Spenser Confidential

WENN MACHENSCHAFTEN ZU SCHAFFEN MACHEN

6/10


spenserconfidential© 2020 Netflix


LAND: USA 2020

REGIE: PETER BERG

CAST: MARK WAHLBERG, WINSTON DUKE, ALAN ARKIN, BOKEEM WOODBINE, ILIZA SHLESINGER, MICHAEL GASTON, MARC MARON, POST MALONE U. A.

LÄNGE: 1 STD 50 MIN


Mark Wahlberg hat seinen Arbeitsrhythmus gefunden. Und auch seinen Meister. Der heißt nämlich Peter Berg. Kaum mehr ein Film von ihm ohne seinen Star. Womöglich ist die gemeinsame Arbeit ein Musterbeispiel an Geschmeidigkeit. Berg braucht gar nicht mal groß zu erwähnen, wie Wahlberg seine Figuren anlegen soll. Vermutlich läuft das Ganze auf paraverbaler Ebene ab. Die Kombination hat sich bewährt – und scheint immer und immer wieder zu funktionieren. Der True-Story-Thriller Boston zum Beispiel war ausgezeichnete Arbeit, Lone Survivor ebenso. Spenser Confidential, produziert von Netflix, beweist ebenfalls gutes Handwerk, wenngleich sich mittlerweile auch eine gewisse Routine eingeschlichen hat. Aber, nichtsdestotrotz: Schuster, bleib bei deinen Leisten. Und wo Berg draufsteht, ist Wahlberg drin.

Der ist übrigens zu Beginn des Films tatsächlich wo drin – und zwar im Knast. 5 Jahre absitzen aufgrund von Körperverletzung gegen einen Vorgesetzten. Der natürlich, wie wir schon ahnen, den Tango Korrupti getanzt hat. Wahlberg aber – von vorne bis hinten ein so wehrhafter wie fairer Mann, nimmt die Strafe an. Um nach diesen fünf Jahren, vom Dienst entlassen, wieder in diesen Sumpf aus Mord und Machenschaften hineingezogen zu werden. Allein: er kann nicht anders, als der Sache mit dem Mord an denjenigen, den er damals vermöbelt hatte, nachzugehen. Und er fischt in sehr trüben Gewässern, ihm zur Seite ein Hüne von einem Boxer (Winston Duke), der zwar nicht so viel redet, dafür aber zum treuen Begleiter wird.

Man darf sich nicht täuschen lassen: Spenser Confidential ist kein Buddy-Movie im klassischen Hollywood-Sinn. Kein ungleiches Duo, dass sich zusammenraufen muss und von einer Stunt-Nummer zur nächsten schlittert. Spenser Confidential beruht auf dem Roman Wonderland und lässt die Figur des Spenser, die Autor Robert B. Parker im Stile der Hardboiled-Krimis erfunden hat, für Unruhe bei den Bösen sorgen. Das allerdings als jemand, der zu viele Fragen stellt. Entsprechend investigativ ist auch dieser Krimi, der mit einzelnen faustverwöhnenden Fights für erfrischende Intermezzi sorgt und eine schnüffelnasige Story bietet, der man gut folgen kann. Seltsamerweise aber fehlt dem Streifen, trotzdem er vieles richtig macht, irgendwie das gewisse Etwas. Vielleicht sind all die Antagonisten wieder mal viel zu eindimensional gezeichnet, vielleicht ist es auch der bis zum Ende sichtbare, klare rote Faden, vielleicht auch diese Unfehlbarkeit von Mark Wahlberg, der als selbsternannter Detektiv des Lichts Licht in Sachen bringt, die ihn nichts angehen. Doch wer würde das sonst tun, wenn nicht er, der hartgesottene Amateurermittler. Am Ende lässt Spenser Confidential die Möglichkeit offen, es zukünftig vielleicht mit einem kleinen Franchise zu tun zu bekommen. Das wäre durchaus in Ordnung – aber auch nicht mehr. 

Spenser Confidential

Mile 22

DER FEIND MEINES FEINDES

4/10

 

mile22© 2018 Universum

 

LAND: USA 2018

REGIE: PETER BERG

CAST: MARK WAHLBERG, IKO UWAIS, LAUREN COHAN, RONDA ROUSEY, JOHN MALKOVICH U. A.

