La La Land

EMMA IM WUNDERLAND

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Musicals? Nein Danke, wirklich nicht. Bislang habe ich das Genre so sehr gemieden wie der Teufel das Weihwasser. Wobei ich aber hier von den Produktionen neueren Datums schreibe. Bevor das breitenwirksame Musiktheater vom künstlerisch wertvollen und durchaus unbequemen Sprachrohr der 60er und 70er Jahre zum kommerzorientierten Event mutieren hat müssen, gab es durchaus einige Premieren, die man so ja gar nicht zum oberflächlichen Singspiel zählen kann. Diese Kunstwerke waren viel mehr als das. Jesus Christ Superstar, Cabaret, Hair, My Fair Lady und wie sie alle heißen – das sind inhaltlich wie musikalisch denkwürdige Ereignisse. Viele andere Musicals bestehen entweder aus dem Ausschlachten längst bekannter Ohrwürmer oder einem eingängigen Song, um welchen sich mittelmäßige musikalische Arrangements gruppieren. Die sind dann allesamt schnell wieder vergessen. Vor allem wenn dann noch Schauspieler, die normalerweise – und das aus gutem Grund – nie singen, dem Publikum zugemutet werden müssen.

Doch dann passiert das. Und als ich zum ersten Mal davon gehört habe – das war im Frühsommer letzten Jahres, Filmfestspiele Cannes – habe ich kopfschüttelnd w.o. gegeben. Diesen Film werde ich mir sicher nicht ansehen. Ja, das war meine Meinung. Und ja, trotz Emma Stone, die ich sehr schätze. Monate später allerdings haben die Medien ganze Arbeit geleistet. Golden Globe und 14 Oscarnominierungen. So wunderbar, so großartig, so einzigartig soll der Film sein. Als Filmfan und Freizeitjournalist konnte ich nun schlussendlich an La La Land nicht mehr vorbeikommen. Es musste sein. Musical hin oder her. Wahrscheinlich werde ich fluchtartig den Kinosaal verlassen müssen. Oder mich in die Lehnen meines gepolsterten Sitzes krallen. Hoffentlich können die beiden – Stone und Gosling – nur ansatzweise besser singen als Meryl Streep oder Ewan McGregor. Nun, ich habe es überstanden.

Und ja, La La Land ist tatsächlich wunderbar, großartig und einzigartig. Habe ich das tatsächlich geschrieben? Ja stimmt, das habe ich. Damien Chazelle´s musikalisches Melodram – ich nenn es mal so – ist ein traumgetanztes Wunschkonzert, so fließend, geschmeidig und aufgeweckt erzählt, als wäre das Genre eben erst erfunden worden. Und mittendrin – ebenso aufgeweckt, einnehmend und farbenfroh – eine phänomenale Emma Stone. Die junge Dame mit dem rotblonden Haar, den großen Augen und der sagenhaften Mimik ist in erster Linie dafür verantwortlich, dass das Erfolgsmärchen aus dem Land des ewigen Sommers so sehr gelungen ist. Jede Szene, in der sie auftritt, ist ein Gewinn und eine Bereicherung. So bezaubernd dürfte zuletzt Julie Andrews gewesen sein, sei es in Mary Poppins oder Der Zauberer von Oz. Emma Stone ist so reizend und begeisternd, dass Chazelle sonst nicht mehr viel benötigt, um das schwungvolle Kinoevent sehenswert zu machen. Dennoch gibt er sich damit nicht zufrieden. Selbst Ryan Gosling, der in vielen seiner Filme außer seiner Attraktivität nicht viel mehr zu bieten hat, zeigt sein ganzes Können und schließt damit an seine Sternstunden aus Lars und die Frauen oder Crazy Stupid Love an. Übrigens – bei Crazy Stupid Love waren Emma Stone und Ryan Gosling schon mal ein Paar. Und haben bestens miteinander harmoniert. So wird in La La Land die Step-Nummer nicht zu einer Hommage an Ginger Rogers und Fred Astaire, sondern zu einer ganz eigenen Nummer. Und die Nummern? Da hat Komponist Justin Hurwitz schon jetzt eingängige Evergreens geschaffen. Melodien wie honigsüße Perlenketten, die noch lange nach dem Film mitschwingen und für positive Vibes sorgen. Wobei die von Damien Chazelle erdachte Geschichte, gegliedert in eigentlich 5 Akten, nicht unbedingt und bei Weitem kein vorhersehbares Happy-Day-Movie ist und auch sonst jegliche Und „Wenn sie nicht gestorben sind“-Attitüde vermeidet. Die Story, mit zielsicher getimten und wenigen, aber guten Musiknummern ausgestattet, begleitet unsere beiden Stars auf berührende, unglaublich lebendige Weise auf ihrem teils holprigen, teils glücklichen, teils unglücklichen Weg zum Erfolg. Dabei ist der Begriff Erfolg fast schon zu nüchtern formuliert. Es ist mehr als das – es sind Lebensträume, die da verwirklicht werden sollen. Ein nach den Sternen greifen, was die beiden auch tatsächlich sinnbildlich tun werden. Doch früher oder später wird klar, dass man im Leben nicht alles haben kann. Und dann kommt es darauf an, was wichtiger ist. Oder wichtiger hätte sein sollen. La La Land erzählt auf spielerische Art Liebesgeschichte, Charakterdrama und Großstadtmärchen in einem. Huldigt dem guten Technicolor- und Cinemascope-Variete aus der Nachkriegszeit, ohne aber verstaubt zu wirken. Ganz im Gegenteil. Whiplash-Virtuose Chazelle setzt alle die Teile neu zusammen. Altes wird wieder jung. Biederes Unterhaltungs – und Ablenkungskino wird auf das neue Jahrtausend gepimpt. Hier ist was Magisches und gleichzeitig Greifbares entstanden. Dank der unglaublichen Emma Stone, der eingängigen Musik und der nahtlosen Regie, die wie aus einem Guss für mehr als zwei Stunden zum Träumen einlädt.

