Pinocchio (2019)

AUF DEM HOLZWEG DURCHS WUNDERLAND

6,5/10


pinocchio© 2019 capelight pictures


LAND: ITALIEN, FRANKREICH, GROSSBRITANNIEN 2019

REGIE: MATTEO GARRONE

CAST: ROBERTO BENIGNI, FEDERICO IELAPI, MARINE VACTH, ROCCO PAPALEO, MASSIMO CECCHERINI, MARIA PIA TIMO U. A.

LÄNGE: 2 STD 5 MIN


Eine der Serien aus meiner Kindheit, die mir neben Perrine und Nils Holgersson immer noch sehr gut in Erinnerung geblieben sind, ist jener Zeichentrick über die Abenteuer von Carlo Collodis Kinderbuchfigur Pinocchio. Ein spannender Mehrteiler, eigentlich damals schon ideal fürs kindgerechte Bingewatching. Was dem armen Holzjungen da alles passiert war, und andauernd waren der Fuchs und der Kater immer wiederkehrende Quälgeister in dieser Odyssee eines ungehorsamen Nicht-Menschen, dessen Sehnsucht nach dem Menschsein so manches Feenherz schneller schlagen hat lassen. Vor allem auch, weil Pinocchio zugegebenermaßen nicht die hellste Kerze auf der Torte war – wie denn auch: Erfahrungsschatz gleich null, naiv wie der junge Morgen. Entwicklungstechnisch auf dem Holzweg, doch in welche Richtung sich dieses klassische Coming of Age-Märchen entwickelt hat, war prinzipiell packend und nicht wenig dramatisch.

Den Stoffen, aus dem die Märchen sind (obwohl Pinocchio ja eigentlich, nach den Märchen-Parametern zu schließen, keines ist), ist der italienische Filmemacher Matteo Garrone längst schon zugetan. Mit Das Märchen der Märchen hat er barocke Urformen selbiger Gattung aus dem Dornröschenschlaf gehoben und eine wenig zimperliche, ganz eigenwillige Episoden-Fantasy in starker Bildsprache vorgelegt. Mit seinem Macht-Gleichnis Dogman ging er auf meisterliche, aber auch verstörende Art dem Publikum an die Nieren. Mit seiner Interpretation des Pinocchio versucht er es diesmal auf die sanfte Tour und entfesselt einen geradezu venezianischen Maskenball des phantastischen Films, zwischen Akrobaten eines Carlo Goldini-Straßentheaters und Fabelgestalten wie aus einem Werk von Michael Ende. Da schleimt eine riesige Schnecke als Haushaltshilfe das verwaiste Herrenhaus einer guten Fee voll, Doktorvögel und Bestattungshasen buhlen um die Gunst des Holzbuben und ein sprechender Thunfisch mit menschlichem Gesicht rettet Pinocchio und den guten alten Geppetto – einnehmend verkörpert von Oscar-Preisträger Roberto Benigni in einer schrulligen, liebenswerten Altersrolle – das Leben. Verblüffend auch: die täuschend lebendigen Marionetten des Herrn Mangiafuoco sind jeder für sich ein Meisterwerk aus der Kunstkammer der Maskenbildner, so wie all die anderen liebevoll gestalteten Wesen und Unwesen. Da hat Garrone gut daran getan, statt zu viel CGI aufzufahren tief in die analoge Trickkiste zu greifen. Um so greifbarer und geheimnisvoller wirkt das ganze Szenario, dabei taucht er dies stets in fahle, Licht, das durch Fenster fällt und Staubpartikel sichtbar macht, wie Lichtstimmungen in einer Kapelle, einem Museum, in vor vielen Jahrzehnten verlassenen Gemäuern. Ein visueller Reichtum, dieser Film.

Begrüßenswert auch, dass Garrone seine Bilderflut in sanft fließende Kanäle umleitet – der Rhythmus seines Films ist entschleunigt, langsam, geradezu träge. Ein Stil längst vergangener Zeiten des Kinos, als alles noch viel zögerlicher vonstatten ging. Schnelle Schnitte, Tempo, Dynamik sucht man hier vergebens, doch eigentlich will man das auch gar nicht. Eigentlich lässt man sich gerne fallen in dieses dahinstolpernde Abenteuer des kleinen Jungen, der noch so viel lernen muss und keine Ahnung vom Leben hat. Der sich seine Beine wegbrennt, weil er sich am Feuer wärmen will und eine lange Nase bekommt, weil er lügt. Ausgeschlafen an das Werk heranzugehen wäre ratsam, ansonsten könnte der Opern-Effekt eintreten, der zu schweren Augenlidern führt, weil die Ausstattung zwar opulent, der Gesang toll, das Libretto aber entweder bekannt oder dessen Ausgang offensichtlich ist. So ein Film mit Anspruch ist trotz mangelnder relevanter Alltagsproblematik immer noch ein fordernder Brocken eines der gegenwärtig relevantesten italienischen Filmemacher – nicht langweilig, aber mit langem Atem, bewusst anachronistisch und so andersartig wie ein Tingeltangel-Marionettenzirkus auf der ARS Electronica.

Pinocchio (2019)

Vergiftete Wahrheit

IM MORDOR DES KONZERNS

7,5/10


vergiftetewahrheit© 2020 Tobis 

 


LAND: USA 2019

REGIE: TODD HAYNES

CAST: MARK RUFFALO, ANNE HATHAWAY, TIM ROBBINS, BILL PULLMAN, VICTOR GARBER, BILL CAMP, MARE WINNINGHAM, WILLIAM JACKSON HARPER U. A. 