 

Der Feind meines Feindes – der ist doch bekanntlich mein Freund, oder nicht? Muss nicht sein, schon gar nicht wenn keiner dem anderen trauen kann. Aber was tun, wenn dieser Freundesfeind alles hat was du brauchst. Nämlich den Zugangscode für eine Festplatte, die brisante Details über illegal gelagertes Cäsium bewahrt und diese Info so lange nicht rausrücken will, bis besagter Überläufer in wohligem Gewahrsam der USA weilt. Das Problem bei der Sache – wir befinden uns in Mile 22 in einem Konsulat inmitten einer fiktiven südostasiatischen Stadt namens Indocarr – bitte keine Vergleiche mit realen Ballungsräumen ziehen, wobei sich Jakarta oder Kuala Lumpur als Vorbilder geradezu aufdrängen. Dieses Indocarr ist politisch betrachtet ziemlich korrupt und hinterfotzig, und diese Hinterfotzigkeit ruft natürlich paramilitärische Gruppen auf den Plan, wie jene, die von Choleriker Mark Wahlberg angeführt wird. Der Lieblingsschauspieler von Peter Berg, welcher hier auch wieder Regie führt, kennt sich ja schon seit The Departed mit Ungustln aus, und auch die Rolle des soziophoben Querkopfs, der auf dem Papier zu den „Guten“ gehört, fällt ihm sichtlich leicht. Der, mit dem er es aber zu tun bekommt, entlockt zumindest bei hartgesottenen Fans des asiatischen Actionkinos ein Jauchzen des Wiedererkennens: Bereits schon legendär als Polizist Rama in den beiden blutigen Actionslashern The Raid und The Raid 2, darf Choreograph Iko Uwais zumindest mal anfangs so tun, als brauche er ganz dringend politisches Asyl. Auf ihn aber haben es alle Bluthunde der Welt scheinbar abgesehen, darunter auch die Russen. Außer Landes bekommt man den ausgebildeten Selbstverteidiger aber nur mit dem Flieger – und dieser liegt besagte 22 Meilen vom Konsulat entfernt.

Der Survival-Trip durch den Großstadtsdschungel ist also Kernstück dieses filmischen Kugelhagels, in dem Menschen sterben wie die Fliegen. Dabei scheint es aber aus meiner Sicht mit der Grundidee für Action wie diese gehörig zu hapern. Wir haben die Botschaft der Vereinigten Staaten auf der einen Seite, und den Flugplatz mit einem Flugzeug, das maximal zehn Minuten auf dem Boden bleiben kann, auf der anderen – das Zeitfenster ist also eng. Dass es wirklich keine andere Möglichkeit gibt als nur mit dem Auto von A nach B zu kommen, kann mir keiner weismachen. Dieses wie so oft betonte Sonderkommando, dessen Profis angeblich wie Geister fungieren, lässt das Parapsychologische aber ziemlich außen vor. Bei so viel Getöse, mit dem diese Superkämpfer, mehr Pfuscher als Professionisten, hier aufmarschieren, weiß die ganze Hemisphäre, dass hier heisse Fracht unterwegs ist. Ein Helikopter wäre ein Stichwort, dass man ins Brainstorming hätte werfen können. Innerhalb von wenigen Minuten wäre der Most Wanted Man in Sicherheit. Taktisch klug wäre auch die Alternative, falsche Fährten zu legen. Und warum wartet Oberboss Malkovich (ähnlich blass, nichtssagend und verheizt wie Gary Oldman in Hunter Killer) ewig auf die Freigabe für den Einsatz der Drohne, die das ganze Unterfangen wie Big Brother aus der Luft beobachtet und jederzeit eingreifen könnte? Der Plot stimmt also hinten und vorne nicht. Möglich aber, sich damit anzufreunden – aber auch dann bleibt ausser viel Getöse nicht viel übrig.

