna Moder deutlich weniger ihr Heil im Nachinterpretieren bereits etablierter Versatzstücke sucht. Mother’s Baby will sich bewusst nicht zu blankem Horror bekennen – Verdacht, Paranoia und eine postnatal belastete Psyche sind die Hauptingredienzien für einen Suspense voller Indizien, in dem Marie Leuenberger (Verbrannte Erde, und eben auch mit Stiller im Kino) zwischen ratloser Jungmutter und mutiger Hobby-Detektivin in eigener Sache den gesamten Film auf ihren Blickwinkel reduziert. Das macht uns, ob wir wollen oder nicht, zu Verbündeten, und auch wenn wir uns wundern, was Jungmutter Julia alles vermutet – wir können diesem zusammenfabulierten Netz nur schwer entschlüpfen, schon gar nicht, wenn sich die ganze Welt gegen ein einziges Individuum stellt, dem, wie Kassandra aus der Antike, niemand Glauben schenkt. Auszuhalten ist das nicht – dieser Zustand, allein mit der möglichen Wahrheit.

Das Rundum-Sorglos-Baby

Leuenbergers Figur der misstrauischen Mutter ist jedoch keine gebrochene, kümmerliche, vulnerable Seele ohne Resilienz, sondern ihr eigener Fels in der Brandung, wenn schon Gatte Hans Löw nichts von Julias Verdächtigungen wissen will. Diese fußen aber alle auf klar erkennbaren, seltsamen Verhaltensmustern, die Gynäkologe Claes Bang (genial als Dracula in der zweiteiligen Bram Stoker-Interpretation auf Netflix) und Hebamme Gerlinde an den Tag legen. Als Gerlinde ist hier Julia Franz Richter zu sehen, die in Welcome Home Baby ihrerseits eine werdende Mutter verkörpert, die ähnlich wie Mia Farrow in Rosemary’s Baby wie die Jungfrau zum Kind kommt.

Denn zu Beginn, da ist alles noch froher Erwartung, als Dr. Vilfort seiner Patientin verspricht, das es mit dem Mutterglück diesmal auch wirklich klappen wird. Als es dann nach neun Monaten endlich soweit ist, und die Geburt schwieriger wird als gedacht, entschwindet das Baby ganz plötzlich in den Armen des Arztes dem Blickfeld seiner Mutter – bis auf weiteres. Frühgeburt, Atemnot, Sauerstoffgehalt, all das hört Julia sehr viel später als Begründung. Daheim dann sind die Auffälligkeiten, was das Kind selbst betrifft, unübersehbar. Es ist, als würde sich der Spross den Bedürfnissen der Erwachsenen anpassen, wie eingangs erwähnt tut er all das, um den Eltern eben nicht die schwierigste Zeit des Familienlebens zu bescheren – sondern verhält sich unerwartet geräusch- und bedürfnislos. In Julia keimt der Verdacht, dass hier irgendetwas nicht stimmt, dass das Baby vielleicht gar nicht das ihre ist? Die aufdringliche Hebamme und die Sache mit dem Axolotl als ideales Haustier bestärken nur den Horror im Kopf der Mutter, die dann, auf sich allein gestellt, Ermittlungen auf eigene Faust anstellt.

Verdacht alleine hält lange vor

Mother’s Baby ist wohldosierte Mystery, die lange in der Schwebe bleibt, dabei aber nicht schwurbelt oder ich in unheilvollem Indiziensalat verliert wie Andreas Prochaska in seinem Folk-Grusel. Das Unheimliche hier ist wohl eher schleichende Skepsis und Argwohn, Moder spielt mit der Sorge der Vernachlässigung, der Wucht der Verantwortung und der maternalen Identität. Übertragen wird das Ganze aber nicht, so wie in Die My Love probiert und gescheitert, auf die innere Psyche der Mutterfigur, sondern hinterfragt als bröckelnde Rundumwahrnehmung die Sicht auf die Welt und deren Werte nach einem Paradigmenwechsel, den jede werdende Familie erlebt. Moder hätte beim Psycho- und Gesellschaftsdrama bleiben können, doch die Lust am Kleinkind-Horror, den es nicht erst seit Das Omen gibt, ist einfach zu groß, um nicht darin wühlen zu wollen. So bleibt Mother’s Baby stets greifbar und bodenständig, bürdet sich auch nicht zu viel auf, sondern setzt seinen perfiden, leisen Albtraum als zielorientierte Kritik auf eine Optimierungsgesellschaft in Szene, die vor nichts mehr zurückschreckt.

