Hope (2026)

ALIENS MIT WUT IM BAUCH

5/10


Jung Ho-yeon als wehrhafte Polizistin in Hope
© 2026 Polyfilm


LAND / JAHR: SÜDKOREA 2026

REGIE / DREHBUCH: NA HONG-JIN

KAMERA: HONG KYUNG-PYO

CAST: HWANG JUNG-MIN, ZO IN-SUNG, JUNG HO-YEON, UM MUN-SUK, ALICIA VIKANDER, MICHAEL FASSBENDER, TAYLOR RUSSELL, CAMERON BRITTON U. A.

LÄNGE: 2 STD 40 MIN



Ein bisschen brennen die Zwiebeln. Letzten Sonntag ging das renommierte Slash Filmfestival nämlich zu Ende. Andererseits: Endlich wieder mehr Zeit, um sich anderem zu widmen, wie zum Beispiel dem Schreiben von Reviews. Ich gehe das Ganze chronologisch durch und bin eben bei Hope gelandet, dem wohl meist erwarteten Film des ganzen Festivals. Ein wuchtiges Action-Brett der Science-Fiction, uraufgeführt in Cannes und sehr bald auch regulär im Kino zu sehen.

Diese Erwartungshaltungen, die mit so manchen Werken einhergehen, ohne ihnen von der Seite zu weichen, legen auch ohne inszenierten Hype die Latte hoch – und oft passiert es, dass die Vorfreude einem gewissen Wohlwollen weicht, das mit einer Ernüchterung klarkommen muss, die man nicht wegreden kann.

Es muss nicht immer Metropolen treffen

Hope ist ein zweischneidiges Schwert, die eine Seite scharf geschliffen, die andere stumpf, und zwar so, als hätte man ausgiebig auf irgendetwas eingedroschen. Vom Eindreschen verstehen die fremdartigen Wesen in diesem Spektakel übrigens ziemlich viel. Und alles beginnt, als hätte Matt Reeves Cloverfield Sehnsucht nach dem fernen Osten.

Aller Anfang ist eine tote Kuh, die auf der Landstraße liegt. Wodurch dieses arme Nutztier das Zeitliche gesegnet hat, darauf kann sich keiner einen Reim machen. Nächstliegende Annahme: Ein Tiger treibt in den Wäldern sein Unwesen, doch das stellt sich als müder Versuch heraus, all das Unnatürliche zu erklären, das sich in niederschmetternden Ereignissen immer weiter und weiter hochschraubt.

Alle sind wir gleich schlau

Es gibt diese drei Ausgangslagen im Geschichtenerzählen – je nachdem, wovon sie handelt, kann das Publikum genauso viel wissen wie der Protagonist, weniger als dieser und deutlich mehr. Zu Beginn sind wir genauso schlau wie der um sein Leben rennende und keuchende und in totalem Extremzustand befindliche Polizeibeamte Bu-Seok, der seiner Pflichterfüllung auch unter widrigsten Umständen folgt.

Na Hong-Jin (The Yellow Sea, The Wailing – Die Besessenen) spielt – und das macht Monsterfilme wie diese so interessant – die Suspense-Karte aus. Er enthält uns den Aggressor lange Zeit vor – bis die Katze aus dem Sack hüpft und der atemlos inszenierte Wahnsinn mehrere Zähne zulegt. Was dem Filmemacher dabei gelingt, gerät zum Besten, was das asiatische Actionkino derzeit zu bieten hat.

Extraterrestrische Tobsucht

Diese geballten knapp 60 Minuten sind ein Schulbeispiel dafür, wie man Bewegung, Zerstörung und psychologisches Drama ineinander verzahnt, um eine Katastrophe nicht nur zu behaupten, sondern sie auch fühlbar werden zu lassen. Mit diesem Wow in Gedanken und auf den Lippen gelangt man aber nicht bis ganz an das Ende dieses energiegeladenen Reißers, der auf Kosten des Pacings gerade dann eine Pause einlegt, wenn sich viele dafür entscheiden, abzuspringen oder dranzubleiben. Sitzt man im Kino, bleibt man natürlich dran. Denn nicht nur Hope ist Schauplatz des Geschehens, sondern auch der Wald. Auf diese Weise zerfällt Hope in zwei Teile, die dann am Ende wieder zueinanderfinden, zwischendurch aber seltsam unverbunden wirken.

Gleich ein ganzes Universum

Na Hong-Jin hat sich sichtlich inspirieren lassen von anderen, international renommierten Filmemachern wie James Cameron, der mit seinem Avatar-Universum nun schon in die dritte Runde ging, und abgesehen von wieder mal grandiosen Schauwerten auf der Stelle trat. Na Hong-Jin, der seit 10 Jahren keinen Film mehr gemacht hat, dürfte diese Möglichkeit, ein ganzes Universum loszutreten, so sehr gereizt haben, dass nun das passiert ist: Ein vollkommen unfertiger erster Film, der ganz bewusst alles, was die Story zu erzählen hat, offen lässt. Wie das Fragment einer abgestürzten fliegenden Untertasse hängt dieser Science-Fiction-Himmelskörper zwischen den Ästen. Mit ihm all diese mächtigen, riesigen extraterrestrischen Gestalten, die ihr Äußeres verändern können und die in humanoider Gestalt von Alicia Vikander und Michael Fassbender gespielt werden, per Motion-Capture, wie Zoë Saldana und Sam Worthington auf dem Planeten Pandora. Selbst diese Kreaturen wirken teilweise unfertig, nicht ganz durchdacht. In tierischem Zustand gelingt das besser.

Die Ernüchterung kommt zum Schluss

Mit dieser Entscheidung und einer angerissenen Lore, die völlig sinnlos Minuten vor dem Ende tiefer in die Welt der Aliens eintauchen will, nimmt sich Hope die Chance, ein einmaliges und in sich rundes Kino-Phänomen zu werden. Wie eine Geode, die entzweibricht, erhalten wir nur eine Hälfte, bei der anderen ist nicht mal fix, ob sie sich noch finden lässt. Zweieinhalb Stunden wären Zeit genug gewesen, sich als Parabel auf menschliche Xenophobie zu konzentrieren. Stattdessen vergeudet Na-Hong-Jin immer wieder Zeit damit, das Actionfass zum Überlaufen zu bringen und sich mit den Verdauungsproblemen eines Augenzeugen aufzuhalten, nur um komisch zu sein. Fragt sich nur, wofür. Wofür dieses Timing?

Hope verpasst nicht den Absprung, sondern springt zu früh ab. Wohin die Reise ohne uns geht, bleibt unbekannt. Wie unbefriedigend, Dinge wie diese nicht zu Ende zu bringen.

