In den Gängen

DIE SEHNSUCHT DES GABELSTAPLERS

6,5/10

 

indengaengen© 2018 Zorro Film

 

LAND: DEUTSCHLAND 2018

REGIE: THOMAS STUBER

CAST: FRANZ ROGOWSKI, SANDRA HÜLLER, PETER KURTH, ANDREAS LEUPOLD, MICHAEL SPECHT U. A.

 

Stanley Kubrick hat in seinem Meisterwerk 2001- Odyssee im Weltraum den Tanz der Raumschiffe mit den Klängen des Donauwalzers hinterlegt: eine, wenn nicht DIE Sternstunde des Kinos schlechthin. Regisseur Thomas Stuber, dem Kubrick´s Film wohl auch gefallen haben muss, hat den Menschen in seinem Fortschrittseifer vom Himmel geholt und den ganzen technisch-utopischen Reigen auf eine alltägliche Morgendämmerung im Supermarkt zurechtgestutzt. Was aber, wider Erwarten, eine poetische Eleganz entwickelt, die man so völlig unattraktiven Großhallen mit all ihren Regalen und sterilen Gängen nicht zugetraut hätte. Zuerst das Angehen der Lichter, fotografische Blicke in die Regalfluchten. Und dann kommen sie angerollt – die Putzmaschinen und Gabelstapler. Und vollführen ein Ritual, das wohl jedem Supermarktbediensteten die Tränen der Rührung und Begeisterung in die Augen treibt. Denn die wohl eher stets monotone, nüchterne Arbeit im Supermarkt wird durch das Intro von Stuber´s Normalverbraucher-Drama zu etwas ganz Besonderem, direkt Sakralem – zu einer verklärenden Liturgie eines sonst konformen Jobprofils. Fast erwartet man, dass Regalräumer und Lagerarbeiter auf Rollschuhen in geprobten Figuren durch die Gänge gleiten. Doch bevor das Schöne am Praktischen von anerkennender Aufmerksamkeit zur Parodie kippt, endet auch der Zauber des beginnenden Alltags, kurz bevor die Pforten öffnen – und der einkaufende Bürger als austauschbare Variable seine eigenen vier Wände mit Lebensmitteln versorgt.

Dieses Intro, das ist der größte inszenatorische Wurf in diesem zaghaften Kaleidoskop aus blauen Arbeitsmänteln, Getränkekisten, Automatenkaffee und Südseetapeten, die im Pausenraum den unerreichbaren Plan B für Mindestlohnbezieher symbolisieren. In den Gängen könnte furchtbar trist sein – ist es aber nur zum Teil. Die Schönheit des Ereignislosen, der Zauber des Raureifs auf den Äckern und das unbeschriebene Blatt des morgendlichen Himmels bekommt eine Aura des Unentdeckten, Spannenden. Als hätte Dokufilmer Nikolaus Geyrhalter, der eine Vorliebe für das Majestätische des Schlichten hat, ein Drehbuch von Ulrich Seidl verfilmt, selbst ein Unerschütterlicher, wenn es darum geht, ins Innerste gesellschaftlicher Milieus zu blicken. Doch so abstoßend wie Hundstage oder Import/Export ist In den Gängen keineswegs. Stets mit einer Menge Sympathie und fast schon fürsorglicher Liebe zu seinen genügsamen Figuren setzt Stuber eine unprätentiöse Romanze in Gang, welche sehnsüchtige Zugeständnisse in den Details versteckt, die im Überangebot einer Konsumgesellschaft verschwinden. Sie zu suchen, macht sich der Plot von In den Gängen zur Aufgabe. Und dennoch – wirklich glücklich macht das Drama über resignativ-disziplinierte Alltagsexistenzen eben trotzdem nicht.

