The King

SCHLACHTEN, DIE GESCHICHTE MACHTEN

8/10

 

theking© 2019 Netflix

 

LAND: GROSSBRITANNIEN, UNGARN, AUSTRALIEN 2019

REGIE: DAVID MICHÔD

CAST: TIMOTHÉE CHALAMET, JOEL EDGERTON, SEAN HARRIS, BEN MENDELSOHN, LILY-ROSE DEPP, ROBERT PATTINSON U. A.

 

Issos, Actium, Dürnkrut oder Hastings – Wendepunkte der Geschichte, mit Schwert, Schild und Kriegsgerät erzwungen. Hätte die jeweils andere Partei gewonnen, hätten wir eine gänzlich andere Gegenwart und wäre Europa nicht zu dem geworden, was es ist. Kriege also, die waren die Politik der Antike, des Mittelalters und weit darüber hinaus. Statt Wahlduelle im Fernsehen Schlachten, die Geschichte machten. Zu eingangs erwähnten Eckpfeilern aus Tod und Verderben gesellt sich die alles andere als unter ferner Liefen geschlagene, legendäre Schlacht von Azincourt am 25. Oktober 1415: England gegen Frankreich, mit der die zweite Phase des bis 1453 andauernden 100jährigen Krieges begann. Unter flatterndem Banner und mit Gottes Segen: Heinrich V. Widerspenstiger Prinzensprössling und später König wider Willen – idealistisch, besonnen und klug, leider aber auch leicht beeinflussbar. Mit der Schlacht bei Azincourt schrieb der junge Mann aufgrund seiner taktischen Asse im Ärmel wie Langbögen und Kriegern in leichten Rüstungen schwarze Zahlen, denn mit dem Gemetzel im herbstlichen Schlamm, das bis heute als strategische Ausnahmeerscheinung zur Schlachtenanalyse gilt, hat sich England zumindest für kurze Zeit den Westen Europas unter den gerissen. Der Australier David Michöd (u. a. The Rover mit Robert Pattinson) hat für seinen Heinrich V. besetzungstechnisch die absolut richtige Wahl getroffen: Timothée Chalamet brilliert mit mediävalem Undercut und verbissenem Trotz als die puristische Version einer shakespeareschen Theatergestalt, frei von Versen und pathetischem Gehabe, was ihn aber nicht davon abhält, Gänsehaut erzeugende Schlachtenreden zu halten. An seiner Seite ein so bäriger wie bärtiger Joel Edgerton, nicht minder originär – und als Antagonist (zumindest aus der Sicht der Briten) der mittlerweile enorm wandelbare Robert Pattinson in wohl einer seiner besten Nebenrollen.

Da der Cast bis in ebensolche hinein eine charakterlich völlig autarke Dramatis Personae um sich geschart hat, bedarf es nur noch eines geharnischten Sprungs von den Schiffsplanken bis zu festgestampftem Boden packenden Geschichtskinos, die Michöd mit The King mehr als gelungen ist. Tatsächlich darf der Streamingriese Netflix stolz sein, mit diesem brandneuen Schlachtenepos endlich mal wieder den fahrig produzierten On-Demand-Einheitsbrei hinter sich gelassen und neben Alfonso Cuarons Roma die bislang beste Produktion in seinen Bauchladen aufgenommen zu haben. Dem fast zweieinhalb Stunden langen Film (dessen Laufzeit man ihm nicht anmerkt) gelingt es, die wuchtige, aufgewühlte, spannende Intensität historischer Meisterwerke wie Elizabeth von Shekhar Kapur mühelos zu erreichen. Und das, weil Michöd sich eigentlich nur auf eines konzentriert – auf die penible Rekonstruktion eines nachhaltigen Kräftemessens, mit dem Anspruch, so detailliert wie möglich auf all die Wägbar- und Unwägbarkeiten der beiden Parteien in dieser Konfrontation einzugehen. Michöd und Edgerton haben da ein ausgezeichnetes, zwischen Vorgeschichte und Höhepunkt perfekt abgestimmtes und ausgewogenes Drehbuch entworfen, dass seinen Charakteren genauso viel Luft lässt wie den Blut- und Boden-Fakten der epochalen Schlacht. Und selten zuvor, nicht mal in Game of Thrones, hat man jemals gesehen, wie sich von Kopf bis Fuß geharnischte Ritter wie hier auf der vom Regen morastigen Wiese bei Azincourt den Rest geben. Das ist ein Blechsalat, den muss man gesehen haben, das ist ein Kampf, der letzten Endes keine Gefangenen macht. Dabei lässt Michöd expliziter Gewalt kaum Spielraum, und wenn, dann nur, wenn unbedingt nötig. Der Film ist zwar brutal, weil mittelalterliche Schlachten eben brutal sind, doch gerät die Gewalt nicht zum Selbstzweck, sondern bleibt archaische Notwendigkeit, wenn es darum geht, dem frechen, überheblichen Dauphin Frankreichs wortwörtlich den Boden unter den Füßen wegzuziehen.