Hope (2026)

Mayday (2026)

AUFWÄRMEN IM KALTEN KRIEG

7/10

 

Maria Bakalova, Kenneth Branagh und Ryan Reynols auf der Flucht in Mayday
© 2026 Apple

 

LAND / JAHR: USA 2026

REGIE / DREHBUCH: JOHN FRANCIS DALEY, JONATHAN GOLDSTEIN

KAMERA: BARRY PETERSON
CAST: RYAN REYNOLDS, KENNETH BRANAGH, MARCIN DOROCIŃSKI, MARIJA BAKALOWA, DAVID MORSE, CLARK JOHNSON, WENDY CREWSON, LOUIS CANCELMI, JOSH HAMILTON U. A. 

LÄNGE: 1 STD 50 MIN



Russland ist ein schönes Land, ho ho ho ho ho… Wie ging noch gleich dieser alte Hadern aus den Siebzigern von Dschingis Khan? Das Lied nennt sich Moskau und irgendwie hört man beim Betrachten des Films Mayday ganz fern im Oberstübchen diese Melodie mitsamt der kitschigen Lyrics.

Die politische Buddy-Komödie im Wandel der Zeit

Was einem noch dazu einfällt? Arnold Schwarzenegger. Der hat in den Achtzigern in Walter Hills Red Heat einen Haudegen namens Ivan Danko gegeben. Na klar, der Ivan! Auf ein Packerl, wie man auf gut österreichisch sagt, muss er sich im Laufe der verzwickten Handlung mit James Belushi hauen, der natürlich, mental völlig anders geartet als der Russe aus dem Kalten Krieg, das ganze krasse, liberale und sündige Amerika verkörpert. Das Feindbild Nummer eins also, und dennoch müssen beide Mächte, symbolisiert durch bekannte Gesichter, an einem Strang ziehen.

Das war vor 38 Jahren! Hat sich also irgendetwas zwischen Russland und Amerika verändert? Nicht, wenn man die Zeit zurückdreht. In diesem Fall machen das John Francis Daley und Jonathan Goldstein (Dungeons & Dragons: Ehre unter Dieben), die auch noch gleich das Drehbuch dazu geschrieben haben – aus einem Guss ist immer besser. Wir schreiben das Jahr 1987, ein Jahr später wird Schwarzeneggers Ivan-Figur die Leinwand stürmen, und der Dekaden-Blockbuster schlechthin, nämlich Top Gun, ist auch ein Jahr nach seiner Kinopremiere immer noch in aller Munde.

Hilf dir selbst, sonst hilft dir der Russe

So viel Eier wie Tom Cruise hat auch Ryan Reynolds. Er ist Troy „Assassin“ Kelly, ein Fliegerass natürlich, und einer, der weiß, wie man Risiken eingeht. Bei einer Spionagemission wird dieser jedoch vom Himmel geholt und landet mehr oder weniger kopfüber im russischen Forst.

Welch ein Glück, dass Brite Kenneth Branagh gleich in der Nähe weilt. Der gibt diesmal, sichtbar weniger Muki-Bude und knallharte Mine, das Abziehbild eines rustikalen Waldschrats weitab vom Schuss, der als ehemaliger russischer Geheimagent der Einsamkeit frönt. Irgendwie muss Kelly wieder freundliches Terrain erreichen, und so wie in Red Heat muss der ami-begeisterte Ex-KGB-Profi mit dem „Feind“ gemeinsame Sache machen, wenn er seine Haut retten will.

Der Shakespeare-Afficionado mal ganz anders

Wer hätte gedacht, dass Kenneth Branagh so viel Spaß an dieser Rolle hat? Und wer hätte gedacht, dass dieser Rauschebart den ganzen Film lang hält? Ich jedenfalls nicht. Umso mehr macht es Laune, den unscheinbaren Gutmenschen aus der Tundra dabei zuzusehen, wie er seine Fäuste schwingt und zwischendurch auch mal über die Lage der Nationen nachdenkt.

Branagh kann also Actionkomödie und nicht nur Shakespeare (oder Harry Potter). Über Ryan Reynolds situationskomisches Talent braucht man aus meiner Sicht kaum streiten. Die Ulknudel kann er wie John Cena, und dennoch bleibt auch er zwischendurch aufgeräumt ernsthaft bei der Sache, wenn Menschenleben auf dem Spiel stehen.

Fast schon sowas wie Lachgarantie

Diesen Mix, den Walter Hill damals so gut konnte – eben zwischen kerniger Action und Bromance – den hat man lange vermisst. Mit Mayday kehrt das Retro-Kino, auch wenn sich der Film stilistisch nicht Retro anfühlt, zumindest aus konzeptioneller Sicht zurück.

Lachen ist in Mayday also nicht nur für unsereins als zusehende Partei in Zeiten wie diesen richtig gesund, und auch die versöhnliche Tonalität unterstreicht die cartoonhafte Annäherung zwischen West und Ost. So einfach kann es gehen, und das Streaming-Kino zelebriert die unbekümmerte Naivität handwerklich solider Hemdsärmeligkeit aus einem medienreduzierten Damals, als man noch die Wählscheibe drehen musste.

Mayday (2026)

Passenger (2026)

DÄMONEN IM STRASSENVERKEHR

7/10


© 2026 Constantin Film Österreich


LAND / JAHR: USA 2026

REGIE: ANDRÉ ØVREDAL

DREHBUCH: T. W. BURGESS, ZACHARY DONOHUE

KAMERA: FEDERICO VERARDI

CAST: LOU LLOBELL, JACOB SCIPIO, MELISSA LEO, JOSEPH LORENZ, TONY DOUPE U. A.

LÄNGE: 1 STD 34 MIN



Un-menschliche Verhaltensweisen

Warum nur entfernt man sich des Nächtens während eines Autostopps meterweit vom Auto in den Wald hinein, wenn doch weit und breit niemand die Idylle der Straßenrand-Notdurft stören würde? Im wahren Leben würde das nicht passieren, im wahren Leben strullt man im Abblendlicht der Scheinwerfer. Leider muss sich Passenger gleich zu Beginn mit dem Tatbestand einer unlogischen menschlichen Verhaltensweise auseinandersetzen. Als Zuseher seufzt man da einmal kurz und heftig durch. Ließe sich es irgendwie anders bewerkstelligen, dass in der Prolog-Szene des Roadtrip-Horrors das Böse auch dann effektiv zuschlägt, wenn man verhaltenstechnisch plausibel bleibt?

Neue Ideen sind manchmal überbewertet

Bei diesem Miesepeter aus der Hölle womöglich schon. Denn der hat als Dämon so einige Skills auf Lager. Wird unsichtbar, wechselt den Standort in Sekundenschnelle, und wenn er mal materialisiert, spritzt Blut, wie es sich für einen Dämonen-Slasher eben gehört.

Über solche Logiklücken lässt sich in Passenger, zieht man am Ende Resümee, freigiebig hinwegsehen. Denn André Øvredal, der schon mit seinem von Guillermo del Toro inspirierten Gruselthriller Scary Stories to Tell in the Dark absolut den Geschmack getroffen hat, beweist zumindest in seinem neuen Werk, wie man auch ohne neue Ideen bereits vorhandene Versatzstücke mit Respekt vor ihrer oft bemühten Wirkung erfrischend verwursten kann. Und das ist weniger sarkastisch gemeint als es klingt.

