Sunny Dancer (2026)

I DON’T FEEL LIKE DANCING

6,5/10


Bella Ramsey als Ivy mit ihren Freundinnen und Freunden in Sunny Dancer
© 2026 Polyfilm


LAND / JAHR: VEREINIGTES KÖNIGREICH 2026

REGIE / DREHBUCH: GEORGE JAQUES

KAMERA: OLIVER LONCRAINE

CAST: BELLA RAMSEY, RUBY STOKES, DANIEL QUINN-TOYE, EARL CAVE, JASMINE ELCOCK, CONRAD KHAN, SHALOM BRUNE-FRANKLIN, NEIL PATRICK HARRIS, JESSICA GUNNING, JAMES NORTON, LOUIS GAUNT, JOSIE WALKER U. A.

LÄNGE: 1 STD 46 MIN



Spätestens seit ihrem Heldentod in der letzten Staffel von Game of Thrones, in der sie, die Kleinste unter vielen, einem Riesen aus dem Norden den Garaus macht, wissen wir: Dieses Mädel hat’s ordentlich drauf. Und noch dazu faustdick hinter den Ohren.

Mittlerweile ist Bella Ramsey aber kein Mädel mehr. Also nicht ausschließlich. Mittlerweile hat sich Ramsey als nichtbinäre Person geoutet, was nicht bedeuten muss, dass weiblichen Rollen nicht mehr interessant sind. In Sunny Dancer des jungen Regisseurs George Jaques (Black Dog, 2023) ist Bella Ramsey ganz eindeutig Ivy, ein Hetero-Mädchen von 17 Jahren, und mit einem Leben auf dem Buckel, das sich anfühlt wie zumindest doppelt so viel Existenzzeit.

Wenn der Körper geheilt ist, die Seele aber nicht

Verantwortlich für das Upgrade an Belastung ist Blutkrebs. Seit geraumer Zeit gilt Ivy aber schon als geheilt – zumindest physisch. Psychisch ist nach wie vor noch einiges im Argen, denn eine Krankheit solchen Kalibers macht etwas mit der Wahrnehmung des Selbst, des sozialen Umfelds und der Existenz an sich. Wie also normal weiterleben, wie also zu all jenen wieder Kontakt knüpfen, die sich dieser Schwere eines Lebensumstands entzogen haben, weil sie vielleicht nicht wussten, wie man damit umgehen soll?

Ivy weiß es selbst nicht und hat sich isoliert. Um dem entgegenzuwirken und zumindest den schulfreien Sommer soweit hinzubiegen, dass dieser nicht vereinsamt am Zimmer verbracht wird, überreden Ivys Eltern die vom Lebenskampf müde Gewordene zu einem Sommercamp unter Gleichgesinnten. Alle, die dort aufschlagen, haben ähnliches mitgemacht, wollen vielleicht gar nicht dort sein oder versprechen sich den Sommer ihres Lebens, insbesondere Zimmergenossin Ella (einnehmend: Ruby Stokes), die, bevor sie vielleicht doch noch der Tod holt, zumindest das erste Mal Sex haben will. Ivy wird Teil einer Gruppe, die während der nächsten vier Wochen Höhen und Tiefen erleben: Spaß und Kummer, erste Liebe und Abschiede für immer.

Wie kinotauglich ist das Thema Krebs?

Niemand will sich mit dem Thema Krebs auseinandersetzen, wenn es keine Notwendigkeit gibt. Im Kino will man sich zumindest zerstreuen, man mag sich schwierigen, relevanten Themen hingeben, wenn sie gesellschaftlich oder historisch relevant sind. Aber Krebs? Es kann jede und jeden treffen, es taucht gefühlt plötzlich auf, es ist so nah am eigenen Schicksal wie der Tod selbst. Ein griffiges Thema, um die Scharen ins Kino zu locken? Nein, mitnichten – auch wenn die deutsche Filmwelt riesig gerne und viel zu oft diesen Weg der filmgewordenen Schicksalsbekämpfung geht.

In Hollywood wurde das Thema Krebs oft zum Tränendrüsen-Stimulierer: sentimental, verheult, verkitscht. George Jaques – und auch Bella Ramsey – haben genug davon. In diesem Camp haben alle genug davon, und dennoch quält die Ungewissheit einer Rückerkrankung jeden lieben Sommertag.

Was die Zukunft bringt – oder nicht bringt

Was Sunny Dancer dabei aber gelingt: Er bringt das Damoklesschwert des drohenden Schicksals auf eine Ebene mit der Ungewissheit eines zukünftigen Lebens an sich. Wir haben es hier mit noch-nicht-ganz-Erwachsenen zu tun, denen so sehr bewusst wird, dass das Leben endlich ist. Es bleibt ihnen nichts anderes übrig, als es zu riskieren. Das ist eine Challenge, die auch junge Erwachsene quält, die nicht erkrankt sind. Der Krebs verändert dabei den Blick auf die Zukunft nur als Variante des Status Quo, denn letztlich ist es eben auch nicht die Krankheit, die Ivy durch ein Tal der Tränen gehen lässt, sondern die erste große Liebe.

Es war, ist und bleibt nun mal tragisch

Ist Sunny Dancer also ein Leichtgewicht unter thematisch verwandten Filmen? Dank des virtuos aufspielenden Ensembles – allen voran natürlich Bella Ramsey in widerspenstiger Einzigartigkeit – ist die Tragikomödie kein Betroffenheitskino, sondern ein emotional wohlgesteuerter, nachempfindbarer Breakfast Club der anderen Art, nur diesmal am Lagerfeuer statt in der Schulbibliothek.

Berührend ist Sunny Dancer am Ende trotzdem. Zwischen unbeschwerter Annäherung, tragikomischem Ausdruckstanz zu den Scissor Sisters und harter Realität will George Jaques dabei manchmal zu viel. Um sich keinen mangelnden Respekt vor dem Ernst der Lage vorwerfen zu lassen, setzt das Schicksal, das ja bekanntlich oft ungerecht sein will, noch eins drauf.

Niemand mag mehr damit rechnen. Es zittert die Tränendrüse, es verlässt einen der Mut, und die Zuversicht wird zur Wildwasserfahrt. Warum nur? Warum nicht einfach mal, weil‘s geht, den ganzen Sieg kassieren gegen eine Krankheit, von der niemand etwas wissen will? Das Kino könnte es. Dass es real oft daneben geht, wissen wir ohnehin zu Genüge.

Sunny Dancer (2026)

Lebensansichten eines Huhns (2025)

ICH WOLLT‘ ICH WÄR‘ (K)EIN HUHN

7/10


Dieser Vogel erlebt in György Pálfi's Lebensansichten eines Huhns so einige Abenteuer
© 2025 Neue Visionen


ORIGINALTITEL: KOTA

LAND / JAHR: DEUTSCHLAND, GRIECHENLAND, UNGARN 2025

REGIE / DREHBUCH: GYÖRGY PÁLFI

KAMERA: GIORGOS KAVELAS

CAST: ESZTI, SZANDI, FERI, ENCI, ETI, ENIKÖ, NÓRA, ANETT (ALLES HÜHNER), IOANNIS KOKIASMENOS, MARIA DIAKOPANAGIOTI, ARGYRIS PANTAZARAS, ELENI APOSTOLOPOULOU, MAHMOD BAMERNY U. A.