Wer eine Leidenschaft für Geschichte hat, wer das späte Mittelalter in seiner kühnen, kalten, bitteren Rauheit und seinem Kalkül aus Vergeltung, Bestrafung und Barmherzigkeit unter Freunden faszinierend genug findet, der sollte um The King keinen Bogen machen. Sondern lieber den Bogen spannen – um irgendwie dabei zu sein, in einem Gefecht, das mit urtümlichen, gemäldeartigen Bildern und erdigen, kargen Kontrasten in ein Damals lädt, wo Könige noch an vorderster Front waren. Und wir hintendrein.

The King

Nobadi

WER ANDEREN EINE GRUBE GRÄBT

7/10

 

nobadi© 2019 Thimfilm

 

LAND: ÖSTERREICH 2019

REGIE: KARL MARKOVICS

CAST: HEINZ TRIXNER, BORHAN HASSAN ZADEH, JULIA SCHRANZ, MARIA FLIRI U. A.

 

Mit dem preisgekrönten Film Atmen hat der österreichische Schauspieler Karl Markovics ein bemerkenswertes Regiedebüt hingelegt. Selten war das Thema Tod so ein Hingucker, selten so sensibel und gleichzeitig so rüschenlos betrachtet worden. Markovics ist ein Künstler. Wenn er Regie führt, so schreibt er sein Projekt auch selbst. Und das sind Themen, die nicht unbedingt die Säle füllen. Markovics bezweckt das gar nicht. Er tut, was ihn in erster Linie selbst bereichert, und er scheut sich davor, sich dem Geschmack des Publikums anzubiedern. Das geht vielen österreichischen Filmemachern so, aber Markovics fällt mehr auf als andere, vielleicht, weil er anders an das Erzählenwollende herangeht, weil er analytisch vorgeht, besonnen und nicht übereilt. Weil er Dinge erzählt, die meines Erachtens relevant sind. Wie zum Beispiel das Mysterium des Todes aus psychosozialer Sicht. Oder das Göttliche, das sich äußert wie ein schizophrener Schub, so gesehen in Superwelt mit Ulrike Beimpold als völlig verpeilte Hausfrau. Mit Superwelt hat sich Markovics deutlich schwerer getan – sein zweiter Film ist fast schon missglückt, vielleicht weil er sich dazu verleiten ließ, mehr ins Esoterische abzugleiten als beabsichtigt. In Nobadi findet er wieder zurück zu seinen Skills, die er beherrscht, nämlich nicht nur die monologisierende, sondern auch die zwischenmenschliche Extremsituation im wahrsten Sinne des Wortes herauszusezieren. Das schmeckt nicht unbedingt, ist aber wirklich sehenswert.

Der Name des Flüchtlings: Nobadi, also Nobody – Niemand. Das jemand so genannt wird, wissen wir seit Homer. Während seiner Irrfahrt durch das Mittelmeer entschied der kluge Odysseus im Angesicht des menschenfressenden Zyklopen Polyphem, sich selbst lieber keinen Namen zu geben. Ein weiser Schachzug, wie die Legende beweist. So wie der Grieche aus Ithaka heimatlos durch sämtliche Abenteuer schippert, so schippert der junge Afghane nach Wien – zuerst auf den Arbeiterstrich, dann in den 15. Wiener Gemeindebezirk, in die Kleingartenanlage Zukunft – was für ein Omen. Die Suche nach einem Job treibt ihn geradewegs in die altersfleckigen Hände des Witwers Senft, der wiederum den Tod seines Hundes betrauert, über Tierärzte schimpft und lieber hinterm Haus ein Loch puddelt, um den Pudel zur letzten Ruhe zu betten. Der namenlose Flüchtling geht ihm für 3 Euro die Stunde zur Hand – und weiß gar nicht, welche Wendung sein Leben nehmen wird.

Karl Markovics´ überaus dicht inszeniertes Kammerspiel geht wortwörtlich an die Substanz. Natürlich ist es nicht verwunderlich, dass ein Film wie Nobadi den Österreichischen Filmfond begeistert hat, findet sich darin doch einiges aus dem War- und Ist-Zustand gesellschaftspolitischer Befindlichkeiten wieder. Doch es scheint nicht so, als wäre die Thematik in Nobadi ein den Förderchancen angepasstes Szenario gewesen, auch wenn der völlig selbstmitleidlose Streifen sowohl an die Verfolgung ethnischer Minderheiten in der NS-Zeit als auch an die Flüchtlingskrise vor ein paar Jahren erinnert, an den fatalen Um- und Notstand also, vertrieben worden zu sein. Für einen knapp 90minütigen Film würde das schon reichen, aber Nobadi geht tiefer, will gar etwas Basaleres. Was der alte Herr Senft vorhat, kommt unerwartet und wie mit dem Stellwagen ins Gesicht. Seine traumatische Besessenheit – aus Reue, Wiedergutmachung oder einfach nur aus Prinzip, das bleibt unklar – folgt einem geradezu wienerisch-morbiden Amoklauf zwischen Macht-Ohnmacht-Balance und einem verstörenden Notfallplan, um Nobadi nicht dem Vergessen zu opfern. Das ist eine düstere, durchaus blutige und hingebungsvoll nihilistische Miniatur, die einem aber seltsamerweise nicht  den Boden unter den Füßen wegzieht, weil Markovics eine durchdachte, wunderschön abgerundete Kleingartenallegorie geschaffen hat, die eine Nacht lang altruistische Werte neu und durchaus radikal, wenn nicht gar auf paradoxe Weise, hinterfragt. Das ist manchmal vielleicht zu dick aufgetragen, zu sehr mit der Gartentür ins Haus, aber unterm Strich gelingt dem ehemaligen Stockinger ein seufzendes Requiem auf einen völlig von den Göttern verlassenen Odysseus, der Polyphem als einzigen Freund hat.

