Boston

STADT IN ANGST

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Ich weiß zwar nicht warum, aber der Terroranschlag in Boston im Rahmen des alljährlichen Marathonlaufs zum Patriots Day ( so der Filmtitel im Original) ist bis auf die inhaltliche Gewichtigkeit einer Schlagzeile von mir nicht deutlicher und intensiver wahrgenommen worden als es das vielleicht hätte tun sollen. Dagegen hat sich der Anschlag in Paris erschütternd intensiv in meinem Gedächtnis niedergelassen. Ebenso die Geschehnisse letzten Advent in Berlin. Der Anschlag in Boston hingegen verschwimmt wie hinter dem Nebel einer Berichterstattung, die mich nicht erreicht zu haben scheint. Umso bizarrer und unglaublicher wiederum ist aber die Art und Weise, wie sowohl die Stadtregierung als auch die Polizei und das FBI jene verwirrten Idealisten unters Visier genommen haben, die durch ihre Aktion am 15. April 2013 3 Menschen in den Tod geschickt und unzählige weitere Personen für den Rest ihres Lebens verstümmelt haben.

Für Peter Berg, Regie-Spezialist für True Stories und penibler Chronist tatsächlicher Ereignisse, die das Leben schrieb ( Lone Survivor, Deepwater Horizon), dürften sich die publizierten Bilder des Schlachtfeldes von Boston ebenso ins Gedächtnis gebrannt haben wie uns allen seinerzeit jene der einstürzenden Twin Towers in New York. Und wahrscheinlich noch erschütternder als das Blutbad war für Berg die Tatsache, dass viele der unschuldig zum Handkuss gekommenen Bostoner Bürger nach dem 15. April nicht mehr laufen konnten. Eine bittere, und verstörende Ironie am Tag des Marathons. Nicht minder verstörend die Leiche eines 8-jährigen Jungen, die, verhüllt und bewacht von einem einsamen Polizisten, fast 12 Stunden lang zwecks Spurensicherung am Tatort liegenbleiben hat müssen.

Boston, die explizite Chronik eines Attentats und seiner Folgen, ist in erster Linie und mit aufrichtiger Anteilnahme den Opfern des Unglückstages gewidmet. Und setzt darüber hinaus einen stringenten, unerhört spannenden und packenden Tatsachenthriller in Gang, der so unglaublich erscheint, als wäre er als Drehbuch für einen urbanen Actioner frei erfunden. Tatsächlich übertrumpft hier die Realität die Fiktion, und der nächtliche Kleinkrieg in der Einfamilienperipherie von Boston zählt zu den furiosesten und bittersten Actionszenen der letzten Zeit. In all dem bedrohlichen Szenario sehen wir Mark Wahlberg in der Rolle als Detektive der Polizei von Boston, der, wie alle anderen Schauspieler auch, einer realen, an den Geschehnissen beteiligten Person nachempfunden ist, in seinem Können aber auf routiniertem Level vor sich hin verzweifelt. Umso lieber begrüßt man nach langer Abstinenz wiedermal den eher im sinisteren Rollenspektrum beheimateten Kevin Bacon als FBI-Ermittlungsleiter, der diesmal auf der Seite der Guten agiert.

Natürlich, Boston ist zwangsläufig kein kreativer Wurf im Genre des Spannungskinos – aber eine großartig inszenierte und fesselnde Spieldoku, die der Bostoner Polizei und den Opfern ein Denkmal setzt, wie es würdiger wohl kaum gelingen könnte. Dazu tragen natürlich auch die im Abspann zu Wort kommenden Zeitzeugen bei, welche die schwarzen Tage des Ausnahmezustandes in Boston noch greifbarer werden lassen. Ähnlich akribisch hat zuletzt Clint Eastwood sein filmisches Denkmal Sully inszeniert. Nah an den Tatsachen, die echten Helden bis zur Perfektion imitierend, und in seinen Details erhellend. Gelungenes und intensives Gegenwartskino aus dem Zeitalter des Terrors.