LÄNGE: 1 STD 36 MIN


Das meiner Review den Titel gebende Lied der Comedian Harmonists aus der Frühzeit der Spaß- und Quatschlieder tönt mir in den Ohren, und lieber ein Huhn zu sein, das würden sich wohl so einige der Zweibeiner in dieser bitteren Groteske des Ungarn György Pálfi wünschen. Denn so, wie Homo sapiens sich hier aufführt – das kann nicht der Zivilisation letzter Schluss sein, oder doch?

Denn zum Essen sind sie da

Zumindest wundert sich darüber das namenlose schwarze Schaf innerhalb seiner Spezies Gallus gallus domesticus, kurz: das Haushuhn. Kosmopolit, gezüchtet aus der wilden Urform des fasanartigen Bankaviahuhns und eigentlich nur dazu da, um von Milliarden an Menschen tagtäglich getötet, geröstet, gebraten, gekocht und letztlich verspeist zu werden. Zu diesem Schicksal gesellt sich dann noch die erniedrigende Tatsache des Eierklaus, tagtäglich und immer wieder.

Die schwarzgefiederte, durchaus schmucke Lady mit dem Seitenblick muss mit so einigen Schicksalsschlägen und radikalen Wendungen klarkommen. Mit der Hasswelle übler Gehege-Genossinnen, mit den Übergriffen eines wirklich hässlichen Hahns. Mit dem Kiefer eines Hundes, dem flammenden Inferno, heißem Asphalt und lauernden Füchsen. So ein Tier hat ein hartes Leben, doch wie es aussieht, lässt sich immer noch der Schluss ziehen, dass der von Gott gegebene Umstand, Federn zu tragen, direkt schon als nachhaltiges Glück erscheint.

Irgendwo in Griechenland…

Will Pálfi damit die Ironie auf die Spitze treiben? Natürlich geht es Gallus gallus domesticus schlecht. Und dem Menschen? Ebenso. Denn irgendwo in Griechenland, und zwar dort, wo man meinen könnte, hier lässt es sich sogar Urlaub machen, schwappen humane Tragödien von der anderen Seite des Meeres hinüber, wollen grimmige Gesellen ihre Geschäfte machen, und will ein versoffener alter Patriarch aus seinen Fehlern lernen.

Der hat das schwarze Huhn unter seine Fittiche genommen. Die beiden sind sich ähnlich, zumindest, was das Straucheln und Wiederaufstehen betrifft. Doch bei diesen Lebensansichten, die ein Huhn an den Tag legt, sind wir weit entfernt von George Millers Schweinchen Babe, und sogar noch weit entfernt von Schafen, die kriminelle Fälle lösen. Diese Lebensansichten nähern sich jenen Erfahrungen, die mal ein Esel gesammelt hat – im assoziativen Kunstfilmdrama EO, das aber dem Esel jedoch nicht jene Ehre erweist und ihn zu einem Individuum formt wie György Pálfi es tut.

Vielleicht besser, doch ein Huhn zu sein

Der ungarische Exzentriker hat mit seiner Gesellschaftskritik keine Fabel im Sinn, er entzieht seinem Huhn niemals seine natürliche Bestimmung und den tierischen Aspekt. Er spricht keine gackernden Sätze, aber gackert.

Wie zäh und widerstandsfähig so ein Wesen sein kann, ist einerseits wirklich witzig, andererseits respekteinflößend. Und es wäre nicht Pálfi, wären die Lebensansichten eines Huhns ein lediglich unterhaltsamer Schwank, der einer uns so reichlich ernährenden Tierart alles in die Hand gibt, damit es Freiheit erlangt. Die Aardman Studios hatten mit ihrem Plastilin-Geflügel die Hühnerstall-Version von Gesprengte Ketten fabriziert (Chicken Run) – Palfi will sein Huhn sogar noch mehr herrschen und bestimmen lassen, ganz so, wie es das Schicksal will. Und dieses meint es für Hühner gut, für Menschen nicht.

Antihumanistische Gutenachtgeschichte für Kücken

Palfis bisheriges Filmschaffen ist von eigentümlichem Kolorit. Der fast wortlose Dorfkrimi Hukkle ist nur eines seiner Experimente, im Generationeepos Taxidermia wissen so manche, wie man sich und seine Familie präpariert. Die Lebensansichten eines Huhns sind so eigenwillig und unzuordenbar wie alles Bisherige von Pálfi. Zwischen Düsternis, Hässlichkeit und kauziger Satire bewegt sich dieser von allen Schubladen befreite, beharrliche Selbstverwirklichungstrip eines Vogels auf eine Welt ohne Menschen zu, um tatsächlich sowas wie kitschige Harmonie zu finden. Ein bizarres Abenteuer zwischen Leben, Tod und allen Unannehmlichkeiten dazwischen – für Mensch und Tier gleichermaßen.

Lebensansichten eines Huhns (2025)

Bitteres Fest (2026)

DAS SCHICKSAL HAT SINN FÜR NOBLES DESIGN

6/10


Bárbara Lennie tröstet Victoria Luengo in Pedro Almodovars Bitteres Fest
© 2026 Constantin Film


ORIGINALTITEL: AMARGA NAVIDAD

REGIE / DREHBUCH: PEDRO ALMODÓVAR

KAMERA: PAU ESTEVE BIRBA

CAST: LEONARDO SBARAGLIA, BÁRBARA LENNIE, AITANA SÁNCHEZ-GIJÓN, VICTORIA LUENGO, PATRICK CRIADO, MILENA SMIT, QUIM GUTIÉRREZ, ROSSY DE PALMA, CARMEN MACHI U. A.

LÄNGE: 1 STD 52 MIN



Spaniens Regie-Gott Pedro Almodóvar fühlt sich dort am wohlsten, wo er auch selbst zuhause ist. Und er kann dort die schillerndsten Charaktere schaffen, wo er beruflich verkehrt: Im Territorium des Autorenfilmers, in der hermetischen Blase der Schreiberlinge, im Biotop der Filmemacher, die sich längst selbst produzieren.

Künstler kennen den Schmerz nur zu gut

Almodóvar sieht sich natürlich als Künstler, und er sieht auch seine Figuren vorwiegend als genau das: Als Künstler entweder in der Schaffenskrise, in der Identitätskrise oder in was für Krisen auch immer. In Almodóvars Welten wird Zeigbares produziert und entworfen – und so entwirft er auch mehr oder weniger einen Splitter seiner selbst als Drehbuchvirtuose und Regisseur, der endlich mal wieder etwas Neues zuwege bringt, eine neue Geschichte mit sehr viel Schmerz, Leid und Katharsis. Kaum ein Stoff, der sich besser eignet, um einen anspruchsvollen Film zu erschaffen, als des Lebens Schicksal. Als Krankheit, Tod und das Ende von Beziehungen.

Vom Schicksal der Lebenden inspiriert

Pedro Almodóvar ist in Bitteres Fest – ein Titel, der sich auf Weihnachtsfeierlichkeiten bezieht, die alles andere als entspannt verlaufen – der Autor Raúl, ein Feingeist mit grauem Haupt- und Gesichtshaar, lebend in einer queeren Beziehung und umgeben von Leuten, die im Dienste seiner Projekte stehen. Dazu zählt auch sein Partner und eine Assistentin, die Raúl nur zu ungern gehen lassen muss. Doch Mónica hat das große Bedürfnis, ihrer Freundin beizustehen, die gerade eben ihren krebskranken Sohn verloren hat. Eine Tragödie sondergleichen ist das, da ist keine Zeit fürs Kunstschaffen, doch die Kunst weiß dabei selbst, was sie aus der Realität ziehen kann, um eine Geschichte, die sich nur mühsam vorwärtsschreiben lässt, aufzupeppen.

