Die Mitchells gegen die Maschinen

ALEXA LÄUFT AMOK

6/10


mitchells© 2021 Netflix / Sony


LAND / JAHR: USA 2021

BUCH / REGIE: MICHAEL RIANDA, JEFF ROWE

MIT DEN STIMMEN VON (ORIGINAL): DANNY MCBRIDE, MAYA RUDOLPH, ABBI JACOBSON, OLIVIA COLMAN, ERIC ANDRÉ, JOHN LEGEND U. A. 

LÄNGE: 1 STD 54 MIN


Seit geraumer Zeit macht sich ein gewisser Trend bemerkbar. Romantische Cinderella-Geschichten sind mehr und mehr out, komödiantische Hetero-Herzblattshows zumindest im familientauglichen Mainstream-Kino angesichts einer immer liberaleren Beziehungswelt längst nicht mehr der universelle Plot. Da war Die Eiskönigin noch eine Art Relikt, bevor die mutigen Coming-Of-Age Heroen (vorwiegend weiblich) aus Mulan, Raya und der letzte Drache oder Die bunte Seite des Monds nicht um ihre Liebe, sondern um die Familie und überhaupt um den ganzen Erhalt einer harmonisch funktionierenden Gesellschaft kämpfen. Wobei Familie in Hollywood sowieso immer schon wichtig war. Und vor allem auch bei Disney: mal in penetranten Soll-Lettern, und dann wieder auf einer gepflegten Meta-Ebene. Sony findet da auch seinen Weg.

In Die Mitchells gegen die Maschinen ist zumindest keiner der Familienmitglieder – vorzugsweise der Eltern – eines außertürlichen Todes gestorben. Meist ist auch diese Schablone bei Jugendfilmen gern gesehen, um die oder den Protagonisten vom übrigen Co-Cast klarer abzugrenzen. Hier, in der von Sony produzierten und animierten Komödie, die mangels möglicher Kinoauswertung an Netflix verkauft wurde, haben wir es anfangs mit einer Allwerweltsfamilie zu tun, die sich selbst sehr schräg vorkommt – insbesondere Tochter Katie, die ihre Leidenschaft für Filme in selbstgemachten Videos zelebriert und kurz davorsteht, in einer Filmschule neu durchzustarten. Zwischen Vater und Tochter hängt da leider der Haussegen schief, und um die Beziehung wieder in richtige Bahnen zu lenken, entscheidet sich Papa Rick, seine Tochter höchstpersönlich an den neuen Schulort zu geleiten – per Automobil und der ganzen Familie, versteht sich. Das kann ja heiter werden. Und wird es auch, da ziemlich zeitgleich eine künstliche Smartphone-Intelligenz a la Alexa die Weltherrschaft an sich reißen will und dafür ganze Roboterarmeen aussendet, um Homo sapiens einzufangen. Dieser böse Plan geht auch auf – nur hat die K.I. nicht mit der Schlagfertigkeit der letzten freien Familie gerechnet, die ihre Diskrepanzen überwindet, um den Planeten zu retten.

Da ein Szenario wie in H.G. Wells Krieg der Welten wohl fürs Familienpublikum undenkbar wäre, werden wir, die Menschen, kurzerhand einfach nur eingesammelt. Das funktioniert und schafft damit dennoch eine wohlig beklemmende Endzeitstimmung, die auch den jüngst geeigneten Nachwuchs nicht dazu nötigt, bei den Eltern einzuschauen. Abgesehen davon ist diese schrille, vierköpfige Familie samt Hund viel zu situationskomisch, um hier die positiven Vibes nicht abzukriegen. Die Mitchells gegen die Maschinen fühlt sich an wie Pixars Die Unglaublichen – nur ohne Superhelden-Attitüde und statt Baby gibt’s den Mops, der für die meisten Lacher sorgt, nebst des grobschlächtigen Vaters, dessen Charakter am schönsten beschrieben wird. Klar, es gibt jede Mange hyperaktives Chaos, Geplärre und Hektik – das hätte Pixar womöglich um einige Dezibel runtergeschraubt. Allerdings nimmt sich das von Chris Lord und Christopher Miller (Oscar für Spider-Man: A New Universe) produzierte Abenteuer gerade anfangs erstaunlich viel Zeit, um die liebe Familie mit all ihren Eigenheiten und eingebettet in ihren Alltagsrhythmus vorzustellen. So macht man das, bei Endzeit- oder Katastrophenfilmen, auch wenn sie animiert und kindertauglich sind.