Franz Rogowski als Ex-Häftling, der in seiner Arbeit als Staplerfahrer vorübergehend Erfüllung und neuen Halt im Leben findet, bleibt – verloren in den unendlich scheinenden Weiten des Großhandelsortiments – eine unnahbare, extrem introvertierte Gestalt, fast schon kafkaesk. Und wenn der gewissenhafte Helfer dann zu Wort kommt, ist er ob seines Sprachfehlers kaum zu verstehen. Sandra Hüller, dem Publikum gut bekannt als Tochter Peter Simonischek´s in Toni Erdmann, ist das sensible Aschenputtel in all den repetitiven Handgriffen, die das tägliche Werk von Angebot und Verkauf am Laufen halten. Und der, von dem man glaubt, die Dinge am Besten im Griff zu haben – nämlich Peter Kurth (Babylon Berlin) als Bruno – wird alle Anwesenden eines Besseren belehren. Drei Schicksale also, die jeweils als Kapitel den Film dritteln. Mal mehr, mal weniger lebensmutig. Und während man zusieht, wie mühsam sich das Leben dieser Angestellten weiterbewegt, wünscht man ihnen auch privat so etwas wie einen Gabelstapler, der das eigene kiloschwere „Pinkerl“ aus Frust, Flucht und schwankender Zuversicht leichter tragen und ertragen lässt. Doch dieses Gerät, das fährt nur in den Gängen hin und her, hebt und senkt sich. Und klingt dabei manchmal so wie das Rauschen des Meeres, das so unendlich fern ist. Dieses Abfinden der Umstände, dieses Strecken nach der Decke, mag ernüchternd kampflos sein, wenn es um Träume geht. Doch den Umständen einen Lebenswert abzugewinnen, ist die Kunst der kleinen Leute, die mit dieser Liebeserklärung zutiefst respektiert werden.

In den Gängen

Die rote Schildkröte

ZURÜCK ZUM URSPRUNG

6,5/10

 

dieroteschildkroete© 2016 Wild Bunch

 

LAND: FRANKREICH, JAPAN, BELGIEN 2016

REGIE & DREHBUCH: MICHAEL DUDOK DE WIT

 

Letztendlich hat es Tom Hanks dann geschafft. Nämlich, sich in Cast Away ein Floß zu bauen, und mit sonst nichts außer einer gehörigen Portion Todesmut, unverschämtem Glück und Hoffnung auf eine mögliche Zukunft das vermaledeite Eiland nach sieben Jahren zu verlassen. Die donnernden Brandungswellen, die sich an der Riffkante brechen, zu überwinden, ist nämlich eine Sache – die andere: da draußen in der Wasserwüste gefunden zu werden und nicht zu verdursten. Der namenlose Schiffbrüchige aus dem Animationsfilm Die rote Schildkröte kommt gar nicht mal so weit. Seine Fluchtversuche vor der quälenden Isolation enden stets mit dem Zerstörungsdrang eines sonderbaren Wasserwesens, das sich, wie der Titel bereits verrät, als gigantische rote Schildkröte der Metaphysik einer widerspenstigen, menschenfeindlichen Natur bedient. Doch ist das feindliche am Verhalten dieses Tieres nicht ein Trugschluss? Ist es nicht viel mehr der Mensch selbst, der seiner eigenen Natur feindlich gegenübersteht, und stets bemüht ist, sich diesem Ursprung zu entziehen?

Der erste abendfüllende, handgezeichnete Trickfilm des Niederländers Michael Dudok de Wit ist so etwas wie ein kosmopolitisches Kunstwerk, dass sich vor allem sprachlich keinem lingualen Erdkreis unterordnet, weil es eben über keine Sprache verfügt. Was de Wit zeigt, passiert auf paraverbaler Ebene und findet seinen Ausdruck jenseits des Graphischen in den Klängen, die Land, Wasser und Wind bereit sind, preiszugeben. Ein Stummfilm ist es also nicht, genauso wenig wie Nikolaus Geyrhalter´s menschenleerer Dokufilm-Essay Homo Sapiens – ebenfalls eine Komposition, die mit den Geräuschen auskommt, die Wind und Wasser erzeugen. Der Homo sapiens, der anfangs noch glaubt, mit der roten Schildkröte in einem Wettkampf um Leben und Tod ringen zu müssen, wird bald zu einer Einsicht über das menschliche Dasein selbst gelangen, so isoliert, einsam und weltvergessen er auch sein mag. Denn Die rote Schildkröte, sie scheint in Wahrheit etwas ganz anderes zu sein. Etwas, wofür es sich lohnt, ein Inseldasein zu führen, weit weg von allem Gedränge und all den störenden Einflüssen einer nach allen Richtungen strebenden, fordernden Gesellschaft. Was folglich bleibt, wenn nichts und niemand mehr da ist, das ist die kleinste verbindende Entität, die mit dem Ur-Wesen unseres Planeten im schadlosen Einklang existieren will – das Dreieck Familie aus Mutter, Vater und Kind. Und irgendwann, scheinbar Augenblicke später nur, zerfällt auch diese. Und wird Teil des Ganzen, zum Teilchen innerhalb des Perpetuum mobile des Lebendigen, das immer schon da war, formuliert aus all den natürlichen Gesetzen.