LÄNGE: 2 STD 8 MIN



Das erste, was man nach diesem Kinobesuch womöglich tun wird, ist, in der hauseigenen Küche nach den Pfannen zu sehen. Womöglich wird man nach dieser kleinen Inventur in der Teflonfrage zumindest mit einem der Utensilien auf der Habenseite stehen. Solche Teflon-Pfannen hat fast noch ein jeder. Dabei ist dieses Wundermaterial scheinbar überall zu finden, vor allem dort, wo Flüssigkeiten abperlen sollen. Regenjacken zum Beispiel. Dieses Teflon, das gibt´s ja scheinbar schon ewig, wie Todd Haynes Streifen uns verrät. Doch erst Anfang der 2000er Jahre kam eine Wahrheit ans Licht, die eigentlich niemand so genau wissen wollte. Und das erst, nachdem der Chemiekonzern DuPont bereits massenhaft irreversiblen Schaden angerichtet hatte.

Die Wiedergutmachung, auf welche der Megakonzern verklagt werden soll, den zahlt doch der Riese aus der Portokassa. Solche Machtzentren der Wirtschaft sind unbezwingbar. Ein Thanos der Gier, ein Sauron der Vertuschung und der Zermürbungstaktik. In diesen Hexenkessel gerät der rechtschaffene Anwalt Robert Bilott, der im Begriff ist, nach kurzem Kratzen an der Oberfläche einen Umweltskandal von ungeahnten Ausmaßen aufzudecken. Bilott muss die Seiten wechseln, hat er doch bislang Chemiekonzerne wie DuPont nur vertreten. Jetzt aber muss er einen verklagen. Den größten nämlich. Und ahnt nicht mal ansatzweise, womit er es zu tun haben wird. Das organisierte Verbrechen wirkt in seiner brutalen Problemlösung dagegen wie ein Kindergeburtstag, während Konzerne wie DuPont ihre Gegner auf ganz anderem Level mundtot machen. Mark Ruffalo alias Anwalt Rob ackert bis zum Nervenzusammenbruch, um den Riesen zum Wanken zu bringen. Der Hulk-Schauspieler verleiht dem integren Menschen mit Hang zur Verbissenheit zutiefst menschliche Züge, seine Figur ist eine zum Anfassen, zum Ausweinen, das Gewissen in Person, das in ruhigem Ton den Bonzen von ganz oben die Fakten auf den Tisch legt. Seine Waffe ist die genaue Recherche. Und das ist auch die Stärke von Todd Haynes bewegender Zeitgeschichte.

Der Regisseur von Velvet Goldmine oder Carol hat – so wie Anwalt Robert Bilott – all seine Hausaufgaben gemacht. Sein Film ist ein ruhig erzähltes, klar strukturiertes und sehr konzentriertes Tatsachendrama, dessen tosender Schrecken in den unerhörten Fakten ruht, die fast zu absurd sind, um nicht erfunden zu sein. Doch alles ist wahr. Vergiftete Wahrheit hütet sich davor, angesichts dieses ausufernden Stoffs nicht die Fassung zu verlieren oder abzuschweifen. Er bleibt am Punkt, setzt seine Justiztragödie in wintergraue Landschaften und kalte Büroarchitektur. Kameramann Edward Lachmann hat schon bei Carol bewiesen, dass er passend zur Geschichte die richtige visuelle Tonart finden kann. Vergiftete Wahrheit ist ein Film, der trotz all seiner nüchternen Justizfilm-Parameter den menschlichen Faktor im Auge behält. Berührend dabei: einige der Beteiligten dieser Katastrophe spielen sich selbst. Das gibt dem Werk ungemeine Authentizität. Nichts ist überzeichnet, alles ruht auf einer Wahrheit, die man nicht sofort sieht, die aber womöglich schon längst ganze Generationen um ihre Gesundheit gebracht hat. Vergiftete Wahrheit sollte man gesehen haben – weil man darin gut erkennen kann, wie viel Platz der Mensch als solcher im globalen Milliardenmanagement eigentlich hat.

Vergiftete Wahrheit

Gott existiert, ihr Name ist Petrunya

MIT DER KIRCHE UMS KREUZ

7/10


petrunya© 2019 Pyramid Films


LAND: MAZEDONIEN, BELGIEN, KROATIEN, FRANKREICH, SLOWENIEN 2019

REGIE: TEONA STRUGAR MITEVSKA

CAST: ZORICA NUSHEVA, LABINA MITEVSKA, SIMEON MONI DAMEVSKI, SUAD BEGOVSKI, STEFAN VUJISIC U. A. 

LÄNGE: 1 STD 40 MIN


Die Kirche, so viel ist klar, ist eine von Männern dominierte Institution. Sei es bei den Katholiken oder der osteuropäischen Orthodoxie. So lange in diesen Religionen Egalität kein Thema ist, so lange lässt sich insbesondere in strenggläubigen Ländern, die diese Religionen leben, enorme Defizite feststellen, was die Rolle von Mann und Frau in der Gesellschaft angeht. In Mazedonien ist letztere nicht viel mehr wert als vor hundert oder noch mehr Jahren. Gut, manche Frauen nehmen das hin, kennen es auch nicht anders. Warum also ändern, was ohnehin irgendwie funktioniert. Frau will ja schließlich nicht unbedingt die Macht des zumindest physisch Stärkeren spüren. Da stellt sich schon die Frage: wovor hat eigentlich Mann denn so eine Angst?

Zum Beispiel hat er die beim traditionellen Eistauchen zum Dreikönigstag. Die Angst vor dem kalten Wasser des Flusses, in dem alljährlich und als Teil einer unumstößlich festen Tradition ein Holzkreuz in die Fluten geworfen wird, damit einer der jungen, muskulösen, präpotenten Männer dem Kruzifix nachschwimmen und dieses bergen kann. Ganz zufällig allerdings mischt sich unsere Titelheldin Petrunya in das Geschehen. Die junge Frau, eine studierte Historikerin, ist arbeitslos, latent depressiv, steckt zurzeit in einer Phase des Stillstands. Da entscheidet sie ganz impulsiv, das Kreuz vor allen anderen Männern aus dem Wasser zu fischen. Was prinzipiell ihr gutes Recht wäre, denn nirgendwo steht, dass Frauen das nicht dürfen. Die sehr schnell aufgebrachten Machos, die toben und wüten und wollen Petrunya zwingen, den symbolischen Herrgott ihnen zu überlassen. Die aber flüchtet in die Obhut der örtlichen Polizei, um vom Mob sprichwörtlich nicht zerfleischt zu werden. Aus der emanzipatorischen Schnapsidee ohne viel Hintergedanken keimt ein fixes Vorhaben in Petrunya: dem Patriarchat zeigen, dass Gott vielleicht auch eine Frau sein könnte.