Passenger betritt viel befahrene Straßen, das ist ohnehin klar. Doch Øvredal weiß, wo er auf welche Weise Schreckens-Mechanismen dehnt, leicht verzerrt, als würde er osteopathisch an die Sache rangehen, diese hin und her schiebt oder wie einen Wagen ohne Handbremse und Gang einfach ein paar Meter weiter ausrollen lässt.

Die Umgebung im Blick behalten

Ganz deutlich wird diese Vorgehensweise in einer Szene sichtbar, in der sich Lou Llobell (bekannt geworden durch die Serienverfilmung von Isaac Asimovs Foundation) allein über einen nächtlichen Parkplatz hinweg ihrem Camper nähert, mit dem sie und ihr Verlobter vorhaben, ihr Vanlife zu leben. In dieser Szene hat der Passenger längst Blut geleckt und sich als Trittbrettfahrer zu erkennen gegeben – doch Øvredal hält seine Zuseher auf gekonnte Weise lange genug hin, um so etwas wie eine angespannte Vorahnung zu erzeugen, kurz gesagt: Suspense, die vor allem durch die energisch rotierende Kamera erzeugt wird.

Bei jedem erneuten Kreisen um Lou Llobell herum könnte im Hintergrund irgendwo diese schaurige Gestalt stehen, wie einst Mike Myers in seinem Blaumann. Wenn die Ankündigung des Schreckens zum Fehlalarm wird, ist das kein dramaturgisches Defizit, sondern ein keckes Spiel mit der Erwartungshaltung und dem Publikum selbst.

Ein lichtscheuer, wüster Kerl

Schließlich taucht der Passenger – eine düstere Gothic-Figur, als wäre Iggy Popp in ferner Zukunft mal aus dem Grab gestiegen (wir hatten ihn bereits als Zombie in Jim Jarmuschs The Dead Don’t Die) und hätte sich, untot wie er wohl sein würde, als Darsteller für Severus Snape beworben – vermehrt zu unerwarteten Zeiten auf.

Den besten Jumpscare fährt er gleich zu Beginn ein, nach dem Schrecken folgt wohlige Vor- und Schadenfreude die nächsten eineinhalb Stunden lang. Und immer dann, wenn das Abblendlicht nicht weiter weiß und der Kegel der Taschenlampe am Dickicht des Waldessaums hängenbleibt, sind dramaturgische Leerläufe schnell verziehen. Kann ja sein, dass sich im Dunkel dahinter nicht nur der Highwaykiller verbirgt. Vielleicht auch ein dämonisch verzerrter Gregory Peck.

Stoßgebete an den Schutzpatron

Zum Plot muss man nicht viel erwähnen. Passenger ist ein Roadmovie mit überschaubarem Cast, der Fokus liegt auf einer unmöglich realisierbaren Safe Journey und liebäugelt ein bisschen auch mit den Mächten des katholischen Who is Who’s im Himmel, wenn der Heilige Christophorus, der Schutzpatron aller Reisenden, hilfreich zur Seite steht. Denn da hat Øvredal wieder das Genre der Dark Fantasy gestreift, wie er es seit Trollhunter immer schon getan hat. Eine Eigenheit, mit der auch Passenger spielerisch umgehen kann.

Passenger (2026)

Das Flüstern der Wälder (2025)

NATUR, WENN SIE LAUT IST

8/10



© 2025 Vincent Munier


LAND / JAHR: FRANKREICH 2025

REGIE / DREHBUCH: VINCENT MUNIER

KAMERA: VINCENT MUNIER, ANTOINE LAVOREL, LAURENT JOFFRION

MUSIK: WARREN ELLIS, DOM LA NENA, ROSEMARY STANDLEY

MIT: VINCENT MUNIER, MICHEL MUNIER, SIMON MUNIER

LÄNGE: 1 STD 36 MIN



Unter Flüstern verstehe ich etwas anderes. Die Dezibelgrenze zum lauten Geräusch hat zumindest der Auerhahn nämlich längst durchbrochen. Wenn er seinen Balzruf loslässt, ist das weniger ein Ruf als mehr ein metallisches Knacken – als würde man eine Delle in einen Blecheimer schlagen, als wären darin überdies gläserne Murmeln, die hin und her klackern. Nicht tierisch klingt dieses Geräusch, und gerade deshalb ist es das. Ein Kuriosum der Natur, wie so vieles. Zum Glück gibt es sie noch in den Wäldern Österreichs, in den Kalkalpen und im Gesäuse. Geführte Touren kann man zur besten Auerhahnzeit des Jahres buchen, um es mit eigenen Augen zu hören. Dieses Glucksen, gutturale Klucken und Gurgeln. Ein Jahrhundertschauspiel.

Männer allein im Wald

In den Vogesen, einem Mittelgebirge in Frankreich, scheint der Auerhahn fast verschwunden. Dennoch stehen „Two and a half Men“ allein im Wald, die sehnsüchtig nach diesem Geräusch die Ohren spitzen. Und nicht nur nach diesem. Egal, was kommt, und ganz egal, wo es raschelt, knackt und wo sich dampfende Leiber durchs Unterholz schieben. Jedes noch so beiläufige Geräusch erweckt das Interesse nicht nur von Filmemacher Vincent Munier, sondern auch von dessen Sohn und wiederum von dessen Großvater. Drei Generationen schieben sich durch die atemberaubende Wildnis eines märchenhaft unberührten Urwaldes, in dem womöglich sonst kein Normalsterblicher Zutritt erhält, ganz so wie im österreichischen Urwald des Dürrenstein. Die Audienz aber würde ihnen gewährt, und so auch uns naturaffinen Zuseherinnen und Zusehern, die noch immer so viel Ruhe in sich selbst bewahren können, um angesichts dieser Entschleunigung nicht gleich nervös im Kinosessel herumzuwetzen, weil sozialmediale Dauerbeschallung und der durchgetaktete Zack-Zack-Rhythmus einer denaturierten, urbanen Welt längst neue Parameter für den Alltag gesetzt haben. In der Ruhe liegt die Kraft, und die Kraft liegt in der Natur. Ein jeder weiß das, nur wenige besinnen sich darauf. Ein Wald in seiner Gesamtfunktionalität eines intakten Ökosystems ist sowieso der beste Therapeut. Und auch wenn keine Wege in so einem Dickicht erkennbar sind, führen doch alle Wege zum Ursprung des Selbst.

