White Boy Rick

DEAL WITH IT

5/10

 

Matthew McConaughey (Finalized);Richie Merritt (Finalized)© 2019 Sony Pictures Germany

 

LAND: USA 2019

REGIE: YANN DEMANGE

CAST: RICHIE MERRITT, MATTHEW MCCONAUGHEY, BEL POWLEY, JENNIFER JASON LEIGH, BRUCE DERN, EDDIE MARSAN, RORY COCHRANE U. A.

 

Hätte die österreichische und leider schon verstorbene Dokufilmerin Elisabeth T. Spira ihre Alltagsgeschichten in den USA gedreht, hätte es sicher eine Episode gegeben, die mit dem ungefähren Arbeitstitel „Auf der Waffenmesse“ dem Stelldichein rund um Ballermann und Söhne auf den Zahn gefühlt hätte. Natürlich in ihrer entwaffnend diskreten Art, und der eine oder andere Waffennarr hätte wohl manch verstörende Bekenntnisse von sich gegeben. Mit so einem Schwenk über die Tischreihen voller schwarzer Sporttaschen, angefüllt mit Schießeisen aller Art, beginnt das auf realen Begebenheiten beruhende, biographische Kriminaldrama rund um einen Jungen, der Walter White aus Breaking Bad wohl alle Ehre gemacht hätte und der in völlig natürlicher Annahme, Waffen sind Teil des Alltags, seinen Papa auf eingangs erwähntes Event begleitet. Natürlich hat dieser Junge das Spektrum an Waffentypen, deren Gadgets und Wirkungsgrad schon mit der Muttermilch aufgesogen. Ein Jungspund-Profi unter dem Herrn, besser gesagt unter dem alten Herrn, denn Papa Rick lehrt ihn Sachen Erziehung genau das, worauf es ankommt. Wir schreiben die 80er im Drogen-Gomorrha Detroit, und Matthew McConaughey ist mit Vokuhila und Rotzbremse unterwegs. Ein extremer Proletenlook, fehlt nur noch das Goldkettchen. Ob das dabei war, weiß ich nicht mehr. Zumindest hat dieses Rick jr., der anders als seine Schwester zwar nicht zu den Drogen greift, aber alsbald mit den Drogen dealt, da er als zwangsläufiges Spitzel für das FBI arbeiten muss – sonst wandert der väterliche Schnurrbart hinter schwedische Gardinen. Denn das Dealen mit Waffen ist genauso wenig rechtens wie das Dealen mit Crack. Aber wie geht’s wohl so einem Halbwüchsigen, der mit dem großen Unterwelt-Business in Berührung kommt? Der wittert das große Geld. Und aus der Arbeitsteilung mit den Guten, die längst nicht so gut sind, wie sie scheinen (wie kann man einen 14jährigen Jungen nur so ausnutzen?) wird eine wenig überraschende selbige mit den Bösen. Letztere Arbeitsteilung ist wohl profitabler, zumindest vorerst. Das war bei Breaking Bad genauso. Nur der Krug geht solange bis zum Brunnen bis er bricht. Und irgendwann zerbricht auch die Welt von Rick Junior.

Das Krimidrama des britischen Video- und Fernsehfilmes Yann Demange (u. a. das Irlanddrama ’71) nimmt sich ausreichend Zeit, den Prozess eines existenziellen Niedergangs genau zu beobachten. Doch sein Film hat ein grundlegendes Problem, das angesichts seiner Thematik womöglich gar nicht anders gelöst hätte werden können: all die Figuren in White Boy Rick, all diese schon im Vorfeld gescheiterten Charaktere, die ihr Heil im Verbrechen suchen, sind von einer Arroganz durchdrungen, die es schier unmöglich macht, auch nur irgendeine Form von Sympathie zu empfinden. Bei Matthew McConaughey, der schon in Dallas Buyers Club mit fragwürdiger Gesichtsbehaarung Mut zur Hässlichkeit bewiesen hat, darf auch hier am Rande der Gesellschaft stehen. Am Schwierigsten zu begreifen allerdings ist die Rolle des von Richie Merritt dargestellten Teenies Rick, der in einer präpotent altklugen Art anscheinend komplett zu wissen glaubt, wie die Welt funktioniert. Der in seiner Dreistigkeit fast schon widerliche Jungspund macht auf cool, wie es Jungs in diesem Alter eben tun – und reflektiert auch dann nicht sein Tun, als er älter wird, als er sieht, welches Elend sein Tun verursacht. Auch das erinnert an Breaking Bad, auch in Vince Gilligans Serienkult liegen die Skrupel vor dem Elend der „Kunden“ mit der Gier nach Reichtum im verstörenden Dauerclinch, ohne einen befriedigenden Konsens zu finden. Den gibt es auch gar nicht. Und Zukunft hat das Ganze auch nicht, wie die Faktenlage hinter der real existierenden Figur des Richard Wershe jr. preisgibt.

