Tick, Tick… Boom!

VOM DASEIN ALS KÜNSTLER

7,5/10


ticktickboom© 2021 Netflix


LAND / JAHR: USA 2021

REGIE: LIN-MANUEL MIRANDA

CAST: ANDREW GARFIELD, ALEXANDRA SHIPP, ROBIN DE JESÚS, VANESSA HUDGENS, BRADLEY WHITFORD, JUDITH LIGHT U. A.

LÄNGE: 2 STD 1 MIN


Kunst kann niemals nur sich selbst und dem, der sie erschaffen hat, genügen – vorausgesetzt, man will damit erfolgreich sein. Sobald Kunst zum Brotjob werden soll, sind es die anderen, die darüber entscheiden. Das Werk muss gefallen. Und es müssen sich genug Leute finden, die es zu schätzen wissen. Kunst ist dann plötzlich nichts eigenes mehr, sondern etwas Gefälliges. Um als Künstler für so etwas die Basis zu schaffen, braucht es Druck von allen Seiten, angeführt von den eigenen Hummeln im Hintern, die einen niemals zur Ruhe kommen lassen. Und dann sitzt man vor dem Bildschirm, die Finger schwebend über der Tastatur – und nichts geht. Kreativ zu sein ist anstrengend, macht müde, es ist fast wie Leistungssport. Und die Zeit läuft davon. Es ist wie das Ticken einer Zeitbombe. Und irgendwann macht es Boom, und alles ist zu spät.

Diesem kraftraubenden Umstand hat Jonathan Larson sogar ein Musical gewidmet – Tick, Tick… Boom!, basierend auf eigenen autobiographischen Erlebnissen. Von diesem Komponisten, der knapp vor seinem großen Durchbruch verstarb, hätte ich allerdings nie etwas erfahren, hätte nicht Andrew Garfield den Künstler auf den Screen geholt. Belohnt wurde dieses Engagement eben erst mit dem Golden Globe für den besten Hauptdarsteller. Kann sein, dass auch die Academy dem Ex-Spiderman Respekt zollen wird, man weiß es nicht. Wäre er aber nicht gewesen, wäre mir ein bemerkenswerter Musikfilm entgangen, der anfänglich nicht danach ausgesehen hat, mich auch nur irgendwie längerfristig zu interessieren. Mit Musicals, das wisst ihr vielleicht, hab ich’s nicht so. Gut, die Klassiker wie West Side Story müssen auch in ihrer Neuauflage begutachtet werden, und ja – La La Land war eine Sensation. Einige Ausnahmen bestätigen also die Regel meiner eher skeptischen Haltung gegenüber choreographiertem Gruppentanz und der melodiösen Beschreibung alltäglicher Zustände. Auch war mir nicht klar, dass sich Tick, Tick… Boom! tatsächlich zu einem astreinen Singspiel hin bequemt. Doch das tut es. Und nach 30 Minuten war ich versucht, den Film sein zu lassen. Irgendetwas oder irgendwer – eben Andrew Garfield, und ganz sicher nicht die Musik – haben mich daran gehindert. Und gut war’s.

Aus Tick,Tick… Boom!, Larsons vorletztem Musical, hat Schauspieler und Komponist Lin-Manuel Miranda (bekannt auch als Ballonfahrer Lee Scoresby aus der Serie His Dark Materials) die bewegende Biografie eines kreativen Tausendsassas extrahiert, und zwar geschieht dies auf zwei Ebenen. Rahmenhandlung ist dabei eine Aufführung des titelgebenden Musicals mit Garfield als Larsons Musical-Alter Ego Jon, der vom Leben, Lieben und Schaffen erzählt – Szenen, die wiederum in dessen Biografie stattfinden. Knotenpunkt ist da zum Beispiel der American Diner, in welchem der noch erfolglose Künstler Brötchen ausgibt und verdient. Oder eben auch die etwas heruntergekommene Wohngemeinschaft mit Freund Michael (Robin de Jesús), der als Künstler erfolglos bleibt. An allen Ecken und Enden von Larsons Leben: ein Gedränge aus Erwartung, Motivation und Fleiß, dazwischen der Alltag aus Beziehung, Freundschaft und sonstigen Bedürfnissen. Das Musical Superbia ist seit 5 Jahren in Arbeit, und Larson will dieses den Theatern New Yorks präsentieren, um vielleicht sogar am Broadway zu landen. Dafür braucht es Selbstdisziplin und die Fähigkeit, es allen recht zu machen, während das eigentliche Leben gnadenlos vorbeizieht.

Andrew Garfield macht dabei keine halben Sachen und entdeckt dabei gemeinsam mit seinem Publikum ein beachtliches Talent für gesangliche Performance. Der junge Mann mit der fülligen Haarpracht scheint mit Jonathan Larson einiges gemeinsam zu haben, vor allem ist da wie dort ganz viel Herzblut mit dabei. Durch ihn versprüht die tragikomische Ode aufs Künstlerdasein genug zündende Energie, um all die Originalnummern aus dem Musical so sehr mit der stimmigen Biografie eines Künstlers zu verknüpfen, als könnte man meinen, in dessen Leben sei tatsächlich immer wieder mal und einfach so gesungen worden.

Tick, Tick… Boom!

Encanto

DAS MÄDCHEN OHNE EIGENSCHAFTEN

6,5/10


encanto© 2021 Disney. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2021

REGIE: BYRON HOWARD & JARED BUSH

MIT DEN STIMMEN VON (ORIGINAL): STEPHANIE BEATRIZ, JOHN LEGUIZAMO, MARIA CECILIA BOTERO, DIANE GUERRERO, JESSICA DARROW, ANGIE CEPEDA U. A. 

LÄNGE: 1 STD 43 MIN


Blut ist bei Disney immer dicker als Wasser. Kein Film, der nicht die eingeschworene Glückseligkeit der Familie zum Ziel hat, und wäre sie auch nur zu zweit. Es geht immer und rund um die Uhr um Familie, um dessen Wert, dessen Bedeutung, dessen Herrlichkeit. Dafür ist Disney gemacht – für Familien und dem Wunsch der Kleinen, mit der Elternschaft bald wieder ins Kino zu hirschen. Seit es Disney+ gibt, braucht es aber nicht mal mehr einen gemeinsamen Ausflug. Es reicht die häusliche Couch und ein ausreichend großes Fernsehgerät, um keines der liebevoll arrangierten Details aus der Animationsschmiede Disney (nicht Pixar!) zu verpassen. Mit Encanto, dem richtigen Familienfilm zur richtigen Familienzeit, präsentiert der Mauskonzern wieder in aller Farbenpracht ein metaphysisches Abenteuer, dass sich aber viel stärker an psychosoziale Inhalte der Pixar-Macher orientiert. Diesmal ist es keine Reise, keine Queste, kein Bestehen von Gefahren, währenddessen man ganz fest an sich selber glauben muss und schon haut alles hin. Encanto ist ein Film, der inhaltlich mitunter schwer greifbar ist, und der die ganz jungen wohl nicht tangieren wird, hätten die doch lieber wieder so einen knuffigen Pelzdrachen, der coole Sprüche schiebt.

