The Meyerowitz Stories (New and Selected)

UND TROTZDEM IST ES FAMILIE

7,5/10


themeyerowitzstory© 2017 Netflix Österreich


LAND / JAHR: USA 2017

BUCH / REGIE: NOAH BAUMBACH

CAST: ADAM SANDLER, DUSTIN HOFFMAN, BEN STILLER, ELIZABETH MARVEL, EMMA THOMPSON, ADAM DRIVER, GRACE VAN PATTEN, DANIEL FLAHERTY, ADAM DAVID THOMPSON U. A. 

LÄNGE: 1 STD 50 MIN


Es stimmt nicht, dass Adam Sandler bis vor nicht allzu langer Zeit nur für seichte Unterhaltung zu haben war, vorzugsweise für infantile Komödien, die keinerlei schauspielerisches Engagement nötig haben. Es stimmt wohl eher, dass Adams Sandler schon seit jeher offen war für richtig gutes, anspruchsvolles Kino. So zum Beispiel spielte dieser in Paul Thomas Andersons Liebesdrama Punch Drunk Love die Hauptrolle – würde Anderson Adam Sandler wohl besetzen, würde er nicht wissen, dass dieser auch wirklich das Zeug für gewichtige Rollen hat? Von irgendwoher wusste er es, und Noah Baumbach wusste es später wohl auch. Oder er hat Andersons Film gesehen. Jedenfalls hat der gerne als naiver Underdog dargestellte Komiker auch andere Seiten. Und schätzt auch Rollen, die Charaktere darstellen, die mit sich selbst nicht im Reinen sind – die sich selbst im Weg stehen oder an Vergangenem nagen müssen. Die vielleicht die Gier übermannt, wie in Der schwarze Diamant. Oder mit dem eitlen Bruder auf die „Blutwiese“ geht, wie in The Meyerowitz Stories (New and Selected).

Der, mit dem sich Sandler auf dem Rasen wälzt, heißt Ben Stiller. Lange schon nichts gehört von ihm. Noch stiller ist’s um Dustin Hoffman geworden. Aber gut, dieser Kapazunder hat seinen Ruhestand längst verdient, seine Karriere hinter sich und bleibt auf ewig nicht nur der Rain Man, sondern vielleicht auch Tootsie, Spielbergs Hook oder der eigenbrötlerische Bildhauer Harold Meyerowitz, der das Leben eines erfolgreichen und hofierten Künstlers gelebt hat, und der für seine drei Kinder kaum jemals mehr übrig gehabt hat als kritikvolles Feedback zu deren Lebenswandel. Gut, entweder man lässt sich mit den Defiziten aus der Kindheit mitreißen – oder man stemmt sich dagegen. Ben Stiller als Matthew Meyerowitz hat sich dagegengestemmt und wurde erfolgreich. Bruder Danny eben weniger, der hat nie wirklich gearbeitet, konnte nie aus sich herauswachsen oder aus dem musikalischen Talent irgendetwas Sinnvolles lukrieren. Die Diskrepanz zwischen den beiden ist gegeben, den Respekt vor dem dominanten Vater aber haben sie alle. Auch Schwester Elizabeth, introvertiert und verschroben bis dorthinaus. Sie alle treffen sich spätestens dann, wenn der Patriarch darniederliegt.

Mit dieser charmanten Dysfunktionalität aus Eitelkeiten, Missgunst und der Suche nach Anerkennung lässt sich arbeiten, lassen sich viele Erkenntnisse schöpfen und schauspielerische Spitzenleistungen einfordern, die Noah Baumbach aus dem fiktiven Portrait einer jüdischen New Yorker Intellektuellenfamilie schält. Dazu gehören nicht nur die drei Geschwister, auch die Next Generation als Dannys Tochter gehört dazu, die sich in obszöner Filmkunst übt, unvergessene Ex-Ehefrauen und Harolds ehemalige Künstlerkollegen. Das klingt vielleicht ein bisschen beliebig, so in das Leben fremder Figuren hineinzuplatzen, um ihnen auf den Zahn zu fühlen. Und das wäre es vielleicht auch, hätte Noah Baumbach nicht verstanden, dass Familienportraits nur dann dramaturgisch spannend bleiben, wenn das Ungleichgewicht zwischen den Figuren durch Geben und Neben stets in Balance gehalten werden muss. Im Mittelpunkt dieses Ringens steht nicht zwingend eine Ich-bezogene autobiographische Figur wie bei Woody Allen, sondern das Gewicht liegt auf allen Beteiligten gleichermaßen. Sandlers larmoyante, aber auch etwas resignierende Art und Weise, mit der er die Ursachen seiner Lebenslage ergründet, ist Schauspielkino, das sich auf Augenhöhe mit jener Dustin Hoffmans begibt, der herrlich selbstgefällig und lustvoll die Attitüden eines vergessenen Künstlers durch den Kakao zieht, ohne aber eine Parodie daraus zu machen. Baumbach hat ein Händchen für verbale Konflikte – bewiesen hat er dies zuletzt in seinem oscarnominierten Ehedrama Marriage Story mit Scarlett Johansson und Adam Driver.

Man könnte Adam Sandler und seiner Familie tatsächlich stundenlang zuhören. Man ist als Zuseher in dieser notgedrungenen familiären Gemeinschaft fast wie ein entfernter Verwandter, der doch irgendwie alles weiß über diese verpeilte Sippschaft, die sich einerseits selbst sehr leidtut, andererseits aber mit Mitgefühl geizt. Der Weg zum gegenseitigen besseren Verständnis ist eine filmische Genussmeile, und als eine Komödie zu bewundern, die durch ihre subtile Situationskomik scheinbar ausweglose Lebenssituationen erträglicher macht.

The Meyerowitz Stories (New and Selected)

Wild Men

EIN MANN FÜR ALLE FELLE

5/10


wildmen© 2022 Plaion Pictures


LAND / JAHR: DÄNEMARK, NORWEGEN 2021

BUCH / REGIE: THOMAS DANESKOV

CAST: RASMUS BJERG, ZAKI YOUSSEF, BJØRN SUNDQUIST, SOFIE GRÅBØL, MARCO ILSØ, JONAS BERGEN RAHMANZADEH, HÅKON T. NIELSEN U. A. 