White Boy Rick enthält nichts, was nahegeht. Keinen Charakter, dessen Schicksal tangiert, mit Ausnahme vielleicht von Ricks drogensüchtiger Schwester Dawn (intensiv: Bel Powley). Das haben Biopics über Verbrecher, die im Grunde keinen eigenen Film verdient haben, manchmal so an sich. Und wie man sich bettet, so liegt man, anders lässt sich das gar nicht formulieren. Richie Merritt ist daher auch längst kein Sympathieträger, sondern eher einer, der meint, dass ihn andere gar nicht verdient haben. Das lässt mich als Zuseher außen vor. Diese unreflektierte Arroganz fröstelt, berührt mich eher unangenehm. Und lässt White Boy Rick von mir aus mit seinem Schicksal allein.

White Boy Rick

The Red Sea Diving Resort

REISE NACH JERUSALEM

6,5/10

 

redseadiving© 2019 Netflix

 

LAND: USA 2019

REGIE: GIDEON RAFF

CAST: CHRIS EVANS, MICHAEL K. WILLIAMS, BEN KINGSLEY, GREG KINNEAR, HALEY BENNETT, CHRIS CHALK U. A.

 

Captain America ist zurück: einst aufgepimpter Held im Zweiten Weltkrieg, dann im Tiefschlaf und später Ruler der Avengers, mittlerweile aber im Ruhestand. Das Marvel-Universum hinter sich lassend, probiert sich Darsteller Chris Evans diesmal zwar ebenfalls in einer aufrechten Gutmenschen-Rolle, allerdings aber mit mehr Connex zur Realität als bisher. Und er kaschiert sein Image bis zur Unkenntlichkeit mit noch mehr Vollbart als zuletzt in Avengers: Endgame. Evans ist in Gideon Raffs Agententhriller ein dauermotivierter Abenteurer im Außendienst, ein Befehlsempfänger zwar, aber einer, der die Wahl der Mittel selbst trifft. Wie das Agenten eben so tun, einschließlich erhöhtem Risiko zu vorzeitigem Ableben. Der alte „Captain America“ ist nun der neue „Captain Israel“, und was die beiden Mächte miteinander verbindet, lernen wir aus der Geschichte, die sich durchwegs wie ein Schwarzbuch über Flucht und Vertreibung ganzer Völker und Glaubensgemeinschaften liest. In der vorliegenden Netflix-Produktion sind die Vertriebenen diesmal die Juden Äthiopiens, die in langen Verzweiflunsgmärschen Richtung Sudan auf ein Überleben hoffen. So zugetragen in den 80er-Jahren. Eine Krise fast schon als Fußnote, bekannt war mir die Operation Moses oder Joshua jedenfalls nicht, und da die Hungersnöte in Afrika zu dieser Zeit ohnehin die Schlagzeilen beherrschten, ist diese religiös motivierte Schandtat an einer jüdischen Minderheit wohl weniger bekannt geworden. Nun, es hat sie gegeben, und The Red Sea Diving Resort knüpft lose an diesen wahren Begebenheiten an, die sich womöglich nicht so abenteuerlich und auf Spannungskino zugeschnittene Weise zugetragen haben wie der Film uns erzählen will. So ein Kern der Wahrheit lässt sich mit reichlich Exotik und dem Reiz ferner Länder garnieren. Die Kunst liegt dabei, die eigentliche Geschichte nicht aus den Augen zu verlieren und sich auch nicht vom Captain America-Liebhaberkult zufriedenstellen zu lassen.

Gideon Raff, der momentan – und zwar ebenfalls für Netflix – eine 6teilige Spionageserie mit dem griffigen Titel The Spy am Laufen hat (Sasha Baron Cohen in einer untypisch ernsten Rolle), und sich damit ebenfalls in das Netzwerk des Mossad einschleust, ist – wen wundert’s – selbst Israeli, und Themenspezialist, wenn’s um den lokalen Geheimdienst geht. Die Eckdaten von damals als Fakten auf dem Tisch, sind es nun mehrere Tage am glutheißen Strand des Sudan, die Chris Evans und sein Team mit Blick auf das Rote Meer verbringen. Neue Einstiegsstelle für den jüdischen Exodus ins Gelobte Land ist ein von Italienern errichtetes und wieder dem Zahn der Zeit überlassenes Tauchresort, das in unruhigen Zeiten wie diesen, und noch dazu in einem instabilen Land wie dem Sudan, wo das Militär macht, was es will, wohl kaum Touristen begrüßen kann. Ein paar allerdings verirren sich immer noch in dieses Niemandsland, und dem Minister für Tourismus freuts, kassiert er doch jede Menge Geld für ein paar rustikale Steinbungalows. Als getarnte Drehscheibe für Flüchtlinge, die in Nacht und Nebel vom Flüchtlingscamp hierher verfrachtet und von Schlauchbooten der Israelis abgeholt werden, ein ideales potemkinsches Feriendorf. Bis dem Camp an der Grenze die Flüchtlinge ausgehen, und das gewaltbereite Militär den Israelis vermehrt auf den Zahn fühlt.

