Onward: Keine halben Sachen

(FAST) GANZ DER PAPA

8/10

 

ONWARD© 2019 Disney/Pixar. All Rights Reserved.

 

LAND: USA 2020

BUCH & REGIE: DAN SCANLON

MIT DEN STIMMEN VON (ORIGINAL): TOM HOLLAND, CHRIS PRATT, OCTAVIA SPENCER, JULIA-LOUISE DREYFUS U. A. 

 

Nicht dass sich Pixar jetzt auf seinen Oscar-Lorbeeren für Toy Story 4 auszuruhen gedenkt – mitnichten. Onward: Keine halben Sachen ist gleich das nächste Werk, und qualitativ auf Augenhöhe mit bereits etablierten Klassikern des Genres. Die abenteuerliche Fantasykomödie, die in einer von zwei Monden beleuchteten Welt mitsamt aller phantastischen Kreaturen aus der europäischen Sagenwelt und jener Tolkiens spielt, ist tatsächlich ein weiteres Vorzeigemodell dafür, wie kluges, knallbuntes Entertainment mit Niveau funktionieren kann, ohne knapp oberhalb der Gürtellinie zu kalauern und nur das Auge zu bedienen. Onward ist die Überraschung nach dem Preisregen, und aus mehreren Gründen einer der besten Filme aus dem Repertoire.

Zu Beginn erinnert das Szenario ein bisschen an Shrek. Märchenfiguren durch den Kakao gezogen? Das findet sich auch hier. Die mediävale Welt von damals, mit Zauberern, Rittern, Drachen und dergleichen, die ist am Fortschritt genauso wenig vorbeigekommen wie die unsrige. Das Heute sieht genauso aus, wie wir es kennen. Nur streiten obdachlose Einhörer um weggeworfene Speisen oder hat so mancher Mantikor lieber ein Fastfood-Franchise übernommen als sich auf seine traditionellen Werte zu besinnen. Smartphones hat ein jeder, und der Alltag ist frei von Abenteuern jeglicher Art, für die solche Wunderwesen wie hier eigentlich bestimmt sind. Den Elfenbrüdern Ian und Barley geht’s genauso – Schule, lernen, Schikanen von unliebsamen Kollegen, pubertäre Schüchternheit. Kein Wunder, Ian ist ohne Vater aufgewachsen, die Sehnsucht nach einem Papa als Leitfigur und Halt im leben ist groß. Aber wie durch ein Wunder ergibt es sich, dass der Vermisste für einen Tag greifbar werden könnte – durch einen Zauber. Der aber im wahrsten Sinne des Wortes nur halb gelingt. Papa erscheint nur bis zum Hosenbund. Wollen Vater-Sohn-Gespräche geführt werden, muss auch der Rest her, also auf durchs Zauberland zur Problemlösung, denn nach 24 Stunden ist Papa wieder fort – so will es das Jenseits.

Leben, Tod und Älterwerden: Themen, die bei Pixar immer wieder auftauchen. Begegnungen damit verlaufen ungewöhnlich leichtfertig. Zugegeben, phrasische Gewichtigkeit wie Familie und Zusammenhalt und Glaub an dich und wie sie alle heißen sind mittlerweile bei vielen Filmen aus diesem Genre auch nur mehr Schablone, um Situationskomik zu transportieren. Und ja, auch Onward begibt sich zumindest ansatzweise auf diese Pfade, doch wie gewohnt bei den kreativen Köpfen dahinter lässt sich das turbulente, auf Zeitdruck gambelnde Buddy-Movie auch von anderen Eindrücken inspirieren: Es ist die Beziehung unter Brüdern, ist es die Verantwortung füreinander, die entdeckt und erklärt werden will. Da entspinnt sich eine unglaublich fein gezeichnete Doppelconference, ein warmherziges Miteinander, niemals Gegeneinander. Zwischen den beiden: eine halbe Vaterfigur, irgendwie nur noch die Idee einer Verantwortung, eines Kümmerns und Behütens. Und der Imperativ, an einem Strang zu ziehen.