LÄNGE: 1 STD 42 MIN


Wo, wenn nicht in Norwegen, lässt sich die Rückkehr des archaischen Männerbildes besser zelebrieren? Man nehme zum Beispiel die beeindruckend in Szene gesetzte Legende von Ragnar Lodbrok her: ein Wikinger durch und durch. In der höchst erfolgreichen Serie Vikings dürfen tätowierte Kahlköpfe mit Rauschebart die Axt und sonst was schwingen. Es fließt Blut jede Menge, Ehre und Verrat wechseln sich auf verlässliche Weise immer wieder ab. Da weiß man wieder, was das für Männer waren. Männer, die es heutzutage nicht mehr gibt. Denn heutzutage zwängen sich Männer viel lieber in ihren Slim Fit-Anzug, schlüpfen in ihre Designerschuhe und schmeißen stundenlange Meetings. Oder aber sie ackern scheinbar endlos als Workaholic vor irgendwelchen Bildschirmen und sind zwar Meister der Informatik, haben aber sonst ganz vergessen, wie es sich anfühlt, in einen Ameisenhaufen zu steigen, einen Speer zu schnitzen oder eine Flamme zu entfachen, und zwar mit Zunder und Feuerstein.

Konnte das Ragnar Lodbrok auch? Vermutlich – wir wissen es nicht, und Martin, der gerade bis über beide Ohren in einer Midlife Crisis steckt, weiß es auch nicht, will aber der Sache auf den Grund gehen. Also lässt er Frau und Kind einfach im Stich und zieht von Dänemark nach Norwegen in die Wildnis. Dorthin, wo ihn niemand findet. Er wechselt seine Kleidung gegen Felle und lässt fast alles, was ihn sonst auch nur irgendwie an die müde Alltagsblase erinnert, hinter sich (außer seines Mobiltelefons: das ist für den Notfall, versteht sich). Womit er jagt, das sind Pfeil und Bogen. Doch das Besitzen dieser Dinge heißt nicht gleich, dass Mann damit umgehen kann. Martin kann es nicht und würde sonst verhungern, würde er nicht ab und an in den nächsten Tankstellenshop einfallen und Essbares rauben wie seinerzeit die vorbildlichen Männer aus grauer Vorzeit. Wenig später findet er in den Wäldern den verletzten Musa – einen Kriminellen, dem nicht wohlgesonnene Drogenschmuggler auf den Fersen sind. Die folgen dem Duo bald über die Berge, und auch die Polizei ist bald hinter Martin her, genauso wie dessen desperate Ehefrau, die dem Gatten ordentlich die Leviten lesen will.

Mit einer psychologisch durchdachten Komödie über das Scheitern eines überzeugten Aussteigers ist Wild Men vom Dänen Thomas Daneskov nur bedingt zu vergleichen. Oder aber auch gar nicht. In den ersten Szenen, in welchen ein bewusst unfreiwillig komischer Rasmus Bjerg nicht nur mit der Krise eines ereignislosen Alltagslebens hadert, sondern auch mit dem Vorhaben, dem Ideal des harten Mannes nahe zu sein, spielt Daneskov bereits die höchsten Karten aus. Der Einbruch in den Supermarkt ist das ironische Zeugnis eines Selbstbetrugs – aus dieser Situation hätte man ein tragikomisches Survivaldrama bergauf und bergab jagen können. Doch leider will der Regisseur etwas anderes. Er will eine kauzige Krimikomödie drehen, die sich trotz der ungewöhnlichen Ausgangssituation dem normalen Genrealltag des Kinos mehr anbiedert als für diese Thematik zu empfehlen gewesen wäre. Da jagen stereotype Verbrecher hinter Martin und seinem Schützling her, von der anderen Seite kommt die Staatsgewalt mit unmotivierten Polizisten, die zu Feierabend daheim sein wollen. Alles schön und gut, und ja – ganz nett. Aber dafür, dass der Film so klingt, als wäre er eine komödiantische Mischung aus Beim Sterben ist jeder der Erste und City Slickers, angereichert mit dem eigentümlichen und gerne sarkastischen Humor Skandinaviens, fällt Wild Men viel zu gezähmt aus. Oder soll genau das der ironische Witz sein?

Wild Men

Not Okay

SIE LIEBEN MICH, SIE LIEBEN MICH NICHT

7,5/10


notokay© 2022 20th Century Studios. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2021

BUCH / REGIE: QUINN SHEPHARD

CAST: ZOEY DEUTCH, MIA ISAAC, DYLAN O’BRIEN, NADIA ALEXANDER, SARAH YARKIN, KARAN SONI, BRENNAN BROWN, EMBETH DAVIDTZ U. A. A. 

LÄNGE: 1 STD 40 MIN


So weit sind wir gekommen, rund 30 Jahre später, nach Etablierung des Internets und des World Wide Web: Die Sozialen Medien haben uns fest im Griff, vielen dirigiert es das Leben, anderen gibt es den Freibrief für Hass und Häme. Anderen, und nicht wenigen, gibt es die Möglichkeit, zeit- und kostensparend vor ein Publikum zu treten, um sich selbst zu präsentieren. Und damit geht’s erst so richtig los: Wer gefällt besser? Was gefällt besser? Das neue Publikum vor der Bühne sind Follower und Liker. Je größer das Publikum, desto besser das, was auf der digitalen Bühne abgeht. Oder doch nicht? Wie viel wert ist das Publikum, das sich für nichts mehr bemühen muss, außer dafür, einen Klick abzugeben? Mittlerweile lässt sich sowas sogar dazukaufen, aber keiner redet darüber. Manchmal schaffen es einige und treten Hypes oder ähnliches los, die dann wieder nach absehbarer Zeit so verpuffen, als wären sie nie da gewesen. In dieser Zeit aber kann man reich und beliebt werden. Mehr als beliebt. Angehimmelt. Zum Idol werden. Zum Helden. Zur mediasozialen Gottheit aus Werbung, Trend und Anbiederung.

So jemand wird Danni Sanders. Und es ist ein Aufstieg, raketengleich bis ins nächste Sonnensystem. Dabei war Danni beliebtheitsmäßig gerade mal noch Tellerwäscherin – zur Ikone mutiert sie durch einen Trick, der sich, wenn alles glatt läuft, später unter den Tisch kehren lässt. Berühmt will man im 21. Jahrhundert nämlich nicht nur Andy Warhol’sche 15 Minuten sein – sondern gefühlt auf ewig. Das sich der gläserne Mensch nicht mehr nur selbst genügt, sondern sich durch Likes wildfremder anderer definiert, ist bedenklicher Teil eines klugen, modernen Filmmärchens, dem Happy Endings am Allerwertesten vorbeigehen und hinter der Gefallsucht junger Menschen einen kärglichen Rest Selbstwert vorfindet, der nur deswegen so mickrig geworden ist, weil die eigene Ehre als Einsatz für die letzte Runde Beliebtheitspoker auf den Tisch kommt.