Den Wald wirken lassen

Dafür brauchen die drei Slow-Mode-Abenteurer wirklich nur eine stromlose Hütte im Wald, in der es ausnahmsweise mal nicht spukt, wenn man mal davon absieht, dass das gespenstische Röhren, Brüllen und Kichern da draußen im Dunkel einem das Gänsehautgefühl gibt, nicht allein zu sein. Dieses Unbehagen weicht aber schnell einer kribbelnden, aufgeregten Neugier, so, als würde man eine Terra incognita betreten. Niemals weiß man in der Natur, was kommt. Es bleibt einem, festzustellen, dass sich etwas bewegt. Dass im Zwielicht des frühen Morgens, inmitten des leise tröpfelnden Regens und des knarzenden Winters etwas unterwegs sein muss. Was folgt, ist die disziplinierte Stille des beobachtenden Menschen. Und das meditative Warten. Warten darauf, einem Wesen zu begegnen, was immer es auch sein mag. Ein Dachs, ein Eichhörnchen, ein Waldkauz, vielleicht sogar ein Luchs.  Durch das stille Gewässer pflügt eine Hirschkuh, begleitet von ihrem Kalb. Der Nebel hängt über dem Wasser, das Licht zeichnet Silhouetten. So muss es gewesen sein, vor dem Menschen. Und ist es immer noch, siehe da.

Ein Essay aus Erahnen und Erlauschen

Vincent Munier hat sich in den letzten Jahren auf die Spur eines der seltensten Tiere unseres Planeten begeben: Dem Schneeleoparden. Dafür hat ihm sogar Nick Cave einen Song geschrieben, der am Ende des Films zu hören ist und den Spirit von Muniers Arbeiten auf beste Weise musikalisch einfängt. Komponist Warren Ellis ist auch diesmal wieder dabei – und vertont diese immersive Wanderung gerade dann durch seine reduktionistische Stimmungsmusik, wenn gerade mal nichts röhrt und knackt und knistert. In diese inszenatorische Harmonie taucht Munier abermals ein, er taucht in den Wald, in die Wildnis; hat zwar den Auerhahn als hehres Ziel vor Augen, doch letztlich ist es im einerlei, was ihm begegnet. Alles hat seinen Zauber, alles zelebriert und lebt die perfekte Kunst des Versteckens, des Tarnens und Flüchtens vor der leisesten Regung der Beobachter. Das Flüstern der Wälder ist kein populärwissenschaftliches Werk, sondern ein Daseinszustand. Ein Essay aus Hören und Sehen, ein meditatives Eintauchen in die Vollkommenheit des Erahnens und Erhaschens.

Ein Wald wie eine Schachtel Pralinen

Wie mich einst schon der Kurzfilm Anima Mundi von Godfrey Reggio beeindruckt hat, der die Seele der Natur in schnellen Schnitten und mit der Musik von Philipp Glass auf 28 Minuten herunterbricht, so spüre ich auch diesmal bei Muniers teils assoziativen wie intuitiven Abenteuer der Wahrnehmung eine meinem persönlichen Zugang zur Natur adäquate Wahl des Dialogs, in welchem von Seiten des Menschen einfach nur durch das Vorhandensein von Respekt schon alles gesagt ist. Die Antwort des Gegenübers, des ganzen kompakten, diffusen, uneinsehbaren, rätselhaften Öko-Wunders eines Waldes, kann lange dauern, ist niemals zu Ende. So flüstert eigentlich nur der Mensch, während das ohrenbetäubende Crescendo eines wirbelnden Gemütszustandes aus Wetter, Flora und Fauna alleine durchs Hinsehen und Hinhören zum kostenfreien Überraschungskonzert in der ersten Reihe fußfrei wird.

Das Flüstern der Wälder (2025)

Azrael – Angel of Death (2024)

DER WALD ALS KREIS DER HÖLLE

7/10


Azrael© 2024 IFC Films

LAND / JAHR: USA 2024

REGIE: E. L. KATZ

DREHBUCH: SIMON BARRETT

CAST: SAMARA WEAVING, VIC CARMEN SONNE, NATHAN STEWART-JARRETT, SEBASTIAN BULL SARNING, EERO MILNOFF, VINCENT WILLESTRAND, PHONG GIANG U. A.

LÄNGE: 1 STD 25 MIN


Was sich in den Wäldern alles abspielt, das will man gar nicht wissen. Ähnlich wie im Weltraum hört dich dort genauso wenig jemand schreien, der nicht gerade Holz fällt, Pilze sammelt, mit dem Bike durchs Gelände radelt oder forstliche Pflichten erfüllt. In den Tiefen der Wälder herrscht Anarchie, da gibt es kein Gesetz, nur jenes der Botanik, doch das tangiert den Menschen nicht, es sei denn, er verfängt sich im tropischen Dickicht, denn dort kann es deutlich gefährlicher werden als in den gemäßigten Breiten, wo sich vielleicht Bären und Wölfe an Menschen vergreifen, was wiederum seltener vorkommt als kolportiert. Es kann aber auch sein, dass, und da nehme ich mal an, deutlich häufiger, der Mensch des Menschen Wolf verkörpert – so gesehen im teuflischen Survivalschocker Azrael, der in einer unbestimmten, vielleicht postapokalyptischen Zukunft spielt, doch da legt sich der Film keinesfalls fest.

Wer Erklärungen und Ursachen für all das hier erwartet, was in knapp 80 Minuten erlebbar wird, muss sich darauf einstellen, den Symptomen eines Mysteriums zu folgen, in dessen Zentrum ein bekanntes Gesicht ums Überleben kämpft. Wir wissen, Samara Weaving hat längst Erfahrung darin, mordlüsternen Verfolgern zu entwischen. Sie hat sogar Erfahrung darin, wenn es sich dabei um die angeheiratete Familie handelt. Ready Or Not von Tyler Gillett und Matt Bettinelli-Olpin bläst zum Halali auf die Braut, und dabei geht es mit augenzwinkernd schwarzem Humor und einem Quäntchen charmantem Zynismus zur Sache. Dieser Humor, diese überzogene Leichtigkeit, lässt sich in Azrael nicht finden. Wie denn auch. Azrael selbst gilt zumindest im Islam als Engel des Todes, im Film ist es der Name einer wortlosen Protagonistin, die in einer wortlosen Welt kreuz und quer durch die Wildnis hirscht, auf der Flucht vor den Mitgliedern einer ebenfalls dem Schweigegelübde unterworfenen Gemeinschaft, die in der jungen Frau das ideale Opfer sieht für etwas ganz anderes, was den Wald beherrscht: Dunklen, ekelhaften, hässlichen Kreaturen, beurlaubt aus Dantes Hölle oder von Hieronymus Boschs gewalttätig-gotischen Bibelgemälden suspendiert. Sie sehen aus, als wären sie tatsächlich dem Feuer entstiegen, verbrannt, verkohlt und dürstend nach Menschenfleisch. Der Wald ist ihre Spielwiese, und wenn man sie nicht besänftigt, läutet die Mittagsglocke.