Das gibt es heuer nicht, stattdessen eine Villa Kunterbunt in Kolumbien, zwischen Dörfern und grünen Bergen. Dieser magische Ort verdankt seine Exklusivität einer wundersamen Kerze, die seinerzeit der auf der Flucht befindlichen Familie Madrigal von wem auch immer zum Geschenk gemacht wurde. Alle Nachkommen haben von nun an außergewöhnliche Gaben, ganz so wie Die Unglaublichen, nur lokal verortet und ohne Superheldendress. Das reicht von Bärenstarke bis zum Blumenregen, und jedes der Kinder hat ihr eigenes Reich, in dem es tun und lassen kann, was es will. Nur Mirabel nicht. Die hat kein paradiesisches Zimmer, und auch keine Fähigkeit. Niemand weiß warum. Man könnte meinen: das hässliche Entlein. Doch hässlich ist sie auch nicht, sondern recht knuffig und klug und etwas nerdig. Sympathisch, ganz einfach. Und mit Erschaffung dieser natürlichen, burschikosen Figur haben die Character-Designer wieder ganze Arbeit geleistet. Mirabel dämmert bald, dass diese Superfähigkeiten ihren Preis haben. Und dass der Haussegen eigentlich schiefer hängt als gedacht, wobei sie selbst, wie andere behaupten, nicht unbedingt schuld dran sein muss. Sie forscht also nach – und stößt auf beunruhigende Geheimnisse, deren Ursprünge zwei Generationen zurückliegt.

Ein Familienfilm? Wohl eher eine therapeutische Familienaufstellung. Da ist Oma, ihre Kinder (eines davon verstoßen) und die Enkelinnen. Gemäß der heutigen Zeit ist ein Kind wohl nichts, wenn es nicht in ihren Begabungen gefördert wird. Da wollen die Eltern nichts verpassen und dem Nachwuchs das ermöglichen, was sie womöglich selber nie hatten. Das ist ein Leistungsdruck, der nach hinten losgehen kann. Ungefähr so wie in Encanto. Magie hin oder her – diesmal können die Esel, Tapire und Capybaras noch so witzig dreinschauen; diesmal kann das kunterbunte Häuschen noch so mit den Kacheln klappern – was Encanto anstrebt, ist die Suche nach dem Besonderen im Charakter des einzelnen, und die Abkehr von dem, was man leisten muss, nur weil man es vielleicht gut kann. Ein Ansatz, der überraschend ernsthaft und ehrlich daherkommt, den die zum besten gegebenen Musiknummern auch gebührend unterstreichen, ohne zum Selbstzweck zu verkommen. Disney schaut also von Pixar ab? Natürlich, warum nicht. Ein bisschen mehr Konsequenz vor allem in der finalen Szene hätte aber nicht geschadet, doch da hat Disney dann doch nicht weniger als mehr gelten lassen. Die Magie hat wie immer das letzte Wort. Wäre das aber nicht passiert, hätten wir ein kleines Meisterwerk gehabt.

Encanto

West Side Story (2021)

SINGEND UM DIE HÄUSER ZIEHEN

7/10


westsidestory© 2021 Walt Disney Pictures Company


LAND / JAHR: USA 2021

REGIE: STEVEN SPIELBERG

CAST: ANSEL ELGORT, RACHEL ZEGLER, ARIANA DEBOSE, DAVID ALVAREZ, MIKE FAIST, RITA MORENO, COREY STOLL, BRIAN D’ARCY JAMES U. A.

LÄNGE: 2 STD 37 MIN


Zwischen am Straßenrand geparkten Oldtimern und Backsteinfassaden findet Steven Spielberg erstmals Zugang zu einem bislang umgangenen Genre: den des Filmmusicals. Moderne Konzepte bleiben dabei  unversucht, während der Altmeister lieber in der Filmgeschichte stöbert und dabei ein Museumsstück zum Vorschein bringt, das zwar selbst weitestgehend unangetastet bleiben muss, der Glassturz aber, unter welchem das Werk ruht, durchaus einer Reinigung bedarf. Also macht sich Spielberg daran, die Sicht auf einen Klassiker streifenfrei zu gewährleisten. Was wir sehen, ist das, was Leonard Bernstein, Arthur Laurentis und Steven Sondheim seinerzeit geschaffen haben. Kein bisschen moderner, kein bisschen innovativer, und in keiner Weise anders betrachtet. West Side Story ist die generalüberholte Ur-und einzige Version eines dezenten Singspiels, das glücklicherweise darauf verzichtet, jede noch so erdenkliche Emotion in ein Musikstück zu packen und das wirklich Tragische maximal mit orchestralem Score unterlegt. Was für eine Wohltat, in Anbetracht verkitschter Bühnenshows, die keinerlei Ohrwürmer mehr bereithalten.

Spielberg ist immer noch einer, der filmische Dramen jenen mit Gesang vorzieht. Eine Gesinnung, die er deutlich macht. Dabei ist die persönliche Beziehung zu einer in den Jugendjahren zurückliegenden filmischen Erfahrung im Kino oder vor dem Fernseher, die Spielberg gehabt haben muss, nicht unwesentlich daran beteiligt, West Side Story als etwas Unantastbares zu betrachten. Für mich persönlich macht das keinen Unterschied – ich kenne Robert Wise’s mit zehn Oscars gekröntes Filmwerk aus den frühen Sechzigern nur bruchstückhaft und auszugsweise und eben immer dann, wenn der zweieinhalb Stunden lange Streifen gerade im Fernsehen lief. Woran ich mich aber noch erinnern kann, das ist die urbane Feuertreppenromantik der New Yorker Vororte. Die ist nun auch in der brandneuen Version dominant genug, um gern mit dem Original verwechselt zu werden. Was sich vielleicht deutlich von damals unterscheidet, geht auf die Kappe von Spielbergs Haus- und Hofkameramann Janusz Kaminski, der wie immer alles Menschenmögliche an Licht-Schatten-Spielereien umsetzt. Seinen Höhepunkt findet das Bemühen im zweiten Akt, wenn die beiden rivalisierenden Gangs – eben die Jets und die Sharks – in einer Salzlagerhalle aufeinandertreffen. Das Licht fällt horizontal und wirft lange Schatten. Als wären die Aliens aus Unheimliche Begegnung der dritten Art neu gelandet. Sphärisch, das Ganze. Und sehr emotional.