Nobadi

Parasite

MIT BESTEN EMPFEHLUNGEN

7/10

 

parasite© 2019 Koch Films

 

LAND: SÜDKOREA 2019

REGIE: BONG JOON-HO

CAST: SONG KANG HO, LEE SUN KYUN, CHO YEO JEONG, CHOI WOO SHIK, PARK SO DAM, LEE JUNG EUN, CHANG HYAE JIN U. A.

 

„Ich kenn da wen, der kennt da wen…“ – diesen Postenschacher der jovial aushelfenden Art, sträflicherweise sowohl in der Politik als auch gern gesehen im Privatbereich, den kennen wir alle. Nichts geht über gute Beziehungen, und keiner braucht mehr die Gelben Seiten, wenn die Freunderlwirtschaft institutionalisiert werden würde. Die neureiche koreanische Familie Kim kann sich entspannt zurücklehnen – wie durch Zauberhand geben sich engelsgleiche Aushilfen in einem piekfeinen, architektonischen Juwel namens Zuhause die Klinke in die Hand – jeder und jede eine Koryphäe auf ihrem Gebiet. Scheint das verdächtig? Nicht für Familie Kim. Die hat andere Sorgen, ist vielbeschäftigt und merkt nicht mal, dass Englischlehrer, Kunsttherapeutin, Chauffeur und Haushaltshilfe letzten Endes alle eine Familie sind, die sich in den exorbitanten Reichtum ihrer eigenen Lottosieger-Spiegelbilder auf raffinierte Weise einschleicht. Home Invasion der kultivierten Art könnte man das nennen. Die andere, die Schleicherfamilie, die wohnt irgendwo in einer muffigen Kellerwohnung, die bei Starkregen schon mal überflutet wird. Aus der existenziellen Not machen die Vier eine Tugend im Eigeninteresse, erlernen ihren bis ins Detail durchkonzipierten, gesellschaftstauglicheren Avatar und suhlen sich bald wie die Made im Speck inmitten einer unglaublich netten, unglaublich arglosen Oberschicht, die alles hat, und vor allem das, was die anderen nicht haben.

Ob das auf die Dauer gut geht, beobachtet Südkoreas erster Palmengewinner auf seine typisch oszillierende, schwer einzuordnenden Art des – sagen wir mal so – komödiantischen Thrillers, der mit Szenen aufwartet, die in unschlagbar boulevardesker Theatralik griechischer Komödien frönt. Wobei Komödie fast schon ein zu sanftes Wort ist. Parasite ist eine Farce über das vermeintlich unverschämte Glück der Reichen, über das Fallen auf die Butterseite des Lebens und den Neid der kreativen Unterschicht, die lieber improvisiert, um ans Ziel zu kommen. Was ihr gelingt, zumindest temporär, was aber an den Skills liegt, die auch jenseits des kalkulierten Betrugs zu einem besseren Leben führen könnte. Diese Diskrepanz zwischen Arm und Reich, diese Klassengesellschaft in harten Gradationskurven, dieses Pyramidenspiel mit der gönnerhaften Attitüde jener Leute, die das Geld haben, um anschaffen zu können bis zu jenen, die als Plebejer die Infiltration proben, ist im Kino des Bong Joon-Ho kein unbekanntes Terrain, ganz im Gegenteil. Bereits in seiner dystopischen Railway-Parabel Snowpiercer durften sich Chris Evans und Co vom Proletariat bis an die Zugspitze des Establishments vorkämpfen. Krasser lassen sich die Tortenschichten der Gemeinschaft wohl kaum darstellen. Parasite erzählt ungefähr dasselbe, doch hier ist die Machtübernahme eine, die im Geheimen abläuft, wenngleich manche Konfrontation in bizarrem Handgemenge rund um Smartphones die Subtilität erstickt.