Es ist spannend, mitanzusehen, wie in Zeiten der noch nicht totalen Überwachung Täuschungs- und Rettungsmanöver wie diese gelingen können. Und es ist weiter spannend, mitanzusehen, wie Flüchtlingsrouten wie diese geöffnet statt geschlossen werden, wie jene, die das Zeug haben, zu helfen, auch aktiv helfen, statt in wegsehender Ignoranz den unterzeichneten Menschenrechten wegen sowas wie Asyl gerade noch dulden, um den Rest der darbenden Menschheit sich selbst zu überlassen. Diese damals wie heute brandaktuelle Thematik bettet Gideon Raff in einen routinierten Politthriller, der sich voll und ganz auf seine True Story verlässt. Das heisst im Klartext: keine schauspielerischen Herausforderungen. Die eine oder andere Nebenrolle versandet gar in nichtssagender, allerdings auch klischeehafter Blässe. Dennoch ist dieses wenig beachtete, humanitäre Abenteuer gefällig formuliert, bemüht sich längst nicht um derartige sinnbildliche Deklarationen wie zum Beispiel in Styx, riskiert aber einen berichtenswerten Blick in die jüngere Geschichte humanitärer Krisen. So wuchtig und verstörend wie Klassiker aus dem Politfilm-Hype der 80er (u. a. Salvador, Under Fire oder The Killing Fields) ist The Red Sea Diving Resort aber auch nicht geworden, dafür lässiger, draufgängerischer, im Grunde also Spannungskino der geradezu unterhaltsamen, aber nicht verharmlosenden Art. Was für dieses Thema fast schon untragbar erscheint – so wie das riskante Retten von Menschenleben.

The Red Sea Diving Resort

Ein Gauner & Gentleman

EINER, DER´S NICHT LASSEN KANN

7/10

 

THE OLD MAN AND THE GUN© 2019 Thimfilm

 

LAND: USA 2018

REGIE: DAVID LOWERY

CAST: ROBERT REDFORD, CASEY AFFLECK, SISSY SPACEK, DANNY GLOVER, TOM WAITS U. A.

 

Und dabei dachte ich schon, All is Lost war Robert Redfords letzter Film vor der Kamera. In diesem Ein-Personen-Survivaldrama hatte der smarte Weltstar mit diesem einnehmenden, sympathischen Charisma ja eigentlich schon den sinnbildlichen Schlussstrich seiner kinematographischen Existenz gezogen, mit der Hoffnung auf Neuanfang am Ende – und wäre dann de facto auf dem Weg in den künstlerischen Ruhestand, wo man als Künstler ohnehin nicht wirklich untätig bleiben kann. Doch so abhängig von dem, was sie können, das ist nicht nur Clint Eastwood, sondern auch der Gründer des Sundance Filmfestivals und ewiger Partner des Paul Newman. Filmedrehen macht Spaß, das Know-How schütteln diese erfahrenen Haudegen aus dem Ärmel, so wie die Rolling Stones ihre Musik. So leicht und schmerzbefreit meistert auch der mit 82 immer noch gut aussehende Rotschopf (natürlich nachgefärbt) seine bislang jüngste – und diesmal vielleicht wirklich letzte Rolle vor der Kamera: Als Gauner & Gentleman, unter der Regie von David Lowery (A Ghost Story) und mit einem entwaffnenden Charme, der ihm völlig nachvollziehbar den eigentlich unverdienten Mammon in die Hände fallen lässt. Für das Füllhorn unter Aufsicht von Fortuna hat der wohl zuvorkommendste Bankräuber der Kriminalgeschichte zumindest eine Zeit lang die Exklusivrechte. Gemeinsam mit zwei weiteren Gaunern, die so wie er schon längst den Ruhestand genießen könnten, erleichtert der Senior sämtliche Geldinstitute quer über den nordamerikanischen Kontinent um Tausende Dollar – wenn nicht gar um Millionen. Doch um Geld geht es der Rentnergang nicht wirklich. Wo andere zum Fischen fahren oder ihre Briefmarkensammlung erweitern, rauben die drei alleinstehenden Herren eben Banken aus – man gönnt sich im Alter ja sonst nichts. Und da Verbrechen wie hier geradezu glücklich machen, hat zumindest der von Robert Redford verkörperte Gentleman mit Hut, Trenchcoat und falschem Bart ein motivierendes Lächeln auf den Lippen. Bei Lowerys True Crime Story sieht man wiedermal – mit Manieren und Höflichkeit kommt man anscheinend weiter. Und hat die Gunst der Bestohlenen sogar auf seiner Seite.

Dieser Film, der wäre nicht gedreht worden ohne Robert Redford. Zumindest sage ich das. Denn so angegossen hätte wohl niemand anderem die Rolle des durch einen Zeitungsartikel im New Yorker bekanntgewordenen Fluchträubers Forrest Tucker  gepasst. Diesem verschmitzten Spaß am gutgemeinten „Bösen“ kann Redford nicht widerstehen. Einmal noch auf den Putz hauen, das spürt man in jeder Szene. Und einmal noch dem Herzen folgen. Das tut der Gauner dann auch, indem er Sissy Spacek auf ihre Pferderanch folgt, wo sich der Kultstar, der aus der Filmgeschichte einfach nicht wegzudenken ist, seiner filmischen Highlights besinnt. Dort finden sich scheinbar unbegrenzte Möglichkeiten, nochmal einen Blick zurückzuwerfen auf Klassiker wie Butch Cassidy & the Sundance Kid, Der Elektrische Reiter oder Der Clou. Wenn Redford so am Pferd sitzt, im Poncho und im fahlen Abendlicht, dann ist das eine wehmütige Hommage auf eine Karriere, die in ihrem integren Selbstbewusstsein ihresgleichen sucht.

