Coconut Hero

DAS LEBEN ÜBERLEBEN

6,5/10


coconuthero© 2015 Majestic Filmverleih


LAND: DEUTSCHLAND, KANADA 2015

REGIE: FLORIAN COSSEN

CAST: ALEX OZEROV, BEA SANTOS, KRISTA BRIDGES, SEBASTIAN SCHIPPER, JIM ANNAN, UDO KIER U. A.

LÄNGE: 1 STD 41 MIN


Zum Glück gab´s in Hal Ashbys Harold & Maude-Verfilmung die gute alte Maude, um Harold von seinen Selbstmordfantasien abzubringen. In Coconut Hero kann Mike Tyson – ja, der junge Mann ist Namensvetter des berüchtigten Boxers und wird an seiner Schule auch entsprechend damit gehänselt – auf so einen Support erstmal nicht zurückgreifen. Mike will  sein noch so junges, gerade mal 16ähriges Leben beenden. Er tut dies auf unterschiedlichste Weise. Alle Versuche gehen schief. Zuletzt will er sich eine Kugel in den Kopf jagen – auch nur Platzpatronen. Später wird festgestellt, dass Mike an einem Gehirntumor erkrankt ist. Der könnte problemlos operativ entfernt werden – doch Tyson wird sich hüten, diese Nachricht an seine Mama weiterzugeben. Die ideale Methode, das Zeitliche zu segnen, wenn man den Tumor sich selbst überlässt. Blöd nur, dass Mike vom Staat ein Rehabilitationsprogramm aufgedrückt bekommt, um ihm die Suizidflausen auszutreiben. Und da lernt er die junge Miranda kennen, die überhaupt nicht in sein Konzept passt. Genauso wenig wie der plötzlich auftauchende Vater, der die Todesanzeige seines Sohnes in der Zeitung gelesen hat.

Coconut Hero geht als Coming of Age-Dramödie den Weg des geringsten Widerstandes. Independentkino, wie Independentkino sein muss. Ein Ensemble, das keiner kennt, was aber wiederum den Bonus des Authentischen mit sich bringt, da sich all diese Gesichter (bis auf Udo Kier in einer Minirolle) auf kaum einen anderen Film übertragen lassen. Der russisch-kanadische Schauspieler Alex Ozerov ist in seiner traurigen Gestalt eines todessehnsüchtigen Mieselsüchtlers treffend besetzt, Bud Cort aus Hal Ashbys kultiger Tragikomödie steht ihm da um nichts nach, nicht mal in Sachen Frisur. Die Mundwinkeln wandern selten nach oben, wie ein Buster Keaton eben, der den Jugendfilm entdeckt. Auch all die übrigen Co-Akteure sind von ausgesuchter Qualität, da lässt sich schon ein Film wie dieser zu einer Selbstfindung mausern, die mit einem stimmigen Soundtrack hinterlegt ist, wobei einige Songs davon wirklich eingängige New Country Balladen sind. Das passt sehr gut zu diesem Setting, zu dieser Geschichte aus elterlicher Spurensuche, Lebenssinn und dem Begriff der Sterblichkeit, der erst dann neu definiert wird, wenn genau diese Endlichkeit jemand ganz anderen trifft – nur nicht einen selbst.

Coconut Hero ist ein Stoff mit Give Away-Faktor, was so viel heißt wie: Erkenntnisse daraus könnten auch zum Gewinn werden fürs eigene Dasein. Natürlich, Deutschland 86-Filmer Florian Cossens Film ist in manchen dramaturgischen Wendungen von zu bequemer Naivität, und nicht unbedingt lässt sich die relativ vage beschriebene Beziehung zwischen Mike und Matilda angesichts ihrer späteren Gewichtigkeit wirklich nachvollziehen, aber dennoch: in seiner selbstvergessenen und wieder in Erinnerung gerufenen Selbstwahrnehmung ist das Teenie- und Familiendrama samt seiner leisen Ironie ein bisschen Balsam auf der Seele eines latent depressiven, nicht zwingend jungen Publikums.

Coconut Hero

Familie Willoughby

AUF DIE SPITZE GETRIEBEN

4/10

 

willoughbys© 2020 Netflix

 

LAND: KANADA 2020

REGIE: KRIS PEARN, CORY EVANS

MIT DEN STIMMEN VON (ORIGINAL): RICKY GERVAIS, MAYA RUDOLPH, WILL FORTE, JANE KRAKOWSKI, MARTIN SHORT, TERRY CREWS U. A. 

 

Lois Lowry ist ungefähr so etwas wie hierzulande in Österreich Christine Nöstlinger gewesen war. Aus ihrer Feder stammt zum Beispiel die Jugend-Fantasy The Giver – Hüter der Erinnerung, die mit Jeff Bridges und Meryl Streep auch einmal verfilmt worden war. Jetzt hat Netflix auf ein anderes ihrer Werke geschielt – nämlich auf die schräge Mär rund um die Familie Willoughby, die das Prädikat Familie aber um ganze Elternabende verpasst hat.

Die Eltern, die in einem schlossähnlichen Herrenhause residieren, wollen von ihrem Nachwuchs nichts wissen. Kinderhasser unter der animierten Sonne, Blut ist hier dünner als Wasser, alle vier Sprösslinge nur eine unbequeme Begleiterscheinung von Bettgeflüster, wenn man so will. Die vier aber – ein Zwillingspaar, ein Mädel und ein Bub – die sind ein Herz und eine Seele. Manche teilen sich auch nur einen Pullover. Nur Schnurrbärte haben sie im Gegensatz zu ihren Vorfahren aller Altersgruppen, die ihr posthumes Dasein in einer schmucken Ahnengalerie fristen müssen, alle keine. Die Eltern allerdings auch nicht – müssen also schwarze Schafe sein, sowieso. Als die vier ein Waisenkind finden und dieses aufnehmen wollen, hängt der Haussegen erst so richtig schief. denn Findling sein ist besser als von Rabeneltern ignoriert zu werden. Der Plan: Schicken wir doch Mutter und Vater (die sich bizarrerweise selbst so nennen) auf eine Reise ohne Wiederkehr.

