Wo die wilden Menschen jagen

MÄNNER ALLEIN IM WALD

6,5/10

 

wodiewildenmenschenjagen© Sony Pictures 2016

 

LAND: NEUSEELAND 2016

REGIE: TAIKA WAITITI

CAST: JULIAN DENNISON, SAM NEILL, RIMA DE WIATA, RACHEL HOUSE, TAIKA WAITITI U. A.

 

Was macht eigentlich eine WG voller Vampire die liebe lange Nacht? Wer wäscht das Geschirr, wer bringt den Müll raus? Und überhaupt – was passiert, wenn so ein Untoter statt Blut ganz andere Nahrung zu sich nimmt? Über diese Pseudo-Fakten hat uns der Neuseeländer Taika Waititi vor 5 Jahren relativ augenzwinkernd aufgeklärt – obwohl 5 Zimmer Küche Sarg jetzt nicht durchwegs ein geglückter Film ist. Aber zumindest macht er neugierig. Und neugierig hat mich auch das dritte Abenteuer von Thor gemacht. Der Tag der Entscheidung hat dann noch dazu meine Erwartungen erfüllt – denn so ein Genre und so ein Thema verlangen Künstler, die sich selbst, die Kunstrichtung Film und ihre zu erzählenden Geschichten von Grund auf nicht ganz ernst nehmen. Sie lachen gern darüber, schöpfen bei so einem Budget, wie Marvel es hat, aus dem Vollen und modellieren wie mit Fingerfarben und FIMO zum Beispiel ein reueloses Spektakel zwischen Mythen, Märchen und knallbunten Comic-Panels. Ein großer Wurf, dieses Thor-Abenteuer. Man sollte Waititi für ein weiteres Abenteuer aus dem Avengers-Kosmos verpflichten, aber mal sehen, was da kommt. Irgendwo zwischen dem Vampir-Klamauk und dem Blockbuster-Kino verirrte sich noch ein weiterer Film ins letztjährige sommerliche Outdoorkino, der im regulären Programm keinen Platz finden konnte: die skurrile Tragikomödie Wo die wilden Menschen jagen.

Das erinnert mich an das Kinderbuch von Maurice Sendak – Wo die wilden Kerle wohnen – 2009 verfilmt von Spike Jonze. Aber damit hat Waititi´s Film nichts zu tun. Die wilden Menschen sind in diesem Fall ein alter Grantler und ein kugelrunder Teenie. Letzterer ist das widerborstige Waisenkind Ricky Baker, der bei Pflegeeltern auf dem Land unterkommt. Pflegemama Bella weiß, wie dieser zynische Kleinbürger zu nehmen ist. Ihr Ehemann Hec weiß das nicht, denn der ist ein mürrischer Misanthrop, der sich in der Wildnis Neuseelands zwar auskennt, sozial aber überhaupt nichts am Kasten hat. Wie es das Schicksal leider will, segnet die fürsorgliche Ziehmutter unerwartet das Zeitliche – und der längst eingelebte Knabe Ricky Baker soll wieder zurück ins Heim geholt werden. Das geht natürlich gar nicht, dann also lieber in die Wildnis – und Ricky reißt aus. Dessen Flucht zieht einen ganzen Rattenschwanz an Verfolgern nach sich – von Polizei über Medien bis Fürsorge. Allen voran aber den alten Knurrhahn Hec, der sich, wie kann es wohl anders sein, mit seinem Schützling zwischen Farn, Fluss und Lagerfeuer so richtig väterlich anfreundet.