Lowery lässt Ein Gauner & Gentleman betont gechillt von der Spule. Mit unaufgeregt jazzigen Musiknummern unterlegt, entfaltet der Film anfangs die Sogwirkung eines versonnenen Small Talks mit Leuten, die man erst kürzlich kennengelernt hat. Diese Entschleunigung ist ziemlich aus der Zeit gefallen – wie das ganze Werk. Denn was Lowery neben der Wahl seiner Besetzung noch gelingt, ist, die frühen Achtzigerjahre, die noch stark den Zeitgeist der Siebziger atmen, nicht nur anhand sämtlicher Requisiten in Mode und Technik anzudeuten, sondern auch genauso zu filmen. Man nehme Klassiker wie Die Unbestechlichen oder Die Tage des Condors – im Imitieren dieser Retro-Optik, die in Grobkörnigkeit, natürlichem Licht und angenehm distanzierten Bildkompositionen ihren Steckbrief findet, gibt sich Lowery nicht nur mit dem Offensichtlichen zufrieden, sondern lässt Ein Gauner & Gentlemen auch so aussehen, als wäre es eine Krimikomödie, die schon seit mehreren Dekaden abgedreht ist und dennoch immer noch oder erneut gut funktioniert. Lowery hat das Glück, einer von wenigen zu sein, die über Glockenhosen, Wählscheibentelefon und Schnauzer hinausgehen, wenn sie von damals erzählen wollen. Das macht den Film zu einer Art elegantem Experiment, welches vom rechtlosen Drang nach Freiheit erzählt, wie damals, im Wilden Westen, als Sundance Kid auf der Flucht war. Eine Reminiszenz, die Robert Redford sicher viel bedeutet hat.

Ein Gauner & Gentleman

Jungle

MUTTER NATUR IM NACKEN

6,5/10

 

Photo Editor© 2017 Splendid Film GmbH

 

LAND: USA 2017

REGIE: GREG MCLEAN

MIT DANIEL RADCLIFFE, THOMAS KRETSCHMANN, ALEX RUSSEL, YASMIN KASSIM U. A.

 

Welcome to the Jungle ist als Abenteuer-Euphemismus mal prinzipiell völlig falsch. Willkommenskultur kennt der Dschungel nämlich keine. Wer sich da hineinwagt, ist selber schuld. Als Dschungel wird mal über den Kamm geschoren alles bezeichnet, was einem tropischen Regenwald gleichkommt. Unwegsames Gelände, frei von Forstwirtschaft. Wo alles kreuz und quer wächst, was halt eben so wächst. Und wo sich Fuchs und Hase keine Gute Nacht wünschen, sondern auffressen. Klar gibt’s da auch diverse Levels im Ökosystem. Vom Convenience-Tropenwald für Öko-Ausflügler bis zu El Dorado als Stecknadel in einem Heuhaufen, der lebensfeindlicher nicht geht, der aber als Hot Spot der Arten im Grunde alle Stücke spielt – Der Amazonas. Der ist ja an sich „nur“ der Fluss, als Amazonas wird aber mittlerweile die gesamte grüne Lunge Südamerikas bezeichnet. Und die ist seit Menschengedenken ein metaphysisches Mysterium voller Legenden, Gefahren und One-Way-Tickets. Letztes Jahr war ich selbst am Rio Negro. Und ja – der kleine Teaser eines möglichen großen Abenteuers war berauschend genug.

Yossi Ghinsbergh war anfangs einer, der mit beiden Tickets in den Dschungel ging. Als Weltenbummler Anfang der Achtziger hat der Israeli schon so einiges von der Welt gesehen. Aber noch niemals so wirklich einen Dschungel. Welch ein Glück, dass ihm ein gewisser Karl begegnet – ein windiger Typ, ein Lonesome Cowboy, ein Aussteiger par excellence, so geheimnisvoll wie unberechenbar. Gemeinsam mit zwei anderen Reisegefährten macht sich Yossi auf ins neue Abenteuer – auf der Suche nach einem verborgenen indigenen Stamm mitten im Nirgendwo. Klar kommen die drei Reisenden in Anbetracht der fehlenden Erfahrung im Dschungel aller Dschungel wie die Jungfrau zum Kind. Wer die grüne Hölle nicht irgendwie einzuschätzen weiß, ist gefundenes Fressen. Also müssen die Burschen in jeder Hinsicht an ihre Grenzen gehen, bis sie sich trennen und der dubiose Karl mit einem der drei den Rückweg antritt – während Yossi und sein Compagnon auf einem Floß flussabwärts weiter ihr Glück probieren. Natürlich geht auch das schief. Der Worst Case tritt ein und die beiden verlieren und verirren sich. Wobei die True Story aus Sicht des Israelis erzählt wird. Und der ist fortan auf sich allein gestellt, irgendwo im Grünen, verloren und verdammt, im Kreis zu gehen, zu hungern und zu dürsten, sich von Ameisen beißen zu lassen oder als Wirt für Parasiten herzuhalten. Vom Jaguar verfolgt oder vom Regen durchnässt zu werden. Jungle ist ein Abenteuerdrama, das zeigt, wie sehr man die Natur nicht unterschätzen darf.

