Teenage Sex and Death at Camp Miasma (2026)

DER SLASHER ALS DAS HÖCHSTE DER GEFÜHLE

7,5/10


Gillian Anderson und Hannah Einbinder kommen sich in Teenage Sex and Death at Camp Miasma näher
© 2026 MUBI


LAND / JAHR: VEREINIGTES KÖNIGREICH, USA 2026

REGIE / DREHBUCH: JANE SCHOENBRUN

KAMERA: ERIC YUE

CAST: HANNAH EINBINDER, GILLIAN ANDERSON, AMANDA FIX, ARTHUR CONTI, EVA VICTOR, ZACH CHERRY, SARAH SHERMAN, PATRICK FISCHLER, DYLAN BAKER, QUINTESSA SWINDELL, JACK HAVEN U. A.

LÄNGE: 1 STD 52 MIN



Ich wünschte, es gäbe in meiner Heimatstadt Wien noch das gute alte Schönbrunner Kino – dort sah ich Filme wie Independence Day, Schlafes Bruder oder Sieben, bevor es Ende der 90er Jahre geschlossen wurde. Nun ziert diese Hallen ein Sonnenstudio – wie unwürdig.

Die Dreifaltigkeit der Projektionsfläche

Gäbe es das Schönbrunner Kino noch, wäre Jane Schoenbrun dort am besten aufgehoben, einschließlich Marketing-Gag und vielleicht gar dreiteiliger Retrospektive, denn satte drei Filme zählt ihr kinematografisches Œuvre mittlerweile, dank des jüngst in Cannes uraufgeführten letzten Teils der sogenannten Screen-Trilogie, die sich mit – wie kann es anders sein – drei unterschiedlichen Medien beschäftigt: Dem Fernsehbildschirm, dem Computerdisplay und der Kinoleinwand. Für Schoenbrun sind das Portale in eine andere Realität – die hauchdünne Membran, das Rabbit Hole wie bei Alice im Wunderland. Dahinter wartet das Unaussprechliche oder Unfassbare, die Twilight Zone, wenn man so will, das Gespenstische und unbedingt in die Realität wollende.

Dafür schafft sich das Unheimliche seine willfährigen Helfer. Es sind jene, die in das jeweilige Screen-Medium hineinkippen. Die davon eingefangen werden, wie Justice Smith in I Saw the TV Glow, Anna Cobb in We’re All Going to the World’s Fair und nun Hannah Einbinder (Hacks) in einer märchenhaft anmutenden Meta-Satire mit dem merkwürdig bemerkenswerten Titel Teenage Sex and Death at Camp Miasma.

Nicht komplett davonschwebend

Auch Schoenbruns dritter Film hat nichts von diesem eigenwilligen, im rosarot-violetten Farbspektrum umherschillernden Stil verloren, eingebettet in eine rätselhafte Dunkelheit. Dennoch lässt sich deutlich mehr erzählerische Gefälligkeit bemerken als in den anderen beiden Arbeiten, die völlig emanzipiert und unbekümmert ihre sperrige Gedankenwelt ausleben. Teenage Sex and Death at Camp Miasma hat schon allein mit Protagonistin Kris eine Figur geschaffen, die im sozialen Gefüge einer urbanen und fortschrittlichen Gesellschaft am tiefsten verankert ist als irgendeine andere Figur in Schoenbruns fantastischen, doppelbödigen Medienwelten. Der Zugang des Publikums in das Geschehen ist also allein dadurch schon ein deutlich einfacherer.

Zu Besuch beim Final Girl

Was wir vor uns haben, ist als Plot recht schnell abgesteckt, und hält auch kein nennenswertes horizontales Storytelling bereit, schließlich sind Schoenbruns fast schon essayistische Betrachtungen ein verspieltes Exhumieren sämtlicher Versatzstücke, und zwar an Ort und Stelle, in einer Nerd-Blase, die keine ihrer Figuren wirklich weglässt. So ist Hannah Einbinder als eben diese Kris zu Besuch bei einer (fiktiven) Ikone des Slasher-Films: Billy Preston, leidenschaftlich verkörpert von Ex Akte X-Ikone Gillian Anderson, die selten so viel Spielfreude an den Tag gelegt haben mag wie hier.

Der ehemalige Jugendstar, der in den Achtzigern so wie Jamie Lee Curtis in Halloween, Heather Langenkamp in Nightmare oder Neve Campbell in Scream die längst noch nicht ausgelutschte Filmreihe Camp Miasma begründet hat, soll zu einem Reboot überredet werden. Denn Kris hat als junge Regisseurin und ordentlich viel frischem, kreativem Wind im Gepäck ihre ganz eigene Vision für dieses Franchise.

Doch wohl weniger sie als ihre regieführende Person namens Jane Schoenbrun hat wohl die größte Lust am Sezieren eines in der Filmgeschichte und im Genrelexikon nicht mehr wegzudenkende Figur des „Final Girl“ – einer knapp beschürzten, frivolen und auf dem Präsentierteller des Sexismus ausgelieferten Scream Queen zwischen Wollust, Jungfräulichkeit und wundersamer Renitenz. Es ist die dem Drachen doch nicht zum Fraß vorgeworfene letzte Königstochter, und der Male Gaze ist ihr sicher. Mit dieser Wahrnehmung muss aufgeräumt werden – und dem meist maskierten männlichen Antagonisten in seiner vermeintlichen Symbolkraft eine Metaebene angedichtet werden, mit der Sigmund Freud seine größte Freude hätte.

Der Kill als Lust-Multiplikator

Teenage Sex and Death at Camp Miasma ist ein Metafilm in Reinkultur, so unbekümmert und lustvoll, so wild und völlig versponnen. Schoenbrun ist jemand, der dabei lieber das Pacing streckt als die Spannungsschrauben anzieht. Die vertikale Erzählweise dringt Schicht für Schicht in Hannah Einbinders Wahrnehmung und leidenschaftliche Fabulierkunst vor.

Ein ganzes Subgenre wird zerpflückt, von Psycho über den Crystal Lake und Jason Voorhees in Freitag der 13., der fast schon als Stütze für diesen Film funktioniert, bis hin zu diesem seltsamen Typen mit Speer und einem Lüftungsmodul als Maske – der kleine Tod. Vom kleinen Tod wissen wir: es ist ein bekanntes Synonym für den Orgasmus. In diesem Fall ganz eindeutig der weibliche – was Schoenbruns Film letztlich fast schon recht simpel, aber sehr stark zielgerichtet erscheinen lässt. Der sexuell konnotierte Killer und die junge Frau – ein Genre als Sex-Akt? Der Kill als weiblicher Höhepunkt?

Vom Einlegen einer Videokassette

So kommt man zu dem Schluss: Teenage Sex and Death at Camp Miasma funktioniert als queere Sexkomödie auf Umwegen durch den blutgetränkten Morast eines trivialen Erzählmusters für die breite Masse, in welcher vor allem die männliche Komponente viel zu oft nichts von der weiblichen Lust versteht. Was sich Schoenbrun hier zusammengereimt hat, ist ein kurioser und vor allem auch witziger und augenzwinkernder Mindfuck, der die Lust am Retro-Zitieren mit jener auf den feuchten Laken in den Hütten eines Sommercamps vereint.

Teenage Sex and Death at Camp Miasma (2026)

The Last House (2026)

ICH GEH‘ MAL VOR DIE TÜR

4/10


Wagner Moura kann in The Last House nicht vor die Tür
© 2026 Netflix Inc.


LAND / JAHR: USA, VEREINIGTES KÖNIGREICH, FRANKREICH 2026

REGIE: LOUIS LETERRIER

DREHBUCH: MATTHEW ROBINSON

KAMERA: PÅL ULVIK ROKSETH

CAST: GRETA LEE, WAGNER MOURA, RILEY CHUNG, EMMA HO, NOAH ALEXANDER SOSNOWSKI, GABRIEL BARBOSA, AUDREY ANDERSON, SID EDWARDS U. A.