Bong Joon-Ho so gut aufgelegtes wie teilweise auch finsteres und zwischendurch sogar melancholisches Drama setzt vor allem in den ersten zwei Dritteln voll auf Zug, ist virtuos geschrieben und skizziert seine Figuren, die er nie wirklich lächerlich macht, mit Liebe zur subversiven Exzentrik. Aus manchen Bildern schwappt der gesellschaftskritische Sarkasmus wie das Abwasser aus der Klomuschel, stets aber ist die überzeichnete Bühnentragik inhärent, die sich aber selbst an gruseliger Absurdität, wenn es hinunter in den Keller geht, nicht die Finger verbrennt. Alles passt auf so typisch koreanische Art zusammen. Das sind Kompositionen, das bekommt das westliche Kino niemals hin. Parasite hängt aber gegen Ende etwas durch, weniger was die atemlose Virtuosität betrifft, sondern vielmehr die Erwartung einer radikalen Konsequenz dieser grotesken Geschichte. In unerwarteter Milde lässt Bong Joon-Ho die Moral obsiegen, kratzt die Kurve zu einem Lehrstück, in dem es keine Sieger gibt, sondern nur verloren werden kann, wenn die Missgunst von allen Seiten Gift und Galle spuckt.

Parasite

The Laundromat

OH WIE SCHÖN IST PANAMA!

6/10

 

laundromat© 2019 Netflix

 

LAND: USA 2019

REGIE: STEVEN SODERBERGH

CAST: GARY OLDMAN, ANTONIO BANDERAS, MERYL STREEP, JAMES CROMWELL, ROBERT PATRICK, DAVID SCHWIMMER, MELISSA RAUCH, SHARON STONE U. A.

 

Das da was war, wissen die meisten. Dass das Ganze mit Panama zu tun hatte auch. Warum damals alle so entrüstet waren, das lag womöglich an dem zum geächteten Modewort deklarierten Begriff Briefkastenfirma. Ein No-Go in der Wirtschaftswelt – oder doch ein Kavaliersdelikt? Wie genau es dazu kommen konnte, das wissen auch nur jene, die dieses bizarre Phänomen wirklich interessiert hat. All jene, die es zwar interessiert hat, die aber nicht die Zeit gefunden hatten, sich ausgiebig in die Materie einzulesen, die können jetzt Methode B wählen – Steven Soderberghs How-done-it-Dramödie The Laundromat. Wir wissen, wie das mit komplexen Themen so ist, und dass wir diese relativ simpel erklärt haben wollen. Ebenfalls Plan B: wir suchen auf YouTube danach. Alles lässt sich dort finden, von der Anleitung, wie man Kettenhemden knüpft bis hin zu wirklich komplizierten Themen wie der String-Theorie. YouTube ist dafür da, einem die Dinge zu erklären, als wäre man sechs Jahre alt. Das ist erhellend, besteht vielleicht nicht zwingend einer Prüfung erfahrener Spezialisten, erläutert aber zumindest in groben Zügen Ursache und Wirkung verästelter Gebilde, wie zum Beispiel jenes zur unlauteren Vermehrung des eigenen Kapitals. Ich bin froh, dass mir Leute erklären, in wenigen Worten und womöglich mit naiven Cartoons illustriert, wie das alles funktioniert, denn wirtschaftsmathematisch fühle ich mich tatsächlich wie ein Grundschüler. Es kann aber auch gut sein, dass Grundschüler locker mehr davon überzuckern als ich es tue.

Soderbergh also, einer, der gerne neues ausprobiert und zuletzt den im Smartphone-Videoformat gedrehten Psychothriller Unsane – Ausgeliefert als Fingerübung mit anderen Medien in die Kinos gebracht hat, bleibt auch mit The Laundromat einem gewissen schnelllebigen Instant-Stil treu, vor allem eines solchen, der ganz unweigerlich an YouTube erinnert. Sein Versuch, die Affäre rund um die Panama Papers in Form eines abendfüllenden Spielfilms aufzuziehen, kanalisiert sich in der teils wüst zusammenmontierten Collage eines Erklärvideos, das sowohl den Opfern als auch den Tätern Stimme verleiht. Die Täter selbst – Jürgen Mossack & Ramón Fonseca, die sich klarerweise schon über Soderberghs Film beschwert hatten – werden als zwei narzisstische Hosts im Glamour- und Glitterlook karikiert, Cocktails schlürfend und die Regeln der Betrugskunst süffisant erörternd. Das beginnt in einer absichtlich künstlich anmutenden Szenerie aus der Frühgeschichte des Menschen und endet mit dem radikalen Durchbrechen der sogenannten Vierten Wand. Dieses Stilmittel allerdings zaubert Soderbergh den ganzen Film hindurch aus dem Hut – Gary Oldman und Antonio Banderas, beide mit Spaß an der Sache, sind eigentlich nur dazu da, um mit den Zuschauern zu kokettieren. Meryl Streep hingegen als nach Strich und Faden betrogene Witwe, die dem eigentümlichen Schweigen ihrer Versicherungsgesellschaft auf den Grund kommen will, gesellt sich erst am Ende dazu. The Laundromat ist aber kein Werk, das ihr heißes Eisen mit Schutzhandschuhen anpackt oder die Krux mit der Geldwäscherei behutsam aufrollt. Angepackt wird das Ganze mit nackten Fingern, und dementsprechend flott und fahrig über Spielfilmlänge jongliert.