Die Jets und die Sharks – das sind einerseits die weißen Jungs des Viertels, das ohnehin einer neuen Wohnhausanlage weichen muss, und andererseits die temperamentvollen Puerto-Ricaner. Eine Minderheit, deren halbstarke Fraktion aus scheinbar lauter Fadesse ihren Hass auf anders Gesinnte zelebriert. Die grundlose Ablehnung beruht natürlich auf Gegenseitigkeit, wie bei Romeo und Julia. Die beiden aus Shakespeares Werk zum Unglück Bestimmten sind in diesem Fall Maria und Tony. Von Maria wissen wir, dass Tony schon im ersten Drittel den Ohrwurm unter den Wäscheleinen der Anrainer singen wird – als Antwort gibt’s das begnadete Tonight, und irgendwann später der von Anita (im Original von Rita Moreno) geschmetterte, feurige Klassiker America. Da weiß man: man sitzt im richtigen Musical. Geschmackvolle Kompositionen aus Jazz und Gesang unterfüttern eine Uminterpretation der Liebestragödie schlechthin, für die Neuentdeckung Rachel Zegler und Ansel Elgort stimmlich in luftige Höhen aufsteigen und den Straßendunst der Stadt hinter sich lassen. Beide sind gesanglich eine Überraschung – zumindest meiner Wahrnehmung nach misstönt nicht mal das hohe C. Schade nur, dass die kleine, aber feine Nummer Somewhere nicht ebenfalls von Zegler selbst interpretiert wird – stattdessen bekommt eine stimmlich halbwegs solide Rita Moreno hierfür, nach sechzig Jahren, ihre zweite Chance.

Spielberg ist ein Filmemacher alter Schule. Und er beherrscht sein Handwerk perfekt. Zu perfekt, könnte man sagen. Zu hemdsärmelig, mittlerweile. Zu wenig berührt von neuem Esprit. Nun, dieser gehört anderen Künstlern seiner Art. Spielberg selbst will mit West Side Story etwas Traditionelles, Bewährtes, dass sich kaum von seinem Vorbild unterscheidet, neu positionieren. Musical-Muffel wie mir bietet der Film eine konsensbereite Erlebniswelt, die das prosaische Drama mit punktgenauen musikalischen Genussminuten verbindet.

West Side Story (2021)

Music

I JUST LOVE MY LITTLE WORLD

7/10


music© 2021 Alamode Film


LAND / JAHR: USA 2021

BUCH / REGIE: SIA

CAST: MADDIE ZIEGLER, KATE HUDSON, LESLIE ODOM JR., HECTOR ELIZONDO, MARY KAY PLACE, BEN SCHWARTZ, JULIETTE LEWIS, SIA U. A. 

LÄNGE: 1 STD 37 MIN


Die australische Konzeptkünstlerin Sia ist aus meiner Sicht schon eine bemerkenswerte Persönlichkeit. Bevor mir allerdings noch irgendeines ihrer Musikstücke in den Ohren lag, war ihr grimassierendes Konterfei unter schwarzweißer Perücke eine Zeit lang omnipräsent. Daran kann sich vermutlich fast jeder erinnern, der mit Popmusik auch nur irgendwie was anfangen kann. Der Song zum Findelkind-Drama Lion war dann der Einstand. Never give up – eine sehr eingängige Nummer. Wenn man mich fragen würde, was die Dame denn sonst noch interpretiert hat – aus dem Stegreif wüsste ich es nicht. Aber, nach Sichtung ihres Spielfilmdebüts Music, weiß ich wieder ein bisschen mehr. Denn: wenn schon texten, komponieren und singen – warum nicht auch gleich den eigenen Musikfilm auf die Beine stellen, der dann so treffsicher betitelt wird, um klarzumachen, wovon dieser in erster Linie eigentlich handelt. Um Sias Musik. Im Mittelpunkt steht Patenkind Maddie Ziegler, eine achtzehnjährige Tänzerin, die auch ab und an in Sias Musikvideos aufkreuzt. Ihr hat die Künstlerin einen ganzen Film zum Geschenk gemacht – wer braucht schon ein neues Auto oder eine vorfinanzierte Studentenwohnung. Music ist maßgeschneidert für jemanden wie Maddie Ziegler, und was Leonardo Di Caprio am Anfang seiner Karriere in Gilbert Grape famos hinbekommen hat, gelingt auch ihr: die Darstellung eines autistischen Sonnenscheins, stets mit Kopfhörern auf dem Kopf, durch die keine Musik schallt, denn die Musik, die Music braucht, ist drumherum schon laut genug. Manchmal auch disharmonisch. Manchmal überlappen sich mehrere Melodien, es ist ein einziges Chaos in Musics Kopf. Zu allem Überfluss stirbt auch noch die umsorgende Großmutter. Was jetzt? Da gäbe es noch Halbschwester Zu (Kate Hudson mit Stoppelglatze), die zwar mit ganz anderen Problemen wie Alkoholsucht zu kämpfen hat, die aber immerhin so pflichtbewusst ist, sich ihrer Verwandtschaft anzunehmen. Wenn man selbst Probleme hat, vielleicht lösen sich dann die Probleme des anderen. Nicht zu vergessen Nachbar Ebo, der an Zu Gefallen gefunden hat und der bei der Pflege von Music zur Hand geht.

Da ist es wieder, das Rain Man-Konzept. Barry Levinson hat das mit Tom Cruise und Dustin Hoffman schon vorgemacht. Nur allerdings ohne musikalische Intermezzi. Hätte Music diese artifizielle und revueartige Sicht auf die Welt nicht, könnte man leicht meinen, Sia könne zwar viel, aber nicht unbedingt Filmemachen. Betrachtet man das tragikomische Melodram ganz ohne Sias Handschrift, verliert man zwar nicht den Überblick, muss sich aber die Handlung teilweise selbst zusammenreimen, da Sia ihr eigenes und für uns nicht zugängliches Vorwissen zu ihrem Werk für alle voraussetzt. Ein Kavaliersdelikt, wenn man so will, das einigen Filmemachern immer mal wieder passiert. 

Durch die Schaffung einer weiteren Sichtweise bekommt das versponnene Märchen rund um allerlei Defizite die nötige Verspieltheit und alltagsphilosophische Tiefe. Dabei illustriert es Musics Wahrnehmung mit knallbunten Kulissen, Kostümen und hyperaktiven Choreographien, die ein bisschen an Björks Exaltiertheit erinnern und in denen Maddie Ziegler sowie die ganze Tanzgruppe wild gestikulierend und mit staunenden Gesichtern zwischen Willi Wonkas Schokoladenfabrik und Mary Poppins innerer Balance umhertänzeln. Das mag gewöhnungsbedürftig sein. Doch hat man sich mit Sias visuellem Liebreiz mal angefreundet, was durchaus recht schnell gehen kann, entbehrt die poppige und wohlkomponierte Musik nicht einer gewissen Faszination, die überdies ein irritierendes und nachhaltiges Wohlgefühl erzeugt. Die rätselhaft glücklich macht. Und die dem Filmgenuss ausnehmend gut gefällt.