Eine schöne Geschichte – eine eigenwillige Umsetzung. Aber das ist typisch Waititi´s Handschrift. Wer die Vampir-Kommune und Thor´s Gladiatorenkampf mit Hulk kennt, wird auch bei Wo die wilden Menschen jagen bemerken, dass der Neuseeländer einen deutlichen Hang zur ausgelassenen Spielerei hat. Teilweise wirkt seine Waldkomödie wie ein Beitrag aus dem Kinderfernsehen, von Kindern inszeniert. Dann verbindet Waititi stille Momente der Schönheit mit schwarzem Humor. Seine Figuren sind stets positiv motiviert. Sie sind, auch wenn sie trauern – auch wenn sie wütend oder emotional gebeutelt sind – erfrischend mutig, unbeugsam und rotzfrech optimistisch. Am Ende könnte doch alles gut werden, zumindest ahnt Waititi das. Und es ist ihm auch hier ein Anliegen, das zu vermitteln, auch wenn das Versteckspiel in der Botanik immer knapp am Unglück vorbeischrammt. Was der großartig waldschratige Sam Neill und der trotzige Julian Dennison, den wir als Firefist aus Deadpool 2 kennen, verqueren Situationen alles abgewinnen können, bis gar nichts mehr geht, ist von kindlich-naivem Charme. Wie ein Cartoon für Nerds wie Ricky Baker – leicht zu konsumieren, scherzhaft fabulierend und in der Wahl inszenatorischer Extras abwechslungsreich und originell. Zwischendurch fällt es zwar etwas schwer, sich dauerhaft empathisch an die Fersen der beiden impulsiven Eigenbrötler zu heften, doch den beiden eine glückliche Zukunft zu wünschen wird zu einem echten Anliegen. Und dann freut man sich – wie Taika Waititi, der sichtlich Spaß am Filmemachen hat. Und sein Publikum diesen Umstand auch spüren lässt.

Wo die wilden Menschen jagen

Leave No Trace

MIT DEM RÜCKEN ZUM SYSTEM

8,5/10

 

leavenotrace© 2018 Sony Pictures

 

LAND: USA 2018

REGIE: DEBRA GRANIK

CAST: BEN FOSTER, THOMASIN MCKENZIE, JEFF KOBER, DALE DICKEY U. A.

 

Wir stehen morgens auf für sie. Wir arbeiten für sie. Wir wohnen, leben und essen so, wie sie es wollen. Doch wer sind „sie“? Die anderen? Die, die hinter allem stehen? Also im Grunde das sogenannte „System“? Könnte sein, ist es wahrscheinlich auch, näher geht der lakonische Witwer Will auf die Umstände, die ihn eigentlich zur Flucht antreiben, nicht ein. Seine Flucht, die ist eine Abkehr von einer Welt, so wie die meisten von uns sie wahrscheinlich kennen. Das Ziel? Niemals endgültig, meist vorübergehend, eine Lichtung im Wald, tief in der weglosen Wildnis Amerikas, abseits aller Pfade. Dort lebt Will mit seiner 13jährigen Tochter, gerade mal ein Teenager. Aber die ist belesen, klug, und mittlerweile schon sehr gut darin, ihre Spuren zu verwischen. Sich unsichtbar zu machen, unter all dem Farn, zwischen all den Moosen und morschem Totholz. Will und Tom sind also dort, wo der Wohlstand nicht hinfindet, wo Besitz und Kapitalismus dem Chlorophyll der Blätter und dem Geruch von feuchter Erde weichen muss. Wo die Kunst des Weglassens geschult wird, und der Verzicht des Konsums und all der Dinge, die man eigentlich nicht braucht, der Existenz auf Augenhöhe begegnen lässt. Die Natur ermöglicht uns glasklare Sicht. Sie führt uns näher an das Wesentliche heran. An die Dinge, auf die es ankommt. Ist es das, was Will anstrebt? Und will das seine Tochter auch?

