Falling

DEM VATER VERPFLICHTET

7/10


falling© 2021 Filmladen

LAND / JAHR: KANADA, GROSSBRITANNIEN 2020

BUCH / REGIE: VIGGO MORTENSEN

CAST: VIGGO MORTENSEN, LANCE HENRIKSEN, TERRY CHEN, LAURA LINNEY, SVERRIR GUDNASON, HANNAH GROSS, DAVID CRONENBERG U. A. 

LÄNGE: 1 STD 53 MIN


Wenn das nicht autobiographisch ist – ein Autorenfilm ist es auf jeden Fall. Viggo Mortensen hat bei seinem Regiedebüt nicht nur eben inszeniert – er spielt auch selbst, hat die Musik komponiert und natürlich auch das Budget bereichert. Wo Viggo Mortensen eben draufsteht, ist Mortensen auch drin. Und sein Drama – das ist nicht von schlechten Eltern. Oder eben doch. Denn diese Eltern, vorzugsweise dieser Vater, und eigentlich nur dieser Vater, hat sich so einiges anschauen lassen. Ein verbissener, zynischer, in seinem Ego sehr leicht zu kränkender Mann, ein Chauvinist durch und durch. Einer, der gerne auf die Jagd geht und dabei seinen kleinen Sohn mitnimmt, auf dass er eine Wildente vom Himmel holt – pures Glück natürlich, aber der Papa ist stolz. Dennoch sieht eine glückliche Kindheit anders aus, und das glückliche Verhältnis zu seinem Erzeuger ebenso. Die Zeitebene wechselt in die Gegenwart, wir lernen Willis, den Vater von Viggo aka John, in seinem derzeitigen Zustand kennen. Im Alter wird der Charakter nicht besser, das Weltbild zerfahrener, der Wille immer sturer. Der alte Farmer leidet mitunter an anfänglicher Demenz, wütet und zetert, schimpft, dass sich die Balken biegen. Ein Prolet unter dem Herrn, ganz tief aus der untersten Schublade jaulend – mit sich selbst verkracht, unzufrieden und misanthropisch. Noch dazu ist John mit einem Mann verheiratet – wieder ein Thema, das dem Alten gehörig stinkt. Der Sohn aber nimmt sich zusammen, legt eine geradezu buddhistische Gelassenheit an den Tag, und ist auch nicht bereit, der Provokation Zunder zu geben. Dennoch kommt der Vater auf Besuch, muss zum Arzt, will sich in Kalifornien ein Haus ansehen. Trifft die Familie, schimpft dabei, beleidigt und erniedrigt. Irgendwann allerdings reißt auch so einem gebildeten, versierten und friedliebenden Menschen wie John die Hutschnur – denn warum um alles in der Welt hat ein Kind so einen Vater verdient?

Vater-Sohn-Geschichten gibt es viele. Meistens gibt’s Streit, dann folgt die Einsicht, die Versöhnung. Im realen Leben ist das selten der Fall. Alte Menschen von etwas zu überzeugen, was ihr Weltbild erneuern könnte – kommt vielleicht alle heiligen Zeiten vor. Die Sturheit ist eine Mauer aus Stahl. Falling erzählt eine ähnliche Geschichte, einen Generationenkonflikt, wie er zu erwarten war. Der Nebencast ist etwas konfus angeordnet, die dankbar ausgestalteten Hauptfiguren jedoch überdehnen mit Eifer familiäre Bindungen bis zu den Grenzen der Belastbarkeit. Und doch entlockt Falling ganz andere, sozialphilosophische Gedanken: Ist Blut wirklich so viel dicker als Wasser? Wie weit können Eltern gehen, indem sie sich ihren Kindern gegenüber alles erlauben – bis die tributzollende Liebe zu Mutter oder Vater nicht mehr reicht? Mortensen stellt die Frage in den Raum – oder besser gesagt, er hat sie für sich längst beantwortet: es scheint fast, als hätte man als Kind eine gewisse Erziehungsschuld zu tilgen. Wie traurig, dass dabei die paar Momente familiärer Idylle eine ganze Epoche der menschlichen Entwicklung tragen sollen. Übrig bleiben Entbehrung, Scham und psychosoziale Defizite. Das macht Falling nicht gerade zu einem zuversichtlichen Drama – aus der Versenkung gehoben wird, was lange im Argen lag. Dabei kommt die Symbolik der Wildente nicht von irgendwo – Mortensen orientiert sich an den dunkelgrauen Theaterstücken eines Henrik Ibsen, in denen ebenfalls das Konstrukt der Familie durch Bohren in der Vergangenheit immer poröser wird.

Dabei hat Mortensen mit der Wahl von Lance Henriksen, den ich sonst nur als Android aus Aliens und anderen phantastischen B-Movies in Erinnerung habe, keinen besseren Berserker finden können. Mit über 80 Jahren zeigt der Schauspieler, was er eigentlich draufhat. Dabei ist sein wütender Einzelgänger mit Familienanschluss die kramzerfressene Version eines – die Österreicher kennen ihn – Edmund „Mundl“ Sackbauer (Echte Wiener), nur ohne das Herz am rechten Fleck, und ohne eine Spur von Selbsterkenntnis.

Falling ist eine intensive, in ihren aufgeladenen Konfrontationen packende und nicht minder aufwühlende Vision einer familiären Endzeit. Analogien im echten Leben sind da nicht schwer zu finden.

Falling

Psycho Goreman

VOM MONSTER, DAS NACH DER PFEIFE TANZT

3,5/10


PsychoGoreman© 2020 Koch Media


LAND / JAHR: KANADA 2020

BUCH & REGIE: STEVEN KOSTANSKI

CAST: MATTHEW NINABER, NITA-JOSEE HANNA, OWEN MYRE, KRISTEN MACCULLOCH, RICK AMSBURY U. A. 