Und anfangs sieht es so aus, als hätte Poserin Danni Sanders, bis über beide Ohren selbstverliebt, maskenhaft und gekünstelt, richtig gute Karten. Dank eines Terroranschlags in der französischen Metropole Paris, der genau dann verübt wird, als sich Danni eben dort aufhält. Angeblich, jedenfalls. Denn in Wahrheit sitzt die eitle Schöne daheim, fingiert ihre Selfies auf Photoshop und macht sich so natürlich beliebt. Als dann das Grauen jenseits des Atlantiks hereinbricht, bleibt Danni nichts anders übrig, als traurige Mine zu bösem Spiel zu machen und sich selbst als Überlebende des Terrors bemitleiden zu lassen. Das ist Zündstoff, der sie unter dem Hashtag #NotOkay zur Leitfigur eines Trends werden lässt, der das Unwohlsein der Gesellschaft vor die Linsen mobiler Gerätschaften holt. Doch wo es Erfolg gibt – wie auch immer erreicht – gibt es auch Neider. Und nach dem Aufstieg kommt der tiefe Fall.

Disney+ hat mit der Posting-Satire Not Okay wieder mal den richtigen Riecher gehabt: Quinn Shephards Abrechnung mit den modernen Medien macht von Anfang an klar, wohin die Bestrebungen der bildschönen Lügenprinzessin letzten Endes führen werden. Daher zeichnet sie mit Liebe zum Detail und mit einem gewissen Quäntchen an Schadenfreude einen unwirtlichen Weg aus Verrat, Betrug und Vertrauensmissbrauch Richtung Untergang. Zum Glück verzichtet Shephard aber auf Zynismus oder derb-grotesker Polemik, zu der man sich gerade in diesem thematischen Untiefen gerne hinreißen lassen könnte. Zoey Deutch als Fake-Zeitgeistheldin rotiert als Influencerin um ihr massereiches Ego und bleibt dennoch plausibel und differenziert, mitunter funkelt von Anfang an schon die ungeschminkte Danni durch, die sie in den wenigen, aber ausdrucksstarken Momenten menschlich greifbar werden lässt. Viele von den Daily Postern im tatsächlichen Leben, so lässt sich nachvollziehen, könnten ähnlich gestrickt sein. Ganz ohne Betrug. Der kommt noch dazu, und lässt die Bombe in einer Größenordnung platzen, die fast schon dem Stern-Skandal rund um die Hitler-Tagebücher (Schtonk!) nahekommt. Alles für Prestige und Ruhm, und letzten Endes nichts für einen selbst. Mia Isaac als Greta Thunberg’sche andere Seite der Medaille, der es, ebenfalls berühmt, um die Sache geht und die nicht mit dem Selbstzweck die Mittel heiligen will, ist die gute Fee in einem Gewissenskonflikt der Generation Now!, die egal zu welchem Preis ihre Jünger sammelt.

Not Okay sticht schwachbrüstige Genrebeiträge wie Nerve so ziemlich aus, und muss auch nicht auf Horror tun wie Unfriend. Als ernstzunehmender Konkurrent tut sich nur noch die polnische Hassposting-Analyse The Hater hervor, nur weitab jeglichen leichtfüßigen Augenzwinkerns. Dieses hat Shephards Film aber reichlich, wird dabei aber keinesfalls weniger ernst oder aufrichtig. Was Not Okay zu sagen hat, kommt aus voller Überzeugung.

Gelungene Komödien mit Tiefgang gibt es selten – die aufrichtige Influencer-Satire um die Gier nach Likes ist aber eine, die das Problem virtuellen Erfolges am Schopf packt und so lange nicht loslässt, bis man den Boden unter den Füßen wieder spürt.

Not Okay

Warten auf Bojangles

DAS LEBEN FEIERN BIS DER ARZT KOMMT

7/10


© 2022 StudioCanal


LAND / JAHR: FRANKREICH 2021

REGIE: RÉGIS ROINSARD

CAST: VIRGINIE EFIRA, ROMAIN DURIS, GRÉGORY GADEBOIS, SOLAN MACHADO-GRANER U. A.

LÄNGE: 2 STD 5 MIN


Das Melodrama ist zurück! Schon lange habe ich im Kino keinen Film mehr gesehen wie diesen. Man hätte ja meinen können, dieses Genre gilt bisweilen als obsolet, und lediglich Romanzen der jugendlichen Sorte, die gerne gewissen erfolgsgarantierten Formeln folgen, hätten ihr Publikum. Normalerweise lasse ich mich zum Melodrama nicht unbedingt hinreißen. Die ersten Echos aus diversen filmkritischen Quellen haben mich dann doch dazu bewogen, mir Warten auf Bojangles anzusehen. Und das nicht zuletzt wegen der so charismatischen wie sinnlichen Hauptdarstellerin Virginie Efira und vor allem auch wegen den zaghaften, aber doch vorhandenen Vergleichen mit Der fabelhaften Welt der Amelie.

Nun, eine auch nur irgendwie geartete Verbindung zu letzterem konnte ich nicht feststellen. Mit Jeunets märchenhafter Bildsprache hat Warten auf Bojangles weniger etwas zu tun, sondern viel mehr mit Geschichten, die von der Koexistenz mit psychisch kranken Menschen erzählen. In diesem Fall gibt Virginie Efira, zuletzt ausgiebig hüllenlos in Paul Verhoevens Klosterdrama Benedetta, einen manisch-depressiven Wirbelwind, der mit allen möglichen Namen, nur selten mit dem eigenen, angesprochen und darüber hinaus gesiezt werden will. Auch vom Gatten Romain Duris und ihrem kleinen Sohn. Da erkennt man schon: diese verlorene Seele wird wohl allein mit der innerfamiliären Liebe, die ihr entgegengebracht wird, nicht gesunden können. Da braucht es andere Methoden. Das Wissen der Psychiatrie. Doch inmitten der Sechziger Jahre wähnte diese sich noch mit Sedativen und Eisbädern auf der sicheren Seite. Hilft gar nichts mehr, dann nur noch die Lobotomie. Bevor es jedoch soweit kommt, ist das ausschweifende Partyleben der beiden bedingungslos Liebenden auch eine Art Peter Pan-Abenteuer für den kleinen Gary (bezaubernd: Solan Machado-Graner), der sich trotz der oder gerade wegen der unorthodoxen Wunderwelt, die seine Eltern da errichtet haben, so richtig geborgen fühlt. Das Leben zu genießen und im Moment zu leben, ist eine Sache. Durchaus lobenswert natürlich, aber nicht ausschließlich. Die andere Sache ist das Entgleiten einer verantwortungsvollen Existenz, ohne die ein Leben unweigerlich im Chaos mündet.