Obwohl Onward deutlich schriller ist als andere Pixar-Filme, obwohl hier vermehrt auf die grellen Eskapaden von Illuminations geschielt wird, behält der Film dennoch seine narrative Sicherheit und verkommt in seinen Szenen nie zum Selbstzweck einer visuellen, turbulenten Attraktion. Vorrangig sind Konzept und Story. Der Rest, so fühlt es sich zumindest an, kommt einfach von selbst. Selbsterkenntnisse drehen auf kuriosen Metaphern und manch kultverdächtigen Slapstickeinlagen ihre Kreise zum Anfang einer mitreissenden, szenenweise wirklich spannenden Geschichte hin. Kurioserweise wird Onward gar gegen Ende, eben weil hier die Zeit als Knüppel zwischen den Beinen vieles zum Straucheln bringt, zum richtigen Nägelbeißer. Die Reise ins Unbekannte hat oftmals nicht unbedingt das zum Ziel, was man vorhat. Auch das ist ein schöner, tröstender Gedanke wider ein durchgeplantes Leben, das so nicht funktionieren will. Das ist brillant herausgearbeitet, die Message hat Drive und bleibt mit all seinem Fingerspitzengefühl des Erzählens ganz weit vorne. Onward eben.

Onward: Keine halben Sachen

Shaun das Schaf – Der Film: UFO-Alarm

DIE WOLLE IST IRGENDWO DA DRAUSSEN

8/10

 

Mit LU-LA entdeckt Shaun die Welt mit neuen Augen!© 2019 Studiocanal

 

LAND: GROSSBRITANNIEN 2019

REGIE: RICHARD PHELAN, WILL BECHER

MIT DEN STIMMEN VON: JUSTIN FLETCHER, JOHN SPARKES, KATE HARBOUR U. A.

 

Ach, wie unkreativ diese deutschen Übersetzungen manchmal sind. Ufo-Alarm – ich bitte schön. Im Original hat sich das Aardman-Studio zu einer herrlichen Verballhornung eines mittlerweile als Endzeit-Trash in die Filmgeschichte eingegangenen Klassikers hinreissen lassen – zu Farmageddon. Was für ein süffisantes Wortspiel und ein gelungener Start ins Sequel zum Kino-Einstand des wortlosen Superschafs Shaun, das längst schon Serienkult genießt und mittlerweile neben Wallace & Gromit zum Steckenpferd besagter Studios geworden ist. Mit Shaun das Schaf – Der Film: Ufo-Alarm (ich bleib jetzt mal dabei) haben sich die kreativen Ausdauer-Plastininkneter einen großen Gefallen getan: ihr Film ist ein enorm liebenswerter Slapstick-Hit, der das Original noch weit in den Mondschatten stellt und wirklich jedes Stop-Motion-Herz zu erfreuen weiß, das überdies noch für Science-Fiction schlägt, denn ich weiß gar nicht mehr, wann ich bei all den Querverweisen zum Genrekino aufgehört habe zu zählen.

Die Welt geht auf der Mossy Bottom Farm zum Glück für alle Vier-, Zwei- oder Garnichtbeiner natürlich doch nicht unter, und das ganz ohne Bruce Willis, dafür aber unterbricht den strengen Alltag unter der verbotswütigen Aufsicht des Hirtenhundes Bitzer das Auftauchen eines sonderbaren Wesens, das auf Pizza und kurze Zeit später den Schafen im Weg steht. Ganz klar, das ist eine unheimliche Begegnung der dritten Art, und das Raumschiff des versehentlich auf der Erde gelandeten Alienmädchens LU-LA (weniger ist mehr – in ihrer Schlichtheit einfach entzückend) ist ebenfalls nicht unentdeckt geblieben. Agentin Red, die ganz fest daran glaubt, dass die Wahrheit irgendwo da draußen liegt, lässt nichts unversucht, ihren Begriff von Willkommenskultur ganz anders auszulegen. Die Medien tun ihr Übriges – verbreiten das wahre Gerücht in allen Zeitungen, und der ebenfalls maximal nur murmelnde und fehlsichtige Farmer wittert hier ein großes Geschäft. Ein Freizeitpark soll entstehen, mit dem Namen Farmageddon – und das nur, um sich einen neuen Mähdrescher zu finanzieren. Alle rund um das Städtchen Mossingham sind also aus dem Häuschen – und die Kunst der Knete erreicht ein neues Level an Warpgeschwindigkeit.