LÄNGE: 1 STD 52 MIN



Die Textzeile „Am Tag, als der Regen kam“ klingelt wohl mitsamt geschmetterter Melodie von Dalida in den Ohren sämtlicher Boomer, allerdings klingelt sie auch bei mir, und ich bin Generation X. Doch keine andere trifft wohl das schicksalhafte Setting im Film The Last House so zielgenau wie diese.

An Familien beißen sich Monster ihre Zähne aus

Denn Netflix hat uns nach langer Durststrecke endlich wieder mal einen exklusiven Blockbuster vor die Tür geworfen, einen mit zwei Shootingstars und angesiedelt in einem Subgenre, das ich gerne als „Familie gegen Monster“ bezeichne. Dazu zählen moderne Klassiker wie A Quiet Place oder auch rustikal Analoges aus den Achtzigern wie Tobe Hoopers Poltergeist. Damit wären wir wohl eher in der paranormalen Ecke, während es in The Last House deutlich diesseitiger zugeht – obwohl man nicht weiß, was zu „diesseitig“ alles zählt. Schließlich peilt in den ersten Sekunden des Films das Zitat von Arthur C Clarke (2001 – Odyssee im Weltraum) schon die richtige Richtung an: „How inappropriate to call this planet Earth when it is clearly Ocean.“

Eins und eins ist zwei: Der Ozean ist nur geringfügig erforscht, keine Ahnung, was da drin noch alles wohnt. Vielleicht gar intelligente Völker, wie in Aquaman? Außerirdische, wie in The Abyss von James Cameron? Wie sieht es bei H. P. Lovecraft aus, an dessen Visionen sich die Filmwelt ja mittlerweile ausgiebigst bedient? Bei ihm wohnen die „Alten“ in den Tiefen der Meere, krakenähnliche Kreaturen, die unsere Menschenwelt dank der Fähigkeit des Gestaltwandelns längst infiltriert haben.

Alternativprogramm bei Regenwetter

Familie also, gegen Monster. Zumindest kämpft diese vierköpfige Gesellschaft nicht gegen Dürre, Trockenheit und vernichtender Hitze – sondern gegen den Regen. Als der nämlich kommt, verändert sich alles. Vor allem aber eins: Der Bewegungsradius. Greta Lee (Past Lives) und Wagner Moura (The Secret Agent) sitzen wie in einem verordneten Lockdown während der Corona-Krise zu Hause fest, ihre beiden Kinder ebenso. Nichts lässt sich öffnen, keine Türen, keine Fenster. Der Regen macht es, dass dieses „Last House“ mehr oder weniger als hermetisch abgeschlossenes Gefängnis funktioniert, die zumindest noch Luft von außen beziehen kann, sonst wäre der Film frühzeitig zu Ende.

So sitzen, liegen und stehen diese Vier langmächtig daheim herum und improvisieren. Machen das Beste draus. Kommen auf wirklich großartige Ideen, denn die Kreativität des Menschen ist womöglich das letzte wirklich nützliche Gut, das wir haben. Ansonsten wären wir sowieso nicht dort, wo wir jetzt sind, wobei uns, zugegeben, die Ideen momentan doch etwas ausgehen.

Wie man im Lockdown auch ohne Bananenbrot den Tag füllt

Im Film von Louis Leterrier allerdings nicht. Zum Glück ist Wagner Moura Ingenieur, er kann basteln und gibt sich als MacGyver. Das alles ist ganz nett anzusehen, doch es zieht sich. Es ziehen sich die Jahre, und dann stellt man sich doch die Frage: Zu mehr hat es nicht gereicht? Wie in einer apokalyptischen Sitcom schauen wir einer Familie beim Überleben zu. Das hat Höhen, aber weitestgehend träge Tiefen. Zwischendurch begeistert das Außen durch rätselhafte Schatten und physikalische Anomalien. Jetzt geht es richtig los, denkt man sich da. Und immer noch nichts.

Anders als in A Quiet Place von John Krasinski, der wusste, welche Tonalität er anschlagen muss, um die Story zu halten, bleibt Leterrier orientierungslos und kann sich mit sich selbst auf kein stringentes Vokabular einigen. Familienabenteuer ist das eine, Suspense-Horror rund um nicht-menschliche Aggressoren das andere. Für einen Familienfilm ist es manchmal zu heftig, für einen Horrorfilm zu lahm. The Last House weiß nicht, was es sein will. Science-Fiction vielleicht? Dazu ist es zu sehr Mystery, vieles bleibt vage – und macht es sich auch viel zu einfach.

Wie man das Ende einer Geschichte herunterbiegt

Wie glücklich das Überleben, wenn, sobald die Fallen aufgestellt sind, so manches wilde Tier schnurstracks darauf zugeht. Lediglich Sekunden verstreichen, bis das Mittagessen gesichert ist. Es nach fünf Jahren nicht geschafft zu haben, das Haus zu verlassen, zeugt nach den gegebenen Parametern von laxem Einsatz. Am Ende biedert sich The Last House, nachdem das Abenteuer nochmal ordentlich den Wasserhahn aufdreht, einer Konklusio an, die man improvisiert, wenn die Gutenachtgeschichte vor dem Einschlafen zu lange dauert. Damit sind wir genauso ratlos wie der zuhörende Filius und die von höheren Mächten schadlos gehaltene Familie, die in psychischer Resilienz und gänzlich ohne Lagerkoller den Biosphären-Elchtest macht. Was für starke Naturen das sind – angesichts einer starken, aber unbeholfen konzeptlosen Natur!

The Last House (2026)

Exit 8 (2025)

FINDE DEN FEHLER!

6/10


Yamato Kôchi im Mysterythriller Exit 8
© 2025 ”Exit 8” Film Partners


LAND / JAHR: JAPAN 2025

REGIE: GENKI KAWAMURA

DREHBUCH: GENKI KAWAMURA, HIRASE KENTARO, NACH DEM GAME VON KOTAKE CREATE

KAMERA: KEISUKE IMAMURA

CAST: KAZUNARI NINOMIYA, YAMATO KÔCHI, NARU ASANUMA, KOTONE HANASE, NANA KOMATSU U. A.

LÄNGE: 1 STD 35 MIN



So manchen U-Bahn-Ausgang hat man selbst schon nicht gleich auf Anhieb gefunden, insbesondere wenn man in einer fremden Metropole als Tourist oder geschäftlich unterwegs ist und dabei die öffentlichen Verkehrsmittel benutzt. In London oder in Moskau ist die Mitfahrgelegenheit im Untergrund gefühlt nahe am Erdkern, anderswo windet man sich wie in einem Labyrinth um unzählige Ecken, nimmt Abzweigungen und Rolltreppen, um zum Ziel zu gelangen. Anders wird einem auch dann, wenn vertraute Arbeitswege ganz plötzlich in einer Möbius-Schleife enden. Gibt es denn da einen Ausweg? Bei Möbius-Schleifen nicht, denn der Weg darauf ist unendlich.

Da will doch nur jemand spielen

So unendlich wie jene U-Bahn-Passage, in der ein namenloser junger Mann feststeckt und verzweifelt nach dem Ausgang Nummer 8 sucht. Das Ganze beginnt noch recht vertraut, zuerst noch weist ein Schild zum Ausgang Zero hin, doch selbst der erscheint nie. Stattdessen kommt diesem Mann, der eigentlich unterwegs zu seiner Freundin ist, die kurz vor der Entbindung steht, und der nicht weiß, ob er sich nun dazu bekennen soll, Vater zu sein oder nicht, immer wieder derselbe Passant entgegen: Ein Geschäftsmann mit einem Koffer in der linken, einem Mobiltelefon in der rechten Hand, stur geradeaus blickend und auf keinen Zuruf reagierend.

Langsam wird klar: Ein Entkommen gibt es nur, wenn sich der werdende Vater im ewig gleichen U-Bahn-System zu Exit 8 hocharbeitet. Schließlich prangen die Spielregeln unübersehbar auf einer Tafel: Findet er Anomalien, muss er zurück, findet er keine, geht es weiter. Rutschbahn und Leiter? Ja, nur ohne Würfelglück, sondern mit dem Auge eines Haftelmachers. Oder: Exit 8 ist wie ein Bilderrätsel, auf dem acht Fehler unbekannter Art versteckt sind.