LÄNGE: 1 STD 38 MIN


„Jetzt ist endlich mal Schluss. Immer diese konformen High-End-Effektfilme. Das kann man ja wirklich nicht mehr mit ansehen.“ – Für all jene, die davon längst die Nase voll haben, gibt’s die Rosskur samt wohliger Entschlackungsphasen. Denn wo ein High-End ist, muss es auch einen Anfang geben. Der ist dort, wo das Gummimonster aus den Tiefen steigt, wo Latex nicht zwingend etwas ist, das sich im Warenkorb von Beate Uhse findet. Wo allerdings Cosplayer und Kostümbildner völlig analog und womöglich nächtelang an den unterschiedlichsten Outfits gesessen sind, um all diese Aliens und Monster und seltsamen bizarren Kreaturen den Schauspielerinnen und Schauspielern passgenau überzustülpen. Dabei ist der Bodysuit des fast schon gottgleichen Übeltäters Psycho Goreman das Meisterstück. Klar doch, muss es ja auch sein – der knorpelige Knilch dominiert die eineinhalb Stunden fast ausschließlich im Alleingang. Allerdings eben nur fast. Denn ihm zur Seite steht ein anderes Monster – ein Menschenkind. Ein Mädchen. Aber was für eins. Jedenfalls nicht Wednesday Addams, denn die hat Stil. Eine garstige Furie, die den ganzen Tag nichts lieber tut, als ihren Bruder zu piesacken. Beim Spiel im Garten legen die beiden ein seltsames Artefakt frei. Und nicht nur das. Ein ganzes Monster kommt da gleich mit. Mit anderen Worten: Die Geißel der Galaxis. Eine Kreatur, bei welcher Jack Arnold wohl feuchte Augen bekäme. Und die auch wunderbar nach Eternia passen würde, um Dolph Lundgren im Armdrücken zu besiegen. Dieser hässliche Geselle hat also nichts anderes im Sinn, als das Universum zu vernichten. Geht’s noch ein bisschen subtiler? Nein. Es kommt noch derber. Das Mädel allerdings, diese wirklich abgrundtief unsympathische Göre, hat mit diesem rosarot leuchtenden Artefakt den schlimmen Finger im Griff. Dieser muss, wild drohend und stets vor sich hin fluchend, nach ihrer Pfeife tanzen. So viel Macht macht das kleine keifende Ding auch nicht gerade zu einem besseren Menschen. Stellt sich die Frage: Wer ist hier das eigentliche Monster?

Und was zur Hölle habe ich eigentlich in so einem Film verloren? Andererseits – auch das ist wieder eine neue Erfahrung. Eine Grenzerfahrung. Psycho Goreman vom Kanadier Steven Kostanski (wer´s kennt: The Void) mag vielleicht eine Perle des schlechten Geschmacks sein – dem eigenen sollte man besser folgen, und die pelzige Bitternis im Rachenraum bleibt, auch wenn dieser Publikumsliebling des Festivalkinos seine fixe Fangemeinde hat. Es sprich natürlich nichts gegen so offensichtlich zusammengeschustertes Equipment wie hier, und besonders begrüßenswert sind die hie und da eingestreuten Stop-Motion-Sequenzen. Im Grunde genommen jedoch bedarf es einer grundehrlichen Liebe zu Filmen dieses Subgenres, einer Affinität für freudvoll ausgelebten Bodyhorror, an welchem wiederum David Cronenberg (ich sage nur: Knochenwaffe) seine Freude gehabt hätte. Dabei wäre seine Version wohl längst nicht so sarkastisch und augenzwinkernd ausgefallen wie hier, denn das muss ich zugeben: Das verdrehte Machtgefüge zwischen zöpfeschwingendem Rumpelstilzchen und bärbeißigem Alien-Killer hat ordentlich Potenzial, da lässt sich bissig parodieren bis zum Weltuntergang. Vielleicht muss man Psycho Goreman auch sickern lassen und den bizarren Karneval aus malträtierten Leibern, aufgefressenen Widersachern und von außen nach innen gestülpten Erdlingen sowieso keine Sekunde lang ernst nehmen.

Wo Knights of Badassdom gerade erst angefangen hat, macht Psycho Goreman weiter. Als abseitiger, stilverwirrter „Familienfilm“ zwischen Exploitationkino und Joss Whedons Buffyverse lässt sich dieser Streifen hier auf die Liste fragwürdiger Sichtungen setzen, die sich ganz bewusst und auch ganz reuelos über ihren eigenen ausgefeilten Dilettantismus amüsieren. Kostanski, B-Movie-Liebling für alles Bizarre, versteht dabei sein Business. Ohne Ironie wäre das Ganze für die Tonne. Doch auch mit Ironie hinterlässt dieses Junkfood aus dem Bahnhofskino ungesunden Mundgeruch. Ganz so, wie Psycho Goreman einen haben muss.

Psycho Goreman

Raum

AUF DER ANDEREN SEITE DER WAND

7,5/10 


raum© 2015 Film 4


LAND / JAHR: KANADA 2015

BUCH: EMMA DONOGHUE, NACH IHREM ROMAN

REGIE: LENNY ABRAHAMSON

CAST: JACOB TREMBLAY, BRIE LARSON, JOAN ALLEN, WILLIAM H. MACY, TOM MCCAMUS, SEAN BRIDGERS, CAS ANVAR U. A. 