Dabei behält der Film trotz all der Turbulenz und der bis zum manchmal sichtbaren Fingerabdruck penibel ausgearbeiteten Slapstick-Szenen eine ungewohnt entschleunigte Gelassenheit. Das liegt vielleicht am Verzicht von Sprache, an der begrenzten Geschwindigkeit der Stop-Motion-Technik. Und an der Verwendung analoger Bausteine, die, bis auf ein paar wenige Ausnahmen, dem Abenteuer diesen unvergleichlichen Charme eines mit Fingerspitzengefühl arrangierten Atelierwunders verleihen. Sowas wirkt wie aus der Zeit gefallen, aber genau dieser anachronistische Ansatz und das Gegenwirken zum digitalen Overkill wie zum Beispiel bei Familie Willoughby garantiert auch das Gewahrwerdens der vielen Details, die nicht nur die Kids als Zielgruppe gewinnen, sondern auch den Rest der Familie – uns Erwachsene. Von Kubricks 2001 über Spielbergs Unheimlicher Begegnung der dritten Art bis hin zu Akte X fühlen sich Schaf und Co mit all ihren Insider-Anspielungen, die der Nachwuchs gar nicht zu checken braucht, weil der Film auch so funktioniert, der Weltraum-Popkultur wie Brüder im Geiste. Dabei reagieren Mensch und Tier in ihrem bescheidenen Anspruch an einen zerstreuungsfreudigen Sonntag am Land auf diese unerklärlichen Phänomene sehr pragmatisch, und gerade diese lakonische Lässigkeit ist einfach über alle Bildkader hinweg einfach nur liebenswert.

Shaun das Schaf – Der Film: UFO-Alarm

Familie Willoughby

AUF DIE SPITZE GETRIEBEN

4/10

 

willoughbys© 2020 Netflix

 

LAND: KANADA 2020

REGIE: KRIS PEARN, CORY EVANS

MIT DEN STIMMEN VON (ORIGINAL): RICKY GERVAIS, MAYA RUDOLPH, WILL FORTE, JANE KRAKOWSKI, MARTIN SHORT, TERRY CREWS U. A. 

 

Lois Lowry ist ungefähr so etwas wie hierzulande in Österreich Christine Nöstlinger gewesen war. Aus ihrer Feder stammt zum Beispiel die Jugend-Fantasy The Giver – Hüter der Erinnerung, die mit Jeff Bridges und Meryl Streep auch einmal verfilmt worden war. Jetzt hat Netflix auf ein anderes ihrer Werke geschielt – nämlich auf die schräge Mär rund um die Familie Willoughby, die das Prädikat Familie aber um ganze Elternabende verpasst hat.

Die Eltern, die in einem schlossähnlichen Herrenhause residieren, wollen von ihrem Nachwuchs nichts wissen. Kinderhasser unter der animierten Sonne, Blut ist hier dünner als Wasser, alle vier Sprösslinge nur eine unbequeme Begleiterscheinung von Bettgeflüster, wenn man so will. Die vier aber – ein Zwillingspaar, ein Mädel und ein Bub – die sind ein Herz und eine Seele. Manche teilen sich auch nur einen Pullover. Nur Schnurrbärte haben sie im Gegensatz zu ihren Vorfahren aller Altersgruppen, die ihr posthumes Dasein in einer schmucken Ahnengalerie fristen müssen, alle keine. Die Eltern allerdings auch nicht – müssen also schwarze Schafe sein, sowieso. Als die vier ein Waisenkind finden und dieses aufnehmen wollen, hängt der Haussegen erst so richtig schief. denn Findling sein ist besser als von Rabeneltern ignoriert zu werden. Der Plan: Schicken wir doch Mutter und Vater (die sich bizarrerweise selbst so nennen) auf eine Reise ohne Wiederkehr.