Gut vorstellbar, dass sich Peter Berg mit Raid-Macher Gareth Evans auf einen Kaffee getroffen hat. Der hat ihm dann Iko Uwais empfohlen, damit dieser einen Film produzieren kann, der ungefähr so aussieht wie seine eigene martialische Hochhaus-Invasion aus dem Jahr 2011. Und das tut Mile 22 dann auch. Nämlich ganz so danach auszusehen. Mit der Eleganz eines Ego-Shooters massakriert sich das kugelsichere Häufchen Elend durch eine niemals enden wollende Horde fieser Handlanger, die endlos Munition verballern. Mit dabei eine fahrige Kamera, die von der durchdachten Choreographie des Tötens nicht viel mehr übrig lässt als hektisches Bildwedeln. Dazwischen ein Mark Wahlberg im Verhör, der sich unendlich weise vorkommt, eigentlich aber nur Phasen drischt, die von arrogantem Alpha-Gehabe dominiert wird. Mile 22 ist mehr eine Trittbrett-Hommage an das moderne Asia-Action-Kino als eigenständiges Spannungsvehikel. Was Peter Berg mit Boston so souverän getimt hat, verliert sich hier in zeitvergeudender Hudelei. Selber schuld, wenn all die starken Krieger und Kriegerinnen letztendlich zu spät kommen.

Mile 22

Alles Geld der Welt

TICKEN WIE ONKEL DAGOBERT

3/10

 

allesgeld© 2017 Tobis

 

LAND: USA 2017

REGIE: RIDLEY SCOTT

MIT MICHELLE WILLIAMS, ROMAIN DURIS, MARK WAHLBERG, CHRISTOPHER PLUMMER, CHARLIE PLUMMER U. A.

 

Jeder kennt ihn, den alten Erpel mit dem Backenbart, der runden Brille und seidenmatt glänzendem Zylinder. Der rote Rock, die Gier nach Geld, der Reichtum, den der wohl beneidenswerteste aller Onkeln angehäuft hat. Niemand neidet ihm das mehr als der Neffe Donald, der nichts auf die Reihe bekommt und stets Opfer seiner Wut auf das System wird. Zeitlose Comics, immer gerne gelesen. Dass diese Figur des Dagobert aber tatsächlich eine Inkarnation in unserer realen Welt aufweisen kann, erfährt man, wenn man die Person des Jean Paul Getty kennen lernt. Niemand anderer dürfte jemals so sehr so gewesen sein wie Onkel Dagobert höchstpersönlich. Geldgierig, geizig bis zur kompromisslosen Ignoranz. Überheblich, egozentrisch – ein Halbgott auf des Menschen Erde. Der sich mit Geld alles kaufen kann. Der die Welt kaufen kann. Der aber seinen Enkel nicht rettet, auch wenn ihm das nur ein finanzielles Fingerschnippen kosten würde. Jean Paul Getty, der Öltycoon und Antiquitätensammler, der sich aus lauter Geiz selber die Wäsche wäscht und jeden Cent umdreht, aber auf Milliarden sitzt, würde den Verlust des Lösegeldes, das für die Freilassung von John Paul Getty III. verlangt worden wäre, gar nicht merken. Doch er tut nichts. Will keinen Präzedenzfall schaffen. Da könnte ja jeder kommen, sagt er. Leute mit Namen Getty entführen und abkassieren. Die paar Bauern, die für die kalabrische Mafia Ndrangheta arbeiten, wundern sich erstmal nur, wieso der Teenager nicht längst schon wieder auf freien Füßen ist. Das Geld kommt nicht. Mutter Gail tut sich mit der rechten Hand ihres Schwiegervaters zusammen, einem Ex-CIA-Agenten und Vermittler in Wirtschaftsfällen, um das Versteck der Kidnapper ausfindig zu machen. Währenddessen erleidet dieser von seinen Eltern und von Gott verlassene Jungspund die Qualen der Isolation, der Gefangenschaft und den blutigen Verlust seines rechten Ohres.

