Der wunderbare Mr. Rogers

DER MENSCHENVERSTEHER

5/10

 

wunderbaremrrogers© 2019 Sony Pictures

 

LAND: USA 2019

REGIE: MARIELLE HELLER

CAST: TOM HANKS, MATTHEW RHYS, CHRIS COOPER, SUSAN KELECHI WATSON, MADDIE CORMAN U. A. 

LÄNGE: 1 STD 49 MIN


Wie ist es wohl Tom Hanks und seiner Frau Rita Wilson während ihrer Corona-Quarantäne ergangen? Wie es aussieht, haben es die beiden ganz gut überstanden – Hanks ist ja bereits in einem neuen Western-Trailer gemeinsam mit Systemsprengerin Helena Zengel zu sehen. Ich mag Tom Hanks, ein großartiger Schauspieler und was man menschlich so mitbekommt, auch ein angenehmer Zeitgenosse. In diese ganzen Pandemie durfte er sich sogar noch die Academy-Nominierung für seine schauspielerische Leistung in Der wunderbare Mr. Rogers mit hineinnehmen. Bei manchen Nominierten haben wir Filmnerds erst relativ spät die Chance, sich von deren Können auch selbst zu überzeugen. Aber besser spät als nie, und Tom Hanks ist in seiner Qualität vor der Kamera sowieso zeitlos. Big funktioniert ja auch immer noch.

Also ist der gute Mensch von Hollywood diesmal ein anderer guter Mensch des Fernsehens geworden. Nämlich ein gewisser Fred Rogers. Natürlich hatte ich keinen blassen Schimmer, wer dieser Mann war. Marielle Hellers biographisches Selbstfindungsdrama ist ein Insider-Film für Amerikaner, bevorzugt für jene, die in Amerika aufgewachsen sind; für die Generation des Übersee-Am Dam Des und des Kinderfernsehens aus den 80ern. Ein sehr persönlicher Film, der uns hier in Europa thematisch überhaupt nicht tangiert, wäre es nicht eben Tom Hanks, der sich die rote Weste übergezogen und seine Straßenschuhe mit blauen Turnschuhen ausgetauscht hätte, um mit der jungen Mittelschicht-Generation in seiner TV-Sendung A Beautiful Day in the Neighborhood über Emotionen zu beraten. Zu Besuch in sein Kulissenheim kommen ab und an bereits etablierte Charaktere wie der Postmann oder – wie bei uns Rolf Rüdiger – dortzulande plüschige Handpuppen. Rogers streichelweiche Stimmlage und das entschleunigte Tempo seiner Tele-Sitzungen dürften wohl einen angenehm entreizten Kontrast zum übrigen Alltags-Overkill geboten haben.

In diesem Film aber geht’s nicht nur um diesen Mr. Rogers, der fast schon eine Yoda-ähnliche Funktion innehat, sondern um einen Journalisten, der ein Interview mit einem Helden des Alltags, in diesem Fall eben mit dem wunderbaren Mr. Rogers, führen muss, zeitgleich aber mit seinem Rabenvater über Kreuz liegt und zum Zyniker und Pessimisten allererster Güte geworden war. Seine vorerst eher skeptische Annäherung an diesen Fernsehtherapeuten wandelt sich natürlich zusehends in eine fast schon freundschaftliche Verbindung zwischen weisem Lehrer und ratsuchendem Schüler. Von da an nehmen die liebkosenden Wellen menschelnder Lebenshilfe kein Ende mehr. Hanks wird zum Dalai Lama im Cardigan, Journalist Lloyd Vogel beugt sich dem Faustlos-Konzept. Schön, zu sehen, wie verfahrene Situationen wie diese wieder glattgebügelt werden können. Glatter geht’s kaum.

Der wunderbare Mr. Rogers wird zur bauschigen, familienfördernden Selbsthilfe-Sendung, teils im Fernsehformat wie damals, teils in Breitbild. Hanks ist großartig und vermeidet es souverän, auch nur irgendeine seiner bisherigen Rollen zu kopieren. Was er darstellt, ist ein weiteres neues Spektrum seines Oeuvres. Als in sich ruhender, verträumter und verspielter Nachmittags-Performancer, der seine Emotionen routinemäßig und vorausschauend kanalisiert, strahlt er eine gewisse, durchaus realitätsferne Faszination aus. Dass Journalist Vogel dem erliegt, ist nachvollziehbar. Weniger nachvollziehbar aber ist der verschwurbelte Ratgeber-Charakter des Films, der unter dem allzu dick aufgetragenen Seelenbalsam kaum noch Luft zum Durchatmen hat. Ein wütender, befreiender Schrei, vielleicht sogar ein Quäntchen wohltuenden Sarkasmus wäre wie die Chilischote nach der gefällig-süßen Sahnetorte gewesen.

Der wunderbare Mr. Rogers