Das Kino Mazedoniens ist keines, das mit Pauken und Trompeten von sich aufmerksam macht. Es ist eines, das sich nur gelegentlich zu Wort meldet. Aber wenn es das tut, dann hat es auch etwas zu sagen. Das war schon bei Milčo Mančevskis oscarnominierten Epos Vor dem Regen so. Aber das ist lange her, 1994. Mit Gott existiert, ihr Name ist Petrunya gibt´s von dort endlich wieder ein deutliches, relevantes und wenig duckmäuserisches Lebenszeichen. Die Geschichte funktioniert als Religionssthriller genauso wie als Gesellschaftssatire, als Psychogramm einer obsoleten Gesinnung oder als beklemmendes Justiz- und Mediendrama. Zentrum des grotesken Geschehens ist eine unbeugsame Titelfigur, völlig hemmungslos, ungeniert und grundnatürlich dargeboten von Zorica Nusheva. Ihr Trotz ist genauso spürbar wie ihre Furcht vor dem Hass, der Traditionen herunterbetet, die lange schon nicht hinterfragt wurden. Ein Kammerspiel streckenweise, ein Kräftemessen an unterschiedlichen Fronten. Kirche, Staat, Justiz und das gemeine Volk, alle werden vorgeführt, wollen vorgeführt werden, weil sie rezitieren, worüber sie nicht nachdenken. Teona Strugar Mitevkas Film zeigt ein Mazedonien als verknöchertes, vorgestriges Land, das noch so viel aufzuholen hat, und wo nur wenige den Mut haben, Veränderungen beizuführen. Letztendlich geht es Petrunya nur ums Prinzip, um ein ganz klares, grundlegendes Recht. Wie sie sich dieses Recht erkämpft, ist aufreibend, gewitzt, geht voll auf Konfrontation und strahlt nur so vor klugen Pointen, die das starre Gestern dumm dastehen lassen.

Gott existiert, ihr Name ist Petrunya

Weißer weißer Tag

OPA IST DER BESTE

6/10


weisserweissertag© 2020 Arsenal Filmverleih


LAND: ISLAND, DÄNEMARK, SCHWEDEN 2019

REGIE: HLYNUR PALMASON

CAST: INGVAR EGGERT SIGURÐSSON, ÍDA MEKKÍN HLYNSDÓTTIR, HILMIR SNÆR GUÐNASON, BJORN INGI HILMARSSON U. A.

LÄNGE: 1 STD 44 MIN


Das isländische Kino ist nicht gerade dafür bekannt, die Kinosäle zu füllen – dafür aber füllt es die Nischen des Arthouse, und zwar auf innovative Art und Weise. Was das isländische Kino so erzählt, das sind mitunter sehr schwarzhumorige Geschichten voller Lakonik, voller Exzentrik, langen Nächten und den unwirtlichen Landschaften zwischen Gletscher und stürmischer Meeresküste. So ungewöhnlich auch die Filme aus dem hohen Norden begrüßenswerterweise sind – dieser hier von Hlynur Palmason setzt allem bisher Dagewesenen die Krone auf. Selbst dem irren Außenseiterdrama Noi Albinoi. Der hatte noch genug makabren Humor, um darin noch eine gewisse Verbundenheit zu anderen lokalen Werken zu erkennen. Bei Weißer weißer Tag ist alles anders, und alles nicht so, wie man es gewohnt ist. Das irritiert, verstört gar ein bisschen, und strapaziert die Geduld.

Nur so als Beispiel: Ein Haus, irgendwo im Nirgendwo, im Hintergrund Islands Bergwelt. Dann vergeht die Zeit, Tag für Tag, im Zeitraffer. Tage werden zu Wochen, Monaten. Schnee, Sonne, Nebel, Regen. Vormittag, Nachmittag, Abend, unzählige Stimmungen. Die Kamera bleibt dabei statisch. Eine Szene wie aus dem Wetterpanorama aus Reykjaviks Umland. Dann, nach einer gefühlten Ewigkeit, geht’s endlich zur Sache. Wir sehen einen älteren Mann, einen Witwer, gleichzeitig Großvater einer neunjährigen Enkelin, die ihren Opa über alles liebt. Opa, der ist der Beste. Doch dann, beim Sichten von Omas Nachlass, wird der alte Mann stutzig. Hatte seine Frau eine Affäre? Diese Sache lässt den Alten nicht los und er forscht nach. Aus der Nachforschung wird Obsession, Aggression, Zweifel. Was darunter leidet, das ist die Beziehung zu seiner Enkelin, die ihren Opa plötzlich mit anderen Augen sieht. Was nicht unbedingt gut ist. Und was zu vermeiden gewesen wäre.

Weißer weißer Tag – das sind die Nebeltage Islands, wo man kaum mehr die Hand vor Augen sehen kann. An so einem Nebeltag ist Opa Ingimundurs Frau mit dem Auto verunglückt. Und an solch einem Tag wird sich die verquere Situation so ziemlich zuspitzen. Bis dahin allerdings ist Palmasons Film ein Patchwork an unterschiedlichen Filmstilen, an arrangierten Stillleben, Nahaufnahmen, scheinbar aus dem Kontext gerissenen Szenen einer Fernsehshow, die abgefilmt werden. So unterschiedlich und so assoziativ all diese Szenen auch wirken, es liegt ihnen dennoch eine Gemeinsamkeit zugrunde: die Thematik des Trauerns und Überwindens von Kränkung. Kein leichter Stoff? Mit Sicherheit nicht. Auf Weißer weißer Tag muss man sich einlassen, und damit rechnen, manchmal ratlos das Gesehene oder Geschehene hinzunehmen. Interessanterweise aber findet diese raue, manchmal statische und dann plötzlich wieder ungestüme, unorthodoxe Drama einen Weg des geringeren Widerstands für den Betrachter, versöhnt ihn mit seiner provokanten Erzählweise, indem es am Ende direkt berührende, erlösende Momente findet. Tja, Trauer geht manchmal seltsame Wege.