Ins liebevolle Detail geht diese durchaus aufwändige Animation mal auf jeden Fall. Dennoch ist Familie Willoughby einer der anstrengendsten Trickfilme, die ich kenne. Woran mag das wohl liegen? Erstens mal an der krassen Abstraktion der Figuren. Dünner geht´s wohl nicht mehr. Klappergestelle, wohin das bereits nach zehn Minuten überreizte Auge blickt. Spitze Nasen, spitze Architektur, spitze Berge, die wohl wirklich nicht mehr spitzer gehen, und die spitzen Bemerkungen der Eltern, was vielleicht halb so wild wäre, würden nicht permanent und in schrillster Tonlage alle möglichen Individuen auf Dauerdialog schalten und kaum Pause zum Entreizen lassen. Gut, es gibt Momente, da sinniert das bebrillte Mädel über die Freiheit und es gibt Momente, da könnte man meinen, die ganze Szenerie erinnert durchaus an die phantastischen, durchaus auch überzeichneten Geschichten eines Roald Dahl, Schokofabrik hin oder her – so etwas ähnliches findet sich auch hier. Der Eigentümer – ein rotköpfiges männliches Wesen in Bonbon-Uniform. Wie das alles zusammenpasst? Gar nicht. Womit wir schon beim nächsten Problem wären. Es handelt zwar von Kindern, die von ihren Eltern geliebt werden wollen, mit ihrer Nanny hadern und Pläne schmieden, um Kind sein zu dürfen, was ja ein bemerkenswert empathischer Ansatz wäre, doch die groteske Karikierung und vor allem die hyperaktive Tonalität bremsen jede Ambition, eine große, berührende Geschichte zu erzählen. Familie Willoughby ist ein Flickenteppich aus manischer Unruhe und sich selbst überholenden Slapsticks, der durch seinen eigenen visuellen Overkill ausgebremst wird.

Am meisten schmerzen diese Figuren, die kaum Sympathien wecken (gut, vielleicht der erzählende blaue Stubentiger), und in ihrer physischen Sperrigkeit eine gewisse Aversion erzeugen. Klar, visuelle Stile werden unterschiedlich wahrgenommen. Kann sein, dass manche diese Überhöhung mit der ebenfalls überhöhten Story vereinbaren können. Für mich selbst fühlt sich dieser hysterische Kinderzirkus an wie eine Bingewatching-Session von Spongebob. Enervierend und erschöpfend.

Familie Willoughby

The Farewell

DUMM GESTORBEN IST LÄNGER GELEBT

8/10

 

farewell© 2019 A24_DCM

 

LAND: USA 2019

REGIE: LULU WANG

CAST: AWKWAFINA, TZI MA, DIANA LIN, ZHAO SHUZHEN, LU HONG, JIANG YONGBO U. A. 

 

Wie gut, dass Oma Nai Nai eine Schwester hat. Sonst wäre sie selbst vor vollendeten Tatsachen gestanden – nämlich, dass sie Krebs hat, und zwar im Endstadium. Solche Nachrichten sind erschütternd, fast schon wie der Teaser zur eigenen Hinrichtung. „Sie haben nur noch wenig zu leben, regeln Sie ihre Dinge, bringen Sie alles zu Ende“. Mit so einer ähnlichen Message wurde damals meine Großmutter ins restliche Leben entlassen. Nai Nais Schwester hier in diesem Film hat das abgefangen. Nai Nai weiß von nichts – alle anderen schon. Im Grunde die ganze Familie, und auch Enkelin Billi, die mit ihren Eltern in den USA lebt, erfährt davon. Es tanzen also alle an, mit dem Vorwand, die Hochzeit von Enkel Hao Hao zu feiern, der seine Flamme erst drei Monate kennt. Die Frage, ob das nicht zu früh sei, stellt sich keiner. Viel eher aber jene, wie denn der Oma gutgelaunt gegenübertreten, nach einer Erkenntnis wie dieser für selbige? Anscheinend ist es in China üblich, die letzte Zeit eines Lebens für Schwerkranke insofern zu erleichtern, indem man ihnen vorenthält, was wirklich Sache ist. Natürlich: was ich nicht weiß macht mich nicht heiß – oder traurig. Aber ist das nicht eine Lüge? Ist das nicht moralisch verwerflich, wenn man erst mit der Wahrheit herausrückt, wenn das Unausweichliche selbst für den Betroffenen unübersehbar ist?

