Sonic the Hedgehog 2

WENN DEN IGEL FUCHST, WIE DER HASE LÄUFT

5/10


sonic2© 2022 Paramount Pictures Germany


LAND / JAHR: USA 2022

REGIE: JEF FOWLER

CAST: BEN SCHWARTZ (JULIEN BAM), COLLEEN O’SHAUGHNESSEY, IDRIS ELBA, JIM CARREY, JAMES MARSDEN, TIKA SUMPTER, LEE MAJDOUB U. A.

LÄNGE: 2 STD 2 MIN


Täusche ich mich, oder beschränkt sich Jim Carreys Filmkarriere momentan auf seine Performance als Bösewicht Dr. Robotnik im SEGA-Franchise Sonic the Hedgehog? Ein Blick auf Wikipedia bestätigt: tatsächlich dürften Carreys Agenten wohl kaum Überstunden schieben, aber vielleicht kommt das noch. Denn Carrey ist ein achtbarer Schauspieler, der in tragikomischen Filmen wie zum Beispiel Die Truman Show oder Der Mondmann genauso gut ankommt wie in Komödien. Für Sonic durfte er schon im Kick Off aus dem Jahr 2020 seinen Schnurrbart zwirbeln und wieder mal seine Grimassen schneiden, doch wenn man sich zu sehr auf sein exaltiertes Spiel verlässt, haben Zwischentöne zur Reifung eines Charakterbildes keine Chance. Die Figur beginnt zu nerven. Dafür entschädigt der brummige Knuckles – ein Ameisenigel, der hier nun seinen Einstand feiert und mit dem Feind gemeinsame Sache macht, da es um ein Artefakt von hoher Wichtigkeit geht. Der Master Emerald muss gefunden und in Gewahrsam gebracht werden, damit Gauner wie Dr. Robotnik nichts damit anstellen können. Der Finsterling allerdings nutzt die Leichtgläubigkeit des roten Wuschels, um ihn auf seiner Seite zu wissen, wenn es heißt, Sonic davon abzuhalten, als erster an den Stein zu gelangen. Der ist allerdings auch nicht mehr alleine: Ein zweischwänziger Fuchs namens Miles „Tails“ Prower, von welchem ich zuerst dachte, er sei weiblicher Natur, kämpft nun an seiner Seite.

Mit von der Partie ist auch wieder James Marsden als naiver Menschenfreund des blauen Aliens mit der deutschen Synchro von Julien Bam, dessen weichgespülte Tonlage durch das ruppige Timbre von Knuckles‘ Stimme (im Original Idris Elba) aufgefangen wird. Wo bei Sonic the Hedgehog fast schon zu wenige bunte Tierchen herumwuselten, hat die Fortsetzung einige Sidekicks mehr parat. Die Story selbst ist so geradlinig wie simpel – das Skript zum Game, wie soll es anders sein. All die SEGA-Spiele mit dem Flitzer sind ja auch nicht gerade die hackenschlagende Kampagne für Zocker, die die Challenge suchen. Natürlich ist das zu erwarten, doch in Summe ist das schließlich schon etwas anderes, interaktiv mitzumischen, als nur dabei zuzusehen. Sonic the Hedgehog 2 ist also ungefähr so, als würde man seinem Bro dabei zusehen, wie er Sonic zockt. Minutenlang erquickend, doch dann will man selbst an die Konsole, wird aber nicht gelassen, ist doch der andere mittendrin im Jump and Run. Hat man nichts zu knabbern in der Nähe, wird’s langweilig. Wenn dann der Showdown anrückt, ist das Abenteuer vielleicht wieder einen Hingucker wert.

Und tatsächlich wird Jim Carrey gefährlicher als jemals zuvor, erinnern so manche Szenen an das Ringen der Kolosse in Pacific Rim. Und nicht nur von dort borgt sich Jeff Fowler, natürlich bewusst, so seine Ideen. Reminiszenzen an Indiana Jones oder etwa Poltergeist sind dabei, welche die Jungen womöglich nicht erkennen werden. Mein Semester allerdings muss hier schon ein bisschen schmunzeln, wobei der Grund dafür nicht nur der sein kann, erwachsene Begleitpersonen bei Laune zu halten. Dafür sind die Eastereggs zu spärlich, und es ist ja nicht so, als wäre die kunterbunte Fantasy ein Blindgänger. Sonic the Hedgehog 2 gelingt der Spaß vor allem in der zweiten Hälfte ganz gut, davor aber eiert der Film auf familiengerechtem Durchschnittniveau heran, das auf einer fürs Franchise und dem SEGA-Konzern schadlosen, dafür aber auch vorhersehbaren Seite bleibt.

Brilliant und State of the Art hingegen ist das CGI – hier haben die Macher keine Kosten gescheut, um bis ins Detail das Interagieren der getricksten Figuren so zu animieren, dass sie ein perfekter Teil der realen Umwelt sind.

Sonic the Hedgehog 2

Lightyear

DIE PHRASE MIT DER UNENDLICHKEIT

5/10


lightyear© 2022 Disney / Pixar Animation Studios


LAND / JAHR: USA 2022

REGIE: ANGUS MCLANE

MIT DEN STIMMEN VON (ORIGINAL): CHRIS EVANS, KEKE PALMER, PETER SOHN, JAMES BROLIN, TAIKA WAITITI, DALE SOULES, UZO ADUBA, ISIAH WHITLOCK JR. U. A.

MIT DEN STIMMEN VON (DEUTSCHE SYNCHRO): TOM WLASCHIHA, GIOVANNA WINTERFELDT, JEREMIAS KOSCHORZ, JÜRGEN KLUCKERT, MARIUS CLARÉN U. A.

LÄNGE: 1 STD 40 MIN


Irgendwann wird auch Buzz Lightyear älter. Nur merkt das keiner mehr, denn alle anderen sind da längst schon Sternenstaub. Was der hartgesottene Space Ranger wohl davon hat, bis zur Unendlichkeit zu reisen, ist wohl eine Frage, die er selbst nicht wirklich beantworten kann. Vielleicht sucht er die Einsamkeit, vielleicht ist das einfach nur ein Ego-Ding, um sich selbst zu beweisen, nicht versagt zu haben. Denn anders lassen sich dessen starrsinnige Bemühungen, durch den Hyperraum zu springen, um die Kolonie Gestrandeter von einem fremden(feindlichen) Planeten fortzubringen, nicht erklären.