Den völlig aus dem Ruder laufenden Overkill hätte es am Ende zwar nicht gebraucht, aber dennoch: dieser Genremix unterhält. Dank der kleinen, originellen Details, die geschickt in die Handlung eingeflochten sind – und diese auch vorantreiben. Denn wer hätte gedacht, dass es mal gut sein kann, einen Vierkant-Schraubenzieher mit rutschfestem Griff dabeizuhaben. Ja, gut, MacGyver vielleicht…

Die Mitchells gegen die Maschinen

La La Land

EMMA IM WUNDERLAND

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lalaland

Musicals? Nein Danke, wirklich nicht. Bislang habe ich das Genre so sehr gemieden wie der Teufel das Weihwasser. Wobei ich aber hier von den Produktionen neueren Datums schreibe. Bevor das breitenwirksame Musiktheater vom künstlerisch wertvollen und durchaus unbequemen Sprachrohr der 60er und 70er Jahre zum kommerzorientierten Event mutieren hat müssen, gab es durchaus einige Premieren, die man so ja gar nicht zum oberflächlichen Singspiel zählen kann. Diese Kunstwerke waren viel mehr als das. Jesus Christ Superstar, Cabaret, Hair, My Fair Lady und wie sie alle heißen – das sind inhaltlich wie musikalisch denkwürdige Ereignisse. Viele andere Musicals bestehen entweder aus dem Ausschlachten längst bekannter Ohrwürmer oder einem eingängigen Song, um welchen sich mittelmäßige musikalische Arrangements gruppieren. Die sind dann allesamt schnell wieder vergessen. Vor allem wenn dann noch Schauspieler, die normalerweise – und das aus gutem Grund – nie singen, dem Publikum zugemutet werden müssen.

Doch dann passiert das. Und als ich zum ersten Mal davon gehört habe – das war im Frühsommer letzten Jahres, Filmfestspiele Cannes – habe ich kopfschüttelnd w.o. gegeben. Diesen Film werde ich mir sicher nicht ansehen. Ja, das war meine Meinung. Und ja, trotz Emma Stone, die ich sehr schätze. Monate später allerdings haben die Medien ganze Arbeit geleistet. Golden Globe und 14 Oscarnominierungen. So wunderbar, so großartig, so einzigartig soll der Film sein. Als Filmfan und Freizeitjournalist konnte ich nun schlussendlich an La La Land nicht mehr vorbeikommen. Es musste sein. Musical hin oder her. Wahrscheinlich werde ich fluchtartig den Kinosaal verlassen müssen. Oder mich in die Lehnen meines gepolsterten Sitzes krallen. Hoffentlich können die beiden – Stone und Gosling – nur ansatzweise besser singen als Meryl Streep oder Ewan McGregor. Nun, ich habe es überstanden.