LÄNGE: 1 STD 58 MIN


Was gibt es nicht für menschliche Monster auf dieser Welt. Damit meine ich nicht mal Diktatoren und Kriegsherren, die das Schwarzbuch füllen, sondern der unscheinbare Otto Normalverbraucher, dessen Horizont maximal bis zur Befriedung des eigenen kaputten Egos reicht, und dessen Kindheit womöglich selbst ganz anderen unscheinbaren Otto Normalverbrauchern zum Opfer gefallen sein könnte. Jene, die sonst, wohin sie auch blicken, nur ihr eigenes Unvermögen erkennen, halten sich zwecks Kompensation dieses Umstands rechtlose Leibeigene, die in Isolation Wochen, Monate und Jahre damit zubringen, nicht gänzlich zu zerbrechen. Ich kann mich noch genau an das erste Fernsehinterview von Natascha Kampusch erinnern, die nach 3096 Tage in Gefangenschaft unter der Herrschaft eines gewissen Priklopil von ihrer geraubten Kindheit erzählt hat. Den ruinierten Seelen unter Peiniger Fritzl blieb so eine Medienkonvertierung erspart. Was Buchautoren aber, inspiriert durch diese skandalösen Zustände, nicht davon abgehalten hat, ähnliche Szenarien zu entwerfen. Zum Beispiel die Kanadierin Emma Donoghue. Ihre Vorlage Raum aus 2010 wurde zum Bestseller. Solche Inhalte stillen die Neugier am Schrecklichen, am geradezu Undenkbaren. So tickt die Psyche so mancher Leser und Seher nun mal – der Impact des Leidens anderer stillt die Furcht und relativiert die eigene Ohnmacht, die dann nicht mehr ganz so farbintensiv im Alltag verweilt.

Der irische Filmemacher Lenny Abrahamson, der vor seinem Durchbruch mit Raum Michael Fassbinders Konterfei im Künstlerdrama Frank hinter Fiberglas versteckt hat, wendet sich allerdings weitgehend davon ab, peinlich berührten Voyeurismus zu bedienen. Donoghues Drehbuch fokussiert von Anfang an jene Figur, aus dessen Sicht diese ganze Geschichte erzählt wird. Es ist nicht Brie Larson als die 7 Jahre in Gefangenschaft dahindämmernde Joy – sondern es ist der kleine, in ebensolche Isolation hineingeborene Jack, sagenhaft gut verkörpert von Jacob Tremblay, und der eigentlich den ganzen Film so ziemlich im Alleingang trägt, da kann selbst sein oscarprämierter Co-Star nicht viel ausrichten, obwohl auch Larson natürlich zeigt, was in ihr steckt. Bei Kinderdarstellern verblüfft so ein Umstand aber immer mehr: das war auch schon im österreichischen, äußerst sehenswerten Film Die beste aller Welten so, in der Jeremy Miliker den mimischen Realismus neu definiert zu haben schien. Tremblay macht das genauso. Und das Beste an Raum: Donoghue und Abrahamson geht es nicht in erster Linie, und auch nicht in zweiter Linie, um die Chronik eines Martyriums, dessen Ende und dessen Nachwehen, die sowieso nur halbherzig erörtert werden. Die Wahrnehmung der Welt und ihrer inhärenten Freiheiten ist das, was Raum so interessant macht. Nicht das Täter-Opfer-Gefüge. Sondern – wenn man so will – die Relativierung einer Realität mit all ihren Parametern zu einer nächsten, viel größeren. Eine Art Erleuchtung sozusagen. Und das einem Fünfjährigen!

Der Mensch bleibt angesichts seines nach oben hin offenen Erkenntnispools sowieso immer ein Kind. Zu entdecken gibt´s immer noch etwas. Tremblays Charakter des Jack ist wie die Art Höhlenbewohner aus Platons Gleichnis, der die Schattenbilder in seinem Raum wahrnimmt, sie als die alles umfassende Freiheit, als seinen Kosmos empfindet. Demzufolge scheint ihm nichts zu fehlen. Die Definition der Geborgenheit scheint anfangs auch in diesen kargen vier Wänden zu funktionieren. Was fehlt, ist das Wissen jenseits der Wände. Das Wissen über den Ursprung der Schatten, um bei Platon zu bleiben. Die Entdeckung dieses Neulands ist die zu bewältigende Aufgabe dieses Dramas, und Tremblay mittendrin. Larsons Rolle der Mutter ist da nur ein Leo, ein Fixpunkt, das Mutterschiff sozusagen.

Zum Glück holt dieser Film mehr als eine Handvoll dieser Gedanken an die narrative Oberfläche. Auch gelingt Raum, niemals seinem inhaltlichen Skandal zum Opfer zu fallen, indem er diesen Umstand geradezu als unkommentierte und fast wertfreie Gegebenheit hinnimmt. Raum ist überraschend objektiv, trotz all seiner Emotionen, die da hochkochen und überkochen. Trotz all dieser beruhigenden Melodien, die den grauenhaften Zustand so mancher panikmachenden Aussichtslosigkeit überspielen sollen. Tremblay bleibt aber über allen Dingen – als kindlicher Superheld, als ein Entdecker, der Übermenschliches leistet, um all die Ohnmacht umzukehren.

Raum

Der Brotverdiener

WEIL ICH EIN MÄDCHEN BIN

7/10


breadwinner© 2018 Netflix


LAND / JAHR: KANADA, IRLAND, LUXEMBURG 2017

REGIE: NORA TWOMEY

MIT DEN STIMMEN VON (ORIGINAL): SAARA CHAUDRY, SOMA BHATIA, ALI KAZMI, LAARA SADIQ, ALI RIZVI BADSHAH U. A. 