Music

Cats

KATZEN, EMPÖRT EUCH!

5,5/10


© 2019 Universal Pictures International Germany GmbH


LAND: USA 2019

REGIE: TOM HOOPER

CAST: FRANCESCA HAYWARD, JUDI DENCH, JAMES DERULO, JAMES CORDEN, JENNIFER HUDSON, IDRIS ELBA, IAN MCKELLEN, REBEL WILSON U. A.

LÄNGE: 1 STD 51 MIN


Es war DIE Kino-Anomalie der letzten Weihnachten. Dann Spottobjekt und Preisträger der Goldenen Himbeere. Und noch etwas: erstmals wurde ein Film nachbearbeitet, der bereits im Kino lief. Regisseur Tom Hooper trifft da womöglich am wenigsten die Schuldfrage. Mit The Kings Speech war klar: er versteht sein Handwerk. Was ihm allerdings in die Quere kam, das waren das Studio mitsamt seiner Marketingstrategen, die über Biegen und Brechen die Verfilmung des Musicals Cats termingenau in die Kinos bringen wollten, auch wenn Hooper das eine oder andere mal bemerkt haben soll, für diesen Blockbuster mehr Zeit zu benötigen. Doch alles egal: was auf der Theaterbühne so gut funktioniert, wird im Kino genauso klappen. Dafür sorge doch alleine schon die fulminante Musik von Genie Andrew Lloyd Webber. Spätestens bei Memory hätten dann alle Katzen- und Musicalliebhaber Tränen in den Augen. Diese flossen dann weniger wegen Jennifer Hudsons geschmettertem Klassiker, sondern aufgrund der nicht ganz astreinen CGI-Kostümierung eines namhaften Ensembles. Allen Vorschusshimbeeren aber zum Trotz – und vielleicht rettet den Film die niedrige Erwartungshaltung beim Ansehen vor weiteren vernichtenden Urteilen – muss ich zu folgender Conclusio kommen: Tom Hoopers Cats-Version ist ansehbar, annehmbar und musikalisch gesehen verantwortlich für so manchen Ohrwurm, der tagelang haften bleiben wird.

Bezugnehmend auf die Entstehung dieser Kult-Revue aus den 80ern (hierzulande in Österreich konnte Theatermann Peter Weck mit seiner Inszenierung die Hallen füllen) ist die Kino-Version gar nicht mal so viel anders. Da wie dort sind es Menschen in Katzengestalt – oder umgekehrt, je nach Blickwinkel. Katzen wie in Felidae oder Aristocats kommen hier nicht hinter der Mülltonne hervor. Der Umstand wird alleine schon dadurch verdeutlicht, es mit Jellicle-Katzen zu tun zu haben, die sowieso anders sind. Und weil sie so anders sind, ist auch das alljährliche Katzenfest nichts Artfremdes. Im Zuge dieses Come together wird einer der Stubentiger vom Alt-Kater Deuteronimus (gespielt von Judi Dench mit Ehering am Finger) auserwählt, um wiedergeboren zu werden. Einzige Gefahr dabei: Macavity, ein fieser Kater, der das Event stets sabotiert. Bevor es aber so weit kommt, gibt’s ein Who is Who aller möglichen Charaktere, die singend ihre Skills präsentieren.

Zugegeben, da hat sich das Studio vorzeitig zurückgelehnt – bevor analoge Bodysuits mühsam geschneidert werden müssen, schlüpft der Cast doch lieber in grüne Viskose, um sich Fell und Schnurrhaar digital andichten zu lassen. Geht ganz einfach. Doch weil es so einfach geht, wird leicht geschludert. Und schon haben wir den Uncanny Valley-Effekt, der zurecht zumindest anfangs etwas seltsam aussieht. Vielleicht, weil das Make-up im Gesicht manchmal fehlt. Und an den Händen. Und manche der Katzen tragen Schuhe. Ich gebe zu, das ist etwas bizarr, so wie die Szene mit den Kakerlaken und den seltsamen kleinen Mäusen. Die ist wirklich missglückt. Doch bevor ich mich darüber ausgiebig mokiere, kommen die Ohrwürmer. Gut gesungen, auch in der Synchro, wenngleich die Lippenbewegungen nicht ganz passen. Katzengleich räkelt sich das Ensemble vor bunten Requisiten und hinter Plastikmampf. Alles ist Show, alles ist unecht und Bühne, selbst auf der Leinwand. Doch ist das im Theater nicht auch so?

Cats ist keine Fabel, Cats liegt irgendwo außerhalb und definiert sich vorrangig durch seine Musik. Akustische Erinnerungen aus der Kindheit werden wach, als das Musical überall zu hören war. Als Memory von allen, die Stimme hatten, gesungen wurde. In Tom Hoopers Film überlagern die Songs so manche Schwäche, die die Produktion durchaus hat. Francesca Hayward als weiße Katze Victoria ist ein anmutiger Hingucker, links und rechts von ihr mögen technisch gebrechliche Figuren die Choreographie halten. Iris Elba ist fehlbesetzt, Ian McKellen hingegen zum Knuddeln. Letzten Endes stehen die beiden auch dafür, wie der Film geworden ist: das Auf und Ab einer klangvollen Nummernrevue mit ordentlich Katzenkitsch.

Cats

Trolls World Tour

ANDERE SAITEN, ANDERE SITTEN

7/10

 

trollsworldtour© 2020 Universal Pictures Germany

 

LAND: USA 2020

REGIE: WALT DOHRN

MIT DEN STIMMEN VON (ORIGINAL): ANNA KENDRICK, JUSTIN TIMBERLAKE, RACHEL BLOOM, JAMES CORDON, SAM ROCKWELL, KELLY CLARKSON U. A.

STIMMEN (DEUTSCHE SYNCHRO): LENA MEYER-LANDRUT, MARK FORSTER

 

Sie sind wieder da! Die kleine Gnome, Trolle oder was auch immer diese Spielzeugwichteln aus den 60ern sind, denen im Grunde genommen die Sonne aus dem Allerwertesten scheint und die eigentlich überhaupt nichts Besseres zu tun haben als abzutanzen, sich regelmäßig zu knuddeln oder einfach wahnsinnig seifige Musicalnummern zu schmettern. Ja, das sind sie, was soll man machen. Und es braucht schon einiges an Durchhaltevermögen, um zumindest die ersten zehn Minuten des Sequels, welches nun statt im Kino online zu streamen ist, durchzustehen. Wer in Spielwarenläden seinen Sprösslingen lieber alleine in die rosarote Puppenabteilung schickt, wer Superglamour im Color-Overkill irgendwo zwischen der Mönsterchen-Ausgabe von Mariah Carey, Niki Minaj und Selena Gomez nur mit einem Hochprozentigen vertragen kann, der wird wahrscheinlich nach diesen ersten Minuten  das Weite suchen. Aber, und ich lege es fast schon ans kleine Trollherz: Durchhalten lohnt sich. Wenn nämlich das zuckersüße Popland endlich mal aufhört zu singen und die Story sich nun entschlossen hat, in die Gänge zu kommen, schafft es Trolls World Tour nämlich tatsächlich, fast schon die Qualitäten des Originals zu erreichen.