Für den Oscar 2017 als bester animierter Spielfilm nominiert, ist Die rote Schildkröte ein Spiel der Gedanken und Assoziationen und führt in philosophischen und humanistischen Metaphern den Menschen als Inselwesen auf das eigentlich Wichtige zurück. Das mag manchmal seltsam entrückt, geradezu befremdend und beklemmend einsam sein, kehrt aber den Status Quo der eigenen Entfremdung vom Ursprung hervor. Das ist erfrischend erkenntnisreich, und trotz oder aufgrund all der magisch-poetischen Entrücktheit des Filmes vor allem wehmütig, wenn es um wertvolle, viel zu schnell vergangene Momente des gemeinsamen Glücks geht. Tröstend aber, dass wir niemals verloren gehen. Und wieder zum Teil einer Natur werden, die sich als Fels, Meer, Palme – oder vielleicht als Schildkröte – neu manifestieren kann.

Die rote Schildkröte

Im Zweifel glücklich

WARS DAS?

7/10

 

BradsStatus#2052.ARW© 2018 Weltkino

 

LAND: USA 2017

REGIE: MIKE WHITE

CAST: BEN STILLER, AUSTIN ABRAMS, JENNA FISCHER, MICHAEL SHEEN, LUKE WILSON U. A.

 

Da bedarf es schon eines ausgeprägten Fokus auf die eigene innere Mitte, wenn es darum geht, sich nicht mit anderen zu vergleichen. Wenn dann noch die eigenen Schulkollegen mit deutlich mehr PS auf der Überholspur gen Erfolgshorizont des Lebens davonbrausen, ist der Selbstwert auf Kleinkindgröße dahingeschmolzen. Der Wettbewerb ist allgegenwärtig, vor allem in so selbstverliebten Zeiten wie diesen, wo Fleiß und Idealismus nur noch bedingt zu wünschenswerten Ergebnissen führen. Allerdings übersehen hierbei die gebeugten Häupter der vermeintlichen Loser sehr gerne, dass der vielfach kolportierte Erfolg der Mitmenschen reichlich Fassade ist, und Vergleiche oft mit zweierlei Maß gemessen werden. Die einen, die haben dann meist das Kapitalglück, dass in ausreichender Werbewirksamkeit die Gesellschaft fasziniert. Und die anderen, die haben das Basisiglück, und können sich, wenn alle Stricke reissen, auf wahre Werte zurückbesinnen, auf die es letzten Endes wirklich ankommt. Die Erfolgsformel ist also eine Unbekannte. Sich daran zu reiben wie Ben Stiller es tut, kann zu einem ernüchternden, aber undurchdachten Status Quo führen, der längst nicht alle Indizien, die für ein besseres Leben sprächen, abgeklopft hat.

Im Zweifel gücklich, im Original schlicht und ergreifend als Brad´s Status betitelt, treibt einen innerlich strauchelnden Ben Stiller vor sich her, der überhaupt nichts mehr mit den klamaukigen Peinlichkeiten aus früheren Filme zu tun hat, der geradezu ernüchternd unmöbliert und verkatert auftritt, als würde er tatsächlich in das tiefe Loch einer sinnlos erscheinenden Existenz geworfen worden sein. Diesen Zustand könnte jetzt ein anderer Filmemacher kabarettistisch ausschlachten, sich darüber lustig machen, die Midlife crisis durch den Kakao ziehen. So wie es der Österreicher Harald Sicheritz Anfang der 90er getan hat. Freispiel mit Alfred Dorfer zählt bis heute zu den besten Kabarettfilmen überhaupt, lässt dabei aber seinen Antihelden Robert Brenneis als ausgebrannten Musiklehrer über das eigene Leben und das der anderen sinnieren, bevorzugt über das seines ehemaligen besten Freundes, des Schlagerstars Pokorny, süffisant verkörpert von Wuchtelgranate Lukas Resetarits. Der Neid könnte einen fressen, angesichts dieses Glamours, den manche umgibt, vor allem jene, die das gleiche Startkapital für die Zukunft hatten, und plötzlich hinten anstehen müssen. Sich klarzuwerden, worauf es im Leben wirklich ankommt, dafür braucht Alfred Dorfer einen ganzen Film voller Zynismus und kluger Kommentare. Ben Stiller tut Ähnliches, wenn auch nicht im Bierzelt schunkeln oder in Italien urlauben. Er begleitet seinen Sohn an die Ostküste Amerikas, um Universitäten abzuklappern und den richtigen Studienplatz zu ergattern. Dabei stößt Brad zwangsläufig auf die Karrieren seiner Kommilitonen von damals, um sich selbst ganz klein vorzukommen. Bis er die Dinge vor seinem geistigen Auge wieder in die richtige Ordnung bringt, auf Reboot Prioritäten setzt und seinem Filius den Rücken freihält.