Natürlich. Zumindest denkt sie das. Sie liebt ihren Vater. Schätzt das Leben unter Zeltplanen und zwischen Baumstämmen. Sammelt Pilze und Beeren. Jagd ist kein Thema, also ist der Weg in die Stadt, zumindest ab und an, unabdingbar. Ganz entziehen können sich die beiden Aussteiger den Bequemlichkeiten der Zivilisation dann doch nicht. Denn auch sie ist Teil dieser Welt, so wie das System, die Ordnung, die eine Gesellschaft erst zum Miteinander erzieht, als Gegenentwurf zum Recht des Stärkeren. Und es kommt, wie es kommen muss – der sich verweigernde Lebensstil der beiden bleibt nicht auf Dauer unentdeckt, und das Leben im Wald ist vorläufig zu Ende. Vorläufig, wenn es nach Will geht. Der nicht ruhen kann, sondern wieder nur flüchten will.

Ist es wirklich diese sozialpolitische Ablehnung, die den Eremiten antreibt? Oder ist es ein undefinierter innerer Schmerz? Das lässt sich nicht genau sagen. Viel klarer werden die Dinge aus Sicht des Mädchens erörtert, das zwischen Erwachsenwerden, Existenzangst und Selbstbestimmung umherirrt, bemüht, keine Spuren zu hinterlassen. Aber ist das nicht Teil des Menschseins? Das sind viele Fragen, die das Außenseiterdrama während des Sehens unweigerlich aufwirft. Und nachhaltig wirken lässt. Wie bei Aufbruch zum Mond. Beides Filme, die tief in ihre Figuren eintauchen, ohne sie aber radikal analysieren zu wollen. Debra Granik, sie bleibt stets Beobachterin, versucht auch nicht, für uns zu antworten. Zeigt Optionen, die nicht unbedingt richtig sein müssen. Verurteilt weder das System noch die Flucht davor. Wie frei sind wir wirklich? Und lässt sich die äußere wie innere Freiheit über den Einzelnen hinaus umsetzen? Das ist es, was als große Frage über allem steht.

Vier Jahre nach ihrem hochgelobten und oscarnominierten Sozialdrama Winter´s Bone leiht die Filmemacherin erneut jener Gesellschaft ein Ohr, die als soziale Minderheit abseits der Masse gegen den Strom zu existieren versucht. Die verkümmert, sich verliert, wiederfindet oder vielleicht sogar zufrieden mit dem ist, was sie ist – nämlich eine kleine Welt, die sich einer Enklave gleich rundherum abgrenzt. Nonkonformismus ist hier Granik´s großes Thema, sowie die Mikrokosmen eines Miteinanders, die funktionieren können oder auch nicht. So beschreibt Granik sowohl den Alltag in der Wildnis als auch die Grauzone der Resozialisierung oder die autarke Gemeinschaft einer Wohnwagensiedlung fernab staatlicher Pflichten. Leben geht auch ganz anders.

Leave No Trace basiert auf dem Buch von Peter Rock, und dieses wiederum auf wahren Begebenheiten. Der Film ist beeindruckend und tiefgründig, und hat eine ganz eigene Aura. Ruhig und introvertiert, niemals aufdringlich oder allzu elegisch. Die Gefahr, ihre Protagonisten unnahbar erscheinen zu lassen, umgeht Granik mit dem Geschick einer Dokumentarfilmerin, die respektiert und fasziniert, was sie sieht, ihre eigene Meinung aber zurücknimmt, um dem Zuschauer die Möglichkeit zu geben, näherzutreten. Und dann bin ich nah genug dran, und Will und Tom sind greifbar, von allen Seiten. Natürlich verdanken wir diesen Umstand nicht nur der Regie – Ben Foster lässt den getriebenen Einsiedler Will zwischen Weltekel und Soziophobie mit dem unerfüllbaren Wunsch ringen, doch Teil von etwas Ganzem zu sein. Thomasin McKenzie als dessen Tochter ist die Entdeckung des Jahres – ihr scheuer Blick, die Bereitschaft, sich Neuem zu nähern und die Sehnsucht nach Beständigkeit ist in jeder Szene fühlbar, bishin zu unterdrückten Tränen. Die Wegscheide zwischen Vaterliebe und eigenen Perspektiven schmerzlich klar umrissen. Dass die 19jährige Neuseeländerin für ihr nuanciertes Spiel neben Granik´s Regie nicht für den Oscar 2019 nominiert ist, enttäuscht mich dann doch.