Tunnelblick mal anders

Der japanische Filmemacher und Autor Genki Kawamura, der mit seinem Roman Wenn alle Katzen von der Welt verschwänden – ein Buch, das man nicht verfilmen kann – schon einen Bestseller geschrieben hat, widmet sich nun der Verfilmung des Computerspiels Exit 8, in dem man immer wieder durch einen weiß gekachelten, mehrmals geknickten Tunnel-Abschnitt wandert. Jedes Mal ist irgendetwas anders – oder auch nicht. Das mag eine launige Horror-Challenge sein, denn manchmal geht auch das Licht aus und ganz plötzlich steht der Geschäftsmann, der sonst sowieso nie reagiert, breit grinsend hinter dir.

Creepiness, die im Trend liegt

Kawamura hat dieses Mindfuck-Abenteuer eines labyrinthartigen Horrors gerade zur rechten Zeit inszeniert, in der so manche Creepypasta, die im Internet kursiert, auf Kinotauglichkeit untersucht wird. Darunter eben Nick Parsons‘ Backrooms-Legenden, die eben erst erfolgreich das Licht der Leinwand erblickten.

Mystery, die sich nicht erklären lässt, hat eine Zeit lang die Stranger Things-Furore erklärt – bis dort aufgeklärt wurde, was man nicht hätte aufklären müssen. Zum Glück gibt Exit 8 genauso wie Backrooms das Geheimnis hinter seinem Schleifen-Horror sowieso nicht preis. Auch nicht, was entscheidend dafür ist, um in diesen Parcours zu tappen. Kawamura erzählt dieses seltsame Phänomen eines urbanen „Escape Rooms“, der mitten im Alltag auf x-beliebige Menschen hereinbricht, aus unterschiedlichen Perspektiven. Würde er das nicht tun, hätte der ganze Plot für einen Spielfilm einen viel zu kurzen Atem; dann wäre Exit 8 ein Kurzfilm geworden, ein kleines, beklemmendes Filmchen, eine Anekdote zum Thema psychologische Manifestation.

Such doch einfach selbst!

Den Mitmachfaktor hat Backrooms nicht – Exit 8 hingegen schon. Man darf also selbst rätseln, was wohl beim nächsten Mal anders läuft – ist es der Mona-Lisa-Effekt auf den Werbeplakaten oder eine verkehrte Ziffer? Mutierte Ratten oder Blut an den Wänden, das auf Weiß immer gut kommt?

Eine Meta-Ebene hat das Ganze ohnehin nicht, und eine solche müsste man auch gar nicht anstreben – doch Kawamura tut es. Letztlich aber lässt sich dieses Szenario gar nicht in diese Richtung biegen. Jeder innere Konflikt, der in Exit 8 von den Auserwählten für das Spiel eben dort hineingetragen wird, bleibt ein dekoratives Add-On ohne Funktion. Klar, man versteht schon, was es zu erreichen gilt, doch wirkt genau das im Gegensatz zu den strengen Regeln in diesem Spiel allzu willkürlich und austauschbar.

Exit 8 (2025)

We’re All Going to the World’s Fair (2021)

DER ABGRUND HINTER DEM SCREEN

7/10

 

Anna Cobb verliert sich in We're All Going to the World's Fair im Internet
© 2021 MUBI

 

LAND / JAHR: USA 2021

REGIE / DREHBUCH: JANE SCHOENBRUN

KAMERA: DANIEL PATRICK CARBONE

CAST: ANNA COBB, MICHAEL J ROGERS, HOLLY ANNE FRINK U. A.

LÄNGE: 1 STD 26 MIN



Wann habt Ihr Euch zuletzt im Spiegel betrachtet? Und wie oft am Tag? Im Vergleich dazu gaffen wir, sofern es Arbeit und Interesse erfordert, weitaus öfter und ausdauernder auf und in irgendwelche Screens als ins eigene seitenverkehrte Konterfei. Nicht aber, um uns selbst zu entdecken – oder doch? Wohl eher, um nichts zu verpassen in dieser Welt, wo das Digitalisierte einfach bequemer ist als das Analoge. Stößt man dabei irgendwann nicht dennoch auf ein verändertes Selbst?

Der Bildschirm als bodenloser Abgrund

Bei den Jungen mag das so sein. Social-Media-Verbote bahnen sich an, in Australien gibt es sie schon, mit mäßigem Erfolg. Für Screens wird es sie nie geben. Da hinein dürfen alle weiterhin gaffen, um eben all die Dinge zu erfassen, die im Leben zu erfassen sind. Und dennoch: Wie hat Nietzsche in seinem wohl berühmtesten Zitat neben der Totenbescheinigung für den Allmächtigen gesagt? Wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich. Könnte der Abgrund mittlerweile nicht auch der vermaledeite Screen sein? Das Display, das Smartphone, die Benutzeroberfläche – die Tiefen des Internets, an dessen Oberfläche all diese Tools und Apps und KI-Masken herumwabern?

Metaphysik-Test für Teenager

We’re All Going to the World’s Fair! So betitelt die nichtbinäre Person Jane Schoenbrun den ersten Teil einer sogenannten Screen Trilogy und setzt Teenagerin Casey (Anna Cobb) einem weltumspannenden Abgrund aus, der so sehr in ihr Innerstes kippt, dass einem selbst beim Mitverfolgen dieses Prozesses ein seltsames Unbehagen beschleicht, gleichzusetzen mit einer ins Kosmische gehenden Vorahnung und Beklemmung, die man bislang in fast allen Werken von David Lynch empfindet, wenn das rätselhaft Mysteriöse in eine scheinbar rationale Welt dringt und das Entsetzliche sich versteckt.

Ob nun David Lynch oder Ari Aster – das vage Erfassen von etwas Seltsamem übersteigt die Resilienz dieses jungen Mädchens zusehends. Was sie verlockt, ist diese Challenge, die sich so nennt wie Jane Schoenbruns smoother Mysterygrusel – We’re All Going to the World’s Fair. Dreimal muss sie es sagen. Dann muss sie sich blinkenden Lichtern aussetzen, im rosafarben-blauen Farbspektrum. Um Teil dieser Herausforderung zu sein, muss sie den Screen auch noch mit Blut signieren – natürlich ihrem eigenen. Und dann kanns losgehen. Nur… was eigentlich?

Heraufbeschwören seltsamer Anomalien

Es heisst, es würden Veränderungen stattfinden. Anomalien in der Physis, in der Wahrnehmung, in der inhärenten Welt um Casey herum. Im Verhalten, im Ich selbst. Casey hat Angst, ist aber zugleich neugierig genug, um das Experiment an sich selbst durchzuführen. Ihr Zustand verändert sich, sie scheint von etwas besessen. Andere, die auch Teil der Challenge sind, zeigen wiederum andere Symptome. Und irgendwo ist die Rede von einem Schleifen-Phänomen, von dem keiner weiß, was das sein soll.

Genau hier setzt Schoenbrun die innere Reise fort. Eine Reise ins Ahnungslose, Überfordernde. Schauspielerin Anna Cobb – über weite Strecken des Films die einzige Besetzung – blickt irgendwann nur noch mit weit aufgerissenen Augen und stierem Blick in die Kamera, die den Screen darstellt. Dinge verändern sich, man weiß nicht was. Die eigenwillige Lichtgestaltung des Films tut ihr übriges. Schwarzlicht, pink-violette Farben, Mintgrün und grobkörnige Schatten. Mitunter enthält der Film eine der verstörendsten Gruselszenen seit langem.

Ein befremdender Trip ins Dazwischen

Den einen aber verstören physische Gewaltspitzen, den anderen gespenstisches Footage-Material. Im Footage-Sektor siedelt auch diese Arbeit hier, und wie schon bei Schoenbruns Nachfolgefilm I Saw the TV Glow als Teil 2 der Screen Trilogy hat We’re All Going to the World’s Fair auf einer eigenen Metaebene weder ein Oben noch ein Unten; was bleibt, ist eine vage Gemütserfassung, ein Psychotrip als schlafparalytische Selbsterfahrung zwischen Halluzination und Paranoia – als würde der ganze Film von etwas wahrgenommen werden, was nicht zwingend menschlich sein muss.