Dieser Status, den Brad abruft, der könnte der Status von jedem von uns sein, mal mehr mal weniger. Den großen Vogel, den haben die wenigsten abgeschossen, dabei ist die Frage nach einem zweifelhaften Lebensglück gerade bei jenen womöglich ungleich größer als bei den sogenannten Niemanden, die trotz fehlenden Reichtums und Scheinwerfern die Erfüllung in sich selbst und ihrer Familie finden. Regisseur Mark White lässt Ben Stiller tatsächlich immer stiller werden, immer nachdenklicher, und gibt ihm Raum für Gedanken, die aus dem Off auch für das interessierte Publikum zu hören sind. Im Zweifel glücklich ist ein langsames, gedankenverlorenes, aber alltagsrelevantes Drama, leichtfüßig und nicht verkopft. Nachvollziehbar und durchaus bereichernd, wenn mal wieder das eigene Leben unzureichend erscheint.

Im Zweifel glücklich

Die andere Seite der Hoffnung

DER LIEBE AUGUSTIN DES MIGRATIONSZEITALTERS

7/10

 

andereseitehoffnung© 2017 Pandora Film GmbH & Co. Verleih KG

 

LAND: FINNLAND 2017

REGIE: AKI KAURISMÄKI

MIT KATI OUTINEN, VILLE VIRTANEN, TOMMI KORPELA, MATTI ONNISMAA, SHERWAN HAJI U. A.

 

Und wieder einmal ist da einer so ziemlich abgebrannt in Helsinki. Aber nicht, weil dieser Jemand aus Finnland raus will, um mit einem Schiff namens Ariel nach Mexiko auszuwandern. Diesmal will dieser Jemand hinein nach Finnland und in Helsinki neu anfangen. Abgebrannt sind sie beide. Und der eine ist noch dazu anfangs ziemlich schwarz um die Nase. Klarer Fall von Menschenschmuggel. Genauer gesagt hat sich der Syrer Khaled in einem Kohlefrachter selbst nach Finnland manövriert. Eigentlich wollte er das gar nicht. Und seine Schwester, mit der ihm die Flucht aus Syrien gelungen war, ist auch vom Radar verschwunden. Also ein ziemlich düsterer Status Quo. Allerdings längst nicht so düster als würde man in Aleppo bleiben und sich die Bomben auf den Kopf fallen lassen.