Es scheint, als hätte Pixar beim Ersinnen der Origin-Story für einen der Stars aus Toy Story ebenfalls den Anschluss verpasst. Oder zumindest nicht genug hinterfragt, ob es denn wirklich Sinn machen würde, ein charmantes Spielzeug wie den besten Freund von Cowboy Woody dem Kinderzimmerkosmos zu entreißen und ihn als Helden aus Fleisch und Blut auf eine fragwürdige Mission zu schicken, die sich irgendwo zwischen den Sternen und Planeten verpeilt, ohne voranzukommen. Dabei ist die nicht ganz schlüssige Mechanik hinter der Zeitreise noch gar nicht von mir aufs Tapet gebracht worden. Es reicht, sich bereits bei den vielen, vielen verlorenen Jahrzehnten, die Buzz Lightyear mit seinen Testflügen verschleudert, zu fragen, ob so jemand überhaupt noch auf Wunsch der Allgemeinheit handelt oder einfach verbissen einer Sache folgt, die keinerlei Wichtigkeit mehr hat.

Diesen Space Ranger tangiert nicht wirklich, ob all jene, die ihm vielleicht etwas bedeutet hätten, im Laufe einer subjektiv wahrgenommenen Zeiteinheit von gerade mal einer Woche dahinscheiden. Die Kolonie auf dem fremden Planeten hat sich im Laufe von drei Generationen längst mit den Gegebenheiten arrangiert, und Lightyear tritt alle Schaltjahre mal auf, wie eine seltsame Anomalie. Als er es dann tatsächlich schafft, in den Hyperraum zu springen und wieder zu landen, trifft er auf fremde Invasoren, die ihre Roboter ausschicken, um den Nachkommen der Kolonie den Garaus zu machen. Lightyear hat plötzlich ganz andere Probleme als nur Zeit und Raum und schließt sich mit einer kleinen Gruppe an Rebellen zusammen, deren Ideale größer sind als ihre Fähigkeiten. Doch wo ein Wille, da ein Weg. Und noch dazu ist eine der Krieger die Enkelin einer Lightyear bestens bekannten Space Ranger-Kommilitonin.

Wenn schon die Rechnung für die zugrundeliegende Ausgangssituation nicht aufgeht, scheint auch das darauffolgende, actionreiche Szenario zwar etwas nachvollziehbarer, aber deutlich an andere Vorbilder aus der Science-Fiction orientiert zu sein. Und zwar an dem interstellaren Abenteuer der Familie Robinson: Lost in Space. In den von Netflix neu aufgelegten Erlebnissen einiger Kolonisten, die auf fremden Planeten Bruchlandung erleiden und versuchen, den Anschluss Richtung Wahlheimat zu finden, spielen mechanische Aggressoren ebenfalls eine gewichtige Rolle. Lightyear kopiert diese Geschichte, allerdings recht geschickt und letzten Endes auch so, dass sie in eine andere Richtung geht. Dort aber wartet das nächste Problem: Die Sache mit der Zeitreise, oft Garant für Logiklöcher. So auch hier.

Lightyear ist trotz aller Detailverliebtheit und zweifellos ergiebigen Schauwerten das eintönige Spin Off eines großen Franchise-Erfolges, das sich bei seinen Figuren aus bewährten und oft genutzten Charakteristika bedient. Der gute Buzz mit seiner Unendlichkeitsphrase bleibt dabei am beliebigsten.

Lightyear

Minions: Auf der Suche nach dem Mini-Boss

KUNG FU-KROKETTEN MIT HUNDESEELE

6,5/10


minions2© 2022 Universal Pictures Entertainment Germany


LAND / JAHR: USA, FRANKREICH, JAPAN 2022

REGIE: KYLE BALDA, BRAD ABLESON, JONATHAN DEL VAL

MIT DEN STIMMEN VON (ORIGINAL): STEVE CARRELL, PIERRE COFFIN, ALAN ARKIN, TARAJI P. HENSON, JEAN-CLAUDE VAN DAMME, MICHELLE YEOH, DOLPH LUNDGREN, LUCY LAWLESS, DANNY TREJO, RZA, JULIE ANDREWS, RUSSEL BRAND U. A. 

MIT DEN STIMMEN VON (DEUTSCHE SYNCHRO): OLIVER ROHRBECK, THOMAS GOTTSCHALK, DELA DABULAMANZI, BASTIAN BAKER, LARISSA MAROLT, MEYLAN CHAO, TILO SCHMITZ U. A.

LÄNGE: 1 STD 28 MIN


Dieser Gru ist wirklich ein komischer Kauz. Spitznasig, staksig, immer mit Schal, seltsamem Akzent und was vor allem auffällt: mit einer Stimme, die nicht die eines Kindes ist. Dabei ist Gru gerade mal elfeinhalb Jahre alt – und besessen davon, ein Oberschurke zu werden. Dass er in diesem präpubertären Alter sich selbst bereits als unverbesserlich bezeichnet, ist ja fast schon weise Selbstreflexion. Doch es ist nun mal so: Gru ist ein Einzelgänger, hat weder Freunde noch eine Mutter, die sich sonderlich um ihn schert. Was macht so jemand? Er legt sich einen Hund zu. Stimmt, den hat er auch. Was aber jede treue Hundeseele in den Schatten stellt, das ist die Anhänglichkeit der gelben runden TicTacs mit Brille, blauen Latzhosen und internationalem Wortschatz irgendwo zwischen Spanisch, Italienisch und je nachdem, welche Synchronspur gerade mal über dem Film liegt. Diese Helferleins haben eine Vorliebe für Bananen, Musik und würden mit allem, was ein Baumarkt so hergibt, etwas anfangen können. Am Ende der Origin-Episode über die Herkunft der Minions konnten wir dem Einstand des kleinen Gru beiwohnen, der wiederum die Aufmerksamkeit der gelben Kerle auf sich zog – und diese nun an der Backe hat. Fehler ist das keiner – die Minions machen alles, was man ihnen sagt. Sie sind hilfsbereit und kreativ, vergessen aber auch nicht ihre eigenen Bedürfnisse und lassen sich überdies sehr leicht ablenken.