Wäre meiner Großmutter diese Nachricht mit anderen Worten oder vielleicht gar nicht übermittelt worden, hätte sie vielleicht länger gelebt. Auch in diesem extrem liebevollen, kuschelwarmen und gänzlich unpathetischen Familienfilm The Farewell ist es, so wird zitiert, vielmehr die Angst im Kopf das, was den Menschen viel eher lähmt und aufgeben lässt als die Krankheit selbst. Wäre das nicht die bessere Form des Umgangs? Den oder die Erkrankte eben nicht vorzeitig geistig sterben zu lassen? Wenn es kommt, dann kommt es ohnehin. Also dann doch lieber dumm als furchtvoll dahingehen. Mit diesen Gedanken meistern die meisten der ganzen großen Familie von Oma das Unterfangen, vorzugeben, so glücklich wie noch nie zu sein. Die Sache klingt absurd? Dennoch ist es eine Geschichte, die auf wahren Begebenheiten beruht, und eine bemerkenswert entspannte Tonart an die vermeintlich letzten Tage legt.

Filme übers Sterben, die sind meist superschweres Betroffenheitskino. Nicht aber The Farewell. Es geht auch anders, beweist dieses Kleinod mit Schauplatz China, Kandidat auf dem Sundance-Festival und Golden Globe-Gewinnerfilm für Hauptdarstellerin Awkwafina. Die Komikerin, Sängerin und Schauspielerin mit dem unaussprechlichen Namen (zuletzt aufgefallen in Jumanji – The Next Level) lässt ihre Filmfigur zwischen lakonischem Humor, Sehnsucht nach der Kindheit und übermannender Traurigkeit einen ganzen Tidenhub an Emotionen verspüren. Dennoch lässt sie ihren eigentlichen authentischen Charakter nicht außen vor, der angenehm natürlich und in seinem Empfinden von Glück und Melancholie ernüchternd trocken daherkommt, fast schon trotzig. Zwischen all diesen Höhen und Tiefen, die bei diesem langen, langen Abschied, der sich über mehrere Tage hinzieht (und Oma einfach nicht checkt, was Sache ist) und fast alle Familienmitglieder heimsucht, wird ganz viel und vor allem entschleunigt gegessen und getrunken. Das erinnert stark an Ang Lees Eat Drink Man Woman. Und so wie das taiwanesische Meisterwerk kostet auch The Farewell von allem möglichen, was Familien so eigen ist und was diese Art der Gemeinschaft erst so richtig ausmacht. Das ist berührend, volksphilosophisch und überraschend zuversichtlich. Warum? Weil Oma die einzige zu sein scheint, die wirklich glücklich ist. Das erzeugt eine gedankliche Wende im Kopf des Betrachters, das lässt ihn anders über das Ende nachdenken, ob es vielleicht doch möglich wäre, andere, vielleicht radikalere Schritte zu setzen, die Abschiede erleichtern und Wehmut zu Energie umwandeln können, wie Billi es am Ende des Films dann auch noch schafft. Mit einem lauten Ha! Wer hätte das gedacht, so aus einem stereotypen Schicksal herauszukommen und neue Paradigmen zu kreieren?

The Farewell

Everest – Ein Yeti will hoch hinaus

TERRAFORMING IM SUMMTON

7/10

 

everest© 2019 Universal Pictures Germany

 

LAND: USA 2019

REGIE: JILL CULTON, TODD WILDERMANN

MIT DEN STIMMEN VON (ORIGINAL): CHLOE BENNET, SARAH PAULSON, ALBERT TASI, TENZING NORGAY TRAINOR, TSAI CHIN U. A.

 

Wen der Sinn nach etwas Weichem, Großem, Flauschigem steht, und der kleine Eisbär aus dem Zoo gerade mal unter Ausschluss der Öffentlichkeit sein junges Leben genießt, der kann dieses weiße Flauschige aber auch gern im Heimkino betrachten – und zwar im Animationsabenteuer aus der Dreamworks-Schmiede mit dem Titel Everest – Ein Yeti will hoch hinaus. Da sieht man außerdem wieder, wie unterschiedlich Filmtitel sein können. Die eingedeutschte Version ist wiedermal komplett etwas anderes als das Original genannt werden will – nämlich Abominable, was soviel heißt wie hässlich, grässlich und so weiter. Natürlich verkauft sich ein Film mit dem Titel Grässlich wohl weniger gut. Da ist Everest schon besser, und Yetis sind auch meist gern gesehene, unbeholfene Riesen, im Grunde gutmütig und vielleicht wirklich ein kryptozoologisches Geheimnis, auch wenn Reinhold Messner seine Sichtung wieder revidiert hat.