Da die intellektuelle Riege Hollywoods ohnehin trotz eigenem exorbitanten materiellen Wohlstand dem asozialen Kapitalismus relativ ablehnend gegenübersteht, ist es auch nicht verwunderlich, dass im Falle des Panama Paper-Betrugs die Stars sozusagen Schlange stehen, um in Soderberghs Filmchen mitzumischen. Sharon Stone, Big Bang-„Bernadette“ Melissa Rauch, James Cromwell oder Friends-Star David Schwimmer geben sich in bescheidenen Nebenrollen die Türklinken der Anwaltsbüros in die Hand, alle zusammen scheinen fast in karitativem Idealismus hier mitzuwirken, wie eine Art Fridays for Future, eine kleine Demonstration gegen unlautere Machenschaften, die vor den Augen einer nichtsahnenden Weltbevölkerung so frech und frivol ihre Nutzen ziehen. Die besagte Geldwäscherei also, der Laundromat, der wäscht seine Wäsche allerdings nicht bis zum Schleudergang. Die gut gemeinte Intonation des Filmes, der Ansatz des satirischen Dramas und der bitterkomischen Aufklärung, der kämpft sich durch eine Vielzahl guter Stilideen, die sich nur durch Mühe straff formieren und sich in einer gewissen Resignation verlieren, die besagt, dass Skandale wie diese schwer zu erkennen sind, und nur der präventive Appell an das Gewissen für weiße Westen sorgt. Ja, das ist gut gemeint, hat auch seine Relevanz, nur der Wille zur bunten Revue der Unartigkeit hat längst nicht den hierfür notwendigen Biss, wie ihn Filme wie Adam McCays Vice oder The Big Short haben. The Laundromat ist da wie ein Musical, das mit den Fakten Trittbrett fährt. Aber immerhin – nachher ist man immer klüger 😉 Danke YouTube.

The Laundromat

El Camino – A Breaking Bad Movie

BLICK ZURÜCK NACH VORNE

6/10

 

elcamino© 2019 Netflix

 

LAND: USA 2019

REGIE: VINCE GILLIGAN

CAST: AARON PAUL, JESSE PLEMONS, ROBERT FORSTER, SCOTT MCARTHUR, CHARLES BAKER, SCOTT SHEPHERD, BRYAN CRANSTON, JONATHAN BANKS U. A.

 

Der Spoilometer gibt Entwarnung: denn dass Aaron Paul alias Jesse Pinkman einer der wohl besten Fernsehserien der Welt überlebt hat, ist seit dem Trailer zu El Camino – A Breaking Bad Movie kein Geheimnis mehr. Und wer die Serie damals als Mutter aller Binge-Watch-Formate inhaliert hat wie eine frische Tüte Kartoffelchips, der wird wohl die letzten Minuten der letzten Staffel wohl auch nie wieder vergessen: Heisenberg am Boden und Pinkman auf der Flucht, bewerkstelligt in einem schwarzrot-gestreiften El Camino, noch dazu fertig mit der Welt und dem Leben, gepeinigt, verängstigt, verwahrlost. Dieser El Camino ist es auch, der mühelos die Brücke schlägt zwischen dem Finale aus 2013 zu dem nun auf Netflix erschienenen Epilog einer Kette unrühmlicher, bizarrer und tragischer Ereignisse, die mit der Krebsdiagnose des Chemielehrers Walter White überhaupt erst begonnen haben. Mit gewissem Know-How lässt sich viel anrichten, zum Guten wie zum Bösen, und das haben der kongeniale Bryan Cranston und sein Schüler Aaron Paul in einer 5staffeligen Langzeitstudie eindringlich bewiesen. Wer da nicht Couchmaniküre betrieben hat, dürfte etwas ganz anderes gesehen haben, nur nicht Breaking Bad. Und es ist schön, nach so vielen Jahren sozusagen wieder heimzukommen nach Albuquerque, an den Ort weniger schöner, aber unter- und oberweltbewegender Extreme.