Ins liebevolle Detail geht diese durchaus aufwändige Animation mal auf jeden Fall. Dennoch ist Familie Willoughby einer der anstrengendsten Trickfilme, die ich kenne. Woran mag das wohl liegen? Erstens mal an der krassen Abstraktion der Figuren. Dünner geht´s wohl nicht mehr. Klappergestelle, wohin das bereits nach zehn Minuten überreizte Auge blickt. Spitze Nasen, spitze Architektur, spitze Berge, die wohl wirklich nicht mehr spitzer gehen, und die spitzen Bemerkungen der Eltern, was vielleicht halb so wild wäre, würden nicht permanent und in schrillster Tonlage alle möglichen Individuen auf Dauerdialog schalten und kaum Pause zum Entreizen lassen. Gut, es gibt Momente, da sinniert das bebrillte Mädel über die Freiheit und es gibt Momente, da könnte man meinen, die ganze Szenerie erinnert durchaus an die phantastischen, durchaus auch überzeichneten Geschichten eines Roald Dahl, Schokofabrik hin oder her – so etwas ähnliches findet sich auch hier. Der Eigentümer – ein rotköpfiges männliches Wesen in Bonbon-Uniform. Wie das alles zusammenpasst? Gar nicht. Womit wir schon beim nächsten Problem wären. Es handelt zwar von Kindern, die von ihren Eltern geliebt werden wollen, mit ihrer Nanny hadern und Pläne schmieden, um Kind sein zu dürfen, was ja ein bemerkenswert empathischer Ansatz wäre, doch die groteske Karikierung und vor allem die hyperaktive Tonalität bremsen jede Ambition, eine große, berührende Geschichte zu erzählen. Familie Willoughby ist ein Flickenteppich aus manischer Unruhe und sich selbst überholenden Slapsticks, der durch seinen eigenen visuellen Overkill ausgebremst wird.

Am meisten schmerzen diese Figuren, die kaum Sympathien wecken (gut, vielleicht der erzählende blaue Stubentiger), und in ihrer physischen Sperrigkeit eine gewisse Aversion erzeugen. Klar, visuelle Stile werden unterschiedlich wahrgenommen. Kann sein, dass manche diese Überhöhung mit der ebenfalls überhöhten Story vereinbaren können. Für mich selbst fühlt sich dieser hysterische Kinderzirkus an wie eine Bingewatching-Session von Spongebob. Enervierend und erschöpfend.

Familie Willoughby

Der unverhoffte Charme des Geldes

ZUM TEUFEL MIT DEN KOHLEN

6,5/10

 

charmedesgeldes© 2018 Cinémaginaire Inc. – Film TDA Inc.

 

LAND: KANADA 2018

REGIE: DENYS ARCAND

CAST: ALEXANDRE LANDRY, MARIPIER MORIN, RÈMY GIRARD, MAXIM ROY, VINCENT LECLERC U. A.

 

Kanadas wohl bekanntester Filmemacher neben David Cronenberg ist womöglich Denys Arcand. Der Mann ist Oscarpreisträger, und zwar für seine eloquente Satire Die Invasion der Barbaren. Ein spitzzüngiger, sehens- und vor allem ob der Dialoge hörenswerter Film. Allerdings auch schon länger her, genau 16 Jahre. Drei Filme später legt der Autorenfilmer mit Hang zum Understatement eine ganz andere Komödie vor, oder viel mehr eine Thrillerkomödie, die den guten Mammon zum Thema hat. Und er lässt es regnen, das viele Geld, auf einen Unglücksraben, der sich selbst ganz nach Woody Allen-Manier für das Maß aller Dinge hält und mit zynischen Betrachtungsweisen seine Umgebung immer wieder vor den Kopf stößt. Nichts ist gut genug für den Paketzusteller, der es sogar noch schafft, seine Freundin mit Worten davonzuekeln. Alles soll sich ändern, als Fortuna das Füllhorn entgleitet. Und Fortuna schüttet es da aus, wo andere ins Gras beißen. So gesehen bei einem Banküberfall, der aber vereitelt wird, trotzdem es auf beiden Seiten keine Gefangenen gibt. So steht der intellektuelle Jungspund in kurzen Hosen und Lieferwagen alleine da, vor ihm mehrere Taschen voller Kohle. Was tun in so einem (un)glücklichen Moment? Natürlich das Geld schnappen und so tun als wüsste man von nichts. Und das, obwohl man eigentlich gegen den globalen Kapitalismus wettert.

Das Glück ist, wo sie sind – sagen die Casinos Austria. Am Glück klebt aber auch das Pech wie selbiges an der sinistren Schwester der Goldmarie. Gute Taten helfen da nicht weiter. Oder doch? Wäre ja alles kein Problem, gäbe es da nicht die gesamte Unterwelt Montreals, die diese vermaledeiten Sporttaschen sucht. Und zu drastischen Maßnahmen greift, wenn es darum geht, diese aufzuspüren. Die sind manchmal wirklich weit über der Schmerzgrenze. Wer sehen will, wie Foltermethoden aus dem Mittelalter so manch einem halbseidenen Ganoven die Wahrheit entlocken, der kann sich gerne auf dieses Katz- und Mausspiel einlassen. Was aber nicht heißen soll, dass Denys Arcand andauernd die Grenzen zwischen süffisanter Diebesballade und wenig gelenkschonender Gewalt auslotet. Nein, das tut er nicht. In Jesus von Montreal war es auch nur die Kreuzigung Jesu im Selbstversuch, der Rest kluges Gesellschaftsdrama. Der unverhoffte Charme des Geldes setzt seine Gewaltspitzen aber auf überrumpelnde Weise. Dazwischen: durchaus turbulente Bestrebungen rund um hohe Summen, was wiederum an Richard Pryors Eskapaden aus dem 80er-Klamauk Zum Teufel mit den Kohlen erinnert. Damals war’s eine Erbschaft, hier mehr oder weniger Blutgeld.

Die unaufgeregt bebilderte „Oceans“-Satire macht aus kapitalistischer Gier einen sozialen Krankheitsfall, so als würde jemand an Geld leiden, und andere sollen die Symptome gefälligst kurieren. Der junge Held aus Denys Arcands Film wird selbstredend in Versuchung geführt, angelt sich auch eine bildschöne wie sündteure Hostess (wahnsinnig erotisch: Maripier Morin) und tut sich noch dazu mit einer Parodie auf Helmut Elsner (ich sage nur: Bawag) zusammen, um die Knete, anstatt sie zu verbrennen, in alle vier Winde zu verstreuen. Es ist wie die wundersame Brotvermehrung, womit wir wieder bei Jesus von Montreal wären. Und das Geld verliert ein paar von seinen dunklen Seiten, weil es immer darauf ankommt, was man damit macht. Es horten, raffen oder verteilen, als wäre es nichts als ein Mittel zum Zweck. Was es ja auch ist.