Allerdings – Qualen erleidet nicht nur Charlie Plummer, der den engelsköpfigen, vor Angst gebeutelten Jungen spielt. Ein bisschen davon erleidet auch das Publikum. Aber nicht, weil die nach wahren Begebenheiten erzählte True Story so sehr erschüttern würde. Das würde sie, zweifelsohne. Und sie würde auch fesseln. Und man würde mitleiden. Wenn Alles Geld der Welt in vielen Punkten anders gemacht worden wäre. Ridley Scott ist zweifelsohne einer der großen Altmeister des Hollywood-Kinos, der in vielen Genres zuhause ist, dessen Steckenpferd historische Themen und Science-Fiction ist. Alles keine Frage – Ridley Scott ist ein Könner. Aber auch ein Workaholic, der, je älter er wird, seine Filme so schnell wie möglich erledigt wissen will, um gleich wieder neue Filme zu drehen. Ein Wettlauf gegen die Lebenszeit. Nun, Ridley Scott zählt schon mehr als 80 Lenze, das ist schon noch ein bisschen Luft nach oben. Das hat sich Franz Antel mit 80 auch noch gedacht, bevor er dann mit weit über neunzig in den Olymp der österreichischen Filmemacher eingehen konnte. Doch je verbissener an den Filmen gearbeitet wird, desto unvollkommener werden sie. Bei diesem Tatsachendrama hat Ridley Scott sehr viel verschenkt. Oder sich selbst zu leicht zufrieden gestellt.

Das Problem bei Alles Geld der Welt ist nicht, dass Scott in letzter Sekunde rund die Hälfte seines Filmes neu nachdrehen wollte, um Persona non grata Kevin Spacey zu tilgen. Diese Entscheidung hätte zwar leicht die Kontinuität des Filmes durcheinander gebracht, hat diesen aber letzten Endes die besten Szenen eingetragen. Das Problem ist: Alles Geld der Welt hat keinen eigenen Rhythmus. Das Krimidrama ist eine atonale Komposition, misstönend und zusammengeschludert. Stilistisch verworren und scheinbar willkürlich wechselnd. Der Cast ist nicht bei der Sache, das Spiel von Michelle Williams wirkt aufgesetzt und die Emotionen einer sorgenvollen Mutter nicht empfunden. Wahlberg spielt wiedermal nur sich selbst, und der Rest der Besetzung will auch nicht so recht. Einzig Christopher Plummer, dessen Zweitbesetzung ich im Vorfeld mit Vorbehalt betrachtet hatte, führt meine Zweifel ad absurdum und ist mit Abstand der einzige in diesem ganzen Entführungs- und Filmdilemma, der wirklich so spielt, als wäre er steinreich, allwissend und gottgleich wie ein römischer Kaiser. Anspielungen für dieses Gleichnis zeigt Ridley Scott so einige. Plummer´s wohl beeindruckendste Rolle ist zu recht für den Oscar nominiert. Spacey hinter seiner Latexmaske hätte wohl gegen das Spektrum unverhüllter, echter Mimik nur alt ausgesehen, ohne alt zu sein. Warum Scott nicht gleich Plummer verpflichtet hat, und stattdessen mit einem TV-Star (House of Cards), der überhaupt nicht in das Rollenprofil passt, arbeiten wollte, damit der mehr Zuseher ins Kino lockt, fußt natürlich auf reinem Profitdenken. Den Anforderungen des Films treu und authentisch zu bleiben, wäre klüger gewesen.

Alles Geld der Welt ist so unrund wie eine wahllos zusammengefügte Themenanthologie und so zähflüssig wie knochentrockenes DDR-Kino aus den Siebzigern. Man sieht, vieles wurde zu unterschiedlichen Zeiten gedreht. Was ja auch der Fall gewesen ist. Aber wie schon erwähnt, kann Christopher Plummer am Wenigsten dafür – es ist Scott als Arbeitstier, der mit seinem Drang zu drehen den Film mit Füßen tritt. Natürlich ist noch kein Meister vom Himmel gefallen – aber Meister, die von sich selbst wissen, dass sie es sind, fallen dann, wenn sie ihr Ego am Unverwundbarsten wissen. Wie Jean Paul Getty, der Onkel Dagobert unserer Welt.