Wie existent ist die fiktive Welt?

Dass diese Timeline wohl nicht die einzige in Bitteres Fest sein kann, ist wohl allen klar, die Almodóvars Œuvre kennen. Natürlich gibt es eine zweite Ebene; eine, die sich mehr als zwei Jahrzehnte früher abspielt, die allerdings nicht real, sondern fiktiv ist – und eben genau jene Handlung visualisiert, die Raúl gerade „zu Papier“ bringt.

Dort, in dieser imaginären Welt, ist Elsa die Protagonistin, ebenfalls ehemalige Filmemacherin, nunmehr in der Werbung tätig und mit einem Unterhosenmodel liiert, der zumindest auch Brände löscht, wenn er nicht gerade als Stripper gebucht wird. Diese Figur ist die wohl eingängigste in Almodóvars Ensemble – kaum um sich kreisend, während alle anderen Reichen und Schönen in elitärer Unantastbarkeit mit der Schwere des Lebens dennoch zu tun haben müssen, denn Menschen sind sie schließlich alle.

Die tröstende Expertise eines Innenausstatters

Und so wechselt der Schauplatz von Madrid ins luxuriöse Anwesen auf der Kanareninsel Lanzarote, die mit ihrer einzigartigen Landschaft natürlich ordentlich Schauwerte in den Film bringt. Das geschieht immer dann, wenn Almodóvar seine Lieblingsfarben Grün und Rot in allen möglichen Abstufungen und Schattierungen sowie in akribischem Kompositionsdrang auf der Leinwand arrangiert.

Bitteres Fest ist wie Malen auf bewegtem Grund. Bicolore Ornamentik, grobe Muster, Retro-Orange – dann wieder Werke von Künstlern, nach denen sich jeder Innenausstatter alle zehn Finger abschlecken würde und die womöglich ein Heidengeld kosten. Der Filmemacher hat sie alle beisammen, stattet seine Wohnzimmer, Schlafgemächer und Loggias mit allerlei Kunst aus, die einen Großteil seiner Arbeit einnehmen. Wie das gelingt?

Für Arrangements wie diese gibt es Platz genug. Bitteres Fest selbst mag zwar Fiktion und Realität miteinander verbinden, doch längst nicht so raffiniert wie in anderen seiner Werke. Von daher sprengt die Handlung wohl kaum den Rahmen. Thematisch wendet sich das große Drama des Trostes und der seelischen Heilung dem künstlerischen Missbrauch tatsächlicher Tragödien zu.

Ist Raúl dabei skrupellos genug, wenn er einen ähnlichen Fall wie jenen skizziert, den seine Assistentin Mónica erlebt? Verletzt die Implementierung realer Persönlichkeiten in eine schriftstellerische Arbeit das Persönlichkeitsrecht, auch wenn nur einzelne charakterliche Spuren neu interpretiert werden?

Die Realität bleibt immer Inspiration

Zu einer Antwort lässt sich Almodóvar gar nicht hinreißen, zu sehr schwingt in seinen Arbeiten stets das Autobiografische mit, wobei man davon ausgehen kann, dass so manche Figur in seinem bisherigen Schaffen tatsächlichen Ursprungs ist.

Vielleicht will sich Almodóvar mit diesem Film auch rehabilitieren und zur Sprache bringen, was ihn dahingehend wohl immer schon beschäftigt hat. Es reicht ihm, den kritischen Blick zu werfen. Alles Übrige arrangiert sich in gediegenen Bildern, in denen virtuose Dialoge schlummern, die jedoch niemals so stark an Gewohnheiten rütteln, dass diese sich ändern könnten.

Bitteres Fest (2026)

The Invite (2026)

IM SPIEGELKABINETT DER SEHNSÜCHTE

7,5/10

 

Olivia Wilde und Seth Rogen haben in The Invite die Nachbarn zu Besuch
© 2026 Tobis Film

 

LAND / JAHR: USA 2026

REGIE: OLIVIA WILDE

DREHBUCH: WILL MCCORMACK, RASHIDA JONES, NACH DEM THEATERSTÜCK VON CESC GAY

KAMERA: ADAM NEWPORT-BERRA

CAST: OLIVIA WILDE, SETH ROGEN, PENÉLOPE CRUZ, EDWARD NORTON

LÄNGE: 1 STD 48 MIN



Theaterliebhaberinnen und -liebhaber kennen den Klassiker: Edward Albees Wer hat Angst vor Virginia Woolf?. In diesem zünftigen Ehedrama, das mehr ist als es auf den ersten Blick scheint, ladet ein langjähriges Ehepaar zwei jüngst Verlobte zum Dinner. Während dieses Abends kommen Krisen zum Vorschein, die sich gewaschen haben. Martha und George schenken sich nichts, reißen alte Wunden auf, vernichten sich selbst und einander. Das jungfräuliche Ehepaar, das da nur tatenlos zusehen kann und dann letztlich ebenfalls in diesen Ehekrieg hineingezogen wird, fungiert wie ein Spiegel des Damals, als alles noch aus Liebe war. Paradebesetzung für dieses Stück: Natürlich Liz Taylor und Richard Burton.

Wer hat Angst vor den Nachbarn?

Eine Soft-Version von Edward Albee gefällig? Diesmal haben wir es mit Olivia Wilde, die auch selbst Regie führt, und Seth Rogen zu tun. Auf der anderen Seite kein „unbeflecktes“ Ehepaar, viel mehr ein Liebespaar mit unorthodoxen Lebensweisen, dargestellt von Penélope Cruz, diesmal in Blond, und Edward Norton. Die beiden sind Nachbarn von Wilde und Rogen, wohnen einen Stock höher und rufen sich vor allem des Nächtens in Erinnerung, wenn es sexuell heiß hergeht. Doch deswegen haben Angela und Joe – so heißen die beiden Eheleute von unten – die beiden nicht eingeladen. Joe weiß gar nichts davon, dass Angela heute noch Gäste erwartet, kommt von einem langweiligen Arbeitstag als Musiklehrer nachhause und muss dann noch Small Talk treiben. Aber immerhin: Eine gute Gelegenheit, um das Gekeuche und Gestöhne anzusprechen, dass den beiden immer wieder den Schlaf raubt.

Let’s Talk About Sex

Sobald der Besuch hereinschneit, ist nichts mehr so wie vorher. Erstrebenswert wäre das ohnehin nicht, denn Angela und Joe haben sich nicht mehr viel zu sagen, sind aneinander gewöhnt, und dennoch voller Erwartungen und Sehnsüchte, was den jeweils anderen betrifft. Wer könnte das besser widerspiegeln als das kokette, frivole Lustpärchen, das die beiden verstockten Traditionalisten geradewegs zu einer Sexorgie einlädt. Jede mit jedem, jeder mit jeder.

Wie Seth Rogen diesem Angebot begegnet, ist hinreißend komödiantisch. Einerseits konservativ zugeknöpft, andererseits einfach nur voller Sarkasmus. Olivia Wildes frustrierte Ehefrau ist da schon anders gepolt, weitaus interessierter, neugieriger, aber auch verängstigt. Norten und Cruz? Sie scheinen nicht die zu sein, die sie sind. Oder doch? Stimmt das überhaupt, mit diesem Gruppensex? Denn wie seltsam mag es erscheinen, dass der Besuch gerade jene Bedürfnisse erfüllt, die die beiden nicht gestillt bekommen.