Mastermind Vince Gilligan hat letzten Endes also doch darauf verzichtet, das Schicksal des Jesse Pinkman der Fantasie seiner Fans zu überlassen. Das teilweise offene Ende hatte seinen unorthodoxen Reiz, so wie der ganze Stil der Serie, aber dennoch: wie der nicht erklingende letzte Ton einer uns bekannten Melodie dürfte die vage Zukunft wie Schrödingers Katze Gilligan so sehr gequält haben, das der letzte Vorhang um alles in der Welt noch fallen musste. Wir wissen also: Pinkman ist seinen Peinigern entkommen, diese wiederum haben unter dem Kugelhagel von Walter Whites tödlichem MG-Selbstauslöser das Zeitliche gesegnet. Einer von Ihnen, ein ganz perfider Bösling mit Hang zum beiläufigen Alltagsgrauen (Jesse Plemons in erschreckend unguter Psychopathen-Jovialität) dürfte dabei vorher schon sein unrechtmäßig Erspartes irgendwo in die Möblage seiner vier Wände integriert haben – welches Pinkman aber zwecks Neuanfang dringend nötig hat. Blöd nur, dass von dieser Kohle auch andere Leute wissen, und so entwickelt sich das spannende BB-Nachspiel zu einer Art The Good, the Bad and the Ugly, alle auf der Suche nach dem Schatz des Toten, während die Kavallerie Pinkman ganz oben auf die Liste gesetzt hat. Gilligans Reminiszenz an die Heist-Western gipfelt sogar in einer skurrilen Duellszene, die wie ein Plug-In formschön ins Breaking Bad-Universum passt. Notwendig wäre El Camino aber nicht gewesen, geschweige denn ungeduldig herbeigesehnt. Die Umstände einer Flucht nach vorne kann man in Erfahrung bringen, muss man aber nicht. Der Plot war damals schon auserzählt – die einen überleben, die anderen sterben. Pinkman wäre seinen Weg schon gegangen, unterkriegen ließ sich der Bursche ohnehin nie. Das Wiedersehen macht aber dennoch Spaß, und vor allem nerdige Flashbacks halten mit Cameos einiger kultiger Charaktere aus der Serie nicht hinterm Berg. Vor allem in diesen Szenen lässt sich erkennen, wie Aaron Paul seinen Charakter eigentlich angelegt und im Laufe der Geschichte verändert hat: vom blauäugigen, jugendlichen Kleinkriminellen zum traumatisierten Leidensgenossen, dem nichts mehr bleibt außer die Zähigkeit, sich neu zu erfinden.

Der steckbrieflichen Sogwirkung seiner Schöpfung bleibt Gilligan treu, auch in El Camino kann man schwer wegsehen oder sich währenddessen mit anderem beschäftigen. Dabei liegt die Qualität des Thrillers in seinen Konstellationen des Zufalls. Breaking Bad ist somit nach dem Abspann von El Camino endgültig Fernseh- und ein bisschen auch Filmgeschichte. Zeit also, dass sich Gilligan etwas Neues ausdenkt. Und das sollte man, erfahrungsgemäß, eigentlich nicht verpassen.

El Camino – A Breaking Bad Movie

Maleficent: Mächte der Finsternis

BEI DEN HÖRNERN GEPACKT

6,5/10

 

maleficent2© 2019 Disney Enterprises, Inc. All Rights Reserved.

 

LAND: USA 2019

REGIE: JOACHIM RØNNING

CAST: ANGELINA JOLIE, ELLE FANNING, SAM RILEY, MICHELLE PFEIFFER, ED SKREIN, HARRIS DICKINSON, IMELDA STAUNTON, CHIWETEL EJIOFOR U. A.

 

Falls sich jemand beim Dacapo des Disney-Märchens aus dem Jahre 2014 die Challenge auferlegt hat, sämtliche Easter Eggs zum Oeuvre Grimm’scher Märchen ausfindig zu machen, wird sehr schnell die Freude daran verlieren. Denn bis auf Dornröschens obligater Spindel, die in den Kerkern hochgotischer Gemäuer samt Spinnrad als ausrangiertes Gut auf bessere Zeiten wartet, gelten die klassischen Elemente weitestgehend als vermisst. Macht aber nichts, Maleficent: Mächte der Finsternis (so finster sind die Mächte eigentlich gar nicht) orientiert sich ohnehin viel mehr am Fantasy- als am Märchenkino, obwohl der integre König mit Krone und Stracciatella-Pelzkragen unter rotem Samtmantel den Klischee-Königen schlechthin alle Ehre macht. Auch das kleine schlanke Perlenkrönchen darf nicht fehlen, welches das Haupt von Michelle Pfeiffer ziert, die in der epischen Fortsetzung als sinisteres Schwiegermonster nur das Beste für sich selbst will, und das auf süfisant aufspielende Art. So zwischen Fantasy- und Märchenkino mäanderte auch die italienisch-deutsche Koproduktion Prinzessin Fanthagiro dahin, damals in den 90ern, voll mit klassischen Märchenzitaten, aber auch jeder Menge finsterer Mächte, die allerlei beseelte Wald- und Wiesenwesen unter Kuratel stellten. Das passiert bei Maleficent auch – nur sind wir diesmal fast 30 Jahre später, und die tricktechnischen Skills im Vergleich zu Fantaghiro sind wie vom anderen Stern. Maleficent: Mächte der Finsternis erstaunt also in erster Linie durch ein phantastisch-lebendiges Ökosystem, da muss sich selbst die durch und durch organische Welt aus The Dark Crystal ab und an ein bisschen anstrengen, um mithalten zu können. Was da im Reich der Moore alles an Zauberwesen aufmarschieren, ist wieder mal ein Fest fürs Auge. Von Elfen so groß wie Pusteblumen bis zu Groot-ähnlichen Baumriesen, die schweren Schrittes durch den Sumpf waten, ist alles da, was das dem phantastischen Realismus hoffnungslos erlegene Herz alles begehrt. Szenenweise wähnt man sich in einem Potpourri aus Motiven der Maler Max Ernst oder Arik Brauer, es kreucht und fleucht, und das ist atemberaubend gut arrangiert. CGI also, wo es hingehört.