Alles Geld der Welt

Boston

STADT IN ANGST

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boston

Ich weiß zwar nicht warum, aber der Terroranschlag in Boston im Rahmen des alljährlichen Marathonlaufs zum Patriots Day ( so der Filmtitel im Original) ist bis auf die inhaltliche Gewichtigkeit einer Schlagzeile von mir nicht deutlicher und intensiver wahrgenommen worden als es das vielleicht hätte tun sollen. Dagegen hat sich der Anschlag in Paris erschütternd intensiv in meinem Gedächtnis niedergelassen. Ebenso die Geschehnisse letzten Advent in Berlin. Der Anschlag in Boston hingegen verschwimmt wie hinter dem Nebel einer Berichterstattung, die mich nicht erreicht zu haben scheint. Umso bizarrer und unglaublicher wiederum ist aber die Art und Weise, wie sowohl die Stadtregierung als auch die Polizei und das FBI jene verwirrten Idealisten unters Visier genommen haben, die durch ihre Aktion am 15. April 2013 3 Menschen in den Tod geschickt und unzählige weitere Personen für den Rest ihres Lebens verstümmelt haben.

Für Peter Berg, Regie-Spezialist für True Stories und penibler Chronist tatsächlicher Ereignisse, die das Leben schrieb ( Lone Survivor, Deepwater Horizon), dürften sich die publizierten Bilder des Schlachtfeldes von Boston ebenso ins Gedächtnis gebrannt haben wie uns allen seinerzeit jene der einstürzenden Twin Towers in New York. Und wahrscheinlich noch erschütternder als das Blutbad war für Berg die Tatsache, dass viele der unschuldig zum Handkuss gekommenen Bostoner Bürger nach dem 15. April nicht mehr laufen konnten. Eine bittere, und verstörende Ironie am Tag des Marathons. Nicht minder verstörend die Leiche eines 8-jährigen Jungen, die, verhüllt und bewacht von einem einsamen Polizisten, fast 12 Stunden lang zwecks Spurensicherung am Tatort liegenbleiben hat müssen.

Boston, die explizite Chronik eines Attentats und seiner Folgen, ist in erster Linie und mit aufrichtiger Anteilnahme den Opfern des Unglückstages gewidmet. Und setzt darüber hinaus einen stringenten, unerhört spannenden und packenden Tatsachenthriller in Gang, der so unglaublich erscheint, als wäre er als Drehbuch für einen urbanen Actioner frei erfunden. Tatsächlich übertrumpft hier die Realität die Fiktion, und der nächtliche Kleinkrieg in der Einfamilienperipherie von Boston zählt zu den furiosesten und bittersten Actionszenen der letzten Zeit. In all dem bedrohlichen Szenario sehen wir Mark Wahlberg in der Rolle als Detektive der Polizei von Boston, der, wie alle anderen Schauspieler auch, einer realen, an den Geschehnissen beteiligten Person nachempfunden ist, in seinem Können aber auf routiniertem Level vor sich hin verzweifelt. Umso lieber begrüßt man nach langer Abstinenz wiedermal den eher im sinisteren Rollenspektrum beheimateten Kevin Bacon als FBI-Ermittlungsleiter, der diesmal auf der Seite der Guten agiert.

Natürlich, Boston ist zwangsläufig kein kreativer Wurf im Genre des Spannungskinos – aber eine großartig inszenierte und fesselnde Spieldoku, die der Bostoner Polizei und den Opfern ein Denkmal setzt, wie es würdiger wohl kaum gelingen könnte. Dazu tragen natürlich auch die im Abspann zu Wort kommenden Zeitzeugen bei, welche die schwarzen Tage des Ausnahmezustandes in Boston noch greifbarer werden lassen. Ähnlich akribisch hat zuletzt Clint Eastwood sein filmisches Denkmal Sully inszeniert. Nah an den Tatsachen, die echten Helden bis zur Perfektion imitierend, und in seinen Details erhellend. Gelungenes und intensives Gegenwartskino aus dem Zeitalter des Terrors.

Boston

The Gambler

FREUDE AM PRIVAT-KONKURS

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gambler

All jene, die Mark Wahlberg unlängst in dem Ölkatastrophenthriller Deepwater Horizon bewundern durften, werden bei Betrachten des Zockerdramas The Gambler verwirrt mit den Augen blinzeln. Denn der ehemalige Bodybuilder und derzeitiges Transformers-Herrchen wirkt in diesem hierzulande nur im Retail-Bereich erschienen Film dermaßen verjüngt, dass man das Gefühl hat, hier einem zeitlichen Betrug aufzusitzen. Doch keine Sorge, der Betrug findet maximal nur am Black Jack-Tisch statt. Das sieht man auch am in die Jahre gekommenen John Goodman, der als glatzköpfiger Unterweltler keinerlei Kuschelfaktor mehr aufzuweisen hat. Im Gegenteil – die wuchtige Statur in ein Feinripp zu zwängen birgt enormen Mut zur Hässlichkeit. Bei Mark Wahlberg hingegen liegt seine Verjüngung in der Wahl des Haarschnittes. Man sieht, nicht nur Kleider machen Leute.