Widererkennen im anderen

Mit The Invite, basierend auf dem spanischen Film Sentimental, was wiederum auf einem Theaterstück von Cesc Gay beruht und sogar in Deutschland verfilmt wurde, hat Olivia Wilde wohl mehr herausgeholt, als in diesem Dinner-Drama eigentlich stecken mag. Und zwar ist das die dunkle Seite, der „Edward Albee-Aspekt“. Obwohl: dunkel wäre vielleicht sogar etwas zu viel des guten, dunkelblau trifft es wohl besser.

Zu Beginn feiern soziale Gepflogenheiten in kleinen Gesprächen und höfliche Bewunderungen, unterspickt mit frechen Ehrlichkeiten, noch allzu gewohnte Chill-Time unter Erwachsenen, die gerne beeindrucken wollen. Dann aber verändern sich die Konstellationen, Cruz wird zum Spiegel für Rogen, Norton zum Spiegelbild von Wilde. Es ist, als wären die Nachbarn von oben Manifestationen nicht nur intimer Begehrlichkeiten, sondern auch immaterieller Wünsche wie nach Anerkennung und danach, wahrgenommen und begehrt zu werden.

Schmerzen im Rücken

Der verbale Vierer treibt es zwischen Peinlichkeiten und grotesker Hürden so weit, bis das Gefüge letztlich bricht – bis alles zum Vorschein kommt. Wilde verlässt sich dabei voll und ganz auf sich und ihrem übrigen Ensemble. Zu recht, denn das Gemenge reagiert wie in einem chemischen Experiment – oder ist es doch nur eine metaphysische Notbremse für eine emotionale Notlage?

In körniger Optik und viel Fokus auf die Gesichter gestaltet Wilde eine tragikomische Ehekrise, die genauso viel Feingefühl wie Zärtlichkeit besitzt und all das, was im Argen liegt, hier und jetzt übers Knie brechen will. Es bricht zwar nicht das Knie, aber es schmerzt der Rücken. Und die Erkenntnis, viel zu lange nicht mehr aufeinander geachtet zu haben.

The Invite (2026)

Wohin der Wind uns trägt (2025)

GELEGENHEIT MACHT ZUKUNFT

7,5/10


Eya Bellagha und Slim Baccar unterwegs nach Djerba im Roadmovie Wohin der Wind uns trägt
© 2025 Polyfilm


ORIGINALTITEL: WHERE THE WIND COMES FROM

LAND / JAHR: TUNESIEN, KATAR, FRANKREICH 2025

REGIE / DREHBUCH: AMEL GUELLATY

KAMERA: FRIDA MARZOUK

CAST: EYA BELLAGHA, SLIM BACCAR, SONDOS BELHASSEN, MAYA BLOUZA, LOBNA NOOMENE U. A.

LÄNGE: 1 STD 39 MIN



In Tunis ist es auch nicht gerade so, als hätte man dort die Zukunft verpasst oder wüsste nicht, was alles im Zeitalter der Information möglich sein kann. Nur weil es Nordafrika ist, braucht Europa nicht annehmen, dass Chancengleichheit nicht gefragt sei. Dabei war Tunesien wie fast jeder Staat an der afrikanischen Mittelmeerküste französische Kolonie – und bis heute verbindet die Kolonialmacht und ihre nun unabhängigen Gebiete zumindest das Zugeständnis Frankreichs, Menschen von dort nach Europa zu lassen.

Wie es dort dann weitergeht, ist eine andere Sache. Doch so weit sind wir hier noch nicht, denn der Wind, der die beiden Freunde Alyssa und Mehdi weiter tragen soll als die Möglichkeiten es hergeben, hat noch nicht mal angefangen, als Südwind seine Pflicht zu tun.

Das innige Beispiel einer Freundschaft

Alyssa und Mehdi – das ist kein Liebespaar. Beide kenne sich von klein auf, sind so etwas wie Bruder und Schwester – haben also eine Beziehung, die in den 80ern Harry und Sally für unmöglich hielten. Und die so viel Gewicht hat, dass nichts beide auch nur jemals entzweien könnte.

Vielleicht aber hält die Zukunft  Schicksale bereit, die für Konflikte sorgen. Die beide in unterschiedliche Richtungen treibt. Bobachtet man Alyssa und Mehdi aber, wie sie versuchen, die trostlose Unbeweglichkeit ihres Status Quo zwischen familiärer Verpflichtung und Jobsuche hier in Tunis zu überwinden, konfrontiert Wohin der Wind uns trägt (Im Original noch treffender: Where the Wind Comes From) sein Publikum mit dem energiegeladenen Abenteuer einer Orientierungssuche.

Nach der Decke strecken? Ist nicht!

Und taucht dabei tief in die inneren Welten seiner beiden jungen Helden ab, die wissen, wie man Gelegenheiten am Schopf packt. Nur so, nur durch Improvisation, Wagemut und Dreistigkeit, scheint man als Young Adult hier in Nordafrika nach dem Arabischen Frühling voranzukommen – man muss nur die Grenzen, die einem gesteckt werden, links liegen und Verantwortung für andere gegen Eigenverantwortung tauschen. Einen zielgerichteten, aufmüpfigen Egoismus entwickeln. Und nach Djerba düsen.

Also klauen Alyssa (berührend authentisch: Eya Bellagha) und Mehdi kurzerhand den nicht unauffälligen Jeep eines Bekannten, um zu einem Zeichenwettbewerb auf der Touristeninsel vor Tunesiens Küste zu gelangen. Mehdi ist schließlich hochtalentiert, entwirft surreale Bilder, versteht das Handwerk – und hat sein Werk auch schon eingereicht.

Belastungsprobe für Werte und Prinzipien

Auf dem Weg dorthin aber mag der eine oder andere Engpass beide vor Herausforderungen stellen, die sie so noch nicht kannten. Sie mögen ihre Prinzipien vielleicht manchmal verraten, die eigenen Grenzen dehnen und Erfahrungen sammeln, die sehr viel auch mit der Rolle der Frau in einem muslimischen Land zu tun hat. Und dem, was man ihr zugesteht, tun zu dürfen – oder auch nicht.

Roadmovies gibt es viele. Selbstfindungen währenddessen ebenso. Doch was Amel Guellaty ganz besonders hier gelungen ist, und wodurch sie ihre Reise zu etwas ganz Besonderem werden lässt, ist diese gnadenlos bedingungslose Freundschaft, dieses Zueinanderhalten und das tiefe Vertrauen, das beide einander schenken.

Platz für die inneren Welten

Berührende Momente wechseln mit dreistem Schicksals-Gambling – doch überzogen wird das Ganze nie. Eine gewisse verspielte Verträumtheit und eine Liebe zu ihren Figuren bringt Guellaty auch dazu, die inneren Welten von Alyssa in dezent gesetzten, surrealen Szenen zu visualisieren. Bei Mehdi muss sie das nicht tun – er hat seine Bilder, die seine Gefühlswelt zeigen.

Diese erfrischend unverkrampfte Sicht auf die Welt, verbunden mit dem empfundenen Recht junger Menschen, der Welt den eigenen Stempel aufzudrücken, egal wie – das trägt eine Wahrhaftigkeit in sich, die so bescheiden und virtuos daherkommt, dass sich jede Vermutung, in einem Betroffenheitsfilm nur more of the same erzählt zu bekommen, im Wüstenwind zerstreut.