Obwohl dieses Experiment ganz klar auf den veränderungsfähigen Moloch des Internets und seine abgründige manipulative Macht abzielt, das Ganze eine Agenda verfolgt und einen ganz eigenes Vokabular verwendet: Die Befremdlichkeit beim Betrachten überwiegt, das Andocken fällt schwer. Zu sperrig ist das Werk, zu sehr um sich selbst kreisend und grübelnd. Filmkunst ja, das zweifelsohne. Und mit der kann man entweder emotional viel anfangen oder eben nicht. Oder es ist irgendwas dazwischen. Wie beim Betrachter und dem Bildschirm, eine im biolumineszierenden Zwielicht befindliche Grauzone als Passage in eine erschreckende Welt.

We’re All Going to the World’s Fair (2021)

Evil Dead Burn (2026)

SCHWARZE SCHAFE DER FAMILIE

7/10

 

Luciane Buchanan als Deadite in Evil Dead Burn
© 2026 Warner Bros. Ent. All Rights Reserved.

 

LAND / JAHR: USA 2026

REGIE: SÉBASTIEN VANIČEK

DREHBUCH: SÉBASTIEN VANIČEK, FLORENT BERNARD

KAMERA: PHILIP LOZANO

CAST: SOUHEILA YACOUB, HUNTER DOOHAN, LUCIANE BUCHANAN, ERROLL SHAND, GRETA VAN DEN BRINK, TANDI WRIGHT, MAUDE DAVEY, GEORGE PULLAR, KEANU KARIM U. A.

LÄNGE: 1 STD 50 MIN

 

Wer oder was sind diese Deadites überhaupt?

Was sie definitiv nicht sind: Zombies. Aber auch da wieder im klassischen Sinne, denn was die dämonische Kollektiv-Präsenz in den Evil Dead-Filmen auch kann, ist, neben an sich vitalen Körpern noch bereits tödlich verunglückte auf eine Weise wiederzubeleben, die ans Zombie-Dasein erinnert. Inspiration wird sich Sam Raimi wohl bei William Friedkins Der Exorzist geholt haben. Schließlich reicht es, sich zu überlegen, was gewesen wäre, wenn man Linda Blair nicht ans Bett geschnallt hätte.

Doch anders als Untote sind Deadites ausgesprochen intelligent und, gepaart mit sadistischer Bösartigkeit, gezielt darauf ausgerichtet, andere zu „infizieren“. Das gelingt über alle Arten von Körperflüssigkeiten, und ja: bei Evil Dead fließen davon viele. Was noch nicht ausgetestet wurde, ist sexuelle Übertragbarkeit. Vielleicht heben sich das die Macher für den nächsten Teil auf – der womöglich wieder ganz andere Saiten aufziehen und den kreativen Werkzeugkasten eines ganz anderen Filmemachers über sich ergehen lassen wird. Schließlich ist das Konzept von Evil Dead ein grundlegend äußerst simples – ganz so wie jenes aus Alien, Aliens – und wie sie noch so alle heißen.

Der anthologische Charakter einer Lore

Dieses Basiskonzept hat anthologischen Charakter und mag andere dazu einladen, ihren eigenen Stempel aufzudrücken. Bei Alien wissen wir längst: James Camerons Sequel war grundlegend anders als das Original von Ridley Scott, hat das Thema uminterpretiert und, da sonst keine weiteren Regeln vorhanden waren, als Actionthriller aufgezogen. Einen Film später dann David Fincher. Seine Version wurde zwar durch das Studio gegängelt, gekürzt und verstümmelt, ist aber wieder anders als die anderen beiden Teile, während Jean-Pierre Jeunet aus dem Weltraumhorror eine Freakshow inszeniert hat – optisch kühn, progressiv und enorm verspielt. Auch der Body-Horror-Faktor steigerte sich ins Groteske.

Was bisher geschah

Bei Evil Dead funktioniert das genauso. Sam Raimi hat sein Original zwischen Groteske und knallhartem Horror angesiedelt, Teil 2 war da schon nahe an der Komödie, Teil 3 sowieso nur noch Fantasy, mitsamt Skelettarmeen und lauter kleinen Bruce Campbells. Dann kam lange nichts – und 2013 dann das bierernste Remake von Fede Álvarez. Eine Gruppe junger Leute wird erneut aufgemischt, die Kettensäge kommt zum Einsatz, der fiese Dämon steckt zeternd im Keller. Das alles hatte keine nennenswerte eigene Handschrift. Modern zwar, aber austauschbar.

Lee Cronin, der eben erst The Mummy ent-wickelt hat (mehr schlecht als recht), bekam für seinen Evil Dead Rise vollkommen freie Hand. Entstanden ist eine destruktive Stirb Langsam-Version: rabiat, dunkel und durchaus augenzwinkernd. Interessant dabei, dass hier erstmals ein griffiger Subplot hinzukommt – im Grunde ein kleines, aber feines Familiendrama, das sich aber letztlich völlig in blutgetränkten Shining-Reminiszenzen verliert.

Nun aber hat sich der Franzose Sébastian Vaniček an das nicht immer ganz schlüssige und ausbaufähige Evil Dead-Regelwerk herangewagt. Vaniček sagt wohl den wenigsten etwas – Liebhaber des Tierhorrors kennen aber vielleicht seinen arachnophoben Wohnhaus-Terror und Festival-Liebling Spiders – Ihr Biss ist der Tod. Immer noch, wenn ich daran denke, werde ich das Gefühl nicht los, dass irgendetwas Vielbeiniges seinen Weg unter mein Gewand gefunden hat.

Ein Familiendrama wird korrumpiert

Vaniček lässt diesmal in entsättigten, modrigen Bildern seine Deadites brennen – jedoch erst, nachdem er seine Version mit viel mehr Story-Kontext angereichert hat, als es in bisher jedem Evil Dead-Film der Fall war. Evil Dead Burn ist insofern eine unerwartete Überraschung, da sein Film so wirkt, als wäre das Familiendrama zuerst dagewesen und hätte sich anders weiterentwickelt, würde da nicht die Hölle wie eine unerwartete Katastrophe über die Lebenden stürzen, die alles anders kommen lässt.

Diese „unerwartete Wendung“ des Schicksals ist Vaničeks größter Triumph – und er wartet damit, bis es losgeht; er zügelt seine Teufel, obwohl sie längst wild mit den Zähnen blecken. Herzstück ist fast schon die vor Anspannung kaum auszuhaltende Ruhe vor dem Sturm, wenn die Familie des tödlich verunglückten Will und dessen Witwe Alice nach dessen Beerdigung in scheinbar trauter Harmonie zu Tisch sitzen. Zu diesem Zeitpunkt weiß das Publikum schon weitaus mehr als die Familie, und so kitzelt Vaniček das Unbehagen und die Spannung aus jeder Sekunde.

Im Kreise der Familie kreist die Säge

Wenn das Fass überläuft und sich die ganze kaputte Familie plötzlich ganz anderen Problemen gegenübersieht, die sie noch kaputter machen, bedient sich Evil Dead Burn einer ganzen Bandbreite an Ideen, wie man den rabiaten Horror anders als gewohnt abfilmen kann. Kameramann Philip Lozano lässt sich sowohl zu Inception-ähnlichen Rotationen hinreißen als auch zur bodennahen Reportage, die den Fokus auf eine Person setzt, die, als wäre sie in einem Kriegsfilm, über das Schlachtfeld robbt, während um sie herum kataklysmische Gewalt herrscht.