Wie sich ein finnischer Filmemacher der Sache mit den Flüchtlingen stellt, zeigt Kultregisseur Aki Kaurismäki mit Die andere Seite der Hoffnung nun schon ein zweites Mal. Mit Le Havre hatte der Meister des lakonischen Humors ein künstlerisch hochwertiges Glanzstück hingelegt, ein berührendes Märchen rund um Integration und die Idee eines besseren Lebens. Ganz so versöhnlich geht es in der thematisch verwandten Ergänzung dieses hochkomplexen Themas längst nicht mehr zu. Die Welt, in der sich nicht nur Khaled, sondern auch der Hemdenverkäufer Waldemar orientieren muss, ist eine zugegeben ziemlich triste. So trist, als befänden wir uns in einem dieser alptraumhaften Tableaus eines Roy Andersson. Dieser Ausnahmeschwede ist vermutlich nur hartgesottenen Filmkunstgenießer ein Begriff. Seine Werke sind bühnenhafte Arrangements, die bis ins kleinste Detail komponiert und einer beklemmenden, höchst artifiziellen Isolation unterworfen sind. Themen wie Fremdenhass, Katholizismus, Macht und Existenz sind nur einige der vielen Fragen, die Andersson dem Zuschauer stellt. Aki Kaurismäki gesellt sich in seinem Anti-Hoffnungsschimmer auf ähnliche Weise dazu. Sein an Ort und Stelle verharrendes Panoptikum verlorener, aber niemals mutloser Gestalten, die erstmal keinerlei Ausweg aus ihrer kleinen Existenz finden können, begegnen dem Schicksal mit sturer Phlegmatik. Es ist das Recht auf Wohlstand, dass sowohl der Einwanderer als auch der alteingesessene Lokalheld einfordern. Beide stehen in ihrer registrierten Identität wieder am Anfang, begegnen sich zu Beginn des Filmes rein zufällig, um sich für sagen wir mal zwei Drittel der Geschichte wieder aus den Augen zu verlieren. Lange fragt man sich, was beide Episoden wohl miteinander zu tun haben sollen. Doch wie es bei Kaurismäki meist der Fall ist, fügt das finnische, dem Schicksal trotzende Schicksal Welten zusammen, die sich auf den ersten Blick nichts zu sagen haben – auf den zweiten Blick aber viel voneinander profitieren können. Wäre da nicht das latent bedrohliche Gespenst des Nationalismus in Europa, das gerne die Hoffnung auf ein genügsames Leben ersticken will.

Natürlich lässt sich die Flüchtlingskrise, das Migrationschaos und die Angst vor Terror und des Fremden nicht so einfach und mit solch boulevardesker Naivität über den Kamm scheren. Dazu neigt Kaurismäki – seine Geschichten sind simpel, aber nicht verhöhnend simpel. Seine Figuren scheinen in ihrem neorealistischen Dasein nicht viel zu sagen zu haben. Aber vielleicht ist das endlich mal der Ausweg aus einem Dilemma des Zerdachten, dem der Finne sich längste Zeit zugeneigt fühlt. Vielleicht ist das pragmatische Herankommenlassen unvermeidlicher Ereignisse, die Vorort-Lösung kleinerer Probleme, die letzten Endes imstande sind, das große Ganze zu ändern, wirklich die allerbeste Methode, dem europäischen Schlamassel zu entkommen. Diese heruntergekommene, völlig uneinladende Gaststätte im Film ist wie das Europa der Gegenwart. Die liebevoll ausgestattete Grunge-Bühne des versifften Pseudo-Gorumetlokals ist Schauplatz zufällig scheinender Konsequenzen, ein Labor des Probierens einer Zukunft, die niemals festgeschrieben steht. Und die auch neue Gesetze des Zusammenlebens in völliger Autarkie zusammendichten kann. Es ist so eine befreiend zurückgenommene Einfachheit, die Die andere Seite der Hoffnung motivierend belächelt. Wie in den gemalten Bildern eines kaum erstrebenswerten Glücks sitzen Kaurismäkis bewährte Protagonisten einem Maler Modell, der filmt statt zu pinseln. Seltsam arrangiert wirkt das Ganze, hölzern, wächsern und künstlich beleuchtet. Der  Stil des Finnen ist unverkennbar, Und treibt auch hier wieder ausufernde Blüten. Und dann, wenn alles schief zu gehen scheint, werden die Pechvögel für ihre Aufmüpfigkeit belohnt – so sehr sie auch bluten müssen. Einen Kaurismäki sieht man immer wieder gerne. Zwar nicht dauernd, aber in gesunden Abständen tut das richtig gut. Vor allem, weil Kaurismäki so befremdend anders seine Geschichten erzählt. Und dort nichts vortäuscht, wo anderswo dick aufgetragen wird. Ein Kino der Gestrandeten und Improvisateure – ermutigend, ironisch und von zäher Natur.

Die andere Seite der Hoffnung

Wonder Wheel

DAS JAMMERTAL IST EIN RUMMELPLATZ

8/10

 

WA16_D12_0335.RAF© 2016 Warner Bros. Ent. Alle Rechte vorbehalten.

 

LAND: USA 2017

REGIE & DREHBUCH: WOODY ALLEN

MIT KATE WINSLET, JUNO TEMPLE, JAMES BELUSHI, JUSTIN TIMBERLAKE U. A.