Und ja, La La Land ist tatsächlich wunderbar, großartig und einzigartig. Habe ich das tatsächlich geschrieben? Ja stimmt, das habe ich. Damien Chazelle´s musikalisches Melodram – ich nenn es mal so – ist ein traumgetanztes Wunschkonzert, so fließend, geschmeidig und aufgeweckt erzählt, als wäre das Genre eben erst erfunden worden. Und mittendrin – ebenso aufgeweckt, einnehmend und farbenfroh – eine phänomenale Emma Stone. Die junge Dame mit dem rotblonden Haar, den großen Augen und der sagenhaften Mimik ist in erster Linie dafür verantwortlich, dass das Erfolgsmärchen aus dem Land des ewigen Sommers so sehr gelungen ist. Jede Szene, in der sie auftritt, ist ein Gewinn und eine Bereicherung. So bezaubernd dürfte zuletzt Julie Andrews gewesen sein, sei es in Mary Poppins oder Der Zauberer von Oz. Emma Stone ist so reizend und begeisternd, dass Chazelle sonst nicht mehr viel benötigt, um das schwungvolle Kinoevent sehenswert zu machen. Dennoch gibt er sich damit nicht zufrieden. Selbst Ryan Gosling, der in vielen seiner Filme außer seiner Attraktivität nicht viel mehr zu bieten hat, zeigt sein ganzes Können und schließt damit an seine Sternstunden aus Lars und die Frauen oder Crazy Stupid Love an. Übrigens – bei Crazy Stupid Love waren Emma Stone und Ryan Gosling schon mal ein Paar. Und haben bestens miteinander harmoniert. So wird in La La Land die Step-Nummer nicht zu einer Hommage an Ginger Rogers und Fred Astaire, sondern zu einer ganz eigenen Nummer. Und die Nummern? Da hat Komponist Justin Hurwitz schon jetzt eingängige Evergreens geschaffen. Melodien wie honigsüße Perlenketten, die noch lange nach dem Film mitschwingen und für positive Vibes sorgen. Wobei die von Damien Chazelle erdachte Geschichte, gegliedert in eigentlich 5 Akten, nicht unbedingt und bei Weitem kein vorhersehbares Happy-Day-Movie ist und auch sonst jegliche Und „Wenn sie nicht gestorben sind“-Attitüde vermeidet. Die Story, mit zielsicher getimten und wenigen, aber guten Musiknummern ausgestattet, begleitet unsere beiden Stars auf berührende, unglaublich lebendige Weise auf ihrem teils holprigen, teils glücklichen, teils unglücklichen Weg zum Erfolg. Dabei ist der Begriff Erfolg fast schon zu nüchtern formuliert. Es ist mehr als das – es sind Lebensträume, die da verwirklicht werden sollen. Ein nach den Sternen greifen, was die beiden auch tatsächlich sinnbildlich tun werden. Doch früher oder später wird klar, dass man im Leben nicht alles haben kann. Und dann kommt es darauf an, was wichtiger ist. Oder wichtiger hätte sein sollen. La La Land erzählt auf spielerische Art Liebesgeschichte, Charakterdrama und Großstadtmärchen in einem. Huldigt dem guten Technicolor- und Cinemascope-Variete aus der Nachkriegszeit, ohne aber verstaubt zu wirken. Ganz im Gegenteil. Whiplash-Virtuose Chazelle setzt alle die Teile neu zusammen. Altes wird wieder jung. Biederes Unterhaltungs – und Ablenkungskino wird auf das neue Jahrtausend gepimpt. Hier ist was Magisches und gleichzeitig Greifbares entstanden. Dank der unglaublichen Emma Stone, der eingängigen Musik und der nahtlosen Regie, die wie aus einem Guss für mehr als zwei Stunden zum Träumen einlädt.

Ehrlich gestanden – die Ouvertüre des Filmes hat mir allerdings schon ein ungutes Gefühl bereitet. Vor jemandem wir mir mit einem gespaltenen Verhältnis zum Genre. Doch mein Tipp vorweg: davon soll man sich nicht täuschen lassen. Es kommt anders, als man glaubt. Denn rückblickend macht alles wieder Sinn – und klingt auch zum Wieder- und Wiederhören gut.

Und 14 Oscarnominierungen? Zwar nach wie vor etwas hochgegriffen, aber überraschend ist es nicht mehr. Da ist schon was Besonderes passiert. La La Land – wobei mir der Titel immer noch Kopfzerbrechen verursacht – ist ein anspruchsvolles, musikalisches Ereignis rund um Jazz, Schauspielkunst und Selbstverwirklichung. Ein mitunter leicht kritisches Werk, aber mit viel Verständnis und Sympathie für seine Figuren. Und Emma im Wunderland hat ihr kommendes Schicksal fast schon autobiografisch und prophetisch auf die Leinwand gebannt. Der Oscar, so darf ich prognostizieren, ist ihr sicher. Und damit womöglich ihr Lebenstraum.

 

La La Land