Da passiert es, dass Gru eines Tages von den fiesen 6 – einer Siebziger-Räuberbande als Hommage an das Exploitation-Kino besagter Dekade – plötzlich zum Casting für ihren neuen Boss eingeladen wird, denn vom alten, auch bekannt als der Wilde Knöchelknacker, wurde die Gang ganz plötzlich überdrüssig. Natürlich reißt so ein juveniler Sonderling kein Leiberl bei Disco Donna, Jean Klaue, Skandinator und Co. Doch bevor sich dieser wieder verabschieden muss, lässt er ein wertvolles Amulett mitgehen – eine Aktion, welche die Superschurken so ziemlich erzürnt. Und da ist noch der geschasste Oberfiesling, ebenfalls gierig nach dem Amulett. Darüber hinaus muss dieser seiner verräterischen Meute noch gehörig die Leviten lesen. Zwischen all diesem hitzigen Crossover aus Superschurken, die einander so manches antun und wegnehmen wollen, irren die Minions Kevin, Stuart, Bob und Otto in diversen Outfits umher, um das Amulett zu beschützen und auch ihren geliebten Mini-Boss wiederzufinden. Eine Mission: Impossible für jeden anderen vielleicht. Für Improvisationstalente, wie diese vier Kroketten es sind, zwar nicht unbedingt ein leichtes, aber ein Abenteuer, dass den unbeirrbaren Willen dieser Wesen erneut mit herzhaft angerichtetem Slapstick feiert.

Dabei sind die besten Szenen tatsächlich schon im Trailer zu sehen. Wer das nicht getan hat, wird den Willkommensbonus haben, wenn die Minions ein Flugzeug steuern. Richtig detailfreudig und liebevoll auch deren Genese zu fernöstlichen Haudraufs, die das Tier in sich entdecken. Die skurrile Situationskomik, mit der die Minions einfach allein schon durch ihre schlichte Anwesenheit, durch ihre Mimik und ihre heliuminhalierten Stimmchen punkten, ist immer wieder ein Gaudium. Und gerade in den kleinen Nebenszenen über die Tücken des Alltags erreichen die Kultfiguren ihre Höchstform. Da lässt das generische, aber formschön und exquisit animierte Getöse aus grotesken Vehikeln und phantastischem Kreaturenzauber den Minions kaum Luft, sich zu entfalten. Doch anders als beim Vorgänger ist die Story in Minions: Auf der Suche nach dem Mini-Boss über Schurken und solche, die es wieder oder erstmalig werden wollen, tatsächlich überschaubar und straff konstruiert. Gerade die Figur des Wilden Knöchelknackers, stimmlich vertreten durch Thomas Gottschalk (was ihn auch noch einen Tick sympathischer macht) ist neben Gru die am besten entworfene im ganzen Universum von Illumination, und die Kooperation der beiden wird zur gemütlichen Komödie über Vater- und Sohnfiguren. Und irgendwann weiß man nicht mehr: Ist es ein Prequel zu Ich: Einfach unverbesserlich oder das Sequel zu den Minions?

Der Titel macht uns sicher. Die gelben Engel sind aus der Popkultur einfach nicht mehr wegzudenken und werden trotz mancher Abenteuer, die ihnen über den Kopf wachsen und sie fast an den Rand drängen, noch lange nicht von der Kinoleinwand purzeln.

Minions: Auf der Suche nach dem Mini-Boss

Men & Chicken

ICH WOLLT‘ ICH WÄR EIN HUHN

7/10


menchicken© 2015 DCM Film Distributions


LAND / JAHR: DÄNEMARK 2015

BUCH / REGIE: ANDERS THOMAS JENSEN

CAST: MAD MIKKELSEN, DAVID DENCIK, SØREN MALLING, NIKOLAJ LIE KAAS, NICOLAS BRO, OLE THESTRUP U. A. 

LÄNGE: 1 STD 44 MIN


Der Däne Anders Thomas Jensen ist wohl der Mann, der uns Männer am besten versteht. Seine Filme sind die einzig wahren Männerfilme, und dabei ist es ein falscher Weg, anzunehmen, Männerfilme seien solche mit ordentlich Wumms und Jason Statham und die hübsche Dame am Ende, die dem Dreitagebart-Solokämpfer schmachtend um den Hals fällt. Nein, sowas sind keine Männerfilme. Da braucht es schon mehr Gefühl. Wie Anders Thomas Jensen es eben hat. Würden wir Männer all den Schnickschnack und die ganze Fassade endlich weglassen, würde zum Vorschein kommen, was sich in seinen Filmen stets beobachten lässt: Verschrobenene, komplexbeladenene Sonderlinge mit nerdigen Skills und wenig Chancen beim weiblichen Geschlecht. Erziehungsgestört, aber liebesbedürftig und nicht wissend wohin mit der Libido. Das sind Szenarien, die lassen sich mit nichts vergleichen. Adams Äpfel zum Beispiel: Männer im Miteinander. Was da für eine Eigendynamik entsteht, muss man entdecken. Zuletzt im Kino: Helden der Wahrscheinlichkeit. Auch hier maskuline Handschlagsqualitäten und XY-Freundschaften, die das Universum in seiner Logik ad absurdum führen. Mit Men & Chicken schießt Jensen in Sachen Groteske aber wirklich den flugunfähigen Vogel ab. Hier finden Brüder zueinander, denen man, würde man sie nicht näher kennen, tunlichst aus dem Weg gehen würde. Auf dem zweiten Blick aber ist die Freakshow eine sensible Angelegenheit, über die unangebracht wäre, sich lustig zu machen. Das geht vielleicht nur, weg man wegsieht. Was wiederum nicht gelingt, bei all den verqueren Ideen, die Anders Thomas Jensen hier Stück für Stück aneinanderreiht. Men & Chicken ist ein irres Panoptikum über Verwandtschaft, Gene und das Tier im Manne.

Es ist schon eigenartig, wie alles anfängt. Da sind die Brüder Gabriel und Elias (Mads Mikkelsen in seiner wirklich schrägsten Rolle – ein Beweis mehr, was der Mann alles spielen kann), die eines Tages vom Tod ihres Vaters erfahren, der wiederum eine Videobotschaft hinterlassen hat, die besagt, dass beide im Grunde adoptiert sind und ihr richtiger Vater auf der Insel Ork (!) lebt. Die beiden machen sich auf die Reise und stoßen dort auf eine Bruchbude von Herrenhaus, in dem drei weitere Brüder hausen, gemeinsam mit unzähligen Nutztieren aller Art, alle mit einer Hasenscharte, alle verwahrlost, verpeilt und unheilbar exzentrisch. Und auch so ziemlich pervers, gelinde gesagt. Der Vater selbst lässt sich nicht blicken, und so richtig willkommen sind Gabriel und Elias auch nicht. Die Hartnäckigkeit der beiden macht sich aber bezahlt, und nach und nach ändert sich so einiges im Leben außerhalb der Norm.