 

Woody Allen geht ins Licht. Oder anders formuliert – er geht in Sachen Lichtregie für seinen neuen Film so ziemlich ins Detail. Um nicht zu sagen – Licht ist in Wonder Wheel, einer bittersüßen, bühnenhaften Rummelplatz-Symphonie, neben einer umwerfenden Kate Winslet der eigentliche Hauptakteur des Werks. Die goldene Stunde, wie Fotografen und Kameraleute gerne jene Position der wolkenbefreiten Sonne nennen, die das orange Spektrum des Lichts reflektiert, war schon in Allen´s letzten Film, Café Society, auffallend wichtig. In Wonder Wheel ist es nicht nur die goldene Stunde, sondern auch das Flackern, Irrlichtern und Pulsieren des blauen, roten und violetten Spektrums. Das kommt zum einen vom sich scheinbar ewig drehenden Wonder Wheel, einem lampengeschmückten Riesenrad auf Coney Island, dass als dauerdominante Metapher eines Glücksrades durch die Fenster bricht und sein Licht über das Schicksal mehrerer Personen hinweg streut. Zum anderen von der blauen Stunde, die sich einstellt, sobald der Heliumstern hinter dem Horizont verschwindet.

Wonder Wheel ist, was vor allem die Bildsprache und die Kamera betrifft, das wohl Bemerkenswerteste seit langem, was Woody Allen auf die Leinwand gebracht hat. Warum? Weil Kameramann Vittorio Storaro das Auge aufs Geschehende hält. Das sagt wahrscheinlich kaum jemandem sofort etwas. Nun, Vittorio Storaro ist, man kann das schon so sagen, eine Legende. Die visuelle Brillanz von Filmen wie Der letzte Tango in Paris oder Apocalypse Now gehen auf sein Konto. Und wenn man genau darauf achtet, entdeckt man beeindruckende Gemeinsamkeiten. Oft sehen wir in Wonder Wheel die Gesichter der Protagonisten in unbeweglichem Close Up. Sie reden und reden, nichts verändert sich, die Kamera verharrt. Nur das Licht setzt das Bild durch wechselnde Farben in ganz unterschiedliche Stimmungen – bis sogar manche Szenen fast ungesättigt wirken. Inmitten ein Gesicht. Im Regenlicht wunderschön. Das leuchtende Spektrum der äußeren Welt gibt auf geradezu psychoanalytische Weise die Gefühlswelten der stets unzufriedenen Figuren aus Woody Allen´s Welt preis.

Und unzufrieden sind sie. In vielen seiner Filme. Sie suchen nach dem großen Los, dass sie doch endlich ziehen mögen. Wollen meist nie das, was sie ohnehin schon haben. Streben nach ihrem eigenen Glück, und nicht nach dem der anderen. Dabei meinen sie, dass nicht sie es sind, die sich im Wege stehen, sondern stets die anderen. Diesen Grundtonus variiert Woody Allen immer aufs Neue. Das Jammern und Lamentieren ist seine Kunstform und seine Sicht auf eine Welt, die verlernt hat, altruistisch zu denken und genügsam zu sein. Genügsam nicht im materiellen Sinne, das niemals. Sondern genügsam zu sein mit dem, was man erreicht hat. Von der Blindheit für das Drumherum ist auch Kate Winslet betroffen. Auch hier haben wir wieder typisch Allen´sche Figuren. Verhinderte Künstler – Schauspieler, Schriftsteller – die sich selbst nicht verwirklicht sehen oder andauernd planen, sich verwirklichen zu wollen, ohne einen eigenen Schritt zu machen. Seine Figuren sind zum Scheitern verurteilte Existenzen, aber nur, weil sie den Status Quo ihres Lebens nicht sehen. Was sie sehen ist ein mögliches anderes Leben, dass so fern wie die flirrende Sonne stets unberührbar bleibt. Und da werden die, die in Gleichgültigkeit versinken, zu Initiatoren destruktiver Mechanismen, die Beachtung einfordern. Wie der ungesehene Junge, der alles, was ihm in die Finger kommt, in Brand steckt.