Leave No Trace erreicht seine filmische Größe durch eine wohl komponierte Kunst des Verzichts, des Fokus aufs Wesentliche und einer Kraft, die in seiner Ruhe innewohnt. Und den scheinbar assoziativ gestellten Fragen, die uns Lebensentwürfe neu überdenken lassen.

Leave No Trace

Peter Hase

WICKEL MIT KARNICKEL

5/10

 

Peter Rabbit (James Corden) in Columbia Pictures' PETER RABBIT.© 2018 Sony Pictures GmbH

 

ORIGINAL: PETER RABBIT

LAND: AUSTRALIEN, GROSSBRITANNIEN, USA 2018

REGIE: WILL GLUCK

MIT DOMNHALL GLEESON, ROSE BYRNE, SAM NEILL, MARGOT ROBBIE (STIMME), DAISY RIDLEY (STIMME), U. A.

 

Mein Name ist Hase, und ich weiß von nichts. – Stimmt, dieser Hase weiß wirklich von nichts. Er weiß nicht mal, dass er gar kein Hase, sondern ein Kaninchen ist. Hasen haben eine ganz andere Physiognomie und sind obendrein Einzelgänger. Kaninchen natürlich nicht. Und an dieser Verwirrung ist womöglich einzig und allein die Übersetzung schuld, denn Peter Rabbit im Original bezieht sich eigentlich auf ein Kaninchen, während Hasen als Bunny bezeichnet werden. Peter Kaninchen klingt aber nicht so gut, schon gar nicht zu Ostern – denn da ist der Film in den Kinos erschienen. Also Hase, obwohl alle lieber ein Kaninchen hätten, weil sie einfach kuscheliger, gesellschaftsfähiger und so herzzerreissend süß herumhopsen. Wenn das dicke, blumenbewährte Hinterteil über die Wiese koffert, will jedes Kind so ein Tierchen haben. Aber was heisst da jedes Kind – ich liebe Nager, hatte sogar ein dreifärbiges Kaninchen, dessen hasenschartiges Konterfei sogar mal in einer Zeitschrift veröffentlicht wurde. Man sieht, ich kann mich für Meister Schlappohr so richtig begeistern. Für den martialischen Gemüsekrieg zwischen Wald, Wiese und Flur, den der Film Peter Hase verspricht,  allerdings weniger.

Dabei ist Peter Hase die Verfilmung eines Kinderbuchklassikers, der von Beatrix Potter kurz nach der Wende zum 20sten Jahrhundert verfasst und illustriert wurde. Letztere kennt womöglich jeder, der sie sieht. Eingekleidete Tiere des Waldes, detailverliebt gezeichnet. War nur eine Frage der Zeit, wann hier die Tricktechnik zuschlagen würde – und den Charme der Vorlage ziemlich aussen vor lässt. Kein Zweifel, die dicken Dinger sind großartig animiert, das ist State of the Art. Am Liebsten ist mir dieser Frosch im Frack, der am Weiher sitzt und angelt – das ist so ein schönes, altes Fabel-Motiv aus der Spätromantik. Was wäre, wenn ein ganzer Film eine solche Fabel wäre – so in richtig nostalgischer Montur, zwischen Hase und Igel, mit Reineke Fuchs, Isegrim und Adebar? Leider ist es das nicht geworden, und Regisseur Will Gluck hat auf Basis der kauzig-idyllischen Anekdote Potters ein Provinzmärchen für die ganze Familie in den Vorgarten gepflanzt, die, auf Spielfilmlänge aufgeblasen, eine völlig uninspirierte Geschichte zum Besten gibt. Die literarische Vorlage reicht gerade bis zum Ableben des griesgrämigen Mr. McGregor (herrlich bis zur Unkenntlichkeit wutverzerrt und backenbärtig: Sam Neill), und danach ist es auch schon vorbei mit der heimeligen Ungemütlichkeit. Irgendwann verschlägt es Neffe McGregor aus London ins britische Outback, der nämlich das Anwesen vor der Nase unserer kleinen Kaninchenfamilie erbt und von allem, was jenseits seines Lattenzaunes kreucht und fleucht, genauso wenig Näheres wissen will als sein verblichener Onkel.