Mit Intensität kennt sich Vaniček aus. Er spielt mit dem Vorhersehbaren, ohne das Erwartbare aber zu unterwandern. Er erweitert, anders als in allen anderen Filmen, das Wissen um die Deadites und ergänzt das Mysterium um ein Artefakt. Durch dieses Ding bekommt der Film dann seinen Drive. Plötzlich geht es nicht nur ums Überleben, plötzlich mogelt sich hier eine Schatzsuche ins apokalyptische Geschehen – und ganz plötzlich ist der Horror mehr als nur eine Schlachtplatte.

Mit der hätten die meisten aber ohnehin genug, das ist wie nochmal das Alien in einem Raumschiff weit ab vom Schuss. Hier aber ist das heruntergekommene familiäre Heim die ideale Kulisse für ein Spukhaus und hat deutlich mehr Spielplatz als die überschaubare Hütte im Wald. Souheila Yacoub (Planet B) zeigt hier gleich zu Beginn, wie sehr sie sich auf sich selbst verlassen kann – der französische Touch, den sie reinbringt, sorgt für eine gewisse Arthouse-Eleganz, ein Chanson untermalt gar den Showdown. Das sind Aspekte, die kommen dann doch überraschend, während natürlich, und das soll hier nicht unerwähnt bleiben, die gory Messlatte an Blut, Gebein und Ekel recht hoch sitzt, sich das Ganze aber nicht unnötig ausufernd in organischem Stückwerk suhlt.

CGI als Wermutstropfen

Am Ende verhaspelt sich Vaniček dann doch. So weit, so stilsicher und virtuos, bedient er später die digitale Trickkiste, lässt Assoziationen an James Camerons dystopischen Kult-Einstand aufkommen und erfährt aufgrund eines gewissen Übermuts, dass dieser selten guttut – auch wenn das Statement zu häuslicher Gewalt dem Ganzen eine hauchdünne Message mitgibt. So, als wären die Deadites nur Sinnbilder und Nachtmahre unbereinigter Konflikte und entstanden aus der ohnmächtigen Angst vor Kontrollverlust.

Evil Dead Burn (2026)

Possession (1981)

DER ABGRUND IST NUR EINE EHEKRISE WEITER

7,5/10


Isabelle Adanai verfällt in Possession dem Wahnsinn
© 1981 Marie-Laure Reyre / Marianne Productions


LAND / JAHR: FRANKREICH, DEUTSCHLAND 1981

REGIE: ANDRZEJ ŻUŁAWSKI

DREHBUCH: ANDRZEJ ŻUŁAWSKI, FREDERIC TUTEN

KAMERA: BRUNO NUYTTEN, ANDRZEJ J. JAROSZEWICZ

CAST: ISABELLE ADJANI, SAM NEILL, HEINZ BENNENT, JOHANNA HOFER, CARL DUERING, MARGIT CARSTENSEN, MICHAEL HOGBEN, LESLIE MALTON, MAXIMILIAN RÜTHLEIN, THOMAS FREY U. A.

LÄNGE: 2 STD 3 MIN



Das Ableben des neuseeländischen Schauspielers Sam Neill kam für mich völlig unerwartet. Vielleicht, weil ich den so sympathischen und integren Mann, dem ich sogar seine Geisterbahn-Gemeinheit Event Horizon verzeihen muss, hat er souverän wie immer uns allen im Kino ordentlich Angst eingejagt, im vorletzten Jurassic World von 2022 längst nicht so viele Sonnenumrundungen angerechnet hätte als er tatsächlich hinter sich gebracht hat.

Ein blutjunger Sam Neill

Einige Lenze früher, nämlich ganze 45 an der Zahl, stand er mit Isabelle Adjani vor der Kamera, und zwar für Andrzej Żuławskis zum Kult gewordenen Psychotrip Possession. Da war Sam Neill noch blutjung, und bereits schon damals höchst begabt darin, verstörte Gesichter zu ziehen, bevor er zwölf Jahre später in Jurassic Park aus dem Staunen nicht mehr herauskam. Neill war ein Charakterdarsteller der oberen Liga, gerne auch oft am Rande besetzt, doch immer wieder so markant, dass er sich mit Leichtigkeit in den Hauptcast schmuggelte.

Ein simples Ehedrama? Von wegen!

In Possession ist er gemeinsam mit Adjani gleich vorne mit dabei, denn beide erleben das Ende einer Ehe, die Zerrüttung einer Liebe, und die Qual des Entschlusses, ohne den anderen neu anzufangen. Klingt nach profaner Beziehungskiste, oder vielleicht nach Sorgerechtsstreit wie in Kramer gegen Kramer mit Dustin Hoffman und Meryl Streep – schließlich spielt ein Kind dabei auch noch eine Rolle.

Wer aber Żuławski kennt oder ungefähr weiß, was der Pole Zeit seines Künstlerlebens so vollbracht hat, wir zugeben müssen, es hier mit einem Visionär zu tun zu haben, der lieber sein Publikum verschreckt oder fordert, aber ganz sicher nicht auf unterhaltsame Weise einlullt.

Kaum ein Film, der diese Subversivität stärker und kontrastreicher ausspielt als Possession, wo Sam Neill den toxischen Besitzanspruch eines zurückgewiesenen und somit gekränkten Mannes zwar nicht mit einem Femizid an die Spitze treibt, aber mit einer akrobatischer Intensität aus Bedrängung und Flehen, enervierendem Lamento und kindlicher Wut.

Neill konnte gar nicht anders als so aufzudrehen, denn auf der anderen Seite haben wir Isabelle Adjani, die Żuławski in Werner Herzogs Neuinterpretation des Nosferatu-Stoffes gesehen haben muss, um zu wissen, dass mit ihr der verlangte Wahnsinn neue Methoden finden wird, um sich zu entfalten.

Des Wahnsinns knusprige Beute

Es ist schlicht und ergreifend unmöglich, dass sich der Abgrund einer Psychose exzessiver darstellen lässt als Adjani das getan hat. Betrachtet man im Vergleich dazu Lynne Ramsays ähnlich gelagertes Psychodrama Die My Love, erscheint Jennifer Lawrence auf allen Vieren als müder Nachhall.

In der Szene, in der Isabelle Adjani in einer Unterführung exzessiv brüllend in Blut und Milch badet und scheinbar völlig den Verstand verliert, bekommt der darstellerische Umstand eines emotionalen Ausbruchs eine neue Hochwassermarke. Was die damals 26jährige Schauspielerin als emotionalen Subtext dafür verwendet hat, um dermaßen über die Grenzen gewohnter Intensitäten hinauszuschießen, mag ein Geheimnis bleiben.

Es wird immer monströser

Mit diesem Mysterium der selbstvergessenen und wirklich furchteinflößenden Ekstase passt Adjani perfekt in einen psychologisch herausfordernden Thriller, der in der stilistischen Interpretationswelt des Surrealen genauso beheimatet ist wie auf der bizarren Spielwiese eines Roman Polanski, wofür sich als Querverweise ganz gut dessen Werke Wenn Katelbach kommt oder Ekel eignen. Nur: Żuławski taucht bisweilen noch tiefer in die Absurdität ab, in dem er auch die Komponente eines Creature Features anfügt – was überhaupt nicht zur Tonalität des Filmes passt.

Doch ähnlich wie in David Lynchs Eraserhead schafft er damit eine Metaebene des Symbolismus, und Adjanis nach außen gekehrter psychischer Zustand manifestiert sich als groteske Monstrosität. Das Spiel mit den Identitäten und Doppelrollen, die ein gewiefter Psychothriller oft mitbringen will, verschränkt das längst um die eigene Identität gekommene Horrordrama so sehr mit sich selbst, dass jedwede Interpretation, die sich herauslesen lässt, immer nur viel zu trivial anfühlt.

Filme muss man ausleben

Was die Frage aufwirft: Wohin will Possession eigentlich wirklich? Ist das ganze nur eine filmgewordenen Narrenfreiheit, ein Ausleben wilder künstlerischer Energien, oder gezielte Provokation, die allein schon durch den wüsten Genremix, der aber reizvoll ineinanderpasst, nur auffallen will?