Weißer weißer Tag

Persischstunden

DAS WUNDER DER SPRACHE

7/10


Persischstunden© 2020 Alamode Film

LAND: DEUTSCHLAND, RUSSLAND 2019

REGIE: VADIM PERELMAN

CAST: NAHUEL PÉREZ BISCAYART, LARS EIDINGER, JONAS NAY, LEONIE BENESCH, NICO EHRENTEIT U. A.

LÄNGE: 2 STD 7 MIN


Kann man nicht erfinden – oder doch? Wenn es ums nackte Überleben geht, lässt sich fast alles bewerkstelligen. Es lassen sich ganze Schwachturniere im Kopf gewinnen, wie wir seit Stefan Zweigs Novelle wissen. Es lässt sich auf Ressourcen zurückgreifen, die sich im alltäglichen Normalzustand gar nicht vermuten lassen. Zum Beispiel auch so zu tun, als beherrsche man eine Fremdsprache. Diese Täuschung findet Verwendung, und zwar in einem Nazi-Lager in Frankreich des Jahres 1942, in welchem Sturmbandführer Koch – Nomen es Omen – davon schwärmt, nach dem Krieg nach Teheran auszuwandern, um dort ein Restaurant zu eröffnen. Da kommt ihm ein eingefangener Perser ganz gelegen, denn der könnte ihm Farsi lehren. Durch Zufall gerät der französische Jude Gilles in Besitz eines persischen Märchenbuchs – und gibt sich, nichts ahnend, wie sehr er damit die eigene Haut rettet, als Perser aus. Eine Tarnung, die sehr leicht auffliegen könnte. Nur Perser, die sind außerhalb des Iran und ihrer Kolonialmacht Großbritannien rar gesät. Somit hat niemand eine Ahnung von Farsi, selbst Gilles nicht. Der sich aber bald um Kopf und Kragen redet, wenn es darum geht, seine ganz eigene Sprache des Überlebens zu erfinden.

2003 ließ Vadim Perelman Jennifer Connelly und Ben Kingsley in der Tragödie Haus aus Sand und Nebel aneinander krachen. Diesmal stellt er ein ganz anderes, ungleich kurioseres Zweiergespann in den Mittelpunkt seiner Weltkriegs-Erzählung. Charaktermime Lars Eidinger (gewohnt nuanciert und voll bei der Sache) als impulsiver NS-Offizier auf der einen Seite, der Argentinier Nahuel Pérez Biscayart als Jude inkognito auf der anderen. Ein Zwei-Personenstück, wenn man so will, mit einigen nebensächlichen Ausreißern, die für diese Geschichte gar nicht notwendig gewesen wären, wie zum Beispiel jene Episode der beiden Lageraufseherinnen Melanie und Elsa. Um das tragische Ausmaß der Situation natürlich greifbar zu machen, verzichtet Perelman auch nicht ganz darauf, das Verbrechen an den Juden zu dokumentieren – allerdings hält er sich, so wie damals schon Stefan Ruzowitzky in Die Fälscher, mit reißerischem Grauen mehr oder weniger zurück, und lenkt damit auch nicht von dem eigentlichen Impact der unglaublichen Begebenheiten ab, die sich in Wortgestalt einer völlig neu erfundenen Sprache Bahn brechen. Natürlich, Eidingers Figur zweifelt, will sich nicht verführen lassen, hängt seinen Träumen nach, ist mit Sicherheit kein durch und durch verdorbener Charakter, kein überzeichneter Hans Landa, sondern ein Opportunist auf Zeit, der ganz andere Pläne hat als das Deutsche Reich für ihn vorsieht. Gilles setzt alles auf eine Karte, ist anfangs ein verschreckter, panisch um sein Leben ringender Gefangener, der zusehends merkt, wie sehr er die Willkür seines Peinigers eigentlich parieren kann, und welche Macht er eigentlich über ihn hat.

Angeblich beruht diese Episode auf wahren Begebenheiten, jedoch: sicher ist das nicht. Zugrunde liegt eine Erzählung von Michael Kohlhaase, die natürlich genügend Potenzial vergibt für ein Drama, das sich über ein ausreichend dokumentiertes, reines Zeitbild hinwegsetzt und stattdessen ein zeitloses Gleichnis zitiert, dass über Opferrollen und die Kunst des Überlebens so Einiges zu sagen hat. Perelman macht daraus ein prosaisches Melodram um aus dem Stegreif erfundene Wörter, die ihre Wurzeln in den Namen der Ermordeten und Vertriebenen haben. Das ist zu komplex, zu konsistent und zu sinnbildlich, um tatsächlich so passiert sein zu können. Und auch wenn es nur erdacht ist – das Potenzial, mit Sprache ein Wunder zu vollbringen, und sei es auch nur für einen selbst und um das Böse hinters Licht zu führen, liegt dem Menschen zugrunde.

Persischstunden

Outlaws – Die wahre Geschichte der Kelly Gang

FLÜCHTIGE IM FUMMEL

4/10


outlaws© 2020 Koch Films


LAND: AUSTRALIEN, FRANKREICH, GROSSBRITANNIEN 2019

REGIE: JUSTIN KURZEL

CAST: GEORGE MACKAY, NICHOLAS HOULT, RUSSEL CROWE, ESSIE DAVIS, THOMASIN MCKENZIE, CHARLIE HUNNAM U. A.