Boston

Eye in the Sky

FEIGHEIT VOR DEM FEIND

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eyesky

Ich sehe es noch immer ganz deutlich vor mir. Das kleine Mädchen in der roten Jacke. Wer kann sich noch erinnern? Dieses kleine, jüdische Mädchen war das einzige farbige Element in Steven Spielbergs für mich unumstrittenem Meisterwerk Schindlers Liste aus dem Jahr 1993. Warum aber gerade dieses Mädchen? Spielberg wollte hier das Leid und das Schicksal des Einzelnen, des Individuums, ganz klar verdeutlichen. Nicht die Massenvernichtung, nicht das Schicksal aller europäischen Juden macht den Krieg und den Genozid erst so schrecklich – es beginnt bereits bei jeder einzelnen, noch so kleinen Tragödie. Bei jedem einzelnen gestohlenen Leben. So irrt dieses rote Mädchen immer wieder durchs Bild. Ziellos, hoffnungslos. Es reicht schon ein einzelner Mensch, der aufgrund menschenverachtender Ideen anderer sein Leben nicht mehr leben darf.

Diese Symbolik finden wir auch in dem Antikriegs- oder Terrordrama Eye in the Sky, für mich eine der größten Überraschungen in diesem Filmjahr 2016. Überraschend auch deswegen, da dieser Film hierzulande – eigentlich unverständlicherweise – nicht ins Kino kam. Dabei ist er bis in die Nebenrollen mit Helen Mirren, Aaron Paul und Alan Rickman, noch dazu in seinem letzten Auftritt, erlesen besetzt und entpuppt sich als enorm spannendes, gesellschafts- und politkritisches Kammerspiel, das mühelos das Niveau dichter Konfliktdramen wie Eine Frage der Ehre oder Die 12 Geschworenen erreicht. Jene Leser, die mit verfilmten Bühnenstücken wie diesen nichts anfangen können, sollten aber bitte nicht zurückschrecken. Man könnte Eye in the Sky zwar mühelos für das Theater adaptieren – da der Film aber zwischen CIA-Zentrale und einer ostafrikanischen Stadt, in welcher der Feind lauert, hin und herwechselt, bleibt ein potenzieller Ermüdungseffekt, der mit reinen Schauspieldramen manchmal einhergeht, komplett aus. Dieser Film geht sehr wohl auch an die Nieren.

Im Zentrum steht das Schicksal eines unschuldigen muslimischen Mädchens in rotem Tschador, das allmorgendlich am Straßenrand Brot verläuft und sich zufälligerweise im Wirkungsradius einer von der CIA abzuschießenden Drohnenbombe befindet. Doch wie dieses Mädchen warnen, ohne das es die Terroristen spitzkriegen? Wie den Vergeltungsschlag ausführen, ohne menschliche Kolateralschäden in Kauf nehmen zu müssen? Diese entscheidende Frage nach dem Recht oder Unrecht, das Mädchen opfern zu müssen zum Wohle einer befriedeten Menschheit, hängt wie das Damoklesschwert kritisch und bedrohlich über jene, die diese Entscheidung fällen müssen. Und dann gibt es noch diese, die den Drohnenabschuss ausführen. Welche Rolle spielen sie bei der Sache? Gavin Hood´s Film bezieht anfangs keine Stellung. Das muss er auch nicht. Die agierenden Personen lenken die Story von selbst. Und müssen sich schnell entscheiden, denn das zu nutzende Zeitfenster ist klein. Genau dieses Dilemma macht das Terrordrama so spannend. Und so emotional. Letztendlich wird klar, dass ein Krieg niemals unschuldig ist. Und sei er auch noch so technologisiert. Oder noch so perfektioniert. Doch wer maßt es sich an, überhaupt das Wohl der Menschheit übernehmen zu müssen? Oder über das Leben eines anderen zu entscheiden?

Eye in the Sky setzt die Menschenrechte hinter einem Mantel scheinbarer Effizienz ziemlich außer Kraft – und verblüfft in seiner Dichte, Ernsthaftigkeit und Klugheit. So klar und schnörkellos hat schon lange kein Politthriller mehr ein grundlegendes Problem der Neuzeit auf den Tisch gebracht. Eye in the Sky steht fast für Eye for an Eye – den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben ist eine gewichtige Frage der Verantwortung, der Perspektive und der technologischen Macht. Ein ganz großer Geheimtipp, der auf brisante, packende Weise zur Diskussion einlädt.

 

Eye in the Sky