Dafür hat Żuławskis Film deutlich zu viel Ehrgeiz, zu viel Vision. Als Avantgarde ist Possession bis heute ein vorzügliches Beispiel für regelbrechendes Kunst- und Faszinationskino, so befremdlich wie irrwitzig – und mit dem wohl entfesseltsten Schreikrampf der Filmgeschichte.

Possession (1981)

Prophecy of the Devil (2025)

DER TEUFEL HAT JA SONST KEINE FREUNDE

4,5/10


Der verzweifelte Nicolas Cage als Josef im Film The Carpenter's Son
© 2025 Magnolia Pictures


ORIGINALTITEL: THE CARPENTER’S SON

LAND / JAHR: USA, FRANKREICH 2025

REGIE / DREHBUCH: LOTFY NATHAN

KAMERA: SIMON BEAUFILS

CAST: NICOLAS CAGE, NOAH JUPE, FKA TWIGS, ISLA JOHNSTON, FISAYO AKINADE, SOUHEILA YACOUB U. A.

LÄNGE: 1 STD 34 MIN



Das schätze ich am guten alten Nicolas Cage. Für nichts ist sich der Mann zu schade. Wenn ihm was gefällt, macht er es. Wenn er eine Figur noch nicht gespielt hat, wie zum Beispiel den biblischen Josef, dann wagt er es.

Zimmermann vor der Kamera

Warum auch nicht. Schauspiel ist für diesen Mann ein Handwerk, keine wasweißich wie geartete verkrampfte Kunst, in die man sich, wie es manche tun, wochenlang vergraben muss, um vielleicht dann auch in dieser Rolle zu bleiben, die ganze Zeit, auch abseits vom Set. Ein bisschen wirr, oder? Das kann Nicolas Cage auch so: nämlich wirr genug sein. Und laut. Was schreit er nicht herum, wenn der kleine Jesus von Nazareth wieder mal nicht das macht, was man ihm aufträgt.

Blättern in den Apokryphen

Über die Kindheit des christlichen Heilbringers steht in den offiziellen Schriften der Bibel so gut wie gar nichts. Allgemeingebildete wissen: Ganz so ist es nicht, schließlich gibt es da noch die Anti-Bibel, die sogenannten Apokryphen, die verbotenen und unveröffentlichten Evangelien, weil sie einfach nicht jenem christlich-humanitären Bild entsprechen, welches das Neue Testament vermitteln will.

Das am meisten verbreitet Schriftstück ist dabei das Evangelium nach Thomas, ein rund zwei Jahrhunderte nach Christus verfasstes, teils gnostisches Werk und mit hoher Wahrscheinlichkeit kaum eine Mitschrift von Jesu juveniler Jahrzehnte. In denen hatte er es nämlich, laut Thomas, faustdick hinter den Ohren.

Ein Mädchen, das nicht so ist wie es scheint

Was er damals schon beherrscht hat als Dreikäsehoch, das waren Wunderheilungen. Mit anderen Worten: reinste Magie. Als besten Freund für allerlei Schabernack an seiner Seite: Der Teufel. Nie und nimmer wird er auch später dabei innehalten, den heiligen Mann in Versuchung zu führen. Die vierzig Tage in der Wüste sind noch lange hin. Um hier schon mal Vorarbeit zu leisten und den Messias in spe auf die Probe zu stellen, gibt sich der Leibhaftige als junges Mädchen aus. Und zeigt dem jungen Jesus, wie schlecht und unwürdig die Menschheit doch ist, um sie letzten Endes, einige Jahrzehnte später ans Kreuz genagelt, retten zu wollen.

Jesus, Maria und Josef!

Die heilige Jungfrau Maria, gespielt von Musikerin FTA Twigs, ist längst in diversen Sphären abgeglitten, wie eben jemand, der jungfräulich empfangen hat und noch dazu vom Nachwuchs weiß, dass dieser mal in die Weltgeschichte eingehen wird.

Josef hat jedoch nichts davon: ein verzweifelter und zweifelnder Griesgram, der, gerade erst aus dem ägyptischen Exil zurückgekehrt, immer noch bangen muss, von den Römern erwischt zu werden. In diesem dunklen, schattenfleckigen Setting eines levantinischen Olivenhains braut sich also was zusammen. Was genau, wird jedoch selten klar, denn so richtig stringent entwickelt sich Prophecy of the Devil (Im Original The Carpenter’s Son) nicht gerade. Als junger Jesus darf Noah Jupe, zuletzt gesehen in The Death of Robin Hood, den Erwartungen überraschend bibelkonform entsprechen – so, als hätte Autorenfilmer Lotfy Nathan dringlich versucht, das ausgesonderte Evangelium zu rehabilitieren.

Die missglückte Emanzipation des Josef

Und dennoch bleibt er mit seiner metaphysischen Momentaufnahme unentschlossen zwischen diversen Charakteristika, die diese Bibelinterpretation festigen sollen, hängen. Soll das ganze Horror sein? Das Coming-of-Age von Jesus, der selbstredend nur Bahnhof versteht im Bezug dessen, was ihm das Göttliche zuflüstern will? Oder ist Jesus nur Sparringpartner für einen Josef, dem nichts erspart bleibt und dessen Verschwinden aus den Evangelien nach Jesu Geburt erklärt haben will?

Diesmal dreht Nicolas Cage seine Figur deutlich zu laut auf, gebremst hat ihn Lotfy Nathan dabei nicht – und ihn mehr oder weniger zu einer belächelnden Frustrationsfigur verwandelt, die die Autorität der Josef-Figur dann noch mehr untergräbt als ohnehin schon.

Der Teufel hat es in sich

Beachtenswertes Kernstück dieses dunklen, zerfahrenen Versuchs einer Exegese ist die beeindruckende Schauspielerin Isla Johnston (Das Damengambit). Ihre einschüchternde und unberechenbare Interpretation des Teufels hat einen besseren Film verdient. Zumindest einen, der noch mehr in existenzielle Fragen abtaucht und Jesu Selbstbewusstsein herausfordert. So richtig in medias res ist dabei noch kein Film gegangen.

Prophecy of the Devil hätte genau darin sein Potenzial entfalten können, wenn Josefs Gezeter nicht andauernd dazwischenfunken würde.

Prophecy of the Devil (2025)

Passenger (2026)

DÄMONEN IM STRASSENVERKEHR

7/10


© 2026 Constantin Film Österreich


LAND / JAHR: USA 2026

REGIE: ANDRÉ ØVREDAL

DREHBUCH: T. W. BURGESS, ZACHARY DONOHUE

KAMERA: FEDERICO VERARDI

CAST: LOU LLOBELL, JACOB SCIPIO, MELISSA LEO, JOSEPH LORENZ, TONY DOUPE U. A.

LÄNGE: 1 STD 34 MIN



Un-menschliche Verhaltensweisen

Warum nur entfernt man sich des Nächtens während eines Autostopps meterweit vom Auto in den Wald hinein, wenn doch weit und breit niemand die Idylle der Straßenrand-Notdurft stören würde? Im wahren Leben würde das nicht passieren, im wahren Leben strullt man im Abblendlicht der Scheinwerfer. Leider muss sich Passenger gleich zu Beginn mit dem Tatbestand einer unlogischen menschlichen Verhaltensweise auseinandersetzen. Als Zuseher seufzt man da einmal kurz und heftig durch. Ließe sich es irgendwie anders bewerkstelligen, dass in der Prolog-Szene des Roadtrip-Horrors das Böse auch dann effektiv zuschlägt, wenn man verhaltenstechnisch plausibel bleibt?

Neue Ideen sind manchmal überbewertet

Bei diesem Miesepeter aus der Hölle womöglich schon. Denn der hat als Dämon so einige Skills auf Lager. Wird unsichtbar, wechselt den Standort in Sekundenschnelle, und wenn er mal materialisiert, spritzt Blut, wie es sich für einen Dämonen-Slasher eben gehört.