LÄNGE: 1 STD 33 MIN


Was macht Angelina Jolie eigentlich, wenn sie nicht gerade als Maleficent im Märchenland für Chaos sorgt? Sie produziert und finanziert Werke humanitären Inhalts, wie zum Beispiel diesen Animationsfilm der Kanadierin Nora Twomey (Das Geheimnis von Kells), der sich mit dem Kindsein in Afghanistan der Gegenwart beschäftigt und auf dem Roman Die Sonne im Gesicht von Deborah Ellis basiert, die eine Zeit lang in den Flüchtlingslagern der Region tätig war und so einiges an persönlichen Begegnungen in diese Geschichte einfließen hat lassen. Gäbe es Netflix nicht, hätte ich Der Brotverdiener damals unter den Oscarnominierten 2018 in der Sparte Animationsfilm gar nicht erst wahrgenommen. Zu stark war die Konkurrenz durch Coco – Lebendiger als das Leben. Der Brotverdiener war aber nicht einfach so unter den besten fünf. Wenn es in einem Film um so grundlegende Themen wie Frauenrecht, Gefährdung menschlicher Grundrechte und Fanatismus geht, um verhinderte Kindheiten und politische Willkür, kann sowas ja gar nicht unbeachtet bleiben. Schon gar nicht, wenn so zermürbende Themen so aufbereitet werden, dass auch der Grundschulgeneration sonnenklar einleuchtet, wie man als Mensch leben soll und wie nicht, was man als Mensch dürfen soll und was nicht. So, wie Twomley den Stoff erzählt, kann ein Problemfilm wie dieser familiengerechte Zerstreuung durchaus einmal ablösen, um Umstände auf dieser Welt in den Fokus zu nehmen, die Kinder freilich wissen dürfen. Dazu gehört die Tatsache, dass eben das Glück einer unbeschwerten Kindheit nichts Selbstverständliches ist.

2003 hat der afghanische Filmemacher Siddiq Barmak mit dem Streifen Osama bereits ähnliches erzählt: unter der Besetzung der Taliban dürfen Frauen nicht alleine auf die Straße, da reicht nicht mal die Burka. Das Mädchen Parvana muss eines Tages zusehen, wie ihr ohnehin schon kriegsversehrter Vater von wütenden Taliban-Aufpassern verhaftet wird – wochenlang bleibt dieser verschollen. Das Essen wird knapp, die insgesamt vierköpfige Restfamilie beginnt zu darben. Da hat Parvana eine Idee: sie wird einfach zum Jungen, um zumindest mal das Notwendigste heranschaffen zu können. Und Papa muss auch noch gefunden werden.

Der Zeichenstil dieses Films ist bewusst schlicht gehalten, dennoch haben die Bilder eine ansprechende Tiefe, was natürlich auch an den vorgezeichneten, statischen Hintergrundbildern liegt – ganz so wie Disney das immer schon gemacht hat. Zwischen all dieser eigentlich durchaus dramatischen und berührenden Geschichte öffnet sich eine zweite Erzählebene – illustriert wird hier auf gänzlich andere Art ein Märchen, dass sich Parvana ausdenkt – und im Grunde ihr eigenes Streben widerspiegelt. Mit finsteren Elefanten, Raubtieren und magischen leuchtenden Spiegeln.  Durch diese märchenhafte Komponente fällt es jüngeren Zusehern noch viel leichter, anzudocken. Denn Märchen sind ja von Grund auf nichts für Zartbesaitete, das wissen die Kids. Und entsprechend erträglich werden auch Szenen, die keiner von uns jemals erleben möchte.

Der Brotverdiener hinterlässt einem am Ende mit einem wohligen Gefühl der Zuversicht. Das eine Kindheit wie diese noch nicht ganz verloren ist. Denn die Welt ist groß, und zum Glück eben nicht nur Afghanistan.

Der Brotverdiener

Pieces of a Woman

NUR EINE MINUTE MUTTERGLÜCK

7/10


piecesofawoman© 2020 Netflix

LAND: KANADA, UNGARN, USA 2020

REGIE: KORNÉL MANDRUCZÓ

CAST: VANESSA KIRBY, SHIA LABEOUF, ELLEN BURSTYN, MOLLY PARKER, BENNIE SAFDIE, SARAH SNOOK U. A. 

LÄNGE: 2 STD 6 MIN


Es mag wohl das eine oder andere Mal tatsächlich vorkommen, und womöglich ist es das Fürchterlichste, was einer Hebamme bei ihrer Arbeit passieren kann: Ein Kind zur Welt bringen, das kurz darauf stirbt. Woran, lässt sich meist nicht sofort bis gar nicht klären. Wie es dabei der Gebärenden geht? Das brauch ich, denke ich, kaum erläutern. Nur so viel: alle Beteiligten werden wohl traumatisiert und verstört aus dieser Situation hervorgehen. Nichts wird wohl so bleiben, wie es war. Am Allerwenigsten die Beziehung der Eltern untereinander. Wie so etwas entzweien kann, und welche Wege es gibt, um individuell mit so einer Tragödie fertig zu werden, das zeigt der ungarische Filmemacher Kornél Mandruczó (Underdog, Jupiter’s Moon) in einem ausgewogen konzipierten, teils expliziten Filmdrama mit Vanessa Kirby in einer Hauptrolle, auf die sie stolz sein kann – und die ihr auch Tür und Tor öffnen wird für Rollen, die vorher vielleicht nicht in greifbare Nähe gerückt sind.

Kirby fiel mir erstmals in einer Nebenrolle im letzten Teil des Mission Impossible-Franchises positiv auf. Hier allerdings ist sie kein geheimnisvoller Vamp, sondern eine junge Frau, die ihr Mädchen in den eigenen vier Wänden zur Welt bringen will. Als die Fruchtblase platzt und die Wehen einsetzen, schickt die eigentliche Hebamme, die hätte kommen sollen, eine Vertretung, die auf den ersten Blick eigentlich alles richtig macht, Martha (so heißt Kirby im Film) intensiv betreut, sie erstmals in die Wanne schickt und dann aufs Ehebett. Alles läuft nach Plan. Auch die Herztöne des Babys scheinen stark zu sein. Bis plötzlich nichts mehr zu hören ist – und das Kind schleunigst auf die Welt kommen muss. Was die Tragödie noch schwerer zu ertragen lässt: das Baby scheint vorerst zu leben… Was danach folgt, ist die Zeit danach, in denen Martha sich von ihrem Ehemann (Shia LaBeouf als gewohntes hemdsärmeliges Raubein) immer mehr distanziert und den Prozess, der von Gatte und Mutter gegen die Hebamme eingeleitet wird, eigentlich gar nicht will.