Yetis gab’s schon in der Monster-AG, vorwiegend bayrisch redend. Auch in Smallfoot oder kürzlich gar in Missing Link als eisige Version des Bigfoot, der sich in dem wunderbaren und leider bei den Oscars sträflich übergangenen Laika-Abenteuer auf die Suche nach seinen Artverwandten macht. Everest setzt ebenfalls auf bereits publikumserprobte Elemente, Charaktere und Plot. Nur nichts riskieren, alles hübsch ausgewogen zwischen kindgerechter Dramatik und jeder Menge Humor, die das magische Fellknäuel für sich verbuchen kann. Aber auch wenn wir hier in keinster Weise etwas Neues entdecken, ist Everest vor allem und in jedem Fall aufgrund seiner liebevollen Ausarbeitung und seiner visuellen Details ein berauschender Hingucker. Alles beginnt in einer nicht näher erwähnten chinesischen Großstadt, Heldin des Films ist eine nonkonforme Halbwaise, die ihrer übrigen Familie aus dem Weg geht und auf dem Dach ihres Hauses zufällig auf einen ganz anderen Außenseiter stößt, dessen Andersartigkeit aber Häscher auf den Plan gerufen hat, die dem Nichtmensch ans Fell wollen. Aus wissenschaftlichen oder was für Gründen auch immer. Klar, dass dann die beiden inklusive weiterer Freunde auf der Flucht Richtung Himalaya sind. Während dieser Tour wird erst so richtig klar, welche Skills der drollige Riese eigentlich auf Lager hat – welche von der magischen Sorte, die in einem gewissen Sinne die Natur verstärken, vergrößern und verformen können. Dazu gehören sogar auch Klänge, die das Mädchen Yi mit der Geige ihres verstorbenen Vaters erzeugen kann.

Die Komponente mit der Violine, die erinnert stark an Laikas Fantasymärchen Kubo – Der tapfere Samurai, in welchem sich gleichnamiger Sohn eines verstorbenen Kriegers mit seiner magischen Laute dem bösen Mondkönig entgegenstellen muss. Das Mädchen Yi muss zwar nicht so finsteren Mächten Paroli bieten, darf aber mit Yetis Hilfe so manche Naturgesetze aus den Angeln heben, was zauberhaft anzusehen ist und Charakterdesignerin und Jagdfieber-Regisseurin Jill Cultons Ökomärchen weg von gefälliger Reißbrettkomik hin zu elegisch-spektakulärem Bewältigungskino bringt,  ziemlich nah am Disney-Stil, nur wird in Everest kaum gesungen, das höchste der musikalischen Gefühle ist das stimmige Spiel mit der Violine. Die Ziele der Reise? Klar, eine Handvoll Coming of Age und der obligate Wert von Familie, den Hollywood nicht genug zelebrieren kann und der nicht nur den Menschen wichtiger ist als alles andere. In Zeiten wie diesen wichtiger denn je.

Everest – Ein Yeti will hoch hinaus

Sonic – The Hedgehog

BIN SCHON DA, SAGTE DER IGEL

5/10

 

sonic© 2020 Paramount Pictures

 

LAND: USA 2020

REGIE: JEFF FOWLER

STIMME VON SONIC: BEN SCHWARTZ, JULIEN BAM (DEUTSCH)

CAST: MICHAEL MARSDEN, JIM CARREY, TIKA SUMPTER, NEAL MCDONOUGH, ADAM PALLY U. A. 

 

Der Strom kommt aus der Steckdose. Das lässt sich intensiv erfahren, wenn man hineingreift. Allerdings muss dieser längst nicht zwingend von dort kommen. Der Zitterrochen kann Schläge austeilen, die sind nicht von schlechten Eltern. Der Aal selbigen Namens ebenso. Also alles was zittert. Oder superschnell läuft. Wie zum Beispiel ein Igel aus dem Weltraum, genannt Sonic. Der konnte vor dem Kino-Shutdown schnell noch auf großer Leinwand durchstarten, bevor die Heimpremiere den Kult-Kerl zur Schaumbremsung genötigt hat. Und übrigens: um den kleinen, blauen, schlaksigen Zeitgenossen mit der Stachelmähne zu kennen, ist das SEGA-Spiel allein längst nicht mehr notwendig. Comic Cons und Merchandise tun´s auch.