Über solche Logiklücken lässt sich in Passenger, zieht man am Ende Resümee, freigiebig hinwegsehen. Denn André Øvredal, der schon mit seinem von Guillermo del Toro inspirierten Gruselthriller Scary Stories to Tell in the Dark absolut den Geschmack getroffen hat, beweist zumindest in seinem neuen Werk, wie man auch ohne neue Ideen bereits vorhandene Versatzstücke mit Respekt vor ihrer oft bemühten Wirkung erfrischend verwursten kann. Und das ist weniger sarkastisch gemeint als es klingt.

Passenger betritt viel befahrene Straßen, das ist ohnehin klar. Doch Øvredal weiß, wo er auf welche Weise Schreckens-Mechanismen dehnt, leicht verzerrt, als würde er osteopathisch an die Sache rangehen, diese hin und her schiebt oder wie einen Wagen ohne Handbremse und Gang einfach ein paar Meter weiter ausrollen lässt.

Die Umgebung im Blick behalten

Ganz deutlich wird diese Vorgehensweise in einer Szene sichtbar, in der sich Lou Llobell (bekannt geworden durch die Serienverfilmung von Isaac Asimovs Foundation) allein über einen nächtlichen Parkplatz hinweg ihrem Camper nähert, mit dem sie und ihr Verlobter vorhaben, ihr Vanlife zu leben. In dieser Szene hat der Passenger längst Blut geleckt und sich als Trittbrettfahrer zu erkennen gegeben – doch Øvredal hält seine Zuseher auf gekonnte Weise lange genug hin, um so etwas wie eine angespannte Vorahnung zu erzeugen, kurz gesagt: Suspense, die vor allem durch die energisch rotierende Kamera erzeugt wird.

Bei jedem erneuten Kreisen um Lou Llobell herum könnte im Hintergrund irgendwo diese schaurige Gestalt stehen, wie einst Mike Myers in seinem Blaumann. Wenn die Ankündigung des Schreckens zum Fehlalarm wird, ist das kein dramaturgisches Defizit, sondern ein keckes Spiel mit der Erwartungshaltung und dem Publikum selbst.

Ein lichtscheuer, wüster Kerl

Schließlich taucht der Passenger – eine düstere Gothic-Figur, als wäre Iggy Popp in ferner Zukunft mal aus dem Grab gestiegen (wir hatten ihn bereits als Zombie in Jim Jarmuschs The Dead Don’t Die) und hätte sich, untot wie er wohl sein würde, als Darsteller für Severus Snape beworben – vermehrt zu unerwarteten Zeiten auf.

Den besten Jumpscare fährt er gleich zu Beginn ein, nach dem Schrecken folgt wohlige Vor- und Schadenfreude die nächsten eineinhalb Stunden lang. Und immer dann, wenn das Abblendlicht nicht weiter weiß und der Kegel der Taschenlampe am Dickicht des Waldessaums hängenbleibt, sind dramaturgische Leerläufe schnell verziehen. Kann ja sein, dass sich im Dunkel dahinter nicht nur der Highwaykiller verbirgt. Vielleicht auch ein dämonisch verzerrter Gregory Peck.

Stoßgebete an den Schutzpatron

Zum Plot muss man nicht viel erwähnen. Passenger ist ein Roadmovie mit überschaubarem Cast, der Fokus liegt auf einer unmöglich realisierbaren Safe Journey und liebäugelt ein bisschen auch mit den Mächten des katholischen Who is Who’s im Himmel, wenn der Heilige Christophorus, der Schutzpatron aller Reisenden, hilfreich zur Seite steht. Denn da hat Øvredal wieder das Genre der Dark Fantasy gestreift, wie er es seit Trollhunter immer schon getan hat. Eine Eigenheit, mit der auch Passenger spielerisch umgehen kann.

Passenger (2026)

Whistle (2025)

PFEIF MIR DAS LIED VOM TOD

2/10


Dafne Keen beschwört in Whistle den eigenen Tod herbei
© 2026 Constantin Filmverleih


LAND / JAHR: KANADA, IRLAND 2025

REGIE: CORIN HARDY

DREHBUCH: OWEN EGERTON

KAMERA: BJÖRN CHARPENTIER

CAST: DAFNE KEEN, SOPHIE NÉLISSE, SKY YANG, JHALEIL SWABY, ALI SKOVBYE, PERCY HYNES WHITE, MICHELLE FAIRLEY, NICK FROST, STEPHEN KALYN U. A.

LÄNGE: 1 STD 40 MIN



Es gibt sie wirklich: Aztekische Totenkopfpfeifen – womöglich eingesetzt zur psychologischen Kriegsführung. Wie das funktioniert hat? Diese kleinen, handlichen Blasinstrumente, die tatsächlich genau so aussehen wie im Film (nur in weniger akkuratem Zustand)  geben einen markerschütternden Ton ab, der so klingt wie der Schrei eines von Todesangst geplagten Menschen. Man kann sich den Klang mit Sicherheit auf Youtube zu Gemüte führen, doch mit Sicherheit ist es etwas anderes, den so kuriosen wie beängstigenden Sound direkt, ohne Zwischenmedium, ans Ohr zu lassen, und nicht in mauer Qualität ums Eck nochmal abzuhören. Dann weiß man, wie es ist, wenn dieser Klang nachhaltig im Gedächtnis bleibt.

Artefakte-Horror mit realem Bezug? Bingo!

Mit diesem archäologischen Artefakt aus Mittelamerika lässt sich doch sicher ein schmissiger Horrorfilm machen? Magische Gegenstände aus frühen Zeiten geben schon was her – so zum Beispiel die tätowierte Mumienhand aus dem Geisterhorror Talk To Me der Gebrüder Philippou. Nimmt man diese wie zum Gruß und rezitiert dabei dem genauen Ritus folgend Phrasen, steht die Verbindung ins Jenseits, wo die Toten begierig aufs Diesseits schielen, weil es dort viel besser war.

In Whistle schürzt man die Lippen und trötet in das antike, pummelige Gefäß, um Gevatter Tod ein paar frühzeitige Tode zu bescheren, auf die er nur sehnlichst wartet, denn wie das Schicksal es so will, herrscht für jedes lebende Wesen ein gewisser Determinismus, der sich prinzipiell nicht umgehen lässt, es sei denn…

Als Tote(r) ist man immer klüger

Klar spielen Teenager mit der Gefahr. Egal, wie viele Schulklassen sie schon absolviert und wie sehr sie auch schon auf den ernsten Rest ihres Lebens vorbereitet wurden. In eine antike Pfeife bläst man gerne, auch auf die Gefahr hin, dies bald aus dem letzten Loch zu tun.

Whistle hält also einen filmgewordenen Abzählreim parat, und lässt all die entbehrlichen Freundinnen oder Freunde, die Dafne Keen umgeben, über die Klinge springen. Wenn Klingen ins Fleisch schneiden, bedeutet das Blut, Blut und nochmals Blut.

Einer wird so zugerichtet, als hätte er sich mit seinem Boliden mehrmals um einen Baum gewickelt, ein anderer macht dem schwarzen Ritter aus Monty Pythons Die Ritter der Kokosnuss alle Ehre. Nick Frost zum Beispiel hätte früher mit dem Rauchen aufhören sollen, aber wie auch immer. Wie Regisseur Corin Hardy, der uns mit The Nun ein Standalone für den Dämonen namens Valak geschenkt hat, geht in seinem neuen Film davon aus, dass es vollkommen reicht, Todesfälle nur zu variieren anstatt sie in ein Skript einzubetten, dass mehr über Tod, Schicksal und daraus entstehende, sich bedingende Umstände zu erzählen weiß. Als wäre diese Pfeife nicht eines respektvollen Nachpfeifens würdig, wenn sich Whistle nur ein bisschen mehr für sich selbst und seinen Plot interessiert hätte.

So uninteressant ist das Thema Tod doch gar nicht?

Dafne Keen, einst Wolverine-Girl in Logan und in der Star Wars Serie The Acolyte als Jedi vertreten, gibt hier ein Goth-Girl ohne nennenswerte Mimik. Um sie herum völlig austauschbare Charaktere, die, wie schon erwähnt, sich selbst begegnen, und zwar in der Stunde ihres Todes. Eine coole Idee, doch selbst die verschenkt Hardy insofern, da er zu glauben scheint, Dämon Valak würde auf jede nur erdenkliche Weise mit dem immer gleichen spukhaften Verhalten noch irgendwen hinter dem Ofen hervorlocken.