Für diesen Brutal-Exkurs nach Tatsachen, die auch in dem von National Geographic verlegten Bericht Dem Dschungel entkommen nachzulesen sind, hat sich niemand anderer als der erwachsen gewordene Harry Potter verpflichtet. Daniel Radcliffe, der immer noch verzweifelt versucht, das Brandmal des Zauberkünstlers von seiner Stirn zu wischen, glänzt in herausfordernden Rollen, die nicht jeder bereit wäre zu spielen. Wie Robert Pattinson dürfte Radcliffe seine kommende Schauspielkarriere im gehobeneren Independent-Sektor gut aufgehoben wissen. Schauspielern kann er ja, und ich persönlich folge Radcliffe – ob als furzenden Halbzombie oder ausgemergelten Überlebenskünstler – bei seinen filmischen Challenges wirklich gerne. Für Jungle hat sich Radcliffe Christian Bale´s Entbehrungsbereitschaft bei Werner Herzog´s Rescue Dawn abgeguckt – am Ende des Survivalthrillers ist der junge Brite kaum mehr zu erkennen, so lehmverkrustet und abgemagert stolpert er durch die prachtvolle Naturkulisse – die nur zum Schein das Paradies bereithält.

Der australische Filmemacher Greg McLean (Das Belko Experiment, Wolf Creek) bringt mit seiner zumindest teilweise als One Man Tor-Tour zu verstehende Blätterodyssee entwurzelten Alpha-Städtern, die die Welt, auf der wir leben, fahrlässig vergraulen, ordentlich Respekt bei. Wie klein Homo sapiens wird, wenn er auf einem Planeten ums Überleben kämpft, den er gewissermaßen als unterworfen sieht, lässt sich in Jungle treffsicher beobachten. Was ich für meinen Teil tun werde, ist, Yossi Ghinsbergh´s Bericht auf alle Fälle nachzulesen. Alle Details werden filmisch sicher nicht verarbeitet worden sein – und für all jene, die das Verhältnis Mensch-Natur genauso fasziniert wie mich, sei dieser spannende Bericht einer Entführung durch Mutter Natur entweder als Buch oder als Film gleichermaßen empfohlen.

Jungle

Mute

ICH HAB NOCH EINEN KOFFER IN BERLIN

7/10

 

Mute© 2018 Netflix

 

LAND: GROSSBRITANNIEN, DEUTSCHLAND 2018

DREHBUCH & REGIE: DUNCAN JONES

MIT ALEXANDER SKARSGÅRD, PAUL RUDD, JUSTIN THEROUX, SEYNEB SALEH U. A.

 

Sehr schade, dass das Warcraft-Franchise unter der Regie von Duncan Jones im Kino nicht durchstarten konnte. Aber das konnte Hulk unter der Regie von Ang Lee auch nicht. Warum nicht? Eine Theorie hätte ich da. Beide Filmemacher haben ihre eigenen Visionen. Gut, welcher Filmemacher hat die nicht, aber die beiden sind schon einen Schritt weiter gewesen, als ihnen das Projekt Blockbuster auferlegt wurde. Künstlerische Differenzen sind da womöglich vorprogrammiert. Dennoch hatten beide zumindest die Chance ergriffen, ihre ganz eigene Interpretation von Popkultur zu verwirklichen. Doch Undank war des Publikums Lohn. Halbleere Kinosäle für Filme, die mehr wollten als nur die Kasse klingeln lassen.

Zurück also zum Ursprung. So schnell wird sich der Filius von David Bowie der Versuchung des schnellen Geldes nicht mehr hingeben. Das hat sein Papa auch nicht getan – und dennoch vollen Erfolg erzielt. Aber das ist etwas, was man vorab nicht wissen kann. Und es ist ja nicht so, dass Jones´ Erstling Moon kein achtbarer Erfolg war. Zumindest im Independent-Sektor des Science-Fiction Genres gilt das Solo-Drama am Erdtrabanten als innovativer Meilenstein. Source Code war nicht weniger beklemmend, wenn nicht gar noch mehr verstörend als der Einstand mit Neo-Oscarpreisträger Sam Rockwell. In Mute scheint sich Duncan Jones tief vor einem seiner möglichen Kino-Top Ten zu verbeugen – nämlich vor Blade Runner. Die urbanen Dystopien eines Philip K. Dick sind genau sein Ding, diese gesellschaftskritische Art von Science-Fiction, die keine Alien-Invasionen abwehren muss, sondern von innen heraus, durch die Technologie und den Fortschrittsglauben des Menschen, unterwandert wird. Alles keine rosigen Aussichten, eben wie in Ridley Scott´s Kult-Klassiker, der unter der Regie des Visionärs Denis Villeneuve eine vor allem visuell mächtige Fortsetzung fand. Auch Villeneuve ist ein Filmemacher auf seine Art. Das gefällt den Produzenten oder eben nicht. Duncan Jones hat für seinen futuristischen Film Noir das Streaming-Imperium Netflix gewinnen können. Netflix riskiert so einiges im Filmsektor, was ich erstmal sehr begrüßenswert finde. Wäre schön, wenn sich Netflix noch eine Kinokette krallt, dann könnten wir so bildgewaltige Filme wie Auslöschung und eben Mute auch auf Großformat genießen – wo beide Filme auch hingehören.