Der Strom, der kommt also auch aus diesem seltsamen Wesen. Je schneller es läuft, desto mehr Energie erzeugt es und kann ganze Landstriche lahmlegen, wenn es will. Schon einer seiner Stacheln fördert unbegrenzte Energie. Der Wechsel des Stromanbieters wäre somit hinfällig. Rechnungen müsste man für Kühlschrank, TV und Festbeleuchtung auch keine mehr zahlen. Ein Wunder, dieses Ding. Und ja, es ist süß. Süßer als es zuvor gewesen ist. Wir erinnern uns: kaum ging der erste Teaser zu Sonic – The Hedgehog viral, gab’s von Seiten der Fan Community kein Halten mehr: Beschwerde ist gut, ein Shitstorm weniger. Doch den gab es, zumal das äußere Erscheinungsbild des Igels nicht den Vorstellungen der popkulturellen Konsumenten entsprach. Da muss das Studio natürlich einknicken, sonst macht es keine Kohle. Sonic wurde ins Digi-Spa geschickt – heraus kam eine viel knuffigere Version, die nun ungefähr 100 Minuten lang durchs Bild rennt, durch diverse Ringportale schlüpft und einem Bösewicht von der Schippe springen muss, der das Potenzial nachhaltiger Energiegewinnung als einziger wirklich begriffen hat.

Was lässt sich aus einer Spiele-Verfilmung denn Großartiges rausholen? Prinzipiell kann man da schon was machen. Duncan Jones hat aus Warcraft einen fulminanten, aber an den Kinokassen abgestürzten Einstand gezaubert. Eher daneben ging diese Klempner-Geschichte mit Bob Hoskins – Super Mario Bros. Sonic – The Hedgehog ist irgendwo dazwischen. Der blaue Flitzer hat zwar endlich seinen eigenen filmischen Steckbrief – nur: wäre ich der Igel, wäre ich vielleicht ein bisschen enttäuscht ob der stockenden Ambition, die leibeigene Power auch auf den übrigen Film zu übertragen. Das bleibt eher zu belächeln. Michael Marsden, der nach Business-as-usual-Manier brav seine Scriptanweisungen befolgt, scheint täglich mit Begegnungen der dritten Art zu tun zu haben, so entgeistert, wie er sich gibt. Jim Carrey hätte hier natürlich die Möglichkeit, sich neu zu definieren oder seiner Figur des diabolischen Dr. Robotnik nicht nur altbekannte Manierismen aus Die Maske oder Cable Guy zu entlocken. Auf beides verzichtet er, auch auf eine plausible Vita, die dem Handeln des Tech-Nerds mit dem Zwirbelbart mehr Sinn verliehen hätte. Nein, das scheint alles nicht wichtig. Der Plot rund um den Igel ist ohne viel Herzblut hin skizziert und wird im Eiltempo abgewürgt. Drohnen sind auch nichts mehr Neues, das Verstecken eines Aliens vor neugierigen Menschen auch nicht mehr, seit Alf das Fernsehen aufgemischt hat. Ein bisschen an den „Garfield“ aus Melmac erinnert Sonic obendrein. Doch im Gegensatz zur 80er-Ikone ist dessen Charakter zu unbedarft, zu blauäugig, wie ein Stofftier aus dem Hundertmorgenwald, was zwar zu Winnie Pooh passen würde, aber nicht zu einem Action-Abenteuer für die ganze Familie. Da hätte das Stachelknäuel mehr Ecken und Kanten vertragen. Abgesehen davon ist es aber süß. Süß und mit Kindchenschema, dank der großen Äuglein. Die besten Szenen sind die, wenn Sonic heiß läuft und die ganze Energie zum Fenster raus pulvert, diese dabei aber nie ausgeht und der einzige Stromzähler, den die Bürger der SEGA-Welt noch ablesen können, jener im technischen Museum sein könnte.

Sonic – The Hedgehog

Togo

DOG TO GO

6,5/10

 

togo© 2019 Disney Enterprises Inc. All Rights Reserved.

 

LAND: USA 2019

REGIE UND KAMERA: ERICSON CORE

CAST: WILLEM DAFOE, JULIANNE NICHOLSON, MICHAEL GASTON, CHRISTOPH HEYERDAHL, MICHAEL GREYEYES U. A. 