Mother’s Baby (2025)

Bugonia (2025)

DIE BIENEN HABEN ES SCHON IMMER GEWUSST

7/10


© 2025 Atsushi Nishijima / Focus Features


LAND / JAHR: USA, SÜDKOREA, IRLAND 2025

REGIE: YORGOS LANTHIMOS

DREHBUCH: WILL TRACY, NACH DEM FILM VON JANG JOON-HWAN

KAMERA: ROBBIE RYAN

CAST: EMMA STONE, JESSE PLEMONS, AIDAN DELBIS, ALICIA SILVERSTONE, STAVROS HALKIAS U. A.

LÄNGE: 2 STD


Überall diese Muster

Wie schön es nicht ist, völlig belegfrei im Geflecht von Aktion und Reaktion, von Ursache und Wirkung auf diesem unseren Planeten Muster zu erkennen, wo keine sind. Besten Dank an dieser Stelle ans Gehirn! Einige unserer Mitmenschen sind wirklich gut darin und machen ihre Hausaufgaben, denn wenn man versuchen würde, manch gordischen Gehirnknoten zu lösen, dabei verzweifelt darum fleht, mit diesem Unfug aufzuhören, da Belegbares anscheinend nicht reicht – es würde nicht gelingen. Genauso wenig, wie sich die Existenz eines Gottes weder widerlegen noch beweisen lässt, lässt sich auch bei manch anderen Behauptungen nur schwer über den Tellerrand blicken. In diesem Vakuum aus Belegungsnotstand treibt die üppige Botanik gemeinsam mit unkurierter Paranoia herrliche Blüten, vom Ursprung der menschlichen Rasse, angetrieben durch die Intervention einer uns haushoch überlegenen außerirdischen Spezies über die Deep State-Bestrebungen, den Freimaurern, dem eigentlichen Zweck der Pyramiden (Danke, Roland Emmerich), der Qanon-Blutsaugern, natürlich den Chemtrails, der gefakten Mondlandung, der Biowaffe namens Covid bis zur aktuellen Streitfrage, ob Brigitte Macron nicht doch ein Mann ist – oder, viel schlimmer: vielleicht, wie Michael Jackson, ein Alien.

In Wahrheit ist Elch Emil auch nur ein als Elch getarntes biopositronisches russisches Vehikel, materialisiert in Polen, welches den Osten Österreichs ausgekundschaftet hat, Putin hat schließlich überall seine Augen, Ohren, Geweihe. Man kann bis zum Abwinken dahinschwurbeln, eine Systematik hinter immer wieder auftretenden Zahlen erkennen (die 23!) oder Beweise in der Schublade liegen haben, wonach die Erde in Wahrheit nämlich flach ist – wenn es dann tatsächlich Beweise geben sollte und die Schwurbler lägen richtig, wäre ihr Aufmerksamkeitsdefizit dann plötzlich nicht mehr so pflegebedürftig.

Wir sind nicht allein

In so einem irren Dunst der Wahnvorstellungen – und weil die Bienen es ohnehin schon immer gewusst haben und deswegen stiften gehen – reitet einer wie Jesse Plemons die aalglatte, toughe Geschäftsfrau Emma Stone in eine unangenehme Situation hinein: Schließlich soll sie wie Michael Jackson ein Alien sein, es gibt allerhand Indizien dafür, Wangenknochen, Vorbiss, et cetera. Die weite Reise vom Andromeda-Nebel auf sich genommen, soll sie mit einigen anderen ihrer Spezies die Menschheit längst infiltriert haben. Teddy, Plemons Figur, und der geistig etwas langsame Don haben alles von langer Hand geplant und bringen Michelle, so Emmas Figur, in ihre Gewalt. Eine Audienz beim Imperator will Teddy schließlich erzwingen, um sich der Schattenherrschaft der Aliens zu entledigen. Natürlich hat Michelle keine Ahnung, doch wie belegt man bei einem Verschwörungstheoretiker wie diesen denn die Fakten, ohne dass die Sache nach hinten losgeht? Richtig, nämlich gar nicht. Wie im Laufe dieser unglaublichen Entführung der verrückten Mrs. Stone ebenjene versucht, sich aus den Gehirnwindungen des Teddy herauszumogeln, beschert uns Zuseherinnen und Zusehern den wohl bekömmlichsten, weil geradlinigsten und gefälligsten Film des Exzentrikers Yorgos Lanthimos. Von seinen Anfangswerken wie Dogtooth oder The Lobster – exzentrische, verkopfte, strenge Werke – hat der Grieche Abstand genommen. Das könnte, so vermute ich – und das ist keine Verschwörungstheorie – mitunter daran liegen, dass das Skript gar nicht von Lanthimos stammt, basiert dieses doch auf einem bereits existierenden südkoreanischen Science-Fiction-Film mit dem Titel Save the Green Planet!.