Wem der Plot nun zu dünn erscheint, mag mit seiner Kritik daran bald genauso verstummen wie (fast) alle, die in diesem Horror mitwirken. Auf dem Drehbuch von Simon Barrett (u. a. V/H/S) basierend, entwickelt Regisseur E. L. Katz einen zügellosen, ungemein archaischen Spießrutenlauf, der auf jegliche Dialoge verzichtet und die wilde Welt des Waldes als Vorhölle darstellt, in der die Bedrohlichkeit einer obskuren Esoterik-Sekte den gierigen Kohlemännchen, die da zwischen den Bäumen umherflitzen, um nichts nachsteht. Was die Anarchie noch verstärkt, ist die explizite Gewalt, literweise Blut und radikaler Naturalismus. Azrael ist eine Art Experiment, ein deftiges rohes Steak, ungewürzt und blutig, mit den Händen verschlungen und mit der Lust, noch mehr von dieser rohen Kraft zu vertilgen. 

Konsequent bis zum Ende, bietet Azrael allerdings nicht viel Abwechslung. Dafür aber auch keinerlei Langeweile oder Leerlauf. Das Phantastische ist stets das Böse, am Ende gibt’s den großen Twist wie bei M. Night Shyamalan. Die Welt erfährt dabei aber keinerlei Absolution. Vielleicht ist das ganze nur das Vorspiel für den Anfang vom Ende. Ein apokalyptischer Genuss, den man fast schon fühlt. Als würde man nackt durch dorniges Dickicht laufen.

Azrael – Angel of Death (2024)

In A Violent Nature (2024)

SCHWEIGEN IM WALDE

6/10


InAViolentNature© 2024 capelight pictures


LAND / JAHR: KANADA 2024

REGIE / DREHBUCH: CHRIS NASH

CAST: RY BARRETT, ANDREA PAVLOVIC, CAMERON LOVE, REECE PRESLEY, LIAM LEONE, CHARLOTTE CREAGHAN, LEA ROSE SEBASTIANIS, LAUREN-MARIE TAYLOR U. A.

LÄNGE: 1 STD 34 MIN


Anderswo, zum Beispiel in Mittelerde, würde eine armselige und durch die Sünde der Gier ins Monströse verzerrte Figur nach einem Schmuckstück suchen, das man am Finger trägt: Die Rede ist von Gollum und seinem Ring, seinem – wie er selbst nicht müde wird zu betonen – Schaaaatz, den später Frodo Beutlin um den Hals baumeln lässt. Jemanden sein liebstes Kleinod zu entwenden geht gar nicht. Und tatsächlich haben diese Kreatur des Gollum und die Kreatur eines Untoten, geistig zurückgebliebenen Riesenbabys mit historischem Feuerwehrhelm auf dem Kopf abgesehen von ihrer leidvollen Lebensgeschichte, die beide Wesen letztlich korrumpiert hat, gemeinsam: Diese seltsamen Existenzen kreisen jeweils um ein Artefakt, sie stehen und fallen mit ihm, es provoziert sie oder hält sie in Stasis. In letztere befindet sich die Ausgeburt eines untoten Psychopathen, Zeit seines Lebens jemand mit besonderen Bedürfnissen, dem in einer wenig aufgeschlossenen Kleinstadtgesellschaft übel mitgespielt wurde. Und zwar so sehr, dass diese diesen Johnny tödlich verunfallen ließ. Der Sturz vom Feuerwehrturm war der Anfang vom Ende, was danach kommt, der blanke Horror. Den so wie Gollum will Johnny nur sein Artefakt zurück, koste es was es wolle. Anders als der verkorkste Hobbit treibt ihn aber noch etwas anderes an: Vergeltung und eine daraus resultierende Blutgier.

So gräbt sich das humanoide und stets schweigsame Monstrum aus dem Waldboden und macht sich im Trott eines Spaziergängers auf die Jagd nach neureichen Bobo-Erwachsenen der Smartphone-Generation, die wenig Achtsamkeit kennen und wenn es darauf ankommt, bereitwillig das Opfer spielen. Das Ungewöhnliche an Chris Nashs Naturpark-Slasher ganz ohne Hütte im Wald ist die sorgsam eingepflegte Meta-Ebene eines gefahrvollen Ökosystems, getarnt als natürliche Idylle, in der für den urbanen Fortschrittsmenschen, der sich zunehmend von der Natur zu distanzieren scheint, unberechenbare Gefahren lauern. Die volatile, schwer verortbare Existenz eines Unheils in Gestalt des Schlächters Johnny lässt ihn vollends im entschleunigten, stillen Grün des Waldes aufgehen, wie das Alien in der mechanischen Düsternis der Eingeweide eines Raumschiffs. Diese Gefahr einer bösen Natur entspräche der Conclusio aus John Boormans Beim Sterben ist jeder der Erste. Nur statt den Rednex, die in einer greifbaren Realität das Unheil säen, schlendert in In a Violent Nature etwas Metaphysisches und nicht Reales durch den Forst, bestückt mit zentnerschweren Ketten, an deren Enden wuchtige Haken baumeln. Was Johnny damit letztlich anstellt, lässt Nash in so deftigen wie bizarren Gewaltspitzen münden. Und eines muss dabei klar sein: In a Violent Nature mag anmuten wie die Neuordnung eines längst etablierten Subgenres des Horrorfilms, sucht sich letzten Endes aber genau jene bewährten Versatzstücke zusammen, die Fans an diesen Filmen so lieben.

Anfangs sieht es auch so aus, als hätte der Film die Ambition, aus der Sicht des Antagonisten erzählt zu werden. Eine Idee, die aber nicht aufgeht. Und wenn, dann nur szenenweise, wie John Carpenter es getan hat, um Kultfigur Michael Myers in Halloween ins Spiel zu bringen. Später aber wechselt auch dort der Blickwinkel, um das Böse nicht zu entmystifizieren und auch um Identifikationsfiguren zu schaffen, die Johnny partout nicht darstellt. Aus diesem Grund muss Chris Nash umdenken, aus einem konsequent geplanten Experiment wird nichts. Letztlich bleibt In A Violent Nature ein Slasher wie alle anderen – blutrünstig und bedrohlich, dafür aber auch langsamer, in sich ruhender.

Der Kontrapunkt einer von wärmenden Sonnenstrahlen begünstigten, lieblichen Natur, akustisch begleitet durch das Gezwitscher zahlreicher Vögel, lässt den einsamen Killer als modernen Waldschrat oder wilden Mann in einer mystischen Anthologie der schweigenden, aber archaischen Schrecken noch ausgefuchster erscheinen.

In A Violent Nature (2024)

Blair Witch Project (1999)

DER HORROR DES VERIRRENS

8/10


the-blair-witch-project©1999 Lionsgate

ORIGINALTITEL: THE BLAIR WITCH PROJECT

LAND / JAHR: USA 1999

REGIE / DREHBUCH: DANIEL MYRICK, EDUARDO SÁNCHEZ

CAST: HEATHER DONAHUE, JOSHUA LEONARD, MICHAEL C. WILLIAMS U. A.