Pieces of a Woman ist aber kein Justizdrama, sondern die Chronik einer Rückführung in ein mögliches Leben. Mandruczós Film ist auch kein niederschmetterndes Trauerspiel wie man vielleicht vermuten würde. Drehbuchautorin Kata Wéber bettet die in monatlichen Kapiteln erzählte Geschichte in zugängliche Allegorien, wie die von einer Brücke, die beide Ufer miteinander verbindet, so als würde der Bruch durch ein Leben langsam, aber doch, heilen. Die Sache mit den Äpfeln – ebenfalls eine zärtliche Annäherung an eine tröstende Gedankenwelt, die Martha ausprobiert. Der Film atmet viel vom europäischen Kino, spart sich, was nicht erwähnt werden muss, legt aber großen Wert nicht nur auf den Schlüsselmoment, der eine geplante Zukunft verhindert, sondern konzentriert sich auch auf den familiären Aspekt. Ellen Burstyn als wohlhabende wie energische, aber gutmeinende Mutter gibt hier ebenfalls eine beachtliche Performance.

Ein Ensemblefilm also, sehr detailliert, klarerweise emotional und dazwischen von tröstender Wehmut vereinnahmt. Was in Pieces of a Woman passiert, bleibt ein irreversibles Schicksal. Das aber akzeptiert werden kann. Einfach, um neu anfangen zu können.

Pieces of a Woman

Strange But True – Dunkle Geheimnisse

WIE DIE JUNGFRAU ZUM KIND

4/10

 

strange-but-true© 2019 Tiberius Film

 

LAND: KANADA 2019

REGIE: ROWAN ATHALE

CAST: MARGARET QUALLEY, AMY RYAN, GREG KINNEAR, NICK ROBINSON, BRIAN COX, BLYTHE DANNER U. A. 

LÄNGE: 1 STD 35 MIN

 

Tarantinos Hippie-Girl aus Once Upon a Time… in Hollywood, Margaret Qualley, hat es auch in dieser Retail-Premiere eines Mysterydramas faustdick hinter den Ohren. Als ehemalige Freundin von Amy Ryans verstorbenem Sohn steht die Gute fünf Jahre nach dessen Tod vor der Türschwelle der trauernden Mutter, um ihr eine völlig absurde, fast schon kränkende Kuriosität unter die Nase zu reiben: das Bäuchlein, das Melissa nämlich vor sich herträgt, soll auf die Kappe des Verunglückten gehen. Wie das? Theoretisch und auch rein praktisch gar nicht möglich, oder? Naja, meint Melissa, dem Jenseits sei auch im Diesseits manchmal Tür und Tor geöffnet. Amy Ryan hört sich das natürlich nicht länger an und jagt das Mädchen aus dem Haus. Aber was in Dreiteufelsnamen ist da dran? Künstliche Befruchtung vielleicht? Mit einer postmortalen Spermaprobe? Mutter Ryan forscht nach. Und stößt, wie der Subtitel des Films schon vermuten lässt, auf dunkle Geheimnisse.

Roman Polanski, wo bist du, wenn man dich mal braucht? Dieses Script wäre doch ein Fall für den mittlerweile geächteten polnischen Filmemacher gewesen. Der hat aber schon mit Rosemaries Baby einen so gruseligen wie obskuren Film rund um eine ähnlich rätselhafte Schwangerschaft vorgelegt, da braucht es nicht noch so ein Werk. Womöglich wäre dieses Werk aber besser geglückt, denn mit Suspense kennt sich Regisseur Rowan Athale nicht ganz so gut aus. Basierend auf dem Roman von John Searles trommelt dieser immerhin einen ganz brauchbaren Cast zusammen, wobei es Richtung Nebenrollen immer austauschbarer wird. Und die Story selbst? Die fängt zwar vielversprechend an, stolpert aber in der zweiten Hälfte durch einen hemdsärmeligen, überkonstruierten Schubladenthriller, der seine anfangs sorgsam gesponnenen Charakterbilder in stereotype Verhaltensschablonen zwängt. Einzige Ausnahme bleibt Margaret Qualley, die lange geheimnisvoll bleibt, die zu Mutmaßungen anregt, die sich natürlich auch etwas an Mia Farrows naiver Figur der Rosemary aus Polanskis Film orientiert.

In Strange But True ist vieles seltsam, aber wahr. Besser wäre der Film aber mit folgendem Titel beraten: Zu seltsam, um wahr zu sein. Searles Roman weiß wahrscheinlich all die dunklen Geheimnisse besser auszuerzählen. Die Verfilmung hingegen scheint mit dem wuchtigen Unterbau der langsam ans Licht kommenden Geheimnisse öfters ziemlich überfordert zu sein.

Strange But True – Dunkle Geheimnisse

Coconut Hero

DAS LEBEN ÜBERLEBEN

6,5/10


coconuthero© 2015 Majestic Filmverleih


LAND: DEUTSCHLAND, KANADA 2015

REGIE: FLORIAN COSSEN

CAST: ALEX OZEROV, BEA SANTOS, KRISTA BRIDGES, SEBASTIAN SCHIPPER, JIM ANNAN, UDO KIER U. A.