Dann dreht sich der Wind

Frech und fröhlich, doch genauso mit Angst im Herzen und Wille im Verstand, fahren die beiden einer Zukunft entgegen, die so ungewiss ist, dass sich Kilometer für Kilometer nur improvisieren lässt. Irgendetwas wird passieren, hin zu Neuem oder zurück zu Altem, neu betrachtet. Eine Reise, fast schon so wie bei Paolo Coelho, nur mit dem Wind, der sich immer wieder dreht.

Wohin der Wind uns trägt (2025)

Magic Farm (2025)

WIE IST DAS NACHTLEBEN IN DER PAMPA?

6/10


Chloë Sevigny und ihr Team, darunter Alex Wolff, im Film Magic Farm
© 2025 Mubi


LAND / JAHR: USA, ARGENTINIEN 2025

REGIE / DREHBUCH: AMALIA ULMAN

KAMERA: CARLOS RIGO BELLIVER

CAST: CHLOË SEVIGNY, ALEX WOLFF, SIMON REX, JOE APOLLONIO, CAMILA DEL CAMPO, VALERIA LOIS, AMALIA ULMAN U. A.

LÄNGE: 1 STD 33 MIN



San Cristobal heisst das Kaff irgendwo in der argentinischen Pampa, in welchem Edna und ihr Team aufschlagen – als gäbe es dort den Jackpot zu holen. Es hat den Anschein, als wären Fuchs und Hase die einzigen, die allabendlich gerne ins Gespräch kommen – doch andererseits soll es in San Cristobal einen Musiker geben, der im Hasenkostüm schmucke Beats schmettert und damit auf Social Media für Furore sorgt. Wo ist nur dieser Kerl?

Zum Aufgeben sind Briefe da

Die Dame, die sie hierher gelotst hat, ist unauffindbar. Zu Beginn des Films erfährt man, was genau sie dazu bewogen hat, abzureisen. Jedenfalls nicht, um die fünf New Yorker ihrem Schicksal zu überlassen. Was man auch wissen sollte: Dieses schräge Team, das in dieser Gegend wohl als Touristengruppe durchgeht, hat sich ebenso schrägem Content verschrieben, welches es filmisch zu dokumentieren gilt.

Eine besondere Begegnung mit dem tanzenden Hasen soll nun hier stattfinden. Doch weder der Musiker ist auffindbar, noch kennt ihn jemand hier. Könnte sein, dass es noch ein anderes San Cristobal gibt? Und was also tun, wenn das ganze zur Nullnummer wird? Improvisieren ist die Devise. Und das Beste daraus machen. Vielleicht auch etwas erfinden? Sowas wie Fake News?

Alles so schön bunt hier

Amalia Ulman, selbst eine der fünf Charaktere, die hier ihr Glück suchen, sieht in Magic Farm eine ungezwungene Experimentierfläche. Schön, wenn einem ein Studio nichts vorschreiben kann. Da gibt es nichts erquickenderes. Ulman hat ihr Ensemble, sie hat einen roten Faden, und rundherum passiert so einiges, vor allem visuell Ungewöhnliches.

Die Welt betrachtet Ulman zu Beginn aus einem Fischauge, im Zentrum der gekrümmten kleinen Welt ein Mopedfahrer. Ein anderes Mal darf die Kamera auf dem Rücken eines Hundes mitreiten. Grelles Licht lässt die Farben neonhell erstrahlen. Ulman will, dass sich auch filmtechnisch einiges bewegt, dass nichts nur aus einer Perspektive betrachtet werden will.

Fake News als Feel Good-Pflaster

Dann aber begegnet sie den Menschen, oder besser gesagt: Das Team begegnet einer Dorfgemeinschaft, die ihre unverwechselbaren Individuen hat. Im Zaubern von Fake News in dieser einem Zirkus ähnlichen Community-Blase hat niemand wirklich Eile, doch was eigentlich wichtig scheint, und auch real existiert, hat gegenüber hippem Culture Clash keine Chance.

Glyphosat ist das böse Wort, und Glyphosat vergiftet hier Geist und Körper. Ulman lässt ihre ach so intellektuellen New Yorker am eigentlichen Thema vorbeihantieren; lässt sie entrückt und der akuten Realität den Rücken kehren – so magisch, und seltsam, und exotisch ist es hier. Da will sich niemand die Laune verderben lassen, doch es reicht lediglich die immer wieder mal eingestreute Erwähnung eines Umweltskandals, um die Dissonanz in der Wahrnehmung sichtbar zu machen.

Ganz dezent, fast schon flüchtig wie eine Erscheinung, lässt Ulman das Gefühl seltsamen Unbehagens an der Türschwelle zurück, ohne die Dunkelheit dabei in ihren Film zu bitten. Da ist sie wieder, dieses zielsichere Konzept in einem fast improvisiert scheinenden Film, der bunt und skurril wirkt und aus der Herkömmlichkeit herausfällt.

Magic Farm (2025)

The Love That Remains (2025)

ALLE SIND EINE INSEL

7,5/10

 

Grímur und Þorgils Hlynsson im Film The Love that Remains von Hlynur Pálmason
© 2025 Hlynur Pálmason

 

ORIGINALTITEL: ÁSTIN SEM EFTIR ER

LAND / JAHR: ISLAND, DÄNEMARK, SCHWEDEN, FRANKREICH 2025

REGIE / DREHBUCH: HLYNUR PÁLMASON

KAMERA: HLYNUR PÁLMASON

CAST: SVERRIR GUÐNASON, SAGA GARÐARSDÓTTIR, ÍDA MEKKÍN HLYNSDÓTTIR, GRÍMUR HLYNSSON, ÞORGILS HLYNSSON, INGVAR SIGURDSSON, ANDERS MOSSLING, KATLA M. ÞORGEIRSDÓTTIR U. A.

LÄNGE: 1 STD 49 MIN



Ganz zu Beginn hat unser Planet ganz anders ausgesehen. Superkontinent Pangäa, dann Gondwana – bis vor die Haustüre der Stadt Wien reichte das Flachmeer, Austernbänke im Nordosten des Landes zeugen heute noch davon, wie es damals war.

Intakte Systeme haben auch mal ein Ende

Vielleicht war alles ganz harmonisch, gemächlich, unter tropischer Sonne dahinplätschernd, dahinlebend. Alles wunderbar. Im Laufe der Jahrmillionen hat sich alles verändert, kein Meer mehr, kein Superkontinent, isolierte Inseln mit isolierten Arten und so weiter und so fort. Nichts ist beständig, alles vergeht, Neues entsteht, und die Welt macht weiter.

Terrence Malick hat in seinem kontemplativen Epos The Tree of Life über nichts anderes sinniert. Sein Film beginnt überhaupt schon mit dem Urknall, mit der Ausdehnung des Universums und landet am Ende bei einer Familie, deren Eltern Jessica Chastain und Brad Pritt sind. Hlynur Pálmason wagt sich an ein ähnliches Gleichnis heran. Er spart sich aber Urknall und Planetenwerdung und die ersten Lebewesen auf diesem Planeten, die aus dem Wasser krochen – obwohl das Wasser stets Bestandteil seiner bruchstückhaften und dann doch wieder stringenten Erzählung bleibt.