Was man im neuen Film vermissen wird, das sind die riesenhaften Bergen. Diesmal machen die Kleinen nicht das Land jenseits ihres Elysiums unsicher, sondern fabrizieren eher lokal ein ziemliches Tohuwabohu, denn eines muss man hier auch wissen: Troll ist nicht gleich Troll. Sie definieren sich durch ihre Musik, und die ist, wie wir wissen, in verschiedenster Form anhörbar. Von Klassik über Jazz bis zu Techno – alles da. Wäre ja schön, könnte jedes Genre in Frieden mit dem Nachbarn leben, doch die Stromgitarren-Fraktion denkt da anders. Sie nimmt Queens We Will Rock You ziemlich wörtlich und startet eine breit gefächerte Invasion. Poppy und der mittlerweile nicht mehr ganz so graue Branch müssen dem natürlich einen Riegel vorschieben, ist doch auch ihre Welt bedroht. Also goes Pop the World und trifft auf sämtliche Klangmeister und Musikwesen, die alle ihren speziellen Rhythmus haben.

Fast könnte man Trolls World Tour als musikpädagogischen Beitrag sehen. Auf ihrer Reise quer durch allerlei bunte Bundesstaaten erschließt sich den kleinen Ohren eine erquickende Fülle an noch nie gehörten Melodien, die den Zusehern genauso Freude macht. Klarerweise geht’s hier viel weniger um die Story selbst, die auf eine Notenzeile passt, sondern viel mehr um diese Fülle an liebevollen Details, welche die genrespezifischen Schrullen und Eigenheiten so mancher Musikrichtung wohlwollend karikieren. Schnell lässt sich der ganz persönliche Favorit definieren, der nicht zwingend mit der persönlichen Lieblingsmusik im Einklang stehen muss. Bei mir wär’s Mr. Smoothjazz – eine herrlich schmeichelnde Parodie. Aber, was sag´ ich: seht – oder besser – hört doch einfach selbst!

Trolls World Tour

Die Eiskönigin 2

LIEDER VON EIS UND PINKEM FEUER

5,5/10

 

FROZEN 2©2019 Disney. All Rights Reserved.

 

LAND: USA 2019

REGIE: JENNIFER LEE, CHRIS BUCK

MIT DEN STIMMEN VON (ORIGINAL): IDINA MENZEL, KRISTEN BELL, JOSH GAD, JONATHAN GROFF, STERLING K. BROWN U. A.

 

Es war ganz klar nur eine Frage der Zeit. Doch die Zeit, die zog ins Land, und unterm Strich waren es dann doch  ganze sechs Jahre, die es gedauert hat, bis Die Eiskönigin endlich wieder aufgetaut war, um ihren zweiten Selbstfindungstrip in die Wege zu leiten, der ganz schlicht und ergreifend als Die Eiskönigin 2 oder eben Frozen 2 letzten Herbst in die Kinos kam. Warum hat das eigentlich so dermaßen lange gedauert? Gut, nicht ganz so lang wie bei Pixars Nemo-Sequel, da waren es sage und schreibe dreizehn Jahre. Da sind sechs Jahre zeitlich gesehen fast schon gleich mal ums Eck. Bei diesem Kassenfeger trotzdem zu lang. Aber Gut Ding braucht Weile. Und ist dieses Ding auch wirklich gut geworden? Zumindest so gut wie der erste Teil? Nun, wohl eher nicht ganz so.

Wer sich ans Original noch erinnern kann: da hat Disney frei nach Hans Christian Andersen die Geschichte der mit Eiseskräften gesegneten Prinzessin Elsa (nach)erzählt. Humoristisch ergänzt durch treue Rentiere und gut aufgelegte Schneemänner, die später dann wie durch ein Wunder auch bei höheren Temperaturen nicht mehr den Aggregatzustand wechseln mussten. Eisriesen und – Schlösser natürlich inklusive – und jede Menge Songs. Allen voran: Idina Menzels Let it Go. Heute noch ein willkommener Ohrwurm. Wer sich aber an all das nicht mehr erinnern kann, braucht nur in die Spielzeugabteilung irgendeines Großkaufhauses abzuwandern und dort mal das ganze Merchandise zum Kinofilm sichten. Da liegt nicht weniger in den Regalen als bei Franchises wie Star Wars oder Marvel.

Auch bei Teil 2 führen Jennifer Lee und Chris Buck Regie, und auch diesmal darf Idina Menzel wieder Elsas Gefühlszustände intonieren. Von freudiger Erwartung bis zur bitteren Sehnsucht nach Vater und Mutter. Alles hat seinen Song, und Teil 2 ist gefühlt leider noch mehr musikalischer als es der erste Teil war. Wer mit Musicals grundsätzlich nichts anzufangen weiß, dem werden Lieder, die beim ersten Mal Anhören nicht ganz so klingen, wie Ohrwürmer klingen sollen, auf die Dauer etwas den Nerv rauben, trotz des Liebreizes der Geschwister Anna und Elsa und der Lieblichkeit all jener, die die beiden Schicksalsträgerinnen umgeben. Ein richtiger Film also, der perfekt ins Profil märchenaffiner Töchter passt. Und das kommt natürlich nicht von irgendwoher, denn Disney überlässt nichts dem Zufall. Nicht bei Familienfilmen rund um die Weihnachtszeit, denn da geht es grundsätzlich um den Wert selbiger, um den Mut wunderschöner Idole, die man – primär als Vorschulkind – reuelos anhimmelt. Da variiert der Konzern nun mal nicht groß herum.

Womit Jennifer Lee aber, verantwortlich fürs Script, etwas den Überblick verliert, das ist der an den aschblonden Haaren herbeigezogene Plot, der die Bürde mit sich herumtragen muss, etwas weiterzuerzählen, was im Grunde schon auserzählt war. Das merkt man Sequels sehr oft an, wenn sie sich schwertun, noch eine Geschichte übers Knie zu brechen oder unter rauchenden Köpfen eine solche erneut heraufbeschwören zu müssen, die gar nicht erzählt werden will. In Die Eiskönigin 2 folgt die nun ins Herrschaftsleben mehr recht als schlecht integrierte und immer noch sozial etwas frostige Elsa einem sphärischen Singsang, der sie in eine Richtung jenseits des Meeres lockt. Irgendwas hat das Ganze mit einem im Nebel versunkenen Wald zu tun, auf dem ein Fluch lastet, und eine Wahrheit muss ans Licht, damit alle wieder, wenn sie nicht gestorben sind, heute noch glücklich leben. Das ist sichtlich konstruiert, und nicht nur die ganz Kleinen wird die viel zu verschwurbelte Story einigermaßen langweilen, wäre da nicht diese Raffinesse in den Bildern, die Disney wieder an die Leinwand zaubert, diesmal ganz im Farbspektrum marineblau bis lila. Lila geht immer und bei vielen Eltern wird wohl der Nachkauf selbiger Buntstifte zum Aus- und Anmalen wöchentlich auf der To Do-Liste stehen.