Es wäre wegen den Bienen

Übertragen auf US-amerikanische Bedürfnisse und Ängste, versteht sich Bugonia als geradlinige, direkte und kaum doppelbödige Thrillersatire, die ein lustvolles Ensemble einfach machen lässt. Selbst ich hätte dabei meinen Spaß an der Freude, wenn ich jene Ohrfeige austeilen könnte, die am Ende des wenig zimperlichen Werks mit Schmackes ins Gesicht jedes Verschwörungsschwurblers knallt, der von sich behauptet, als einziger die Wahrheit zu kennen. Ein Fun Fact zum Titel gefällig? Bugonia – bitte nicht verwechseln mit der Begonie – kommt aus dem Altgriechischen und bedeutet Ochensgeburt, was wiederum auf ein antikes Ritual zurückzuführen ist, in dem aus dem Kadaver einer toten Kuh (!) Bienen zu neuem Leben erwachen (nochmal !).

Opfer bringen für eine Zeitenwende, zur Tat schreiten auf kruden Wegen, die sonst niemand beschreitet: Ja, es mag Blut fließen und ganze Tiegel an antihistaminischer Körpercreme verschmiert werden – irgendwann sieht Emma Stone, und das schon relativ früh, tatsächlich aus wie nicht von dieser Welt: wie eine Version von Werner Herzogs Nosferatu wird sie selbst für uns zur zweifelhaften Geheimnisträgerin, die vielleicht doch nicht das ist, was sie vorgibt.

Selbsterfüllende Prophezeiungen

Bugonia macht Spaß, treibt den Teufel kruder Weltbilder durchs Dorf, bevor der Film diese Geißel an die Wand malt, um ihn dann vielleicht zu bannen. Der Stich in die Blase der Verschwörungen ist dann nur ein leises Plopp – wie Lanthimos diese Metapher in seine humorvolle Groteske im wahrsten Sinne des Wortes hineinstrickt, ist elegant, die Optik wie immer so akkurat wie sonderbar, und auch die Schmerzgrenze für quasselnde Alltagsweisen mag nach diesem Film etwas höher liegen – vielleicht deswegen, weil man sich dann wünscht, dass sie allesamt, von den Scheibenweltlern bis zu den Deep State-Enthusiasten – endlich bekommen sollen, was sie verlangen. Dann aber möchten sie alle selbst nicht mehr glauben, was sie denken.

Bugonia (2025)

It Follows (2014)

EXISTENZANGST DER JUGEND

7,5/10


© 2014 RADiUS-TWC


LAND / JAHR: USA 2014

REGIE / DREHBUCH: DAVID ROBERT MITCHELL

CAST: MAIKA MONROE, KEIR GILCHRIST, OLIVIA LUCCARD, LILI SEPE, BAILEY SPRY, DANIEL ZOVATTO, JAKE WEARY U. A.

LÄNGE: 1 STD 40 MIN


Der Tod dauert ein ganzes Leben, und hört dann auf, wenn er eintritt. Dieses Zitat aus dem deutschen Film Bandits mit Katja Riemann und Nicolette Krebitz werde ich wohl den Rest meines Lebens nicht mehr vergessen. Es ist zugleich tröstend als auch warnend. Und impliziert, dass der existenzimmanente Sensenmann jederzeit bereit ist, beim Sprung vom Leben ins Ableben nachzuhelfen, wenn man vergisst, achtsam genug zu sein für die raue Challenge des Lebens, das in David Robert Mitchells beklemmender Mystery mit einer Entität hereinbricht, die den jungen Leuten, die sich hier versammeln, nicht nur ein mulmiges Gefühl beschert. So ist das mit der Teenage Angst, mit dem Erwachsenwerden und der Suche nach einer Geborgenheit, die junge Leute im ausklingenden Teenageralter drauf und dran sind, zu verlieren, um sich eine neue, ganz eigene zu erschaffen. Doch bis dahin…