LÄNGE: 1 STD 41 MIN


Zum Glück gab´s in Hal Ashbys Harold & Maude-Verfilmung die gute alte Maude, um Harold von seinen Selbstmordfantasien abzubringen. In Coconut Hero kann Mike Tyson – ja, der junge Mann ist Namensvetter des berüchtigten Boxers und wird an seiner Schule auch entsprechend damit gehänselt – auf so einen Support erstmal nicht zurückgreifen. Mike will  sein noch so junges, gerade mal 16ähriges Leben beenden. Er tut dies auf unterschiedlichste Weise. Alle Versuche gehen schief. Zuletzt will er sich eine Kugel in den Kopf jagen – auch nur Platzpatronen. Später wird festgestellt, dass Mike an einem Gehirntumor erkrankt ist. Der könnte problemlos operativ entfernt werden – doch Tyson wird sich hüten, diese Nachricht an seine Mama weiterzugeben. Die ideale Methode, das Zeitliche zu segnen, wenn man den Tumor sich selbst überlässt. Blöd nur, dass Mike vom Staat ein Rehabilitationsprogramm aufgedrückt bekommt, um ihm die Suizidflausen auszutreiben. Und da lernt er die junge Miranda kennen, die überhaupt nicht in sein Konzept passt. Genauso wenig wie der plötzlich auftauchende Vater, der die Todesanzeige seines Sohnes in der Zeitung gelesen hat.

Coconut Hero geht als Coming of Age-Dramödie den Weg des geringsten Widerstandes. Independentkino, wie Independentkino sein muss. Ein Ensemble, das keiner kennt, was aber wiederum den Bonus des Authentischen mit sich bringt, da sich all diese Gesichter (bis auf Udo Kier in einer Minirolle) auf kaum einen anderen Film übertragen lassen. Der russisch-kanadische Schauspieler Alex Ozerov ist in seiner traurigen Gestalt eines todessehnsüchtigen Mieselsüchtlers treffend besetzt, Bud Cort aus Hal Ashbys kultiger Tragikomödie steht ihm da um nichts nach, nicht mal in Sachen Frisur. Die Mundwinkeln wandern selten nach oben, wie ein Buster Keaton eben, der den Jugendfilm entdeckt. Auch all die übrigen Co-Akteure sind von ausgesuchter Qualität, da lässt sich schon ein Film wie dieser zu einer Selbstfindung mausern, die mit einem stimmigen Soundtrack hinterlegt ist, wobei einige Songs davon wirklich eingängige New Country Balladen sind. Das passt sehr gut zu diesem Setting, zu dieser Geschichte aus elterlicher Spurensuche, Lebenssinn und dem Begriff der Sterblichkeit, der erst dann neu definiert wird, wenn genau diese Endlichkeit jemand ganz anderen trifft – nur nicht einen selbst.

Coconut Hero ist ein Stoff mit Give Away-Faktor, was so viel heißt wie: Erkenntnisse daraus könnten auch zum Gewinn werden fürs eigene Dasein. Natürlich, Deutschland 86-Filmer Florian Cossens Film ist in manchen dramaturgischen Wendungen von zu bequemer Naivität, und nicht unbedingt lässt sich die relativ vage beschriebene Beziehung zwischen Mike und Matilda angesichts ihrer späteren Gewichtigkeit wirklich nachvollziehen, aber dennoch: in seiner selbstvergessenen und wieder in Erinnerung gerufenen Selbstwahrnehmung ist das Teenie- und Familiendrama samt seiner leisen Ironie ein bisschen Balsam auf der Seele eines latent depressiven, nicht zwingend jungen Publikums.

Coconut Hero

Familie Willoughby

AUF DIE SPITZE GETRIEBEN

4/10

 

willoughbys© 2020 Netflix

 

LAND: KANADA 2020

REGIE: KRIS PEARN, CORY EVANS

MIT DEN STIMMEN VON (ORIGINAL): RICKY GERVAIS, MAYA RUDOLPH, WILL FORTE, JANE KRAKOWSKI, MARTIN SHORT, TERRY CREWS U. A. 

 

Lois Lowry ist ungefähr so etwas wie hierzulande in Österreich Christine Nöstlinger gewesen war. Aus ihrer Feder stammt zum Beispiel die Jugend-Fantasy The Giver – Hüter der Erinnerung, die mit Jeff Bridges und Meryl Streep auch einmal verfilmt worden war. Jetzt hat Netflix auf ein anderes ihrer Werke geschielt – nämlich auf die schräge Mär rund um die Familie Willoughby, die das Prädikat Familie aber um ganze Elternabende verpasst hat.

Die Eltern, die in einem schlossähnlichen Herrenhause residieren, wollen von ihrem Nachwuchs nichts wissen. Kinderhasser unter der animierten Sonne, Blut ist hier dünner als Wasser, alle vier Sprösslinge nur eine unbequeme Begleiterscheinung von Bettgeflüster, wenn man so will. Die vier aber – ein Zwillingspaar, ein Mädel und ein Bub – die sind ein Herz und eine Seele. Manche teilen sich auch nur einen Pullover. Nur Schnurrbärte haben sie im Gegensatz zu ihren Vorfahren aller Altersgruppen, die ihr posthumes Dasein in einer schmucken Ahnengalerie fristen müssen, alle keine. Die Eltern allerdings auch nicht – müssen also schwarze Schafe sein, sowieso. Als die vier ein Waisenkind finden und dieses aufnehmen wollen, hängt der Haussegen erst so richtig schief. denn Findling sein ist besser als von Rabeneltern ignoriert zu werden. Der Plan: Schicken wir doch Mutter und Vater (die sich bizarrerweise selbst so nennen) auf eine Reise ohne Wiederkehr.