LÄNGE: 1 STD 18 MIN


Zum 25 Jahre-Jubiläum zeigt Markus Keuschnigg im Rahmen seines diesjährigen Slash Filmfestivals abermals die Mutter aller Found Footage Filme auf großer Leinwand. Es wäre die Gelegenheit für jene, die den Hype von damals verpasst haben. Ich selbst kam vor Kurzem erst in den Genuss dieses Kultfilms mit einer der wohl besten Marketingstrategien aller Zeiten. Ist ein Film schließlich Pionier in einem eigens gegründeten Genre, welches es vorher so noch nicht gegeben hat, lässt sich das Publikum auch so behandeln, als setze es ihren Fuß auf eine Terra incognita, die wohl so einige Überraschungen und vor allem das Unerwartete bereithalten kann. Mit Blair Witch Project ließen sich schließlich Millionen an der Nase herumführen. Warum? Weil bis dahin Fake News noch etwas waren, was man maximal in der Zeitung las. Weil Dokumentationen – und nicht Propaganda – einfach nur dazu da waren, das interessierte Volk aufzuklären und nicht für dumm zu verkaufen. Für dumm verkauft wurde es zumindest anfangs doch – nach diesem PR-Gag wurde dann langsam klar: Dieser Film tut nur so als ob. Doch wie er das macht, ist so erschreckend glaubwürdig, dass man beim Zusehen darauf vergisst, sowieso schon längst des Besseren belehrt worden zu sein. Sieht man Blair Witch Project, will man um alles in der Welt daran glauben. Found Footage macht’s möglich.

Dieses Genre rund um random liegengelassene oder aufgefundene Beweismittel von verschollenen Forschern, Wissenschaftlern oder Studenten avancierte zu einer Unmenge an Geld lukrierenden, weil günstig produzierbaren Methode, vorzugsweise den Horrorfilm zu bedienen. Grobkörnige, schlecht gefilmte und verwackelte Videos, die den alten Aufnahmen von Geistern, Ufos und kryptozoologischen Phänomenen wie dem Bigfoot ähneln, wurden auf Spielfilmlänge gestreckt. Blair Witch Project schafft es auf knapp 80 Minuten, einzig und allein bestehend aus den Aufnahmen einer Handkamera, die das Unmögliche festgehalten hat: Die vermeintliche Evidenz einer unerklärlichen, bedrohlichen Macht in Form hexischer Zauberei. Drei Studenten, die den Beweis erbrachten, bleiben verschwunden. Ihre letzten Tage lassen sich einsehen. Und da erblicken wir im Grunde nicht viel außer den tiefen, unendlichen Herbstwald, rasch errichtete Camps, einen Flusslauf, keine geographisch markanten Anhaltspunkte, um wieder den Weg zurückzufinden und des Nächtens die alles verschluckende Finsternis. Als wären Hänsel und Gretel in den Forst unterwegs und hätten darauf vergessen, Brotkrumen zu streuen, setzen Daniel Myrick und Eduardo Sánchez auf den expliziten Horror des Verirrens und der Panik, die dann aufkommt, wenn langsam sickert, inmitten irrlichternder Botanik elendiglich zugrunde gehen zu müssen. Das Spiel mit den Urängsten als Blinde-Kuh-Horror hat begonnen.

Blair Witch Project ist, so simpel der rote Faden dieser Fake-Doku auch gestrickt scheint, äußerst klug fabriziert. Die Kreativlinge hinter dem Projekt setzen weder auf bekannte Horror-Versatzstücke noch auf Jump Scares noch auf Monster, die sich aus dem Dunkel schälen. Statt Geheimnissen auf den Grund zu gehen, schürt der Footage-Film das Unheimliche durch die Unmöglichkeit, jemals das Paranormale erklären zu können. In präzisen, ich will nicht sagen in homöopathischen, aber punktgenauen Dosen etabliert sich das Mysteriöse in gruseliger Akustik, seltsamen Geräuschen und bizarren Gebilden, die das Territorium als ein Verbotenes ausweisen. Wo Myrick und Sánchez aber in die Vollen gehen, ist, den emotionalen Notstand zu dokumentieren, welchem die Verirrten ausgesetzt sind. In ihrer Verzweiflung spiegelt sich all die Bedrohung von Seiten einer Natur, die so gnadenlos perfide manipuliert zu sein scheint.

Auch nach so vielen Jahren hat Blair Witch Project nichts von seiner Wirkung und seiner kreativen Genialität eingebüßt. Wie man sieht, ist es immer wieder mal möglich, in der Welt des Films weiße Flecken zu erwischen, die das bisher Dagewesene um Inspirierendes ergänzen. Nicht umsonst hält das Genre bis heute, auch nach schwächelnden Phasen. Paranormal Activity, Cloverfield oder André Øvredals Trollhunter sind Beispiele dafür, wie spielerisch sich dieses Konzept variieren lässt.

Blair Witch Project (1999)

They See You (2024)

STEGREIFBÜHNE DER VERDAMMTEN

4,5/10


theyseeyou© 2024 Warner Bros. Entertainment Inc. All Rights Reserved.


ORIGINALTITEL: THE WATCHERS

LAND / JAHR: USA 2024

REGIE / DREHBUCH: ISHANA SHYAMALAN

CAST: DAKOTA FANNING, OLWEN FOUÉRÉ, GEORGINA CAMPBELL, OLIVER FINNEGAN, ALISTAIR BRAMMER, JOHN LYNCH, SIOBHAN HEWLETT U. A.

LÄNGE: 1 STD 42 MIN


Ein eifriger Filmemacher ist er, dieser M. Night Shyamalan – alle zwei Jahre gibt’s einen neuen Film, der letzte war sogar erst 2023 zu sehen: Knock at the Cabin, was allein schon vom Titel ein bisschen an The Cabin in the Woods erinnert und mit diesem zumindest auch inhaltlich das Setting einer einsamen Hütte im Wald gemeinsam hat. Ein Jahr später gleich der nächste – und noch im Kino zu sehen: der Serienkiller-Thriller Trap: No Way Out mit Josh Hartnett. Ist einer wie Shyamalan mal so berühmt, verwundert es oft nicht, dass der Nachwuchs gefeierter Künstlerinnen und Künstler, um nicht unter der Dominanz ihrer Eltern zu verschwinden, ebenfalls nach dem Erfolg eifern, was sich schließlich leichter bewerkstelligen lässt als bei Otto Normalverbraucher, der nicht schon aufgrund seiner Verwandtschaft den Fuß in der Tür weiß und mit Vitamin B auf die große Leinwand gelangt. Der Anfang ist gemacht – der Rest wäre dann wohl wirklich eine Frage des Könnens. Ob Shyamalans Töchterchen Ishana ihre eigene künstlerische Identität gefunden hat, mag angesichts ihres Regiedebüts They See You (im Original: The Watchers) dahingestellt sein. Sie tut schließlich genau das, was ihr Vater tut. Gruselige Mystery mit Story-Twist(s) in Szene setzen, das Ganze natürlich auch selbst verfasst, um ihrem Vorbild in nichts nachzustehen.