Papa im Sog des Meeres

Schließlich ist der Vater dieser Familie ein Fischer – und zieht, wie es der Job verlangt, immer mal wieder über Tage und Wochen aufs Meer hinaus. Er selbst wird zum Fremdkörper im System und entfernt sich, wie die Raumsonde Voyager von unserer Erde, immer weiter von jenen, die ihm viel bedeuten. Dass diese Fliehkraft so stark an der Vaterfigur zieht, liegt natürlich an der Trennung der Eltern.

In der Kinderstube selbst sitzen zwei Söhne und eine Tochter; zwei davon noch nicht mal Teenager oder gerade erst. Sie leben bei Muttern, rein berufsbedingt. Die wiederum versucht sich als Land-Art-Künstlerin, arbeitet mit dem Wetter, mit Rost und Metall. Dazwischen ein zerbrochener Alltag auf Island, mit Momenten der Vollständigkeit, wenn Papa mit auf Ausflug geht. Schön ist das, und dann wieder doch nicht. Nichts ist, wie es mal war, nur die Liebe bleibt, eine ganz gewisse Liebe, die Eltern für ihre Kinder empfinden, und Kinder für ihre Eltern. Das ist The Love That Remains.

Familie bei jeder Witterung

Es wäre ja alles eine recht ernüchternde, besinnliche, mitunter wehmütige kleine Geschichte, wenn Hlynur Pálmason hier nicht Regie geführt und sich diese isländische Miniatur zwischen all den Wetterlagen ausgedacht hätte. Pálmason ist ein Andersdenker, seine Filme sprengen Sehgewohnheiten, erklären sich nicht, bleiben kryptisch, symbolisch und experimentell.

Erkennen kann man Pálmasons Stil an den statischen Betrachtungen von Landschaften und so manchen Dingen. Nichts bewegt sich, nur die Zeit zieht vorüber – die Zeit, der Tag, die Nacht, das Wetter. Jede noch so mögliche Witterung nimmt Einfluss auf das zu Betrachtende – und gerät damit in Bewegung.

Auf die Spitze treibt Palmason seine Zeitpanoramen in Weißer weißer Tag – in seinem bislang besten und stilistisch beeindruckendsten Meisterwerk Godland über die Missionierung Islands lässt er tote Tiere eins werden mit ihrer Natur, während wir dabei zusehen.

Die ganz eigene Insel-Realität

In dieser reduzierten Opulenz, in der die Unwirtlichkeit eines Landes fast schon zum Hauptdarsteller wird, geistert diese vierköpfige Familie zwischen Sehnsucht, Begehren, Streben und Innehalten dahin. The Love That Remains behält trotz all seiner entrückten Experimentierfreude den roten Faden seiner Geschichten in der Hand und lädt sie auf mit märchenhaften Metaphern, die aber stets so wirken, als wäre hier oben im Norden das Metaphysische und Surreale Teil einer anderen, eben dieser Insel-Realität.

Immer wieder kehrt Pálmason zu einem Holzpflock in der Erde zurück, an dem irgendwann die lebensgroße Puppe eines Ritters gebunden wird, mit Helm und Harnisch. Die Kinder schießen Pfeile auf sie ab, immer wieder. Diese Manifestation einer Heldenfigur, die sowohl für den Vater als auch für die Mutter steht, wird irgendwann lebendig – als Opfer einer aufgestauten Aggression und einer Ohnmacht, die ein nicht mehr intaktes Familiengefüge vor allem bei denen, die abhängig sind, mit sich bringt.

Ein nicht planbarer Zugang

Dass Stilbrüche in einem Film zu einem eigenen Stil werden – dafür bedarf es vor allem Konsequenz in der Umsetzung von Visionen, die aus dem Inneren kommen. Vieles in The Love That Remains erklärt sich durch intuitives Wahrnehmen, wie schon bei Mascha Schilinskis In die Sonne schauen. Pálmasons Film ist einer, in den man sich genauso hineinfallen lassen sollte, ohne viel nachzudenken. Dass man dann, genauso wie die Figur des Vaters, weiter so dahintreibt wie auf offener See, weit entfernt die rettende Küste, dann macht das gar nichts. Dann ist The Love That Remains eben nicht steuerbar, wie die Sehnsucht selbst.

The Love That Remains (2025)

Die reichste Frau der Welt (2025)

DER GÖNNERHAFTE GLEICHMUT EINER DIVA

4/10


Isabelle Huppert und Pierre Lafitte im Film Die reichste Frau der Welt
© 2026 Neue Visionen


ORIGINALTITEL: LA FEMME LA PLUS RICHE DU MONDE

LAND / JAHR: FRANKREICH, BELGIEN 2025

REGIE: THIERRY KLIFA

DREHBUCH: THIERRY KLIFA, CÉDRIC ANGER, JACQUES FIESCHI

CAST: ISABELLE HUPPERT, LAURENT LAFITTE, MARINA FOÏS, RAPHAËL PERSONNAZ, ANDRÉ MARCON, MATHIEU DEMY, JOSEPH OLIVENNES, MICHA LESCOT U. A. 

LÄNGE: 2 STD 3 MIN



Isabelle Huppert mag vielleicht, neben Catherine Deneuve und Juliette Binoche, wirklich zu einer der reichsten Frauen zumindest Frankreichs gehören. Bei dieser Ausdauer kann schon einiges an Kapital zusammenkommen, denn Mrs. Huppert hält sich wacker seit den Anfängen der Siebziger – sie ist , so könnte man es fast bezeichnen, der Rolling Stone unter den Akteurinnen. Und was ihr dabei zugute kommt, ist folgendes Phänomen: Sie altert nicht.

Die Serviette des Picasso

Bei einer fast schon sechzigjährigen Karriere kann es allerdings passieren und der Ehrgeiz, sich schauspielerisch nochmal neu zu entdecken, sei anderen Künstlerinnen gegönnt. Sicher nicht mehr Isabelle Huppert, denn schließlich muss sie längst nichts mehr beweisen. Als womöglich unkomplizierter Star gerne gefragt, schüttelt sie wohl ihre Routine aus dem Ärmel wie Picasso, der – wir alle kenne die Anekdote – für ein Gekritzel auf einer Tischserviette Millionen verlangen konnte.

Die Made im Speck

Apropos Millionen: Davon hat Hupperts Figur der Marianne Ferrere jede Menge. Und zwar so viele, dass sie eben als reichste Frau der Welt gilt, dank einer Kosmetikkette, die wie Red Bull ihren globalen Absatz findet. Doch irgendwie ist neben all dem materiellen Elysium irgendetwas im Argen. Die Lust am Leben weicht einer depressiven Stimmung, die Leute wohl befällt, die nichts mehr erreichen müssen.

Wie gerufen kommt da die Anfrage eines Establishment-Journals für ein Interview – inklusive Fotoshooting. Dieses darf der windige Alleskönner Pierre-Alain Fantine absolvieren, einer nicht nur mit dem Talent für das Lichtbild, sondern auch, andere, die vielleicht bedürftig nach etwas mehr Abwechslung sind, um den Finger zu wickeln. Fantin ist letztlich ein Hochstapler – einer, der mit lautem Auftreten und vulgärem Vokabular das konservative Dasein dieser älteren, aber nimmermüden Dame umkrempelt und für sich beansprucht. Fantin wird zur Made im Speck, eine Zeit lang sieht die Familie dabei zu, bevor auch ihnen die Hutschnur reisst.

Wir wollen niemanden beim Namen nennen

So ganz verfolgt hatte ich die Affäre rund um die L’oreal-Erbin Bettencourt, die in der ersten Dekade des neuen Jahrtausends Frankreich erschüttert hat, leider nicht. Denn hätte ich das, wären mir all die Parallelen des Films von Thierry Klifa sofort aufgefallen.