Der unverhoffte Charme des Geldes

Vom Gießen des Zitronenbaums

FÜHL´ DICH WIE ZUHAUSE

7,5/10

 

VomGiessenDesZitronenbaums© 2019 Neue Visionen

 

ORIGINALTITEl: IT MUST BE HEAVEN

LAND: KATAR, DEUTSCHLAND, KANADA, TÜRKEI, PALÄSTINA 2019

REGIE: ELIA SULEIMAN

CAST: ELIA SULEIMAN, ALI SULIMAN, TARIK KOPTY, KAREEM GHNEIM, GAEL GARCIA BERNAL U. A.

 

Wo man singt, da lass dich ruhig nieder, heißt es im Volksmund. Wenn aber keiner singt, bleibt die Frage, wo es am besten zu verbleiben wäre, eine, der man nachgehen sollte. Diese Frage wird umso dringlicher, umso weniger jemand einen Boden unter seinen Füßen hat, den er als sein Heimatland bezeichnen kann. Elia Suleiman, um den es hier geht und der sich auch selber spielt, der hat das nicht. Boden unter den Füßen ja, aber kein Heimatland. Wo er wohnt und lebt, das ist Israel, und um es genau zu nehmen kommt der Filmemacher aus Nazareth. Noch nie was von Elia Suleiman gehört? Ich bis vor Kurzem jedenfalls nicht, und es verwundert auch nicht so sehr, wenn klar wird, das dessen letzter Film schon zehn Jahre zurückliegt. Für sein Werk Göttliche Intervention hat er 2001 sogar den großen Preis der Jury in Cannes gewonnen. Suleiman ist also, was das Kino Arabiens betrifft, längst kein unbeschriebenes Blatt, sondern vielmehr ein Sprachrohr, ein so künstlerisches wie politisches, und alles für sein Volk aus Palästina.

Mit Vom Gießen des Zirtronenbaums, der ja im Original völlig anders heisst, nämlich It must be Heaven, ist sicherlich nicht die Sorte von Kino, die unsereins mitsamt der Masse gewohnt ist. Umso besser, würde ich sagen. Neue Denkweisen, Blickwinkel und Narrative sind hochwillkommen, noch dazu, wenn es in eine Richtung geht, die der legendäre Franzose und Situationskomiker Jacques Tati schon mal an den Tag gelegt hat. Wer seine Filme kennt, der weiß: Tati, der als Monsieur Hulot die Tücken der Moderne oder das seltsame Verhalten der urlaubmachenden Bourgeoise genau beobachtet hat, war niemals ein Mann großer Worte. Das ist Suleiman auch nicht. Denn Suleiman, der schweigt. Und beobachtet. Blickt sich um – und wundert sich. Während Tati aber noch selbst, durch seine fast schon absichtliche Unerfahrenheit diverse Slapstickkatastrophen heraufbeschworen hat, bleibt der wortabgewandte Denker und Flaneur stets auf Distanz zu dem, was passiert. Und es passiert von ganz alleine. Worum es in Vom Gießen des Zitronenbaums überhaupt geht? Das ist schwer zu sagen, so ganz genau weiß man das nicht. Nur, dass der einsame Eigenbrötler irgendwann Witwer wurde, den Nachbarn beim Pflücken der hauseigenen Zitronen ertappt und daraufhin seine Koffer packt, um davonzureisen, Richtung Paris. Und von dort Richtung New York. Was er dort macht? Im Grunde das, was er auch daheim in Nazareth getan hat. Schweigen und beobachten, dabei versuchend, hinter den Absurditäten menschlichen Verhaltens einen Zusammenhang zu erkennen. Die kleinen alltäglichen Miniaturen, die Suleiman beschreibt, passieren ohne sein Zutun, es ist eine absonderliche, etwas hilflose Welt, die er sieht. Eine seltsam spielerische, sich stets widersprechende, gedankenverlorene Welt, die nichts von ihren eigenen existenziellen Zusammenhängen versteht. Es ist humoristisch, das schon. Und manchmal tragikomisch. Und manchmal erstarrt das Schmunzeln.

Wovon genau will Vom Gießen des Zitronenbaums eigentlich berichten? Wohin will Suleiman? In einer Szene gibt der Filmemacher angeblich ein Interview zu seinem Film, den wir uns gerade ansehen, irgendwo in einem kleinen Stadttheater, dessen Publikum animalische Kostüme trägt. Dort stellt ein Moderator fest, das Suleiman eigentlich der perfekte Fremde ist. Einer, der überall fremd ist. Der nirgendwo hingehört, und theoretisch aber überall zuhause sein kann. Will er das? Ist das die bessere Wahl, überall gleichsam fremd zu sein? Es ist ein für diese Erkenntnis leichtfüßiges Statement, das Elia Suleiman hier abgibt, für das fiktive Land Palästina, das sich als eine Art Utopia sogar von einem Kartenleger für die ferne Zukunft weissagen lässt. So irrt die rat- und rastlose Figur mit Hut durch die Grottenbahn einer modernen Gesellschaft, die den Bezug zu wesentlichen Dingen verliert. Suleiman versucht, diesen Bezug allerdings nicht zu verlieren, bleibt ein Skizzierender und Suchender, der seinen Zitronenbaum gießt, damit ein anderer schamlos dessen Früchte pflückt. Das ist politisches Statement, oder nicht? Nicht ganz. Besser ein politisches Understatement, aber das vom Feinsten.

Vom Gießen des Zitronenbaums

Charles Dickens: Der Mann, der Weihnachten erfand

DEM GEIZ AN DEN KRAGEN

6/10

 

Dickens_Weihnachten© 2018 24 Bilder Film GmbH

 

LAND: IRLAND, KANADA 2017

REGIE: BHARAT NALLURI

CAST: DAN STEVENS, CHRISTOPHER PLUMMER, JONATHAN PRYCE, JUSTIN EDWARDS U. A.