Über Geschmack lässt sich streiten. Über das Ziehen der Grenze vom guten zum schlechten ebenso. Anders Thomas Jensen weiß das, will aber mit seiner kuriosen Familiendramödie sicherlich nicht provozieren. Dieses Entrümpeln männlicher Stereotypien gelingt ihm ausgezeichnet, dieses Durcheinanderwirbeln seltsamer Weltbilder ebenso. Dabei beruht der schlechte Geschmack von Men & Chicken bis zum letzten Schimmelfleck an der Wand des vor Schmutz und gammeligen Zeugs vollgestopften Hauses auf keinerlei Zufall. Selten haben Verwahrlosung und Vergänglichkeit eine so opulente Bühne wie diese ergeben. Schäbigkeit hat Stil – gibt’s das? In diesem Film schon. Die Ideale des Schönen lassen sich dann doch noch in der Sanftheit brüderlichen Füreinanders entdecken, während der Rest dem Abnormen seinen Platz in der Gesellschaft gibt. Am Ende kippt der skurrile Reigen in monströse Phantastik und betritt eine Metaebene, die unter anderem bei David Cronenberg oder Guillermo del Toro zu finden gewesen wäre, hätte Thomas Anders Jensen nicht seine Brüderpartie ihre eigene Bestimmung finden lassen, jenseits aller Ordnung.

Men & Chicken

Die Gangster Gang

IST DER RUF ERST RUINIERT

6/10


gangstergang© 2022 DreamWorks Animation LLC. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2022

REGIE: PIERRE PERIFEL

MIT DEN STIMMEN VON (ORIGINAL): SAM ROCKWELL, MARC MARON, AWKWAFINA, CRAIG ROBINSON, ANTHONY RAMOS, RICHARD AYOADE, ZAZIE BEETZ U. A. 

MIT DEN STIMMEN VON (DEUTSCHE SYNCHRO): SEBASTIAN BEZZEL, KURT KRÖMER, JOYCE ILG, FYNN KLIEMANN, JANNIS NIEWÖHNER, MAX GIERMANN U. A. 

LÄNGE: 1 STD 40 MIN


Mit den Wölfen ist es in Österreich so eine Sache. Erstaunlicherweise scheint sich Meister Isegrim zwischen Berg und Tal wieder anzusiedeln und plant dabei nicht, Hühnerställen oder Ähnlichem aus dem Weg zu gehen. Das ärgert den Landwirt, doch was soll man tun – der Wolf tut auch nur, was er tun muss, macht das alles nicht mit Absicht und wäre viel lieber ganz weit weg vom grimmigen Homo sapiens, der keine Gefangene macht, wenn es darum geht, seinen Profit zu sichern. Anderswo hört man wieder lautes Igitt, wenn’s um Spinnen geht, dabei sind die ja ganz nützlich. Haben nunmal acht Beine, was soll’s. Des Menschen Neid an den vielen Extremitäten wird’s wohl nicht sein, der ihn dazu verleitet, Tiere wie diese einfach tot zu schlagen. Oder Schlangen – erst letztes Jahr vermehrt aus dem Abfluss gekrochen, dabei aber alles gar nicht giftig. Zumindest hierzulande nicht. Auf eine Buschmaster treten will ich aber dennoch nicht.

All diese Tierchen sind nun in einer ungleichgewichtigen Alternativwelt, in der hauptsächlich Menschen dominieren und Animalisches zur Minderheit zählt, die Antihelden eines Animationsfilms, der immerhin versucht, die zu sprechenden Fabelgestalten mutierten Reptilien, Säugetiere, Spinnen und Fische (die kein Wasser benötigen) von der Unbeliebtheitsskala zu entfernen und in gewisser Weise zu rehabilitieren. Doch anfangs sind sie das, was sie in den Augen vieler eben sind: Bad Guys. Diese Bande beherrscht das Handwerk des Bankraubs aus dem FF, kennt Tricks und das richtige Timing und führt die Polizei, angeführt von einer jähzornigen Wuchtbrumme, stets an der Nase herum. So beliebt wie das föhnfrisierte Meerschweinchen namens Professor Marmelade werden die fünf schließlich sowieso nie, also heißt es frei nach dem Motto Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert: Zu tun, was Böse eben tun müssen. Bis sie schließlich geschnappt werden und von Frau Reineke Bürgermeister eine letzte Chance erhalten, um nicht hinter Schloss und Riegel zu landen: Sie müssen Gutes tun. Was leichter getan als gesagt ist, denn so tun als ob ist für Wolf & Co keine Kunst mehr, vor allem dann nicht, wenn wertvolle Kunst im Rahmen einer Preisverleihung sowieso in deren Händen landen wird.

Wie der Wolf seinen Charme ausspielt, wie der Piranha alles vom Zaun brechen will und wie die Schlange so sehr davon überzeugt ist, einfach nur fies sein zu müssen: In Die Gangster Gang (im Original: The Bad Guys) obsiegt der Charakter über das Image, dass die anderen einem geben. Das ist ein resoluter Ansatz in einer turbulenten Krimikomödie für fast alle Altersklassen, die mit den Vorurteilen spielt und niemanden das sein lässt, was er von Anfang an genötigt wird, darstellen zu müssen. Rollenbilder, nicht nur männliche oder weibliche, bekommen in einer moralisch augenzwinkernden Mär neuen Anstrich. Das zeigt sich in einem gewinnenden Zeichenstil, der in seiner knackigen Hektik an den cartoonhaften Zickzackkurs aus Ich: Einfach unverbesserlich erinnert, dafür aber viel mehr die Struktur handkolorierter Figuren behält, ist Die Gangster Gang ein durchaus vergnügliches, mit Krimi-Zitaten ausgeschmücktes Abenteuer, wenngleich dieses auch in ihrem Bemühen, Haken zu schlagen, gerade dadurch vorhersehbar bleibt. Und von Meerschweinen, so knuffig sie auch sein mögen, hat man nach diesem Pelztier-Overkill hier vielleicht mal für eine Weile genug.