Jedenfalls lässt der Schauspieler – ihm zur Seite Oscargewinnerin Brie Larson (Oscar für Room) und eine aufgrund diverser Botox-Behandlungen bis zur Unkenntlichkeit mutierte Jessica Lange – als krankhafter Glücksspieler das eigene reizlose Leben an sich vorbeiziehen. Im Grunde ist der melancholische, hausbackene Schuldenkrimi die sehr persönliche Sinnsuche eines Mannes, der alles haben kann und nichts will. Der sich nur dann spürt, wenn er Geld verspielt, das ihm nicht gehört. Und sich seinen Gläubigern ausliefern kann. Das mag interessieren, muss es aber auch nicht. Überhaupt legt die Figur, welche Wahlberg verkörpert, eine Arroganz an den Tag, der man sich auch nicht unbedingt auszusetzen wünscht. Daher folgt man der sanften Spirale abwärts, die dieser eher gediegen-ruhige, kleine Film vollführt, mit einer gewissen Teilnahmslosigkeit. Da hatte Arronofsky´s The Wrestler, Spike Lees kraftvolle Verliererballade 25 Stunden oder Inside Llewyn Davis von den Coen-Brüdern, allesamt sehr persönliche, intensive Portraits gesellschaftlicher Outlaws, mehr Reibungsflächen, mehr Ecken und Kanten. Und mehr Ironie. Zumindest Inside Llewyn Davis.

The Gambler – ein Remake des Filmes Spieler ohne Skrupel aus dem Jahr 1974 – spart sich das und schildert die Chronik der inneren Verwahrlosung eher halbherzig. So, als würde Regisseur Rupert Wyatt seine eigene Figur nicht wirklich zu seinen Freunden zählen. Das spürt auch der Zuseher, der ein packendes Zockerdrama erwartet, oder zumindest das Psychogramm eines Spielsüchtigen. Ansatzweise ist es das. Meist aber bleibt der Film zwischen Drama und Kriminalgeschichte stecken, ohne sich entschieden zu haben, was er sein will. Im Grunde müsste er das nicht – zwischen den Themen hin und herzupendeln gelingt aber nur, wenn man seine Figur genug charakterisiert, um sie greifbar zu machen. Das ist bei The Gambler nicht gelungen. Der Film wartet zwar mit einer illustren Besetzungsliste auf, enttäuscht aber aufgrund seiner deprimierenden Antriebslosigkeit und der Antipathie, die von Mark Wahlberg ausgeht.

Übrigens – für alle, die ihn nicht erkannt haben: In der ersten Szene ist der 2016 verstorbene Dallas-Veteran George Kennedy in seiner letzten Rolle zu sehen.

 

The Gambler

Deepwater Horizon

MASCHINE BRENNT!

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deepwater

Das wahre Ausmaß der furchterregenden Ölkatastrophe im Golf von Mexiko im April des Jahres 2010 wird vor allem – oder vielleicht nur – durch eine Szene des Filmes deutlich. Wenn ölverschmierte Pelikane die Orientierung verlieren und wie abstürzende Geschosse vom Himmel fallen, lässt sich das apokalyptische Ereignis zumindest symbolisch erahnen. Der Rest des Filmes bleibt der Anfang von etwas, das niemals kommen wird – nämlich die eigentliche Katastrophe, die Mensch, Natur und Wirtschaft gleichermaßen betroffen hat.