Régis Roinsard (unbedingt ansehen: Mademoiselle Populaire – ein bezauberndes kleines Meisterwerk) hat Olivier Bourdeauts bittersüßen Roman wie eine schwerelos-überzeichnete und stellenweise auch rücksichtslos überdrehte französische Komödie adaptiert, die, sobald das Dilemma offenbar wird, zwar deutlich tragischer und ernsthafter wird, jedoch niemals in seiner existenzialistischen Schwere versinkt. Diese Leichtigkeit gäbe es in anderen Filmnationen wohl nicht. In Warten auf Bojangles, bezugnehmend auf das wiederholt zu hörende, schmachtvolle Lieblingslied des nonkonformen Liebespaares, lädt die Unmöglichkeit, mit einer massiven Krankheit wie dieser glücklich in die Zukunft hineinzuleben, zu eskapistischen Kapriolen ein. Dabei wundert es gar, dass der Film nicht in eine phantastische Alternativwelt abgleitet – insbesondere für den kleinen Gary. Der Junge ist letzten Endes der eigentlich Leidtragende der ganzen Tragödie, und der Verlust elterlicher Obhut führt zur Entrüstung, welche die sonst gelungene, teils untröstliche, weil traurige Tragikomödie unverstanden in den Abspann entlässt.

Warten auf Bojangles

Der beste Film aller Zeiten

DIE BEDÜRFTIGKEIT DER EGOMANEN

7,5/10


bestefilmallerzeiten© 2022 StudioCanal


LAND / JAHR: SPANIEN, ARGENTINIEN 2021

BUCH / REGIE: GASTÓN DUPRAT & MARIANO COHN

CAST: PENÉLOPE CRUZ, ANTONIO BANDERAS, OSCAR MARTÍNEZ, JOSÉ LUIS GÓMEZ, MANOLO SOLO, NAGORE ARANBURU, IRENE ESCOLAR, PILAR CASTRO U. A.

LÄNGE: 1 STD 54 MIN


Kunst würde großteils nicht existieren, gäbe es nicht die Motivation dahinter, sich selbst präsentieren zu wollen und das nach Anerkennung strebende Ich in einem fort umjubeln zu lassen. Diese Lust an der eigenen, überaus wichtigen Person, die wohl wichtiger ist als jene, die nur das komplexe Gefüge menschlichen Miteinanders aufrechterhalten und dabei nicht bei jedem ihrer Handgriffe Applaus einfordern, führt sehr schnell auf eine absurde Ebene bemitleidenswerter Eitelkeiten, welche die um die Zufriedenheit des Stars buhlende Entourage in Wahrheit mit den Augen rollen lässt. Zu dieser Kunst, die mit Halbgöttern hantiert, zählt natürlich auch der Film. Film wäre genauso entbehrlich wie jede andere Kunst. Aber wunderschön. Ich will diese Art Kunst genauso wenig missen wie die bildnerische oder musikalische. Kunst inspiriert, ändert Blickwinkel und ordnet Parameter neu. Regt zum Denken an und führt in Welten, die real nicht existieren. Kunst ist für den Geist da, ist Spielzimmer und Auslebung subjektiver Wahrnehmung.  

Wenn Kunst aber den, der sie ausübt, dominanter werden lässt als das, was er entwirft, braucht es Mittel und Wege, um das angehimmelte Idol wieder auf den Boden der Genügsamkeit zu werfen. Gerade im Film sind die Waagschalen oft unterschiedlich hoch. Denn noch weniger als Kunst braucht die Welt Stars, die nur um ihr Prestige buhlen. In der spanisch-argentinischen Farce Der beste Film aller Zeiten des Regieduos Gastón Duprat und Mariano Cohn werden die leeren Hülsen aufgeblasener Eitelkeiten geknackt – zum Vorschein kommt dabei die Irrelevanz einer Performance von Leuten, die nichts, aber auch gar nichts dazu beitragen, die Welt einen Deut besser zu machen.  

Wie zum Beispiel Macho Félix Rivero, seines Zeichens schwerreicher Mainstream-Schauspieler mit Allmachts-Allüren wie seinerzeit Ludwig XVI., der notorisch zu spät kommt und an jedem Finger seiner beiden Hände eine Mätresse hat. Oder der überaus selbstgerechte Theaterdojen Iván Torres, der seine Rollen biographisch kennen muss und Filmstars geringschätzt, weil nur wahre Bühnenkunst die einzige ist, die zählt. Dazwischen, als Moderatorin der beiden eitlen Streithähne: Lola Cuevas, rotlockige Cannes-Preisträgerin und exzentrische Regisseurin, deren Büro aus den leeren Hallen eines architektonischen Wunderbaus besteht – verglast, geometrisch, aufgeblasen. Diese drei Superkünstler müssen einen Film drehen – und zwar, wie der Titel schon sagt: den besten aller Zeiten. Nach einer nobelpreisveredelten literarischen Vorlage über zwei rivalisierende Brüder. Finanzieren wird das Ganze ein achtzigjähriger Milliardär, der nicht weniger Ego besitzt als die Filmemacher, die er engagiert und der zumindest in Form eines Films ewig leben will. Die Brücke, die dann noch nach ihm benannt werden wird, ist dann nur eine kleine Draufgabe. Das kann ja heiter werden, diese Komödie der Eitelkeiten, die immer mehr zum Kampf zwischen den Besten wird, die aber, je mehr sie in diesem Hickhack fortschreiten, den Respekt der anderen verlieren.

Dabei gelingen Duprat und Cohn ganz einmalige Momente, die an die messerscharfen Gesellschaftsanalysen eines Ruben Östlund (u.a. The Square) erinnern, zum Beispiel und ganz besonders dann, wenn Antonia Banderas und Oscar Martinez, umwickelt mit Frischhaltefolie, um die Gemeinsamkeit ihrer Rollen zu fühlen, dabei zusehen müssen, wir ihre Trophäen geschreddert werden. Oder, unter einem tonnenschweren Felsen, ihre Texte rezitieren. Der beste Film aller Zeiten erlebt mit seiner Entstehung wundersam groteske Momente entrückter und realitätsferner Anwandlungen, famos dargeboten von einem vergnüglich entfesselten Banderas und einer versnobten Penélope Cruz, die durch den Schlauch eines Staubsaugers gerne ihre eigene Stimme hört. Doch nicht nur Östlunds Schaulaufmethoden sickern hier durch – auch an Paolo Sorrentinos (u. a. The Hand of God) akkurates Ikonographieren mit Darstellern, Interieur und Raum erinnern so manche Tableaus, die das Absurde aus der Wichtigkeit des eigentlich Verzichtbaren extrahieren. Dabei spricht das Ensemble durchaus Wahrhaftiges aus, lassen sich die Beweggründe der Protagonisten überraschend nachvollziehen und das wundersame Handwerk Film vom rufschädigenden Druck affektierter Selbstinszenierung als zumindest temporär losgelöst betrachten.