Ins liebevolle Detail geht diese durchaus aufwändige Animation mal auf jeden Fall. Dennoch ist Familie Willoughby einer der anstrengendsten Trickfilme, die ich kenne. Woran mag das wohl liegen? Erstens mal an der krassen Abstraktion der Figuren. Dünner geht´s wohl nicht mehr. Klappergestelle, wohin das bereits nach zehn Minuten überreizte Auge blickt. Spitze Nasen, spitze Architektur, spitze Berge, die wohl wirklich nicht mehr spitzer gehen, und die spitzen Bemerkungen der Eltern, was vielleicht halb so wild wäre, würden nicht permanent und in schrillster Tonlage alle möglichen Individuen auf Dauerdialog schalten und kaum Pause zum Entreizen lassen. Gut, es gibt Momente, da sinniert das bebrillte Mädel über die Freiheit und es gibt Momente, da könnte man meinen, die ganze Szenerie erinnert durchaus an die phantastischen, durchaus auch überzeichneten Geschichten eines Roald Dahl, Schokofabrik hin oder her – so etwas ähnliches findet sich auch hier. Der Eigentümer – ein rotköpfiges männliches Wesen in Bonbon-Uniform. Wie das alles zusammenpasst? Gar nicht. Womit wir schon beim nächsten Problem wären. Es handelt zwar von Kindern, die von ihren Eltern geliebt werden wollen, mit ihrer Nanny hadern und Pläne schmieden, um Kind sein zu dürfen, was ja ein bemerkenswert empathischer Ansatz wäre, doch die groteske Karikierung und vor allem die hyperaktive Tonalität bremsen jede Ambition, eine große, berührende Geschichte zu erzählen. Familie Willoughby ist ein Flickenteppich aus manischer Unruhe und sich selbst überholenden Slapsticks, der durch seinen eigenen visuellen Overkill ausgebremst wird.

Am meisten schmerzen diese Figuren, die kaum Sympathien wecken (gut, vielleicht der erzählende blaue Stubentiger), und in ihrer physischen Sperrigkeit eine gewisse Aversion erzeugen. Klar, visuelle Stile werden unterschiedlich wahrgenommen. Kann sein, dass manche diese Überhöhung mit der ebenfalls überhöhten Story vereinbaren können. Für mich selbst fühlt sich dieser hysterische Kinderzirkus an wie eine Bingewatching-Session von Spongebob. Enervierend und erschöpfend.

Familie Willoughby

Der unverhoffte Charme des Geldes

ZUM TEUFEL MIT DEN KOHLEN

6,5/10

 

charmedesgeldes© 2018 Cinémaginaire Inc. – Film TDA Inc.

 

LAND: KANADA 2018

REGIE: DENYS ARCAND

CAST: ALEXANDRE LANDRY, MARIPIER MORIN, RÈMY GIRARD, MAXIM ROY, VINCENT LECLERC U. A.

 

Kanadas wohl bekanntester Filmemacher neben David Cronenberg ist womöglich Denys Arcand. Der Mann ist Oscarpreisträger, und zwar für seine eloquente Satire Die Invasion der Barbaren. Ein spitzzüngiger, sehens- und vor allem ob der Dialoge hörenswerter Film. Allerdings auch schon länger her, genau 16 Jahre. Drei Filme später legt der Autorenfilmer mit Hang zum Understatement eine ganz andere Komödie vor, oder viel mehr eine Thrillerkomödie, die den guten Mammon zum Thema hat. Und er lässt es regnen, das viele Geld, auf einen Unglücksraben, der sich selbst ganz nach Woody Allen-Manier für das Maß aller Dinge hält und mit zynischen Betrachtungsweisen seine Umgebung immer wieder vor den Kopf stößt. Nichts ist gut genug für den Paketzusteller, der es sogar noch schafft, seine Freundin mit Worten davonzuekeln. Alles soll sich ändern, als Fortuna das Füllhorn entgleitet. Und Fortuna schüttet es da aus, wo andere ins Gras beißen. So gesehen bei einem Banküberfall, der aber vereitelt wird, trotzdem es auf beiden Seiten keine Gefangenen gibt. So steht der intellektuelle Jungspund in kurzen Hosen und Lieferwagen alleine da, vor ihm mehrere Taschen voller Kohle. Was tun in so einem (un)glücklichen Moment? Natürlich das Geld schnappen und so tun als wüsste man von nichts. Und das, obwohl man eigentlich gegen den globalen Kapitalismus wettert.

Das Glück ist, wo sie sind – sagen die Casinos Austria. Am Glück klebt aber auch das Pech wie selbiges an der sinistren Schwester der Goldmarie. Gute Taten helfen da nicht weiter. Oder doch? Wäre ja alles kein Problem, gäbe es da nicht die gesamte Unterwelt Montreals, die diese vermaledeiten Sporttaschen sucht. Und zu drastischen Maßnahmen greift, wenn es darum geht, diese aufzuspüren. Die sind manchmal wirklich weit über der Schmerzgrenze. Wer sehen will, wie Foltermethoden aus dem Mittelalter so manch einem halbseidenen Ganoven die Wahrheit entlocken, der kann sich gerne auf dieses Katz- und Mausspiel einlassen. Was aber nicht heißen soll, dass Denys Arcand andauernd die Grenzen zwischen süffisanter Diebesballade und wenig gelenkschonender Gewalt auslotet. Nein, das tut er nicht. In Jesus von Montreal war es auch nur die Kreuzigung Jesu im Selbstversuch, der Rest kluges Gesellschaftsdrama. Der unverhoffte Charme des Geldes setzt seine Gewaltspitzen aber auf überrumpelnde Weise. Dazwischen: durchaus turbulente Bestrebungen rund um hohe Summen, was wiederum an Richard Pryors Eskapaden aus dem 80er-Klamauk Zum Teufel mit den Kohlen erinnert. Damals war’s eine Erbschaft, hier mehr oder weniger Blutgeld.

Die unaufgeregt bebilderte „Oceans“-Satire macht aus kapitalistischer Gier einen sozialen Krankheitsfall, so als würde jemand an Geld leiden, und andere sollen die Symptome gefälligst kurieren. Der junge Held aus Denys Arcands Film wird selbstredend in Versuchung geführt, angelt sich auch eine bildschöne wie sündteure Hostess (wahnsinnig erotisch: Maripier Morin) und tut sich noch dazu mit einer Parodie auf Helmut Elsner (ich sage nur: Bawag) zusammen, um die Knete, anstatt sie zu verbrennen, in alle vier Winde zu verstreuen. Es ist wie die wundersame Brotvermehrung, womit wir wieder bei Jesus von Montreal wären. Und das Geld verliert ein paar von seinen dunklen Seiten, weil es immer darauf ankommt, was man damit macht. Es horten, raffen oder verteilen, als wäre es nichts als ein Mittel zum Zweck. Was es ja auch ist.