Die Gangster Gang

Come on, Come on

DIE RESILIENZ JUNGER LEUTE

6,5/10


comeoncomeon© 2022 DCM


LAND / JAHR: USA 2021

BUCH / REGIE: MIKE MILLS

CAST: JOAQUIN PHOENIX, WOODY NORMAN, GABY HOFFMANN, ELAINE KAGAN, JABOUKIE YOUNG-WHITE, KATE ADAMS U. A.

LÄNGE: 1 STD 54 MIN


Wenn der Onkel mit dem Neffen. Daniel Glattauer hat‘s vorgemacht. In seinem Anekdotenband Theo – Antworten aus dem Kinderzimmer hat sich der Schriftsteller die Sichtweisen seines Fast-Filius zu Herzen genommen, sie alle aufgeschrieben und ein Buch daraus gemacht. Das ist mal witzig, mal nachdenklich, zumeist äußerst komisch. Denn Kindermund ist eben was anderes als das, was die Erwachsenen so von sich geben. Dazu gehört auch die Sicht auf die Dinge und – ganz wichtig – die Frage, wie weit der Ereignishorizont zum Beispiel eines neunjährigen Buben reicht. Sind Klimawandel, Krieg und Covid wirklich etwas, dass in die Wahrnehmung eines Kindes eindringen soll und wenn ja, wie sehr? Herrschen da nicht ganz andere Prioritäten? Natürlich tun sie das. Mike Mills, der mit Jahrhundertfrauen ein meisterliches filmisches Essay über Frauenrollen des 21. Jahrhunderts entworfen hat, beschäftigt sich diesmal mit der Resilienz von unter 10- bis unter 20-Jährigen, die permanent dem Druck ausgesetzt sind, mehr Verantwortung übernehmen zu müssen als sie eigentlich bewältigen können.

Statt Daniel Glattauer und dem kleinen Theo sind es diesmal Oscarpreisträger Joaquin Phoenix und der entzückende Newcomer Woody Norman, den wohl so einige Filmemacher aus früheren Dekaden gerne gecastet hätten, wie zum Beispiel Spielberg oder Kubrick. Doch der Wuschelkopf mit dem seidigen Lächeln und einem versonnenen Blick auf die Welt heftet sich an die Fersen seines nicht weniger versponnenen, leicht gammelig wirkenden Onkels namens Johnny, der sich als Radiomoderator auf einer Tour durch die USA befindet, um Kinder unterschiedlichen Alters zu interviewen. Bei diesen Interviews geht’s meist um existenzielle Fragen, wie: Was kommt nach dem Tod oder wie sieht die Zukunft aus? Gut, das sind Fragen, die, wie schon erwähnt, jüngere Semester überfordern könnte, aber probieren kann man‘s ja. Der kleine Jesse, Johnnys Neffe eben, will auf diese Fragen erst gar keine Antwort geben. Seine Welt ist ohnehin eine, die bereits aus den Fugen geraten ist, nachdem sich Papa aufgrund psychischer Probleme von der Familie abgesondert hat. Da braucht einer wie Jesse nicht über die Probleme der Welt nachdenken oder über ein Leben nach dem Tod. Da reicht es, in der eigenen altersadäquaten Blase zurechtzukommen. Als Mama sich den Problemen des Vaters annimmt, kommt Jesse unter die liebevollen Fittiche von Johnny, der ihn alsbald mitnimmt nach New York und New Orleans.

Bei den Schwarzweißaufnahmen des Big Appels muss man unweigerlich an Woody Allens Meisterwerk Manhattan denken. Und auch so ist Come on, Come on (was sich auf das Weitermachen im Leben trotz aller unerwarteten Widrigkeiten bezieht) nicht weniger textlästig als die Filme des kleinen bebrillten Intellektuellen. Ausgeschlafen sollte man sein, denn sobald die ersten Minuten über die Leinwand flimmern, hören wir bereits Statements aus dem Off, allesamt geistreich und philosophisch. Wäre das ganze Filmprojekt nicht besser zu lesen gewesen? Doch, irgendwie schon. Vor allem deswegen, weil Mike Mills keiner wirklich tragenden Handlung folgt, sondern viel lieber in einer Anordnung aus tagebuchähnlichen Momenten verweilt. Dabei schneidet er Erinnerungsfetzen aus der Vergangenheit nahtlos in die Gegenwartserzählung ein, ohne diese stilistisch abzuheben. Entspannt ist das Ganze nicht, bisweilen gar recht sinnierend und auf den zweiten Blick schwermütig, als wäre Terrence Malick mit im Spiel. In diesem zeitlos scheinenden Zeitbild bleiben Phoenix und Norman stets aufeinander konzentriert. Da ist im Vorfeld der Dreharbeiten sicher viel passiert, um einander besser kennenzulernen. Das lässt sich spüren.

Come on, Come on gelingt der Fokus auf die Frage, was für Kinder relevant ist, trotz all der erratischen Erzählweise erstaunlich gut, wenngleich weniger Worte mehr gewesen wären. Eine inspirierende, liebevoll errichtete Studie, für die Phoenix sichtlich froh war, im Gegensatz zum Joker wieder ganz den kauzigen Eigenbrötler zu geben.

Come on, Come on

Petite Maman – Als wir Kinder waren

ELTERN AUF AUGENHÖHE

7,5/10


petitmaman© 2021 pyramidfilms


LAND / JAHR: FRANKREICH 2021

BUCH / REGIE: CÉLINE SCIAMMA

CAST: JOSÈPHINE SANZ, GABRIELLE SANZ, NINA MEURISSE, STÉPHANE VARUPENNE, MARGOT ABASCAL U. A. 

LÄNGE: 1 STD 12 MIN


Je älter man wird, umso schwerer wird das Leben. Da sollte man meinen: wenn schon schwerer, dann zumindest sollte das Kind in einem selbst ausreichend Resilienz gewährleisten, denn kommt dieses zu kurz, schaut’s trostlos aus. Bei Erwachsenen ist das oftmals so. Die Welt der Großen ist nichts zum Lachen, denn all die Schwierigkeiten, die einem dann begegnen, können nur mit einer gewissen Ernsthaftigkeit und einem präventiven Hang zum Pessimismus bewältigt werden. Langweilig! Und ein völlig falscher Ansatz. In diesem Dunstkreis will Erziehung folglich auch noch funktionieren. Aber wie, wenn das Kind nur von oben herab seine Anweisungen bekommt. Ihm gesagt wird, dass es die Probleme der Erwachsenen ohnehin nicht versteht. Nochmal: langweilig! Und schade um jeden Tag. Da wär’s doch mal schön, sich selbst noch mal als Kind zu begegnen, in der Hoffnung, vielleicht diesmal die juvenile Sicht der Dinge mitzunehmen in die knochentrockene Realität. Zu oft vergisst man: wir alle waren mal selbst verspielt. Und was wäre gewesen, hätten wir, jung und unschuldig, mit unserem eigenen Nachwuchs die Zeit verbracht?