Jones taucht tief in den Farbpinsel und lässt so gut wie alle Ecken und Enden eines überbevölkerten, versifften Berlins in Blau- und Violett-Tönen irrlichtern, was das Post-Productions-Graffiti so hergibt. Zwischen all den Abgasen, zwielichtigen Gestalten und einem verspäteten Punk-Rock-Revival sucht ein stummer Barkeeper nach der Liebe seines Lebens. Von einem Tag auf den anderen verschwunden, hat die blauhaarige Kellnerin bis auf ein paar wenige kryptische letzte Worte keinen Hinweis hinterlassen. Mute fängt an wie ein Howard Hawks-Krimi, nur dass Alexander Skarsgård (Legend of Tarzan, True Blood) nicht als Detektiv investigiert, sondern als Einzelgänger, der mit Zeichensprache, Kopfnicken und defensiv-eruptiver Gewalt dem Abgang seiner Vertrauten auf die Spur kommen will. Das geht sehr tief in die Keller der Unterwelt hinein, wo wir auf Justin Theroux und Paul Rudd stoßen, von welchem ich kaum glauben kann, ihn als wohlgesonnen Marvel-Minikin Ant-Man gesehen zu haben. Rudd kehrt hier die düstersten Winkel seiner Seele hervor. Mit buschiger Rotzbremse und ungehobeltem Verhalten lehrt er nicht nur der Filmfigur Leo Beiler Respekt – so greifbar verkommen wie Rudd war schon lange kein Antagonist mehr, trotz Liebe zu seiner Filmtochter.

Mute ist ein ambivalentes Machwerk mit klassischen Film Noir-Elementen, die schon Ridley Scott in seinem Blade Runner gekonnt mit unheilvollen Android-Visionen kombiniert hat. Mute gelingt die Nachahmung ansatzweise ähnlich gut, nur seine Blick in die Zukunft ist auch ein verkappter Blick in die Vergangenheit, in die 80er Jahre des eigenen Berlin-Aufenthalts, unter der Obhut von Papa David Bowie, der hier eine Zeit lang gelebt hat. So richtig Science-Fiction ist Mute außerdem nicht wirklich, jedenfalls aber irgendwas dazwischen. Und obwohl der Film vor allem in der ersten Hälfte deutliche Überlängen aufweist und gleich zwei Handlungsebenen Geraden gleich, die sich irgendwann in der Unendlichkeit berühren mögen, stur vorwärts treibt, bekommt Mute im letzten Drittel auf eine Weise die Kurve, mit der ich leise gähnend nicht mehr gerechnet hätte. Denn siehe da – die Tangenten berühren sich. Und das nicht gerade zaghaft. Wenn sich der lichtverschmutzte Nebel hebt und die auf der Zunge liegende große Rätselfrage des Filmes, wohin die ganze Geschichte eigentlich führen soll und ob sie überhaupt irgendwo hin führt, anstatt zu versanden glasklar offenbart wie die Luft nach einem Gewitter – dann hat Duncan Jones ein in sich plausibles, dramatisches wie gleichsam faszinierendes Drehbuch verfasst, in dem Liebe, Hass und die Abgründe dazwischen zu einem formvollendeten Finale finden.

Mute

Ready Player One

WIR KINDER DER 80ER

6/10

 

readyplayerone© 2000-2017 Warner Bros.

 

LAND: USA 2018

REGIE: STEVEN SPIELBERG

MIT TYE SHERIDAN, OLIVIA COOKE, BEN MENDELSOHN, MARK RYLANCE, SIMON PEGG U. A.

 

Beim Lesen der Lektüre von Autor Ernest Cline wird das ewige Kind Hollywoods wohl feuchte Augen bekommen haben. „Wenn einer Ready Player One verfilmen soll, dann muss das ich sein“, wird Spielberg gedacht haben. Eine Herzensangelegenheit, die letzten Endes mehrere Jahre seines Schaffens in Anspruch genommen hat. Bei Spielberg müsste man meinen, Tür und Tor würden sich öffnen, wenn es vor allem darum geht, Lizenzen fürs vielfache Zitieren unvergesslicher Blockbuster zu erlangen. Nun, um Biff aus Zurück in die Zukunft zu zitieren: „Da hast du falsch gedacht, Würstchen“. Und damit hat Spielberg mit dieser Verfilmung so seine Probleme bekommen – und musste sich nach der Decke strecken. Disney hat dem Starregisseur die Tür vor der Nase zugeknallt. Daher wird man Zitate aus Star Wars oder Tron flächendeckend vermissen. Und nicht nur das – es fehlt so einiges aus dem Universum der 80er. So einiges. Sogar Spielbergs eigenes Oeuvre, die er aus einer falschen Bescheidenheit heraus bis auf eine Ausnahme geradezu verleugnet. Das Vermissen sämtlicher Jugendlieblinge dominiert alsbald das Geschehen. Oder sagen wir so – die liebevoll ehrende Verbeugung vor den Helden der Kindheit ist ein zaghafter Kratzfuß – wenn man Ready Player One aus diesem Blickwinkel betrachtet. Normalerweise ist „Nehmen, was man kriegen kann“ nicht unbedingt Spielberg´s Devise. Der Mann gibt sich doch nicht mit halben Sachen zufrieden? In diesem Punkt aber schon. Gemacht ist gemacht. Und das Kind im Manne glücklich entspannt.