In zweiter Linie erstaunt Maleficent: Mächte der Finsternis durch das ikonische Spiel Angelina Jolies. Mit kantigen Wangen, leichenblasser Haut und blutroten Lippen sowie leuchtenden Augen ist die den Zeichentrickfilmen Disneys angelehnte Figur fast schon das Alter Ego der von Glamour und erhabener Unnahbarkeit umgebenen Schauspielerin, die dank ihrer PR-Taktik so auftritt, als wäre sie bereits eine Stufe weiter als all ihre FachkollegInnen, die immer noch einfach nur ihren Job machen. Jolies Auftritt als Dunkelfee mit Hörnern wie Hellboy und Flügeln wie Lucifer lässt sich auf ungenierte Weise genießen, denn alles zusammen ist das eine kongeniale Mischung, und wenn Brad Pitts Ex dann mit offenem Haar und deutlich entrüscht durch das an Alfred Kubins phantasmagorische Strichzeichnungen erinnernde Hideaway der Dunkelfeen schlendert, dann sind das enorm stilsichere, fast schon stilbildende Momente, die den relativ simplen Aufbau der Geschichte vergessen machen. Tatsächlich ist Maleficent: Mächte der Finsternis ein Schaufilm der ersten Liga, das sollte man tunlichst nicht am Fernsehschirm ansehen, sondern im Kino. Die wuchtige, üppige Optik kommt erst dann so richtig zur Geltung, wenn die Leinwand nicht groß genug sein kann.

Ein Film also wie ein Bilderbuch, fast schon für die ganze Familie, in herrlichen Farben und Formen. Darüber hinaus lassen Avatar, Barbarella oder gar der knallige Flash Gordon herzlich grüßen. Ihr seht also, da lässt sich so manch Gesehenes nochmal Revue passieren, und da stört auch der märchenhafte Kitsch nicht, der sich natürlich immer wieder breit macht. So will es Disney, und so will es womöglich auch das Genre des klassischen Märchenfilms, der seine Grenzen Richtung Fantasy mit Spaß an der Sache auslotet. Das viel verpönte CGI hingegen, das immer mehr in Verruf gerät, darf mit dieser Werkschau allerdings wieder sein State-of-the-Art präsentieren. Wer sich damit anfreunden kann, profitiert davon, alle anderen mögen es etwas zu geschniegelt finden. Das Make Up jedenfalls (der gehörnte Ed Skrein im Close Up!), das ist in jeder Hinsicht bereits schon jetzt konkurrenzlos preisverdächtig.

Maleficent: Mächte der Finsternis

Joker

DAS LACHEN, DAS IM HALSE STECKT

9/10

 

joker-1© 2019 Warner Bros. Entertainment Inc. All Rights Reserved. TM & © DC Comics

 

LAND: USA 2019

REGIE: TODD PHILLIPS

CAST: JOAQUIN PHOENIX, ZAZIE BEETZ, ROBERT DE NIRO, BRETT CULLEN, FRANCES CONROY, SHEA WHIGHAM U. A.

 

Lachen ist die beste Medizin, ist Arbeit für den Körper (mehr als 100 Muskeln sind daran beteiligt, von der Gesichts- bis zur Zwerchfellmuskulatur – alle Achtung!) und Balsam für die Seele. Mit Lachyoga lassen sich Depressionen oder andere seelische Erkrankungen mildern, was aber wissenschaftlich noch nicht ganz zu beweisen war. Aber Lachen muss doch vom Herzen kommen, oder nicht? Muss empfunden werden. Arthur Fleck empfindet es nicht. Der Mann, der später mal die Nemesis für Batman werden soll, ist, so könnte man sagen, am Lachen erkrankt. Eine neurologische Störung vermutlich, doch so gut kommt das fehlplatzierte Gelächter nicht wirklich an, nicht in der Gesellschaft, und nicht in Situationen, wo es eigentlich um Leben und Tod geht. Lachen wird dabei so richtig ungesund. Und hinterlässt den Beigeschmack des Irrsinns. Todd Phillips, Macher der Hangover-Filmreihe (wer hätte das gedacht!?) wechselt also von derben Lachnummern zum Lachen als Bürde und Anfall, der den Atem raubt. Sein Joker ist ein Film über die Be Happy-Insistenz des Lachens, so gellend wie bei Edgar Allan Poe oder so fratzenhaft wie bei Victor Hugos lachendem Mann. Über den karitativen Mehrwert von Cliniclowns und der subjektiven Auslegung von Humor. Tod Phillips hat zwar die Seiten gewechselt, aber es sind immer noch die Seiten der selben Medaille. Dabei gerät Joker nicht nur zur Kehrseite der Komödie, sondern auch zur Kehrseite des DC-Universums. Arthur Fleck bezeichnet sein Leben irgendwann nicht mehr als Tragödie, sondern als Komödie. Und seine Witze, die würde ohnehin keiner verstehen. Ist also Joker eine Komödie? Ist Humor nicht sowieso das schwierigste Werkzeug der Unterhaltung, und derselbe Witz sowohl gut als auch schlecht, je nachdem wen man fragt? Diese Grauzone scheint so nebulös zu sein wie das „patscherte“ Leben dieser geschundenen, traumatisierten Kreatur, die in ihrer aussichtslosen Existenz das Schlimmste noch verdrängt hat. Wen würde es da nicht den Boden unter den Füßen wegreißen? Arthur Fleck wird irgendwann schwerelos, weil er nichts mehr zu verlieren hat. Das ist, trotz aller Bemühungen, witzig zu sein, ein Kreuzweg in eine alternative, archaische Freiheit, die sich allen Paradigmen einer geordneten Gesellschaft widersetzt.