Ehrlich gestanden – die Ouvertüre des Filmes hat mir allerdings schon ein ungutes Gefühl bereitet. Vor jemandem wir mir mit einem gespaltenen Verhältnis zum Genre. Doch mein Tipp vorweg: davon soll man sich nicht täuschen lassen. Es kommt anders, als man glaubt. Denn rückblickend macht alles wieder Sinn – und klingt auch zum Wieder- und Wiederhören gut.

Und 14 Oscarnominierungen? Zwar nach wie vor etwas hochgegriffen, aber überraschend ist es nicht mehr. Da ist schon was Besonderes passiert. La La Land – wobei mir der Titel immer noch Kopfzerbrechen verursacht – ist ein anspruchsvolles, musikalisches Ereignis rund um Jazz, Schauspielkunst und Selbstverwirklichung. Ein mitunter leicht kritisches Werk, aber mit viel Verständnis und Sympathie für seine Figuren. Und Emma im Wunderland hat ihr kommendes Schicksal fast schon autobiografisch und prophetisch auf die Leinwand gebannt. Der Oscar, so darf ich prognostizieren, ist ihr sicher. Und damit womöglich ihr Lebenstraum.

 

La La Land

Eddie the Eagle

ÜBER DEN EIGENEN SCHATTEN SPRINGEN

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Könnt ihr euch noch an die kauzige Sportlerkomödie Cool Runnings erinnern? Das war doch die wahre Geschichte der vier Jamaikaner, die bei den Winterspielen in Calgary anno 1988 im Vierer-Bob den Eiskanal unsicher machten. Der legendäre John Candy war ihr Trainer. Ein Highlight des etwas anderen Sportlerfilmes, unpathetisch und warmherzig. Und kein anderer Film hat auch jemals wieder den olympischen Leitspruch „Dabeisein ist alles“ so sehr ernst genommen wie jener über die vier Schlitten-Rastafaris. Dieser Leitspruch übrigens wurde erstmals vom Sportfunktionär Pierre de Coubertin 1908 zumindest sinngemäß wiedergegeben. Nach dem selben Motto und ins selbe Fahrwasser – oder sagen wir – auf dieselbe Piste wagt sich auch die biografische Erfolgsstory von Michael Eddie Edwards – und bereichert das eher vor sich hin kränkelnde Genre des Sportlerfilmes um eine gelungene und unverkrampfte Episode.

Für jemanden, der relativ wenig Zeit vor dem Fernsehgerät verbringt, um sich von Fußball bis zu Weltcup-Abfahrtsläufen irgendeine Art von Sportaktivitäten anzusehen, muss ein Genrefilm dieser Art auch auf anderen Ebenen funktionieren, und sich nicht nur auf die Regeln des Spiels beschränken. In gewisser Weise ist dies Dexter Fletchers liebevoll erzählte Biografie vorzüglich gelungen. Und sie ist bei weitem nichts, was nur Freunde der Skisaison vor die Leinwand lockt – das aufgeweckte Drama ist eine angenehm unaufdringliche Hymne auf den Willen, auf einen Plan im Leben, auf Beharrlichkeit und Ehrgeiz. Mögen auch noch so viele Menschen über den Sonderling Michael Eddie Edwards den Kopf geschüttelt haben. Mögen auch noch so viele Neider und Besserwisser die Sturheit des Außenseiters als Narretei abgetan haben – meist ist es genau diese Narretei, die das eigene, individuelle, kleine Leben zur Erfüllung bringt. Und als Nebeneffekt des eigenen Traumerfüllens bleiben den anderen die Münder offenstehen. So sehr freut man sich mit dem wahrlich nicht von der Natur gesegneten, fahrig-ungeschickten, aber unbeeinflussbar konsequenten Sympathieträger, und kann das Gelingen seines Wagnisses kaum glauben. Taron Egerton scheint sich in die Figur des Medienstars regelrecht verliebt zu haben, so durchdringt ihn diese Rolle. Wahrscheinlich war der echte Michael Edwards genau so. Das möchte man zumindest meinen. Und man nimmt Egerton das dickköpfige Stehaufmännchen vollends ab. Klar, die Geschichte folgt, wie kann es im Sport anders sein, dem Konzept des Wagens und Vollbringens. Den altbekannten, zeitlosen Weisheiten vom An-sich-glauben und Nochmal-versuchen. Doch abgesehen davon ist der Film auch ein treffsicheres Zeitbild der späten 80iger, wo Röhrenbildschirme und Festnetztelefone en vogue waren. Um dem Film noch zusätzliche Karmapunkte zu verleihen, darf Wolverine Hugh Jackman den unfreiwilligen Trainer mimen. Souverän und beherzt wie immer, aber austauschbar. Viel überraschender ist da der Sidekick Iris Berben, Deutschlands Grand Dame des niveauvollen Fernsehfilms. 

Eddie The Eagle ist erquickendes Motivationskino und sensible Außenseiterkomödie zugleich. Und auch passiven Sportmuffel getrost zuzumuten. 

Eddie the Eagle