 

Tiny Tim soll nicht sterben! Spätestens an dieser Stelle des Buches, als der Geist der Zukunft dem elenden Geizkragen und Misanthropen Ebenezer Scrooge die zukünftige Weihnacht vor Augen hält, bleibt kein Auge trocken. So herzzerreißend wie in Charles Dickens Klassiker lässt sich Nächstenliebe kaum in Worte fassen. Kein Wunder, die Geschichte zählt zu den meistverkauften Büchern weltweit. Wie es aber dazu kam, dass ein schrecklicher Mensch wie Scrooge seine Läuterung durch drei Geister erfährt, das erzählt uns der indische BBC-Regisseur Bharat Nalluri in seinem biographischen Fantasydrama Charles Dickens: Der Mann, der Weihnachten erfand. Nun, mit dieser Behauptung lehnt sich der Film sehr weit aus dem Fenster, das ist schon etwas hochtrabend. Zumindest könnte man das anfangs denken. Beim näheren Hinsehen ist das aber gar nicht mal so falsch, nur bedarf es hier einiger zusätzlicher Fußnoten, damit die Rechnung aufgeht. Charles Dickens, kein armes Schlucker, kein Nacht- und Nebelkünstler, der erst posthum zur Ikone aufsteigt – dieser Charles Dickens, der war reich, berühmt, quasi ein Star unter den Schriftstellern und Seitenblicke-Persönlichkeiten (hätte es Seitenblicke damals schon gegeben). Ein Egozentriker, mehrfacher Familienvater, humorvoll und einnehmend, ausgestattet mit unverhohlener, charmanter Arroganz, die ein Stückchen dunkle Seele, eine teerartige Traumata aus der Kindheit, tunlichst zu kaschieren versucht. Diese Erinnerung an eine entbehrungsreiche Kindheit, die hat Dickens in jedem Fall zu einem Altruisten gemacht, der lieber auf finanzielles Defizit setzt als nichts zu spenden. Licht ins Dunkel wäre sein Business gewesen. Damals aber war es die Schreiberei, und einfach nur der Sinn für Humanität, die ihn letztendlich zu einer Geistergeschichte inspirierte, die bis heute nichts von seiner Faszination verloren hat.

Die Kanadienerin Susan Coyne hat mit ihrem Drehbuch über die Genese eines Kultbuches die Grenzen zwischen Imagination und Realität ein Stückchen weit niedergerissen. Im Laufe des kreativen Schaffens taucht plötzlich die Figur des Ebenezer Scrooge in Dickens Arbeitszimmer auf, und mit ihm all die anderen Charaktere, die der Brite in seine Story gebettet hat. Sie belagern ihn auf Schritt und Tritt, und damit nicht genug – der manifestierte Scrooge – eindringlich verkörpert von Christopher Plummer und irgendwie auch eine Reminiszenz an seine Rolle des realen Geizkragens Jean Paul Getty aus Alles Geld der Welt – muss sich nicht nur für seine eigenen dunklen Seiten rechtfertigen. Er ist auch gekommen, um Dickens an die Finsternis in seinem Herzen zu erinnern, die mal war, und die nicht unwesentlich dazu beiträgt, dass Vater und Sohn sich nicht so recht verstehen.

Für eine Biographie ist Charles Dickens: der Mann der Weihnachten erfand gerade richtig. Aus einem ganzen  Künstlerleben die Entstehungsgeschichte eines Kunstwerks zu extrahieren, ist vollauf genug, um dem Schreiberling näher zu kommen. Keine Ahnung aber, ob dieser wirklich so war, ob er wirklich so ein eloquenter Lebemann war, der in manisch-depressivem Anflug stets auf hypernervös alles gleichzeitig bewältigen muss. Dan Stevens fängt diese Rolle mit burschikosem Augenzwinkern ein, bleibt aber dadurch seltsam boulevardesk. Das wiederum passiert vor üppigster Ausstattung und einem übertriebenen Faible für Lichtstrahlen, die durch halb zugezogene Gardinen staubige Luft romantisch verklären. Mit diesem enorm pittoresken Effekt gerät Charles Dickens: der Mann… zu einem nostalgischen Bilderbuch, zu einem rustikalen Diorama, von handwerklich solider Biederkeit, trotz des avantgardistischen Denkens von Dickens. Für einen Weihnachtsfilm ein angenehmer Zeitvertreib bis zum großen Fest, irgendwo zwischen Schoko-Likörfläschchen und einem wiedermal zur Hand genommenen Wälzer aus dem Bücherregal. Gediegen und muffig, allerdings viel weniger geheimnisvoll und philosophisch wie das zeitlose Werk, von welchem der Film hier erzählt.

Charles Dickens: Der Mann, der Weihnachten erfand

Brooklyn

ICH WAR NOCH NIEMALS IN NEW YORK

6,5/10

 

brooklyn© 2016 20th Century Fox Deutschland

 

LAND: IRLAND, GROSSBRITANNIEN, KANADA 2016

REGIE: JOHN CROWLEY

CAST: SAOIRSE RONAN, DOMHNALL GLEESON, EMORY COHEN, JIM BROADBENT, JULIE WALTERS, BRID BRENNAN U. A.

 

Am Schönsten ist es doch zuhause – oder nicht? Ich würde dem zustimmen. Die junge Irin Eilis Lacey, die in den 40er Jahren des vorigen Jahrhunderts aufgewachsen ist, wohl eher weniger. Zuhause ist nämlich nichts los. Nichts, worauf es für eine junge Frau wie Eilis ankommt: Keine Arbeit, kein Entwicklungspotenzial, keine strahlende Zukunft. Stattdessen eine Art Bigotterie, strenge Konventionen und die Augen und Ohren der lästigen Nachbarschaft sozusagen überall. Da will Frau eigentlich nur weg, am besten nach Übersee, wohin sowieso schon halb Irland ausgewandert ist. Wie es der Zufall so will, legt ihr ein ebenfalls ausgewanderter, befreundeter Pastor die notwendigen Schienen, unterstützt sie sogar finanziell. Nur den Abschiedsschmerz kann er ihr nicht nehmen, da muss Eilis ganz alleine durch. Die Familie zu verlassen ist eine Sache, in Übersee Fuß zu fassen eine andere. Und wie sie feststellen wird: Die amerikanische Gesellschaft ist eine ganz andere, da haben die Wände keine Ohren und es kennt nicht jeder jeden. Was für ein Freiheitsgefühl das sein muss, anonym zu sein. Sich für jeden Handgriff nicht rechtfertigen zu müssen. Zu lieben, wenn man will, und nicht, wen die Nachbarn wollen.