Die Ursache für den ausgelebten Hass des versnobten Rotschopfs gegenüber befellten Vierbeinern bleibt ein Rätsel, auch das ausartende Hin und Her verkommt zur Mäusejagd, die wir in nämlichen Film aus den 90ern bereits schon kennengelernt haben. Irgendwann, und so ziemlich bald, verlieren Geschosstomaten, Stromzäune und Dynamit seinen ohnehin geringen Reiz, die Autorin der kecken Kurzgeschichte über den Nager im blauen Hemd würde sich ziemlich wundern, was aus ihren Ideen geworden ist. Mit Ausnahme der liebevoll animierten Tiere bleibt ausser einer herumeiernden Romanze und den brachialen Krieg Mensch gegen Tier nicht viel über. Da hat der Trailer deutlich mehr versprochen, mehr Witz und eben auch Charme, den man mit dem Potenzial von sprechenden Tieren locker ausbauen kann. Domnhall Gleeson ist völlig nebenbesetzt, dafür ehrt Rose Byrne Künstlerin Beatrix Potter mit einer kleinen Hommage und den Illustrationen von einst.

Peter Hase hätte richtiges gutes Familienkino werden können. Liebevoll, aufrichtig und mit augenzwinkerndem Witz. Leider nur in wenigen hellen Momenten, doch wer sich an pummeligem Streichelzoo erfreuen kann, ohne sonst viel nebenher einzufordern, hat womögich die Glückseligkeit eines Hasens, der von nichts etwas weiß.

Peter Hase

Die kleine Hexe

SO GEHT MÄRCHENKINO

8/10

 

kleinehexe© 2018 Constantin Film

 

LAND: DEUTSCHLAND, SCHWEIZ 2018

REGIE: MICHAEL SCHAERER

MIT KAROLINE HERFURTH, SUSANNE VON BORSODY, AXEL PRAHL (STIMME) U. A.

 

Wenn der Räuber Hotzenplotz durch den finsteren Tann streift, oder das kleine Gespenst unter den Dachbalken spukt, wissen lesefreudige Kinder, dass sie all diese phantastischen Welten dem deutschen Autor Otfried Preußler zu verdanken haben. Der gebürtige Tscheche hat Motive der Märchen- und Fabelwelten auf gutmütige Art und mit voller Herz und Seele in vergnügliche, humanistische Erzählungen verpackt. Was daraus entstanden ist, sind zeitlose Klassiker, die zwar die Welt sehr wohl aus Hell und Dunkel darstellen, aber das Gute triumphieren lassen. Vor allem das Gute zwischen den Menschen. Oder zwischen den Menschen und den Wesen, die diese traumartigen Welten bevölkern. Eines davon ist eine kleine Hexe, die mit ihrem sprechenden Raben Abraxas tief im Wald in einem pittoresk eingerichteten Hexenhaus darauf wartet, zur Walpurgisnacht auf den Blocksberg eingeladen zu werden. Leider vergebens, denn mit ihren 127 Jahren ist die kleine Hexe noch viel zu jung. Und auch viel zu gutherzig. Das wissen die alten, krummnasigen Weiberleut´, die das arglose Medium des Waldes auf die Probe stellen wollen. Ein Jahr hat es Zeit, alle Sprüche aus einer gigantischen Schwarte von Buch auswendig zu lernen. Um dann zur Prüfung anzutreten. Doch statt zu pauken, sind dem Hexlein die Sorgen der Menschen deutlich wichtiger. Was macht das Gutsein wirklich aus, fragt sich die langnasige, rothaarige Budenzauberin mit dem kecken Grinsen – und stellt natürlich fest, das Gutes zu tun deutlich mehr Spaß macht als so zu sein, wie frau als Hexe zu sein hat.