Einen Pfeifton für den Film, bitte!

Whistle fehlt zur Gänze, und das ist aus meiner Sicht nicht übertrieben, das Gespür für Atmosphäre und schleichendem Grusel. Seine Wahl der Mittel ist zu offensichtlich, um man fühlt schon Minuten, bevor Whistle irgendein Horror-Element aus dem Hut zaubert, was es ist, wie es kommen wird und wohin es letztlich führt. Für einen Horrorfilm ist das der schlimmste Tod. Dabei wünscht man sich vergeblich, dass irgendwer durchs Pfeifen in den knuffigen Totenschädel diesem ein vorzeitiges Ende beschert. Früh genug kann es nicht kommen.

Whistle (2025)

Obsession – Du sollst mich lieben (2025)

DAS DÄMONISCHE IN SONGS WIE EVERLASTING LOVE

8/10


Inde Navarrette und Michael Johnston in Curry Bakers Horrorfilm Obsession© 2026 Focus Features LLC


LAND / JAHR: USA 2025

REGIE / DREHBUCH: CURRY BARKER

KAMERA: TAYLOR CLEMONS

CAST: MICHAEL JOHNSTON, INDE NAVARRETTE, COOPER TOMLINSON, MEGAN LAWLESS, ANDY RICHTER, HALEY FITZGERALD U. A.

LÄNGE: 1 STD 40 MIN



Sind Männer mal verliebt, bleibt diese Liebe oftmals unerwidert. Vielleicht, weil so manchen Männern der Mut fehlt, ihrem Gegenüber ihr Herz zu öffnen – aus Angst vor Ablehnung. Zugegeben, die Medaille lässt sich auch umdrehen. Dieses Unterfangen, jemandem seine oder ihre Liebe zu gestehen – damit setzt man sich ungeschützt einer Reaktion aus, die sich jeglicher Kontrolle entzieht.

Die Liebe ist ein seltsames Spiel

Doch damit fängt die Liebe an – oder auch nicht. Zumindest lässt sich danach immer schon erhoffte Zweisamkeit leben, oder endlich ein Neuanfang starten, ganz woanders hin. Und dann gibt es die, die nicht akzeptieren wollen, dass, egal wie man es dreht und wendet, das Schicksal nicht manipuliert werden kann, und sind es auch noch so viele Liebesbriefe, Bekundungen und Gesänge unterm Balkon wie bei Romeo und seiner Julia. Die beiden hatten zumindest das Glück, dass sie sich sicher sein konnten, füreinander bestimmt zu sein, wenn schon nicht der Rest der ganzen Sippschaft damit einverstanden war.

Du gehörst zu mir wie dein Name an der Tür

Die Freiheit, in Liebesdingen zu wählen, wie man möchte, ist mancherorts auf dieser Welt immer noch nicht selbstverständlich. Hat man sie, ist das fast schon ein Privileg. Und gilt auch für die Freiheit, Nein sagen zu dürfen. Ein Problem? Nicht mit dem nötigen Zauber. Love Potion No. 9 fällt mir hier ein. Das Elixier der Liebe, mit dem Sandra Bullock 1992 im gleichnamigen Film ihrer Karriere Auftrieb verlieh. Damals war das noch entzückend, mitanzusehen, wie Zuneigungen und Gefühle erzwungen werden. Auch in der Serie Buffy, Staffel 2, Folge 16, kommt der beziehungstechnisch noch recht unbeholfene Xander (Nicholas Brendon) in den Genuss der Unwiderstehlichkeit für das weibliche Geschlecht – was schnell bedrohlich wird.

Mit diesem Schrecken der Obsession gelingt auch spielend einfach die Überleitung zu Curry Barker und seinem neuem Schocker Obsession – Du sollst mich lieben. Wobei hier der Imperativ für beide Seiten gilt. Von der zur Hingabe gezwungenen, magisch veränderten Nikki – oder vom sehnsüchtig und hoffnungslos verliebten Bear (Michael Johnston), der als enorm introvertierter und in Lebenserfahrungen völlig unbeschriebener Underdog nichts lieber hätte als eine Beziehung mit seiner besten Freundin.

I’D Do Anything for Love

Da fällt ihm gerade zur rechten Zeit ein ominöser Gegenstand in die Hände – der Zweig einer magischen Weide, der einen Wunsch erfüllt, wenn man diesen bricht. Und so passiert es dann tatsächlich, obwohl es keiner für möglich hält: Nikki verliebt sich in Bear. Bear kann es kaum glauben, ist aber anfangs auch ganz entzückt – bis die Verliebtheit zur bedingungslosen Liebe und von dieser zum absoluten Wahnsinn mutiert, und dabei so monströse Ausmaße annimmt, die so pointiert serviert werden, dass es einem ab und an aus dem Sitz hebt.

Dabei schließt sich Curry Barker, ebenfalls Youtuber ähnlich wie die Gebrüder Philippou, die mit Filmen wie Talk to Me und Bring Her Back den Horrorfilm auf erfrischende Weise rundumerneuerten, diesem kompromisslosen Trend des intellektuellen Genrekinos an und treibt dabei ein längst bekanntes Thema – nämlich Liebe, Obsession und Eifersucht – nicht nochmal durchs Dorf, sondern krempelt das Topic einfach um.

What is Love – Baby Don’t Hurt Me

Aus einem Liebesthriller wird der gespenstische Albtraum eines jeden Incel, der vor dem Erhofften in Wahrheit aber panische Angst hat. Curry Barker hat dabei so manche Vorbilder eingehend studiert, er weiß genau, wie was am besten funktioniert, um das Unheimliche aus dem Genre der Romanze zu ziehen: die Panik vor dem Valentinstag, vor dem Verlust der individuellen Freiheit, vor dem Quantum an Liebe, die man vielleicht stärker empfindet als der oder die andere.

Mit diesen Ungleichgewichten in einer Beziehung und dem von der Gesellschaft erforderten Soll, was Liebe ausmachen muss, kann Barker arbeiten. Und stellt mit Inde Navarette eine Newcomerin in den Mittelpunkt des Geschehens, die längst bekannte Kolleginnen mühelos an die Wand spielt. Ihre Performance ist so kraftvoll und furchteinflößend, da kann Natalie Grace als besessene Mumie aus Lee Cronin’s The Mummy nur klein beigeben.

Can’t Take My Eyes Off You

Der Horror, der von Nikki ausgeht, ist zumindest augenscheinlich kein Dämon, sondern potenziertes emotionales Verhalten. Dabei zieht Barker vor allem technisch alle Register, was Sound, unnatürliche Bewegungen und vor allem die Lichtsetzung betrifft. Mit Licht kennt er sich aus, das Licht ist neben Navarrettes genialem Spiel die zweite Monstrosität. Ganz besonders weiß er, wie es wirkt, wenn Gesichter im Gegenlicht betrachtet werden; wenn es dabei nicht nur die Silhouette ist, die man sieht, sondern im fahlen Restlicht diffuse Züge, die in unserer Fantasie gerne mal entgleisen. Letztlich spiegelt sich in einer Szene nur das Licht aus dem Zimmer, das wir nicht sehen, in den dunklen Augen Navarrettes – Gänsehaut pur.

Against All Odds

Zwischen diesen gezielt gesetzten, raffinierten Details wendet sich Barker auch vom klassischen Narrativ ab, beschützt letztlich keine seiner Figuren und will auch nichts erklären. Warum auch – dieser Vorhersehbarkeit will sich Obsession – Du sollt mich lieben einfach nicht anbiedern. Damit beweist er, dass vielleicht schon längst durchgekaut scheinende Themen mit dem nötigen Quäntchen an Selbstvertrauen variiert werden und dadurch komplett neu wirken können. Weg vom Erprobten, rein ins Ungewisse. Ganz ohne Beziehungsangst. Oder eben mit.

Obsession – Du sollst mich lieben (2025)