Regisseur John Crowley, der aktuell mit seiner Buchverfilmung Der Distelfink in unseren Kinos startet, hat vier Jahre zuvor mit Brooklyn ein ganz anderes, weniger voluminöses Buch verfilmt, nämlich eines des irischen Autors Colm Tóibín – für alle, die ihn kennen. Zugegeben, die Erzählung über einen Neuanfang im Land der unbegrenzten Möglichkeiten (zumindest war das damals vielleicht so) ist wie ein Film aus den Fünfzigern, der über die Fünfzigerjahre erzählt. Schön ausgestattet, Lokalkolorit pur, allerdings wahnsinnig hausbacken. Wäre da nicht die wunderbare, verletzliche Saoirse Ronan, die wiedermal sehr überzeugend und völlig nachvollziehbar die illustre Entwicklung vom duckmäuserischen, sozial gegängelten Mädchens zur selbstbewussten Frau vollzieht. Ronan passt in die damalige Zeit wie der Nierentisch ins trendige Nachkriegswohnzimmer. Es ist, als hätte die junge Schauspielerin zu gar keiner anderen Zeit gelebt als in den 50ern, und das ist schon eine erstaunliche Konsistenz, was die Erarbeitung einer Rolle betrifft. Mit dieser darstellerischen Dichte ist sie aber nicht allein. An ihrer Seite ein völlig unbekanntes Konterfei, nämlich das von Emory Cohen als italoamerikanischer, unsterblich verliebter Klempner, der das Herz der jungen Irin zwar nicht im Sturm, aber in konsequenter, teils liebevoll ungeschickter Romeo-Manier erobert. Allerdings völlig frei von Arroganz, direkt etwas devot, bescheiden und unsicher lächelnd. Ein einnehmender Charakter, der gemeinsam mit Ronan die besten Momente des Filmes für sich verbuchen kann.

Sonst ist Brooklyn arg konventionell und sehr methodisch erzählt, was nicht heisst, dass das Drama die Zerrissenheit von Ronans Figur nicht ordentlich aufs Tablett bringt. Dafür wiederum hat niemand geringerer als Nick Hornby sein vor allem eben für Drehbücher bewährtes Talent bemüht und die Love- and Life-Story elegant und harmonisch in seine Zeit gebettet. Das verlangt keine Neuinterpretationen oder Ansätze aus anderen Richtungen. Tóibíns Roman verlangt genau das, was Brooklyn letzten Endes als Filmprosa auf die Reihe bekommt. Und das kann eben nur in dafür erforderlichem Konservatismus und in nostalgischem Postkarten-Beige erfolgen, wobei der Streifen von der Empathie Crowleys dem historischen Zeitgeist gegenüber am meisten profitiert. Brooklyn ist ein gutes Beispiel dafür, wie sehr sich ein Regiekonzept auf beiden Seiten der Kamera seiner gewählten Epoche unterordnen kann. Und das ist wiederum kein Fehler. Vor allem dann nicht, wenn ein Zeitbild aus vergangenen Tagen über den Um-, Auf- und Abbruch diverser Zelte in einer sich aufraffenden Nachkriegswelt ausnehmend gut Bescheid wissen will, ohne dabei prahlen zu wollen.

Brooklyn

Prospect

ALLE IM GRÜNEN BEREICH

6,5/10

 

prospect2© 2019 capelight pictures

 

LAND: USA, KANADA 2019

BUCH UND REGIE: ZEEK EARL, CHRISTOPHER CALDWELL

CAST: SOPHIE THATCHER, PEDRO PASCAL, JAY DUPLASS, SHEILA VAND, ANDRE ROYO U. A.

 

Es ist eigentlich ganz einfach: Man gehe auf einen Flohmarkt, am besten aber auf einen, der so absonderliches technisches Zeug anzubieten hat wie Schläuche, Gerätschaften aller Art, alte Staubsauger und Waschmaschinen zum Beispiel. Oder ausrangierte Zweiradhelme, die den HSSE-Standards nicht mehr genügen. Als Location bräuchten wir einen Urwald, am besten einen in höheren Lagen, der mit Flechten und Moosbewuchs nicht spart. Vielleicht lässt sich ja für Drehzwecke wenig frequentiertes Gebiet betreten, wie zum Beispiel den Białowieża-Nationalpark in Polen oder das Refugium rund um den österreichischen Dürrnstein. So unberührt wie möglich, nicht dass Jogger und Biker durchs Bild flitzen. Natürlich, wir räumen nachher wieder alles auf. All das Graffel, das wir eingekauft haben, landet nachher vielleicht wieder am Flohmarkt – oder aber, wenn der Sponsor nicht absrpingt, könnte man die Requisiten auch für ein Sequel nutzen. Ist nun alles da, was wir brauchen, fehlt nur noch ein toughes Drehbuch, und vielleicht ein Hauptdarsteller, der sich als Zugpferd für die Produktion zumindest als Nebendarsteller in der wohl besten Serie aller Zeiten einen Namen gemacht hat. In diesem Fall war das Pedro Pascal. Game of Thrones-Fans – und das sind fast alle – wissen: Pedro Pascal war die Sandschlange Oberyn Martell aus dem sonnigen Süden, die dem reitenden Berg zum Opfer fiel, und das schon in Staffel 4. Der gebürtige Chilene aber hat die Rechnung mit dem Wirten damit gemacht – er wird zukünftig als kesser Mandalorian das Star Wars-Universum unsicher machen. Es sei ihm vergönnt, der Mann ist sympathisch, und es macht ihn noch sympathischer, wenn kleine, feine Filme wie Prospect ihn zu ihrem Cast zählen dürfen.