Der beste Film aller Zeiten

Dual

GUTEN TAG, ICH WILL MEIN LEBEN ZURÜCK

7/10


dual© 2022 Courtesy of Sundance Institute


LAND / JAHR: USA/FINNLAND 2022

BUCH / REGIE: RILEY STEARNS

CAST: KAREN GILLAN, AARON PAUL, BEULAH KOALE, ANDREI ALÉN, MAIJA PAUNIO, KRISTOFER GUMMERUS U. A.

LÄNGE: 1 STD 39 MIN


Sich im Leben zu behaupten und nicht mehr davonlaufen: Wenn man nur wüsste, wie das geht. Wenn man nur all dem sozialen Murks auf erlernte Weise ausweichen könnte; wenn man Angreifern Paroli bäte oder einfach selbstbewusster wäre. Einen Weg in diese Richtung hat Autorenfilmer Riley Stearns bereits eingeschlagen. Und zwar jenen der Selbstverteidigung. Warum nicht einfach einen Kurs buchen, bei der Sportunion oder in der Volkshochschule, um Heldin oder Held des Alltags zu werden? Doch auch das kann in die Hose gehen. Stearns Groteske The Art of Self Defense ist schadenfrohes, schwarzes Satirekino – voll verpeilter Figuren, soziopathischer Tendenzen und dem ironischen Grinsen des praktisch veranlagten Stärkeren. Jesse Eisenberg gibt hier eine außerordentlich gute Performance ab, wenn nicht gar seine beste. Ein paar Jahre später ist nun Karen Gillan am Zug, bekannt als blauhäutige Halbschwester Gamoras aus dem MCU, aus Jumanji und natürlich aus dem unlängst in den Kinos für ordentlich Zunder verantwortlichen Gunpowder Milkshake. Gillan ist allerdings eine Schauspielerin, die es stoisch liebt. Oftmals wirkt sie arg ausdruckslos, fast schon mechanisch, jedenfalls in ihrer Mimik so sehr reduziert, dass man meinen könnte, einem Androiden dabei zuzusehen, wie er soziales Handling erlernt. Das war bei Gunpowder Milkshake, das war als Nebula so (wo es natürlich gepasst hat, da Gillan dort  einen Cyborg mimt). Jetzt verzieht sie in der Science-Fiction-Satire Dual ebenfalls kaum eine Miene. Und das gleich zweimal.

Denn wir schreiben eine Zukunft, die jener des präzisen und überraschend sehenswerten, aber überaus ernsten Dramas Schwanengesang ähnlich scheint. Ist ein Mensch dem Tode geweiht, hat er die Möglichkeit, den Verlustschmerz seiner liebsten Hinterbliebenen zu lindern, indem er einen Klon von sich anfertigen lässt, der im Vorfeld die Lebensagenda des sterbenden Menschen übernimmt. Eine schräge Idee, aber ganz eindeutig etwas, das impliziert, dass manche nicht nur an sich selbst denken. Sarah ist so jemand. Eine nicht näher definierte Krankheit wird sie dahinraffen, also erscheint Sarah 2 auf der Bildfläche. Das Schöne dabei: sowas lässt sich in Dual ambulant erledigen – nach einer Stunde nur ist der Stellvertreter fertig und bereit, die Eigenschaften des Originals zu erlernen. Dumm nur, dass die Monate vergehen und Sarah 1 plötzlich genesen ist, während Sarah 2 ihr schon längst Mann und Familie ausgespannt hat, weil das Duplikat einfach umgänglicher scheint. Sarah 1 will ihr Leben zurück, und dank der zukünftigen US-amerikanischen Gesetze ist die James Bond-Devise „Man lebt nur zweimal“ strafbar. Ein im TV übertragenes Duell auf Leben und Tod soll da Abhilfe schaffen.

Riley Stearns Filme sind lakonische Satiren, die eigentlich nicht den Anspruch erheben, eine in sich logische Realität abzubilden. Dual ist zum Beispiel die abstrahierte Umschreibung eines paradoxen Zustandes, der sich nicht um das Wie kümmert, sondern um das Was jetzt. Egal, wie absurd die Situation für Karen Gillan auch scheint – sie ist nun mal so. Und Gillan als Sarah holt sich als pragmatischer Buster Keaton die nötigen Skills, um sich aus dem Schlamassel zu ziehen. Dabei lehrt Breaking Bad-Star Aaron Paul nicht nur The Art of Self-Defense, sondern auch die des Angriffs. Und auch wenn Stearns gegen Ende das Genre eines subversiven Thrillers durchwinken lässt, nimmt Dual lediglich den Suppenwürfel einer Klon-Zukunft zur Hand, um in einem reduktiven Drama das vermeintlich bessere Leben, das man selbst nicht hat, als ebenso entbehrlich zu entlarven.

Dual

A E I O U – Das schnelle Alphabet der Liebe

WENN LANGFINGER TURTELN

5/10


aeiou© 2022 Filmladen Filmverleih


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND, FRANKREICH 2022

BUCH / REGIE: NICOLETTE KREBITZ

CAST: SOPHIE ROIS, MILAN HERMS, UDO KIER, NICOLAS BRIDET, BERNHARD SCHÜTZ, MORITZ BLEIBTREU U. A.