Die Paradigmen könnten sich mit Todd Phillips´ Joker im Blockbuster-Universum des Kinos ebenfalls einer radikalen Neuordnung hingeben. Kann sein, dass das Publikum mit Effektbomben wie Age of Ultron oder Man of Steel längst gesättigt ist. Kann sein, dass die Zielgruppen eigentlich das wollen, was auch im Horror-Genre so gut funktioniert: Weg vom CGI-Getöse, was manche Filme wirklich übertrieben haben, hin zur Auseinandersetzung mit den inneren Dämonen. Hin zum Hinterfragen der eigenen Werte und der Deckungsgleichheit des eigenen Ichs mit der Inszenierung für die anderen, die ja laut Sartre bekanntlich die Hölle sind. Das sieht auch der spätere Joker so, dem einfach keiner zuhört, den man schmäht oder im Stich lässt. Kränkung ist das Schlimmste, was einem psychisch labilen Menschen widerfahren kann. Was daraus erwächst, lesen wir wöchentlich in der Zeitung. So in etwa entsteht auch die Ikone des diabolischen Spaßmachers, der „Sympathy for the Devil“ schürt, und der eigentlich will, was sowieso jeder von uns will: Selbstbestimmung. Selten wurde ein Antagonist von der Pike auf so fein seziert, selten hatte die Metamorphose in einen Verbrecher so viel Bühne. Vielleicht ist die in der Ruhe liegende Kraft die neue Action auf der Leinwand. Vielleicht sind es die inneren Grabenkämpfe, ist es der Fokus auf Ursache und Wirkung in einem abgegrenzten Kosmos, in diesem Falle der urbane Horror namens Gotham. Und ja – Joker ist im DC-Universum inhärent, ist also eindeutig ein Comicfilm, er lässt sich nur schwer nur als Psychothriller abkoppeln, das wäre zu wenig, sondern kann sehr wohl und im Besonderen als die erste Episode für etwas betrachtet werden, das noch kommen und den Mythos Batman noch mehr auf die Realität herunterbrechen wird als es bereits Christopher Nolan getan hat.

Joker ist tatsächlich von den frühen Grunge-Thrillern Martin Scorseses inspiriert. Alles versinkt im Dreck, jeder boxt sich durch. Eine Stadt als Moloch. Inmitten dieser fahlgrünen Neon- und flackernden U-Bahn-Lichter eine groteske, gekrümmte Gestalt, morbide Fantasien in sein Notizheft kritzelnd und in entrückten Traumtänzen seinen bis auf die Knochen abgemagerten Körper verrenkend. Speziell in diesen Szenen erinnert Joker sehr wohl auch an die Filme von David Cronenberg, insbesondere Spider mit Ralph Fiennes, ein expressives schizophrenes Szenario, ungut bis dorthinaus. Oder an Brad Andersons Der Maschinist – da war Christian Bale derjenige, der als Hungerleider den Irrsinn gepachtet hat, alles im Schein schimmlig-kalten Lichts. So wie Joaquin Phoenix, der sich selbst in der Interpretation dieser popkulturellen Figur nichts schenkt, uns aber alles: So nuanciert, so verpeilt und so trotzig, so dämonisch und gleichzeitig in so verklärender Apotheose in den Olymp der Genugtuung – Phoenix serviert uns Schauspielkunst vom Feinsten, er fasziniert und fordert zugleich. Er zieht den Blick auf sich, doch am Liebsten will man nicht hinsehen. Wie er zum Joker wird, ist atemberaubende Charakterstudie und Erfüllung aller Erwartungen zugleich. Todd Phillips hat seinen Film in einen optisch erlesenen Reigen überhöhter Altarbilder verwandelt – nahezu jedes einzelne Take ist in Farbe, Licht und Form ein ikonisches Panel, das zu einem perfekt getimten Stück zermürbenden, vielschichtigen, mitunter auch blutigen Charakterkinos verschmilzt, unterlegt mit dröhnenden Klängen, dazwischen ertönt Frank Sinatra. Und es sei gesagt, obwohl man keine Vergleiche ziehen sollte – für mich kann es ab heute nur einen geben: und das ist Phoenix´ Joker.

Joker