It Follows scheut sich dabei nicht, sämtliche Themen anzureißen, die andere Highschool-Horrorfilme nicht haben. In den gewaltgeilen Slasher-Countdowns wie Nightmare – Mörderische Träume, Ich weiß was du letzten Sommer getan hast, Scream oder wie sie alle heißen sind vorallem der Einfallsreichtum an Tötungsarten und das Platzieren von Jump Scares stilgebende Parameter für das Gelingen grauenerregender Spannung – und weniger die diffuse Stimmung einer abstrakten, allgegenwärtigen Bedrohung, wie sie hier entspannten Schrittes durchs Bild und auf die Kamera zumarschiert. Niemand würde vermuten, dass es sich hierbei um eine unheilvolle Macht handeln könnte, die es auf Jamie (Maika Monroe) abgesehen hat. Man könnte auch sagen, dieses Etwas, dass seinem Opfer beharrlich folgt, ist entweder Fluch oder metaphysisches Virus, eine kaum zu greifende, ewig existierende Macht, vielleicht gar eine in der Amygdala produzierte Angst, die sich nach außen stülpt in die dreidimensionale Welt, weil Bedrohung plötzlich alles sein kann. Interessant dabei ist der Aspekt, dass dieses Etwas durch Sex weitergegeben wird. Ist das Ganze also doch nur eine Metapher für Aids, Syphilis oder HPV, vielleicht gar ein Warnsignal eines prüden Amerikas, in welchem so einige gesellschaftspolitische Fraktionen gerne sehen würden, dass der Vollzug von Liebe gottgegeben erst nach der Vermählung erlaubt sein darf? Als wäre Sex das Übel der Welt – oder ist dann doch auch noch mehr dahinter?

Die Kraft des Zusammenhalts

Bei Sichtung von It Follows fallen die Metaebenen mit der Tür ins Haus. Mit ihr schieben sich geisterhafte Erscheinungen durch Fenster und Türen, gruselige Riesen, fauchende Kinder, entstellte Mädchen. Den Horror hat Mitchell dezent, aber wirkungsvoll eingefangen, die meiste Zeit aber entfaltet die unbequeme Ruhe vor dem nächsten Erscheinen und die damit einhergehende Machtlosigkeit ob des Mysteriösen die größte Wirkung. Maika Monroe (u. a. TAU, Longlegs) als verängstigte junge Frau schiebt auf effektive Weise Panik, und nein, das ist wahrlich kein bisschen übertrieben. Mitchell hätte dabei leicht zum Zynismus neigen können, doch das tut er nicht. Und darin liegt das Besondere an diesem Film. Seine Figuren sind weder selbst schuld noch verursachen sie anderen Schaden noch vertuschen sie irgendetwas, das vielleicht als moralische Nemesis Tribut fordert. It Follows setzt seinen Schwerpunkt auf die Gruppendynamik und den Respekt einer innigen Peer-Group, die durch Zusammenhalt, Opferbereitschaft und Liebe den finsteren Aspekten einer Existenz trotzen möchte. Mitchell zollt ihnen Respekt, verspricht keine Hoffnungen, macht aber neugierig und entschleunigt seine zwischen Stranger Things und Smile angesiedelte, existenzialistische Gruselgeschichte auf mutige Weise. It Follows ist ein Film, der das Gemüt trifft, der das Unerklärliche feiert, es dabei belässt, und gleichzeitig aber Erklärungen schafft, die das Leben betreffen, fernab von all dem Fantastischen.

It Follows (2014)

The Damned (2024)

IN DER NOT VERFLUCHT DER MENSCH DIE SEE

7/10


© 2024 Vertical


LAND / JAHR: VEREINIGTES KÖNIGREICH, ISLAND, IRLAND, BELGIEN 2024

REGIE: ÞÓRÐUR PÁLSSON

DREHBUCH: JAMIE HANNIGAN

CAST: ODESSA YOUNG, JOE COLE, LEWIS GRIBBEN, SIOBHAN FINNERAN, FRANCIS MAGEE, RORY MCCANN, TURLOUGH CONVERY, MICHEÁL ÓG LANE U. A.