Womit wir bei der Haben-Seite von Ready Player One wären. Glücklich entspannt und genüsslich unterhalten ist man nämlich genauso wie Spielberg selbst. Denn was die Computerspiel-Odyssee Tron für die 80er war, will Ready Player One für das neue Jahrtausend erfüllen. Einmal eingetaucht in die Oasis, offenbart sich die Bewegtbildergalerie eines Fiebertraums unserer Franchise- und Merchandise-Jugend als quirlige Orgie der Figuren, Reminiszenzen und unbegrenzten Möglichkeiten. Ein flashiger Mix aus High Fantasy, Spielemesse und Science-Fiction, die in seiner Opulenz an Luc Besson´s Valerian-Märchenwelt erinnert. Die Oasis ist so etwas wie ein scheinbar geordnetes, aber doch wieder regelloses Chaos. Eine Comic Con ohne Panels, und wenn, dann nur mit einem einzigen, auf dem sich alles trifft, was auf der Chart-Gästeliste notiert wurde. Und die Charts werden im Shuffle präsentiert, rauf und runter. Dazwischen die ganze Menschheit in ihren Avataren, ausgerüstet mit einem Equipment, das, um noch eines draufzusetzen, nochmal mehr kann. Also entweder ist man von der virtuellen Welt heillos überfordert, oder man gibt sich der Sucht hin. Und nirgendwo anders hin verlockt Ernest Clines literarischer Entwurf. Ein Drogenrausch ohne Nebenwirkungen. Oder naja – die Nebenwirkung ist die, seine physische Existenz dem Schlendrian preiszugeben. Dementsprechend versifft der Planet Erde in fahrlässiger Dauerlethargie, während die Oasis fröhliche Urstände feiert. Ob im endlosen Gefecht auf der Ebene der Verdammnis oder in der wohl härtesten Rallye der Filmgeschichte, die selbst das ausgekochte Schlitzohr Burt Reynolds blass um die Nase werden lässt. Da kann es schon passieren, dass ein gigantischer T-Rex den Kühler deines Schlittens verspeist. Oder King Kong die Straße wie eine Banane schält. So gesehen haben wir schon längst die 80er verlassen. Statt Darth Vader gibt’s den Riesenaffen am Empire State Building. Und Stanley Kubrick würde seine Hände über dem Kopf zusammenschlagen, und, würde er noch leben, mit Steven Spielberg kein Wort mehr wechseln. Obwohl die Shining-Reminiszenz immerhin eine der pfiffigsten Szenen des Films ist.

Die Intermezzi in der realen Welt sind Beiwerk. Nötig, um den Szenencocktail der Oasis in eine Story zu packen. Janusz Kaminski liefert gewohnt grobkörnige Bilder in gleißend-staubigem Gegenlicht. Sonst hält Spielberg mit seinem Missfallen der Echtwelt gegenüber nicht hinterm Berg. Was er hier aufbringt, ist halbgares Anfängerglück. Seltsam unvollendet für einen Meister seiner Klasse. Dazu auch sein nüchterner Vor- und Abspann, reduziert auf Schwarzweiß-Credits Marke Woody Allen. Da fehlt doch noch was? Enttäuschend, wie sehr Spielbergs Film stellenweise aussieht wie seine eigene Rohfassung. Abgesehen vom Verdacht des Zeitdrucks könnte dies auch beabsichtigt gewesen sein. Warum, weiß ich nicht. Und wenn ja, geht der Schuss nach hinten los.

Vielleicht ist Ready Player One das zeitgeistige Manifest für eine Flucht aus einer Realität, vor der man ohnmächtig resigniert? Ein Imperativ zur Selbstfindung an der Konsole, die Welt als gescheiterten versuch betrachtend, in der es keinen Reboot gibt? Im Spiel allerdings schon, noch dazu gibt’s den garantierten Karrierekick in ein höheres Level. Höre nur ich diesen stellenweise bitteren Unterton, oder ist Ready Player One wirklich ein fatalistisches Gloria auf die Migration in den Pixelraum? Womöglich höre ich das Gras wachsen. Und zugegeben – Spielberg bekommt ja in letzter Sekunde noch die Kurve und lässt den Bräutigam die Braut küssen. Und was Vernünftiges zu essen, so Oasis-Erfinder Halliday. bekommt man auch nur, wenn man den Avatar mal kurz unbeaufsichtigt lässt.