Céline Sciamma (Portrait einer jungen Frau in Flammen) hat darüber eine die Grenzen des Realen aushebelnde Parabel formuliert, in welchem sich Vergangenheit und Gegenwart überlappen. Inmitten dieser erstaunlichen metaphysischen Begebenheit findet sich die achtjährige Nelly, die gemeinsam mit ihren Eltern das Haus der kürzlich verstorbenen Großmutter entrümpeln soll. Gar nicht so eine einfache Sache, zumindest für Nellys Mutter nicht. Diese trauert ob des Verlustes, hat überhaupt eine gewisse Schwermut in sich, mit der Nelly wenig anfangen kann. Der Vater ist da eher distanziert, aber fürsorglich. Eines Tages verschwindet Mama, keiner weiß wirklich, wohin. Am selben Tag aber lernt Nelly im Wald nahe dem Haus ein Mädchen kennen, dass ihr auffallend ähnlich sieht. Seltsamerweise trägt sie den gleichen Namen wie ihre Mutter. Und auch das Haus, in dem sie wohnt, gleicht jenem der eigenen Oma sogar bis auf die Küchentapete.

Diese wundersame Begegnung ist ein Mysterium, das der polnische Kinomagier Krysztof Kieslowski (Die zwei Leben der Veronika) wohl vielleicht selbst gerne inszeniert hätte, würde er noch leben. Fernab jeglichen Budenzaubers und sonstiger phantastischer Versatzstücke ist die Inhärenz einer anderen Zeit und das Treffen von Mutter und Tochter im Kindesalter eine Begebenheit, die selbst nicht Thema des Films ist. Sie ist auch nicht Thema der beiden Kinder, die um alles in der Welt versuchen würden, das Geheimnis zu lüften. Dieses ist einfach da – wie so vieles auf dieser Welt. Viel wichtiger und erquickender ist der Umgang miteinander, das Ergründen des Wesens der jeweils anderen und das Abenteuer, das beide miteinander erleben. Dazu gehören Unfug, Humor, kreatives Teamwork und die Erkundung magischer Orte. Das gemeinsame Übernachten und das Backen von Crêpes. Sciamma inszeniert zurückhaltend und scheint gar, die beiden Zwillinge improvisieren zu lassen, fängt dabei ihre unverfälschte Dynamik ein und bildet daraus eine eigene (sozial)pädagogisch orientierte Meinung. Was, wenn unsere Kinder uns selbst auf Augenhöhe begegnen? Könnten Sie uns dann, als Erwachsene, besser verstehen? Diese Chance bekommt Nelly zum Geschenk.

Ein kleines Geschenk ist Petite Maman – Als wir Kinder waren auf alle Fälle. Nicht nur für Mutter und Tochter im Film, sondern auch für uns Zuseher. Trotz der recht reduktionistischen und lakonischen Ausgestaltung entstehen an diesem Ort zwischen den Zeiten ganz eigene, zärtlich formulierte Momentaufnahmen kindlicher Sichtweisen, die wie Balsam nicht nur auf den Seelen desillusionierter Erwachsener wirken. Mit Petit Maman ist vorübergehend mal Schluss mit dem Belächeln derer, die sich ihr Kindsein bewahrt haben. Die beste Voraussetzung, Generationen zu verbinden.

Petite Maman – Als wir Kinder waren

Rot

EIN KNUDDEL IM ZWINGER

7,5/10


rot© 2021 Disney/Pixar. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2022

BUCH / REGIE: DOMEE SHI

MIT DEN STIMMEN VON (ORIGINAL): ROSALIE CHIANG, SANDRA OH, AVA MORSE, HYEIN PARK, MAITREYI RAMAKRISHNAN, ORION LEE, WAI CHING HO U. A.

LÄNGE: 1 STD 40 MIN


Ein Kind soll Kind sein dürfen. In der elterlichen Obhut gibt’s anfangs sowieso wenig ernsthaften Spielraum, um aus der Rolle zu fallen. Der Anbruch des Teenageralters ändert dann aber so einiges. Die Obhut wird lästig, die Erziehungsnormen zum Gähnen – das Entdecken der eigenen Skills, der eigenen Gefühle und der eigenen Vorlieben lässt Erziehungsberechtigte lieber in der Ecke stehen – ein zugewiesenes Plätzchen, das selbige im Grunde wahrnehmen sollten, aus Liebe zum Nachwuchs. Rat und Beistand on demand gibt’s dafür rund um die Uhr. In so manchen Kinderstuben ist so ein Ansatz nicht mal Grund zur Diskussion, wenn Traditionen und Dogmen die Freiheit rauben, ob religiös motiviert oder einfach nur vererbtes Zeremoniell. Disney hat beim Thema Coming of Age – wie das Subgenre rund um heranreifende Teenies in Kultur und Medien genannt wird – momentan einen Narren gefressen. Erst zu Weihnachten sind der mit nonkonformistischen Verhaltensweisen gesegneten Mirabel aus Encanto die vererbten Wunderkräfte alles andere als in den Schoß gelegt worden. Ihre Rolle in der Welt hat sich die Gute erst erarbeiten müssen – singend und tanzend und die klappernde Villa Madrigal erforschend. Vor den Wurzeln aller Probleme – der Erziehung – macht Disney keinen großen Bogen mehr. Konflikte in der Familie gehören ausgetragen. Es ziemt sich nicht mehr, den Psychoschmarrn der Eltern mitzutragen. Neudefinition ist die Devise, ohne hilfesuchend zurückzublicken.