Auch im realen Fall spielt ein Fotograf die Erbschleicher-Rolle, illegale Spenden an politische Parteien und die Klage der eigenen Tochter sind nur einige Fakten, die auch im Film wiederkehren. Das alles ist streng genommen und unterm Strich ein wohl erdrutschartiges Drama, die Destruktion einer Familie und ein Pamphlet über die Schande des Reichtums.

Über den Ernst der Lage hinweglächelnd

Herausgekommen ist eine halbgare Sache, eine enervierende Dramödie, die sich so anfühlt, als wäre sie vergnügliches Zerstreuungskino. Nicht unwesentlich daran beteiligt mag die gehetzte Tonalität sein, die man aus den Komödien eines Louis de Funès oder mittlerweile Christian Clavier kennt, der ja immer noch den Eindruck vermitteln will, so gut zu sein wie der Gendarm von Saint Tropez.

Helles Licht, französischer Strand und ein Kommen und Gehen prägen den Rhythmus. Als Zwillingsfels in der Brandung sind Diva Isabelle Huppert und Laurent Lafitte zu sehen, frei nach dem Motto: Kennt man eine Szene, kennt man alle. Ein Fehler? Durchaus.

Huppert scheint den Eindruck zu vermitteln, ihrer Rolle wohl kaum mit Ehrgeiz begegnen zu müssen. Ihre Mimik ist immer die gleiche, ihr Schmunzeln ebenso. Keine Trauer, kein Ärger, keine Freude – Gefühlswelten, die Die reichste Frau der Welt allerdings verlangt, die von Huppert aber mit einer gönnerhaften Gleichform interpretiert werden. Auf der anderen Seite Laurent Lafitte (beide kennen  sich aus Paul Verhoevens Elle) – immer gleich aufgekratzt, immer gleich vulgär, immer gleich überheblich grinsend.

Seinen Untergang nimmt er mit Lippenbekenntnissen, beiden sind ihre Rollen zu voluminös, während Thierry Klifa an der auf mehreren Ebenen komplexen Dramatik des Stoffes unweigerlich scheitert.

Die reichste Frau der Welt (2025)

Un Poeta (2025)

DER DICHTER, DER VERLOREN GING

8/10


Ubeimar Rios und Allison Correa als Vater und Tochter in Un Poeta von Simón Mesa Soto© 2026 Polyfilm


LAND / JAHR: KOLUMBIEN, DEUTSCHLAND, SCHWEDEN 2025

REGIE / DREHBUCH: SIMÓN MESA SOTO

KAMERA: JUAN SARMIENTO G.

CAST: UBEIMAR RIOS, REBECA ANDRADE, ALLISON CORREA, GUILLERMO CARDONA, HUMBERTO RESTREPO, ADRIANA UPEGUI, MARGARITA SOTO U. A.

LÄNGE: 2 STD 3 MIN



Das hört man oft, wenn man nicht mit Buchverlagen und einer Marketingmaschinerie im Rücken als Schriftsteller von welcher Gattung Schriftstück auch immer unter mitleidigen Blicken und unerwartetem Staunen Anerkennung erlangt: An dir ist wohl ein Dichter verloren gegangen. Doch warum verloren, wenn es doch zu Papier gebracht wird? Wenn das, was man schreibt, öffentlich zugänglich ist, und zwar von allen. Ist der Dichter dann wirklich an einem verloren gegangen, nur wenn man davon nicht leben kann – und vielleicht auch will?

Schreibkunst für die Schublade

An Schülerin Yurlady (Rebeca Andrade) kann die Dichterin unmöglich verlorengegangen sein, schreibt sie doch alles auf, was sie denkt, für sich und für niemanden sonst. Ist es dann immer noch verloren, das Talent verschwendet? Hat Talent nur dann eine Berechtigung, wenn man nur einem einzigen Weg folgt, und zwar den des Ruhms? Vielleicht ist es schon genug, sich die Dinge des Lebens von der Seele geschrieben zu haben.

Anders als Yurlady denkt der Inbegriff des brotlosen Dichters: Óscar Restrepo. Kaum eine Figur verkörpert dieses einerseits bemitleidenswerte und andererseits ungemein aufreibende Bild des wehklagenden verkannten Genies, der die Tage damit zubringt, zuhause bei Muttern sich selbst und die schnöde Welt anzuheulen, aber nichts dafür zu tun, dass irgend etwas anders wird, so dermaßen treffsicher. Denn schließlich gilt: Ein Künstler hat Kunst zu machen, das ist seine Bestimmung.

Vom Einfangen verlorener Dichterinnen

Letztlich schafft es Óscars Schwester dann doch, das literarische Rumpelstilzchen dazu zu bewegen, als Lehrer der Dichtkunst endlich wieder eigenes Geld zu verdienen. Und dort, genau dort, trifft der schräge Kauz auf Yurlady, die gar nicht will, dass man ihre Schriften liest, die sich aber genötigt sieht, diese aus einer gewissen Schulpflicht heraus mit dem Lehrer zu teilen. Der ist hin und weg. Es scheint, als hätte er eine neue Aufgabe: Nicht sich selbst in den Olymp des Autorenruhms zu hieven, sondern sein Protegé.

Das klingt erstmal nach einem guten Weg. Doch Regisseur Simón Mesa Soto hat mit diesem Óscar Restrepo einen Charakter entworfen, der so manche literarische Gestalt in sich vereint: Den Existenzialisten, den Verlorenen, den Verschmähten und den gegen Windmühlen kämpfenden. Allen voran aber als eine Art lebensuntauglicher und nicht unbedingt von Gott auf die Probe gestellter Hiob, der mit den gesellschaftlichen Normen aneckt und sein eigenes Universum mit seiner eigenen Logik bastelt – die aber in der Allgemeinheit nicht gut funktioniert.

Die aufgestauten Energien der Verlierer

Und so entwickelt Un Poeta einen gnadenlosen Sog in die schrecklich verschreckten Tiefen einer verkannten eitlen Künstlerseele, die ihre Existenz unentwegt in die Sackgasse führt. Mesa Soto blickt dabei in die Straßen und Gassen der kolumbianischen Stadt Medellin, blickt auch in die engen, verwahrlosten Mietwohnungen mehrköpfiger Familien, die sich nicht mal ein Hühnerei für alle leisten können und wo Teenager als Mütter gang und gäbe sind. Armut und Überleben stellt Un Poeta auf die eine Seite, den Luxus der Kunst auf die andere.

Und irgendwann im Laufe dieser Improvisationsversuche von Óscar, überlässt Mesa de Soto seine sozialkritische, ungeschönte Parabel ihrem Schicksal. Es ist, als hätte er die Verantwortung seinen Figuren übergeben – Un Poeta wird zum intensiven, sprachlich knallbunt erquickenden Selbstläufer mit einer Eigendynamik, die man so eigentlich nicht dirigieren oder kontrollieren kann.

Ein Kunststück der Eigendynamik

Un Poeta wäre am ehesten zu vergleichen – und das sogar sehr deutlich – mit den anfangs semidokumentarischen, später dann komplexen Spielfilmdramödien von Sean Baker (The Florida Project, Red Rocket), der mit seinem Anti-Pretty Woman-Märchen Anora vor lauter frischem Wind die Frisuren seines Publikums zerzaust. De Soto gelingt eine ähnliche Intensität, er entfesselt eine Kette von Ereignissen, die dicht an dicht aufeinanderfolgen, und in der die gescheiterte Anti-Figur des Òscar völlig die Kontrolle verliert.