Preußlers Bücher leben von der Natürlichkeit und der Herzlichkeit seiner Helden. Um Verfilmungen des Autors auch ungefähr so hinzubekommen, dafür bedarf es einer Rückkehr zum guten alten Märchenkino. Und damit meine ich das Märchenkino der späten Siebziger oder frühen Achtziger, vorwiegend aus Tschechien oder Deutschland. Liebevoll ausgestattete Geschichten voll naivem Charme und längst ohne Anspruch, fotorealistisch genau alles Magische bebildern zu wollen. Echt muss es sich anfühlen, vielleicht sogar ein bisschen unbeholfen, kauzig und mit viel Platz für die eigene Fantasie. Da haben Computertricksereien und Kamerafahrten deluxe überhaupt nichts verloren. Regisseur Michael Schwaerer blickt zurück nach vorne, putzt sein Hexenfilmchen mit allerlei hübschen Details auf und wählt einen ganz speziellen Stil des Retro-Kinos, der ganz hervorragend dafür geeignet ist, das Genre des mitteleuropäischen Märchenfilms zu bebildern. Ich kann zwar noch nicht behaupten, dass ich hier einen fabulierfreudigen, leidenschaftlichen Trend ausmachen kann, aber genauso eine ähnliche Filmsprache hat schon Johannes Naber für seine 2016 veröffentlichten Verfilmung von Wilhelm Hauffs Märchen Das kalte Herz verwendet. Spezielle Welten, in denen sich das Sandmännchen in lupenreinem Stop-Motion wohlfühlen soll. Die zu den Träumen passen, die wir als Kinder gehabt haben. Voller Ecken und Kanten, unvollkommen, aber beseelt bis in die Fingerspitzen.

Auch Karoline Herfurth scheint diese Magie zu spüren. Sie weiß ihre kleine Hexe mit Leidenschaft zu verkörpern, voll kindlicher Neugier, voll der Unsicherheit und voller Sinn fürs Gute. So reitet sie auf Besen wie Harry Potter, zaubert fast unbemerkt vor sich hin wie Mary Poppins und albert rotzfrech herum wie Pippi Langstrumpf. Ihr zur Seite der sprechende Rabe, weit entfernt von sterilem CGI, oder wenn, dann nur ein bisschen. Dafür mit der Inperfektion einer bewegten Puppe, die aber durch die Gegend wackelt und flattert wie zu Ray Harryhausen´s besten Zeiten. ich sage nur: die goldene Eule aus Kampf der Titanen.

Die kleine Hexe ist vor allem durch Herfurth´s Spielfreudigkeit und der schönen nostalgischen Knusperhaus-Optik ein beglückendes und berauschendes kleines Erlebnis, nicht nur für Kinder, sondern auch für deren Eltern, die wissen wollen, wie gut pädagogisch wertvolles Literaturkino aussehen kann. Heia Walpurgisnacht!

Die kleine Hexe

Swiss Army Man

ZOMBIE FÜR ALLES

6,5/10

 

swissarmy

LAND: USA 2016
REGIE: DANIEL KWAN, DANIEL SCHEINERT
MIT PAUL DANO, DANIEL RADCLIFFE

 

Ein Furz geht um die Welt. Na gut, nicht um die Welt, dafür aber legt er eine ganz schöne Strecke zurück. Und dazu noch übers Meer. Welch ein Glück, dass der auf einer einsamen Insel gestrandete Schiffbrüchige namens Hank noch Zeichen und Wunder erlebt. Dieses Wunder erscheint in Gestalt einer Leiche, die über unerhört und unüberhörbar kraftvolle Flatulenzen verfügt. Wer nicht schon jetzt den Kinosaal verlassen oder den Film im Heimkino abgebrochen hat, wird vermutlich wissen wollen, was es mit diesem Phänomen auf sich hat. Eines kann ich gleich vorwegnehmen: Schlau wird keiner daraus. Dabei ist dieser bizarre Auftakt eines der wohl bizarrsten Filme der letzten Zeit erst der Anfang von noch mehr surrealen Begebenheiten, die zwischen Vorstellung und Realität, sofern es denn eine gibt, lange keine Grenze ziehen.