Der actionerprobte Regisseur Peter Berg hat seinen momentanen Lieblingsschauspieler Martin Wahlberg ins flammende Inferno geschickt, um den Helden des Alltags zu spielen. Ganz so wie seinerzeit Charlton Heston oder Steve McQueen. Seine mit Sicherheit akribische Nacherzählung der chronologischen Ereignisse an Bord des freischwimmenden Ölbohrturms von Transocean ist ein reiner, schlichter Katastrophenfilm geworden. Aber so rein und schlicht, als wäre es ein Drehbuch aus der guten alten Zeit der Desasterfilme, so um die Mitte der Siebziger, lange bevor Roland Emmerich Lust am Zerstören von Großstädten bekommen hat. Ganz so, wie man es womöglich aus den Lehrbüchern übers Filmemachen gelernt hat, liefert Berg ein handwerklich fehlerfreies Schaustück ab. Doch diese gemeisterte Hausaufgabe ist längst kein ganzer Film. Deepwater Horizon wirkt lediglich wie die Einleitung zu einem emotional wuchtigen, aufklärerischen Drama über die Arroganz und die Gier des Menschen. Es scheint fast so, als hätte Peter Berg das halbe Drehbuch gestrichen, um erstens massentauglicher zu werden und zweitens dem Unmut tatsächlich beteiligt gewesener Konzerne aus dem Wege zu gehen. Dabei hätte genau dieser unbequeme Teil der Geschehnisse für wahrlich fesselnde Höhepunkte gesorgt. In Ansätzen war diese Konfrontation ja tatsächlich angedacht, insbesondere dann, wenn der souveräne, aber sichtlich unterforderte John Malkovich als profitorientierter BP Manager den Arbeitern auf der Bohrinsel die Welt erklärt, um ihnen nachträglich im wahrsten Sinne des Wortes die Hölle heiß zu machen. Aber diese Konflikte sind halbgar, gezähmt, mit Maulkorb. Natürlich will man nicht schwarzweißmalen, dieser allzu offensichtlichen Plakativität geht das Drehbuch zwar nur unwillig, aber doch aus dem Weg. Selbst Konzernmanager sind auch nur Menschen.

Doch worum es wirklich geht – das verpufft oder verbrennt im gefühlt mehrstündigem Auseinanderbrechen der Ölplattform. Rund zwei Drittel des Filmes sind Getöse. Verstrebungen, Rohre, Glas und Splitter aller Art fliegen, brechen und bersten sich durchs Bild. Die Explosionen sind gewaltig. Das Setting des Filmes der wahre Star des Kinoabends. Und die Hitze greift langsam in den Saal über, spätestens dann, nachdem man sich bereits an all dem Material-Blowout sattgesehen hat. Danach ist es vorbei. Wer gerettet ist, ist gerettet. Wer es leider nicht geschafft hat, hat es nicht geschafft. In so geradliniger Erzählweise wurde zuletzt Chris Pine in The Finest Hours übers tosende Meer geschickt. Dabei hat The Finest Hours alles erzählt, was es in dieser ebenfalls auf wahren Begebenheiten beruhenden Geschichte aufzuarbeiten gibt. Im Gegensatz zu Deepwater Horizon. Hier fehlt noch eine Menge. Und selbst das, was verfilmt wurde, ist in die Länge gezogen und hätte getrost um rund die Hälfte der Zeit gekürzt werden können. Dann wäre Platz genug gewesen für jenen Teil des Dramas, das man aus welchen Gründen auch immer außen vorgelassen hat.

Wäre ich Peter Berg gewesen, hätte ich das Fragment von einem Film gar nicht erst angepackt und mir ein Survivalabenteuer gesucht, das meinem vorhergehenden Film Lone Survivor gleichgekommen wäre. So aber hat er sich übernommen. Wobei man seine Ambition, die Opfer der Katastrophe zu ehren und ihrer zu gedenken, natürlich zu schätzen weiß. Das ist zwar schon viel und sehr löblich, aber bei Weitem nicht alles. Wenn nun die Absicht besteht, Deepwater Horizon: Aftermath auf die Leinwand zu bringen, lasse ich den durchaus toll gefilmten Hochseethriller als einen sehenswerten ersten Teil durchgehen. Folgt aber nichts mehr, und waren die ölverschmierten Kamikaze-Pelikane die einzige Anklage nach dem Desaster, ist der Film zwar solide, aber viel zu ausweichend und oberflächlich wie Öl auf Wasser.

 

 

Deepwater Horizon