Mein Liebling ist immer noch Olaf, ich mag diese leicht verhaltensoriginellen Kerle, die sich nichts scheren, die aber treu zu ihren Freunden stehen – da gibt’s auch ein bisschen was zu schmunzeln, obwohl Die Eiskönigin 2 ganz schön viel royales wie loyales Drama liefert, das aber seine angestrengte Storyline souverän dafür verwendet, die schönsten Seiten von Schnee und Eis zu zelebrieren, in all seinen Nuancen. Andersen hätte das gefallen, obwohl er sein Märchen nicht auch nur ansatzweise erkannt hätte.

Die Eiskönigin 2

Der König der Löwen (2019)

AUDIENZ IN GRZIMEKS TIERWELT

7,5/10

 

koenigderloewen© 2019 Walt Disney Germany

 

LAND: USA 2019

REGIE: JON FAVREAU

MIT DEN STIMMEN VON (ORIGINAL): DONALD GLOVER, JAMES EARL JONES, BEYONCÉ, CHIWETEL EJIOFOR, SETH ROGEN U. A. 

 

Vor ein paar Monaten erst lief die Realverfilmung eines fast schon antiken Klassikers aus dem Hause Disney in den Kinos – Dumbo. Tim Burton hat sich dafür auf den Regiestuhl gesetzt und ist die Umsetzung in dämmerungslichterner CGI-Optik und mit gänzlich anderer Geschichte angegangen. Darin eingebettet: ein famos animierter Elefant mit Riesenohren, von dessen ledriger Haut beim Schaumbad echte Bläschen perlen. Für den Sommer gibt es dann einen Blockbuster, der erstens mal das dem neuen Dumbo wohlgesonnene Publikum als auch Liebhaber pittoresker Großwildsafaris in die Kinos zu locken vermag: Die – sagen wir mal – reale Unplugged-Version von Der König der Löwen, ohnehin wohl erfolgreichster Zeichentrickfilm, mittlerweile auch schon über 20 Jahre alt und nicht nur zuletzt durch Elton Johns Circle of Life ein Augen- und auch Ohrenschmaus. Da sowieso eigentlich jeder Löwen mag, und Kinder sowieso auf Tiere stehen, und des weiteren viel zu wenige Universum-Dokus auf großer Leinwand laufen, ist diese marktanalytische Milchmädchenrechnung fast schon deppensicher. Von voreingenommener Skepsis mal abgesehen, da Der König der Löwen aus 1994 natürlich seine Fangemeinde hat und nicht so mir nichts dir nichts nachverfilmt werden kann. Dafür muss die nun brandaktuelle Interpretation alle und vielleicht auch ganz neue Stückchen spielen.

Neue spielt sie zwar nicht, aber alle. Zumindest mal optisch. Da würde ich gerne einen Blick hinter die Kulissen werfen, Teil des Produktionsteams sein, und wenn auch nur als Hospitant, um zu sehen, mit welchen Informationen die Hard- und Software arbeitet, um Bewegung, Physiognomie und Beschaffenheit diverser Tierarten so naturgetreu nachzubilden. Gut, es gibt einige Maler, die haben das schon lange praktiziert, allerdings unbewegt. Fotorealistische Bildnisse von Geparden, Antilopen, Tigern und so weiter. Wo zwei Blicke oft nicht reichen, um zu erkennen, dass es sich bei diesen Bildern um Gemälde handelt. Warum sollte das ein Computer nicht auch hinbekommen? Mit den nötigen Informationen zu Anatomie und Bewegung kann da schon gut und gerne eine Welt entstehen, die unserer sehr nahe kommt, und die sich so anfühlt, als säßen wir bei Bernhard Grzimek im Zebraflieger oder irgendwo im Busch, um waschechtes Wildlife zu beobachten. Als wäre wieder Dienstagabend und Universum würde sich einmal mehr einer beliebten Region unserer Erde widmen, nämlich dem Rift Valley. Wäre es notwendig gewesen, die Natur nachzugenerieren, nur weil die Technik es kann? Nicht, wenn keine Fabel erzählt werden will.

Diese ist ein Königsdrama in einer menschenlosen Welt, irgendwo zwischen Shakespeares Hamlet und Serengeti darf nicht sterben, und sogar eine Brise Black Panther ist dabei, im Grunde ja auch ein Spiel der Throne. Mit dieser genialen Animationstechnik lässt sich eben der böse Löwe Scar als böser Löwe darstellen, mit Narbe, sinistrem Augenspiel und fettiger Mähne. Wie man einen Bösen eben darstellt. Als zoologisch versierter Talent-Scout hätte man womöglich lange suchen müssen, um einen solchen Löwen tatsächlich zu finden. Scar in seinem Charakter und seiner machtgierigen Egomanie wie einst Richard III ist sowieso ein Highlight des Films, wenn nicht das Highlight überhaupt. Und dass ein Erdmännchen auf einem Warzenschwein sitzt, ist auch nur dann möglich, wenn die Einsen und Nullen dahinter menschliches Verhalten dulden. Also warum nicht Fotorealismus im Kino, warum nicht mit der Magie des Kopierens einer vertrauten Natur uns alle zum Staunen bringen? Mich hat es erstaunt, und es ist wie geglückte Illusionskunst, auch wenn ich mir das Making Of zumindest ansatzweise erklären kann. Das Drama selbst? Gut überschaubar, nicht auf Dichtheit getrimmt, nicht kompliziert, sondern angenehm geradlinig, wie in Disneys alten Klassikern. Wenn dann das opernhafte Finale auf der Felsenzunge hoch über der Savanne seinen Anfang nimmt, dann sind das mächtige Szenen, eines Königsdramas würdig, in denen der Tod an der Tafel sitzt, und wo das in Nacht getauchte Land vor Flammen lodert. Die sich windenden Muskelpakete der kraftstrotzenden Monarchen wirken wie schwerelos scheinende Skulpturen barocker Steinmetzkunst, ineinander verschlungen und fauchend, immer dann, wenn der Wind die Mähnen bauscht. Das ist großes Kino.