LÄNGE: 2 STD 5 MIN


Edward „Ned“ Kelly ist eine Legende in Australien. Die einen sehen ihn als Verbrecher, die anderen als eine Art Down-Under-Robin Hood, stellvertretend für alle zwangsverschleppten Iren, die fernab ihrer Heimat mit den verhassten Briten das Land teilen mussten. Wenn es aber nur das gewesen wäre: die Briten hatten die Staatsgewalt. Die Iren: Menschen zweiter Klasse, mit denen man schließlich machen konnte, was man wollte. Besagter Kelly, aufgewachsen im Nirgendwo, aufgezogen von einer psychisch labilen Mutter und einem Vater als Nichtsnutz, wurde von einem Straßenräuber unter die Fittiche genommen, des Mordversuches an einem Polizisten beschuldigt. Verfolgt, bekämpft, hingerichtet. Er wäre aber keine Legende geworden, hätte sich der gerade mal 25 Jahre alt gewordene Anarchist einfach so mir nichts dir nichts festnehmen lassen. Er schlug sich also als Bushranger, wie Flüchtige dort in der Wildnis bezeichnet werden, in die Botanik, im Schlepptau allerhand schießwütige Anarchisten, auch dessen Bruder Dan, ein Pferdedieb. Kurioses Detail: die Bande kleidete sich bei ihren Überfällen stets in Frauenkleider, was sich womöglich auf den geheimen Fetisch des Vaters bezog. Für den direkten Shootout gab’s dann selbstgeklopfte Rüstungen aus Eisen.

Eine wüste Lebensgeschichte, die dieser Ned Kelly vorzuweisen hat. Justin Kurzel, am besten bekannt durch seine Videospiel-Verfilmung Assassin´s Creed, hat ein entsprechend wüstes Biopic gedreht, dass mit der völligen Fehlbesetzung von George McKay (grandios in 1917) beginnt und mit einer inferioren, völlig entarteten Schlammschlacht endet. Dazwischen ein verheddertes Coming-of-Bandit-Patchwork, das viel zu oft durchhängt, um ein Gefühl für das Thema zu entwickeln. Wobei: George McKay spielt seine Figur sicherlich nicht schlecht, wenngleich er stellenweise dem Overacting verfällt, vorwiegend gegen Ende, beim nachtschwarzen, in Stroboskoplicht getauchten Showdown (warum auch immer), bei dem man gar nicht richtig hinsehen kann. Doch Ned Kelly? Dafür hat er eine zu schöngeistige Attitüde. Weiters ist das Hauptproblem des Films die wenig plausibel dargestellte Entwicklung der Charaktere. Kurzel bekommt die Wende vom sozial rehabilitierten Ned Kelly zum Outlaw einfach nicht hin, dafür verliert sich die eigentliche Schlüsselszene zu sehr in zerfransten Szenen, die wiederum in drei Kapitel unterteilt sind und dessen Dialoge das paraverbale Spiel nicht ergänzen können. Dadurch geht der Trend des Films in Richtung mühsame Seifenoper, die zwischendurch wirklich stark langweilt. Ganz frappant auch Essie Davis als Ned Kellys Mutter – eine der enervierendsten Filmrollen seit langer Zeit. Ihre Figur ist die einer egomanischen Opportunistin mit permanent widersprüchlichem Verhalten. Ob dies so gedacht war? Keine Ahnung, jedenfalls bleibt am Ende Kurzels Sympathie für diese Rolle fragwürdigerweise bestehen. Neben diesen Besetzungen gibt’s noch allerlei namhaften Cast, wie Nicholas Hoult als Strapse tragenden Frank’n‘furter-Polizisten, Thomasin McKenzie – extrem farblos diesmal, und Russel Crowe als bärbeißiger Haudrauf mit Rauschebart – wohl der Lichtblick in dieser ganzen Zwölfton-Schicksalssymphonie.

Outlaws – Die wahre Geschichte der Kelly Gang empfinde ich als  überzogenes Biopic, das seinen Erzählrhythmus nicht findet. Expressiv hingegen sind die Landschaftsaufnahmen und die Kamera an sich. Das Setting eines toten Baumbestandes, inmitten die Kelly-Ranch, verleiht dem Film schon eine gewisse grundlegende Atmosphäre, auch ganz ohne Aborigines. Wirklich retten kann das den Film aber trotzdem nicht, genauso wenig wie die Geschichte Ned Kelly.

Outlaws – Die wahre Geschichte der Kelly Gang

David Copperfield – Einmal Reichtum und zurück

WIE DIE ANDEREN WOLLEN

7/10


davidcopperfield© 2020 Constantin Film


LAND: GROSSBRITANNIEN, USA 2019

REGIE: ARMANDO IANNUCCI

CAST: DEV PATEL, TILDA SWINTON, HUGH LAURIE, BEN WISHAW, PETER CAPALDI, ANEURIN BARNARD, BENEDICT WONG, JAIRAJ VARSANI, ROSALIND ELEAZAR U. A.

LÄNGE: 1 STD 59 MIN


Ist es nicht so? Bei Nennung des titelgebenden Namens kommt doch sogleich der amerikanischen Zauberkünstler mit den dunklen Augenbrauen in den Sinn, der durch die Chinesische Mauer ging oder die Freiheitsstatue hat verschwinden lassen. Der wiederum hat sich allein aufgrund des lautmalerischen Wohlklangs so benannt. Und noch etwas recht Interessantes tritt zutage, setzt man sich mit Charles Dickens´semi-fiktionaler Biopic David Copperfield auseinander: Uriah Heep kommt darin vor. Natürlich nicht als Hardrock-Band, sondern als Namensquelle selbiger. Warum aber haben sich die britischen Musiker ausgerechnet nach der niederträchtigsten Figur aus Dickens´ Roman benannt? Der wiederum von Death of Stalin-Regisseur Armando Iannucci auf höchst exzentrische, aber vergnügliche Art interpretiert wurde.