Doch ins Chaos stürzt der Film dabei beileibe nicht. Man möchte es kaum glauben, doch immer wieder zwängt sich zwischen den Bemühungen des Möchtegerndichters und dem Widerstand von überall um ihn herum ein zartes, enorm feinfühliges Vater-Tochter-Drama, das beim genauen Hinsehen das aufrichtige Herzstück eines fast schon überlangen Films wird, der zwar keinen Leerlauf hat, durch die Dichte seines Stoffes auf satte zwei Stunden letztlich dann doch etwas anstrengt.

Man küsst und man schlägt ihn

Das aber ist Jammern auf hohem Niveau, wie es vielleicht Óscar Restrepo gefällt. Un Poeta ist ein brillantes Stück Sozialphilosophie und eine den physikalischen Gesetzen des Erzählens erliegenden Verlierballade, welche die Begriffe von Kunst und Können mit ausgeschlafener Klugheit relativiert. Und Ubeimar Rios als Óscar, schauspielerisch ein Laie und im wahren leben tatsächlich Dichter: den schließt man ins Herz und will ihn gleichzeitig vermöbeln, so wenig egal wird einem dieser literarische, ambivalente Hochgenuss eines Charakters.

Un Poeta (2025)

Is This Thing On? (2025)

ANLEITUNG ZUM GEMEINSAM UNGLÜCKLICHSEIN

8/10

 

Laura Dern und Will Arnett in Is This Thing On?© 2025 Searchlight Pictures All Rights Reserved.

 

LAND / JAHR: USA 2025

REGIE: BRADLEY COOPER

DREHBUCH: BRADLEY COOPER, WILL ARNETT, MARK CHAPPEL

KAMERA: MATTHEW LIBATIQUE

CAST: WILL ARNETT, LAURA DERN, SEAN HAYES, BRADLEY COOPER, CIARÁN HINDS, AMY SEDARIS, CHRISTINE EBERSOLE, ANDRA DAY, PEYTON MANNING U. A.

LÄNGE: 2 STD 4 MIN



Erst neuerdings hat der bayrische Kabarettist Michael Mittermeier in der von ihm wohl sehr geschätzten Wienerstadt einen Comedy-Keller eröffnet. Dieser hier, genannt Lucky Punch, dürfte die paar Etablissements, die es schon gibt, ganz gut ergänzen. So wie es scheint, lassen manche dieser Clubs einen das Mikro schnappen und drauflos improvisieren. Stand-Up Comedy nennt sich das. Fast sowas wie eine Stegreifbühne für Leute, die denken, sie wären lustig und eloquent genug, um damit ein ganzes Kellerpublikum zu begeistern.

Humor ist, wenn man trotzdem lacht

Wie schwer sowas ist – eben lustig zu sein, die Leute zum Lachen zu bringen; den Humor an sich (denn jede und jeder hat einen anderen Sinn dafür) aus den Gedanken zu kitzeln – kann man sich denken. Umso mehr Hut ab, wenn sich da manche auf die Bühne zu stellen und losplaudern. So, wie es Alex Novak macht, dargestellt von Will Arnett, der das Zerbrechen seiner Ehe zum Anlass nimmt, um sich alles von der Seele zu reden, was eigentlich niemandem etwas angeht, was er aber so verpackt, dass es dann doch seine Relevanz hat, um vorgetragen zu werden. Ehefrau Laura Dern weiß davon zuerst nichts. Und zwar lange nicht. Was aber ist passiert?

Wenn man glaubt, sich verloren zu haben

Bradley Coopers neuer Film beginnt mit einer emotional erstaunlich aufgeräumten Alltagsszene eines Ehepaares im Badezimmer. Beim Zähneputzen stellen beide fest: es ist aus. Ob nur vorübergehend, ist nicht ganz klar. Kein Streit, keine Tränen, rein gar nichts. Als wäre die Liebe tatsächlich erloschen. Doch in Wahrheit trügt hier der Schein, und ganz andere Dinge sind hier am Querlaufen, deren Pfade geradegerückt werden müssen. Das geht nur, wenn beide sich selbst wieder finden. Schließlich haben sie sich verloren, in einem diffusen, allerdings funktionierenden Miteinander, in dem die eigene Persönlichkeit nicht mal in der anderen aufgeht, sondern in der Annahme, dieser keine Priorität mehr einräumen zu dürfen.

Ein konstruktiverer Woody Allen

Is This Thing On?, stellt der Film bereits im Titel die Frage. Läuft da noch was, oder nichts mehr? Bradley Cooper und Will Arnett, die mit Mark Chappel gemeinsam das Skript verfassten, lassen sich für die Beantwortung dieser Frage lange Zeit, doch es lässt sich schon erahnen: Arnetts Figur ist diese Trennung jedenfalls nicht gleichgültig, wuchtet er doch immer wieder, da er im Stand-Up seine neue Leidenschaft entdeckt hat, das Thema auf die Bühne.

Klar dreht sich viel ums eigene Ego, doch erstaunlicherweise nicht so viel wie in den Beziehungsfilmen von Woody Allen. Der legt seine meist psychisch etwas in Mitleidenschaft gezogenen Figuren auf die imaginäre Couch, analysiert sie und macht sich daraus seinen tragikomischen Spaß aus Worten und Skurrilitäten. Gelingt natürlich, wir alle kennen die Stärken seiner Psychokomödien. Coopers Beobachtung einer Ehe aber ist weniger Psychoanalyse als Verhaltenstherapie, als proaktive, konstruktive Lehr- und Lernstunde in Sachen Wahrnehmung, Wertschätzung und Selbstbetrachtung.

Was soll das mit dem Beziehungs-Soll?

Beziehungen, die schon lange existieren, haben meistens einen guten Grund, warum sie das tun. Vielleicht, weil man sich aneinander gewöhnt hat. Weil man Veränderungen nicht schätzt, nur weil man zu bequem ist, um diese herbeizuführen. Weil ein neues Leben sehr aufwändig ist. Oder: weil man sich ganz einfach selbst vergessen hat.

Laura Dern und Will Arnett erarbeiten sich in Is This Thing On? ihr eigenes Leben, ihre eigene Leidenschaft zurück. Für sich selbst, und für ihr Gegenüber. Mehr Abstand klärt die Sicht auf die Dinge? In diesem Fall ja. In diesem Fall setzt Cooper auf fokussierte Weise seine charmant-witzige, gefühlvolle Reise ins gar nicht dunkle Herz einer scheinbar gescheiterten Beziehung Schritt für Schritt und Auftritt für Auftritt in die richtige, vielleicht einzig richtige Richtung, ohne sich mit oberflächlichem Klamauk aufzuhalten oder sich in Nebensächlichkeiten zu verlieren, die die ganze Geschichte aufpeppen sollen. Er setzt sich zwar selbst als schräger Künstler in Szene, doch diese Nebenfigur hat Grund genug, um ein Teil des Spiegels zu sein, in den Will Arnett blickt.

Letztlich durchfährt ihn eine unglaublich weise Erkenntnis, die man selbst als Zuseherin oder Zuseher nutzen und mitnehmen kann. Für die eigene Zweisamkeit. Für das eigene Glück des Miteinanders, welches mehr aushält, als man glauben möchte. Sogar jede Menge Unglück.

Is This Thing On? (2025)