Für all jene, die irgendwann mal gerne ins Theater gegangen sind oder immer noch gehen, und Freunde des absurden Theaters sind, werden mit Sicherheit an Swiss Army Man Gefallen finden. Oder sich zumindest interessiert zeigen. Absurdes Theater – das ist so was wie Warten auf Godot oder Endspiel von Samuel Beckett. Zwei-Personen-Stücke, die eine seltsame Welt jenseits nachvollziehbarer Ordnung zeigen. Meist warten diese Personen – gescheiterte, gestrandete, devote Seelen – auf den Moment der Erlösung. Auf den Tod, auf das Paradies, auf jemanden, der da kommen mag. Und während sie warten, entspinnen sich Rollenspiele, wechselt Erniedrigung und Hass mit Hoffnung und Zuversicht. Schlussendlich bleibt aber der Stillstand. In der absurden Groteske von Daniel Kwan und Daniel Scheinert, die sich als Duo einfach nur Daniels nennen, sind es nicht Hamm & Clov oder Vladimir & Estragon, sondern Hank und Manny. Wobei Manny, gespielt vom äußerst talentierten Daniel Radcliffe, so was wie ein Zombie zu sein scheint. Immerhin ein Zombie, der keinen Hunger leidet und so funktioniert wie ein Schweizer Taschenmesser – daher auch der Titel des Films. Die Leiche, die der Überlebende Hank fortan mit sich durch die Wildnis schleppt, entwickelt im Laufe des Films immer mehr Extras. Waren es zu Beginn nur Darmwinde, taugt der blasse Kompagnon als Axt, Wasserspender, Kompass und Gesprächspartner. Denn ja – sprechen kann er dann auch noch.

Zuerst ergibt Swiss Army Man überhaupt keinen Sinn. Schwierig, in die Gedankenwelt der lebenden und der halbtoten Person einzudringen. Schwierig auch, sich den Eskapaden der beiden zu entziehen. Und das, obwohl verdammt viel philosophiert wird. Natürlich über Leben, natürlich über den Tod, und vor allem über die Hoffnung auf Zweisamkeit. Wie bei Beckett verbirgt sich hinter dem phantastischen Zynismus der Mensch in seiner verletzlichen Nacktheit und seiner einzigen und immerwährenden Suche nach Nähe und Erfüllung des Daseins. Nach Anerkennung und Geborgenheit. Mit Manny, dem Zombie für alles, schafft er sich zumindest inmitten von Zivilisationsmüll eine Illusion der erfüllten Sehnsüchte. Aber ist Manny nicht im Endeffekt der Glücklichere? Ist nicht der Tod das bessere Leben?

Swiss Army Man ist eine beherzte, zum Fremdschämen überzeichnete Allegorie über Sein und Nicht-Sein und ein kruder Diskurs über den Willen zu einem erfüllten Leben, am Besten ganz allein. Das klingt jetzt feingeistig, stellt sich aber in den Bildern, die uns die beiden Daniels bescheren, bei Weitem nicht so da. Da ist der Existenzialismus auf der Bühne schon eleganter definiert – im Kino, und vor allem hier, zwischen Nirgendwo und Irgendwo, erfüllt die plumpe, oft derbe Clownerie nur bedingt seine Aufgaben. Dennoch – Paul Dano und Daniel Radcliffe dürfte es egal sein, ob im Theater oder auf der Leinwand – ihre Welt ist sowohl da als auch dort eine andere.