Weniger groß ist der Versuch, mit der Bildgewalt musikalisch mitzuziehen. Zumindest in der deutschsprachigen Synchro – und die auch nur, um den Nachwuchs nicht unnötig anzustrengen – liegt der Verdacht nahe, Helene Fischer am Mikro zu haben, das macht das Ganze deutlich weniger erdig und vielleicht auch etwas seifig, theoretisch ließe sich Elton Johns Welthit auch anders interpretieren. Wenn nicht unbedingt notwendig, dann empfiehlt sich Der König der Löwen im englischen Original ungeschaut eher als auf deutsch, und hätte ich den Film auf Englisch gesehen, wäre der Genuss einer ohne Abzüge, die ich fairerweise bringen muss, um meine Wertung zu erklären. Als Wildtierfotograf und Tierliebhaber aber sehe ich mich emotional ertappt und muss zugestehen, dass Disney auch diesmal wieder gezeigt hat, wo die Benchmark derzeit liegt, nämlich erstaunlich hoch, und wieder ein bisschen höher als bei Dumbo, vor allem, wenn der Vergleich zum realen Vorbild fehlt. Hätten wir den, wäre womöglich immer noch Luft nach oben. Aber ich denke, daran wird gearbeitet.

Wer sich noch an Jean-Jacques Annauds Der Bär erinnern kann, weiß vermutlich noch, wie die animalischen Darsteller da gelitten haben. Für solche Geschichten müsste man heutzutage kein Lebewesen mehr nötigen – das machen die vielen Superhirne vor den Monitoren, die so etwas zaubern wie Der König der Löwen. Traurig wird es dann, wenn das reale Pendant zu solchen Filmwelten irgendwann nicht mehr ganz so prächtig strahlt, und wir nur noch im Kino sehen dürfen, wie der Soll-Zustand solcher Habitate eigentlich auszusehen hat. Dann bekommt das ganze einen zynischen Nachgeschmack, und spätestens dann sollte Disney aufhören, solche Filme zu drehen. Filme nämlich vom Trouble in Paradise, inkognito und fernab unserer Beobachtung.

Der König der Löwen (2019)

Rocketman

DURCH DIE ROSAROTE BRILLE

7/10

 

null© 2019 Paramount Pictures

 

LAND: USA 2019

REGIE: DEXTER FLETCHER

CAST: TARON EGERTON, JAMIE BELL, RICHARD MADDEN, BRYCE DALLAS HOWARD, STEVEN MACKINTOSH U. A.

 

Was haben Freddy Mercury und Elton John eigentlich gemeinsam? Auf den ersten und auch auf den zweiten Blick sehr vieles. Ein unglaubliches, musikalisches Talent, das absolute Gehör und das Zeug zu einer Repräsentanz, die die Dimensionen einer One-Man-Show oft schon mal durchbrochen hat. Beide sind schwul, haben markanten Zahnwuchs und einen Hang zu exzentrischen Outfits, Elton John vorzugsweise Brillen und Mercury hautenge Trikots. Und noch etwas haben sie gemeinsam, man möchte meinen ein gemeinsames Leid, nämlich ihren Manager John Reid. In Bohemian Rhapsody durfte „Kleinfinger“ Aidan Gillen in die Rolle der profitgierigen rechten Hand seiner hörigen Superstars schlüpfen. In Rocketman darf das Richard Madden, ebenfalls aus Westeros übersiedelt, in die Welt der Biopics und der Aufs und Abs legendärer Bühnenkünstler, die sich durch die Schattenseiten des Ruhms nun mal durchwühlen müssen, mit all ihren sirenengleichen Versuchungen, die dann gottlob abendfüllend überwunden werden können.

Der Mensch ist für das permanente Reiten am Wellenkamm grundsätzlich nicht gemacht, das geht an die Substanz, und fordert folglich Substanzen, die das Defizit wettmachen sollen. Hinzu kommt mitunter elterliches Versagen aus der Kindheit wie bei Reginald Dwight der Fall, und fertig ist der Mix aus mangelnder Selbstliebe und die Sehnsucht, geliebt zu werden. Da bei einem Star meist nur die Fassade geliebt wird, ist sowas selten erfüllend. Elton John hat aber, wie man unlängst in Cannes gesehen hat, wirklich die Kurve gekriegt. Schön, sich sowas im Kino anzusehen. Denn das ist die lose Storyline, die quasi als straffes Libretto Dexter Fletchers Musical-Chartshow dramatisches Rückgrat verleiht. Womit wir wieder bei der nächsten Gemeinsamkeit mit Bohemian Rhapsody wären. Fletcher hat auch beim Oscar-geadelten Musikfilm der Queen-Band Hand angelegt, nachdem Bryan Singer aus uns bekannten Gründen gebeten wurde, das Handtuch zu werfen. Fletcher hat es aufgefangen, und die Sache zu einem guten Ende gebracht. Im Zuge dieses Erfolges, und da wohl nur der halbe Film unter seinen Fittichen stand, war etwas Ähnliches in der Art nur das Weiterführen einer gemähten Wiese. Wenn schon gerade warmgelaufen, muss man die Energie auch irgendwie weiter nutzen – für die Schicksalssymphonie eines kaum weniger kultisch verehrten Großmeisters der Pop-Komposition. Und da Dexter Fletcher diesmal von Anfang an dabei war, und die quirlige Leichtigkeit seiner Sportlerdramödie Eddie the Eagle weiteres in der Art verspricht, beginnen deshalb auch hier trotz aller Gemeinsamkeiten zum Queen-Film langsam Differenzen hochzusickern.

Während Bohemian Rhapsody als prosaisches Drama all seine fetzigen Ohrwürmer vom dargestellten Künstlerteam erarbeiten ließ und sie Teil des chronologischen Geschehens waren, baut Rocketman das musikalische Erbe Elton Johns als erzählerisches Mittel ein: Voila, wir haben ein Musical. Und was für eines. Natürlich, Ohrwurm-Bühnenshows sind schnelle Abkassierer, regelrechte Crowdpleaser, die das große Geld garantieren, und das auf sehr einfachem Weg. Da geht’s gar nicht um die Geschichte dahinter, da geht es um den Rhythmus und den Groove, und den schmachtenden Abnicken wohlbekanner Evergreens. Das war so bei Falco, beim We Will Rock You-Musical, bei Mamma Mia oder bei I am from Austria. Zuerst waren da die Songs, und das Drumherum bekommen wir schon hin. Das ist natürlich Instant-Kultur, wie das Aufgießen einer Päckchensuppe – aber den Leuten gefällt’s. Also darf und soll auch Rocketman das Gleiche tun. Nicht leiden, nicht Probleme wälzen, sondern gefällig aufspielen wie beim Crocodile Rock, wo alles, was keine Flügel hat, fliegt.