Ehrlich mal, George Lucas hat seinen Star Wars-Erstling zumindest teilweise auch nicht anders ausgestattet. Man nehme nur mal die längst legendäre Cantina-Szene aus Episode IV. Da zeigen sich ebenfalls zusammengewürfelte Outfits aus allen Ecken der Second-Hand-Galaxie und Rausverkäufen diverser Requisitenkammern. Was die Creature Designer damals gemacht haben, war verblüffend, und gleichzeitig von so schrulliger Vielfalt, das aus diesem Gebrauchtwaren-Retro-Look ein ganz eigenes Universum entstanden ist, das zuletzt in Solo so richtig kostümtechnisch herumfabulieren konnte. Prospect ist so, als gäbe es wie für den amerikanischen Western die stockfleckigere Italo-Version auch für das Star Wars-Universum. In welchem aber genau dieser Weltraum-Survivalthriller spielt, bleibt ungeklärt. Auch, woher Astronaut Damon und dessen Tochter eigentlich kommen, was sie eigentlich wollen und wohin das führt. Vieles bleibt anfangs im Unklaren, auch die Bedeutung dieses grünen Mondes (nein, nicht Endor!), der von einer Raumstation umkreist wird, an die wiederum Damons Raumkapsel angedockt hat. Später erfahren wir: der grüne Mond zieht allerlei Glücksritter an, die in den Nestern spinnenartiger Kreaturen wühlen, die wiederum in ihren hochgiftigen Kokons unter Anwendung der richtigen, neutralisierenden Chemie gigantische Edelsteine ausspucken, die am Schwarzmarkt unglaubliches Geld bringen. Der Mond selbst: eine menschenfeindliche Gegend, die Biomasse ist enorm, die herumflirrenden Sporen der Pflanzen toxisch bis dorthinaus, und so erscheint auch die ganze Aura des Mondes in einem seltsam gelbstichigen Licht, wie die Optik ausgebleichter alter Fotografien. Erinnerungen an das russische Science-Fiction-Kino des Andrej Tarkovskij werden wach, aber auch an den durch außerirdischen Einfluss veränderten Wald aus Jeff Vandermeers Southern Reach-Trilogie, dessen erster Teil – Auslöschung – bereits grandios verfilmt wurde.

Prospect reiht sich problemlos unter jene Art Science-Fiction, die etwas ganz anderes will als nur mit der gefühlt 100sten Alien-Reißbrett-Variation, gepaart mit psychopathischem Wahnsinn, die reißerische Billigschiene zu bemühen. Natürlich ist Prospect ein Low-Budget-Film, aber einer mit Potenzial, und einer, der seine eigenwillige Story rund um ein Mädchen und einen Schatzpiraten mit allerlei kunstvoll gepatchworkter Details garniert, die seltsam durchdacht wirken, alles andere als improvisiert, als wären sie Teil eines größeren Überbaus, von dessen Existenz keiner weiß. Sterile Hochglanz-Raumzeit war gestern, das Gestern ist also die neue Vision eines versemmelten Heute, fit für das freie Spiel der Kräfte. Bis der letzte zweckentfremdete Sanitärschlauch platzt und poröse Dichtungen mal wieder den Atem rauben.

Prospect

Mister Link – Ein fellig verrücktes Abenteuer

EIN AFFE UND GENTLEMAN

7/10

 

misterlink© 2019 eOne Germany

 

LAND: USA, KANADA 2019

REGIE: CHRIS BUTLER

MIT DEN STIMMEN VON (ORIGINAL): HUGH JACKMAN, ZOE SALDANA, ZACH GALIFIANAKIS U. A.

DEUTSCHE SYNCHRO: CHRISTOPH MARIA HERBST, BASTIAN PASTEWKA, COLLIEN ULMEN-FERNANDES U. A.

 

Puppen kann man auf unterschiedlichste Art und Weise tanzen lassen. Muppets und Fraggles waren in diesem Fall Handfigur und Marionette zugleich. Rolf Rüdiger ist überhaupt nur Hand, und auch der Kasperl versteckt sich ungefähr um die Leibesmitte hinter einem Guckkasten. Anders die Puppen der Laika-Studios. Die haben weder Schnur, Hand oder Stange, die haben die Zeit auf ihrer Seite. Nämlich eine, die sich anhalten lässt, je nach Belieben. Das nennt man in Fachkreisen Stop-Motion, das ist die Methode, um leblose Puppen über oder durch Dioramen schreiten zu lassen, die mit Hingabe und bis ins Detail aufgeputzt sind. Von den welken Blättern des Waldes bis zur Miniaturzeitung, die in fürsorglich ausgestatteten Interieurs per Puppenhand durchgeblättert werden. Wenn man Filme von Laika sieht, sollte nicht vergessen werden, welche Leidenschaft, Akribie und auch nerdige Besessenheit dahintersteckt, im Zeitalter von CGI und Motion-Capture so etwas überhaupt noch auf die knorrigen Puppenbeine zu stellen. Weil Stop-Motion einfach ein Handwerk ist, ein perfektioniertes Handwerk, so wie das Malen von Bildern mit Pinsel und Pigment in Zeiten von Photoshop. Und bei Betrachten des fertigen Werks möge der Weg bis zum Ziel, der als Prozess alleine schon wieder ein eigenes Werk darstellt, nicht ganz in Vergessenheit geraten.

Unter diesen Gesichtspunkten lässt auch der ganz neue Streifen rund um einen Kryptozoologen und seinem Affenmenschen durchaus in Staunen versetzen, wenngleich nicht alles, was zu sehen ist, analogen Ursprungs ist. Wellenberge oder die Kulisse des Himalaya-Plateaus sind nur ein paar der ergänzenden Elemente, die natürlich am Rechner entstanden sind. Das macht aber nichts, CGI ist nicht zwingend etwas, dem der unangenehme Beigeschmack einer Mogelei anhaften sollte. CGI ist nicht minder eine Kunstform, und wenn sie wohldosiert dazu verhilft, die Illusion einer völlig autarken Puppenwelt zu vollenden, ist das ein Teamwork, das gelingt, solange der Computer dem Gebärden der erzählenden Figuren nicht die Show stiehlt. Keine Sorge, denn das passiert hier nicht. Die Charaktere, die sich in einem alternativen irdischen 19. Jahrhundert über die Evolutionslehre eines Charles Darwin wundern und Nessie auf der Spur sind, in der sich so was wie die National Geographic Society, die Elite der Weltenentdecker, auf arrogante Art über alle anderen stellt, haben in ihren wächsernen, spitznasigen und rotwangigen Gesichtern ein breites Repertoire an Ausdruck zu bieten. Und wenn Mr. Link dann die Lichtung betritt, findet ein herrlich feiner, distinguierter Humor Einzug auf der breiten Bühne eines Filmstudios, wo Kamerakräne ihre Runden drehen und hunderte Fingerspitzen all die herrlichen Kreationen antauchen, um sie fühlen, denken und träumen zu lassen.