Und ja, es brennt hier so überall der Hut. Kate Winslet mittendrin im quälenden Fegefeuer der Unzufriedenheit. Neben den satten Bildern ist sie es, die den Film dominiert. Ihr gehört alle Aufmerksamkeit Woody Allens. Und sie ist grandios. Wie eine Doyenne großer Bühnen, wie eine Liz Taylor oder Barbara Stanwyck gebärdet sie sich wild gestikulierend zwischen jugendlicher Verliebtheit, unbeholfener Eifersucht und ignoranter Abscheu. Damit ist ihr dürftiger Auftritt in Zwischen zwei Leben mehr als vergessen. Ich wage ja zu prophezeien, dass Winslet eventuell eine Academy-Nominierung erhält. Denn kraftvoll gespielt ist fast schon ein Hilfsausdruck. Ihr Zynismus, ihr unverfrorener Anspruch auf ein besseres Leben ist von kindischer Sturheit und sorgt für bloßstellend komische Momente. In diesen Szenen hat Woody Allen wieder das erreicht, was er immer vermitteln will: Die Lächerlichkeit menschlichen Verhaltens, die Groteske psychischen Versagens. Und die Therapie, die hilft hier längst nicht mehr.

Wonder Wheel ist ein bis in die kleinsten Nebenrollen famos besetztes Bühnenstück mit geschliffenen Dialogen und ganz viel düsterem Humor. Ein Woody Allen, der seine Muster zwar variiert, es diesmal aber geschafft hat, seine Formen und Formeln anders zu schraffieren. Vor allem was Cast und Schauspiel angeht. Auch Jim Belushi ist sichtlich dankbar für seine Rolle – und würdigt sie mit wuchtigem Engagement.

Wonder Wheel

La La Land

EMMA IM WUNDERLAND

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lalaland

Musicals? Nein Danke, wirklich nicht. Bislang habe ich das Genre so sehr gemieden wie der Teufel das Weihwasser. Wobei ich aber hier von den Produktionen neueren Datums schreibe. Bevor das breitenwirksame Musiktheater vom künstlerisch wertvollen und durchaus unbequemen Sprachrohr der 60er und 70er Jahre zum kommerzorientierten Event mutieren hat müssen, gab es durchaus einige Premieren, die man so ja gar nicht zum oberflächlichen Singspiel zählen kann. Diese Kunstwerke waren viel mehr als das. Jesus Christ Superstar, Cabaret, Hair, My Fair Lady und wie sie alle heißen – das sind inhaltlich wie musikalisch denkwürdige Ereignisse. Viele andere Musicals bestehen entweder aus dem Ausschlachten längst bekannter Ohrwürmer oder einem eingängigen Song, um welchen sich mittelmäßige musikalische Arrangements gruppieren. Die sind dann allesamt schnell wieder vergessen. Vor allem wenn dann noch Schauspieler, die normalerweise – und das aus gutem Grund – nie singen, dem Publikum zugemutet werden müssen.

Doch dann passiert das. Und als ich zum ersten Mal davon gehört habe – das war im Frühsommer letzten Jahres, Filmfestspiele Cannes – habe ich kopfschüttelnd w.o. gegeben. Diesen Film werde ich mir sicher nicht ansehen. Ja, das war meine Meinung. Und ja, trotz Emma Stone, die ich sehr schätze. Monate später allerdings haben die Medien ganze Arbeit geleistet. Golden Globe und 14 Oscarnominierungen. So wunderbar, so großartig, so einzigartig soll der Film sein. Als Filmfan und Freizeitjournalist konnte ich nun schlussendlich an La La Land nicht mehr vorbeikommen. Es musste sein. Musical hin oder her. Wahrscheinlich werde ich fluchtartig den Kinosaal verlassen müssen. Oder mich in die Lehnen meines gepolsterten Sitzes krallen. Hoffentlich können die beiden – Stone und Gosling – nur ansatzweise besser singen als Meryl Streep oder Ewan McGregor. Nun, ich habe es überstanden.