Zum Schaffen seltsamer Welten gehört allerdings auch die Handhabung einer eigenen Handschrift. Ishana Shyamalan hat sie nicht. Der Einfluss ihres Vaters ist augenscheinlich, das Setting natürlich ein Vertrautes, verirrt sich doch Dakota Fanning im zwielichtigen Dickicht, aus dem es kein Entkommen gibt. Und Wälder, die sind nicht erst seit The Blair Witch Project spooky genug, um gleich für eine ganze Latte an Filmen herhalten zu können. Was dann noch ans Set gehört, ist eine Zuflucht – ein Haus, ein Tunnel, ein Bunker, was auch immer. Da, sobald sich die Nacht senkt, Fannings Figur im düsteren Tann nicht mehr allein zu sein scheint, läuft sie um ihr Leben – und landet per Zufall in den Armen einer höchst seltsamen Community, die schon jahrelang hier festsitzt und allnächtlich showgeilen Monstren das Fernsehprogramm gestaltetn. Eine Seite des bunkerähnlichen Gebäudes, in dem sich alle einfinden, ist schließlich verspiegeltes Glas – und so präsentieren sie sich, aufgereiht wie beim Da Capo-Applaus in einem Theater, einer unbekannten Macht, die tagsüber in Lächern im Waldboden haust.

Ishana Shyamalan quält sich durch einen verworrenen Pulk an unausgegorenen Mystery-Elementen und Motiven aus folkloristischen Legenden. Dabei misslingt es, das mit allerlei Bedrohlichkeiten aufgebauschte Geheimnis hinter diesem Spuk nicht mit der tatsächlichen Wahrheit, die natürlich ans Licht kommen muss (weil Papa das auch immer tut), zu vereinbaren. Eine biedere Harmlosigkeit erobert das Szenario, die Geschicklichkeit mit den Twists, die, sollten sie gelingen, auf unerwartbare Weise hereinbrechen sollten, erlangt man schließlich nicht mit einem Fingerschnippen. Letztlich enttäuscht der zumindest atmosphärische Versuch eines archaischen Schreckens aufgrund einer gewissen Ratlosigkeit, wie ein Plot wie dieser auf geniale Weise zu Ende gebracht werden könnte. Shyamalan Senior, zumindest Produzent, hat da auch keine knackfrischen Ideen in petto, die benötigt er schließlich selbst, denn aus dem Ärmel schütteln lassen sich narrative Pointen schließlich niemals. Da viel Bekanntes in They See You lediglich variiert wird, ist das Ergebnis dieser Kalkulation kein überraschendes.

They See You (2024)

Wolfsnächte (2018)

SO FINSTER DIE WILDNIS

6,5/10


wolfsnaechte© 2018 A24 / Netflix


ORIGINALTITEL: HOLD THE DARK

LAND / JAHR: USA 2018

REGIE: JEREMY SAULNIER

DREHBUCH: MACON BLAIR, NACH DEM ROMAN VON WILLIAM GIRALDI

CAST: JEFFREY WRIGHT, RILEY KEOUGH, ALEXANDER SKARSGÅRD, JAMES BADGE DALE, MACON BLAIR, JONATHAN WHITESELL, JULIAN BLACK ANTELOPE, ERIC KEENLEYSIDE, SAVONNA SPRACLIN U. A.

LÄNGE: 2 STD 5 MIN


Dass in den Wäldern Nordamerikas längst finstere Mächte ihre Spiele spielen und den vulnerablen Geist der den Gesetzen der Natur unterworfenen Bewohnern ordentlich zusetzen, ist nicht erst seit dem Mystery-Serienjuwel Twin Peaks bekannt. Dass Homo sapiens in der Einschicht des Waldes und der Wildnis zu Entsetzlichem fähig ist, durfte Burt Reynolds am eigenen Leib erfahren, da er unter John Boormans Regie beim Sterben der erste war. Im Fahrwasser dieser finsteren Backwood-Ausgeburten ächzen mittlerweile jede Menge geistige wie körperliche Missgeburten seelenquälend durchs Gehölz, auch das Necronomicon findet sich in einer Hütte im Wald. Es zu lesen, entfesselt nichts Gutes. In dieser Finsternis aus allerlei Abgründen und bedrohlicher Waldesruh darf man als Wanderer durch den Tann natürlich nicht vergessen, dass auch die lokale Tierwelt gerne mal zu Eskapaden neigt. In diesem Fall sind es Wölfe, und ja, Isegrim ist auch in Österreich wieder auf dem Vormarsch, sehr zum Leidwesen diverser Viehhöfe, die gar nicht mehr damit nachkommen, ihre Schafe und Lämmer zu Grabe zu tragen. Der Wolf tut dabei nur das, was er tun muss. Ihn abzuschießen, ist längerfristig wohl keine gute Lösung – es wäre wegen dem Arterhalt. Wenn sich dann aber – wie in Jeremy Saulniers Horrorthriller Wolfsnächte – der Wolf an einem Menschen vergreift, ist es Schluss mit lustig. Ein kleiner Junge wird vermisst, der Spross der sonderbaren Medora Sloane, die den Wolf-Experten Russel Core (Jeffrey Wright) inständig darum bittet, der Sache nachzugehen und ihren Jungen wiederzufinden, wurde er doch zuletzt beim Spielen am Fluss gesehen, um kurz darauf vom Erdboden verschluckt zu werden. Für Core ein sonderbarer Umstand, doch er erklärt sich bereit, den „Maneater“ aufzuspüren und zur Strecke zu bringen. Was er dabei entfesselt, sind eingangs erwähnte archaische Mächte, das Öffnen eines Tores in eine metaphysische Welt, in der Mensch und Tier plötzlich gar nicht mehr so verschieden sind, in welcher der Instinkt und nicht der Verstand über Taten entscheidet. Die überdies erschreckend sind.

Im Gegensatz zu Wolfsnächte sind The Grey mit Liam Neeson oder Mörderischer Vorsprung mit dem legendären Sidney Poitier ja fast schon wie winterliche Pauschalabenteuer. Jeremy Saulniers Verfilmung des Thrillers von William Giraldi ist zwar längst nicht so verspielt albtraumartig wie das, was in David Lynchs Kleinstädtchen Twin Peaks passiert, dafür aber sind die Bandagen um einiges fester angelegt – und konkreter. Alexander Skarsgård will dabei ähnlichen Schrecken verbreiten wie sein Bruder Bill als Pennywise. Dieser Vernon Sloane ist zwar nicht das Böse höchstselbst, dafür aber besessen von archaischen Dämonen. Und nicht nur er: Riley Keough, Enkelin von Elvis und Priscilla Presley, begegnet der feuchtkalten Winterstimmung Alaskas mit unheilvollen Maskenmotiven aus uralten indianischen Mythologien. Vieles ist finster und bedrohlich in dieser vollmundigen, phantastisch angehauchten Mystery. Und dennoch lässt die manische Überlegenheit – wenn nicht gar Überheblichkeit – der mit den Schattenseiten der Natur im Bunde stehenden Figuren eine gewisse Unzufriedenheit hochkommen. Demgegenüber steht die bedauernswerte Ohnmacht einer desillusionierten, mit allen Mitteln eine gewisse Ordnung gewährleistenden Provinz-Gesellschaft, die dem verheerenden Zynismus krimineller Ausgeburten wenig entgegensetzen kann. Man selbst als Zuseher fände das eine oder andere Mal weitaus effizientere Lösungen mit weniger Kollateralschäden, und die Gewissheit, es letztlich besser gemacht haben zu können, und verbunden mit der Wut auf diese Arroganz der Bösen, die glauben, mehr zu wissen als der Rest der Welt, bleibt die Faszination für diesen durchaus nihilistischen Düsterthriller endenwollend. Man würde sich wünschen, die Finsternis eines besseren zu belehren. Eine Sehnsucht, die leider nicht gestillt wird.