Mister Link, der träumt davon, nicht mehr allein zu sein. Nachdem Mr. Lionel Frost nach seinem versemmelten Versuch, einen Beweis für Nessie zu erbringen, dem Brief eines Unbekannten nachkommt, der die Sichtung eines Sasquatch (Bigfoot, Skunk Ape, alles dasselbe) verspricht, muss er feststellen, dass das so genannte Missing Link über Sprache, abstraktem Denken und Höflichkeit verfügt. Auf dem gemeinsamen Weg nach Shangri-La, wo Mr. Link auf die winterfelligen Verwandten der Yetis zu treffen erhofft, müssen sie allerlei Abenteuer bestehen, muss der allzu menschliche Primat vieles zu wörtlich verstehen und für Krokodilstränen treibenden Humor verantwortlich sein, der den Film wohl zu einem der lustigsten Trickeskapaden der letzten Zeit werden lässt. Die Qualitäten von Mister Link liegen eindeutig beim missverständlichen Verständnis einer viel zu großen Welt, welcher der letzte seiner Art ausgesetzt sein wird. Mit ihm besteht ein erst egomanischer, dann geläuterter Möchtegern-Entdecker Abenteuer, die aus der Feder von Jules Verne kommen könnten. Altmodisch ist das, natürlich, und auch durch die Bank bekannt, was das Szenario natürlich sehr berechenbar und kaum zur Wiege dramaturgischer Wendungen macht. Mister Link ist, was es am besten kann, nämlich auf humorig vorgestrige Art ein Stück animiertes Reisekino zu sein, für Trickfilmfans und Familien, und jenen, die Phileas Fog, Charles Darwin und Russel Wallace gerne schon mal allgemeinbildene Achtung geschenkt haben. Vor Mister Link himself lässt sich nämlich auch bequem der Zylinder lüpfen, so einnehmend charmant ist der schräge evolutionäre Sonderling – mit mehr Manieren als manch ein Homo sapiens.

Mister Link – Ein fellig verrücktes Abenteuer

Hard Powder

RACHE, AM BESTEN KALT SERVIERT

3/10

 

HARD POWDER© 2019 Constantin Film

 

LAND: GROSSBRITANNIEN, NORWEGEN, USA, KANADA 2019

REGIE: HANS PETTER MOLAND

CAST: LIAM NEESON, LAURA DERN, TOM BATEMAN, TOM JACKSON U. A.

 

Winter is coming. Zumindest in Hans Petter Molards Zweitverfilmung eines Thrillers, der im Original Kraftidioten heißt und mit Stellan Skarsgard damals einen Schauspieler gefunden hat, der in scheinbar stoischer Wut Rache übt. Einer nach dem anderen, so in der deutschsprachigen Übersetzung, ist ein Film nicht zwingend für kalte Wintertage. Vielleicht sogar mehr für den Sommer, um sich zumindest filmtechnisch abzukühlen. Was da an Schneemassen gepflügt werden, geht auf keine Skipiste. Gut, dass es eben Männer wie Filmvater Nils gibt, der sich durch die Unpassierbarkeiten des hohen Nordens kämpft. Und der von einem Tag auf den anderen seinen ermordeten Sohn beerdigen muss, der wiederum von Handlangern eines Drogenkartells aufgeknüpft wurde. Wer diese Killer waren, und was das Ganze mit dem toten Filius zu tun hat, das sind Fragen, die Nils nicht lösen kann. Also plant er den Suizid – bis sich fünf vor zwölf das Schicksal plötzlich wendet. Und der trauernde Papa zu den Waffen greifen kann.

Diese skandinavische Krimifarce konnte 2014 sogar noch den großen Bruno Ganz dafür gewinnen. Ein grimmiger Auszählreim voller Sarkasmus, ein blutiger Reigen sich aneinanderreihender Todesfälle, die allesamt nicht zufällig passieren, sondern im Strudel einer Vergeltungsspirale nach dem Domino-Prinzip einfach passieren. Keine Ahnung allerdings, warum Hans Petter Moland 5 Jahre später seinen recht gelungenen Film nochmal verfilmen muss. Womöglich, weil Übersee vom Original wenig weiß. Filme aus Europa sind dort nicht so der Bringer. Nicht, weil sie vielleicht nicht gerne gesehen werden wollen, sondern weil dort keiner Untertitel mag. Synchro-Studios gibt es auch keine, auf die Idee würde die USA niemals kommen, Fremdfilme zu übersetzen. Das britische Kino hat es da besser, die knapp 7000km Luftlinie über den Atlantik fällt da kaum ins Gewicht. Englisch ist Englisch, das wird in einen Topf geworfen. Das ist schon ein gewisser Kulturpatriotismus, eine Arroganz gegenüber einer vielfältigen Filmwelt, die mehr zu bieten hat als gewohnten Lokalkolorit. Die einzige Lösung: Zweitfilme. Mit selbem Inhalt, aber mit anderen Schauspielern, und an anderem Ort. Vorzugsweise gleich in Amerika. Und in amerikanischem Englisch. Weil um den Plot, um den ist es viel zu schade, war doch der Film hierzulande ein Erfolg.

Cold Pursuit heißt also die Kopie, und aus völlig unerfindlichen Gründen musste der Titel hierzulande in Hard Powder umgetextet werden. Wie jetzt? Vom Englischen ins Englische? Das ergibt keinen Sinn. Von solchen fragwürdigen Beispielen gibt es einige. ich sage nur: 96 Hours statt Taken. Womit wir schon bei Liam Neeson wären. Der kämpft sich in diesem Convenience-Aufguss mehr schlecht als recht, und vor allem schauspielerisch, durch eine scheinbar unüberwindbare Witterung. Neeson hat schon genug Rache geübt, das sieht man ihm an. So, wie er sich hier bis in die Chefetage durchmordet, hätte das Steven Seagal auch getan. So weit sind wir also schon gekommen. Schauspielerischen Ehrgeiz gibt es hier keinen mehr. Verheizt wird aber nicht nur Neeson, auch Laura Dern weiß in keiner Szene, was sie in diesem Film eigentlich macht – und zieht recht früh von dannen. Überzeugt also schon nicht das Staraufgebot in diesem Film, bleibt der Rest auch hinter den Erwartungen zurück. Hard Powder ist ein liebloses Thrillervehikel, fahrig inszeniert, grob abgespult, bleibt überhaupt nicht im Fluss. Chancen auf Neuverwertung eines Erfolges lässt man natürlich nicht ungenutzt, schon gar nicht als geschäftstüchtiger Filmemacher wie Molard einer ist. Aber sich selbst zu rebooten, wie es seinerzeit schon Ole Bornedal mit Nachtwache getan hat, um den Erfolg zu vermehren, hat für mich stets den Beigeschmack eines Ausverkaufs. Da ist das skandinavische Kino mit all seinen einzigartigen Ideen quer durch alle Genres ganz vorne mit dabei. Klar, aus diesem kreativen Füllhorn will jeder einen Becher voll. Wobei sich hier die Frage stellt: wer wen dazu genötigt hat, meist dem Original hinterherhinkende Kopien zu erstellen: der Künstler selbst, so wie unlängst Til Schweiger mit Honig im Kopf – oder das Studio? Eigentlich egal, wer Profit riecht und das Geld hat, schafft an.