In einer ähnlichen Dysfunktionalität, die nach außen hin perfekten Frohsinn versprüht, bohrt auch der neue Pixar-Streifen Rot herum. Wie in Encanto fungiert auch hier, im Toronto des 21. Jahrhunderts, ein aus der Zeit gefallenes Matriarchat als Hemmschuh für einen befreiten, selbstbestimmten Lebensentwurf. Disney folgt dabei einem streng erdachten und trendeigenen Vokabular aus Minderheiten- und Frauen-Quote, das durch seine Dominanz alles Männliche zur kleinlauten Randfigur schrumpft. Mal sehen, wie lange noch diese Schräglage mit politischer Korrektheit begründet werden kann, doch momentan will der Mauskonzern mehr als nur alles richtig machen.

In diesem Fall ist Mei Lee ein Mädchen mit asiatischem Migrationshintergrund, gut in Mathe und offen für alles, was momentan im Trend liegt. Diese Leidenschaft für K-Pop (BTS lassen grüßen) und Social Media teilt die aufgeweckte Achtklässlerin mit ihren drei Freundinnen, die alles versuchen, um Karten für das anstehende Boyband-Konzert zu ergattern. Wenn der charakterlich liebevoll ausgearbeiteten Mädchenclique im Manga-Stil die kugelrunden Äugleins vor Begeisterung verschwimmen, wird bei Disney das Gefühl für Zeitgeist großgeschrieben. Währenddessen aber ist unser dreizehnjähriger Star des Films ein emotionales Hormonbündel schlechthin, reift langsam zur Frau und entfesselt ob ihres Gefühlschaos einen riesengroßen, knuddeligen roten Panda, der allerdings sie selbst ist. Ein Fluch? Ein Segen? Was soll dieses Wunder der Gestaltwandlung, für welches sich Mei Lee zunehmend schämt und wovon auch bald Helikoptermama Ming Lee Wind bekommt? Was gar nicht gut ist, denn dieser Bär, der überall für Aufsehen sorgt, ist ein jahrhundertealtes Geheimnis, das unterdrückt werden muss.

Das geht in aufgeklärten Zeiten wie diesen eigentlich überhaupt nicht. Für diese Freiheit, flügge zu werden, bricht Pixar gleich mehrere Lanzen und sucht den Konflikt der Generationen ohne Scheu davor, eingerostete Mutterrollen aus der Reserve zu locken. Das gelingt besser als in Encanto, ist dynamisch, launig und melodramatisch. Und überraschend kausal. Statt gemeinsam als Übermutter und Tochter bei der psychosozialen Familienberatung aufzuschlagen, tut’s die Sache mit dem Problembären, der als liebevoll ausgestaltete Symbolik (jeder mag Pandabären, die schwarzen so wie die roten) Dominanz und juvenile Auflehnung an einen Tisch bringt. Pixar gibt sich dabei trotz so einigem märchenhaften Disney-Zauber nicht mit plotbedingten Floskeln zufrieden, sondern führt den Konflikt recht spielerisch und unbelastend zu einem familiären Wendepunkt, der einen Neuanfang verspricht.

Rot

The Adam Project

DIE FEHLER AUS DER VERGANGENHEIT

5/10


theadamproject© 2022 Netflix


LAND / JAHR: USA 2022

REGIE: SHAWN LEVY

CAST: RYAN REYNOLDS, WALKER SCOBELL, ZOE SALDANA, JENNIFER GARNER, MARK RUFFALO, CATHERINE KEENER U. A. 

LÄNGE: 1 STD 46 MIN


Marty McFly kann davon ein Liedchen singen, wie es ist, in der Zeit zurückreisen zu müssen, um die Zukunft wieder dorthin zu biegen, wo sie hingehört. Die Avengers werden wohl mit einem großen Fragezeichen auf der Stirn nicht mitreden können, da ihr Zeit-Kontinuum nicht stringent verläuft, sondern parallel zueinander und somit unendlich viele Multiversen erzeugt. Ein Umstand, den Dr. Strange bald näher erläutern wird. Nun ist aber Ryan Reynolds an der Reihe, nochmal alles von vorn zu beginnen, und hebt schon in den ersten Sekunden des neuen Streifens The Adam Project mit einer ähnlichen Lässigkeit den Flieger aus dem Orbit, wie es vielleicht Chris Pratt alias Star Lord machen würde, begleitet vom Sound aus den späten Sechzigern, nämlich Gimme Some Lovin. Alles erinnert an die Guardians of the Galaxy, die zur Freude des Publikums bald nicht mehr wussten, wo ihnen der Kopf stand. Reynolds hat da mehr den Überblick, obwohl er sich auch hier um einige Jahre verkalkuliert: Sein Flieger landet im Jahr 2022, unweit seines Elternhauses, in dem er selbst als zwölfjähriger Lümmel seinen verstorbenen Vater vermisst und mit Mama (Jennifer Garner) den Alltag schmeißen muss, dabei aber nicht sehr viel Kooperationswillen zeigt. Das ändert sich, als dieser junge Adam seinem älteren Ich begegnet. Shawn Levy nimmt sich hier klugerweise viel mehr Zeit als anderswo in seinem Film, um das langsame Sickern der Erkenntnis, sich selbst gegenüberzustehen, mit kleinen, kuriosen Alltäglichkeiten, die längst keine Zufälle mehr sein können, auszuschmücken. Bis dahin lässt das ganze Szenario immer noch so etwas wie Zurück in die Zukunft vermuten. Die Vermutung wird ausgeräumt, als der doppelte Adam versucht, ins Jahr 2018 weiterzureisen, um zu verhindern, dass Zeitreisen überhaupt möglich werden, da das Böse in Gestalt von Katherine Keener (kann überhaupt nichts mit ihrer Rolle anfangen) zukünftig die globale Macht an sich reißen wird. Natürlich bleibt die Antagonistin nicht tatenlos und hetzt durch die Zeit hinterher.  