LÄNGE: 1 STD 45 MIN


Handtaschenklau ist nicht erst seit Tony Wegas kein Kavaliersdelikt mehr. Wars auch nie. Von diesen hopsgenommenen Lederwaren sind maximal die Portemonnaies von Interesse – der ganze Rest erzählt vielleicht noch ein bisschen was vom Leben derer, die diese getragen haben. Im österreichischen Spielfilm Die Farbe des Chamäleons ist dem Protagonisten wohl kaum daran gelegen, sein Taschengeld mit Barem aus fremder Börse aufzubessern – viel interessanter ist da das kleinteilige Nettogewicht an Habseligkeiten, die den Charakter der Bestohlenen teasern können. In AEIOU – Das schnelle Alphabet der Liebe ist der Raub an Umgehängtem die scheinbar selbsttherapierende Verzweiflungstat eines verhaltensauffälligen Teenagers namens Adrian, der seinen Platz im Leben nicht finden kann. Bis er der großen Liebe begegnet. Und das ist Sophie Rois alias Anna, Opfer von Adrians Übergriffigkeit und eine am Zenit des eigenen Erfolges längst vorbeigeschrammten Schauspielerin, die sich mit halbseidenen Hörspielen herumschlagen muss und lieber Problemkindern per Schauspielunterricht auf die Sprünge helfen will. Dafür entscheidet sie sich allerdings erst, nachdem sie sieht, um wen es sich hierbei handelt. Sie coacht Adrian für sein Shakespeare-Theaterstück an der Schule, lehrt ihn die Bedeutung von Vokalen und Konsonanten und wie man sie auf der Bühne betont. Dabei kommen sich beide näher, trotz des massiven Altersunterschieds. Und es ist ja nicht so, als hätte Adrian keine sozialen Handicaps. Im Slalom von Pflegeeltern zu Pflegeeltern, findet der überdies an ADHS leidende, junge Erwachsene in Anna endlich jemanden, der ihn zu schätzen weiß.

Eine Lovestory zwischen Jung und Alt? Natürlich, zum Beispiel Hal Ashbys Harold und Maude. Doch so dominant ist die Altersschere dann doch wieder nicht. Sophie Rois, für mich erstmals präsent geworden in Stefan Ruzowitzkys Heimatthriller Die Siebtelbauern, ist längst keine Greisin wie Erni Mangold in Der letzte Tanz. Rois ist überdies nicht nur wegen ihres rauchigen Timbres eine unverwechselbare Charaktermimin, sie hat stets eine gewisse Pfeifdrauf-Attitüde, was ihr Wirken auf das Publikum angeht. Sie bleibt ihrem Charakter treu und biedert sich nicht an. Ein bisschen holprig wird’s bei den englischen Passagen, die zwar grammatikalisch alle richtig sind weil auswendig gelernt, die aber ob des dahinter schlummernden deutschen Akzents unfreiwillig komisch wirken. Newcomer Milan Herms hat seine durchaus schwierige Rolle noch besser im Griff – irgendwo zwischen Tom Schillings Müßiggängen in Oh Boy und einem jungen Jean Paul-Belmondo aus den Anfängen der Nouvelle Vague. Dabei gelingt es ihm, den Eindruck zu vermitteln, gleich den beiden Wellensittichen im Film über und zwischen den Dingen zu schweben und nirgendwo landen zu können.

Es geraten also zwei Seelen aneinander, die eine Romanze jenseits sämtlicher Konventionen versprechen. Nicolette Krebitz, als Schauspielerin zumindest aus dem Musik-Roadmovie Bandits bekannt, hätte aus ihrem Autorenfilm wahrhaftige Emotionen herausholen können, gibt ihre Zweierbeziehung aber viel zu plakativ und sprunghaft wieder. Zwischen den einzelnen Szenen liegen unbestimmte Zeitabstände, und was Sophie Rois in ihrer Rolle eigentlich will, bleibt ein Rätsel – genauso wie ihre Beziehung zum Hausherren Udo Kier, der als Nachbar lediglich Zaungast bleibt und in die Handlung kaum verwoben wird, obwohl sich beide mit Kosenamen rufen.

Eine emotional nachvollziehbare Liebesgeschichte gewinnt ihre Wirkung aus einer relativ stufenlosen Annäherung und kleinen, feinen Momenten dazwischen. In A E I O U – Das schnelle Alphabet der Liebe setzt Krebitz tatsächlich nur Vokale für eine potenziell dichte Tragikomödie über Außenseiter ein, dazwischen entstehen Lücken, die das Szenario merkbar austrocknen. Wenn beide sich liebend und leidenschaftlich in den Armen liegen, ist das eine Szene, deren Intensität hier in dieser Romanze sonst selten zu finden ist. Und gerade gegen Ende, wenn die beherzte gesellschaftliche Rebellion – wie in Außer Atem, nur weniger kriminell – an ihre Grenzen stößt, wirft Krebitz ihrem Publikum nur noch Bruchstücke zu, die das Wesentliche zwar aufzeigen, mit den Gefühlswelten der Liebenden aber nur noch wenig zu tun haben.

A E I O U – Das schnelle Alphabet der Liebe

Men & Chicken

ICH WOLLT‘ ICH WÄR EIN HUHN

7/10


menchicken© 2015 DCM Film Distributions


LAND / JAHR: DÄNEMARK 2015

BUCH / REGIE: ANDERS THOMAS JENSEN

CAST: MAD MIKKELSEN, DAVID DENCIK, SØREN MALLING, NIKOLAJ LIE KAAS, NICOLAS BRO, OLE THESTRUP U. A. 

LÄNGE: 1 STD 44 MIN


Der Däne Anders Thomas Jensen ist wohl der Mann, der uns Männer am besten versteht. Seine Filme sind die einzig wahren Männerfilme, und dabei ist es ein falscher Weg, anzunehmen, Männerfilme seien solche mit ordentlich Wumms und Jason Statham und die hübsche Dame am Ende, die dem Dreitagebart-Solokämpfer schmachtend um den Hals fällt. Nein, sowas sind keine Männerfilme. Da braucht es schon mehr Gefühl. Wie Anders Thomas Jensen es eben hat. Würden wir Männer all den Schnickschnack und die ganze Fassade endlich weglassen, würde zum Vorschein kommen, was sich in seinen Filmen stets beobachten lässt: Verschrobenene, komplexbeladenene Sonderlinge mit nerdigen Skills und wenig Chancen beim weiblichen Geschlecht. Erziehungsgestört, aber liebesbedürftig und nicht wissend wohin mit der Libido. Das sind Szenarien, die lassen sich mit nichts vergleichen. Adams Äpfel zum Beispiel: Männer im Miteinander. Was da für eine Eigendynamik entsteht, muss man entdecken. Zuletzt im Kino: Helden der Wahrscheinlichkeit. Auch hier maskuline Handschlagsqualitäten und XY-Freundschaften, die das Universum in seiner Logik ad absurdum führen. Mit Men & Chicken schießt Jensen in Sachen Groteske aber wirklich den flugunfähigen Vogel ab. Hier finden Brüder zueinander, denen man, würde man sie nicht näher kennen, tunlichst aus dem Weg gehen würde. Auf dem zweiten Blick aber ist die Freakshow eine sensible Angelegenheit, über die unangebracht wäre, sich lustig zu machen. Das geht vielleicht nur, weg man wegsieht. Was wiederum nicht gelingt, bei all den verqueren Ideen, die Anders Thomas Jensen hier Stück für Stück aneinanderreiht. Men & Chicken ist ein irres Panoptikum über Verwandtschaft, Gene und das Tier im Manne.