Ich habe nie wirklich Computerspiele gespielt. Dieses Medium ist für mich unbekanntes Terrain. Ready Player One gibt mir aber einen Einblick, was auf diesem Sektor mittlerweile alles möglich sein kann. Und ja, es gefällt mir. Sieht verdammt nochmal gut aus. Fetzt, wie es nur fetzen kann. Selbst die glupschäugige Art3mis hat Sex-Appeal. Kann sein, dass ich mich demnächst ins nächste VR-Brillen-Café begebe und nebst Melange andere Realitäten teste. Für andere, die das Medium kennen, könnte der Ausflug in gerenderte Welten ein bisschen zu viel von bereits Gespieltem sein – vor allem auch weil sie selbst nicht interagieren können. Aber wie auch immer Ready Player One zu sehen ist – ob als hysterischer Zitatenschatz oder Petition zur Anerkennung generierter Welten als legitime Paralleluniversen – Spielberg´s Film zur Geschichte der Traumfabrik ist ein fabrizierter Traum mit Mängel, der zwar seltsam irritiert, auf digitale Jungfernfahrer wie mich aber verlockend gefällig wirkt. Und das Rätseln, welcher Avatar man wohl selbst am liebsten wäre, macht die dramaturgische Ungelenkigkeit wie die des Giganten aus dem All fast schon vergessen. Aber nur fast.

Ready Player One

Killing Hasselhoff

TOTGESAGTE LEBEN LÄNGER

4/10

 

killinghoff© 2017 Universal Pictures / Quelle: darkagent.blogsit.net

 

LAND: USA 2017

REGIE: Darren Grant

Mit David Hasselhoff, Ken Jeong, Rhys Darby, Michael Winslow u. a.

 

Erste Regel: Don´t hassle the Hoff. Zweite Regel: Tust du es doch, tritt automatisch Regel Nr. 1 in Kraft. Denn mit he Hoff legt man sich grundsätzlich nicht an. Niemals nicht. Gut, man kann warten, bis er ins Gras beißt. Tut er das nicht, kann man ja auch mal da oder dort nachhelfen. Vor allem, wenn mächtig Kohle dabei herausspringt. Vorausgesetzt, man gewinnt die Wette, welcher Promi zuerst das Zeitliche segnet. Wäre es David Hasselhoff, hätte Ken Jeong, bekannt als ausgeflippter Asiat aus der Hangover-Trilogie, mehr als ausgesorgt. Der Nachtclub wäre nicht mehr verschuldet, und bei so manch bösem Buben wäre der Alltime-Loser schuldenfrei, was außerdem noch für die körperliche Gesundheit begünstigend wäre. Also dann, nichts wie ran an den alten Rettungsschwimmer, der auch nach so vielen Jahren Bildschirmabstinenz immer noch Kultstatus genießt.

Dieser Hasselhoff-Mythos, der rührt nicht nur von Baywatch her. Da war in den 80ern noch etwas ganz anders, was uns vor die Glotze getrieben hat: nämlich Knight Rider. Ein Mann und sein Auto kämpfen gegen das Unrecht – damals hat das sprechende Auto K.I.T.T. Hasselhoff ohnehin die Show gestohlen, dem fast zwei Meter großen Gigolo mit Lederjacke und Dauerwelle. Dennoch hat es für den Einlass in den Serien-Olymp gereicht. Und gesungen – gesungen hat der sympathische Kalifornier auch noch. Das ist jetzt kein akustisches Must-Hear, aber dennoch ein nostalgischer Ausflug in eine Zei des persönlichen wie politischen Um- und Aufbruchs. Looking for Freedom. Besser ließ sich die Wende damals ja gar nicht beschreiben.

Mittlerweile ist Hasselhoff Symbol der skurrilen, unfreiwillig komischen, aber liebenswerten Achtziger und beginnenden Neunziger geworden. Für Selbstironie, herzhaftem Trash und TV-Score-Party. Brusthaar und Baywatch-Boje inklusive. Bei soviel Guilty Pleasure ist Killing Hasselhoff für die Achtziger-Generation fast schon Pflicht. So wie die Expendables. dem Halali alternder Actionstars mit Sinn fürs Rezitieren popkultureller Zitate. Wobei mir einfällt: Hasselhoff war niemals bei Stallones Retro-Ballerei zugegen, nicht mal als Cameo. Dafür aber bei Guardians of Galaxy Vol.2, und das unter Lachgarantie. Und bitteschön – hier hat er seinen eigenen Film. Für welchen er sich, hätte the Hoff nicht gar so viel Selbstironie, geradezu fremdschämen müsste. Denn Killing Hasselhoff ist seichter Klamauk zwischen Hangover und Kill the Boss, im Grunde miserabel erdichtet und unbeholfen inszeniert. Die Witzkiste strotzt vor peinlichen Kalauern, und wäre David Hasselhoff nicht das Objekt der Begierde und gäbe es nicht jede Menge Reminiszenzen an die TV-Highlights vergangener Jahrzehnte, wäre Killing Hasselhoff zu vergessen. Im Grunde ist es das ja auch, nur der in die Jahre gekommene, lange Lulatsch mitsamt seiner kindlichen Spielfreude und eingezogener Altmännerwampe baggert sich ins Gedächtnis. Aber war das nicht der Grund, warum ich mir die Mordversuche an Mitch Buchannon aka Michael Knight trotz begrenzter Lebenszeit überhaupt erst angetan habe?

Killing Hasselhoff