Shawn Levy hat hier alles, um Science-Fiction-Fans und Zeitparadoxon-Nostalgiker vor dem Bildschirm glücklich zu vereinen. Er hat auch Ryan Reynolds, der für ihn schon letztes Jahr als Free Guy die Komödie unter seine Fittiche genommen hat – das ganze Programm, von verschmitzter Selbstironie bis zur Popkultur-Parodie. Was Levy aber nun fehlt, ist das Bindemittel dazwischen, um Zutaten und schauspielerisches Potenzial entsprechend zu verbinden. The Adam Project lässt den sympathischen Schönling nur zögerlich von der Leine. Der tut das, was er ohnehin schon immer tut, nur sentimentaler. Dieser Methode bemächtigt sich der ganze Film – er tut, was er angesichts seiner Versatzstücke tun muss: Ein routiniertes, womöglich teures Abenteuer mit Publikumslieblingen zu sein, die alle schon mal Erfahrungen im Superhelden-Genre gesammelt haben und somit wissen, was ihre Aufgaben sind. Was Neues fügt Levy dem Thema aber nicht hinzu. Natürlich, es ist ganz nett, Reynolds und seinem jungen Co-Star dabei zuzusehen, wie sie den Fieslingen von der Schippe springen und dabei ihren alten Vater finden wollen, der 2018 noch gelebt hat. Da gesellt sich auch noch Mark Ruffalo hinzu – und auch er schöpft aus dem Charakter, den er als Bruce Banner gut gelernt hat. Weiteres Engagement gilt als vermisst – somit bleiben fast alle Rollen schemenhaft und blass. Bob Gale und Robert Zemeckis hätten wohl den Rat geben können, bei Zeitreisen stets Wert auf das Besondere eines Charakters zu legen.

Doch lieber scheint es Levy, der mit so einem knackigen Drehbuch wie in Free Guy wohl sowieso nicht mehr rechnet, sich und die Crew nicht überanstrengen zu wollen. Der Unterhaltungswert ist da, der Rest ist 08/15. Will heißen: Gesehen und – wie so manches aus der Vergangenheit – bald vergessen.

The Adam Project

Belfast

KINDHEIT HINTER BARRIKADEN

7/10


belfast© 2021 Focus Features, LLC.


LAND / JAHR: GROSSBRITANNIEN 2021

BUCH / REGIE: KENNETH BRANAGH

CAST: JUDE HILL, CAITRIONA BALFE, JAMIE DORNAN, JUDI DENCH, CIARÁN HINDS, COLIN MORGAN, LARA MCDONNELL, GERARD HORAN U. A. 

LÄNGE: 1 STD 39 MIN


Harry Potter-Fans wird er als egomanischer Zauberer Gilderoy Lockhart ewig in Erinnerung bleiben – alle anderen schätzen womöglich sein Faible für Shakespeare und Agatha Christie. Die Rede ist von Kenneth Branagh, dem man wirklich nicht vorwerfen kann, arbeitsscheu zu sein. Im Gegenteil: der gebürtige Nordire hat den Lockdown des Jahres 2020 dafür genutzt, in seiner eigenen Vergangenheit zu kramen. Entstanden ist Belfast – eine sehr persönliche, ins Detail gehende Arbeit, die vom wohl prägnantesten Wendepunkt in Branaghs Leben erzählt. Sein Alter Ego ist der neunjährige Knabe Buddy, der im Sommer des Jahres 1969 mitten hinein in die katholisch-protestantischen Unruhen gerät. Für ihn ist der wütende Mob, der Fenster einschlägt, Leute verprügelt oder Autos ausbrennen lässt, etwas Unbegreifliches. Die Welt, in der Buddy sich bislang befunden hat, ist eine unbekümmerte, lausbübische. Da wird mit Holzschwert und Mülleimerdeckel Ritter und Drache gespielt. Da ist der Sommer in kurzen Hosen auch einer, der die erste Romanze bringt – jedoch keine so grundlose Gewalt wie diese. Als Folge dieser Unruhen wird die Wohnstraße Buddys verbarrikadiert – mit Bodenplatten, Autos und Stacheldraht. Ein besonderer Sommer. Ein besonderes, wenn auch nicht zwingend gutes Jahr – aber das letzte in Belfast, in vertrautem Zuhause, inmitten von Cousins, Cousinen, Freunden – und den geliebten Großeltern.

Diese sind mit Judi Dench und Ciarán Kinds als entspanntes, weises und in den heiligen vier Wänden omnipräsentes Paar ein Zufluchtsort für alle Unsicherheiten dieser Welt. Abrahams Schoß sozusagen, eine Konstante in einer Zeit voller Veränderungen. Mit viel Liebe werden diese skizziert, und man spürt Branaghs melancholisches Zurückerinnern an den wertvollsten, inneren Kern seiner Familie. Alles andere ist stets in Bewegung – und in diesem Abenteuer einer Kindheit hinter Barrikaden klappert der kleine Buddy (famos und freudvoll verkörpert von Newcomer Jude Hill) eine Vielzahl an Orten, Individuen und Persönlichkeiten ab, als würde er bereits ahnen, dass die Heimat Belfast bald Geschichte sein wird. Was Branagh wirklich gut gelingt, sind die kurzen, aber intensiven Blicke auf all diese Gesichter, Details und Szenen, in Schwarzweiß und im Stile kunstvoller Wochenblatt-Reportagen noch mehr Symbole des Vergangenen, aber nicht Verdrängten. Belfast begibt sich auf Augenhöhe zu seinem kleinen Helden, dadurch sind all diese Momente, die anderswo vielleicht nur oberflächlich abgehakt wären, von einer kindlichen Neugier beseelt, die manchmal in Furcht, Verwirrung oder Triumph umschlägt. Dazu gehören ebenso das Kino und Fernsehen der Sechziger – und ganz wichtig – die erhabene, aber schwer einschätzbare Figur von Buddys Mutter. Die irische Schauspielerin Caitriona Balfe ist dabei die absolute Sensation des Films. Branagh weiß, was er von ihr verlangen kann, und setzt auch ganz auf ihre Ausstrahlung. Zwischen Muttersorgen und Feierlaune ist Balfe ein faszinierendes Charakterbild gelungen.

Kindheitserinnerungen im Kino gibt es so manche. Hope and Glory von John Boorman zum Beispiel. Der Junge muss an die frische Luft über Hape Kerkelings frühem Sinn für Spaßmacherei im Schatten einer depressiven Mutter. Das ist Wehmut, sind ins Gedächtnis eingebrannte Momente, sind verklärte und subjektiv gefärbte Vergangenheiten. Filme dieser Art erzählen weniger komplexe Geschichten, sondern  fischen vielmehr in assoziativen Erinnerungen, die lose einer Entwicklung folgen. Und so ist auch Belfast keine epische, wuchtige Geschichte, sondern ein tragikomisches Abenteuer zwischen blutigem Ernst und dem elektrisierenden Gefühlschaos eines aufgeweckten Kindes.

Belfast