LÄNGE: 1 STD 29 MIN


Kleine Sünden straft Gott sofort, heisst es doch so schon im Volksmund. Für große Sünden schickt dieser oder gar der Teufel die Toten wieder zurück zu den Lebenden als Wiedergänger, um sie in den Wahnsinn zu treiben. Obwohl von Sünden nur eingefleischte Gläubige hinter vorgehaltener Hand zu murmeln wissen, nimmt dieses einem erbarmungslosen Weltgericht unterworfene Gleichnis von üblen Taten und schlechtem Gewissen jene Begrifflichkeit als Kompassnadel für die Chronik eines Wahnsinns, der sich in gespenstischer Isolation irgendwo an der Küste Islands Bahn brechen wird. Schuld sind dabei Menschen, die während eines kargen, entbehrungsreichen Winters um Nahrung ringen müssen – und die sich mehr erhoffen, als nur zu überleben.

Die langen Nächte tauchen die windumtoste Küste in scheinbar ewige Finsternis, im spärlichen Licht des Tages funkelt das Eis und spendet die Illusion eines Reichtums. Als Kaff lässt sich diese karge Ansammlung an Hütten gar nicht mal bezeichnen, und dennoch überwintert hier eine junge Witwe als Bootsbesitzerin, die dieses an eine Handvoll wettergegerbte Fischer verleiht, die wiederum dafür sorgen, dass genug auf den Teller kommt. Eines Tages sieht die kleine Gemeinschaft am Ende ihrer Bucht, wo gefährliche Untiefen herrschen, einen Dreimaster kentern. Wo ein Schiff, da gibt’s meistens auch Besatzung. Die gerettet werden muss, alles andere wäre unterlassen Hilfeleistung und somit nicht nur eine Straftat, sondern moralisch höchst verwerflich. Wo ein Schiff, da gibt es allerdings auch Proviant. Was die Strömung nicht an Land spült, holen sich die Fischer bei Nacht und Nebel. Die Schiffbrüchigen kommen dabei zum Handkuss. Denn schließlich; wer soll all die Mäuler denn stopfen, wenn es nicht mal für jene reicht, die den Winter überstehen wollen? Tage später werden die ersten Leichen angespült. Und mit ihnen kommt das Grauen.

Die Romantik des Mysteriösen

Das alles hört sich so an, als wäre die Vorlage eine des Films von H. P. Lovecraft. Gekonnt verknüpft Autor Jamie Hannigan ein düsteres, nihilistisches Abenteuerdrama mit mythologischem Gothic-Horror, der im Seemannsgarn herumspinnt. Regisseur Þórður Pálsson liefert dazu die atmosphärischen Bilder einer unwirtlichen Landschaft, wie Malereien eines Romantikers – der Wind, die Nacht, der Schnee, der Nebel – all diese natürlichen Parameter aus Meteorologie und Jahreszeit setzen die Bühne für einen Schrecken, der gar nicht mal visualisiert werden muss, da er sich in den Köpfen nicht nur der verfluchten Seelen manifestiert. Das Weglassen plumper Schockeffekte holt sich die Paranoia wie eine ansteckende Krankheit in den Kreis der Verängstigten, die in ausufernd klassischer Dramatik Opfer ihres eigenen Aberglaubens werden.

Stellenweise erinnert The Damned an Robert Eggers schwarzweißen Nautik-Terror Der Leuchtturm. Fans des von der Franklin-Expedition inspirierten Desaster-Abenteuers The Terror werden ihre helle Freude haben. Licht, Stimmung und der Verlust zivilisierter Menschlichkeit sind die Essenz für schaurige Fernwehstiller, die das entlegene Anderswo so ausweglos erscheinen lassen wie der entfernteste Winkel im Universum. Wenn dann noch das Paranormale hereinbricht, von dem keiner weiß, was es ist und sich erst ganz am Ende durch einen erstaunlichen Twist offenbart, wird man gut daran getan haben, diesen Film zu finstersten Stunde des Tages gesehen zu haben, wenn die Kälte durch die Ritzen der Türen und Fenster dringt und der Sommer lange vorbei ist.

The Damned (2024)

Vivarium – Das Haus ihrer (Alp)Träume (2019)

ELTERNSCHAFT ALS ZWANGSARBEIT

7/10


© 2019 Leonine Pictures

LAND / JAHR: BELGIEN, IRLAND, DÄNEMARK, USA 2019

REGIE: LORCAN FINNEGAN

DREHBUCH: GARRET SHANLEY

CAST: IMOGEN POOTS, JESSE EISENBERG, JONATHAN ARIS, SENAN JENNINGS, EANNA HARDWICKE U. A. 