Es ist schon eigenartig, wie alles anfängt. Da sind die Brüder Gabriel und Elias (Mads Mikkelsen in seiner wirklich schrägsten Rolle – ein Beweis mehr, was der Mann alles spielen kann), die eines Tages vom Tod ihres Vaters erfahren, der wiederum eine Videobotschaft hinterlassen hat, die besagt, dass beide im Grunde adoptiert sind und ihr richtiger Vater auf der Insel Ork (!) lebt. Die beiden machen sich auf die Reise und stoßen dort auf eine Bruchbude von Herrenhaus, in dem drei weitere Brüder hausen, gemeinsam mit unzähligen Nutztieren aller Art, alle mit einer Hasenscharte, alle verwahrlost, verpeilt und unheilbar exzentrisch. Und auch so ziemlich pervers, gelinde gesagt. Der Vater selbst lässt sich nicht blicken, und so richtig willkommen sind Gabriel und Elias auch nicht. Die Hartnäckigkeit der beiden macht sich aber bezahlt, und nach und nach ändert sich so einiges im Leben außerhalb der Norm.

Über Geschmack lässt sich streiten. Über das Ziehen der Grenze vom guten zum schlechten ebenso. Anders Thomas Jensen weiß das, will aber mit seiner kuriosen Familiendramödie sicherlich nicht provozieren. Dieses Entrümpeln männlicher Stereotypien gelingt ihm ausgezeichnet, dieses Durcheinanderwirbeln seltsamer Weltbilder ebenso. Dabei beruht der schlechte Geschmack von Men & Chicken bis zum letzten Schimmelfleck an der Wand des vor Schmutz und gammeligen Zeugs vollgestopften Hauses auf keinerlei Zufall. Selten haben Verwahrlosung und Vergänglichkeit eine so opulente Bühne wie diese ergeben. Schäbigkeit hat Stil – gibt’s das? In diesem Film schon. Die Ideale des Schönen lassen sich dann doch noch in der Sanftheit brüderlichen Füreinanders entdecken, während der Rest dem Abnormen seinen Platz in der Gesellschaft gibt. Am Ende kippt der skurrile Reigen in monströse Phantastik und betritt eine Metaebene, die unter anderem bei David Cronenberg oder Guillermo del Toro zu finden gewesen wäre, hätte Thomas Anders Jensen nicht seine Brüderpartie ihre eigene Bestimmung finden lassen, jenseits aller Ordnung.

Men & Chicken

Abteil Nr. 6

ZWEI FREMDE IM ZUG

8/10


ebteilnr6©2021 Sami Kuokkanen / Aamu Film Company


LAND / JAHR: FINNLAND, ESTLAND, DEUTSCHLAND, RUSSLAND 2021

BUCH / REGIE: JUHO KUOSMANEN

CAST: SEIDI HAARLA, YURIY BORISOV, DINARA DRUKAROVA, LIDIA KOSTINA, JULIJA AUG, TOMI ATALO, POLINA AUG U. A.

LÄNGE: 1 STD 42 MIN


Eine „symmetrische“ Reaktion will der Kreml darauf geben, wenn Finnland tatsächlich der NATO beitreten sollte. Wie jetzt – will Russland den Beitritt ebenfalls beantragen? Wohl eher weniger. Das Säbelschwingen und – rasseln Putins lässt keinen Staat kalt, und sei er auch noch so mit Understatement gesegnet wie Finnland. Dass der Alleinherrscher plötzlich auf die Idee kommt, Finnland als urrussischen Boden anzusehen – es ist alles möglich, nichts mehr auszuschließen. Und dennoch: In Zeiten der Distanz ist man gut damit beraten, den Blick vom Eisernen Thron zu nehmen und ein bisschen zu senken. Ins Spektrum rückt das gemeine Volk, das mehr oder weniger ohnmächtig angesichts der politischen Willkür versucht, über die Runden zu kommen. Und da kann es passieren, dass trotz der politischen Eiszeit unter dessen wärmeren Fittichen sowas wie Annäherungen passieren, die ganz klein und im Verborgenen beginnen. Vielleicht bei einer Zugfahrt in den hohen, wirklich hohen Norden, nämlich nach Murmansk.

In einem Abteil sitzen die finnische Archäologiestudentin Laura und der russische Bauarbeiter Ljoha. Beide haben nichts gemeinsam, und Laura versucht vergeblich, den scheinbar sexuell gefärbten Avancen ihres angetrunkenen Gegenübers zu entgehen. Ein Konsens muss her, denn die Zugfahrt ist keine von A nach B während eines halben Tages, sondern besagte Reise mit der Murmanbahn zieht sich über mehrere Nächte. Die Transsibirische für Anfänger könnte man es nennen. Und dennoch: eine Nächtigung im Zug ist meistens genug, um sich verfilzt und unausgeschlafen zu fühlen. Noch dazu in Gegenwart einer Person, der man nicht trauen kann. Nur: der erste Eindruck täuscht meistens. Auch bei Ljoha. Der junge Mann scheint dann doch schwer in Ordnung, und irgendwie kommen Laura und er ins Gespräch, erzählen von ihren Zielen und was sie umtreibt. Beide stellen fest, dass sie vieles verbindet, darunter auch eine gewisse Verlorenheit – aber auch die Vergangenheit, die Urgeschichte dieser Weltregion. Und vielleicht gar etwas mehr als nur Sympathie füreinander.