Wolfsnächte (2018)

Wald (2023)

IN DER EINSCHICHT LIEGT DIE KRAFT

7,5/10


wald© 2023 Filmladen Filmverleih


LAND / JAHR: ÖSTERREICH 2023

REGIE: ELISABETH SCHARANG

DREHBUCH: ELISABETH SCHARANG, INSPIRIERT VOM GLEICHNAMIGEN ROMAN VON DORIS KNECHT

CAST: BRIGITTE HOBMEIER, GERTI DRASSL, JOHANNES KRISCH, BOGDAN DUMITRACHE, LARISSA FUCHS, DAGMAR SCHWARZ, HEINZ TRIXNER, HEINRICH MAYR, MIEL WANKA U. A.

LÄNGE: 1 STD 35 MIN


Das im Norden Österreichs gelegene Waldviertel – ein dicht bewucherter Teil des Bundeslandes Niederösterreich, sagenumwoben und voller kulturhistorischer Hot Spots – sieht stellenweise tatsächlich so aus, als wäre man in Schweden oder Finnland – sanfte Hügel, Birkenpopulationen, natürlich jede Menge Nadelwald. Ein Eldorado für Baummeditationen und um Kraftquellen anzuzapfen (sofern man einen Zugang dazu hat). Kleine Dörfer säumen quadratkilometergroße Flächen des Grüns, und sobald die Tage kürzer werden, zieht Nebel auf. Da möchte man meinen, Geister herumspuken oder neolithische Ahnen aus dem Moor kriechen sehen. Metaphysich, sagenhaft. Im Selbstfindungs- und Psychodrama Wald, frei nach dem Roman von Doris Knecht, ist die magische Idylle etwas, das sich zu erschließen lohnt. Allerdings ist der Weg dorthin einer, der an verbohrten Dörflern und Menschen aus der Kindheit vorbeiführt. Er führt an Ablehnung, enervierendem Hass und scheinbar irreversibler Kränkung vorbei. Dort stehenzubleiben, wo es für den Moment kein Weiterkommen gibt, ist eine Eigenschaft, die Marian erst nach und nach lernen muss. Oder wiedererlangen. Denn sie kennt das verschrobene Volk hier, sie kennt die Leute, die sich entweder selbst nichts gönnen oder alles haben wollen, weil sie – wie in Wilhelm Penys und Peter Turrinis Alpensaga – unaufgefordert alle Regeln diktieren. Diesen Regeln muss Folge geleistet werden, so meint es immerhin Franz, einer der Gesichter, die Marian gut kennt, zumindest sieht sie Ähnlichkeiten in einem Konterfei, dass damals zwanzig Jahre jünger war.

Marian, eine mit Preisen ausgezeichnete, renommierte Journalistin, die an einem Ort wie diesen, dem Waldviertel, im Grunde nichts verloren zu haben scheint, hofft, zumindest das wiederzufinden, was sie wieder auf Spur bringt. Es ist das geerbte Haus ihrer Großeltern am Rande des Waldes und zehn Kilometer vom Dorf entfernt; ein alter, baufälliger Hof mit muffigem Inneren als Zeitkapsel eines verklärten Damals der Kindheit. Alles ist noch so, wie es früher war, nur das Dach ist undicht und Strom gibt’s längst keinen mehr. Genau dort, allen Bequemlichkeiten entsagend, sucht Marian die Geborgenheit von Leuten, die es nicht mehr gibt – bis auf eine. Jugendfreundin Gerti, die in sowohl unmittelbarer als auch ferner Nachbarschaft die Rückkehr eines verräterischen Lebensmenschen mit Wut im Bauch beäugt, ist Marian doch damals, nach dem Tod der Mutter, einfach verschwunden. Die Kunst ist es nun, die Mauer der Ablehnung zu durchbrechen, die von beiden Seiten langsam, zögerlich, aber doch, praktiziert werden wird, einen ganzen Herbst, einen ganzen Winter lang. Der Wald, dunkel und düster, aber nichts Böses wollend, sondern therapierend, sieht dabei zu. Die kultivierten Landschaften, das konservierte Gestern, und zwischendrin das Trauma eines Terroranschlags, ergeben das erfrischend ungefällige Gemälde eines fulminanten Heimatfilms.

Das in spätsommerlichen Farben gemalte Vergangene trifft auf eine kaltschnäuzige, pragmatische Gegenwart, das Landleben wurde bislang selten so grob aus dem Stein gehauen wie hier. Die Idylle eines Dorfes fehlt ganz, Elisabeth Scharang reduziert den Mikrokosmos auf das von Alkoholdunst getränkte Innere einer Gaststube, was nahezu beklemmend wirkt. Das inhärente Gedächtnis einer solchen wird auch in Lars Jessens Mittagsstunde befragt, ein ähnlicher, stiller, auf Metaebenen wandelnder Blick auf ein kryptisches Damals.

Befreit hingegen bleibt die Weite der Felder und die Möglichkeit, sich trotz des möglichen Abstands näher zu kommen. Die Idee hinter diesem Homecoming-Drama setzt Scharang in meisterlicher Effizienz in die Praxis um. Sie bündelt, was das österreichische Gemüt bewegt und wie es tickt, sie greift auf eine Weise den vor knapp drei Jahren in Wien wie aus dem Nichts hereingebrochenen Amoklauf eines Terroristen auf, sie holt sich Brigitte Hobmeier als unprätentiöses, authentisches Sprachrohr für eine ganz persönliche, aber niemals einsame Katharsis, die sie mit einer gewohnt greifbar agierenden Gerti Drassl teilt. Johannes Krisch ergänzt schließlich in gewohnter Qualität das Trio einer unfreiwilligen Selbsthilfegruppe der Angeknacksten, die letztlich vieles gemeinsam haben und sich in einem unverhofften Revival einander stärken. So bleibt Wald längst kein schwermütiges Bewältigungsdrama mehr, sondern die wunderschöne, wenn auch unbequeme Geschichte einer Freundschaft. Und über die Verantwortung Menschen gegenüber, die das eigene Leben irgendwann, und sei es auch nur für kurze Zeit, bereichert haben.

Wald (2023)