LÄNGE: 1 STD 38 MIN


Auf IMDB schrammt Lorcan Finnegans kosmischer Horror gerade mal an der 6 Punkte-Hürde vorbei. Ein passabler Schnitt bei 81.565 Bewertungen, allerdings nur eben das: passabel. Da wäre noch Luft nach oben, und diese Luft aber will keiner, der Vivarium gesehen hat, so richtig gerne verknappen, denn Filme, die das Bedürfnis des Publikums nach einer geordneten und rational zu begreifenden Welt nicht erfüllen, stoßen durchaus auf Ablehnung. Vivarium ist daher eines im Vorfeld ganz und gar nicht: Ein Wohlfühlfilm.

Es scheint, als hätten Edgar Allan Poe oder H. P. Lovecraft an dieser akkuraten Hölle ihre Ideen beigesteuert, oder besser gesagt: ihre Ängste, die sich in literarischen Visionen längst manifestiert haben. Vermengt mit den Elementen aus den Büchern und Filmen, die uns extraterrestrische Invasionen mit Schmackes veranschaulicht haben, greift das bizarre Szenario nur so um sich. Diesem ausweglosen Alptraum müssen sich, und so viel haben wir, woran wir uns festhalten können, zwei bekannte Gesichter unterordnen. Es sind dies Imogen Poots und Jesse Eisenberg, der zuletzt mit seiner Regiearbeit A Real Pain, ein tragikomischer Herzwärmer, reüssierte. Eisenberg aber ist hier – fast so wie in A Real Pain und auch in der Martial-Arts-Groteske The Art of Self-Defense oder aber in der Männlichkeits-Metapher Manodrome – ein anfangs stinknormaler und fast farbloser bis unsichtbarer Durchschnittsbürger, der im Grunde nichts anders mit sich anzufangen weiß als den Durchschnitt zu leben, den Normalo bar excellence, in dessen Innerem aber der eitle Wahnsinn brodelt. An seiner Seite Filmfreundin Imogen Poots (u. a. 28 Weeks Later), beide möchten als Gemma und Tom ein trautes Heim bald ihr eigen nennen. Immobilienmakler gibt es viele, doch leider müssen die beiden zu ihrem Unglück in jene Filiale reinschneien, die der seltsame Martin betreut. Ein gespenstischer Typ, der psychopathische Witz eines biederen Ladenhüters mit falschem Grinsen und womöglich feuchtem Händedruck. Ihm folgen sie per Automobil in eine abseits gelegene Reihenhaussiedlung, die den Begriff des Reihenhauses auch auf die Spitze treibt. Soweit das Auge reicht ein und dieselben vier Wände, nur ihre tragen die Nummer 9. Während Gemma und Tom sich umsehen, macht sich Martin aus dem Staub. Und wer nun glaubt, das Liebespaar findet den Weg ganz von allein retour, der irrt gewaltig. Sie müssen bleiben, und zwar eine ganze lange Zeit. Es gibt kein Entkommen, solange das seltsame Baby, das plötzlich in einem Pappkarton am Straßenrand liegt, nicht in deren Obhut aufwachsen kann.

What the Fuck? Sehnsüchtig wartet man auf eine Erklärung. Letztlich bleibt man so rat- und hilflos wie Gemma und Tom, die in absoluter Isolation und unter einem seltsam weltfremden Himmel, der aussieht, als wäre er von schlechter KI generiert, dahinfunktionieren. Finnegans Film hält sein Publikum insofern bei der Stange, da er Hoffnung sät. Jede weitere Szene könnte es soweit sein, und die beiden kommen dem Geheimnis auf die Spur.

Vielleicht gelingt es ihnen, vielleicht auch nicht: Verantwortlich für einen der bizarrsten Independentfilme der ausgehenden letzten Dekade zeichnet Garret Shanley – kennt man bereits sein Skript zum Rache-Horror Nocebo mit Eva Green, lässt sich erahnen, wie weit der Autor auch hier gehen wird können. Vivarium ist beklemmend und grotesk, strotzt vor verstörenden Ideen und genießt die Freiheit des fantastischen Kunstfilms, ohne auf das Einspiel Rücksicht nehmen zu müssen. Unter solchen Voraussetzungen erweitert das Kino seine kreative Palette und lukriert dabei ordentlich Courage, den Erwartungshaltungen des Mainstreams entgegenzutreten. Das gefällt nicht jedem, wenn die erzählerische Finsternis mit der Sehnsucht nach rationaler Ordnung Schlitten fährt.

Vivarium – Das Haus ihrer (Alp)Träume (2019)