Hard Powder

Stan & Ollie

NICHT OHNE MEINEN BUDDY

5,5/10

 

Unit stills photography© 2019 SquareOne Entertainment / capelight pictures

 

LAND: GROSSBRITANNIEN, USA, KANADA 2019

REGIE: JON S. BAIRD

CAST: STEVE COOGAN, JOHN C. REILLY, DANNY HUSTON, NINA ARIANDA, SHIRLEY HENDERSON U. A.

 

Es gibt Beziehungen, die sind in so heißem Feuer geschmiedet, da reichen weder familiäre Bindungen noch ein Ehegelübde heran. Sie sind sogar schon mehr als nur eine innige Freundschaft, das ist sogar schon so etwas wie eine Symbiose – eine Existenz, die nur doppelt gemoppelt gelebt werden kann. Im fiktionalen Kulturkreis findet sich da einiges, wie zum Beispiel Don Camillo und Peppone oder Asterix und Obelix. Oder könntet ihr euch Obelix ohne Asterix vorstellen? Oder umgekehrt? Fix ohne Foxi? Peterson ohne Findus? Dinge der Unmöglichkeit. Bud Spencer oder Terence Hill waren im Alleingang bei weitem nicht so gut. Genauso verhält es sich auch mit Stan Laurel und Oliver Hardy. Ihre Beziehung war genauso, nämlich die eines dynamischen Duos, das ohne den anderen niemals konnte und wenn doch, dann war das eine Schmach für beide. Stan & Ollie oder Dick & Doof, wie sie im deutschen Sprachraum auch hießen, waren nicht auseinanderzudividieren, waren wie Dean Martin & Jerry Lewis, Farkas & Waldbrunn und wie sie noch so alle hießen, diese Buddies, die sich ihre Pointen zuwarfen wie treffsichere Pässe beim Volleyball. Wo einer die Scherze auflegt, und der andere hineinsteigen muss. Das war wohl witzig damals, das war Slapstick mit Niveau, perfekt getimt und minutiös vorbereitet. Da saß jede Geste, jede Mimik. Sogar das Schälen von Eiern wurde zur Lachnummer. Das musste man können, so clownesk aufzutreten, dass es nicht peinlich wirkt, sondern pointiert und von lässiger Jovialität, trotz oder gerade wegen der hingebungsvoll nervenden Blicke von Oliver Hardy, der den achselzuckenden und kopfkraulenden Stan Laurel stets maßregeln musste, um kurzerhand Torten oder ähnliches ins Gesicht zu bekommen. Es lassen sich die Klassiker wie Die Wüstensöhne tatsächlich noch genießen – diese Nummernrevuen haben ein Kolorit und eine paraverbale Palette an komischer Performance, die heutzutage noch ihresgleichen sucht.

Und nun, da sind sie wieder, begleitet vom musikalischen Intro des Cuckoos Dance und nach einem Drehbuch von Jeff Pope (Oscarniminierung für Philomena), der die Fakten zu den letzten Dekaden des Komikerduos gewissenhaft zusammengetragen hat. Handverlesene Momente, hinter den Kulissen hervorgeholt. Was da zum Vorschein kam? Der Plan zu einem Film über Robin Hood. Veralbernd natürlich und aus der Feder von Stan Laurel, sowieso stets der Mastermind hinter dem Erfolg, wie Blitzgneisser Asterix, dem Obelix in blindem Vertrauen stets folgt. Nur – die Zeiten haben sich geändert, wir schreiben Anfang der 50er Jahre. Da fährt das Publikum doch eher auf die Eskapaden von Abbot & Costello ab, und weniger auf den lakonischen Fettnäpfchenreigen, wie sie Chaplin, Lloyd oder Keaton auch so an den Tag gelegt hatten. Die Investoren zieren sich, die Bühnenversion ihrer Filmsketches sind im Rahmen einer England-Tournee nur spärlich besucht. Und Ollie, der hat Knieprobleme. Beide aber können es nicht lassen. Sie müssen weitermachen, denn was wären sie ohne einander. Und ohne ihren Sinn für Humor, der die Massen doch bis jetzt begeistert hat. Alles hat aber ein Ende. Und irgendwann müssen auch die beiden ihre viel zu kleinen und zu großen Melonen an den Haken hängen.

Stan & Ollie ist ein wehmütiges Farewell für Fans und Kenner dieser Urgesteine aus einer längst vergangenen, analogen Ära. Steve Coogan und John C. Reilly sind phänomenal – nicht nur dass sie so aussehen wie die beiden darzustellenden Kindsköpfe. Sie bewegen sich auch genauso, haben dieselbe Mimik. Machen immer wieder mal vergessen, dass es sich hierbei gar nicht um die echten Stars handelt. Darüber hinaus aber bleibt das Porträt einer innigen künstlerischen Verbundenheit in schaumgebremster Zurückhaltung seltsam blass. Und das nicht wegen des grauen Schnauzers von Ollie. Sondern, weil das Abendrot ihres Erfolges nicht die ganze Geschichte ist – die ich aber gerne gesehen hätte. Der Film hebt zwar am Höhepunkt ihrer Karriere an, springt aber sofort 16 Jahre weiter. Was bleibt, ist ein Abgesang. Rührend zwar, aber verdünnt auf Spielfilmlänge. Reilly und Coogan legen sich ins Zeug, füllen mit ihren Konterfeis vorwiegend die Kamera aus und machen schon deutlich, was beide damals wirklich verbunden hat. Das hat als Psychogramm einer Freundschaft schon Hand und Fuß, leidet aber schnell unter Atemnot, wie Oliver Hardy, dessen Herz bald nicht mehr mitmacht. So ist das ganze biografische Fragment: langsam, irgendwie schwächelnd, wenn geht rastend. Das passt natürlich zum Befinden von Stan & Ollie, lässt aber deren unverwüstlichen komödiantischen Esprit der beiden auf Dauer vermissen, auch wenn die Vision eines letzten gemeinsamen Films wehmütig macht.

Stan & Ollie