Voyage Voyage – den Klassiker von Desireless – greift Juho Kuosmanen (Der glücklichste Tag im Leben des Olli Mäki) immer wieder auf, vertont der Song doch ganz schön das Gefühl des Abnabelns, ins Unbekannte-Reisens, Neu-Findens. Abteil Nr. 6, absolut zu Recht auf der Shortlist für den Auslandsoscar 2022 gewesen und für Palme sowie Golden Globe nominiert, beschäftigt sich genau damit. Dem Film gelingt es, das Überbrücken schwieriger Umstände zu illustrieren, die notwendig sind, um gemeinsam zu den Wurzeln einer grenzenlosen Geschichte zu gelangen. Metapher dafür sind die Petroglyphen am Kanosero-See auf der Halbinsel Kola, wofür Laura die ganze Reise auf sich nimmt. Es ist kein Geheimnis, dass letzten Endes beide dorthin unterwegs sein werden, und zwar zu einer Jahreszeit, die es scheinbar unmöglich macht, an diesen Ort zu gelangen. Projizieren lässt sich dieses soziale Gefüge sehr gut auf die aktuelle Schräglage zwischen beiden Ländern, und der Impuls, der von Abteil Nr. 6 ausgeht, ist ein notwendiger, herbeigesehnter, vor allem positiver.

So richtig fasziniert Abteil Nr. 6, abgesehen von dem famosen wie preisverdächtigen Schauspielpaar Seidi Haarla und Yuriy Borisov, aufgrund seines aufmerksamen, sich an allerhand Details erfreuendem Blick, der sein Publikum in völlig entlegene Ecken des russischen Nordens führt. Kousmanens Film ist enorm authentisch, angreifbar und offenherzig. An der Stimmung einer Reise durch Tag und Nacht, voller bezaubernder, aber auch entbehrlicher Begegnungen, lässt das Rail- und Buddymovie all jene teilhaben, die Russland nicht mit Haut und Haaren auf die Schwarze Liste setzen wollen und durchaus im Stande sind, zu differenzieren. Beeindruckend, schrullig und auf kreative Weise liebenswert ist dieses Land, und irgendwie fließen gerade dort  – wie überall auf der Welt – Kulturen, Lebensweisen und Weltbilder stetig ineinander.

Abteil Nr. 6

Der schlimmste Mensch der Welt

DAS LEBEN IM KONJUNKTIV

7/10


schlimmstemenschderwelt© 2022 Filmladen Filmverleih


LAND / JAHR: NORWEGEN, FRANKREICH, SCHWEDEN, DÄNEMARK 2021

REGIE: JOACHIM TRIER

BUCH: JOACHIM TRIER, ESKIL VOGT

CAST: RENATE REINSVE, ANDERS DANIELSEN LIE, HERBERT NORDRUM, MARIA GRAZIA DIE MEO, HANS OLAV BRENNER U. A. 

LÄNGE: 2 STD 8 MIN


Kennt ihr den Begriff Hättiwari? Ist natürlich was typisch Österreichisches. Ein Wort, dass sich zusammensetzt aus „Hätte ich“ und „Wäre ich“. Ein Hättiwari ist jemand, der sichtlich Schwierigkeiten damit hat, sich für die eine oder andere Sache zu entscheiden und entweder gar nichts tut oder das, was er tut, ganz plötzlich abbricht. Auf diese Art kommt man im Leben kaum vorwärts, denn entschließt man sich mal für eines, bleibt das andere auf der Strecke. Was aber, wenn das andere besser gewesen wäre als das eine? So stehen diese Menschen vor geöffneten Türen, die alle recht einladend wirken, die sich jedoch, sobald eine Schwelle übertreten wird, für immer schließen. So ein Mensch ist auch das Fräulein Julie – eine gerade mal 30 Lenze zählende junge Frau, die verschiedene Dinge bereits ausprobiert hat – vom Medizinstudium über Psychologie bis hin zur Fotografie und dazwischen ein bisschen bloggen. Julie steht oft neben sich, crasht mitunter sogar Partys, zu denen sie gar nicht eingeladen wurde und liebt einen Comiczeichner, der es mit der Sprunghaftigkeit seiner Partnerin allerdings gut aushält. Der viel weiß und gerne erklärt. Der irgendwann aber auch nicht mehr tun kann, als zuzusehen, wie Julie den Entschluss fasst, auch in Sachen Beziehung die Schwelle zu wechseln. Kann ja sein, dass Frau etwas versäumt.

Wenn Cannes Preisträgerin Renate Reinsve (Beste Darstellerin 2021) als Julie nach dem Einwerfen von Magic Mushrooms den Boden unter den Füssen verliert, sagt das sehr viel über ihr Leben aus. Warum, fragt sich Joachim Trier, und nimmt seine charmant und gewinnend lächelnde Protagonistin unter die Lupe. Dabei hat seine Julie, anders als Thelma in seinem gleichnamigen, etwas anderen Coming of Age- Mysterydrama, keinerlei anomalen Fähigkeiten, stattdessen aber viele Eigenschaften, die sie fahrig und unentschlossen machen. Eine Figur, wie sie zum Beispiel Greta Gerwig gerne verkörpert hat – als herzensgut, freundlich, unaufdringlich intellektuell und ordentlich verpeilt. Und nicht nur Renate Reinsve erinnert an die US-amerikanische Schauspielerin, die nunmehr lieber Regie führt: Der schlimmste Mensch der Welt entscheidet sich für einen Stil, der sehr an Noah Baumbach erinnert. Es wird viel geredet und diskutiert; die soziale Inkompetenz, die sich aus dem Widerstand gegenüber gesellschaftlichen Trends ergibt, entscheidet über Ende und Anfang von Beziehungen. Zwischen hippen Bobos, die sich im Mansplaining ergehen, und den Selbstverwirklichungen anderer hängt Julie als jemand, der nicht fähig ist, Selbstvertrauen zu entwickeln, in den Seilen. Für dieses Psychogramm nimmt sich Joachim Trier Zeit und entwickelt Geduld, ohne jene des Publikums zu strapazieren. Auch wenn sich in diesem Beziehungsdrama vieles im Kreis bewegt und nicht wirklich im Sinn hat, eine Geschichte vorwärtszubringen, die einen Wandel beschreibt, bleibt Julie als eine kleine Ikone nachstudentischer junger Erwachsener attraktiv und interessant genug, um tatsächlich und wirklich erfahren zu wollen, was genau sie zögern lässt.

Der schlimmste Mensch der Welt ist pointiert geschrieben, unaufgeregt und spontan. Mit kleinen inszenatorischen Spielereien und sanfter Symbolik illustriert er Julies Leben ein bisschen wie eine Graphic Novel. Mit mehr als einer Prise erotischer Freiheit, die wiederum mit dem französischen Erzählkino der Novel Vague kokettiert, beobachtet Triers Portrait eines Lebens im Konjunktiv einen Zustand, aus dem es mit eigener Kraft kein Entkommen gibt. Was bleibt, ist, wie am Ende des Films lakonisch illustriert, die Fähigkeit, sich vorzustellen zu können, was gewesen wäre.

Der schlimmste Mensch der Welt