Viel anders als überstilisiert, so denke ich, lässt sich dieser Stoff in dieser Zeit aber wohl kaum publikumswirksam für die Leinwand adaptieren. Entstanden ist ein kostümfundiertes Kommen und Gehen unterschiedlicher skurriler Gestalten, neurotischer Lebenskünstler, von Reichtum und Armut. Vor allem jene letztgenannten Gegensätze, die bei Charles Dickens in vielen seiner Werke Kern der Sache sind, bilden nicht nur das Alpha und Omega der Memoiren von David Copperfield – vor allem die Armut ist zwischendurch immer wieder Antrieb und Quelle der Improvisation all dieser Figuren, die durch ihre Entrücktheit ihren Existenzzustand überhaupt erst erträglich machen. Dazwischen verweilt der Zuseher zwischen den blumigen Worten einer eloquenten Gesellschaftskomödie, eines Begegnungsreigens und einer chaotischen Zettelwirtschaft. Denn Copperfield, der sich eigentlich nur selbst so nennt, weil alle anderen ihn so nennen wie sie wollen, notiert sein Leben stets auf Resten von Papier – der Zettelpoet ist geboren.

Eine solche Verfilmung wäre vielleicht zur langatmigen Angelegenheit eines Lebens geworden, das nicht wirklich tangiert – wäre Iannucci nicht auf die Idee gekommen, nebst eines ausgeschlafenen und bestens aufgelegten Star-Ensembles (Tilda Swinton, Hugh Laurie und auch Ben Wishaw als Uriah Heep agieren großartig) ethnische Merkmale vollständig zu ignorieren. Das ist, soweit ich weiß, ein gänzlich neuer Impuls: Copperfield selbst ist indischer Herkunft, wobei beide Eltern Europäer sind. Der Industrielle Wickfield ist Asiate, seine Tochter eine Schwarze, so wie die Mutter von Copperfields weißem Kommilitonen Steerforth. Wie seltsam das plötzlich klingt: schwarz, weiß, asiatisch, indisch. Iannucci beschämt das schubladisierte Denken seines Pubikums, sprengt die gesellschaftlichen Normen dahinter, schert sich nicht um ethnische Unterschiede. Das ist mutig – zwar anfangs etwas verwirrend, aber letzten Endes durchaus konsequent. Auch altern all die Figuren kein bisschen, sie sind stets das, was sie in Copperfields Erinnerung sind: unabänderbare Erscheinungen aus der ersten Begegnung, wie Fotografien oder gemalte Portraits. Vor diesen farbenfrohen, satten Pop-Up-Bildern aus Requisiten und liebevoll eingerichteten Interieurs klingelt das Charakterkarussell rotierend vor sich hin. Nicht unanstrengend, das Ganze, weil Iannucci seine Inszenierung in einem zweistündigen Stakkato an exaltierter Theatralik loszulassen gedenkt. Auf der Habenseite allerdings steht eine komplexe Kostüm-Adaption – auf den Punkt gebracht, straff und kurzweilig.

David Copperfield – Einmal Reichtum und zurück

Jean Seberg – Against All Enemies

IST DER RUF ERST RUINIERT…

5/10

 

seberg© 2019 Prokino

 

LAND: USA 2019

REGIE: BENEDICT ANDREWS

CAST: KRISTEN STEWART, JACK O’CONNELL, ANTHONY MACKIE, ZAZIE BEETZ, YVAN ATTAL, MARGARET QUALLEY, VINCE VAUGHN, COLM MEANEY U. A.

LÄNGE: 1 STD 43 MIN

 

Welcher Filmfan kennt ihn nicht – den Klassiker der Nouvelle Vague: Außer Atem. Neben einem blutjungen Jean Paul Belmondo war damals Jean Seberg mit auf der Flucht. Der Ausgang der Geschichte ist kein Geheimnis. Seit diesem Zeitpunkt war Sebergs aparter Kurzhaarschnitt auch keines mehr. Von Jeanne d ‚Arc also zur Gangsterbraut ohne rosige Zukunft, inklusive Staatsgewalt im Nacken. Die Ironie des Schicksals: rund 10 Jahre später (Francois Truffaut drehte seinen Klassiker bereits 1959) sollte ihr die Staatsgewalt tatsächlich im Nacken sitzen, nämlich in Form des FBI unter J. Edgar Hoover, der mit seiner Abhöreffizienz der ostdeutschen Stasi um nichts nachstand. Mehr noch: potenzielle Unbequeme der Regierung konnten mit dem sogenannten Counterintelligence Program, kurz COINTELPRO, gnadenlos überwacht und letzten Endes auch mit gezielter Verleumdungstaktik „neutralisiert“ werden. In schlimmstem Fall trieb diese Vorgehensweise psychisch labile Personen in den Selbstmord. In dieser umtriebigen Zeit also, zwischen Vietnamkrieg und Black Power-Bewegung, war Jean Seberg als gutgläubige Idealistin mit Geld in der Tasche wie ein argloses Bambi, dass sich an fremden Gemüsegärten labt. Ihre Verbindung mit dem Aktivisten Hakim Jamal alleine war Grund genug, die Schauspielerin ins Fadenkreuz zu nehmen.

Was wie ein grimmiger Spionagethriller klingt, ist vorrangig das gestreckte Psychogramm einer egozentrischen Weltverbesserin, die ihre Bekanntheit nutzt, um Dinge zu bewegen. Prinzipiell mal egal wofür, Hauptsache für eine gute Sache. Jene mit der Black Power-Bewegung scheint ihr passiert zu sein. Ex-Twilight-Bella Kristen Stewart spiegelt diese Attitüde eines sich selbst überschätzenden Stars ganz gut wider. Der Kurzhaarschnitt, der saß schon meilenweit unter dem Meer bei Underwater, und sie trägt ihn immer noch sichtlich mit Stolz, wobei sie noch eins draufsetzt und mit ihrer Franchise-Vergangenheit ebenso brechen will wie Robert Pattinson, in dem sie sogar das eine oder andere Mal die Hüllen fallen lässt. Kristen Stewart will nun mit Seberg gänzlich im Arthouse-Charakterfach angekommen sein. Schauspielerisch bleibt dennoch Luft nach oben – statt Jean Seberg wirklich zu sein, bleibt ihr der sichtbare Eifer haften, die biographische Figur nur sein zu wollen. Doch sie bemüht sich. Und man sieht ihr trotzdem gerne dabei zu.