 

Zeitgleich mit dem Disney+-Release hier in deutschsprachigen Landen muss natürlich auch gleich der erste Filme einer Qualitätskontrolle unterzogen werden. Vorgenommen habe ich mir den Outdoorstreifen rund um einen Haufen toller Hunde, nämlich Schlittenhunde, die von einem ganz außerordentlich begabten Leithund angeführt werden, der den Namen Togo trägt. Togo ist auch der Titel des Films, und als Stargast nebst all den beeindruckenden Hundeperformances darf Willem Dafoe wieder mal zeigen, dass er auch fern jeglichen Arthousekinos mit Ferrara und Dave Eggers auch ganz normal familientaugliches Kino anführen kann. Denn was Harrison Ford kann, kann Dafoe schon lange. Der Unterschied dieser beiden Filme? In Ruf der Wildnis durfte Ex-Han Solo gar nicht mal mit echten Tieren kommunizieren. Der Hund aus der Neuverfilmung von Jack Londons Klassiker besteht aus Pixels. Das allerdings fällt unangenehm auf. Weil es einfach nicht sein muss. Kein Tier lässt sich besser trainieren als ein Hund. War das reine Bequemlichkeit der Studios? Oder einfach wieder nur zeigen, was das digitale Kino alles kann? Allein vom Trailer her lässt sich vermuten, dass die Macher mit dem Ergebnis nicht gerade die Benchmark gekitzelt haben. So gut es also geht, ist Natürlichkeit immer der beste Effekt. Dessen besonnen hat sich Disney – und für viele Szenen auf ein ganzes Rudel echter Wuffomaten zurückgegriffen. Diese sibirischen Huskys, in welcher Entwicklungsstufe auch immer, vom Welpen bis zum Grauhaar, holen selbst Hundemuffel und solche, die mit Pudel, Dackel und Co überhaupt nicht viel anfangen können, hinter dem Ofen hervor. Diese Huskys, die sind einfach noch einen Tick anders. Sie sind wilder, ursprünglicher. und gehören genau dorthin, wo der Film spielt: Nämlich nach Alaska – und nicht in ein urbanes Appartement.

Dieses Alaska, das bekommt in Ericson Cores klassischem Abenteuerfilm der guten alten Schule einen Anstrich, das man es ewig schade finden könnte, Togo mitsamt den Kids nicht auf großer Leinwand gesehen zu haben. Zugegeben, die Panoramabilder sind vielleicht eine Spur zu pittoresk, aber Landschaften sehen zu bestimmten Tageszeiten nun mal so aus, das ist Wildniskitsch pur, der aber auch so sein darf. Die Dokureihe Universum lässt grüßen. Auch Filme wie Alpha, der ebenfalls die Mensch-Hund-Achse dreht, oder Wie Brüder im Wind über die Geschichte eines Jungen und seines Adlers. Togo ist ein großzügiger Naturfilm, der sich nicht einsperren lässt und die Weite genießt. Und den Hunden nicht oft genug in die eisblauen Augen schauen kann. Das erzeugt wiederum Nähe. Und ja, einem Hundemuffel wie mich hat das am Ende des Tages dann doch noch abgeholt. Noch dazu, weil Togo auf einer wahren Geschichte beruht, die in den 20er Jahren als Serumlauf von Nome bekannt wurde und statt Togo allerdings einen Hund namens Bolt berühmt gemacht hat.

Togo ist fast schon so was wie eine familientaugliche Mischung aus The Revenant und Lassie – oder wie hieß der Bernhardiner gegen Bergnot? Der Himmel ist stets voller bedrohlicher Wolken, der Wind tobt, das Schneegestöber nimmt die Sicht. Was müssen die vier Pfoten wohl frieren auf diesem kalten, eisigen Untergrund. Die Szene, in welcher der Schlitten, um Zeit zu sparen, einen vereisten Sund überquert, ist wirklich atemberaubend gefilmt. Der zwischenmenschliche Überbau eher solides Beiwerk ohne Besonderheiten, in ganz herkömmlichem Disney-Stil, wie wir es seit Jahrzehnten gewohnt sind. Braucht es da was anders als versöhnliches Pathos? Nein, weil Hunde, die stehen auf sowas. Nichts macht sie glücklicher.

Togo