Swiss Army Man

Pathfinder – Fährte des Kriegers

KARL UND DIE STARKEN MÄNNER

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pathfinder

Einige hundert Jahre nach dem Zerfall und Untergang des Römischen Imperiums, und nachdem das Reich der Franken die Vorherrschaft über Westeuropa übernommen hat, erstarkte eine ganz andere drohende Gefahr aus dem kalten Europa – die Nordmänner. Oder Wikinger, je nachdem wie man sie nennen möchte (nur selbst haben sie sich nie so genannt). Und ja, sie waren böse, furchtlos, blutrünstig und überhaupt sowas von gar nicht menschlich. Diese Normannen haben schon die Küsten rund um das kleine, uns wohlbekannte gallische Dorf heimgesucht, um herauszufinden, was wirklich Angst bedeutet. Keiner hat das Klischee der marodierenden wilden Horde so herrlich durch den Kakao gezogen wie René Coscinny. Wobei das Klischee tatsächlich seinen wahren Kern hat – die Wikinger haben wirklich und wahrhaftig kaum einen Stein auf dem anderen gelassen. Und ja, sie drangen sogar bis an die Ostküste Nordamerikas vor.

Diese Tatsache hat Marcus Nispel, Regisseur der kolossal misslungenen Neuauflage von Conan, wohl sehr beschäftigt. Nur – seine eigenen Überlegungen dazu musste er hintenanstellen. Die freie Interpretation eines norwegischen Filmes gleichen Namens aus dem Jahr 1987 folgt ausgetretenen Pfaden. Die Normannen unter Nispel´s archaisch bebilderten Regie sind plakative, finstere Geschöpfe der Unterwelt. Finsterer und verzerrter lässt sich ein Volk wohl kaum darstellen. Da sind die Orks aus Tolkiens Mittelerde ja geradezu friedliebende Gesellen. Obwohl – wie Orks kommen die gehörnten Bartträger tatsächlich daher. Und zu Beginn des Filmes weiß man erst nicht, ob man es mit invasorischen menschlichen Seefahrern oder phantastischen Kreaturen zu tun hat. Phantastisch deswegen, weil das Kostümdesign von Pathfinder wohl das Beeindruckendste ist, was der Streifen zu bieten hat, vorausgesetzt, man erhascht einen Lichtblick in diesem finsteren, regen- und nebelverhangenen Gemetzel aus grobkörnigen, dunklen Bildern und wuchtigen, axt- und schwertschwingenden, mit Fellmäntel behangenen Riesenbabys. Die gehörnten Helme, schartigen Schutzvisiere und sonstigen Rüstungsteile könnten aus der Designwerkstatt Peter Jacksons entliehen worden sein. Inmitten dieser Muskel- und Schlachtenschau gibt „Pille“ Karl Urban einen leicht bekleideten Helden, der zugänglicher scheint als Arnold Schwarzenegger oder Jason Momoa als lakonischer Muskelprotz Conan. Wenn man Urban in den Filmen der Neuauflage von Star Trek zusieht, wie er Dr. McCoy Leben einhaucht, kann man sich kaum vorstellen, dass dieser pessimistische Neurotiker tatsächlich mal sowas wie einen martialischen Halbindianer gespielt haben soll. Nun – er hat, und das gar nicht mal so schlecht. Obwohl der Film auch nicht viel mehr als das inhaltliche Spektrum eines B-Movie zulässt. Da bleibt außer Rennen, Retten, Kämpfen und Flüchten in fahlem Zwielicht nicht viel über. Da kann auch Moon Bloodgood als Reserve-Pocahontas nichts daran ändern.

Pathfinder – die Fährte des Kriegers ist grob geschnitztes Kino für leicht angetrunkene, bierbäuchige Mittelalterfans, die ihre Erlebnisse vom letzten Ritterfest nochmal gehörig ausklingen lassen wollen.

Pathfinder – Fährte des Kriegers