Zwischendurch allerdings bleibt die prinzipiell durchaus aufreibende True Story im gern zitierten 60er-Zeitkolorit stecken, verlustiert sich in stilvollen Settings und will manchmal so sein wie ein Film von Tom Ford – gemächlich, stilvoll, unterlegt mit zeitgenössischen Musikstücken, oftmals ein Gläschen Hochprozentigen in der Hand. Mit einem Zuviel an diesen durchaus netten Bildern verwässert Regisseur Benedict Andrews sein emotionales Drama zu einem porösen Biopic mit einer leidenschaftslosen FBI-Komponente, die die Routine ihrer Bespitzelungsarbeit auf das Ensemble überträgt – Ulrich Mühe (Das Leben der Anderen) ist Agent Jack O’Connell nämlich wirklich keiner. Viele Nebenrollen bleiben auch wirklich nur Staffage, die sich einer Retro-Optik unterordnen, mit der Jean Seberg – Against All Enemies als Erzähl-Tool alleine klarkommen möchte. Das bleibt dann doch etwas kraftlos.

Jean Seberg – Against All Enemies

Cats

KATZEN, EMPÖRT EUCH!

5,5/10


© 2019 Universal Pictures International Germany GmbH


LAND: USA 2019

REGIE: TOM HOOPER

CAST: FRANCESCA HAYWARD, JUDI DENCH, JAMES DERULO, JAMES CORDEN, JENNIFER HUDSON, IDRIS ELBA, IAN MCKELLEN, REBEL WILSON U. A.

LÄNGE: 1 STD 51 MIN


Es war DIE Kino-Anomalie der letzten Weihnachten. Dann Spottobjekt und Preisträger der Goldenen Himbeere. Und noch etwas: erstmals wurde ein Film nachbearbeitet, der bereits im Kino lief. Regisseur Tom Hooper trifft da womöglich am wenigsten die Schuldfrage. Mit The Kings Speech war klar: er versteht sein Handwerk. Was ihm allerdings in die Quere kam, das waren das Studio mitsamt seiner Marketingstrategen, die über Biegen und Brechen die Verfilmung des Musicals Cats termingenau in die Kinos bringen wollten, auch wenn Hooper das eine oder andere mal bemerkt haben soll, für diesen Blockbuster mehr Zeit zu benötigen. Doch alles egal: was auf der Theaterbühne so gut funktioniert, wird im Kino genauso klappen. Dafür sorge doch alleine schon die fulminante Musik von Genie Andrew Lloyd Webber. Spätestens bei Memory hätten dann alle Katzen- und Musicalliebhaber Tränen in den Augen. Diese flossen dann weniger wegen Jennifer Hudsons geschmettertem Klassiker, sondern aufgrund der nicht ganz astreinen CGI-Kostümierung eines namhaften Ensembles. Allen Vorschusshimbeeren aber zum Trotz – und vielleicht rettet den Film die niedrige Erwartungshaltung beim Ansehen vor weiteren vernichtenden Urteilen – muss ich zu folgender Conclusio kommen: Tom Hoopers Cats-Version ist ansehbar, annehmbar und musikalisch gesehen verantwortlich für so manchen Ohrwurm, der tagelang haften bleiben wird.

Bezugnehmend auf die Entstehung dieser Kult-Revue aus den 80ern (hierzulande in Österreich konnte Theatermann Peter Weck mit seiner Inszenierung die Hallen füllen) ist die Kino-Version gar nicht mal so viel anders. Da wie dort sind es Menschen in Katzengestalt – oder umgekehrt, je nach Blickwinkel. Katzen wie in Felidae oder Aristocats kommen hier nicht hinter der Mülltonne hervor. Der Umstand wird alleine schon dadurch verdeutlicht, es mit Jellicle-Katzen zu tun zu haben, die sowieso anders sind. Und weil sie so anders sind, ist auch das alljährliche Katzenfest nichts Artfremdes. Im Zuge dieses Come together wird einer der Stubentiger vom Alt-Kater Deuteronimus (gespielt von Judi Dench mit Ehering am Finger) auserwählt, um wiedergeboren zu werden. Einzige Gefahr dabei: Macavity, ein fieser Kater, der das Event stets sabotiert. Bevor es aber so weit kommt, gibt’s ein Who is Who aller möglichen Charaktere, die singend ihre Skills präsentieren.

Zugegeben, da hat sich das Studio vorzeitig zurückgelehnt – bevor analoge Bodysuits mühsam geschneidert werden müssen, schlüpft der Cast doch lieber in grüne Viskose, um sich Fell und Schnurrhaar digital andichten zu lassen. Geht ganz einfach. Doch weil es so einfach geht, wird leicht geschludert. Und schon haben wir den Uncanny Valley-Effekt, der zurecht zumindest anfangs etwas seltsam aussieht. Vielleicht, weil das Make-up im Gesicht manchmal fehlt. Und an den Händen. Und manche der Katzen tragen Schuhe. Ich gebe zu, das ist etwas bizarr, so wie die Szene mit den Kakerlaken und den seltsamen kleinen Mäusen. Die ist wirklich missglückt. Doch bevor ich mich darüber ausgiebig mokiere, kommen die Ohrwürmer. Gut gesungen, auch in der Synchro, wenngleich die Lippenbewegungen nicht ganz passen. Katzengleich räkelt sich das Ensemble vor bunten Requisiten und hinter Plastikmampf. Alles ist Show, alles ist unecht und Bühne, selbst auf der Leinwand. Doch ist das im Theater nicht auch so?