Und ja, La La Land ist tatsächlich wunderbar, großartig und einzigartig. Habe ich das tatsächlich geschrieben? Ja stimmt, das habe ich. Damien Chazelle´s musikalisches Melodram – ich nenn es mal so – ist ein traumgetanztes Wunschkonzert, so fließend, geschmeidig und aufgeweckt erzählt, als wäre das Genre eben erst erfunden worden. Und mittendrin – ebenso aufgeweckt, einnehmend und farbenfroh – eine phänomenale Emma Stone. Die junge Dame mit dem rotblonden Haar, den großen Augen und der sagenhaften Mimik ist in erster Linie dafür verantwortlich, dass das Erfolgsmärchen aus dem Land des ewigen Sommers so sehr gelungen ist. Jede Szene, in der sie auftritt, ist ein Gewinn und eine Bereicherung. So bezaubernd dürfte zuletzt Julie Andrews gewesen sein, sei es in Mary Poppins oder Der Zauberer von Oz. Emma Stone ist so reizend und begeisternd, dass Chazelle sonst nicht mehr viel benötigt, um das schwungvolle Kinoevent sehenswert zu machen. Dennoch gibt er sich damit nicht zufrieden. Selbst Ryan Gosling, der in vielen seiner Filme außer seiner Attraktivität nicht viel mehr zu bieten hat, zeigt sein ganzes Können und schließt damit an seine Sternstunden aus Lars und die Frauen oder Crazy Stupid Love an. Übrigens – bei Crazy Stupid Love waren Emma Stone und Ryan Gosling schon mal ein Paar. Und haben bestens miteinander harmoniert. So wird in La La Land die Step-Nummer nicht zu einer Hommage an Ginger Rogers und Fred Astaire, sondern zu einer ganz eigenen Nummer. Und die Nummern? Da hat Komponist Justin Hurwitz schon jetzt eingängige Evergreens geschaffen. Melodien wie honigsüße Perlenketten, die noch lange nach dem Film mitschwingen und für positive Vibes sorgen. Wobei die von Damien Chazelle erdachte Geschichte, gegliedert in eigentlich 5 Akten, nicht unbedingt und bei Weitem kein vorhersehbares Happy-Day-Movie ist und auch sonst jegliche Und „Wenn sie nicht gestorben sind“-Attitüde vermeidet. Die Story, mit zielsicher getimten und wenigen, aber guten Musiknummern ausgestattet, begleitet unsere beiden Stars auf berührende, unglaublich lebendige Weise auf ihrem teils holprigen, teils glücklichen, teils unglücklichen Weg zum Erfolg. Dabei ist der Begriff Erfolg fast schon zu nüchtern formuliert. Es ist mehr als das – es sind Lebensträume, die da verwirklicht werden sollen. Ein nach den Sternen greifen, was die beiden auch tatsächlich sinnbildlich tun werden. Doch früher oder später wird klar, dass man im Leben nicht alles haben kann. Und dann kommt es darauf an, was wichtiger ist. Oder wichtiger hätte sein sollen. La La Land erzählt auf spielerische Art Liebesgeschichte, Charakterdrama und Großstadtmärchen in einem. Huldigt dem guten Technicolor- und Cinemascope-Variete aus der Nachkriegszeit, ohne aber verstaubt zu wirken. Ganz im Gegenteil. Whiplash-Virtuose Chazelle setzt alle die Teile neu zusammen. Altes wird wieder jung. Biederes Unterhaltungs – und Ablenkungskino wird auf das neue Jahrtausend gepimpt. Hier ist was Magisches und gleichzeitig Greifbares entstanden. Dank der unglaublichen Emma Stone, der eingängigen Musik und der nahtlosen Regie, die wie aus einem Guss für mehr als zwei Stunden zum Träumen einlädt.

Ehrlich gestanden – die Ouvertüre des Filmes hat mir allerdings schon ein ungutes Gefühl bereitet. Vor jemandem wir mir mit einem gespaltenen Verhältnis zum Genre. Doch mein Tipp vorweg: davon soll man sich nicht täuschen lassen. Es kommt anders, als man glaubt. Denn rückblickend macht alles wieder Sinn – und klingt auch zum Wieder- und Wiederhören gut.

Und 14 Oscarnominierungen? Zwar nach wie vor etwas hochgegriffen, aber überraschend ist es nicht mehr. Da ist schon was Besonderes passiert. La La Land – wobei mir der Titel immer noch Kopfzerbrechen verursacht – ist ein anspruchsvolles, musikalisches Ereignis rund um Jazz, Schauspielkunst und Selbstverwirklichung. Ein mitunter leicht kritisches Werk, aber mit viel Verständnis und Sympathie für seine Figuren. Und Emma im Wunderland hat ihr kommendes Schicksal fast schon autobiografisch und prophetisch auf die Leinwand gebannt. Der Oscar, so darf ich prognostizieren, ist ihr sicher. Und damit womöglich ihr Lebenstraum.

 

La La Land