Fletchers Filmoperette ist eine schillernde Rampensau, und wie hier Drama mit Bühnenshow kombiniert wird, einfach virtuos. Taron Egerton, der seit Fletchers Eddie-Hommage nie mehr wieder so gut war, taumelt in erfolgstrunkenem Zustand vom luxuriösen Wohnzimmer auf die Bühne, vom Krankenhaus an den Flügel, vom Flanieren auf einer Party in seinen nächsten Song. Wie Egerton sie bringt, hat eine ganz eigene Färbung, ist nicht Elton Johns Timbre, aber das macht nichts, ganz im Gegenteil – so lernt man bekannte Melodien plötzlich neu kennen. Keine Szene, die nicht ein paar Takte seiner Stücke anspielt, und seien sie auch noch so unplugged, noch so verborgen zwischen den Textzeilen. Rocketman schippert ganz eindeutig im Erfolgsfahrwasser von Bohemian Rhapsody, legt seine Songs aber ganz anders auf. Sie sind wichtiger als der ganze biographische Rest, doch greifen sie umschmeichelnd auf Stationen eines Lebens zurück, die fast schon generisch sind für das Ruhm-Handling eines Weltstars. Elton John war dafür bestens geeignet.

Rocketman

Mary Poppins Rückkehr

DELOGIERUNG EINER NANNY

3/10

 

null© 2018 Walt Disney Germany GmbH

 

LAND: USA 2018

REGIE: ROB MARSHALL

CAST: EMILY BLUNT, BEN WISHAW, EMILY MORTIMER, COLIN FIRTH, DICK VAN DYKE U. A.

 

Vom Schlachtschiffkonzern der Entertainmentindustrie, der sich wie eines der Raubtierstädte aus Mortal Engines alle möglichen Kreativschmieden einverleibt hat, lässt sich zumindest eines bemerken: Disney setzt vorwiegend auf das richtige Pferd. Und das betrifft nicht nur alle durchkonzipierten Universen wie Marvel oder Star Wars (zumindest aus meiner Sicht – da gibt es sicher viele Gegner), sondern auch die Live Act-Reboots unzähliger Disney-Animationsklassiker wie Cinderella, Das Dschungelbuch oder kürzlich Dumbo. Aber auch wenn oder trotzdem so vieles auf der Haben-Seite zu verzeichnen ist – manches hat Disney auch versenkt. Wie zum Beispiel Mary Poppins Rückkehr. Mit dem Sequel des charmanten Musicalklassikers aus den 60er Jahren hat der Mauskonzern bist dato sein größtes Eigentor fabriziert, ein astreiner Elfmeter ohne ambitionierte Gegenwehr. Wenn man so will einen Affront gegen den verspielten Hollywood-Geschmack eines familientauglichen Retro-Evergreens, wie Mary Poppins es seinerzeit gewesen ist.

Da zwirbeln die Karamell-Töne wie Chim Chim Cher-ee immer noch leise verhallend in den Ohren, oder das tänzelnde Gaudium Supercalifragilisticexpialigetisch wehrt sich immer noch verbissen der korrekten Artikulierung. Fast ganz vergessen: A Spoonfool of Sugar! So wird bittere Medizin direkt wohlschmeckend, und vor allem bei dem für Tropenreisen gesundheitlichen Gesundheitscheck ist die Würfelzucker-Schluckimpfung gegen Cholera immer noch die beliebteste. Bei Mary Poppins Rückkehr wäre die Arznei immer noch pobackenkneifend bitter, trotz Zufuhr an Süße. Die Lösung für Disney – noch mehr Zucker. Das wird den bitteren Geschmack schon übertünchen. Nun – das tut es, und da hätte ich lieber den bitteren Geschmack verkostet als das, was P. L. Travers womöglich im Grab rotieren lässt. Musicalexperte Rob Marshall (Chicago, Nine, Into the Woods) kann zwar auf eine ganze Werkschau musikalischer Revuen zurückblicken, und man möchte meinen, dass der Amerikaner ein sicheres Gespür für Libretto und musikalisches Timing hat – seine Auftragsarbeit zur Entstaubung des Disney-Archivs gerät aber zu einer aussichtslosen Wiederbelebung einer längst vergangenen Kinoepoche, die mehr als ein halbes Jahrhundert später der spukhaften Präsenz während einer Séance gleichkommt. Nicht alles lässt sich reanimieren, das wird bei Marshalls Film mehr als deutlich. Einziger Lichtblick vorneweg: Emily Blunt. Kult-Kindermädchen Julie Andrews wäre mit ihrer Wahl zufrieden gewesen – in ihrer Mischung aus leichter Enerviertheit, Strenge und verspielter Zuversicht ist Blunt aus Mary Poppins Rückkehr ziemlich fein raus. An ihr liegt es nicht, dass das seltsam zusammengefügte Konstrukt aus nichtssagenden Songs und bizarren Tagträumen so sehr über den herbstwindumtosten Kirschblütenweg irrt – ohne Dach über dem Kopf.

Tatsächlich handelt das Sequel gerade davon – Familie Banks steht kurz davor, ihr lieb gewonnenes Heim zu verlieren, in welchem Mary Poppins schon einmal den Haussegen gerade gerückt hat. Als profitgieriger Bankdirektor lässt Colin Firth die irgendwie konfuse Family an sich selbst verzweifeln – wäre eben nicht diese Super-Nanny, die den Nachwuchs mit Ausflügen in eine Porzellanschüssel oder zu Cousine Topsy für den Widerstand mobilisiert. Womit wir mit Cousine Topsy schon am Ende der Schadensbegrenzung für den Film wären. Meryl Streep ist nur eines von mehreren bis zur Unerträglichkeit kreischend überdrehten Intermezzi, die den Filmgenuss, sofern es einer wäre, nachhaltig stören. Und Ben Wishaw als leider nicht für die Goldene Himbeere nominierte Fehlbesetzung des letzten Jahres wirkt wie die ungelenke Parodie eines kümmerlichen Teilzeitbeamten aus einem Comic von Robert Crumb, der seltsam verstört. Und wenn dann am Ende alle an Luftballonen in den Himmel steigen, hat der zeitweilig groteske Kitsch seinen Höhepunkt erreicht.

Was das Grundproblem an Mary Poppins Rückkehr ist? Es lässt sich die Nostalgie des Kinos nur sehr schwer mit modernen Mitteln nachstellen. Das klappt einfach nicht, wenn technischer Zeitgeist versucht, analoges Retro-Tamtam nachzuempfinden. Da könnten vielleicht noch die Zeichentrickpassagen durchgehen, der Rest fliegt aus der Kurve. Denn der hat weder Grip noch eigene Ideen noch ein narratives Selbstbewusstsein, was ihn vielleicht vor dem Verdacht auf Abklatschversuche eines Klassikers bewahrt hätte. So aber ist Mary Poppins Rückkehr der langweilige Beweis, dass Disney auch längst nicht perfekt ist und sich Studios wie dieses vielleicht zweimal überlegen sollten, welches Standalone-Meisterwerk durch unsinnige und völlig verzichtbare Fortsetzungen eigentlich mehr kompromittiert als bereichert werden könnte.

Mary Poppins Rückkehr