Cats ist keine Fabel, Cats liegt irgendwo außerhalb und definiert sich vorrangig durch seine Musik. Akustische Erinnerungen aus der Kindheit werden wach, als das Musical überall zu hören war. Als Memory von allen, die Stimme hatten, gesungen wurde. In Tom Hoopers Film überlagern die Songs so manche Schwäche, die die Produktion durchaus hat. Francesca Hayward als weiße Katze Victoria ist ein anmutiger Hingucker, links und rechts von ihr mögen technisch gebrechliche Figuren die Choreographie halten. Iris Elba ist fehlbesetzt, Ian McKellen hingegen zum Knuddeln. Letzten Endes stehen die beiden auch dafür, wie der Film geworden ist: das Auf und Ab einer klangvollen Nummernrevue mit ordentlich Katzenkitsch.

Cats

Corpus Christi

WILLST DU PRIESTER, KANNST DU PRIESTER

6,5/10

 

CorpusChristi© 2020 Arsenal Filmverleih

 

LAND: POLEN 2019

REGIE: JAN KOMASA

CAST: BARTOSZ BIELENIA, ELIZA RYCEMBEL, ALEKSANDRA KONIECZNA, LUKASZ SIMLAT, TOMASZ ZIETEK U. A.

LÄNGE: 1 STD 55 MIN


„…wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“. So heißt es doch im längst auswendig gelernten und niemals verlernbaren Vater unser, soweit ich mich erinnern kann. Interessanterweise aber hält sich die Kirche selbst am Wenigsten daran. Denn es ist – laut Jan Komasas Filmdrama Corpus Christi – verboten, als vorbestrafter Mensch, so sehr dieser auch geläutert sein mag, das Priesteramt auszuüben. Jesus hätte tadelnd den Kopf geschüttelt. Denn diese Handhabe ist genau das, was Jesu Botschaft nicht ist. Genauso wie das Zölibat, ein gänzlich anders Kapitel. Aber seis drum – die Kirche hat ihre obsoleten Regeln, und der Messias bleibt mit dabei. Der ist auch mit dem Kriminellen Daniel auf einer Spur, denn dieser will nichts anderes, als nach dem Absitzen seiner Strafe im Knast predigen zu dürfen. Geht nicht. er muss ins Sägewerk irgendwo am Land, in der Nähe eines polnischen Dorfes im scheinbaren Nirgendwo. Wie es der Zufall will, ist der ortsansässige Pfarrer gesundheitlich etwas angeschlagen und muss für medizinische Behandlungen mal kurz weg. Altar frei für Daniel, der den Namen seines geistlichen Vorbildes in der Jugendstrafanstalt annimmt, zufälligerweise ein Priestergewand bei sich trägt und die Gelegenheit am Kreuze packt. Was Daniel nicht weiß – die Dorfgemeinschaft hat schon mal bessere Zeiten erlebt. Und hätte einen Geistlichen, der die Nachwirkungen einer Tragödie wieder erträglich macht, bitter nötig.

Zaungäste der letzten Oscar-Verleihung wissen es: Corpus Christi war für die Kategorie Fremdsprachen nominiert, gewonnen hat dann Parasite. Der polnische Beitrag allerdings hat auch seine Stärken, und er erzählt eine Geschichte, die auf wahren Begebenheiten beruht. Tatsächlich hat es einen solchen Fall gegeben, in dem sich ein Fake-Priester die Gunst seiner Schäfchen sichern konnte. Willst du Priester, kannst du Priester. Das Wort Gottes sollte ja beinahe schon jeder verkünden können, der weiß, was er zu sagen hat. Jesus selbst war ja auch kein Geistlicher, sondern schlicht und einfach ein Zimmermann. Überraschend aber auch, dass Corpus Christi vor allem auch auf religiöser Seite auf Anklang stieß, führt doch das Auftreten des jungen Daniel ein langwieriges Studium in Sachen Theologie ad absurdum. Denn letzten Endes spricht man nur mit dem Herzen gut, und Wahrheit braucht keine Prüfung. Der Rest ist Sache eines integren Autodidakts.

Komasas Film ist aber längst kein bleischweres Betroffenheitskino, obwohl Inhalt und Thema etwas anderes vermitteln wollen. Was wie ein düsteres Knastdrama beginnt, schlägt relativ kurze Zeit später die Richtung eines erfrischend anderen Psychogramms einer Gemeinde ein, die drauf und dran war, sich selbst in eine Stasis aus Trauer und Hass zu verbannen – hätte nicht Daniel das Zeug dazu, das Ruder auf unorthodoxe, dafür aber urchristliche Art rumzureißen. Diese kollektive Katharsis setzt Komasa dicht in Szene, seine Bilder sind von weihrauchverhangener Düsternis, dazwischen deftige Rhythmen, viele Zigaretten und fahles Licht. Daniel wird zur erfrischenden Gestalt selbigen inmitten dieser verbohrten Unfähigkeit, den Grundgedanken von Vergebung zu leben. Schauspieler Bartosz Bielenia, von dem man sicher noch so manches hören wird, verleiht dem falschen Prediger eine mitreißende Intensität. Man hört ihm zu, man folgt ihm, man fühlt sich vielleicht irritiert, doch motiviert dies vielleicht festgefahrene Gedanken zur Umkehr. Prachtvoll, dieser Aufruf, genau dem die Hand zu reichen, der ein Unglück vielleicht verschuldet hat. Dabei erscheint die Kleinheit des um sich rotierenden und absolutionsgierenden Menschen so klar und deutlich, und völlig unmissverständlich.

Corpus Christi aber ist kein Läuterungskitsch, und nirgendwo blickt auch nur irgendwer in einen kitschigen Sonnenaufgang. Nein, dieser Film ist kein Freund der Kirche, eher ein Freund einer nicht nur christlichen Ethik. Was am Ende aber aus diesem Abenteuer der Menschlichkeit herauskommt, lässt dann doch nochmal ratlos zurück. Absolution gibt’s dann leider nicht für alle, und ein bisschen Sonnenaufgang am Rande hätte ich mir fast gewünscht. 

Corpus Christi