Der unverhoffte Charme des Geldes

Vom Gießen des Zitronenbaums

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7,5/10

 

VomGiessenDesZitronenbaums© 2019 Neue Visionen

 

ORIGINALTITEl: IT MUST BE HEAVEN

LAND: KATAR, DEUTSCHLAND, KANADA, TÜRKEI, PALÄSTINA 2019

REGIE: ELIA SULEIMAN

CAST: ELIA SULEIMAN, ALI SULIMAN, TARIK KOPTY, KAREEM GHNEIM, GAEL GARCIA BERNAL U. A.

 

Wo man singt, da lass dich ruhig nieder, heißt es im Volksmund. Wenn aber keiner singt, bleibt die Frage, wo es am besten zu verbleiben wäre, eine, der man nachgehen sollte. Diese Frage wird umso dringlicher, umso weniger jemand einen Boden unter seinen Füßen hat, den er als sein Heimatland bezeichnen kann. Elia Suleiman, um den es hier geht und der sich auch selber spielt, der hat das nicht. Boden unter den Füßen ja, aber kein Heimatland. Wo er wohnt und lebt, das ist Israel, und um es genau zu nehmen kommt der Filmemacher aus Nazareth. Noch nie was von Elia Suleiman gehört? Ich bis vor Kurzem jedenfalls nicht, und es verwundert auch nicht so sehr, wenn klar wird, das dessen letzter Film schon zehn Jahre zurückliegt. Für sein Werk Göttliche Intervention hat er 2001 sogar den großen Preis der Jury in Cannes gewonnen. Suleiman ist also, was das Kino Arabiens betrifft, längst kein unbeschriebenes Blatt, sondern vielmehr ein Sprachrohr, ein so künstlerisches wie politisches, und alles für sein Volk aus Palästina.

Mit Vom Gießen des Zirtronenbaums, der ja im Original völlig anders heisst, nämlich It must be Heaven, ist sicherlich nicht die Sorte von Kino, die unsereins mitsamt der Masse gewohnt ist. Umso besser, würde ich sagen. Neue Denkweisen, Blickwinkel und Narrative sind hochwillkommen, noch dazu, wenn es in eine Richtung geht, die der legendäre Franzose und Situationskomiker Jacques Tati schon mal an den Tag gelegt hat. Wer seine Filme kennt, der weiß: Tati, der als Monsieur Hulot die Tücken der Moderne oder das seltsame Verhalten der urlaubmachenden Bourgeoise genau beobachtet hat, war niemals ein Mann großer Worte. Das ist Suleiman auch nicht. Denn Suleiman, der schweigt. Und beobachtet. Blickt sich um – und wundert sich. Während Tati aber noch selbst, durch seine fast schon absichtliche Unerfahrenheit diverse Slapstickkatastrophen heraufbeschworen hat, bleibt der wortabgewandte Denker und Flaneur stets auf Distanz zu dem, was passiert. Und es passiert von ganz alleine. Worum es in Vom Gießen des Zitronenbaums überhaupt geht? Das ist schwer zu sagen, so ganz genau weiß man das nicht. Nur, dass der einsame Eigenbrötler irgendwann Witwer wurde, den Nachbarn beim Pflücken der hauseigenen Zitronen ertappt und daraufhin seine Koffer packt, um davonzureisen, Richtung Paris. Und von dort Richtung New York. Was er dort macht? Im Grunde das, was er auch daheim in Nazareth getan hat. Schweigen und beobachten, dabei versuchend, hinter den Absurditäten menschlichen Verhaltens einen Zusammenhang zu erkennen. Die kleinen alltäglichen Miniaturen, die Suleiman beschreibt, passieren ohne sein Zutun, es ist eine absonderliche, etwas hilflose Welt, die er sieht. Eine seltsam spielerische, sich stets widersprechende, gedankenverlorene Welt, die nichts von ihren eigenen existenziellen Zusammenhängen versteht. Es ist humoristisch, das schon. Und manchmal tragikomisch. Und manchmal erstarrt das Schmunzeln.

Wovon genau will Vom Gießen des Zitronenbaums eigentlich berichten? Wohin will Suleiman? In einer Szene gibt der Filmemacher angeblich ein Interview zu seinem Film, den wir uns gerade ansehen, irgendwo in einem kleinen Stadttheater, dessen Publikum animalische Kostüme trägt. Dort stellt ein Moderator fest, das Suleiman eigentlich der perfekte Fremde ist. Einer, der überall fremd ist. Der nirgendwo hingehört, und theoretisch aber überall zuhause sein kann. Will er das? Ist das die bessere Wahl, überall gleichsam fremd zu sein? Es ist ein für diese Erkenntnis leichtfüßiges Statement, das Elia Suleiman hier abgibt, für das fiktive Land Palästina, das sich als eine Art Utopia sogar von einem Kartenleger für die ferne Zukunft weissagen lässt. So irrt die rat- und rastlose Figur mit Hut durch die Grottenbahn einer modernen Gesellschaft, die den Bezug zu wesentlichen Dingen verliert. Suleiman versucht, diesen Bezug allerdings nicht zu verlieren, bleibt ein Skizzierender und Suchender, der seinen Zitronenbaum gießt, damit ein anderer schamlos dessen Früchte pflückt. Das ist politisches Statement, oder nicht? Nicht ganz. Besser ein politisches Understatement, aber das vom Feinsten.

Vom Gießen des Zitronenbaums